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Wie praktisch ist die Praxis?

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 Da die Freiheitsfabrik aus unerfindlichen Gründen verschollen ist, wird hier vorsichtshalber mal dieses Redemanuskript von Stefan Blankertz geborgen.

Wie praktisch ist die Praxis? – Zwischenfrage eines Theoretikers auf der Tagung Große Freiheit 01 Juni 2010 in Hamburg

von Stefan Blankertz

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stichworte zur aufklärung

überlegt
unterlegen

abgesprochen
absprechen

die kugel
durch den kopf gehen lassen

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Ein weiteres Kapitel aus der Geschichte Ruritaniens
Auch Ruritanien war eine Sklavenhaltergesellschaft, wie vielleicht die wenigsten von euch wissen, weil weder Murray Rothbard noch ich es groß erwähnt haben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Menschen aus Transanien als Sklaven im ruritanischen Mutterland gehalten. Als aus dem Fürstentum Ruritanien seinerzeit eine parlamentarische Präsidialdemokratie mit starker Aristokratie wurde, gab es eine zunächst recht einflussreiche anti-etatistische Partei, deren Anhänger nach ihrer Führungsfigur Emma die »Emmanisten« genannt wurden. Das Programm der Emmanisten fiel bekanntlich bei der vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung Ruritaniens durch. Die Bauern wählten nach dem ökonomischen Motto »Der Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taube auf dem Dach« und dem moralischen Motto »Watt der Bur nit kennt, dat fritt er nit.« In der Aristokratie gab es demgegenüber weiterhin Anhänger des emmanistischen Programms, sei es als intellektuelles Abenteuer, sei es aus moralischer Dekadenz. Die Partei der emmanistischen Aristokraten verzeichnete sogar praktische politische Erfolge, als sie einige Regelungen zur Begrenzung unmenschlicher Behandlung von Sklaven durchsetzen konnte. Um unmenschlicher Behandlung von Sklaven vorzubeugen, baute man eine Überwachungsbehörde auf. Sie trug einen unaussprechlich langen Namen und wurde im Volksmund abgekürzt »Sklavenfroh-Behörde« genannt. In der Sklavenfroh-Behörde fanden vor allem die emmanistischen Aristokraten eine einträgliche, abwechslungsreiche, aber wenig anstrengende Aufgabe, was ihrem sprichwörtlichen Naturell sehr entgegen kam.
Derweil entstand unter den Bauern eine neue politische Kraft. Die Anhänger dieser neuen Kraft versprachen eine Zukunft ohne Sorgen und ohne Sklaven. Um das Ziel einer Zukunft ohne Sorgen und ohne Sklaven zu erreichen, sei nichts anderes von Nöten, als das Eigentum abzuschaffen. Jeder Mensch müsse schließlich einsehen, dass es ein himmelschreiendes Unrecht darstelle, einen anderen Menschen zum Eigentum zu haben. In gleicher Weise dürfe niemand etwas als sein »eigen« betrachten, solange jemand anderes weniger habe. Wenn man dieser Leitlinie folge, sagten die sogenannten »Vergemeinschafter« Ruritaniens, würden alle ein so sorgenfreies Leben in Wohlstand führen wie die Aristokraten – eingeschlossen Bauern und Sklaven.
Um gegen den Ansturm der Vergemeinschafter standhalten zu können, musste die herrschende Klasse Ruritaniens alles aufbieten. Sklavenhalter und Emmanisten bildeten eine »Koalition der nationalen Einheit zur Rettung Ruritaniens«. Die Sklavenhalter boten den Emmanisten einen dramatischen Abbau der Bürokratie an, insbesondere die Abschaffung der Sklavenfroh-Behörde.
Beglückt über ihren grandiosen politischen Erfolg stimmten die Emmanisten zu. Viel zu spät merkten sie, dass sie damit sowohl ihre Prinzipien als auch die ökonomische Grundlage ihrer Wähler aufgegeben hatten. So leicht schlägt die Subordination unter Praxis um in den Dienst abermaliger Unterdrückung.

So viel zur praktischen Praxis. Anwendungen auf aktuelle politische Ereignisse überlasse ich eurer Fantasie. Doch wie sieht es mit der Theorie aus?

