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Die Illusion des Wortes „Gesellschaft“

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von Niklas Fröhlich

 

Kaum ein Wort ist im alltäglichen Gebrauch mächtiger als das der „Gesellschaft“. In allgemeinen Phrasen, geisteswissenschaftlichen Diskussionen und vor allem in der Politik ist dieses Wort stets präsent und schwebt, mal wie ein Fluch, mal wie ein Segen, über den Diskutierenden.
Aber es sollten nicht Worte sein, die zählen – auf Inhalte sollte es ankommen. In diesem Sinne muss man fragen: Was sagt dieses mächtige Wort eigentlich aus, was steckt hinter der „Gesellschaft“? Üblicherweise stößt man dabei auf drei völlig verschiedene Bedeutungen, die paradoxerweise teilweise von denselben Leuten und sogar beim selben Thema im Munde geführt werden.

Zuerst müssen wir kurz klären, wer überhaupt ganz allgemein – ohne spezielle Konnotation – hinter „der Gesellschaft“ steckt. Unter dem Wort „Gesellschaft“ sollen alle Leute eines gegebenen Systems, etwa einer „Nation“ zusammengefasst werden. Während es dabei aber auf der einen Seite jeden Menschen dieses gedanklichen Systems mit in die „Gesellschaft“ einbezieht, entspricht das Ergebnis keinem tatsächlich existierenden Menschen. Die Gesellschaft, das sind also Alle und doch Niemand. Alle folgenden Punkte basieren mehr oder weniger auf diesem Grundproblem.

1) Das Üble
Die Gesellschaft – das sind die Anderen. Und die Anderen, das sind stets Teufel. Es ist jene Bedeutung von Gesellschaft die hinter Worten wie „Sozialkritik“ steckt. Die Gesellschaft ist in jeder Hinsicht verdorben, hinterhältig und schlecht. Wer sich „konservativ“ nennt klagt dann gerne über die allgemeine gesellschaftliche Dekadenz und Wertelosigkeit, wer sich „links“ oder „alternativ“ nennt beklagt eine grausame Ellenbogengesellschaft und Egoismus.
Es ist – je nach Menschenverachtung und Selbstbild – eine Mischung aus dem Rousseauschen Bild, dass der Mensch durch die Gesellschaft verdorben werde und dem Hobbesschen Bild, dass der Mensch schon von Natur aus eine Bestie sei.
Das wichtige dabei ist: Die „Gesellschaft“ sind stets die Anderen. Niemand, der auf die „Gesellschaft“ schimpft, meint damit auch sich selbst.  Eigentlich meint er sogar überhaupt niemanden spezielles (außer vllt. einige wenige große Feindbilder). Nicht der Nachbar oder Freund, nicht der Mann im Gemüseladen ist übel, sondern die anonyme „Gesellschaft“, die jeden aber dann wieder niemanden repräsentiert.
Der „Sozialkritiker“ fühlt sich daher bei jeder Kritik an „der Gesellschaft“ kurzzeitig ungemein überlegen: Alle anderen (nur ich bzw. wir, nicht) sind böse und verkommen.  Langfristig aber kommt er um die Tatsache nicht herum, dass auch er selbst Teil dieser Gesellschaft ist. Der Hass auf „die Gesellschaft“ offenbart sich so als nichts anderes als kultivierter Selbsthass.
Und zuletzt der vielleicht gefährlichste Teil dieses Wortgebrauchs: Wenn für alles Schlechte die ominöse und unpersönliche „Gesellschaft“ verantwortlich ist, braucht man nicht nach den wahren Gründen eines Problems zu suchen.

2) Die verpflichtete Institution
Seht euch all die Armut und Ausgrenzung an! Das muss doch die Gesellschaft etwas tun! Dieser Gebrauch der „Gesellschaft“ schließt inhaltlich in gewisser Weise an den ersten an: Bei allem Übel der Welt macht man die „Gesellschaft“ verantwortlich und nimmt sie rhetorisch in die Pflicht – womit jedes nicht behobene Übel widerum den bösen Charakter der Gesellschaft stärkt.
In seinem Gebrauch rührt dieses Wort aber noch tiefer: Es ist ein Wegschieben der Verantwortung. Wenn „die Gesellschaft“ etwas tun muss, dann muss Ich nichts tun. Gegen Armut muss etwas getan werden? Ja, Gerne! Dann tu etwas dagegen, Möglichkeiten gibt es genug. Aber diejenigen, die immer nach der „Gesellschaft“ rufen, wollen gar nichts tun. Sie sehen ein Problem, wollen sich selbst jedoch nicht die Finger schmutzig machen und brauchen daher eine Lösung – und diese gibt ihnen „die Gesellschaft“, also wieder „alle anderen“. Da aber niemand spezielles diese „Anderen“ repräsentiert, verschiebt man die Verantwortung ins Nichts.
„Da muss doch die Gesellschaft etwas tun!“ ist nichts anderes als ein verkappter Ausruf: „Da müssen doch alle anderen etwas tun, nur ich nicht!“ Es ist ein viel zu sehr akzeptiertes Alibi, mehr noch: Eigentlich sagt es aus, niemand solle etwas tun.

