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Der „Eigner“ bei Max Stirner

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von Bernd A. Laska

 

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Die Darstellung der Stirner’schen Gestalt des Eigners wirft jedoch besondere Probleme auf, und zwar, weil Stirners eher als Gelegenheitsschrift entstandenes Buch »Der Einzige und sein Eigentum« nicht frei von terminologischen Unklarhei-

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ten ist, (73+) und weil Stirner es zudem vermieden hat, dies allerdings in voller Absicht, dem Eigner festgelegte Konturen zu geben — so dass man es hier, zugespitzt gesagt, mit einer gestaltlosen Gestalt zu tun hat. (74+) Es muss also zunächst gezeigt werden, dass es dennoch sinnvoll ist, von der „Gestalt des Eigners“ zu reden.

Stirner entwickelte die Gestalt, Denkfigur oder auch Vision des Eigners in der Auseinandersetzung sowohl mit Hegel als auch mit dessen damaligen „linken“, aufklärerischen Kritikern Ludwig Feuerbach und Bruno Bauer, die deshalb zunächst unter dem hier relevanten Aspekt kurz charakterisiert werden müssen.

Hegel hatte dem Denken der Aufklärung Einseitigkeit vorgeworfen, weil es nur der Natur eine inhärente Vernunft zusprach, die es zu erkennen gelte, nicht aber der „sittlichen Welt“, der Kulturgeschichte, dem Staat, dem Glauben etc. Er hatte es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die durch die Aufklärung erzeugte „unselige Entzweiung“ des abendländischen Geistes durch eine umfassende „Philosophie der Versöhnung“ von Wissen und Glauben und einen umfassenden Begriff von Vernunft zu beseitigen. Er wollte damit allen, denen es an „natürlicher Sitteneinfalt“ mangelte, zu der Einsicht verhelfen, dass wahrhafte Vernunft sich nicht im aufklärerischen Räsonieren zeige, das der Welt vorschreiben wolle, wie sie sein soll, sondern vielmehr in der durch harte Arbeit gegen die Subjektivität erlangten „Weisheit, so zu leben wie sein Volk“.

Da Hegel wusste, wie schwer solche Einsicht dem Intellekt fällt, forderte er eine frühzeitig einsetzende Bildung des Gemüts nach folgender Maxime: „Hauptmoment der Erziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den Eigenwillen des Kindes zu brechen […] Das Vernünftige muss als seine

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eigenste Subjektivität in ihm erscheinen […] Die Sittlichkeit muss als Empfindung in das Kind gepflanzt worden sein…“ (75)

Die linken Kritiker Hegels, die wenige Jahre nach dessen Tod auftraten, hatten sich vorgenommen, die Ideen der französischen Aufklärung, namentlich die ihrer radikaleren, atheistischen Richtung, die in Deutschland nie wirklich rezipiert und in Frankreich bereits verschüttet waren, wiederzubeleben. Sie wollten der Hegel’schen kontemplativen, retrospektiven Philosophie eine zukunftsgestaltende „Philosophie der Tat“ entgegensetzen, wollten die Welt nicht mehr nur interpretieren, sondern verändern, d.h. (nach einem von ihnen ersonnenen Massstab) verbessern, wollten ihr also mit Nachdruck sagen, wie sie sein soll.

Doch gerade in einem in dieser Hinsicht sehr wichtigen Bereich, dem der Erziehung, stimmten die aufklärerischen und revolutionären Hegelkritiker, ohne sich dessen bewusst zu sein, mit Hegel weitgehend überein. So forderte selbst der Anarchist Bakunin, Kinder müssten sich „bis zum Alter ihres Freiwerdens … unter dem Regime der Autorität befinden.“ Dies solle zwar mit fortschreitendem Alter milder werden, aber nur deshalb, „damit die herangewachsenen Jünglinge, wenn sie vom Gesetz freigemacht sind, vergessen haben mögen, wie sie in ihrer Kindheit durch etwas anderes als die Freiheit geleitet und beherrscht wurden.“ (76)

Zur Erzeugung des „vernünftigen“ Menschen, bei Hegel des „Sittlichen“, bei den nachhegel’schen Aufklärern des „Freien“ bzw. des sog. Gattungswesens, wird also von den Vertretern dieser beiden sonst als gegensätzlich auftretenden Grundpositionen mit grosser Selbstverständlichkeit die prinzipiell gleiche Methode genannt: die im frühen Kindesalter einsetzende zwanghafte, brutale oder manipulative, jedenfalls „unvernünftige“ Internalisierung des jeweils für

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vernünftig, gut, richtig etc. gehaltenen Wertesystems, sei dies ein historisch überliefertes, vorgefundenes, sei dies ein konstruiertes, erfundenes.

