Paxx Reloaded

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Grundlagen: Staatssozialismus und Anarchismus – Inwieweit sie übereinstimmen und worin sie sich unterscheiden

with one comment

von Benjamin R. Tucker

„Freiheit, nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung.“ Proudhon

Es gibt wohl keine Agitation, welche sowohl hinsichtlich der Zahl ihrer Anhänger wie des Bereichs ihres Einflusses je den Umfang erreichte wie der moderne Sozialismus, und welche zur selben Zeit so wenig verstanden und mißverstanden wurde, nicht allein seitens der Feinde und der Gleichgültigen, sondern auch seitens der Freunde und selbst der großen Masse ihrer Bekenner. Dieser bedauerliche und höchst gefährliche Stand der Dinge ist teilweise der Tatsache zuzuschreiben, daß die menschlichen Verhältnisse, die diese Bewegung – wenn irgend etwas so Chaotisches eine Bewegung genannt werden kann – umzugestalten strebt, nicht eine bestimmte Klasse oder Klassen, sondern buchstäblich die ganze Menschheit berühren; teilweise der Tatsache, daß diese Verhältnisse ihrer Natur nach unendlich mannigfaltiger und komplizierter sind als diejenigen, mit denen es je zuvor eine bestimmte Reformbestrebung zu tun hatte; und teilweise der Tatsache, daß die großen, gestaltenden Mächte der Gesellschaft, die Vermittler der Bildung und der Aufklärung, beinahe ausschließlich unter der Kontrolle derjenigen stehen, deren nächstliegende pekuniäre Interessen der Grundforderung des Sozialismus, daß die Arbeit in den Besitz ihres Ertrages gestellt werde, feindlich gegenüberstehen.

 

Beinahe die einzigen Personen, von denen man sagen kann, daß sie auch nur annähernd die Bedeutung, die Prinzipien und die Ziele des Sozialismus verstehen, sind die leitenden Köpfe der äußersten Flügel der sozialistischen Gruppen, und vielleicht einige Geldfürsten selber. Es ist neuerdings ordentlich Mode geworden für Prediger, Professor und Lohnschreiber, diesen Gegenstand zu behandeln, und traurige Arbeit haben sie zum größten Teil daraus gemacht, den Spott und das Mitleid der Urteilsfähigen herauszufordern. Daß diejenigen, die in den sozialistischen Zwischenabteilungen hervorragen, sich nicht vollkommen bewußt sind, um was es sich handelt, geht aus den Stellungen, die sie einnehmen, klar hervor. Wäre dies der Fall, wären sie strenge, logische Denker, wären sie konsequent, ihre Vernunft würde sie längst in das eine oder das andere Extrem getrieben haben.

 

Denn es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die beiden Extreme der ungeheuren Armee, die uns hier beschäftigt, obgleich, wie angedeutet, vereinigt durch die gemeinschaftliche Forderung, daß die Arbeit in den Besitz ihres Ertrages gestellt werde, dennoch in ihren Grundprinzipien hinsichtlich des sozialen Lebens wie der zur Erreichung des gesteckten Zieles zu befolgenden Methoden sich schroffer gegenüberstehen, als ein jedes dem gemeinsamen Feinde, der herrschenden Gesellschaft, gegenübersteht. Sie gründen sich auf zwei Prinzipien. Die Geschichte des Widerstreits dieser beiden Prinzipien ist fast gleichbedeutend mit der Geschichte der Welt, seit der Mensch darin erschienen ist, und alle Zwischenparteien, einschließlich der Stützen der herrschenden Gesellschaft, beruhen auf einem Kompromiß zwischen ihnen. Es liegt deshalb auf der Hand, daß eine intelligente, tiefgreifende Opposition gegen die herrschende Ordnung der Dinge von dem einen oder dem anderen dieser Extreme kommen muß: denn irgendeine Opposition aus einer anderen Quelle müßte sich, weit entfernt, einen revolutionären Charakter zu tragen, in Änderungen von solch oberflächlicher Natur erschöpfen, daß sie gänzlich unfähig wäre, einen solchen Grad der Aufmerksamkeit und des Interesses auf sich zu lenken, wie er jetzt dem modernen Sozialismus zugewandt wird.

 

Die beiden angedeuteten Prinzipien sind die Autorität und die Freiheit, und die Namen der beiden Richtungen der sozialistischen Bewegung, die voll und rückhaltslos das eine oder das andere vertreten, sind der Staatssozialismus und der Anarchismus. Wer weiß, was diese Richtungen wollen und wie sie ihr Ziel zu erreichen gedenken, versteht die sozialistische Bewegung. Es ist behauptet worden, daß es zwischen Rom und der Vernunft keine Zwischenstation gebe. Mit demselben Rechte kann man sagen, daß es zwischen Staatssozialismus und Anarchismus keine Zwischenstation gibt. Es fließen in der Tat beständig zwei Ströme von dem Mittelpunkt des sozialistischen Heeres, die dasselbe zur Rechten und zur Linken sammeln; und, sollte der Sozialismus die Oberhand gewinnen, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß, nachdem dieser Scheidungsprozeß sich vollzogen hat und die bestehende Ordnung zwischen den beiden Lagern zermalmt worden ist, der endgültige und bittere Kampf noch bevorsteht. In diesem Falle werden alle die Achtstundenleute, alle die Gewerkschaftler, alle die Ritter der Arbeit, alle die Grund- und Bodenverstaatlicher, alle die Papiergeldleute, kurz, alle die Mitglieder der tausend und ein verschiedenen Bataillone der großen Arbeiterarmee ihre alten Posten verlassen haben, sie werden auf der einen oder der anderen Seite Stellung genommen haben und die große Schlacht wird beginnen. Was ein schließlicher Sieg der Anarchisten bedeuten wird – dies kurz darzulegen ist der Zweck dieser Abhandlung.

