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Den Bann brechen ! – Max Stirner redivivus

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von Bernd A. Laska

 

Einleitung

Wenn heute jemand allen Ernstes davon spricht, Marx oder Nietzsche hätten Stirner — in welchem Sinn auch immer — überwunden, so hat er sich damit in den Augen der meisten professionellen Philosophen wie auch der meisten sonstigen einschlägig Gebildeten diskreditiert: es wäre zu viel der Ehre für einen kuriosen Autor wie Stirner, wenn man sage, dass epochenprägende Geister wie Marx und Nietzsche eine solche quantité négligeable überhaupt je ernsthaft beachtet hätten. Gewiss, es gibt von Marx einen voluminösen, als Manuskript überlieferten Anti-Stirner; aber der, so meint man einhellig, verdanke seine Existenz eher einer übermütigen Laune des jungen Marx und sei nicht weiter ernst zu nehmen. Und Nietzsche? Er mag von Stirner gehört, vielleicht gar einen Blick in dessen »Einzigen« geworfen haben; von einem nennenswerten Einfluss könne aber wirklich keine Rede sein; und gar zu „überwinden“ habe es bei Stirner gewiss weder für Marx noch für Nietzsche noch für sonstwen irgendetwas gegeben.

Wer auf Grund eigener Lektüre Stirners einen anderen Eindruck von dessen Ideen gewonnen hat und seiner eigenen Urteilskraft so weit vertraut, dass er sich durch jene in den philosophischen Text-, Lehr- und Geschichtsbüchern — meist implizit durch das Ignorieren Stirners — quasi kanonisierte Meinung nicht davon abhalten lässt, der Sache weiter nachzugehen, der wird überraschende Entdeckungen machen: nämlich, dass erstens eine Reihe grosser Denker — von Feuerbach und Marx über Nietzsche und Husserl bis zu Adorno und Habermas — sehr wohl von Stirners »Einzigem« stark beeindruckt waren, und dass zweitens die Zeugnisse davon vorwiegend in unveröffentlichten Aufzeichnungen zu finden sind. Gerade prominente und ansonsten durchaus publikationsfreudige Denker haben es in der Regel vermieden, sich öffentlich mit den sie meist in jungen Jahren tief beunruhigenden Gedanken Stirners auseinanderzusetzen. (1).

Es gibt einen sehr dauerhaften, nie erklärten und nicht ohne weiteres erklärlichen Bann gegen Stirner. Das heisst nicht, dass über Stirner nicht öffentlich geredet und geschrieben wurde und wird. Im Gegenteil: es gibt inzwischen erstaunlich viele Bücher und Artikel über Stirner, wahrscheinlich deutlich mehr als über seine sehr viel schreibfreudigeren Zeitgenossen Ludwig Feuerbach oder Bruno Bauer. Für die Literatur über Stirner ist jedoch charakteristisch, dass die meisten Autoren seiner Kernidee ausweichen und so stets aufs Neue die bekannten Stirner-Klischees — Junghegelianer, Anarchist, Egomane, Nihilist u.ä. — befestigen. Deshalb blieb Stirner letztlich doch ein „Paria des Geistes“, einer, der trotz vieler Worte nicht wirklich berührt wurde, einer, dessen gedankliche differentia specifica nach wie vor kaum begriffen ist, kaum je ernsthaft zu begreifen versucht wurde.

Das klingt gewaltig hoch gegriffen und insbesondere für die nüchternen, skeptischen Geister, die hier in erster Linie gefragt sind, ziemlich unglaubwürdig. Stirner als ein mehr oder weniger bedeutsamer Vorläufer — z.B. des Anarchismus oder des Existentialismus, von Bakunin, Nietzsche oder Sartre — das mag noch angehen; aber Stirner als Urheber einer originären Idee, die von vielen grossen Denkern nach ihm und von Legionen gut ausgebildeter und hauptamtlich tätiger Philosophen in mehr als 150 Jahren nicht als solche identifiziert und anerkannt wurde: das erscheint denn doch als eine Zumutung, die ernst zu nehmen schwer fällt — und noch schwerer fällt, wenn hinzugefügt wird, dass Stirners spezifische Idee von denen, die ihren Gehalt begriffen oder zumindest erspürt hatten, sogleich abgewehrt und regelrecht verdrängt wurde (am wirksamsten von Marx und Nietzsche), erst intern, dann extern durch die massenattraktiven Philosophien, die sie als Reaktion auf Stirner schufen.

