Paxx Reloaded

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Zu nächtlicher Stund geborgen: Lob der PC

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Gottseidank wieder verfügbar:

„Ein Lob der Political Correctness“

von Christian Hoffmann und Matt Jenny 

Anhänger feiern die PC als Garantie gutmenschlicher Beschaulichkeit im Zusammenleben heterogener Gruppen, Gegner verachten sie als Grundlage einer prä-totalitären Gedankenpolizei 

Die „Political Correctness“, oder auch kurz „PC“, hat sich als ein gern genutztes und vielseitig einsetzbares Schlag- und Schimpfwort im politischen Diskurs erwiesen. So sehr, dass das ihr zugrunde liegende gesellschaftliche Phänomen schon mal gerne aus den Augen verloren wird. Anhänger feiern die PC als Garantie gutmenschlicher Beschaulichkeit im Zusammenleben heterogener Gruppen, Gegner verachten sie als Grundlage einer prä-totalitären Gedankenpolizei. Im Laufe der jüngsten Geschichte hat der Begriff verschiedene Wandlungen erfahren, so nutzte ihn etwa in den 60er Jahren die linke Jugendbewegung, um das konservative Moralverständnis des „Establishments“ zu kritisieren. In den 80er Jahren erlangte die Political Correctness dagegen eine positive Konnotation, als mit ihr eine respektvolle Beschreibung gesellschaftlicher Minderheiten eingefordert wurde. Nur wenig später verlieh die politische Rechte dem Ausdruck jedoch wiederum eine negative Deutung, um mit ihm einen intellektuellen Konformitätsdruck mit einem Hang zur Tabuisierung heikler Themen zu kritisieren. Etwas abstrakter kann unter “Political Correctness” ein gesellschaftlich-kollektiv ausgeübter Druck verstanden werden, gewisse gemeinsame Grundnormen oder -werte nicht durch Taten oder Worte zu verletzen. Auch in diesen Seiten wurde die Political Correctness schon verschiedentlich kritisch angegangen. Grund genug, einmal den Sinn und Unsinn der Political Correctness auch aus libertärer Perspektive zu durchleuchten. 

Das libertäre gesellschaftliche Ideal beruht, wenn man so will, auf einem gewissen Minimalkonsens. In einem Wort wird der Libertarismus gerne mit dem “Nichtaggressionsprinzip” zusammengefasst, oder wie Leonard Read sagte: “Anything that’s peaceful.” Etwas legalistischer könnte man diesen Grundkonsens auch mit der Achtung der Freiheits-/Eigentumsrechte Anderer bezeichnen. 

Gemeinsame Normen hingegen reduzieren diese Kontingenz und eröffnen Handlungsspielräume. 

Die sehr allgemeine Erkenntnis, dass der Nachbar grundsätzlich weder beraubt noch verletzt werden sollte, lässt jedoch sehr viel Spielraum für die praktische Ausgestaltung des interindividuellen, gesellschaftlichen Zusammenlebens. Unzählige Alltagssituationen, gerade auch jenseits rechtlicher Konflikte, können nicht alleine aufgrund des Nichtaggressionsprinzips gemeistert werden – dafür bedarf es etwas ausgefeilterer, detaillierterer Leitlinien. In der Praxis füllen Menschen diesen Spielraum mit gemeinsamen Werten, Normen, mit Moral und Ethik. Solche gemeinsamen Normen erleichtern das Zusammenleben enorm – sie schaffen Erwartungssicherheit und Vertrauen. In der Soziologie spricht man hier von einer prinzipiellen Offenheit der menschlichen Erfahrung, einer Kontingenz, welche vor allem Unsicherheit erzeugt und Ungewissheit. Ein Übermass an Kontingenz – also möglichen Situationen, Handlungen und Reaktionen – führt den Menschen direkt in die Handlungsunfähigkeit. Gemeinsame Normen hingegen reduzieren diese Kontingenz und eröffnen Handlungsspielräume. 

Je grösser nun die Unsicherheit, desto teurer und unwahrscheinlicher wird ein Tausch 

Ähnlich beschreibt dies auch die Ökonomie. Tausch und Handel beruhen bekanntlich auf Verträgen. Solche Verträge sind jedoch stets unvollständig spezifiziert – das heisst, Verträge können nicht jeden denkbaren realweltlichen Spezialfall abdecken. Zu einem grossen, vermutlich überwiegenden Teil beruhen Verträge daher auf Vertrauen, oder auch auf der Erwartungssicherheit, die der “gesunde Menschenverstand” bereitstellt. Dennoch sind Verträge aufgrund ihrer inhärenten Unsicherheit mit Überwachungs- und Kontrollkosten verbunden, welche die Kosten jeder Transaktion erhöhen. Je grösser nun die Unsicherheit, desto teurer und unwahrscheinlicher wird ein Tausch – ein Phänomen, das sich etwa in vielen Drittwelt-Ländern beobachten lässt. Es ist beispielsweise auch bekannt, dass in der Vergangenheit Angehörige derselben Religionsgruppe gerne miteinander handelten, selbst wenn der Tauschpartner nicht persönlich bekannt war, oder etwa von weit entfernt kam. Alleine die soziale Kontrolle der gemeinsamen Religionszugehörigkeit schaffte das für den Vertragsabschluss notwendige Vertrauen. 

