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Im Käfig des Gärtners – Zum Staatsbegriff in der globalisierungskritischen Bewegung

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Die globalisierungskritische gilt als ausgesprochen heterogene Bewegung, die lediglich die Ablehnung des Neoliberalismus eint. Aus der Kritik am grenzenlosen Kapitalismus aber entsteht eine nostalgische Verklärung des Staates – und das bei so unterschiedlichen Autoren wie Zygmunt Bauman, Pierre Bourdieu, Noam Chomsky und Subcomandante Marcos.

von Jens Kastner

Eine merkwürdige Trauer macht sich breit in den Reihen der globalisierungskritischen Linken: der bedauernde Abgesang auf einen ehemaligen Todfeind, den Nationalstaat. Während er auf der einen Seite bereits für tot erklärt wird, den Angriffen des Marktes erlegen, werden andererseits Appelle für seinen Erhalt und zu seiner Unterstützung lanciert. Auch wenn es wenigen um die Wiederbelebung des klassisch keynesianischen Wohlfahrts- oder Sozialstaats geht und sie noch weniger gar das Nationale dem Globalen konzeptionell gegenüber stellen, der Nationalstaat gilt für viele doch als ein letzter Schutz gegen die marktradikalen Angriffe auf einstige Errungenschaften aus sozialen Kämpfen.

Die Schriften von vier Autoren, die als Teil der globalisierungskritischen Bewegung agieren oder als Sprecher und Bezugsgrößen einzelner ihrer Teile fungieren, werden im Folgenden dargestellt: Zygmunt Bauman, Pierre Bourdieu, Noam Chomsky und Subcomandante Marcos. Auf unterschiedliche Art und Weise beklagen alle das Absterben oder den Zerfall des Staates. Bei allen jedoch findet sich zugleich eine Ambivalenz gegenüber dem Nationalstaat, die sie in der Theorie vor simplifizierenden Kurzschlüssen bewahrt und politisch für nicht-staatliche Perspektiven anschlussfähig macht. Solche Perspektiven anzustreben, ist vor allem das Geschäft Sozialer Bewegungen und dabei insbesondere solcher, die nach wie vor (auch) den Staat als Adressaten ihrer Politik ausmachen.

Der Rede vom Absterben des Staates soll schließlich zeitdiagnostisch entgegengehalten werden: Der Staat verschwindet nicht, er verändert sich nur! Die Kritik soll dabei nicht, wie Subcomandante Marcos zurecht einigen Intellektuellen vorwirft1 , als eine vom akademischen Feld über Soziale Bewegungen ausgesprochen, sondern aus ihnen heraus und mit ihnen entwickelt werden.

Ordnung im Dschungel

Der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman gehört zu den exponiertesten KritikerInnen der durch die neoliberale Globalisierung ausgelösten Ungleichheit. Bekannt geworden durch seine Studie zum Holocaust (»Dialektik der Ordnung«), hat Bauman sich in den letzten Jahren mit kritischen Zeitdiagnosen hervorgetan. Seine Analysen sind streitbar und widersprüchlich, in vielen Punkten jedoch mittlerweile Allgemeinplätze, auf denen auch GlobalisierungskritikerInnen sich tummeln. 2

Bauman sieht das »Prinzip nationalstaatlicher Souveränität« bedroht von den globalen ökonomischen Mächten. Er spricht vom neoliberalen Markt als einem »Dschungel«, als einem Ort, an dem menschliches Leben unmöglich werde, weil alles erlaubt sei und niemand Verantwortung übernehme. Den Staat hingegen hat Bauman als Gärtner bezeichnet, immer darum bemüht, Ordnung in seinem Territorium zu schaffen, sein gesellschaftliches Feld zu bestellen, das Gute zu züchten und das Schlechte als Unkraut zu kategorisieren und auszusortieren. Der Staat habe, im Gegensatz zu anderen Institutionen der Moderne und gemäß Max Webers Definition des Gewaltmonopols, das »Monopol auf die Ziele« der gärtnerischen Tätigkeit. Für sein oberstes Ziel, der Herstellung von Ordnung, standen dem modernen Staat als Mittel seine drei Stützen oder Säulen zur Verfügung: Militär, Ökonomie und Kultur.