Das erscheint denn doch als nicht mehr bloss pointierte, sondern als groteske Behauptung eines exaltierten und sich masslos überschätzenden Dilettanten, die entweder als frivole Provokation gemeint oder, falls nicht, einem von Verschwörungstheorien verwirrten Hirn entsprungen ist. Warum auch sollten die vielen doch so unterschiedlichen Denker der letzten anderthalb Jahrhunderte wahrhaft „con-spiriert“, warum sollten sie ohne Absprache und doch einmütig jene ominöse Idee Stirners „verdrängt“ haben? Absurd! Was soll das überhaupt für eine Idee sein? Wer die Existenz einer solchen behauptet, der soll sie gefälligst, wenn sie denn in Stirners Buch nicht deutlich genug kenntlich ist, herauspräparieren und darstellen; dann gäbe es auch eine Diskussion.

Solche Skepsis ist berechtigt, ja wünschenswert, und sie könnte sogar der Entdeckung der (potentiellen) Bedeutung Stirners für die Gegenwart förderlicher sein als etwa ein — auch das gibt es natürlich — wacker bekennendes Stirnerianertum. Nur: jede starke Skepsis bewährt sich nun einmal nicht gegen Aussenseiter, sondern gegen das, was man neuerdings gern mainstream zu nennen pflegt. Und gegen diesen, so turbulent und vielgestaltig er sich heute darstellt, ist gerade Stirners Skepsis nach wie vor das Mittel der Wahl.

Hier ist nicht der Ort, um die methodischen Gründe darzulegen, die mich bestimmen, Stirners spezifische Idee nicht unvermittelt inhaltlich darzustellen, sondern die singuläre Position, die Stirner ihretwegen im 19. Jahrhundert einnimmt, zunächst durch Analyse der Reaktionen auf sein Werk präzise anzupeilen. In den »Stirner-Studien«, Band 2, »Ein dauerhafter Dissident«, habe ich einen Abriss der — wie ich sie dort nenne — Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte Stirners vorgelegt; in Band 1 wird diese durch die Editionsgeschichte von Stirners »Einzigem« und in Band 3 durch eine Detailstudie zu den Reaktionen von Carl Schmitt und Ernst Jünger auf Stirner ergänzt; weitere Detailstudien, zu Marx, zu Nietzsche, sind in Vorbereitung. [2002: vgl. Nietzsches initiale Krise] Die Netzpräsenz meines „LSR-Projekts“ offeriert weitere einschlägige Arbeiten sowohl zu Stirner als auch zu seinen ideengeschichtlichen „Pendants“ im 18. und 20. Jahrhundert: zu La Mettrie und Reich. (siehe Überblick)

All diese Studien verfolgen das Ziel, jenen Bann, von dem ich oben sprach, trotz der erwartungsgemäss schwierigen Quellenlage unter Verzicht auf Spekulationen so plausibel wie möglich darzustellen, d.h. dieses in unserer sich „aufgeklärt“ gebenden Zeit eigentlich unglaubhafte Phänomen als unbestreitbar existent zu erweisen, quasi erlebbar zu machen — und damit Stirner von der Peripherie ins Zentrum des Interesses zu rücken. Gelingt dies, so folgt die Suche nach der — verborgenen, oft erahnten, nie exponierten — Idee, die einem solch universellen Bann unterworfen wurde, ganz von selbst. Ist sie gefunden, ist auch der Bann gebrochen — zumindest für den Finder. Eine sog. Rehabilitation Stirners ist dabei sekundär.