Die Dignität der Theorie

Die folgenden Überlegungen fallen unter Notwehr. Unter die Notwehr des Theoretikers gegen den praktischen Reflex. Das, was ich den »praktischen Reflex« nennen möchte, setzt bei Ideen, Wünschen, Hoffnungen und vor allem Kritik aller Art ein. Der praktische Reflex besteht in einer Reihe von wirren, aber politisch korrekten Fragen: Sach ma’, wie sieht’n det praktisch aus? Was kann man da machen? Und worin bitteschön besteht deine Lösung? Miesmachen kann jeder Heiopei, aber die eigentliche Schwierigkeit is’ doch, ’was Praktisches dagegen zu setzen. Der Anstrengung des Aufbauens willst du wohl klammheimlich dich entziehen, elender Klugscheißer. Utopien äußern ist voll easy, echt kompliziert wird’s erst, die Frage nach der praktischen Umsetzung zu beantworten. Nichts solle sein, verlangt der praktische Reflex, was nicht sich anpacken lässt.
Gegen den Reflex der praktischen Praktiker möchte ich zwei Theoretiker zusammenführen, die man gemeinhin in gegensätzlichen Lagern des politischen Spektrums verortet, nämlich Theodor W. Adorno (1903-1969) und Friedrich August von Hayek (1899-1992).
Der Soziologe Adorno vertrat seinem Selbstverständnis nach einen linken, sozialistischen, auf jeden Fall marxistischen Ansatz. Von ihm nehme ich das Diktum: »Falsche Praxis ist keine« (Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, in: ders., Stichworte: Kritische Modelle 2, Frankfurt/M. 1969, S. 176). Adorno warnt davor, dass die Theorie für den Dienst an der Praxis sich vereinnahmen lasse. Wenn die herrschende Praxis festlegt, was gedacht werden darf, wird der Theorie die Möglichkeit genommen, die Praxis einer kritischen Analyse zu unterziehen. Aber nur mit kritischer Analyse könnte die Theorie der Praxis dienen: Die Idee einer besseren Praxis muss wollen, dass die Theorie von der Praxis sich lossagt. Trotz all ihrer Unfreiheit sei Theorie, so Adorno, im Unfreien Statthalter der Freiheit (S. 173). Eine solche kritische Theorie kann nicht wissen, wann und vor allem auf welche Weise sie praktisch wird.
Der Ökonom Hayek verstand sich als liberaler, später gar als eher konservativer Politikberater. Von ihm nehme ich den Begriff der »unintended consequences« in der negativen Form ›unerwünschter Nebenwirkungen‹. Nach Hayek gilt es, zwei Formen von nicht beabsichtigten Wirkungen sozialen Handelns zu unterscheiden. Die erste Form erwächst aus dem freien Zusammenspiel von autonom handelnden Individuen. Als unbeabsichtigte Wirkung entsteht eine spontane komplexe Ordnung, in etwa