Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Zur Todesstrafe

with 8 comments

von hth

DDH fragt, wie wir Libertären es mit der Todesstrafe halten. Ich will – arbeitsbedingt wieder mal mit einigen Tagen Verspätung – gerne verraten, wie ich es damit halte: nicht prinzipiell dagegen.

Anlaß für DDHs Frage ist ein Artikel auf L for Liberty, und in dem geht es ausdrücklich um die staatlich verhängte Todesstrafe. Selbstverständlich lehne ich die ab. Weil die Möglichkeit, Menschen hinzurichten, zuviel Macht für den Staat bedeutet, weil es in der nimmersatten Natur des Staates liegt, diese Macht zu mißbrauchen, und weil der Staat – da niemandem verantwortlich und als Monopolist nicht zur Leistung angetrieben – selbst in Fällen, in denen ich die Todesstrafe grundsätzlich für angemessen hielte, unfähig wäre, Verbrechensaufklärung mit der nötigen Gründlichkeit zu betreiben. Und, mehr als alles andere, weil staatliche Lösungen von oben verordnete One-size-fits-all-Modelle darstellen und damit allem widersprechen, was mir als Individualisten wert und lieb ist.

Als solcher bin ich natürlich der Ansicht, Gemeinschaften sollten in der Lage sein, ihr Zusammenleben nach eigenen Vorlieben zu regeln. Wenn pazifistische Aussteigerkommunen eigenes Recht aufsetzen und Mehrfachmord mit Ausdiskutieren bestrafen wollen – bitte schön. Wenn islamische Clans wiederum ein eigenes Recht aufsetzen wollen, nach welchem unzüchtige Blicke mit dem Tode bestraft würden – mir ebenfalls recht. Solange solche Rechtssysteme auf einvernehmlich geschlossenen Verträgen zwischen konsensfähigen Erwachsenen gründen (und den wenigsten konsensfähigen Erwachsenen dürfte an Barbarei gelegen sein, das nur am Rande), was geht es mich an? Mich stört gerade die Vermessenheit so vieler Libertärer, anderen ihre ethischen Standards aufzwingen zu wollen.

Die Gemeinschaft, der ich selbst angehören wollte, würde jedenfalls die Todesstrafe für eine Reihe schwerer Verbrechen kennen. Ganz bestimmt für Mord, denn mit Rothbard vertrete ich die Ansicht, daß der Mörder durch seine Tat das Recht auf das eigene Leben verwirkt. Das bedeutet keineswegs, daß es ihm genommen werden muß – diese Entscheidung sollte letzten Endes dem Opfer bzw. den Hinterbliebenen überlassen bleiben. Nicht nur verspricht dieses Augenmerk auf das Individuum ein größeres Maß an Gerechtigkeit als situationsblinde One-size-fits-all-Formeln, vor allem hat niemand das Recht, den Opfern diese Entscheidung – die natürlich auch auf eine Begnadigung hinauslaufen könnte – abzunehmen. Nicht aus Gründen der Moral, und noch weniger aus praktischen Erwägungen, wie etwa der, es sei sinnvoller, den Täter Wiedergutmachung leisten zu lassen. Entschädigungszahlungen sind sinnvoll in Fällen, in denen ein materieller Schaden meßbar ist. Aber wie ist er das, wenn ein Axtmörder meine Familie dahinmetzelt? Wer legt die zu leistende „Wiedergutmachung“ fest? Wäre eine ermordete Ehefrau um die Zehntausend oder eher um die Zehnmillionen wert, Kinder mehr, weniger oder gleichviel? Und wieviele Nummernschilder muß ein Mörder stanzen, um in seinem Leben derartige Summen zu erarbeiten?

Der Einwand, daß hinter der Forderung nach der Todesstrafe vor allem das Bedürfnis nach Rache stehe, ist vermutlich zutreffend. Nur gehörte ich noch nie zu denen, die Rache als etwas besonders Unedles verpönt haben. Im Gegenteil, wenn der Tod eines Mörders den Hinterbliebenen eine Hilfe im Trauerprozeß ist, er ihnen die Möglichkeit gibt, mit einem häßlichen Kapitel abzuschließen (und ich habe Interviews mit Hinterbliebenen gesehen, die genau dies äußerten), dann scheint mir das Konzept der Rache um einiges moralischer als das eitle Hochhalten vorgeblich kostbarer zivilisatorischer Errungenschaften, verbunden mit bestenfalls Seitenblicken auf die Anliegen der Opfer. Wenn diese meine Moral mit „westlichen“ Werten und „Rechtstaatlichkeit“ inkompatibel ist, geschenkt.