 

Um dies jedoch mit Verständnis zu tun, muß ich zuerst das beiden gemeinsame Feld beschreiben, die Merkmale, die den einen wie den anderen zum Sozialisten machen. Die ökonomischen Prinzipien des modernen Sozialismus sind eine logische Deduktion des von Adam Smith in den ersten Kapiteln seines „Wealth of Nations“ niedergelegten Prinzips, nämlich, daß die Arbeit das wahre Maß des Preises bildet. Aber nachdem Smith dieses Prinzip in der klarsten und präzisesten Weise formuliert hatte, unterließ er plötzlich jede weitere Erörterung desselben, um sich der Beschreibung dessen zu widmen, was in Wirklichkeit den Preis bestimmt, sowie der Darlegung der herrschenden, daraus sich ergebenden Güterverteilung. Seit seiner Zeit sind fast alle Nationalökonomen seinem Beispiel gefolgt, indem sie ihre Aufgabe auf die Beschreibung der Gesellschaft, wie sie sein sollte, sowie die Auffindung der Mittel, die geeignet sind, sie zu dem zu machen, was sie sein sollten. Ein halbes Jahrhundert, nachdem Smith das oben angeführte Prinzip niedergelegt, nahm der Sozialismus es wieder auf, wo jener es hatte liegen lassen, und, indem er die logischen Konsequenzen daraus zog, machte er es zum Eckstein einer neuen ökonomischen Philosophie.

 

Diese Arbeit scheint unabhängig voneinander von drei verschiedenen Männern, drei verschiedenen Völkern angehörend, in drei verschiedenen Sprachen verrichtet worden zu sein: von Josiah Warren, einem Amerikaner; Pierre J. Proudhon, einem Franzosen; Karl Marx, einem deutschen Juden. Daß Warren und Proudhon selbständig und ohne fremde Hilfe zu ihren Schlüssen gelangten, ist gewiß; aber ob Marx nicht großenteils Proudhon für seine ökonomischen Ideen verpflichtet ist, ist fraglich. Wie dem aber auch sei, Marx‘ Fassung dieser Ideen war in so vieler Hinsicht eine ihm eigentümliche, daß er billigerweise zu dem Anspruch auf Originalität berechtigt ist. Daß die Arbeit dieses interessanten Trio so nahezu gleichzeitig verrichtet wurde, scheint anzuzeigen, daß der Sozialismus in der Luft lag, und daß die Zeit reif und die Bedingungen der Entwicklung dieser neuen Gedankenrichtung günstig waren. Was Priorität in der Zeit betrifft, gebührt das Verdienst Warren, dem Amerikaner – eine Tatsache, welche den Stumpfrednern, die so gern gegen den Sozialismus als einen importierten Artikel losziehen, zur Notiznahme empfohlen werden kann. Vom reinsten revolutionären Blut sogar, dieser Warren, denn er stammt von dem Warren, der bei Bunker Hill fiel.

 

Von Smiths Lehre, daß die Arbeit das wahre Maß des Preises ist – oder, wie Warren sagte, daß die Kosten die richtige Grenze des Preises bilden – machte diese drei Männer folgende Deduktionen: daß der natürliche Lohn der Arbeit in dem Ertrag derselben bestehe; daß dieser Lohn oder Ertrag die einzige gerechte Einkommensquelle sei (Schenkung, Erbschaft usw. natürlich außer Betracht gelassen); daß alle diejenigen, die ein Einkommen aus irgendeiner anderen Quelle beziehen, es direkt oder indirekt von dem natürlichen und gerechten Lohn der Arbeit abzögen; daß dieser Abzugsprozeß gewöhnlich eine von drei Formen annehme: – Zins, Rente und Profit; daß diese drei Formen die Dreieinigkeit des Wuchers bilden und einfach verschiedene Methoden seien; um Tribut für den Nießbrauch des Kapitals zu erheben; daß, da Kapital einfach aufgespeicherte Arbeit sei, die bereits ihre völlige Vergütung erhalten habe, der Nießbrauch desselben frei sein sollte kraft des Grundsatzes, daß die Arbeit die einzige Basis des Preises sei; daß der Kapitalausleiher dessen völlige Zurückerstattung, aber nichts weiter beanspruchen dürfe; daß der einzige Grund, weshalb der Bankier, der Aktienbesitzer, der Großgrundbesitzer, der Fabrikant und der Kaufmann imstande seien, der Arbeit Wucher zu erpressen, in der Tatsache liege, daß sie im Schütze gesetzlicher Privilegien oder des Monopols ständen; und daß der einzige Weg, auf dem der Arbeit der Genuß ihres vollen Ertrags oder natürlichen Lohnes gesichert werden könne, in der Niederwerfung des Monopols zu suchen sei.

 

Es muß nicht gefolgert werden, daß Warren oder Proudhon oder Marx sich genau dieser Ausdrucksweise bedient oder genau diesen Gedankengang verfolgt haben, aber sie deuten bestimmt genug den eigentlichen Standpunkt an, den alle drei eingenommen haben, wie auch ihren wesentlichen Gedankenkern bis zu der Grenze ihrer Übereinstimmung. Und, damit ich nicht beschuldigt werde, die Stellung und Argumente dieser Männer unrichtig dargestellt zu haben, mag es geraten sein, im voraus zu betonen, daß ich dieselben mit umfassendem Blicke betrachtet und zwecks scharfen, lebendigen und bestimmten Vergleichs und Kontrastes mir beträchtliche Freiheiten mit ihren Gedanken erlaubt habe, indem ich sie nach meinem eigenen Dafürhalten neu ordnete und mich oftmals einer anderen Ausdrucksweise bediente, ohne sie indessen, nach meiner Überzeugung, in irgendwelcher wesentlichen Einzelheit falsch dargestellt zu haben.