mit Adam Smith’ (1723-1790) »unsichtbarer Hand« des Marktes zu vergleichen. »Das zentrale Problem der Volkswirtschaftlehre als einer Sozialwissenschaft […] ist, wie es kommt, dass die ineinandergreifenden Handlungen einer Anzahl von Personen, deren jede nur ein kleines Stück von Wissen besitzt, einen Zustand herbeiführen […], der durch bewusste Lenkung nur von jemand herbeigeführt werden könnte, der das Wissen all jener Individuen zusammen besäße. | Es ist daher paradox und beruht auf einem völligen Verkennen dieser Zusammenhänge, wenn heute oft gesagt wird, dass wir die moderne Gesellschaft bewusst planen, weil sie so komplex geworden ist. In Wirklichkeit können wir eine Ordnung von solcher Komplexität nur dann erhalten, wenn wir sie nicht nach der Methode des ›Planens‹, d.h. nicht durch Befehle handhaben, sondern auf die Bildung einer auf allgemeinen Regeln beruhenden spontanen Ordnung abzielen« (F.A. Hayek, Wirtschaftstheorie und Wissen [1937], in: ders., Individualismus und wirtschaftliche Ordnung [1952], Salzburg 1976, S. 71 | Arten der Ordnung [1963], in: ders., Rechtsordnung und Handelnsordnung: Aufsätze zur Ordnungsökonomik [1938-84], Tübingen 2003, S. 26).
Die Komplexität der Ordnung macht es Hayek zufolge unmöglich, in ihre Struktur einzugreifen, ohne unerwünschte Nebenwirkungen zu produzieren. In einer Provinz von China wollten die Behörden alleinerziehenden Lehrern helfen und gewährten ihnen eine Gehaltzulage. Unmittelbar nach Bekanntgabe dieser Maßnahme kam es zu einer Scheidungswelle: Eine Nebenwirkung, die nicht bedacht worden war. Ökonomisch gesehen stellte nicht die Tatsache der vermehrten Scheidungen das Problem dar, sondern dass ein größerer Kreis von Personen als gedacht das Anrecht auf die Gehaltszulage erworben hatten und deshalb mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden mussten, als zunächst veranschlagt. Aus Eingriffen oder »Interventionen« in die spontane Ordnung erwächst also die zweite Form unbeabsichtigter Wirkungen, die durchweg negativ zu beurteilen sind, die »unterwünschten Nebenwirkungen«.
Dass ich auf zwei so gegensätzliche Denker wie Adorno und Hayek zurückgreife, ist angemessen in der Konfrontation mit einem praktischen Reflex, der direkt aus dem Rückenmark ohne jede Beteiligung des Bewusstseins zu kommen scheint, universell einsetzt und von rechts bis links, von oben bis unten, von der Regierungsbank ebenso herüberschallt wie von jedem Stammtisch. Leider auch in libertären Kreisen fühlt der praktische Reflex sich heimisch.