1. Karl Marx

Die Reaktionen von Marx auf seinen Zeitgenossen Stirner und die Reaktionen der Marxforscher auf diese Marx’schen Reaktionen sind die vielleicht lehrreichsten Exempel, um sich dem Wesen des merkwürdigen Bannes gegen Stirner zu nähern. Ich möchte dazu hier, pointiert und dem angekündigten Band der »Stirner-Studien« vorgreifend, zunächst den Sachverhalt darstellen, wie ich ihn bereits kürzlich innerhalb eines thematisch weiter ausgreifenden Artikels [»Ein dauerhafter Dissident – Max Stirner in nuce«] zusammengefasst habe. Anschliessend werde ich drei Autoren vorstellen, die jeweils gegen den Bann angeschrieben haben (Max Adler, Henri Arvon, Wolfgang Essbach), sich ihm aber selbst letztlich nicht zu entziehen vermochten. Schliesslich werde ich kurz auf eine Neuerscheinung zu sprechen zu kommen, deren Autor (Daniel Joubert) gleichermassen im Bann gefangen blieb. Das Studium des Scheiterns dieser Autoren mag helfen, die Natur des Bannes zu erfassen und ihn schliesslich zu brechen.

Der junge Karl Marx „Karl Marx:“ — so schrieb ich in jenem Artikel — „seine Reaktion auf Stirner verdient, wie die Nietzsches, wegen ihrer epochenprägenden Wirkung hier hervorgehoben zu werden. Marx sah noch im Sommer 1844 in Feuerbach „den einzigen, der eine wirkliche theoretische Revolution“ vollbracht habe. Das Erscheinen des »Einzigen« im Oktober 1844 erschütterte diese Haltung, denn Marx erspürte sehr deutlich die Tiefe und Tragweite der Stirner’schen Kritik. Während andere, auch Engels, Stirner zunächst bewunderten, sah Marx von Beginn an in ihm einen Feind, den es zu vernichten galt.

Zunächst hatte Marx vor, eine Rezension des »Einzigen« zu schreiben. Er gab diesen Plan aber bald wieder auf, wollte erst die Reaktionen der anderen (Feuerbach, Bauer) abwarten. In seiner Polemik »Die heilige Familie. Gegen Bruno Bauer und Konsorten« (März 1845) sparte er Stirner aus. Im September 1845 erschien Feuerbachs Kritik des »Einzigen« — und zugleich Stirners souveräne Duplik auf sie. Jetzt fühlte Marx sich provoziert, selbst einzugreifen. Er unterbrach wichtige Auftragsarbeiten und stürzte sich auf den »Einzigen«. Seine Stirner-Kritik »Sankt Max«, voller Invektiven gegen den „dürftigsten Schädel unter den Philosophen“, geriet ihm länger noch als der »Einzige«. Doch nach Fertigstellung des Manuskripts muss Marx wieder in seinen taktischen Überlegungen geschwankt haben. Schliesslich blieb die Stirner-Kritik ungedruckt.

Als Ergebnis seiner privatim geführten Auseinandersetzung mit Stirner wandte Marx sich endgültig von Feuerbach ab und konzipierte eine Philosophie, die, anders als die Feuerbachs, gegen Stirner’sche Kritik immun sein sollte: den sogenannten historischen Materialismus. Marx scheint aber seine neue Theorie damals noch als Provisorium betrachtet zu haben, denn auch sie liess er, wie den »Sankt Max«, in der Schublade. Eine öffentliche Diskussion mit Stirner wollte er auf jeden Fall vermeiden. Er stürzte sich stattdessen ins politische Leben, in Fehden mit Proudhon, Lassalle, Bakunin u.a. So gelang es ihm schliesslich, das Problem „Stirner“ ganz zu verdrängen — sowohl im psychologischen als auch im ideengeschichtlichen Sinn.

Die historische Bedeutung von Marx‘ Verdrängungswerk wird deutlich, wenn man untersucht, wie später die Marxforscher aller Richtungen Stirner sahen und seinen Einfluss auf Marx bewerteten. Sie folgten in erstaunlich einmütiger Weise kritiklos der Darstellung, die Engels 1888 in seinem populären Buch »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« gegeben hat. Engels erwähnt Stirner darin nur beiläufig als „Kuriosum“ im „Zersetzungsprozess der Hegel’schen Schule“ und feiert Feuerbach als deren Überwinder.