Obwohl Bauman die Gärtner-Metapher in kritischer Absicht einführt, um gegen die ausgrenzende und letztlich vernichtende Obsession der Ordnung Stellung zu beziehen, lässt sie sich nun gut gegen die drohende Wildnis des Markt-Dschungels wenden – was Bauman dann auch tut, indem er den Nationalstaat normativ anderen Vergemeinschaftungsformen vorzieht. Ordnung und Übersicht seien verloren gegangen, denn mittlerweile hätten sich alle drei staatlichen Säulen tendenziell verselbstständigt, d.h. privatisiert. Allerdings weist Bauman darauf hin, dass der Staat als politischer Souverän zwar geprägt sei von deutlichen und dauerhaften Schwächeanfällen, dennoch erfülle er für den Markt die nützliche Rolle eines lokalen »Distriktpolizisten«. Schwache Staaten gründen sich laut Bauman statt auf ihre ehemaligen Säulen jetzt auf »Stammesgefühle«.

Die neuen Gemeinschaften bekämpften sich gegenseitig, grenzten Fremde noch mehr aus als der Staat und hätten vor allem der ökonomischen Globalisierung nichts entgegenzusetzen, sondern profitierten zum Teil noch von ihr. Den Nationalstaat selbst beschreibt er wegen seiner ethnischen Konzeption als »das einzig erfolgreiche Beispiel einer Gemeinschaft in der Moderne«. Als ein merkwürdiger Kompromiss aus seiner fundamentalen Nationalstaatskritik und der eindeutigen Ablehnung der Neostämme ließe sich dann Baumans politischer Anspruch interpretieren, jeder Anstrengung gegen die beschleunigte Globalisierung müsse »die Aussicht einer ‘globalen Gemeinschaft’ als verbindlicher Horizont dienen«.

Schutzwall und Blickschutz Als engagierter Soziologe hat Pierre Bourdieu sich in den 90er Jahren bis zu seinem Tod im Januar 2002 gegen die neoliberale Globalisierung stark gemacht. Nach seiner Ermutigung der Streikenden im großen Arbeitskampf des öffentlichen Dienstes in Frankreich 1995 hatte er verschiedene Initiativen ergriffen, um den intellektuellen Widerstand gegen den Neoliberalismus zu transnationalisieren. Neben der Gründung der Zeitschrift Liber und des Netzwerkes raison d’agir trat er für eine europäische Sozialbewegung gegen Privatisierungen und Sozialabbau ein.

Bourdieu selbst reflektiert das Paradox, in das er sich als kritischer Intellektueller im Kampf gegen den Neoliberalismus begibt: Er sieht sich »dazu gezwungen (…), Dinge zu verteidigen, die man eigentlich verändern möchte, etwa den Nationalstaat« 3 . Bourdieus theoretisches Staatsverständnis geht von drei Konzentrationen aus: Die der Mittel physischer Gewaltsamkeit und die der ökonomischer Macht – beide historisch bedingt in der Hand des Staates. Beide gehen Hand in Hand, da Geld für Krieg und Polizei und Polizei wiederum für die Sicherung staatlicher Geldschöpfung gebraucht wird. Die dritte Konzentration, die den Staat ausmacht, ist die von kulturellem Kapital, die ihm eine gewisse Unabhängigkeit von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mächten garantiert.

In seinen politischen Texten, so in Gegenfeuer, beschreibt Bourdieu den Prozess einer Rückbildung des Staates. Dieser Rückzug des Staates wird in Gegenfeuer 2 am Beispiel der USA ausgeführt: »Der Staat hat sich aus allen wirtschaftlichen Bereichen zurückgezogen, ihm gehörende Unternehmen verkauft, öffentliche Güter wie Gesundheit, Wohnen, Sicherheit, Erziehung und Kultur – Bücher, Filme, Fernsehen und Radio – in Handelsgüter und deren Nutzer in Kunden verwandelt, die ‘öffentlichen Dienste’ an den privaten Sektor verpfändet und auf seine Macht verzichtet, die Ungleichheit zurückzudrängen (die sich nun maßlos verschärft)«.