 

Es war an diesem Punkte – der Notwendigkeit der Niederwerfung des Monopols -, daß sich ihre Wege trennten. Hier teilten sich die Straßen. Sie sahen sich genötigt, entweder rechts oder links zu gehen, den Pfad der Autorität oder den Pfad der Freiheit zu verfolgen. Marx schlug die eine Richtung ein; Warren und Proudhon die andere. So entstanden Staatssozialismus und Anarchismus.

 

Betrachten wir zuerst also den Staatssozialismus, welcher als die Doktrin bezeichnet werden kann, daß alle menschlichen Angelegenheiten unter der Leitung des Staates stehen sollen, unbekümmert um individuelle Wahl. Marx, sein Begründer, kam zu dem Schluß, daß die Abschaffung der Klassenmonopole einzig auf dem Wege der Zentralisation und Konsolidation aller industriellen und kommerziellen Interessen, aller produktiven und distributiven Tätigkeiten in ein ungeheures Monopol, den Staat, erreicht werden könne. Die Regierung muß Bankier, Fabrikant, Farmer, Spediteur und Händler werden und in diesen Beziehungen keine Konkurrenz dulden. Grund und Boden, Werkzeuge und alle Produktionsmittel müssen den Händen einzelner entrissen und zum Eigentum der Allgemeinheit gemacht werden. Dem Individuum können nur die zu konsumierenden Produkte, nicht aber die Produktionsmittel gehören. Ein Mensch kann seine Nahrung und seine Kleider eignen, nicht aber auch die Nähmaschine, die seine Hemden näht, oder den Spaten, der seine Kartoffeln gräbt. Produkt und Kapital sind wesentlich verschiedene Dinge(1); erstes gehört dem Individuum, letzteres der Gesellschaft. Die Gesellschaft muß das Kapital, das ihr gehört, an sich reißen, – auf dem Wege der Abstimmung, wenn sie kann; auf dem Wege der Revolution, wenn sie muß. Einmal im Besitze desselben, muß sie es nach dem Majoritätsprinzip durch ihr Organ, den Staat, verwalten, es zu Produktion und Distribution verwenden, alle Preise nach der dabei in Betracht kommenden Arbeitsmenge bestimmen und die ganze Bevölkerung in ihren Werkstätten, auf ihren Ländereien, in ihren Kaufläden usw. beschäftigen. Die Nation muß in eine ungeheure Bürokratie und jedes Individuum in einen Staatsbeamten umgewandelt werden. Alles wird notwendigerweise auf Grund des Kostenprinzips getan werden, da den Leuten das Motiv fehlen wird, aus einander einen Profit herauszuschlagen. Da den Individuen nicht erlaubt sein wird, Kapital zu besitzen, kann keines das andere beschäftigen, nicht einmal sich selbst. Jedermann wird ein Lohnarbeiter und der Staat der einzige Lohngeber sein. Wer nicht für den Staat arbeiten will, muß verhungern oder, was wahrscheinlicher ist, ins Gefängnis wandern. Die Handelsfreiheit muß vollständig aufhören. Die Konkurrenz muß ausgerottet werden. Jode industrielle und kommerzielle Tätigkeit muß sich in ein unabsehbares, ungeheures, allumfassendes Monopol auflösen. Das Heilmittel gegen Monopole ist das Monopol.

 

Solcher Art ist das wirtschaftliche Programm des Staatssozialismus, wie es Karl Marx entnommen ist. Auf die Geschichte seines Wachstums und Fortschritts kann hier nicht eingegangen werden. Hierzulande heißt die dasselbe befürwortende Partei die Sozialistische Arbeiterpartei und sie hat Gruppen und Sektionen in allen größeren Städten. Welch andere Anwendungen sich aus diesem Autoritätsprinzip ergeben werden, wenn es einmal in der wirtschaftlichen Sphäre angenommen ist, liegt auf der Hand. Es bedeutet die absolute Kontrolle alles individuellen Handelns seitens der Majorität. Das Recht solcher Kontrolle ist von den Staatssozialisten schon jetzt zugestanden, obgleich sie behaupten, daß in Wirklichkeit dem Individuum größere Freiheiten erlaubt sein werden, als es sich deren heute erfreut. Doch sie würden ihm nur erlaubt sein, es könnte sie nicht als sein Recht beanspruchen. Es gäbe keine Rechte mehr, nur noch Privilegien. Soviel Freiheit, wie allenfalls bestände, würde nur auf Duldung beruhen und könnte jeden Augenblick entzogen werden. Konstitutionelle Garantien würden nichts nützen. Es gäbe nur einen Artikel in der Konstitution eines staatssozialistischen Landes: „Das Recht der Majorität ist absolut.“

 

Die Behauptung der Staatssozialisten jedoch, daß dieses Recht keine Anwendung finden würde in Dingen, die das Individuum in den engen, privaten Verhältnissen des Lebens angehen, wird durch die Geschichte der Regierungen nicht bestätigt. Es lag von jeher im Wesen der Gewalt, sich zu vermehren, ihre Sphäre zu erweitern, die ihr gesetzten Grenzen zu überschreiten; und wo das Streben, solchen Übergriffen zu opponieren, nicht gepflegt wird, wo das Individuum nicht dazu angehalten wird, seine Rechte argwöhnisch zu bewachen, verschwindet die Individualität nach und nach, und die Regierung oder der Staat wird alles in allem. Kontrolle ist die natürliche Folge der Verantwortlichkeit. Unter dem System des Staatssozialismus, der die Gewalt verantwortlich hält für die Gesundheit, den Wohlstand und die Bildung des Individuums, ist es deshalb selbstverständlich, daß die Gesellschaft auf Grund ihrer Majorität mehr und mehr darauf bestehen wird, die Bedingungen für Gesundheit, Wohlstand und Bildung vorzuschreiben, in solcher Weise die individuelle Unabhängigkeit und mit ihr das Gefühl der individuellen Verantwortlichkeit beeinträchtigend und schließlich gänzlich zerstörend.