Diese Darstellung, obgleich chronologisch und sachlich grob falsch, wurde schnell die allgemein akzeptierte; sie blieb es auch, nachdem 1903 Marx‘ »Sankt Max« bekannt wurde. Die Reaktionen Marx‘ auf Stirners »Einzigen« sind zwar gut und detailliert belegbar, doch gibt es bis heute nur ausnahmsweise Autoren (Henri Arvon, Wolfgang Essbach), die Stirners entscheidende Rolle bei Marx‘ Konzeption des historischen Materialismus thematisiert haben — und zu einer halbherzigen Rehabilitation Stirners kamen, bei der die etablierte Superiorität Marx‘ nicht in Frage gestellt wird. Aber selbst diese Arbeiten wurden jahrzehntelang ignoriert und werden erst seit kurzem zögerlich in spezialisierten Fachkreisen diskutiert.

Fazit: Marx‘ primärer Verdrängung Stirners (psychologisch und ideengeschichtlich verstanden) folgte eine sekundäre, bei der die Marxforscher jeglicher Richtung die Marx’sche primäre, aller Evidenz zum Trotz, automatisch ausblendeten (zuletzt sehr eindrucksvoll bei Louis Althusser) und sich damit auch die eigene primäre ersparten.“ (2)

1.1 Max Adler

Der wohl erste Autor, der sich intensiv mit dem Verhältnis Marx/Stirner befasste, war Max Adler (1873-1937). Bereits als Student, der sich der marxistischen Sozialdemokratie zugehörig fühlte, verfasste er — ich zitiere wieder eine frühere Zusammenfassung — „1894 eine Studie »Max Stirner. Ein Beitrag zur Feststellung des Verhältnisses von Socialismus und Individualismus« und schickte sie zur Veröffentlichung an »Die Neue Zeit«. Der Herausgeber Karl Kautsky (1854-1938) gab sie ihm zurück, mit dem Ratschlag, das Ganze noch einmal zu überdenken; schlussendlich lehnte er ohne Begründung ab, mit der sibyllinischen Bemerkung, er könne ihn, Adler, „durch Gründe nicht überzeugen.“ Adler verstand: da er Einfluss in der Partei ausüben wollte, musste er seine Stirner-Studien fortan privat treiben. Ein weiteres, 200 Seiten starkes Stirner-Manuskript, das er im Jahre 1900 fertigstellte, scheint er erst gar nicht zu publizieren versucht zu haben. Im „Stirnerjahr“ 1906 versuchte Max Adler – offenbar wenig beeindruckt von MarxÍ nachgelassenem Anti-Stirner »Sankt Max«, der inzwischen, 1903/04, in längeren Auszügen publiziert worden war – noch einmal, einen Stirner-Artikel in »Die Neue Zeit« zu placieren: doch Kautsky lehnte erneut ab. Adler brachte den Artikel schliesslich in der Wiener »Arbeiter-Zeitung« unter und übernahm ihn 1914, wenig modifiziert, in seine Porträtsammlung »Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus«.

Stirner, heisst es darin zwar anfangs, führe „eine überall glanzvolle und tief eingreifende Bekämpfung aller und jeder Ideologie“ vor; aber dann geht es in einem moderaten, zurückgenommenen, ja diplomatischen Ton weiter, und in häufig wiederkehrenden Wendungen wird die Überlegenheit von Karl Marx betont – was den Leser, dem diese ja meist eine Selbstverständlichkeit ist, nur verwundern kann. An einigen Stellen dieser Schrift, die ein fast kniefälliges Plaidoyer dafür ist, Stirner von marxistischer Seite nicht gänzlich zu verdammen, lässt sich dennoch herauslesen, in welcher Rolle Adler Stirner am liebsten sehen würde: in der des (Junior-)Partners von Marx (als „psychologisches Pendant“) – ein vermessen anmutender Gedanke, der jedoch 1978 von Essbach aufgegriffen und auszubauen versucht worden ist (s. später).