Wozu nun dieser theoretische Exkurs? Nun, die Theorie, ebenso wie die praktische Erfahrung lehrt, dass Menschen für ein gedeihliches Zusammenleben, für die Arbeitsteilung und den Tausch (nach Mises die Wurzel der Zivilisation) gemeinsame Werte und Normen benötigen, die eine gewisse Verlässlichkeit besitzen. Nichts anderes bietet jedoch die Political Correctness in der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Sie umschreibt gemeinsame normative Vorstellungen, auf welche sich Individuen im Austausch miteinander weitgehend verlassen können. 

Hingegen kann solchen Normen sehr wohl durch Mittel der gesellschaftlichen Ächtung Anerkennung verschafft werden. 

Wie erhalten solche Normen jedoch ihre Stabilität und Zuverlässigkeit? Wie werden sie durchgesetzt? Erneut kann hier die libertäre Philosophie vor allem den Rahmen abstecken – selbstverständlich ist grundsätzlich das (Selbst)Eigentum des Individuums zu respektieren. Gesellschaftliche Normen, welche darüber hinausgehen, sind also in der Regel nicht mit Zwang oder gar Gewalt durchzusetzen. Es geht somit keineswegs darum, unliebsame Gestalten “physisch zu entfernen”. Hingegen kann solchen Normen sehr wohl durch Mittel der gesellschaftlichen Ächtung Anerkennung verschafft werden. Verhaltensweisen oder Äusserungen, welche also gegen die verbreiteten und anerkannten gemeinsamen Werte und Normen einer Gemeinschaft verstossen, werden in der Regel kritisch beobachtet, privat und dann öffentlich kritisiert und schliesslich sogar auch angeprangert, stigmatisiert. 

Warum aber verstösst eine solche öffentliche Ächtung nicht gegen die Grundwerte einer freiheitlichen Gesellschaft? Nun, auch das umfassendste Eigentumsrecht beinhaltet nun mal kein Recht auf gesellschaftliche Anerkennung. Individuen, welche sich also gegen die Normen, das Empfinden ihrer Mitmenschen stellen, müssen daher in ihren Rechten stets unangetastet bleiben, ihr Recht auf individuelle Selbstverwirklichung bleibt bestehen – möglicherweise jedoch in der gesellschaftlichen Isolation. Rechtslibertäre nennen dies gerne das “Recht auf Diskriminierung”. Auch im privaten Umgang pflegen wir schliesslich erfahrungsgemäss üblicherweise nicht den Umgang mit Personen, welche unser moralisches oder ethisches Empfinden ständig beleidigen. 

Vor diesem Hintergrund stellt sich jedoch offensichtlich die Frage, welche Werte oder Normen es denn wohl sind, die einerseits die notwendige Funktion erfüllen, Vertrauen und Zuverlässigkeit zwischen Menschen zu spenden, Kontingenzen abzubauen und damit letztlich auch Transaktionskosten zu senken, dabei jedoch andererseits nicht das libertäre Rechtsverständnis verletzen, sondern, im Gegenteil, dem Fortbestand einer freiheitlichen Gesellschaft zuträglich wären? Bedauerlicherweise handelt es sich bei Überlegungen zu einer freien Gesellschaftsordnung meist um „was wäre, wenn“-Fragestellungen. Ein gewisses Mass an Spekulation ist dabei also nicht zu vermeiden. 

Eine Feststellung dürfte jedoch in jedem Fall ihre Gültigkeit behalten: Menschen sind sehr „verschieden“. In ihren Ideen, Vorlieben, Wünschen, Herkünften, Sozialisationen und äusserlichen Erscheinungen sind Individuen von zum Teil sehr grossen Abweichungen unter einander geprägt. Genau diese Verschiedenheit ist es bekanntlich, die zu zwischenmenschlicher Arbeitsteilung, Tausch und Handel führt. Gemeinsame Werte und Normen, welche eine tendenziell freiheits- und friedenserhaltende Wirkung entfalten, sollten dieser Verschiedenheit also nicht im Wege oder gar entgegenstehen. 

Im Gegenteil wären es wohl gerade in einer freiheitlichen Gesellschaft Werte der Toleranz und des gegenseitigen Respekts, die dem Zusammenleben und Austausch zuträglich wären. 