In seiner Einschätzung der Rolle, die der Staat selber dabei gespielt hat, schwankt Bourdieu. Einerseits klagt er ihn wegen seiner »Untätigkeit« in sozialen Belangen an. Die Aktivität des Staates besteht demnach vor allem darin, das eigene Nichtstun zu verschleiern. Andererseits gibt er ihm sogar eine Mitschuld. Auch und gerade die sozialdemokratisch regierten Staaten waren es laut Bourdieu, die mit Sozialabbau dem Neoliberalismus zum Sieg verholfen haben. Dennoch hält Bourdieu im Angesicht der neoliberalen Politiken am Staat als mögliche Schutzmacht für die emanzipatorischen Errungenschaften fest. Zum Teil liest es sich dabei sogar so, als hielte er nicht die sozialen Kämpfe um und gegen, sondern den Nationalstaat selbst für den Urheber dieser Errungenschaften.

Der schützende Käfig

Der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky gilt als einer der wirkungsmächtigsten Kritiker der Außenpolitik der USA seit dem Vietnam-Krieg. Er hat in einer Fülle von Artikeln, Aufsätzen und Büchern 4 den Neoliberalismus angegriffen und u.a. wegen der planerischen und autoritären Politik, die unter diesem Namen praktiziert wird, treffend als »Sozialismus für Reiche« bezeichnet. Chomsky gilt als einer der »Stars und Gurus« (Leggewie) der Antiglobalisierungsbewegung.

Ähnlich wie Bourdieu passt Chomsky seine theoretische Staatskritik taktisch den aktuellen politischen Gegebenheiten an. Er gilt als Vertreter klassisch anarchistischer Positionen. Aber schon 1976 hatte er darauf hingewiesen, dass die Monopolisierung privater Macht in der anarchistischen Theorie zu wenig Beachtung gefunden hätte. Unter neoliberalen Bedingungen, die u.a. die Privatisierung der vormals öffentlichen Räume bedeutet, setzt selbst der Anarchist Chomsky sich für den Schutz des Staates ein: Gegenwärtig sei es notwendig, »die öffentliche Arena zu schützen, und das ist heute eben die staatliche Macht«, da hier zumindest noch theoretisch die Beteiligung der Menschen vorgesehen sei. Diesen Raum aufzugeben hieße, ihn den »privatwirtschaftlichen Tyranneien« zu überlassen, die überhaupt keine Rechenschaft mehr schuldig seien.

Im Gegensatz zu Bourdieu tendiert Chomsky aber nicht dazu, den Staat deshalb zu idealisieren. Die Einführung des Sozialstaates, so Chomsky, geschah »um demokratischen Entwicklungen das Wasser abzugraben«. Trotz dieser auf Klassen- und soziale Kämpfe verweisenden Einschätzung tendiert Chomsky in Anlehnung an den klassischen Anarchismus im Gefolge Bakunins dazu, den Staat zu ontologisieren und nicht als soziales Verhältnis zu begreifen. 5Er bezeichnet ihn nach wie vor als Käfig, der als solcher zwar Schutz biete vor dem ihn umkreisenden Raubtier Neoliberalismus und deshalb bewahrt und im Sinne individueller und kollektiver Bewegungsfreiheit vergrößert werden müsse. Letztlich bleibe der Kampf um die Bewegungsfreiheit im Käfig aber das »Vorspiel zu seiner Beseitigung«. Der utopische Horizont Chomskys ist einerseits die Dezentralisierung der Macht im Sinne einer gerechteren Verteilung von Machtressourcen. Andererseits hält er nach wie vor die »demokratische Kontrolle im Bereich der Produktion« für den Kern jedes emanzipatorischen Projekts.

Nationalstaat als Hologramm

Schon in seinem 1997 in Le Monde Diplomatique veröffentlichten Text »Der vierte Weltkrieg hat schon begonnen« hatte der Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN), Subcomandante Marcos 6 , die Zerstörung des Nationalstaates durch den Neoliberalismus beklagt. Mit dem Beginn ihres Aufstands am Tag des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) hatte die EZLN neben der Armut und der rassistischen Ausgrenzung symbolträchtig auch den Neoliberalismus zum Feind der Indígenas und aller Marginalisierten erklärt.