cross post: Der Agorist

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Written by dominikhennig

3. Oktober 2010 um 21:57

8 Antworten

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  1. Wenn wir Pech haben, kommt gleich der Bodo Wünsch ums Eck und kritisiert. Und wenn wir so richtig Pech haben der Lichtschlag und applaudiert. 😉

    dominikhennig

    3. Oktober 2010 at 21:59

  2. hi hth,

    auch hier wieder:
    würdest du persönlich einem unternehmen oder einer gemeinschaft die macht geben, über deinen todeszeitpunkt entscheiden zu dürfen? m.e. steckt da zuviel missbrauchspotential drin.

    denn was passiert mit den gemeinschaften, unternehmen oder angehörigen, die einen unschuldigen töten? wird vertraglich vereinbart, dass die möglicherweise tötung eines unschuldigen ohne konsequenzen für die täter bleibt? was libertären prinzipien fundamental entegenstehen würde.
    oder wird vertraglich vereinbart, dass die täter dann auch mit dem tod bestraft werden? sollte dies der fall sein, bin ich mir sicher, dass die „todesstrafe“ praktisch so gut wie nie umgesetzt werden würde, besteht hier doch das risiko der vergeltung.

    ein ganz anderer praktischer spricht aber auch gegen die todesstrafe. da rechtsagenturen davon leben, leute vor gewalt zu schützen und im schadensfall regulieren müssen (daher kann die entschädigungssumme auch aufgebracht werden, vielleicht nicht vom täter selbst), wären sie bestrebt, auch eine mögliche gewaltspirale zu verhindern (also vertraglich nicht legitimieren), die als folge von racheakten entstehen kann und bei der auch unschuldige mit hereingezogen werden könnten.

    lg

    logikdesstaats

    4. Oktober 2010 at 12:43

  3. Das Problem bei der völligen Autonomie von freiwilligen Kollektiven ist das Folgende: Die Nachfahren der „Gründungsväter“ müssen sich den damals geschlossenen Gesetzen unterwerfen und letztendlich kommt das dabei heraus, was wir heute in jedem Staat der Welt vorfinden.

    Ein Beispiel: Eine Gruppe von 100 Grundstücksbesitzern beschließt, in einer libertären Umgebung ein Kollektiv zu gründen. Freiwillig, ohne Druck und die entsprechenden Verträge vorausgesetzt. Es beschließt unter anderem, dass künftig niemand mehr das Kollektiv verlassen darf, ohne für vogelfrei erklärt zu werden – legitim, denn jeder der 100 setzt seine Unterschrift unter den gemeinsam ausgemachten Vertrag. Weiters wird festgelegt, dass jeder, der das 19. Lebensjahr erreicht hat, bei der Politik des Kollektivs mitbestimmen darf, vorausgesetzt, er beachtet die im Gründungsvertrag festgeschriebenen Grundrechte (also wie etwa in den USA).
    Mit der Zeit werden Kinder geboren, sie wachsen auf und erreichen das 19. Lebensjahr. Sie dürfen an der Politik teilnehmen, gestalten und mitbestimmen, aber sie dürfen das Kollektiv nicht verlassen, ohne mit Gewalt seitens der Gründungsväter konfrontiert zu werden. Zwar haben sie deren Verträge aus offensichtlichen Gründen nicht unterzeichnet, müssen sich aufgrund deren Status als „Grundrecht“ dennoch beugen.

    Irgendwann haben wir das, was auch in der heutigen BRD präsent ist: Einen Grundrechte und -pflichtenkatalog, den niemand der heute Lebenden unterzeichnet hat, an den sich aber alle halten müssen, um nicht mit Staatsgewalt konfrontiert zu werden. Weil jeder mitspielt, weil sich die antilibertäre Praxis etabliert hat oder einfach nur, weil einem kein anderer Ausweg bleibt, bei dem man unbeschadet und friedlich auf seinem Grundstück weiterleben darf. Auswandern ist keine Option, nachdem heutzutage alles Staatsgebiet ist.

    Ist das deine libetäre Vision?

    Mathias

    4. Oktober 2010 at 14:53

  4. Ist das deine libetäre Vision?

    Nein. Natürlich wären „Gesellschaftsverträge“, wie Du sie schilderst, illegetim. Die Verträge wären nur für die bindend, die sie unterschrieben haben, nicht für ihre Nachkommen (und auch für die Unterzeichner selbst müßte es sicherlich Wege geben, sich aus solchen Verträgen zu lösen). Würden diese Nachkommen die Gemeinschaft verlassen wollen, stellte es Aggression dar, sie daran zu hindern.