Adlers umfangreiche nachgelassene Schriften zeigen, dass ihm selbst eine solche theoretische Synthese keineswegs gelungen ist; sie verraten indes, dass noch der in seinem siebten Lebensjahrzehnt stehende Mann beinahe hymnisch werden konnte, wenn er über seine grosse, unglückliche theoretische Passion schreiben sollte – so im Entwurf eines Lexikonartikels über Stirner: „Aber unter dieser äusseren Schale von Harmlosigkeit und Kümmerlichkeit loderte ein Geist von solch revolutionärer Kraft des Denkens und solch leidenschaftlichen Prophetentums einer neuen Erkenntnis…“

Max Adler, der zu den führenden Theoretikern des sog. Austromarxismus gezählt wird, behandelte seine lebenslange Stirner-Faszination wie ein heimliches Laster. Selbst seine engsten Mitarbeiter erfuhren erst nach seinem Tod von ihr. Alfred Pfabigan, Adlers Biograph, zeigte sich konsterniert angesichts der erst durch die nachgelassenen Papiere zu Tage getretenen, „geistigen Beziehung Adlers zu Stirner wegen ihrer hohen Kontinuität“, bei der über vier Jahrzehnte hinweg kaum eine Weiterentwicklung stattgefunden habe. Doch auch Pfabigan vermag keine befriedigende Deutung dieses biographischen Kuriosums zu geben, wahrscheinlich, weil er selbst, wie Adler, das übermächtige Dogma nicht anzutasten wagt: wonach Marx ein ganz grosser Denker war und Stirner allenfalls ein kleiner.“ (3)

1.2 Henri Arvon

Auch nachdem das Marx/Engels/Hess’sche Konvolut »Die Deutsche Ideologie« 1932 erstmals vollständig und kommentiert in der MEGA veröffentlicht worden war, ignorierte die Marxforschung jeder ideologischen Provenienz weitgehend deren umfangreichsten Teil, das Stirner-Kapitel »Sankt Max«, und bekräftigte wieder und immer wieder, nur das relativ schmale Feuerbach-Kapitel sei philosophisch von Belang. So dauerte es einige Jahrzehnte, bis ein Autor sich erneut und – ohne Wissen um Adlers Bemühen – mit Pioniergeist intensiv mit dem Verhältnis Marx/Stirner auseinandersetzte. Henri Arvon (1914-1992), aus Deutschland stammend, seit 1933 in Frankreich lebend, hat Stirner, wie er sagte, „lebenslange Studien gewidmet“. (4) Seine zahlreichen Schriften können hier nicht gesichtet werden. Ein Blick auf eine Debatte unter Fachleuten vermag die Szenerie ohnehin besser zu erhellen als die Analyse wohlberechnet gesetzter Worte.

Vom 5.-8. September 1973 fand, etwas verspätet zum 100. Todesjahr Ludwig Feuerbachs, in Bielefeld ein Kongress über diesen Philosophen statt, der sich nach Einschätzung seiner Organisatoren, der Universitätsphilosophen Hermann Lübbe und Hans-Martin Sass, durch „das hohe Mass an Kennerschaft“ der 36 Teilnehmer auszeichnete, die — als Marxisten oder Theologen, Philosophen oder Soziologen — aus Staaten beiderseits des „Eisernen Vorhangs“ zusammengekommen waren. (5) Ein Teilnehmer zumindest bewies jedoch ein Mass an Kennerschaft, das für einige Irritation unter den anderen Kennern sorgte: eben jener französische Philosophieprofessor Henri Arvon, und zwar damit, dass er in seinem Beitrag (6) die von Engels in seinem Buch »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« dargestellte und später von Marxisten und Nichtmarxisten gleichermassen quasi kanonisierte Version der Entstehung des historischen Materialismus akribisch untersuchte und dabei allerlei Retuschen zu Tage förderte: Retuschen, die allesamt dem Ziel dienten, die entscheidende Rolle, die Stirners »Einziger« in diesem Prozess spielte, zu eskamotieren; Retuschen von Fakten, die, obwohl offen zu Tage liegend, von der Marxforschung aller weltanschaulichen Richtungen bisher nicht wahrgenommen oder vielmehr geflissentlich übergangen worden waren.