 

Was immer auch nun die Staatssozialisten behaupten oder ableugnen, ihr System ist, wenn angenommen, dazu verurteilt, zu einer Staatsreligion zu führen, zu deren Kosten alle beitragen und vor deren Altar alle knieen müssen; zu einer Staatsschule für Medizin, von deren Praktikern die Kranken ausnahmslos müssen behandelt werden; zu einem Staatssystem der Hygiene, das vorschreibt, was alle essen, trinken, womit sie sich bekleiden und was sie tun und lassen müssen; zu einem Staatskodex der Moral, der sich nicht mit der Bestrafung des Verbrechens zufrieden geben, sondern auch was die Majorität als Laster bezeichnen mag, unterdrücken wird; zu einem Staatssystem des Unterrichts, das alle Privatschulen, Akademien und Universitäten verbieten wird; zu einer Staats-Kleinkinderstube, wo alle Kinder gemeinschaftlich auf öffentliche Kosten erzogen werden müssen; und schließlich zu einer Staatsfamilie, mit dem Versuch, Stirpikultur oder wissenschaftliche Züchtung einzuführen, wonach es keinem Mann oder keiner Frau erlaubt sein wird, Kinder zu haben, wenn der Staat es verbietet, und kein Mann und keine Frau sich weigern können, Kinder zu haben, wenn der Staat es gebietet. So wird die Autorität ihren Gipfel und das Monopol seine höchste Machtentfaltung erreichen.

 

Solche Art ist das Ideal des logisch denkenden Staatssozialisten, solches das Ziel am Ende der Bahn, die Karl Marx eingeschlagen hat.

 

Verfolgen wir jetzt die Geschicke Warrens und Proudhons, welche die andere Bahn gingen -die Bahn der Freiheit. Dies führt uns zum Anarchismus, der als die Doktrin bezeichnet werden kann, daß alle menschlichen Angelegenheiten unter der Leitung von Individuen oder freiwilligen Assoziationen stehen sollen, und daß der Staat abgeschafft werden sollte.

 

Als Warren und Proudhon in ihren Forschungen nach Gerechtigkeit für die Arbeit auf das Hindernis der Klassenmonopole stießen, sahen sie, daß diese Monopole auf dem Prinzip der Autorität beruhten, und sie gelangten zu dem Schluß, daß das, was nottue, nicht die Verstärkung der Autorität und die daraus sich ergebende Verallgemeinerung des Monopols, sondern die gänzliche Entwurzelung der Autorität und die unverkürzte Anerkennung des entgegengesetzten Prinzips, der Freiheit, durch die sich daraus ergebende Verallgemeinerung der Konkurrenz, des Gegensatzes des Monopols, sei. Sie erblickten in der Konkurrenz die ausgleichende Macht zwischen den Preisen und den Arbeitskosten der Produktion. Darin stimmten sie mit sämtlichen Nationalökonomen überein. Die Frage präsentierte sich alsdann natürlicherweise, warum die Preise nicht zu den Arbeitskosten herabsinken; wie es noch Einkünfte geben könne, die anders als durch Arbeit erlangt werden; mit einem Wort, warum der Wucherer, der Zins-, Rente- und Provitbezieher existiert. Die Antwort fand sich in der heutigen Einseitigkeit der Konkurrenz. Man ward gewahr, daß das Kapital die Gesetzgebung so gemodelt hatte, daß die unumschränkteste Konkurrenz in der Lieferung produktiver Arbeit erlaubt wird, infolgedessen die Löhne an der Hungergrenze oder so nahe daran wie tunlich erhalten werden; daß sehr starke Konkurrenz gestattet ist im Angebot distributiver Arbeit, oder der Arbeit der handelstreibenden Klasse, infolgedessen nicht die Preise der Waren, wohl aber des Kaufmanns wirkliche Profite auf einem Punkte erhalten bleiben, der einem gerechten Lohne für seine Arbeit einigermaßen nahekommt; daß aber fast durchaus keine Konkurrenz gestattet ist im Angebot des Kapitals, auf dessen Mitwirkung produktive wie distributive Arbeit, um sich nutzbringend betätigen zu können, angewiesen sind, infolge dessen der Zinsfluß, die Haus- und Bodenrente und der Profit des Fabrikanten an patent- und tarifgeschützten Waren auf einem so hohen Punkte erhalten bleiben, wie die Notdurft des Volkes es verträgt.

 

Nach dieser Entdeckung beschuldigten Warren und Proudhon die Nationalökonomen der Furcht vor ihrer eigenen Lehre. Sie ziehen die Manchesterleute der Inkonsequenz. Sie warfen ihnen vor, die freie Konkurrenz der Arbeiter unter sich zu begünstigen, um deren Löhne herunterzudrücken; nicht aber auch die freie Konkurrenz der Kapitalisten unter sich, um deren Wucher zu reduzieren. Laissez faire war eine vortreffliche Sauce zu der Gans Arbeit, aber eine höchst magere Sauce zum Gänserich Kapital. Aber wie diese Inkonsequenz lösen, wie diesen Gänserich mit derselben Sauce bedienen, wie das Kapital zum Kostenpreis oder es wucherfrei in den Dienst des Handels und der Arbeit stellen? – das war das Problem.