    Davon abgesehen, wie lange würde sich so eine Gesellschaft wohl halten? Die Kosten, die es verursacht, die Menschen drin zu halten, würden alleine schon ausreichen, so eine Community zugrunde zu richten. Die DDR wurde von der Sowjetunion getragen, nicht von ein paar Grundbesitzern mit wunderlichen Ideen über gesellschaftliche Ordnung, und schau Dir an, wie es da lief.

    hth

    4. Oktober 2010 at 16:42

  5. @logikdesstaats:

    denn was passiert mit den gemeinschaften, unternehmen oder angehörigen, die einen unschuldigen töten?

    Gute Frage. Benjamin hat sie drüben bei mir schon gestellt, und mir fiel auch da keine wirklich zufriedenstellende Antwort ein. Ein vertragliches Festschreiben von Immunität scheint mir aber am praktikabelsten. Schmutzig, selbst unter der Annahme, daß die forensischen Mittel in einem technologisch weit fortgeschrittenen Libertopia die Verurteilung Unschuldiger höchst unwahrscheinlich machen würden, aber meines Erachtens nicht grundsätzlich im Widerspruch zu libertären Prinzipien. Als „Bürger“ meiner Gesellschaft hättest Du Dich ja freiwillig unter dieses Rechtssystem gestellt (und könntest es auf Wunsch wieder verlassen). Natürlich gut möglich, daß kaum jemand dies wollte und ein System, wie es mir vorschwebt, im freien Markt scheitern würde.

    ein ganz anderer praktischer spricht aber auch gegen die todesstrafe. da rechtsagenturen davon leben, leute vor gewalt zu schützen und im schadensfall regulieren müssen (daher kann die entschädigungssumme auch aufgebracht werden, vielleicht nicht vom täter selbst), wären sie bestrebt, auch eine mögliche gewaltspirale zu verhindern (also vertraglich nicht legitimieren), die als folge von racheakten entstehen kann und bei der auch unschuldige mit hereingezogen werden könnten.

    Vielleicht verstehe ich Dich hier falsch, aber – warum sollte mich notwendigerweise interessieren, was diese Rechtsagenturen zur Sache zu sagen hätten? Ich wäre in manchen Fällen schlicht nicht an Entschädigungszahlungen (deren Höhe von der Agentur festgelegt würden?) interessiert, entsprechend auch nicht an den Dienstleistungen solcher Agenturen.

    hth

    4. Oktober 2010 at 17:04

  6. hi hth.

    wie gesagt, ich sehe da einfach zuviel missbrauchspotential, wenn man sich vor den konsequenzen seiner handlungen schützen kann. auch sollte man bedenken, dass, selbst wenn es einen technischen fortschritt in der forensik gibt, es immer noch menschen geben kann, die einem anderen etwas anhängen wollen.

    der zweite punkt ist aber eine härtere nuss, die ich hier nich knacken will. ich werde in den nächsten tagen evtl. einen artikel dazu schreiben.

    „Vielleicht verstehe ich Dich hier falsch, aber – warum sollte mich notwendigerweise interessieren, was diese Rechtsagenturen zur Sache zu sagen hätten? Ich wäre in manchen Fällen schlicht nicht an Entschädigungszahlungen (deren Höhe von der Agentur festgelegt würden?) interessiert, entsprechend auch nicht an den Dienstleistungen solcher Agenturen.“

    aber bis dahin helfen diese artikel vielleicht deutlich zu machen, warum du an einer vertraglichen bindung mit diesen rechtsagenturen interessiert sein würdest (auch wenn er sich nicht zur todesstrafe äußert):
    http://www.lewrockwell.com/orig6/molyneux1.html
    http://www.lewrockwell.com/orig6/molyneux2.html
    http://www.lewrockwell.com/orig6/molyneux3.html

    lg

    logikdesstaats

    5. Oktober 2010 at 06:46

  7. „Wenn islamische Clans wiederum ein eigenes Recht aufsetzen wollen, nach welchem unzüchtige Blicke mit dem Tode bestraft würden – mir ebenfalls recht. Solange solche Rechtssysteme auf einvernehmlich geschlossenen Verträgen zwischen konsensfähigen Erwachsenen gründen (und den wenigsten konsensfähigen Erwachsenen dürfte an Barbarei gelegen sein, das nur am Rande), was geht es mich an?“

    Schon allein die Bezeichnung ‚Clan‘ – die unzivilisierte Variante der Familie – deutet an, dass es keine einvernehmliche Organisationsform ist – keine Frau wäre damit einverstanden, bei Ehebruch gesteinigt zu werden. Clan = (männliche) Gewalt. Genauso wie die klassische bürgerliche Familie – die sich gottseidank durch den materiellen Wohlstand begonnen hat aufzulösen.

    Andreas Ullrich

    5. Oktober 2010 at 07:09

  8. […] Todesstrafe an sich lehnt hth nicht ab; allerdings soll die Entscheidung über Leben und Tod nicht in den Händen des […]


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