Über das tatsächliche Ausmass der gesellschaftlichen Heterogenität und des gewünschten Austausch/Handels unter freiheitlichen, nicht durch staatliche Intervention verzerrten Umständen lässt sich dabei sicher streiten. Die alte Regel „gleich und gleich gesellt sich gern“ könnte etwa durchaus bewahrheitet werden, indem sich Individuen mit ähnlichen Eigenschaften zu Communities zusammenschliessen. Es gibt dabei gute Gründe anzunehmen, dass in einer Gesellschaft ohne politisch erzwungene nationale oder gar internationale Hegemonie solche Gemeinschaften durchaus übersichtliche Grössenordnungen annehmen könnten. Dies würde jedoch das Handelsvolumen insgesamt keineswegs schmälern – gerade kleine Gemeinschaften sind bekanntlich für Autarkiebestrebungen denkbar ungeeignet. Werte und Normen, die die menschlichen Unterschiede also nicht akzeptieren, die aus diesen Unterschieden gar Gegensätze machen, sind folglich auch im Falle homogener „gated communities“ ausgesprochen kontraproduktiv. Im Gegenteil wären es wohl gerade in einer freiheitlichen Gesellschaft Werte der Toleranz und des gegenseitigen Respekts, die dem Zusammenleben und Austausch zuträglich wären. Um es auf einen Nenner zu bringen – die rechtliche Norm einer freiheitlichen Gesellschaft lautet: „Achte Deines Mitmenschen Eigentum!“ Die darüber hinaus gehende gesellschaftliche Norm könnte hingegen lauten: „Achte und respektiere Deinen Mitmenschen – gerade auch in seiner Verschiedenheit!“ 

in den Händen interventionswütiger Politiker schlägt eine solche PC schnell auch einmal in Zwang, in Kontrolle und Überwachung um 

Um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen stellt sich nun abschliessend die Frage, inwiefern ein so umschriebener Werte- oder Normenkatalog tatsächlich von dem abweichen würde, was wir heute als Political Correctness bezeichnen? Ist nicht genau die Achtung und der Respekt vor dem Anderen, Andersartigen der materielle Gehalt „unserer“ PC? Zweifellos, in den Händen interventionswütiger Politiker schlägt eine solche PC schnell auch einmal in Zwang, in Kontrolle und Überwachung um – genannt sei hier etwa das „Antidiskriminierungsgesetz“. Dies ist jedoch bestenfalls ein weiteres Argument gegen staatlichen Interventionismus, keineswegs gegen die zugrunde liegende Ethik. Die Vorstellung scheint mehr als plausibel, dass gerade auch in einer freiheitlichen Gesellschaft die Schmähung, Ausgrenzung und Beleidigung von Mitmenschen alleine aufgrund ihrer Andersartigkeit eine gesellschaftliche Ächtung erfahren würden. Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Sexismus wären wohl unter keinen Umständen als erstrebenswert zu betrachtende Eigenschaften. Und zu Recht, denn Respekt und Toleranz gegenüber dem Individuum sind die Vorläufer des Respekts vor seinem Eigentum. Aus diesem Blickwinkel lässt sich also durchaus behaupten, dass auch unsere heutige Political Correctness moralische Leitlinien an die Hand gibt, die Zuverlässigkeit und Erwartungssicherheit erzeugen, die Vertrauen befördern und Kontingenzen reduzieren. Und dabei dem Gedeihen eines freiheitlichen und friedfertigen gesellschaftlichen Zusammenlebens und Austausches zuträglich wären. In diesem Sinne also: Ein Lob der Political Correctness! 

Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich in eigentümlich frei Nr. 75 erschienen. Dieser Eintrag wurde ursprünglich am Mittwoch, den 26. September 2007 um 23:45 Uhr auf Paxx.tv erstellt.

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Written by dominikhennig

20. September 2010 um 01:24

Veröffentlicht in Grundsätzliches, Klassiker

2 Antworten

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  1. Ist nicht genau die Achtung und der Respekt vor dem Anderen, Andersartigen der materielle Gehalt „unserer“ PC? Zweifellos, in den Händen interventionswütiger Politiker schlägt eine solche PC schnell auch einmal in Zwang, in Kontrolle und Überwachung um – genannt sei hier etwa das „Antidiskriminierungsgesetz“.

    Toleranz und Respekt lassen sich eben nicht erzwingen.

    Ein Bespiel:
    Ich nenne einen Schwarzen freiwillig nicht „Neger“ wenn ich weiß dass er dies nicht möchte. Wenn ich aber von der Regierung per Zwang & Strafandrohung vorgeschrieben bekomme, eine Bevölkerungsgruppe möglivst mit einem bestimmten Wort zu bezeichnen, dann löst das in mir geradezu automatisch das Bedürfnis aus, das Gegenteil davon zu tun.

    Adolescent

    20. September 2010 at 07:11

  2. logikdesstaats

    20. September 2010 at 14:02


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