Praxis der Selbstanpassung

Aber wie praktisch ist die Praxis? Anstelle der Diskussion gelehrter Adorno- und Hayek-Zitate lege ich euch praktische Beispiele vor. Mit dem anti-autoritären Summerhill-Internat des legendären A.S. Neill (1883-1973) beginne ich. Summerhill ist der Archetyp des linkslibertären praktischen Experiments: freiwillig, nicht staatlich finanziert oder subventioniert und an der Entwicklung eines alternativen Lebensstils interessiert. Über das, was antiautoritäre Erziehung sei, kursieren mittlerweile die abenteuerlichsten Zerrbilder, von denen die Kennzeichnung als »Kuschelpädagogik« noch das harmloseste ist. Vor allem wird von Konservativen immer wieder behauptet, die antiautoritäre Erziehung sei sozialistisch ausgerichtet und würde den Kindern keinen Respekt vor dem Eigentum abverlangen. Ein neu in das Internat aufgenommener Junge schmeißt ein Fenster zum Schlafraum der Schüler ein. Er erwartet typisch wohlfahrtsstaatlich sozialisiert 1) Strafe und 2) dass das Fenster durch »die Schule« ersetzt werde. Beides trifft nicht ein. Es gibt keine Sanktion. Erst einmal. Aber es wird kalt im Schlafraum. Andere Schüler sind mit betroffen. Was tun? Das Taschengeld des Jungen reicht nicht für ein neues Fenster. Die Gruppe muss zusammenlegen. Die anderen, sowieso schon genervt, verlangen selbstverständlich, dass sie ihr Geld so schnell wie möglich von dem Mitschüler zurückbekommen. Sehr strenge Regel. Jawohl: Sanktion. Natürliche Sanktion. Strenge Eigentumsregel: Wiedergutmachung statt Willkür. (A.S. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill, Reinbek 1969, S. 27.)
Auf die Frage einer Mutter, was sie tun solle, wenn ihr neunjähriger Sohn Nägel in die Möbel schlage, antwortete Neill: »Nehmen Sie ihm den Hammer weg und sagen Sie ihm, die Möbel gehörten Ihnen und es ginge nicht, dass er Sachen beschädige, die ihm nicht gehören« (S. 326).
Ein weiterer Beleg dafür, dass Neill einen libertären Freiheitsbegriff zugrunde legte: »Wer einem Kind immer seinen Willen lässt, befindet sich auf einem gefährlichen Weg. […] Um es konkret auszudrücken: Niemand hat das Recht, einen Jungen zum Lateinlernen zu zwingen, weil dieser das Recht hat, selbst zu entscheiden, was er lernen will. Doch wenn in einer Lateinstunde ein Junge Unfug treibt, sollten die anderen ihn hinauswerfen, weil er gegen ihre Freiheit verstößt« (S. 321).
Jetzt kommen wir zum Knackpunkt: Neill folgte dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897-1957) und sah eine wesentliche Ursache für die Übel der Welt im allgemeinen und der Schule im besonderen in der Unterdrückung der Sexualität: »Das sexuelle Tabu ist bei der Unterdrückung der Kinder das Grundübel. […] Die Sexualität ist die Grundlage jeder negativen Einstellung zum Leben« (S. 198f). Allerdings untersagte er selbst noch in den 1960er Jahren Sexualität in Summerhill: »Ich weiß, dass die sexuelle Betätigung der Jugendlichen heute [d.h. von den 1920er bis in die frühen 1960er Jahre] praktisch unmöglich ist. Dabei ist sie nach meiner Ansicht der richtige Weg in ein gesundes Morgen. Ich kann das schreiben, doch wenn ich zuließe, dass meine jugendlichen Schüler in Summerhill miteinander schlafen, dann würden die Behörden meine Schule schließen« (S. 201).
So einleuchtend war diese Begründung, dass die Schülerversammlung, demokratische Regelinstanz der Schule, sie akzeptierte und für die Einhaltung des Sex-Verbots sorgte. Welch aberwitzige praktische Praxis: Ein Exponent sexueller Befreiung schafft eine Schule, die, obgleich autonom, Sexualität effektiver unterdrückt als andere Institutionen! Falsche Praxis ist keine. Übrigens hat Neill dazu beigetragen, dass sich die Situation für die Jugendlichen änderte und zwar durch das, was er eher bedauernd und fast entschuldigend feststellt, weil der praktische Reflex ihn im Griff hält: »Ich kann das schreiben.« In einem seiner letzten Essays mit dem Titel »Resignation« notiert Adorno: »Offenes Denken weist über sich hinaus. Seinerseits ein Verhalten, eine Gestalt von Praxis, ist offenes Denken der verändernden Praxis verwandter als ein Denken, das um der Praxis willen pariert«.
These 1: Praktische Experimente, die auf Legalität angewiesen sind, werden, wenn nicht notwendigerweise, so doch auf jeden Fall leicht zum Instrument der Selbstanpassung, indem sie stellvertretend Polizeifunktionen übernehmen. Eine solche Praxis ist, gemessen am Ziel der Befreiung, höchst unpraktisch. Mit Adorno gesagt: »So leicht schlägt die Subordination von Theorie unter Praxis um in den Dienst an abermaliger Unterdrückung« (Resignation, S. 147).