In der sich an Arvons Beitrag anschliessenden Diskussion sprach Sass die denkwürdigen Worte: „… und Engels hat Prinzipien, Argumentationsmethoden und Gewichtungen hereingebracht, die durch noch so subtile philosophie-historische Forschung, wie Sie, Herr Arvon, sie treiben, leider nur durch Jahrzehnte langsam in Bewegung gebracht werden können, wenn überhaupt. Es gibt nur ganz wenige Schriften in der abendländischen Philosophie- und Geistesgeschichte, die so schlagende Wirkung gehabt haben wie die von Engels.“ (7)

Man spürt noch durch die redigierte Fassung der gesprochenen Worte hindurch den gereizten, leicht ironischen Ton von Sass und nimmt ihm sein Bedauern über diese Kanonisierung einer entscheidenden Episode der Philosophiegeschichte nicht so recht ab. Tatsächlich hat Sass weder damals noch später — als Philosophieprofessor, als Autor zahlreicher einschlägiger Schriften, als international anerkannter Feuerbach-Experte und langjähriger Präsident der „Internationalen Gesellschaft der Feuerbach-Forscher“ — etwas getan, um die von Arvon angestrebte ideengeschichtliche Revision zu fördern. Im Gegenteil: Sass, ein Mann mit theologischem Hintergrund, war in dieser Frage stets einig mit seinen Kollegen, auch den marxistischen, dass der status quo erhalten bleibe.

Dabei hatte Arvon das Thema, über dessen Brisanz er sich zu jenem Zeitpunkt, also nach der Althusser-Diskussion um den „epistemologischen Bruch“ bei Marx, nicht im Unklaren war, mit äusserster Behutsamkeit zur Sprache gebracht. Er zieh Engels keineswegs der absichtlichen Entstellung historischer Vorgänge; er lobte, dass Engels‘ Text, vierzig Jahre nach den Ereignissen, noch die ganze Frische seiner und Marx‘ Sturm- und Drangzeit vermittele; er bedachte, dass Engels mit dem Text 1886 aktuelle politische Absichten verfolgt habe etc. Aber die unbezweifelbaren Fakten, die Chronologie der Ereignisse, möge man bitte nicht weiter ignorieren, und sie sagten nun einmal zweifellos: „Stirner hat ihn [Marx] zu diesem Übergang zum historischen Materialismus sozusagen gezwungen.“ Dann sei Marx, beeilte sich Arvon zu versichern, „natürlich viel weiter“ gegangen als Stirner. (8)

Doch diese und ähnliche Beteuerungen nützten Arvon wenig: die Einheitsfront gegen ihn aus Christen, Marxisten und Vertretern aller sonstigen Richtungen stand. Er hatte offenbar an ein Tabu gerührt, den ubiquitären Bann über Stirner missachtet; und wenn er dies auch sozusagen in aller Unschuld und mit bescheidenem Anspruch getan hat, so hat er die Macht dieses Banns verkannt, der jeden Ausbruchsversuch scheitern lässt, der nicht auf’s Ganze geht.

Dabei stand Arvon, wie seine sonstigen Arbeiten zu Stirner zeigen, selbst zeitlebens unter der lähmenden Einwirkung des Bannes. Deshalb sah er Stirner „an den Ursprüngen des Existentialismus“ und legte ihn als „Vorgänger Heideggers“ sozusagen ad acta. Deshalb haben der hinhaltende Widerstand und die punktuell aufbrechenden vehementen Reaktionen der Experten (auf seinen Versuch, ein paar historische Details zur Geltung zu bringen) ihn auch nicht in die Lage versetzt, den Bann als solchen wahrzunehmen oder gar denkerisch zu durchbrechen. Wenn Stirner, so sehr er ihn faszinierte, kein Denker vom Schlage eines Marx oder Heidegger war – und das war er gewiss nicht – dann konnte er in seinen Augen nur noch ein mehr oder weniger bedeutender Anreger und Vorläufer sein.

