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Zur Stirner-Gsell Debatte: Stirner — ein Trivial-Egoist?

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von Bernd A. Laska

Im DRITTEN WEG vom März 1989 forderte Franz Josef Huber, man solle sich in dieser Zeitschrift nicht darauf beschränken, wieder und wieder die Vorzüge der Freiwirtschaft zu preisen, man solle auch den Mut aufbringen, auf deren „weltanschauliche Grundlage“ einzugehen. Diese bestünde, so Huber weiter, in der von Gesell bewusst oder instinktiv genutzten „Tatsache, dass jeder Mensch von Natur eigennützlich handelt und auch gar nicht anders handeln kann.“

Im folgenden Heft schrieb Hans-Joachim Führer, er habe sich über Hubers Beitrag sehr gefreut, weil dieser „eine hoffentlich heisse und seit langem überfällige Diskussion in Gang setzen könnte.“

Der Name Stirner fiel in diesen beiden Beiträgen noch nicht, doch hatten, wie sich bald zeigte, sowohl Huber als auch Führer nur ihn im Sinn. Führer eröffnete die eigentliche Diskussion im Maiheft, indem er „die zahlreichen Anhänger Max Stirners, die in der (Freiwirtschafts-)Bewegung von allem Anfang an ideologisch tonangebend waren“, für die schlechte Rezeption der Freiwirtschaftslehre verantwortlich machte. Er bekannte sein Unverständnis darüber, „wie Huber zur Überzeugung kommen kann, dass eine Gesellschaft aus menschlichen Wölfen durch die Geld- und Bodenreform zum Frieden gebracht werden könnte“, und plädierte für das christliche „Prinzip der Nächstenliebe“. Huber wies daraufhin im Juliheft das ihm von Führer untergeschobene Stirnerverständnis (Wolfsgesellschaft) zurück und versuchte, komprimiert auf eine Seite, sein wirkliches zu umreissen und dessen Zusammenstimmen mit Gesells Lehre plausibel zu machen.

In den folgenden Heften weitete die Debatte sich aus, sowohl thematisch als auch personell. Sie gewann dadurch leider nicht an Klarheit und lässt sich u. a. deshalb kaum gültig resümieren. Zwar wurde sie, wie von Führer erwartet, recht „heiss“, aber doch eher im Ton als in der Sache. Schliesslich endete sie (vorerst?) im Heft vom Januar 1990 mit je einem Beitrag von Führer und Huber. Beide Kontrahenten waren mittlerweile offensichtlich aneinander resigniert. Führer: „… wäre die Sache nicht so äusserst brisant und wichtig, glauben Sie mir: ich würde den Vorgang zu den Akten legen.“ Und Huber hatte keine Hoffnung mehr, Führer „von seinem Glauben abzubringen“, nur noch die, dass durch seine Darlegungen „von der jüngeren Generation vielleicht der eine oder andere zum Denken angeregt wird.“


In der Tat scheint es wenig sinnvoll, im Rahmen einer Zeitschrift mit relativ kurzen Beiträgen in diesem Falle mehr anzustreben, als Hinweise und Denkanregungen zu geben. Die Thematik ist zu tiefgehend, als dass man erwarten könnte, sie in ein paar kurzen Artikeln adäquat abhandeln zu können. Es wäre gewiss schon ein grosses Verdienst, wenn es jemandem gelänge, in einem Artikel prägnant und argumentativ überzeugend darzulegen, warum die Thematik, um die es bei Führer und Huber geht, überhaupt „äusserst wichtig und sogar brisant“ ist, was beide übereinstimmend versichern, während andere (Johannes Schumann, Sept. 1989, S. 20; Josef Hüwe, Jan. 1990, S. 21) dies nicht so sehen.

Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle damit begnügen, einige Hinweise für solche Leser zu geben, denen sich diese Frage nicht mehr stellt, die also, aus welchen Gründen auch immer, bereits motiviert sind, in jene Thematik tiefer einzudringen.

Stirners bekanntes Buch »Der Einzige und sein Eigentum« (1844) wurde in den Beiträgen mehrfach genannt. Der Abdruck des Vorworts scheint mir allerdings weniger als die Verständnishilfe wirksam werden zu können, als die er gemeint war, sondern eher die Meinung zu begünstigen, bei Stirner handele es sich bloss um einen trivialen Egoismus, der zulässigerweise und ohne an wesentlichem Gehalt einzubüssen auf die Formel „Mir geht nichts über Mich“ reduziert werden könne.