Sechs Jahre nach seinem viel zitierten Text bezeichnet der Guerillasprecher aus den Bergen des mexikanischen Südostens in seiner politischen Bestandsaufnahme »Die Welt: Sieben Gedanken im Mai 2003« die Grenzen des Nationalstaates als eines der Hindernisse für die globalen Eliten, die »Gesellschaft der Macht« genannt, ihre Ziele durchzusetzen. Der Nationalstaat sei dabei einem Weltkrieg ausgesetzt, dem vierten eben, dem er »ohne wirtschaftliche, politische, militärische und ideologische Ressourcen, und, wie die neuesten Kriege und Freihandelsabkommen demonstriert haben, auch ohne legalen Schutz« ausgesetzt sei. Die »Gesellschaft der Macht« habe die wichtigsten Funktionen übernommen, die zuvor dem Nationalstaat eigen waren, ohne freilich die in ihm manifestierten sozialen Errungenschaften zu bewahren. Die post- und transnationalen Eliten kontrollieren laut Marcos »finanzielle Körperschaften (und daher ganze Länder), die Medien, Industrie- und Handelskonzerne, Ausbildungszentren, Armeen und öffentliche und private Polizeiabteilungen«. Der Nationalstaat hingegen sei zu einer Art Hologramm geworden, der einzig »im Fernsehen, im Radio, in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften und im Kino« existiere.

Während Marcos 1997 noch schrieb, die Zapatistische Bewegung verfechte »die Verteidigung des Nationalstaates angesichts der Globalisierung«, hält er inzwischen allerdings die Reorganisation der nationalstaatlichen Fragmente für »nutzlos« und bezeichnet die Hinwendung zur traditionellen Politik als Verbündete im Kampf des Widerstandes als »eine nette Übung in Nostalgie«. Wie in den Augen des Guerilla-Sprechers eine zeitgemäße anti-neoliberale Politik auszusehen hat, lässt sich – im Gegensatz zu den anderen Autoren – bei Marcos auch an nicht-textproduzierenden Praktiken ablesen. Von den diversen zivilgesellschaftlichen Initiativen der Zapatistas bis hin zur Neuformierung der Strukturen in den autonomen Gemeinden im August 2003 ist der Kampf eher auf demokratische Dauermobilisierung denn auf Inklusion in bestehende Institutionen ausgerichtet.

Weder tot noch neutral

Während Bauman, Bourdieu und Chomsky sich darin einig sind, dass es die sich im Staat wiederfindenden Errungenschaften zu bewahren und zu schützen gilt, scheint Subcomandante Marcos mittlerweile von diesem Schutzgedanken abgekommen. Bauman ist bezüglich anti-staatlicher Perspektiven eher skeptisch, eine solche findet sich vor allem bei Marcos und Chomsky. Bourdieu hingegen stützt sich zu weiten Teilen noch auf (klassisch) sozialdemokratische Politikmuster. Dies macht sich vor allem in der Tendenz Bourdieus bemerkbar, den Staat selbst als Produzenten der sozialen Errungenschaften wahrzunehmen, die eigentlich sozialen Kämpfen entspringen und sich bestenfalls in ihm manifestieren.

Dennoch besteht auch Bourdieu in seinen späten politischen Schriften darauf, dass es für eine grundlegende Veränderung nicht in erster Linie eines Staates zur Durchsetzung bestimmter Politiken oder einer traditionellen Gewerkschaft bedarf. Die soziale Bewegung müsse sich zwar sowohl auf die Gewerkschaften, als auch »auf den Staat stützen«, allerdings sie beide dabei auch verändern. Bourdieu spricht sich – hier im übrigen wie Chomsky – für einen »kämpferischen Syndikalismus« aus. Er plädiert für eine internationalistische, antiautoritäre, europäische Gewerkschaftsbewegung, zu deren Entfaltung es weniger organisatorischen Aufwandes als viel mehr eines »Sinneswandels« bezüglich der Politikform bedürfe. Die Sozialgeschichte lehre, »dass es keine Sozialpolitik ohne eine soziale Bewegung zu deren Durchsetzung gibt«.