 

Marx, wie wir gesehen haben, löste es durch die Erklärung, daß das Kapital eine von dem Produkt wesentlich verschiedene Sache sei, daß es der Gesellschaft gehöre, und folglich von ihr mit Beschlag belegt und im Interesse der Gesamtheit verwaltet werden sollte. Proudhon verspottete diese Unterscheidung zwischen Kapital und Produkt. Er behauptete, Kapital und Produkt seien nicht verschiedene Arten des Reichtums, sondern miteinander abwechselnde Zustände der Funktion desselben; daß aller Reichtum einer fortwährenden Umwandlung von Kapital in Produkt und von Produkt wieder in Kapital unterworfen sei, ein sich unendlich wiederholender Prozeß; daß Kapital und Arbeit einfach soziale Bezeichnungen seien; daß, was in den Händen eines Menschen Produkt sei, in den Händen eines anderen sich unverzüglich in Kapital verwandle, und umgekehrt; daß, gäbe es nur einen Menschen in der Welt, aller Reichtum Kapital und Produkt zugleich wäre; daß der Ertrag von A’s Arbeit dessen Produkt sei, das an B verkauft, B’s Kapital werde (ausgenommen B ist ein unproduktiver Konsument, in welchem Falle es einfach vergeudeter Reichtum sei und außerhalb wirtschaftlicher Berücksichtigung liege); daß eine Dampfmaschine ebensogut Produkt sei wie ein Rock, und daß ein Rock ebensogut Kapital sei wie eine Dampfmaschine; und daß dieselben Billigkeitsgesetze den Besitz des einen wie des anderen beherrschen.

 

Aus diesen und anderen Gründen verweigerten Proudhon und Warren allen Plänen, wie dem der Beschlagnahme des Kapitals seitens der Gesellschaft, ihre Zustimmung. Aber, obschon sie die Vergesellschaftlichung des Kapitalbesitzes verwarfen, zielten sie doch auf die Vergesellschaftlichung seiner Wirkungen ab, indem sie die Nutznießung desselben allen zugute kommen lassen wollten, anstatt, wie heutzutage, fast ausschließlich den Wenigen auf Unkosten der Vielen. Und als das Licht auf sie hereinbrach, sahen sie, daß dies erzielt werden könne durch Unterordnung des Kapitals unter das natürliche Gesetz der Konkurrenz, wodurch der Preis seines Nießbrauchs auf die Kosten reduziert würde, d.h. auf die mit der Handhabung und Übertragung desselben verbundenen Auslagen^ Sie entfalteten die Fahne absoluten Freihandels; Freihandel im eigenen Lande wie mit fremden Ländern; die logische Durchführung der Manchesterlehre, laissez – faire die allgemeine Regel. Unter dieser Fahne begannen sie ihren Kampf gegen die Monopole, sei es das allumfassende Monopol der Staatssozialisten, seien es die verschiedenen Klassenmonopole von heute.

 

Der Bedeutung nach als zweites erscheint das Grund- und Bodenmonopol, dessen üble Wirkung sich hauptsächlich in ausschließlich ackerbautreibenden Ländern, wie Irland, fühlbar machen. Dieses Monopol besteht in der durch Zwangsmittel bewirkten Aufrechterhaltung von Besitztiteln auf Grund und Boden seitens der Regierung, die nicht auf persönlicher Okkupation und Benutzung beruhen. Es war Warren und Proudhon klar, daß, sobald die Menschen keinen Schutz mehr finden außer in der persönlichen Okkupation und Bebauung des Grund und Bodens, die Bodenrente wegfallen und der Wucher eine weitere Stütze verlieren wird. Ihre Anhänger von heute sind bereit, diese Forderung bis zu dem Maße einzuschränken, daß sie zugeben, der sehr kleine, nicht auf Monopol, sondern auf der Überlegenheit des Landes und der Lage beruhende Rest der Grundrente werde eine Zeitlang, vielleicht für immer, fortbestehen, obwohl er unter den Bedingungen der Freiheit ständig nach dem Minimum hin neigen würde. Aber die Ungleichheit der Ländereien, die der Ursprung der ökonomischen Bodenrente ist, wie die Ungleichheit der menschlichen Fähigkeiten, die der Ursprung der ökonomischen Fähigkeitsrente ist, sind kein Grund zu ernstlicher Beunruhigung, selbst für den entschiedensten Gegner des Wuchers nicht, da seine Natur nicht die eines Keimes ist, aus dem andere und schwerwiegendere Ungleichheiten entspringen können, sondern eher die eines absterbenden Zweiges, der letzten Endes einschrumpfen und abfallen wird.

 

Drittens das Zollmonopol, welches in der Förderung der zu hohen Preisen und unter ungünstigen Verhältnissen betriebenen Produktion besteht, indem es diejenigen mit der Strafe einer Steuer belegt, welche die zu billigen Preise und unter günstigen Verhältnissen betriebene Produktion unterstützen. Dieses Monopol macht die Arbeit nicht so sehr dem Nießbrauch des Kapitals tributpflichtig als vielmehr dem Mißbrauch desselben, und das aus demselben stammende Übel unterscheidet sich demgemäß von dem gewöhnlichen Wucher. Die Abschaffung dieses Monopols würde eine große Reduktion der Preise aller bis dahin mit Zoll belegten Waren zur folge haben und die sich daraus ergebende Ersparnis zugunsten der jene Waren konsumierenden Arbeiter wäre ein weiterer Schritt in der Richtung, dem Arbeiter seinen natürlichen Lohn, seinen vollen Arbeitsertrag zu sicher. Proudhon gab jedoch zu, daß die Abschaffung dieses Monopols, solange das Geldmonopol noch besteht, eine grausame und folgenschwere Maßregel wäre, erstens, weil das aus dem Geldmonopol entspringende Übel des Geldmangels sich verschlimmern würde infolge des durch den Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr bedingten Abflusses des Geldes aus dem Lande, und zweitens, weil diejenigen Arbeiter eines Landes, die jetzt in den geschützten Industrien ein Unterkommen finden, entlassen und dem Elend preisgegeben würden, ohne den Vorteil der unstillbaren Nachfrage nach Arbeit, welche ein die freie Konkurrenz zulassendes Geldsystem schaffen würde. Freiheit in der Beschaffung des Zirkulationsmittels im eigenen Lande, Geld wie Arbeit in reichlichem Maß schaffend, – darauf bestand Proudhon als einer dem Freihandel mit fremden Ländern vorauszugehende Bedingung.