1.3 Wolfgang Essbach

Wolfgang Essbach (1944-….) legte 1978 eine Dissertation (9) vor, in der es ihm darum geht, nach einer Würdigung der Arbeiten von Adler, Arvon und anderen Autoren, „die Spezifität und das Ausmass des Stirner’schen Einflusses auf Marx und Engels zu präzisieren“ — aber, wie sich herausstellt, dann doch noch um etwas mehr. Essbach weist einleitend auf einige Besonderheiten der bisherigen Stirner-Rezeption hin, z.B. auf „das seltsame Phänomen, dass bei vielen Autoren ein Zusammenhang mit Stirner’schen Auffassungen vermutet werden kann, dass aber in geradezu typischer Weise eine explizite positive Bezugnahme auf Stirner entweder ganz vermieden wird oder nur eine beiläufige Erwähnung Stirners aufzufinden ist“; oder darauf, „dass in der gegenwärtigen Diskussion über die genannten Problemzonen [des Marxismus] … unverhältnismässig selten auf die Kontroverse zwischen Stirner, Marx und Engels Bezug genommen wird, obwohl gerade dieser Bezug an sich sehr nahe läge.“ (10) Damit sind — cum grano salis — die beiden Charakteristika der Reaktionen auf Stirner angesprochen, die ich oben und andernorts als primäre und sekundäre Verdrängung bezeichnet habe.

Doch auch Essbach steht unter dem grossen Bann, und deshalb sieht er zwar sehr viel, aber eines nicht, das für seine Untersuchung Zentrale: dass auch und gerade von Marx eine „Bezugnahme auf Stirner … vermieden wird“ (ein Faktum, dem durch das unveröffentlichte Manuskript »Sankt Max« noch ein besonderes Gewicht verliehen wird). Schon im Titel seiner Untersuchung fingiert Essbach eine „Kontroverse zwischen Karl Marx, Friedrich Engels und Max Stirner“, und er wiederholt diese formelhafte Wendung im Text immer und immer wieder, so dass man sich dem Eindruck kaum entziehen kann, diese beschwörerische Rede habe die (auto-)suggestive Funktion, sich und den Leser von dem einen, zur Beurteilung des Ganzen grundlegenden Gedanken fernzuhalten, dass es — diese „Kontroverse“ ja gar nicht gab, und zwar deshalb nicht gab, weil Marx sie letztlich hintertrieben hat (der komplizierte Vorgang muss hier unerörtert bleiben). Essbach, der sonst mit aussergewöhnlicher Detailkunde brilliert, geht über diesen Kardinalpunkt in auffälliger Flüchtigkeit — flüchtig und flüchtend — hinweg: „Die beabsichtigte Veröffentlichung [von »Sankt Max«] scheiterte.“ (11)

Essbach sagt einleitend, dass „nicht vorab von einem Standpunkt ausgegangen werden kann, demzufolge Marx und Engels Stirners Auffassungen überwunden haben.“ Dies ist ein Satz, der leicht zu überlesen ist, zumal er mit der Wendung beginnt: „Es versteht sich von selbst, dass…“ (12) Die Crux ist, dass diese Regel zwar banal klingt, aber eben, was Essbach weiss, von der Marxforschung durchgehend missachtet wurde. Warum? Dieser nächstliegenden Frage geht Essbach, dem Banne sich fügend, nicht weiter nach. Seinem auf den ersten Blick unscheinbaren Satz ist weiterhin zu entnehmen, dass er meint, Marx und Engels hätten Stirners Auffassungen nicht überwunden – denn warum sollte man von einem gesicherten Bestand nicht „vorab“ ausgehen? Welch ein Verdikt über die Marxforschung! Aber wie verborgen, verklausuliert und implizit! Da verwundert nicht mehr, dass Essbach auch sein Fazit enigmatisch und „diplomatisch“ zugleich formuliert: es gäbe bei Marx den „Materialismus der Verhältnisse“ und bei Stirner den „Materialismus des Selbst“: „Beide Auffassungen stehen im Verhältnis der Heterologie zueinander. Ihre Spezifität kann nur in Koexistenz erhalten werden.“ (13)

Essbach steht auf den Schultern von Arvon und Adler und schwankt: zwischen der „Rehabilitierung“ Stirners als des entscheidenden Einflusses auf Marx — was er sogleich durch die gequält ironische Rede von Stirner als der „bösen Fee“ an der Wiege des historischen Materialismus konterkariert — und dem weitergehenden, nicht klar als solchen bezeichneten Versuch, Stirner als „psychologisches“ Pendant sozusagen auf Augenhöhe neben den „soziologischen“ Marx zu stellen — was er gleichermassen ironisierend konterkariert, wenn er von der „anerkanntermassen dunklen Weise des Stirner’schen Denkens“ spricht. (14) Man spürt förmlich, wie er sich unter dem Zwang des Bannes windet, ihm aber nicht zu entkommen vermag.

