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Warum ich Anarchist bin

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von Benjamin R. Tucker

Warum bin ich Anarchist? Das ist die Frage, welche der Herausgeber des TWENTIETH CENTURY seinen Lesern zu. beantworten mich ersucht hat. Ich komme dem nach; aber, offen gesagt, halte ich das für eine schwierige Aufgabe. Wenn der Herausgeber oder einer seiner Mitarbeiter nur angeregt hätte, einen Grund zu nennen, warum ich irgendetwas anderes als ein Anarchist sein sollte, so würde ich ganz. sicher keine Schwierigkeit haben, diesen Grund zu befreiten. Und liefert nicht eben diese Tatsache selbst schliesslich den besten aller Gründe, warum ich Anarchist sein sollte -nämlich die Unmöglichkeit, irgendeinen vernünftigen Grund dafür zu entdecken, irgendetwas anderes zu sein? – Die Gebrechlichkeit der Ansprüche des Staatssozialismus, des Nationalismus, Kommunismus, der Einzige-Steuer-Bewegung, des herrschenden Kapitalismus und all der zahlreichen Herrschaftsformen, die existieren oder vorgeschlagen werden, aufzuzeigen, das heißt zugleich auch die Gültigkeit der Ansprüche des Anarchismus aufzeigen. Wenn man die Herrschaft verneint, so kann nur die Herrschaftslosigkeit bejaht werden. Das ist eine Sache der Logik.

 

Aber augenscheinlich kann dem an mich gerichteten Wunsch nicht in dieser Weise zufriedenstellend begegnet werden. Der Irrtum und das Kindische des Staats Sozialismus und all der Gewaltherrschaften, denen er verwandt ist, sind wiederholt und nachdrücklich auf viele Arten und in vielen Orten erwiesen worden. Es gibt keinen Grund, dies mit den Lesern des TWENTIETH CENTURY durchzuackern, selbst wenn es vollauf als Beweis für den Anarchismus genügt. Etwas Positives wird verlangt, nehme ich an.

 

Nun denn, beginnen wir mit der breitesten Verallgemeinerung: Ich bin Anarchist, weil der Anarchismus und die Philosophie des Anarchismus meinem eigenen Glück förderlich sind. „O ja, wenn das der Fall wäre, dann sollten wir natürlich alle Anarchisten sein“, werden die Herrschaftsanhänger einstimmig ausrufen – zumindest alle, die sich von religiösem und ethischem Aberglauben freigemacht haben – „aber gestatten Sie: wir leugnen, daß der Anarchismus zu unserem Glück förderlich ist.“ Tut Ihr das, meine Freunde? Wirklich, ich glaube Euch nicht, wenn Ihr das so sagt; oder, um es höflicher auszudrücken: ich glaube nicht, daß Ihr so sprechen würdet, wenn Ihr einmal den Anarchismus begreift. Denn was sind die Bedingungen des Glücks? Für vollkommenes Glück gibt es viele. Aber elementare und Hauptbedingungen gibt es nur wenige und einfache. Sind diese nicht die Freiheit und materieller Wohlstand? Ist es nicht wesentlich für das Glück jedes hoch entwickelten Wesens, daß es und seine Umwelt frei sein sollten? Es scheint müßig, das zu leugnen und im Falle der Leugnung; würde es ebenso unnütz erscheinen, dagegen Gründe anzuführen. Keine noch so große Augenscheinlichkeit, daß menschliches Glück sich vermehrt hat mit menschlicher Freiheit, könnte jemand überzeugen, der unfähig ist, den Wert der Freiheit von selbst zu würdigen, ohne daß man da nachhelfen muß. Und für alle außer solch einem ist es also selbstverständlich, daß von diesen beiden Bedingungen – Freiheit und Wohlstand – die erstere Vorrang hat als ein Umstand bei der Erzeugung von Glück. Es würde nur ein erbärmlicher Glücksersatz, sein, den bloß einer dieser Faktoren allein bieten würde, wenn er nicht den anderen herbeiführen oder von ihm begleitet sein konnte; aber alles in allem würde viel Freiheit und wenig Wohlstand vorzuziehen sein gegenüber viel Wohlstand und wenig Freiheit. Die Klage der Staats Sozialisten, daß die Anarchisten „Bourgeois“ seien, ist berechtigt bis zu diesem Punkt und nicht weiter – daß sie, so groß ihre Verabscheuung einer Bourgeois-Gesellschaft auch ist, sie dennoch deren teilweise Freiheit der völligen Sklaverei des Staats Sozialismus vorziehen. Ich kann gewiß mit mehr Vergnügen – nein, mit weniger Schmerz – auf den gegenwärtig kochenden, tobenden Kampf sehen, in welchem einige oben und einige unten sind, einige fallend und einige aufsteigend, einige reich und viele arm, aber keiner völlig gefesselt oder gänzlich hoffnungslos hinsichtlich einer besseren Zukunft, als ich es auf Herrn Thaddeus Wakeman’s Ideal tun könnte: die einförmige und elende Gemeinschaft .eines Gespanns sklavischer Ochsen.