Praxis der Staatsausweitung

Schauen wir auf ein zweites Beispiel praktischer Praxis. In den 1970er Jahren startete die Bundesregierung der USA unter Präsident Richard M. Nixon (1913-1994) in dem kalifornischen Schuldistrikt Alum Rock ein Experiment mit Bildungsgutscheinen. Der Ausgewogenheit wegen würde ich das Gutschein-Experiment gern als rechtslibertär bezeichnen, doch in Wirklichkeit wurde es geplant und durchgeführt von einer eigenartigen Koalition konservativer Ökonomen und progressiver Schulkritiker, darunter Christopher Jencks, der sich als Sozialist bezeichnet. Das einfache Prinzip des von Milton Friedman (1912-2006) erdachten Bildungsgutschein-Systems: Anstatt Schulen Geld zu geben, erhalten Eltern einen Gutschein, den sie bei einer Schule ihrer Wahl einlösen können. Der Gedanke hinter diesem Prinzip lautet, mittels Konkurrenz sollen Qualitätssteigerungen veranlasst, pädagogische Innovationen ermöglicht und die Unterrichtsangebote den Bedürfnissen der Schüler und Eltern angepasst werden.
Das erste, was die Lehrer – bzw. deren Interessenvertreter – im Distrikt beschlossen, waren jedoch folgende zwei zusätzliche Regelungen: Erstens sollte keine Schule in irgendeiner Weise durch Informationen auf sich aufmerksam machen oder werben und zweitens sollte keine Schule aufgrund von Schülerandrang expandieren – vielmehr mussten die überzähligen Schüler an die anderen Schulen des Distriktes verwiesen werden. Zu Beginn des Experiments war nicht einmal die Gründung neuer Schulen gestattet. In diesem Kreis brauche ich wohl kaum näher darauf einzugehen, inwiefern solche Regelungen ausreichten, um den eigentlichen Sinn des Experiments fast völlig zu vereiteln.
Zum Hintergrund der Vereitelung des Gutschein-Experiments durch die Lehrer-Lobby muss man sich vor Augen halten, dass das US-Bildungswesen trotz durchgängig staatlicher Verfasstheit von starker regionaler und schulischer Autonomie gekennzeichnet ist. Die Schulen werden eher indirekt durch Zuteilung und Verweigerung der öffentlichen Geldmittel als durch direkte Maßnahmen der Verwaltung gesteuert. Darum konnte gegen die beschriebenen Regelungen nichts unternommen werden. Das heißt: Mit der regionalen Freiheit der Schulen wurde hier ganz einfach gegen die Wahlfreiheit der Eltern konspiriert. Oder umgekehrt: Die Durchsetzung der elterlichen Wahlfreiheit hätte eine Aussetzung der regionalen Freiheit der Schulen erfordert. Praktische Praxis eben.
Der Ökonom Edwin George West (1922-2001), keineswegs ein Radikaler, war ein guter Kenner der im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts weltweit durchgeführten Experimente mit Bildungsgutscheinen, Steuerrabatten oder anderen Möglichkeiten, die Wahlfreiheit im Bildungssystem zu steigern. Er kam zu dem Schluss, dass den Experimenten eins gemeinsam ist: Egal, was sie bewirkt haben, darunter durchaus auch Positives, sie sind von der staatlichen Bürokratie genutzt worden, um sich selbst auszuweiten. Unerwünschte Nebenwirkung; bestenfalls, denn böse Zungen hört man sagen, dass die Ausweitung der Bürokratie das eigentliche Ziel darstellen, wenn es um staatlich angestoßene oder zugelassene Experimente geht, nicht nur im Bildungsbereich. Wo immer irgendetwas privatisiert wird, entsteht zugleich eine Überwachungsbehörde.
These 2: Praktische Experimente haben, wenn nicht unausweichlich, so doch die starke Tendenz, die staatliche Bürokratie zu stärken. Was zumindest vorgeblich als deren Eindämmung gedacht war, stellt sich als bester Freund des Etatismus heraus. Oder mit Hayek: »Solange es für die Regierung legitim ist, Gewalt zu benutzen, um eine Umverteilung materieller Vorteile zu bewirken […], kann es keine Zügelung der räuberischen Instinkte aller Gruppen geben, die für sich selbst immer mehr wollen« (F.A. Hayek, Recht, Gesetz und Freiheit, Band 3, Landsberg am Lech 1981, S. 203).