 

Viertens das Patentmonopol, das darin besteht, Erfinder und Autoren auf einen hinlänglichen Zeitraum gegen alle Konkurrenz zu schützen, um sie in den Stand zu setzen, vom Volke eine weit über das Arbeitsmaß ihrer Dienste hinausgehende Abgabe zu erheben, – in anderen Worten darin, gewissen Leuten auf eine bestimmte Zeitdauer ein Eigentumsrecht an gewissen Naturgesetzen und -Tatsachen und folglich auch die Macht zu verleihen, andere den Nießbrauch dieses natürlichen Reichtums, der allen gleich zugänglich sein sollte, tributpflichtig zu machen. Die Abschaffung dieses Monopols würde dessen Nutznießer mit einer heilsamen Furcht vor der Konkurrenz erfüllen, infolgedessen sie sich mit einer Vergütung ihrer Dienste zufrieden geben würden, die derjenigen anderer Arbeiter gleichkäme, und die sie sich durchaus sichern könnten, daß sie ihre Produkte und Werke von vornherein zu mäßigen Preisen auf den Markt brächten, die die Konkurrenz in keinem höheren Grade herausfordern würden als andere Unternehmungen auch.

 

Die Ausführung des ökonomischen Programms, das in der Zerstörung dieser Monopole und der Einsetzung der freiesten Konkurrenz an deren Stelle gipfelte, führte seine Vertreter zur Wahrnehmung der Tatsache, daß ihre ganze Betrachtung auf einem sehr fundamentalen Prinzip beruhe, nämlich auf dem Prinzip der Freiheit des Individuums, auf dem Rechte der Selbstherrlichkeit über seine Person, seine Produkte und seine Angelegenheiten, und dem Recht der Auflehnung gegen die Diktatur fremder Autorität. Gerade wie die Idee der Expropriation der Individuen und der Aneignung des Kapitals seitens der Regierung Marx auf die Bahn führte, die in der Apotheose der Regierung und der Verneinung des Individuums endet, so führte die Idee der Expropriation der unter Regierungsschutz stehenden Monopole und der Verallgemeinerung des Kapitalnießbrauchs Warren und Proudhon auf die Bahn, die in der Apotheose des Individuums und der Verneinung der Regierung endet. Hat das Individuum das Recht zur Selbstbestimmung, dann ist alle fremde Regierung Tyrannei. Daraus folgt die Notwendigkeit der Abschaffung des Staates. Das war der Schluß, auf den sich Warren und Proudhon verpflichtet sahen und den sie zum Grundstein ihrer politischen Philosophie machten. Es ist die Lehre, welche Proudhon mit dem Namen Anarchismus belegte, einem dem Griechischen entnommenen Wort, das nicht notwendigerweise, wie allgemein angenommen wird, Ordnungslosigkeit bedeutet, sondern Herrschaftslosigkeit. Die Anarchisten sind einfach unerschrockene Jeffersonsche Demokraten. Sie glauben, daß „diejenige Regierung die beste ist, die am wenigsten regiert,“ und daß diejenige, die am wenigsten regiert, gar keine Regierung ist. Sie sprechen allen durch Zwangssteuern aufrechterhaltenen Regierungen die Berechtigung sogar des einfachen polizeilichen Schutzes von persönlichem Eigentum ab. Den Schutz, solange er notwendig sein mag, betrachten sie als eine Sache, die durch freiwillige Assoziation und Kooperation zwecks Selbstverteidigung zu beschaffen ist, oder als eine Ware, die wie jede andere Ware von denjenigen zu beziehen ist, die den besten Artikel zum billigsten Preise liefern. Nach ihrer Auffassung ist es schon ein Angriff auf das Individuum, dasselbe zwecks Schutzes gegen den Angriff zu besteuern, wenn es diesen Schutz nicht verlangt. Und sie behaupten ferner, daß aller Schutz überflüssig sein werde, wenn einst infolge der Verwirklichung ihres ökonomischen Programms die Armut, und mit ihr das Verbrechen, aus der Welt geschafft sein wird. Die Zwangssteuer ist in ihren Augen das Lebensprinzip aller Monopole, und sie tragen sich mit dem Gedanken des passiven Widerstands gegen den Steuereinnehmer, wenn die rechte Zeit dazu gekommen sein wird, als eines der wirksamsten Mittel zur Erreichung ihrer Ziele.

 

Ihre Stellung zu dieser Frage ist der Schlüssel zu ihrer Stellung zu allen ändern Fragen politischer und sozialer Natur. Soweit es sich in Religionssachen um ihre eigenen Ansichten handelt, sind sie atheistisch, denn sie betrachten die Autorität Gottes und die religiöse Weihe der Moral als den Hauptvorwand der privilegierten Klasse für die Ausübung menschlicher Autorität. „Wenn Gott existiert,“ sagt Proudhon, „so ist er des Menschen Feind.“ Und im Gegensatz zu Voltaires berühmten Epigramm: „Gäbe es keinen Gott, so müßte man einen erfinden“; stellte der große russische Nihilist Michael Bakunin die antitheistische Behauptung auf: „Existierte ein Gott, so müßte man ihn abschaffen.“ Aber obgleich die Anarchisten die theologische Hierarchie verwerfen, indem sie in derselben einen Widerspruch zum Anarchismus erblicken, so bestehen sie doch auf der Freiheit, an dieselbe zu glauben. Sie verwerfen konsequent jede Verkürzung der religiösen Freiheit. Das Recht des Individuums, sein eigener Priester zu sein, oder seinen eigenen Priester zu wählen, proklamierend, bestehen sie gleichfalls auf dem Recht desselben, sein eigener Arzt zu sein, oder seinen eigenen Arzt zu wählen. Kein Monopol in der Theologie, keins in der Medizin. Allgemeine Konkurrenz: geistlicher Rat wie medizinischer Rat muß stehen oder fallen nach eigenem Wert oder Unwert. Und nicht nur in der Medizin, auch auf dem Gebiet der Hygiene muß dieses Prinzip der Freiheit zur Anwendung gelangen. Das Individuum mag für sich entscheiden, nicht allein, was es tun muß, um gesund zu werden, sondern auch, was es tun muß, um gesund zu bleiben. Keine fremde Macht darf ihm vorschreiben, was es essen, trinken, womit es sich bekleiden und was es tun und lassen soll.