Die vorgestellten globalisierungskritischen Ansätze enthalten alle wichtige Momente zur Analyse der gegenwärtigen Staaten, greifen aber in unterschiedlicher Weise an verschiedenen Stellen zu kurz. Um zu praktischen Konsequenzen gelangen zu können, sind fünf Punkte zu konstatieren: Zunächst ist, vor allem gegen Bauman und Marcos zeitdiagnostisch festzustellen, dass der Nationalstaat keineswegs tot ist und auch bei andauernder Globalisierung nicht sterben wird. Nicht in seinem Niedergang, sondern in seinen veränderten Funktionen ist er zu begreifen. Zweitens ist zu betonen, dass es nicht den Staat zu verteidigen gilt, sondern bestimmte, politisch erkämpfte Errungenschaften. Diese spielen wiederum oft auf dem Terrain des Staates, weil der Staat drittens – wie etwa Landauer und Poulantzas geschildert haben – kein Subjekt, sondern ein soziales Verhältnis ist.

Ein aktivierender Gestalter

Als solches ist der Staat aber nicht neutral im Sinne eines benutzbaren Instruments. In ihn eingeschrieben sind letztlich immer schon Klassenverhältnisse und die politische Herrschaft 7 . Mit einem solchen Verständnis des Staates können viertens Staat und Kapital als durchaus in Einklang stehend beschrieben werden – was Bauman und Bourdieu kaum tun –, ohne dabei in vulgärmarxistische Verflachungen zu verfallen. Und fünftens ist der Staat als soziales Verhältnis und damit als ein vermachteter Raum beschrieben. Dieser ist dynamisch, d.h. auch historisch veränderbar, dehnt sich aus oder verformt sich. Die gegenwärtig zu analysierenden Verformungen wären wohl in etwa die: Während der Staat sich einerseits aus bestimmten institutionellen Bereichen zurückzieht, weitet er sich andererseits aus in Gebiete, die im Anschluss an Foucault Subjektivierungsweisen genannt werden können: Wie Subjekte geführt werden und wie sie sich (auf)führen.

Um diese Prozesse zu beobachten, ist die Entgegensetzung von Nationalstaat und Globalisierung also alles andere als hilfreich. Zum einen ist also mit der materialistischen Staatskritik von Poulantzas bis Joachim Hirsch festzuhalten, dass die Staaten die Garanten der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung und des sozialen Zusammenhalts bleiben. Joachim Hirsch 8 macht angesichts der Transnationalisierungsprozesse des Staates deutlich, dass der Staat nach wie vor Zentrum der Regulation von Klassenbeziehungen ist und die allgemeinen Produktionsbedingungen bereitstellt (Infrastruktur, Forschung, Technologie). Die Verlagerung von Diskussions- und Entscheidungsprozessen auf internationale Ebenen sowie die Verknappung der zu verteilenden Ressourcen schaffen zwar ein Legitimationsdefizit. Aber dennoch ist der Staat als aktiv(ierend)er Gestalter und nicht als passives Opfer dieser Prozesse zu betrachten.

Zum anderen ist aber neben diesen Aspekten auch der kulturellen Bedeutung des Staates Rechnung zu tragen. Hierfür ließe sich an Bourdieu anknüpfen, und zwar zugleich an seine Kulturtheorie als auch an seine Ideen zu Sozialen Bewegungen. Denn soziale Bewegungen haben in der Regel nicht nur bestimmte Politikinhalte vertreten und für deren Institutionalisierung gekämpft. Auch die Form der Politik im bürgerlichen Staat wurde und wird in Frage gestellt. Soziale Bewegungen setzen unter anderem dort an, wo Marcos den Staat nur noch als Hologramm wahrnimmt und Bourdieu ihn als Monopolisten bezeichnet: an den symbolischen Formen. Sich auf der Ebene von kulturellen Formen zu bewegen, heißt unter anderem, die Präsenz des Staates auf dem Gebiet der Kultur – verstanden im Sinne von Ritualen, Symbolen und Praktiken – ernst zu nehmen. Wenn vor allem dort, wie Bourdieu gezeigt hat, Denk-, Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster geprägt werden, ist dies ein zumindest lohnender Ansatzpunkt.