Stirner als einziger erkannte in solcherart von allen Seiten angestrebten „Bildung“ das grundlegende Übel. Sogar deren gelungenste Produkte erschienen ihm als abschreckend: „Was sind unsere geistreichen und gebildeten Subjekte grösstenteils? Hohnlächelnde Sklavenbesitzer und — selber Sklaven.“ Aus den pädagogischen „Menagerien“ gingen bestenfalls Gelehrte und „brauchbare Bürger“ hervor; diese seien aber letztlich „nichts als unterwürfige Menschen.“ Stirner sah — wie Hegel –, dass die Methode der Erziehung das Entscheidende ist, und forderte deshalb schon in einem frühen Aufsatz — gegen Hegel und gegen dessen linke Kritiker gleichermassen –, dass „der Wille, der bisher so gewalttätig unterdrückte, nicht länger geschwächt werden“ dürfe, damit „freie Personen, souveräne Charaktere“ entstünden. (77)

In dem Buch »Der Einzige und sein Eigentum« spricht Stirner nicht mehr vom „freien“, „souveränen“, „wahren“ etc. Menschen, sondern, aus Gründen terminologischer Abgrenzung, vom „Eigner“. Auch hier betont er, im Gegensatz zu Aufklärern und Gegenaufklärern, dass es geradezu das fundamentale Übel sei, dass „der moralische Einfluss das Hauptingredienz unserer Erziehung“ ist. (78) „Der moralische Einfluss nimmt da seinen Anfang, wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst, die Brechung und Beugung des Mutes zur Demut herab.“ (79) Das Übel bestehe also darin, „dass unsere ganze Erziehung darauf ausgeht, Gefühle in uns zu erzeugen, d.h. sie uns einzugeben, statt die Erzeugung derselben uns zu überlassen, wie sie auch ausfallen mögen.“ Die letzteren wären „eigene“, wären Gefühle, deren „Eigner“ ich bin. Die ersteren

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wären mir, obwohl zunächst fremd, durch die Art ihrer Implantation bald „heilig“; ich wäre nicht ihr Eigner, sondern von ihnen abhängig, von ihnen „besessen“. (80)

Stirners Begriff des Heiligen ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Gestalt des Eigners. „Alles, wovor Ihr einen Respekt oder eine Ehrfurcht hegt, verdient den Namen eines Heiligen.“ Während die natürliche Furcht den Impuls auslöse, sich aus der Macht des Gefürchteten zu befreien, „ist’s in der Ehrfurcht ganz anders. Hier wird nicht bloss gefürchtet, sondern auch geehrt: das Gefürchtete ist zu einer innerlichen Macht geworden, der Ich mich nicht mehr entziehen kann … Ich bin vollständig in seiner Gewalt … Ich und das Gefürchtete sind Eins.“ Das Heilige im Sinne Stirners repräsentiert also die dem Kind ursprünglich fremde, introjizierte, verinnerlichte normative Struktur der jeweiligen (zufälligen) Gesellschaft und ist das wesentliche Resultat aller bisherigen Erziehung. Es ist „mit einem Worte jede — Gewissenssache; es ist „unnahbar, unberührbar, ausserhalb seiner [des von ihm Besessenen] Gewalt, d.h. über ihm“; (81) es ist, mit einem prägnanten, moderneren, seit Freud (»Das Ich und das Es« 1923) geläufigen Ausdruck, das Über-Ich. (82+)

Der Eigner als Idealtypus ist also vor allem Eigner seiner selbst, seiner Gedanken ebenso wie seiner Triebe, aber auch Eigner der „Welt“ (der Natur, der Menschen, der Dinge, des Staats etc.), und zwar insofern, als er ihr nicht „ehrfürchtig“ gegenübersteht. (83) Der Eigner („sein Ich“) lebt, denkt und handelt nicht unter der irrationalen Leitung, unter dem unbewussten Zwang eines fremderzeugten Über-Ichs; seine Autonomie ist echt und nicht, wie in den sonstigen — aufklärerischen wie gegenaufklärerischen — Philosophien, eine „Als-ob“-Fiktion, eine so oder so bloss verinnerlichte Heteronomie; er ist der wirkliche — nicht nur leerformelhaft

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beschworene — Mündige, der denjenigen „eigenen“ Verstand hat, zu dessen konsequentem Gebrauch er nicht erst aufgefordert zu werden braucht.