3) Die göttliche Entität
Zum Wohle der Gesellschaft, Gemeinwohl vor Eigennutz!  In dieser Bedeutung wird die „Gesellschaft“ plötzlich ganz anders belegt. Sie ist heilig, göttlich, sie ist unanrührbar und unanzweifelbar. Das Wohl der Gesellschaft steht über allem, auch über dem Einzelnen. In der Politik, die sich dem Dienst an „der Gesellschaft“ verschrieben hat, ist derartiges Allgemeinsatz.
Wo wir aber doch schon gesehen haben, dass die Gesellschaft keinem einzelnen Menschen entspricht, wie kann dann Politik „der Gesellschaft“, also Allen dienen? Es steht schließlich völlig außer Frage, dass die Politik es nicht jedem einzelnen Recht machen kann. Und doch baut jedes politische Versprechen an die „Gesellschaft“ auf diesem gedanklichen Fehler auf: Alle Menschen glauben, sie als Teil der „Gesellschaft“ würden von dieser Politik profitieren. Aber die Politik dient eben jenem fernen und unpersönlichen Konstrukt namens „Gesellschaft“ und nicht jedem Einzelnen. „Gesellschaft“ ist ein politisches Machtwort, dass es möglich macht zu versprechen: „Ich mache es jedem einzelnen von euch recht!“ ohne sich dabei lächerlich zu machen.
Abseits von dieser aktiv-politischen Methode steht die Gesellschaft auch in der Politiktheorie an oberster Stelle. Politik müsse immer der Gesellschaft dienen. Mehr noch: Der Staat sei sogar die Verkörperung der Gesellschaft. Gleiches gilt für die Ethik: Man soll an „die Gesellschaft“ denken und ihr dienlich sein.
Und wieder: Wenn doch die Gesellschaft keine Person ist, wie kann sie dann Wünsche und Bedürfnisse haben und diese ausdrücken? Jedes Teil der Gesellschaft, jeder Mensch, hat ohne Frage solche Wünsche und Bedürfnisse. Aber jeder Mensch hat zumindest graduell andere. Alle Bedürfnisse und Wünsche aller Menschen zusammenzufassen und nach ihnen zu handeln, wird dabei keinem einzigen Menschen wirklich gerecht.
Und noch viel schlimmer: Selbst die ungünstige Mittelung aller Bedürfnisse und Menschen ist rein technisch unmöglich. Woher nimmt also der Politiker oder der Privatmann, der ethisch der Gesellschaft dienen möchte, seine Gewissheit, was Allen dient? Aus sich selbst. Er nimmt seine persönlichen Interessen, Wertvorstellungen und Präferenzen und will sie, als ethisches Gebot oder sogar durch politische Gewalt, für alle verbindlich machen. All dies tut er im Glauben und unter der Behauptung, der Gesellschaft zu dienen. Freilich dient er damit nur sich selbst und einem Bild der Gesellschaft, das so nicht existiert.

Abschluss:
Wir sehen also drei völlig verschiedene Ansätze, wenn von „der Gesellschaft“ gesprochen wird. Dabei sehen wir einen Ansatz des Bösen, einen des Sollenden und einen des absoluten Guten, bei allen aber sehen wir ihre Widersinnigkeit. Wenn man den Gebrauch des Wortes „Gesellschaft“ näher betrachtet, dann sieht man, dass es immer als eine unpersönliche, übermenschliche Entität betrachtet wird. Und in diesem Sinne hat der moderne Gebrauch dieses Wortes absolut religiösen Charakter: Die „Gesellschaft“ ist der Teufel, der ewige Sündenbock, auf den sich alles schieben lässt, sie ist der Gott, der helfen soll und der ewig dafür verantwortlich gemacht wird, dass sich nichts ändert und zuletzt ist sie der göttliche Wille, das absolut Gute, dem man dienen soll.
All diese Vorstellungen werden gemeinsam genutzt und im Munde geführt, so widersprüchlich das auch sein mag und wie es gerade eben passt, während sie in ihrem Gebrauch zum Göttlichen erhoben werden, das fern und unwidersprochen ist. Und ebenso wie das religiöse Dogma den Geist lähmt, blockiert auch das pseudoreligiöse Dogma „der Gesellschaft“ als göttliche/teuflische Entität den Weg zu tatsächlichen Problemlösungen, mehr noch: Es führt zu falschen Ansätzen.
Es gilt also zumindest sehr misstrauisch zu werden, wenn wieder von „der Gesellschaft“ gesprochen wird.

Ursprünglich erschienen auf Mea Sponte

Written by dominikhennig

29. September 2010 um 02:08

3 Antworten

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  1. ein guter Punkt; daher sollte man dieser Tage Gesellschaft klar von Gemeinschaft trennen – leider werden diese Wort heute zusnehmend gleichgesetzt; wohl bewusst, um zu verschleiern, dass Gesellschaft mit Solidarität nichts zu tun hat. Denn Solidarität beschränkt sich auf die Gemeinschaft, der man mehr oder weniger freiwillig angehört, während man in die Gesellschaft qua Geburt gezwungen wurde.

    Ralph

    29. September 2010 at 17:41

  2. @Ralph: Ganz deiner Meinung: Ferdinand Tönnies hat Gesellschaft als eine From des Zusammenlebens definiert, in der der Mensch versucht, egoistisch seine eigenen Ziele durchzusetzen und andere dabei nur als Mittel sieht (im Gegensatz zu einem höheren Ziel, dem eine Gemeinschaft gemeinsam und selbstlos dient). Wenn manch einer also glaubt, in einer größeren Gesellschaft Dinge verwirklichen zu können, die ein hohes Maß an Selbstlosigkeit erfordern, ist er auf dem Holzweg! Das ist vielleicht der wichtigste Grund, Freiheit für den Einzelnen einzufordern: Er muss sich gegen all die Egoisten wehren dürfen, auf die er in einer Gesellschaft zwangsläufig trifft!

    Simon

    3. Oktober 2010 at 17:20

  3. […] zahlt nicht. In der politischen wie gesellschaftlichen Debatte heißt es: “Da muss der Staat/die Gesellschaft etwas tun! Der Wert des Lebens kann nicht in Geld gemessen […]


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