Praxis des Scheiterns

Der angebliche Primat der Frage nach der praktischen Umsetzbarkeit ist ideologisch. Das lässt sich durch ein Gedankenexperiment weiter erhärten. Am Staatssozialismus oder Staatskommunismus kritisieren wir nicht den Mangel an praktischer Umsetzbarkeit, sondern dass diese Modelle zu einer nicht lebens- und liebenswerten Gesellschaft führen. Praktische Umsetzbarkeit dagegen haben sie bewiesen. Wer auf die unbeabsichtigten Nebenwirkungen bei der Umsetzung staatssozialistischer Modelle verweist, greift damit bereits auf eine nur theoretisch zu begründende Kritik zurück. Beispielsweise hat die Subventionierung des Brotpreises in der ehemaligen UdSSR dazu geführt, dass Menschen Brot als Ersatz für vergleichsweise teure Wischtücher benutzten. Korn für die Brotherstellung musste teuer importiert werden, Zellstoff aus Holz war dagegen vergleichsweise günstig heimisch zu gewinnen. Ist die aus kollektiver Sicht verschwenderische, aus individueller Sicht jedoch nachzuvollziehende Zweckentfremdung von Brot nun eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der staatlichen Preisverzerrung oder Relikt einer durch Kapitalismus deformierten menschlichen Natur, die der Sozialismus geradebiegen und in den Kommunismus überführen wird?
Umgekehrt werfen uns die heutigen Staatssozialisten vor, ganz praktisch habe sich doch gezeigt, dass eine unkontrollierte kapitalistische Finanzwelt zusammenbreche. Wer Recht hat, entscheiden nicht die Fakten, sondern entscheidet allein die Theorie.
Zusammenbrechen ist dann wiederum unser Stichwort, denn viele von uns waren Zeitgenossen, als der Sozialismus zusammenbrach. Der Sozialismus? Die UdSSR, die DDR, der Warschauer Paktes schon. Aber nicht nur Kuba, sondern auch eine katastrophische Wirtschaft wie die Nordkoreas will einfach nicht so endgültig zusammenbrechen, dass die Machtelite aufgeben muss wie seinerzeit in der UdSSR. China transformiert sich; langsam aber stetig gleicht sich das Land dem westlichen Modell eines staatlich regulierten Marktes an.
Wenn wir die USA nach der Revolution 1776 mit Paul Goodman großzügig als »blühende Quasi-Anarchie« durchgehen lassen, können wir in den folgenden achtzig, hundert, hundertfünfzig Jahren eine Transformation zum Etatismus verzeichnen. Es hat kein Zusammenbruch, aber eine Angleichung an das System des alten Europas stattgefunden. Akzeptieren wir Zusammenbruch oder Transformation staatssozialistischer Länder als Argument gegen die Idee des Sozialismus, so müssen wir die USA als Argument gegen Anarchismus oder zumindest gegen den liberalen Nachtwächterstaat, gegen den Minarchismus hinnehmen.
These 3: Der herrschenden Praxis dürfte nicht die Entscheidung überlassen bleiben, was praktisch sei. Das, was sich praktisch umsetzen lässt, folgt stets der Logik der Herrschaft und nicht einer Logik der Befreiung.

Die drei Thesen gegen die Praxis

These 1: Praktische Experimente, die auf Legalität angewiesen sind, werden, wenn nicht notwendigerweise, so doch auf jeden Fall leicht zum Instrument der Selbstanpassung, indem sie stellvertretend Polizeifunktionen übernehmen. Eine solche Praxis ist, gemessen am Ziel der Befreiung, höchst unpraktisch.
These 2: Praktische Experimente haben, wenn nicht unausweichlich, so doch die starke Tendenz, die staatliche Bürokratie zu stärken. Was zumindest vorgeblich als deren Eindämmung gedacht war, stellt sich als bester Freund des Etatismus heraus.
These 3: Der herrschenden Praxis dürfte nicht die Entscheidung überlassen bleiben, was praktisch sei. Das, was sich praktisch umsetzen lässt, folgt stets der Logik der Herrschaft und nicht einer Logik der Befreiung. »Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen«, sagt Adorno (Resignation, S. 150): Nur wer sich das Denken »nicht verkümmern lässt, der hat nicht resigniert«.

© 2010 by Stefan Blankertz
sblankertz at gmx.de
http://www.stefanblankertz.de

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4 Antworten

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  1. Na eben, was issn mit der Freiheitsfabrik los? Hat Ulrich den Laden dichtgemacht? Und warum hat Kastner jetzt sein eignes Blog? Und wo bloggt Blankertz?

    Johano

    7. Oktober 2010 at 17:11

  2. die Fabrik gibt es noch unter: http://freiheitsfabrik.de

    waulmurf

    7. Oktober 2010 at 22:17

    • Einen Tag lang war sie weg!

      dominikhennig

      8. Oktober 2010 at 00:46

      • Ok, war vielleicht nur ein technisches Problem.

        waulmurf

        9. Oktober 2010 at 11:38


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