 

Um es nochmals zu sagen, glaube ich nicht, daß viele der Herrschaftsanhänger dazu gebracht werden können, in vielen Worten zu sagen, daß Freiheit nicht die erste Voraussetzung des Glücks ist, und in diesem Fall können sie nicht leugnen, daß Anarchismus, welcher nur ein anderer Name für Freiheit ist, förderlich für das Glück ist. Wenn dies wahr ist, bin ich der Frage nicht aus gewichen und habe meine Sache bereits begründet. Nichts weiter ist nötig, um mein anarchistisches Glaubensbekenntnis zu rechtfertigen. Selbst wenn irgendeine Form der Herrschaft erfunden werden könnte, die unendlichen Wohlstand schaffen und ihn mit absoluter Gerechtigkeit verteilen würde (entschuldigen Sie die absurde Hypothese einer Verteilung des unbegrenzten), dann würde immer noch die Tatsache, daß in ihr eben eine Verleugnung der Hauptbedingung des Glücks liegt, zu ihrer Zurückweisung nötigen und zur Annahme ihrer einzigen Alternative, des Anarchismus.

 

Aber, obwohl dies genug ist, ist es nicht alles. Es ist genug zur Rechtfertigung, aber nicht genug zur Begeisterung. Das Glück, welches möglich ist in irgendeiner Gesellschaft, welche nicht die gegenwärtige Art der Verteilung des Wohlstandes verbessert, kann schwerlich als überzeugend beschrieben werden. Keine Aussicht kann mit Bestimmtheit verlockend sein, die nicht beide Erfordernisse des Glücks verspricht – Freiheit und Wohlstand. Nun eben, der Anarchismus verspricht beides. Tatsächlich verspricht er das zweite als das Resultat des ersten und Glück als das Resultat von beidem.

 

Dies bringt uns in den Bereich der Wirtschaft. Wird die Freiheit den Wohlstand reichlich produzieren und gerecht verteilen? Das ist die verbleibende Frage, die zu beantworten ist. Und gewiß kann sie nicht in einem einzigen Artikel im TWENTIETH CENTURY hinreichend behandelt werden. Höchstens ein paar allgemeine Bemerkungen sind zulässig.