Die Rezeptionsgeschichte des »Einzigen« lehrt jedoch, dass dieser durchaus ein schwieriges Buch ist, das nicht bis heute von allen Seiten (ausser einigen „Stirnerianern“) immer wieder angefeindet worden wäre, wenn es sich bei ihm letztlich nur um ein Hohelied auf den Trivialegoismus handelte. Es sollte daher auf jeden Fall ganz und sehr genau gelesen werden. Wichtig ist zusätzlich der Aufsatz »Rezensenten Stirners«, in dem Stirner versucht, in Erwiderung auf zeitgenössische Kritiker wie Moses Hess und Ludwig Feuerbach, Missverständnisse seines Egoismus-Begriffs zu korrigieren. (Enthalten in: Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken. LSR-Verlag, Nürnberg 1986. S. 147-205).

Von Gesells »Gesammelten Werken« sind, soweit mir bekannt, bisher fünf Bände erschienen. Es lohnt sich, darin einmal die Stellen nachzuschlagen, von denen Huber sagt (Januar 1990, S. 24), dass sich in ihnen Gesell „eindeutig zu Stirner bekennt.“ Man wird feststellen, sofern man Stirner kennt, dass diese „Bekenntnisse“ ausgesprochen unspezifisch sind — ebenso unspezifisch übrigens wie jenes spätere im Vorwort zur NWO. Selbst Gesells Rede »Am Grabe Georg Blumenthals« (1929), deren wichtigste Passage Führer zwecks ausführlicher Kommentierung und „Denkmalssturz“ ungekürzt zitiert (Okt. 1989, S. 19 f.), zeugt nicht davon, dass Gesell sich Stirners Begriff vom Egoismus zu eigen gemacht hätte — was natürlich keineswegs heissen muss, dass Stirners „Lehre“ und NWO nicht miteinander verträglich seien.

Eine Stirner-Gesell-Debatte wurde im übrigen bereits in den zwanziger Jahren geführt, und es mag zu Spekulationen verlocken, warum sowohl Gesell als auch Blumenthal zu ihr schwiegen (vielleicht gibt es aber dazu noch klärendes Archivmaterial). Sie wurde durch den Stirnerianer Rolf Engert eröffnet, der 1921 die Schrift »Die Freiwirtschaft, ein praktischer Ausdruck der Stirner’schen Philosophie«, im Erfurter Freiland-Freigeld-Verlag erscheinen liess. Engert setzte seine Versuche, Stirner und Gesell theoretisch zusammenzubringen, noch in einer Reihe von Vorträgen, Broschüren und Artikeln fort, erhielt jedoch, obwohl er sich auf einige Bemerkungen Blumenthals und Gesells berief, fast keine positive Resonanz aus den Reihen der Freiwirtschaftler. Diese waren zwar in Fraktionen zerspalten, aber, entgegen der Behauptung Führers von einem fatalen Einfluss der „zahlreichen Anhänger Max Stirners“, meist einig in der Abwehr der stirnerianischen Fusionsversuche Engerts.

Engerts Bemühungen blieben indes nicht ganz vergeblich. Sie führten einen anderen Stirnerianer, Hans Sveistrup, zur Beschäftigung mit Gesell. Sveistrup fasste die Ergebnisse seiner Studien in dem Buch »Stirners drei Egoismen. Wider Karl Marx, Othmar Spann und die Fysiokraten« zusammen, das 1932 im [freiwirtschaftlichen] Verlag Rudolf Zitzmann in Lauf bei Nürnberg erschien und 1983 vom Verlag der Mackay-Gesellschaft in Freiburg als Nachdruck herausgegeben wurde. Er bestritt darin Engerts Hauptthese der Zusammengehörigkeit von Stirner und Gesell, worauf Engert mit einer Artikelserie »Silvio Gesell und Max Stirner« replizierte, die in dreizehn Folgen in der Zeitung »Letzte Politik«, beginnend in Nr. 47 des Jahres 1932, erschien. Die Debatte endete in den ersten Monaten des Jahres 1933.

Ich denke, dass diese damals sehr sachkundig geführte Auseinandersetzung, in der vor allem Stirners Egoismusbegriff nicht trivialisiert, sondern problematisiert wurde, es wert ist, der Vergessenheit entzogen zu werden. Es dürfte allerdings kaum möglich sein, sie hier in wenigen Spalten zu vergegenwärtigen. Vielleicht aber können diese Hinweise einige Leser zu vertieften Studien anregen und in der Folge die festgefahrene Debatte, die bisher hauptsächlich von Führer und Huber bestritten worden ist, wieder in Bewegung bringen.

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Written by floriangrebner

27. Oktober 2010 um 16:34

Veröffentlicht in Debatte, Ethik

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