Über den Eigner ist also nichts weiter ausgesagt als dies, dass er nicht beeinflusst und in seinen Werturteilen nicht gesteuert wird von einem irrationalen Über-Ich. Darüber, wie eine Welt von Eignern aussehen würde, ist natürlich gar nichts zu sagen. Stirner meinte aber, die bisherige, „durchaus heilige Welt“ mit ihren vielen religiös oder irreligiös begründeten, zu Aufopferung und Selbstverleugnung mahnenden Ethiken, „sollte endlich ihren verführerischen Schein verloren haben, nachdem sie hinter einer Wirksamkeit von Jahrtausenden nichts zurückgelassen hat als die heutige — Misere.“ (84) Seinen revolutionären Zeitgenossen warf er vor, dass auch sie diese Misere fortschrieben, solange sie nur das „Jenseits ausser Uns“ bekämpften, das „Jenseits in Uns“ (das Heilige, das irrationale Gewissen, das Über-Ich) dagegen unangetastet liessen und somit, ihrem oft fanatischen Atheismus zum Trotz, im „Zauberkreis der Christlichkeit“ gefangen blieben. (85)

Das Ende jener Misere des Über-Ich-gesteuerten Menschen wäre eine Welt der Eigner. Diese ist freilich durch eine „Revolution“ nicht zu erreichen, denn Eigner entstehen zwar in günstig gelagerten Einzelfällen durch individuelle Selbstbefreiung („Empörung“ (86)), in gesellschaftlichem Massstab aber nur, wenn die Erzieher ihren „moralischen Einfluss“ auf die Kinder eliminieren und die Folgen zumindest hinnehmen würden: „Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt: sie werden das Erbrecht aufheben, d.h. sie werden Eure Dummheiten nicht erben

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wollen, wie Ihr sie von den Vätern geerbt habt; sie vertilgen die Erbsünde.“ (87) Dass eine solche Evolution, wenn sie denn überhaupt in Gang käme, eine langwierige und sich über viele Generationen erstreckende werden würde, ist Stirner bewusst gewesen: „Der Zukunft sind die Worte vorbehalten: Ich bin Eigner der Welt der Dinge, und ich bin Eigner der Welt des Geistes.“ (88)


Anmerkungen

Abkürzungen:
EE: Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Stuttgart: Reclam 1972
PKR: Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken, hg.v. Bernd A. Laska. Nürnberg: LSR-Verlag 1986

(73) So verwendet Stirner, z.T. aus polemischen Gründen, den Ausdruck „Egoist“ meist synonym für „Eigner“, manchmal aber auch für Subjekte, die keineswegs Eigner sind: düpierte, unfreiwillige etc. Egoisten. Ausserdem spricht er von dem „Einzelnen“, dem „Eigenen“ und natürlich, siehe Buchtitel, dem „Einzigen“, deren terminologische Beziehungen zum „Eigner“ bzw. zum „Egoisten“ hier jedoch nicht geklärt zu werden brauchen.

(74) Die umfangreiche Sekundärliteratur zu Stirner hat in dieser zentralen Frage kaum Klarheit geschaffen. Sogar eine scheinbar einschlägige Monographie mit mehr als 500 Seiten (Bernd Kast: Die Thematik des „Eigners“ in der Philosophie Max Stirners. Bonn: Bouvier 1979) erweist sich auch bei genauem Studium als wenig hilfreich. — Ich habe in einer früheren Arbeit (»Max Stirner als „pädagogischer“ „Anarchist“«. In: Anarchismus und Pädagogik, hg.v. Ulrich Klemm. Frankfurt/M.: Dipa-Verlag 1991. S. 33-44) versucht, die Problematik der Eigner-Gestalt zu umreissen, und werde sie, da sie den originären Kern des Stirner’schen Denkens bildet, in einer der folgenden »Stirner-Studien« (»Eine vakante Vision«) genauer und ausführlicher darstellen.

(75) G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. §§ 174, 175, Zusätze (Hervorhebung B.A.L.)

(76) Michail Bakunin: Prinzipien und Organisation der internationalen revolutionären Gesellschaft (1866). In: ders.: Gesammelte Werke. Band 3. Berlin: Der Syndikalist 1924. S. 25 (Hervorhebung B.A.L.)

(77) Max Stirner: Das unwahre Prinzip unserer Erziehung (1842). In: PKR, S. 75-97 (91, 90, 94)

(78) EE, S. 332

(79) EE, S. 88

(80) EE, S. 70f

(81) EE, S. 77f

(82) Der Begriff ist schon vorher nachzuweisen, und zwar treffenderweise in einer Charakterisierung Stirners in: Friedrich Jodl: Geschichte der Ethik. 2. Band, 2. Aufl. 1912. Zit. n. 3. Aufl. Stuttgart: J.G. Cotta’sche Buchh. Nachf. 1923. S. 282

(83) vgl. z.B. EE, S. 183, 374

(84) PKR, S. 169; EE, S. 346

(85) EE,S. 170, 410 (bspw.)

(86) EE, S. 354ff

(87) EE, S. 89

(88) EE, S. 72

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Written by floriangrebner

30. Oktober 2010 um 12:52

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