 

Was verursacht die ungerechte Verteilung des Wohlstandes? „Die Konkurrenz“, schreien die Staatssozialisten. Und wenn sie recht haben, dann sind wir wirklich in einer schlechten Lage, denn wir werden in diesem Fall niemals fähig sein, Wohlstand zu gewinnen, ohne die Freiheit zu opfern, und Freiheit müssen wir haben, unter allen Umständen. Aber glücklicherweise haben sie nicht recht. Nicht die Konkurrenz, sondern das Monopol ist es, das die Arbeit ihres Produktes beraubt. Abgesehen von Löhnen, Erbschaft, Geschenken und Glücksspiel, beruht jeder Vorgang, durch welchen die Menschen Reichtum erwerben, auf einem Monopol, einem Verbot, einer Verleugnung der Freiheit. Zinsen und Mieten beruhen auf dem Geld- und Banken-Monopol, dem Verbot der Konkurrenz dem Finanzwesen, der Verweigerung der Freiheit der Geldschöpfung; die Grundrente beruht auf dem Boden-Monopol, der Verweigerung der Freiheit, freies Land zu benutzen; übermäßige Gewinne beruhen auf Tarif- und Patent-Monopolen, dem Verbot oder der Begrenzung der Konkurrenz in den Industrien und Künsten. Da gibt es nur eine Ausnahme und zwar eine verhältnismäßig unbedeutende: ich meine die wirtschaftliche Rente im Unterschied zur monopolistischen Rente. Diese beruht nicht auf einer Verweigerung von Freiheit; sie ist eine der natürlichen Ungleichheiten. die wird wahrscheinlich als unvermeidlich bleiben. Vollkommene Freiheit wird ihr Gewicht sehr stark mindern; daran zweifle ich nicht. Aber ich erwarte nicht, daß sie je den verschwindenden Punkt erreicht, nach dem Herr M’Cready so vertrauensvoll ausschaut. Schlimmstenfalls jedoch wird es von geringer Bedeutung sein, keiner Betrachtung mehr wert im Vergleich mit der Freiheit, a1s die geringe Ungleichheit, die immer existieren wird als Folge der Ungleichheit in der Tüchtigkeit (Geschicklichkeit).

 

Wenn also alle diese Methoden der Erpressung an der Arbeit auf Verweigerung der Freiheit beruhen, besteht das einfache Heilmittel in der Verwirklichung der Freiheit. Zerstört das Bankmonopol, schafft Freiheit im Geldwesen und der Zins wird hinuntergehen durch den wohltätigen Einfluss der Konkurrenz. Kapital wird freigesetzt werden, die Geschäfte werden gedeihen, neue Unternehmungen werden starten. Nachfrage nach Arbeit wird da sein und allmählich werden die Löhne der Arbeit nicht auf das Niveau ihres Produkts erheben. Und dasselbe geschieht bei den anderen Monopolen. Schafft die Zölle ab, gebt keine Patente aus, beseitigt die Riegel von unbearbeitetem Land und die Arbeit wird sich sofort darauf stürzen und Besitz ergreifen von dem, was ihr gehört. Dann wird die Menschheit in Freiheit und Behaglichkeit leben.

 

Das ist es, was ich sehen möchte; das ist es, woran ich gern denke. Und weil der Anarchismus dieser Zustand der Dinge bringen wird, bin ich Anarchist. Die Behauptung, daß er es tun wird, ist noch kein Beweis, das gebe ich zu. Aber es kann auch nicht durch bloßes Leugnen widerlegt werden. Ich warte auf irgendeinen, der mir durch die Geschichte, durch Tatsachen oder durch Logik beweist, daß Menschen soziale Bedürfnisse haben, die überlegen sind der Freiheit und dem Wohlstand, oder daß irgendeine Form der Herrschaft ihnen diese Bedürfnisse befriedigen wird. Bis dahin werden die Grundlagen meines politischen und wirtschaftlichen Glaubensbekenntnisses so verbleiben, wie ich sie in diesem kurzen Artikel dargelegt habe.

 

 

 

 

Aus: Benjamin R.Tucker , „State Socialism and Anarchism and other Essays ( Ralph Myles Publisher , Inc. ,Box 1533,Colorado Springs, Colorado 80901) übersetzt von K.H.Z. Solneman.

Written by floriangrebner

19. Oktober 2010 um 22:12

Veröffentlicht in Ethik

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