 

Auch liegt es nicht im anarchistischen Plan, einen Moralkodex zu schaffen, den sich das Individuum zur Richtschnur nehmen muß. „Bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten“ ist sein einziges Moralgesetz. Einmischungen in die Angelegenheiten anderer ist ein Verbrechen, und das einzige Verbrechen, und mag als solches in gehöriger Weise zurückgewiesen werden. In Übereinstimmung mit dieser Anschauung betrachten die Anarchisten alle Versuche, das Laster zu unterdrücken, als an und für sich verbrecherisch. Sie sehen in der Freiheit, wie in dem aus der-. selben resultierenden allgemeinen Wohl das sichere Heilmittel gegen alle Laster. Aber sie anerkennen das Recht des Trunkenbolds, des Spielers, des Würstlings, der Dirne, ihren eigenen Lebenswandel zu befolgen, bis diese aus freier Wahl demselben zu entsagen sich entschließen.

 

In bezug auf die Versorgung und Erziehung der Kinder würden die Anarchisten weder die kommunistische Kleinkinderstube einsetzen, welche die Staatssozialisten begünstigen, noch das heutige kommunistische öffentliche Schulsystem aufrecht erhalten. Die Amme und der Lehrer, wie der Arzt und der Priester, müssen freiwillig gewählt werden, und ihre Dienste müssen von denjenigen belohnt werden, die sie benötigen. Elterliche Rechte dürfen nicht angetastet und elterliche Verantwortlichkeit darf nicht ändern aufgebürdet werden.

 

Selbst in einer so zarten Angelegenheit, wie dem Verhältnis der Geschlechter schrecken die Anarchisten nicht vor der Anwendung ihres Prinzips zurück. Sie anerkennen und verteidigen das Recht irgendeines Mannes und irgendeiner Frau, oder irgendeiner Anzahl von Männern und Frauen, sich auf so lange oder so kurze Zeitdauer zu lieben, wie sie können, wollen oder mögen. Gesetzliche Ehe wie Ehescheidung sind ihnen beides Abgeschmacktheiten. Sie erschauen eine Zeit, in der jedes Individuum ob Mann, ob Weib, sich selbst versorgen wird, und in der jedes ein eigenes unabhängiges Heim besitzen wird, sei es nun ein eigenes Haus oder Räumlichkeiten in einem Hause mit ändern; in der die Liebesverhältnisse zwischen diesen selbständigen Individuen so verschiedenartig sein werden, wie ihre Neigungen und Wahlverwandschaften; und in der die in diesen Verhältnissen geborenen Kinder ausschließlich den Müttern angehören werden, bis sie alt genug sind, sich selbst anzugehören.

 

Solcher Art sind die Hauptzüge des anarchistischen sozialen Ideals. Es herrscht eine große Meinungsverschiedenheit unter seinen Bekennern bezüglich der besten Mittel, es zu verwirklichen. Mangel an Raum verbietet die Behandlung dieses Teils des Gegenstandes hier. Ich wünsche nur die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß es ein Ideal ist gänzlich unvereinbar mit demjenigen jener Kommunisten, die sich fälschlich Anarchisten nennen, während sie zur selben Zeit ein Regime des Anarchismus befürworten, so despotisch wie dasjenige der Staatssozialisten selber. Und es ist ein Ideal, das so wenig gefördert werden kann durch die von John Most und Fürst Krapotkin empfohlene Expropriation, wie es gehemmt werden kann von den Besen jener Mrs. Partingtons des Richterstuhls, welche sie zum Gefängnis verurteilen; ein Ideal, das die Chicagoer Märtyrer durch ihren glorreichen Tod auf dem Galgen für die gemeinsame Sache des Sozialismus weit mehr förderten, als während ihres Lebens durch ihre bedauerliche, im Namen des Anarchismus ausgesprochene Befürwortung der Gewalt als revolutionär wirksamen Mittels und der Autorität als einer Schutzwehr der neuen sozialen Ordnung. Die Freiheit ist den Anarchisten zugleich Ziel und Mittel und sie sind allem abhold, was ihr entgegensteht.

 

Seit diese Abhandlung verfaßt wurde, ist mir in einer Pariser Zeitung ein Artikel von Ernest Lesigne zu Gesicht gekommen, welcher das, was ich auseinanderzusetzen versuchte, in einer Reihe solch treffender und glänzender Gegensätze zusammengefaßt, daß ich nicht umhin kann, ihn hier zum Schluß zum Abdruck zu bringen:

 

Es gibt zwei Sozialismen.

Der eine ist kommunistisch, der andere solidarisch.

Der eine ist diktatorisch, der andere freiheitlich.

Der eine ist metaphysisch, der andere positiv.

Der eine ist dogmatisch, der andere wissenschaftlich.

Der eine ist gefühlsmäßig, der andere nachdenkend.

Der eine ist niederreißend, der andere aufbauend.

Beide erstreben die größtmögliche Wohlfahrt aller.

Der eine trachtet das Glück aller zu gründen, der andere, jeden in den Stand zu setzen, auf seine eigene Weise glücklich zu sein.