Zwar gilt Kultur als das Terrain und Feld von Praxen, das am wenigsten plan- und steuerbar ist, dennoch oder gerade deshalb aber wird sie zum bevorzugten Aktionsraum des Staates. Die Produktion kultureller, hier vor allem nationaler Identität findet genau in dem von Marcos als Hologramm bezeichneten Raum statt: Mögen sie auch nicht direkt spürbar sein wie der Polizeiknüppel, so werden die dort gemachten Erfahrungen doch mitgenommen, verinnerlicht und weitergetragen. Die wesentlichen einheitlichen Klassifikationen, von der Sprache bis zur Industrie-Norm, werden auch unter neoliberalen Bedingungen vom Staat vorgenommen und/oder garantiert.

Anmerkungen:

1 »Eine Theorie im Rahmen einer sozialen oder politischen Bewegung hervorzubringen ist nicht das gleiche wie in einem akademischen Umfeld. Und ich sage ‘akademisches Umfeld’ nicht im Sinne von Sterilität oder (nicht-existente) wissenschaftliche ‘Objektivität’, sondern nur um darauf hinzuweisen, dass die Reflexion, das intellektuelle Schaffen ‘außerhalb’ einer Bewegung stattfindet. Und ‘außerhalb’ bedeutet nicht, dass es keine ‘Sympathien’ oder ‘Antipathien’ gibt, sondern dass das intellektuelle Schaffen nicht innerhalb der Bewegung stattfindet, sondern darüber« (Subcomandante Marcos 2003: Die Welt: Sieben Gedanken im Mai 2003, in: http://www.gruppe-basta.de, 17.08.2003).
2 Bauman, Zygmunt 2003: Flüchtige Moderne, Frankfurt a.M.; 1997: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg; 1996: Glokalisierung oder was für die einen Globalisierung, ist für die anderen Lokalisierung; in: Das Argument 217; 1994: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg.
3 Bourdieu, Pierre 2001: Gegenfeuer 2. Für eine europäische soziale Bewegung, Konstanz; 1998a: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt a.M.; 1998b: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Konstanz.
4 Chomsky, Noam 1999: Die heutige Relevanz des Anarchosyndikalismus, in: ders.: Sprache und Politik, Berlin/ Bodenheim bei Mainz; 2000a: Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung, Hamburg/ Wien; 2000b: Der Kampf um größere Bewegungsfreiheit im Käfig. Gespräch mit David Barsamian, in: ders.: Die politische Ökonomie der Menschenrechte, Grafenau.
5 Ein ontologisierendes oder ahistorisches Staatsverständnis wiederum ist nicht unbedingt ein Merkmal des klassischen Anarchismus. Bereits beim Anarchisten Gustav Landauer (1870-1919) findet sich ein Verständnis von Staat als sozialem Verhältnis. Auch die Nation begreift Landauer nicht als Absolutes, sondern als »eine vielfältige Relation«. (Landauer, Gustav 1989: Auch die Vergangenheit ist Zukunft. Essays zum Anarchismus, Frankfurt a.M.)
6 Subcomandante Marcos 2003: Die Welt: Sieben Gedanken im Mai 2003, in: http://www.gruppe-basta.de; 1997: Der vierte Weltkrieg hat schon begonnen; in: Le Monde Diplomatique, 14.August; 1994: Marcos zur ‘Moderne’; in: Topitas (Hg.): ¡Ya Basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg.
7 vgl. Poulantzas, Nicos 2002: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg.
8 Hirsch, Joachim 2001: Die Internationalisierung des Staates. Anmerkungen zu einigen aktuellen Fragen der Staatstheorie, in: ders., Jessop und Poulantzas (Hg.): Die Zukunft des Staates, Hamburg.

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Written by floriangrebner

16. Oktober 2010 um 10:08

Veröffentlicht in Debatte

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