Der erste betrachtet den Staat als eine Gesellschaft sui generis, von einer besonderen Wesenheit, die Schöpfung eines sozusagen göttlichen Rechtes außerhalb und über aller Gesellschaft stehend, mit besonderen Rechten und der Befugnis ausgestattet, unbedingten Gehorsam zu erzwingen; der zweite betrachtet den Staat als eine Assoziation wie jene andere, gewöhnlich schlechter verwaltet als andere.Der erste proklamiert die Oberherrschaft des Staates, der zweite verwirft alle Herrschaft.

Der eine will alle Monopole in den Händen des Staates wissen, der andere wünscht die Abschaffung aller Monopole.

Der eine will die regierte Klasse zu regierenden machen; der andere wünscht die Beseitigung aller Klassen.

Beide erklären, daß die herrschende Ordnung der Dinge nicht dauern könne.

Der erste betrachtet die Revolution als unentbehrliches wirksames Mittel der Evolution; der zweite lehrt, daß Unterdrückung allein die Evolution in Revolution verwandelt.

Der erste glaubt an die Umwälzung.

Der zweite weiß, daß sozialer Fortschritt aus der freien Betätigung der Individuen erfolgen wird.

Beide erkennen, daß wir am Eingang einer neuen Geschichtsperiode stehen.

Der eine wünscht, daß es nur noch Proletarier gebe.

Der andere wünscht, daß es keine Proletarier mehr gebe.

Der erste will jedem alles nehmen.

Der zweite will jeden im Besitz des Seinigen lassen.

Der erste will jeden expropriieren.

Der zweite will jeden zum Eigentümer machen

Der erste sagt: „Tue wie die Regierung will“

Der zweite sagt: „Handle nach eigenem Ermessen.“

Der erste droht mit Despotismus.

Der letztere verheißt die Freiheit.

Der erste macht den Bürger zum Untertanen des Staates.

Der letztere macht den Staat zum Angestellten des Bürgers.

Der eine erklärt die Notwendigkeit der die Geburt der neuen Welt begleitenden Wehen.

Der andere erklärt die Schmerzlosigkeit alles wahren Fortschritts.

Der erste setzt sein Vertrauen in soziale Kriege.

Der andere vertraut nur auf die Werke des Friedens. Der eine trachtet zu befehlen, anzuordnen, Gesetze zu geben. Der andere will das

Minimum von Befehl, Verordnung und Gesetzgebung erreichen. Der eine würde die gräßlichste Reaktion zur Folge haben. Der andere eröffnet dem Fortschritt einen unbegrenzten Horizont. Der erste wird fehlschlagen; der andere wird durchdringen. Beide erstreben Gleichheit.

Der eine, indem er zu hoch Stehende herunterzieht. Der andere, indem er zu niedrig Stehende emporrichtet. Der eine erblickt die Gleichheit im gemeinsamen Joch. Der andere will die Gleichheit der vollkommenen Freiheit. Der eine ist intolerant, der andere ist tolerant. Der eine schüchtert ein, der andere ermutigt. Der erste will jeden unterrichten.

Der zweite will jeden in den Stand setzen, sich selber zu unterrichten. Der erste will jeden erhalten.

Der zweite will jeden in den Stand setzen, sich selber zu erhalten.

Der eine sagt: Der Grund und Boden dem Staat. Das Bergwerk dem Staat. Das Werkzeug dem Staat. Das Produkt dem Staat.

Der andere sagt: Der Grund und Boden dem Bebauer. Das Bergwerk dem Bergmann. Das Werkzeug dem Arbeiter. Das Produkt dem Produzenten. Es gibt nur diese zwei Sozialismen.

Der eine ist die Kindheit des Sozialismus; der andere ist sein Mannesalter. Der eine ist bereits die Vergangenheit; der andere ist die Zukunft. Der eine wird dem anderen Platz machen.

 

Heutzutage muß sich ein jeder für den einen oder den ändern dieser beiden Sozialismen entscheiden, oder aber bekennen, daß er kein Sozialist ist.

 

 

(1) Ein Freund, dem ich dieses Manuskript zur Einsicht unterbreitete und der sich in allgemeiner Übereinstimmung mit dessen Hauptpunkten findet, erhebt den Einwand, daß die hier Marx zugeschriebene Unterscheidung zwischen Kapital und Produkt nicht von ihm selber gemacht wurde, obwohl sie von seinen Anhängern hervorgehoben wird. Meiner Meinung nach ist sie billigerweise Marx selber zuzuschreiben. Sie ist in der eigentlichen Grundarbeit seines ökonomischen Systems enthalten, in seiner Erklärung der beiden Formen der Warenzirkulation, zwischen denen er unterscheidet – Ware-Geld-Ware und Geld-Ware-Geld. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sollte bemerkt werden, daß nicht behauptet wird, Marx habe diese Unterscheidung auf moralische Erwägungen gegründet, sondern daß er sie einfach als eine Sache ökonomischer Notwendigkeit betrachtete.

 

Written by floriangrebner

19. Oktober 2010 um 22:09

Veröffentlicht in Grundlagentexte, Klassiker

Eine Antwort

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  1. “ Sie entfalteten die Fahne absoluten Freihandels; Freihandel im eigenen Lande wie mit fremden Ländern; die logische Durchführung der Manchesterlehre, laissez – faire die allgemeine Regel. Unter dieser Fahne begannen sie ihren Kampf gegen die Monopole, sei es das allumfassende Monopol der Staatssozialisten, seien es die verschiedenen Klassenmonopole von heute.“
    Für mich der Kernsatz! Wer daran festhält und das von Ludwig von Mises in „Nationalökonomie“ und „Human Action“ enthaltene Kapitel über das Wesen und die Bildung von Monopolen verstanden hat, braucht keine Attribute wie links- oder konservativ-anarchistisch/libertär. Werner L. Ende

    Dr. Werner Ende 

    22. Dezember 2010 at 17:08


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