Essbach liess seine Doktorarbeit vier Jahre später als Buch drucken — unverändert. (15) Im Vorwort zu dieser Ausgabe schreibt er forsch: „Das vorliegende Buch über Stirner und Marx wäre nicht geschrieben worden, wenn ich den etablierten wissenschaftlichen und politischen Auffassungen hätte vertrauen können.“ Zugestanden: er hatte zwar, offenbar von einer gar nicht so seltenen Stirner-Faszination beflügelt, eine Zeit lang „Forschung gegen den Strom“ getrieben, wie er sagt; aber der Strom, der mainstream, nahm ihn bald wieder auf. Dem Bann über Stirner vermochte er sich nur temporär und partiell zu entziehen. In seiner Habilitationsschrift über die Junghegelianer (16) depotenzierte er Stirner, fast schon konventionell, auf einen mehr oder weniger wichtigen „Einfluss“ auf Marx, Nietzsche, diverse Existentialisten, Sprachphilosophen, Bohemiens etc. Die akademische Karriere war für Essbach das Sedativum, das die „tiefgreifende Beunruhigung“ durch Stirner, die er Marx attestiert und wohl auch an sich erfahren hat, betäubte.

1.4 Daniel Joubert

Vor kurzem erschien nun wiederum ein Buch, das Licht auf das Verhältnis Marx‘ zu Stirner zu werfen versprach: »Marx versus Stirner« von Daniel Joubert, in französischer Sprache. (17) Es lockt zunächst mit einer originellen Titelgraphik, die zwei athletische Männer mit leicht zurückgeneigten, nackten Oberkörpern sich gegenüber stehend zeigt, die Fäuste erhoben, die Blicke aufeinander fixiert: Buchtitelseite Daniel Joubert, Marx versus Stirner links Marx mit Vollbart, rechts Stirner mit Nickelbrille, beide also, wie man sie kennt, allerdings, warum auch immer, Marx (der „Mohr“) mit heller, Stirner mit dunkler Haut. Zwischen und hinter beiden steht ein schnauzbärtiger Ringrichter, eine Witzfigur mit einem länglichen Gegenstand zwischen den gebleckten Zähnen und schielendem Blick, auf dem Kopf eine Pelzmütze mit Sowjetstern. Schlägt man das Buch auf, erfährt man als erstes, dass letzterer der Autor höchstpersönlich ist, denn er posiert auf den Umschlaginnenseiten mit schätzungsweise zweihundert (200) in Fotoautomaten selbst erzeugten Grimassenporträts.

Das Buch ist ausserdem ein Doppelband, seitenverkehrt zusammengebunden mit einem lustigen »Petit Joubert Illustré«, betitelt »le fantôme de l’opéré«, voller graphischer und textlicher Spässe, deren Qualität ich hier nicht beurteilen will. Dieser Band aus zweimal knapp 100 Seiten, auf kostbares Papier gedruckt, entstand dem Vernehmen nach kurz vor dem frühen Tod des Autors, dessen Ursache mir nicht bekannt ist. Die gesamte Aufmachung ist also nicht, jedenfalls nicht nur, als eine Massnahme des Verlages anzusehen, um den Marx/Stirner-Text — warum auch ? — einem vulgärhedonistischen, spassbesessenen Publikum anzudienen. Sie scheint vielmehr so etwas wie das literarische Testament des Autors zu sein, in seiner verzweifelten Lustigkeit trauriges Zeugnis seiner mentalen Verfassung zwei Jahrzehnte nach Abfassung des Textes. Denn diesen hat er, was erst aus dem längeren Vorwort des Verlegers zu erfahren ist, bereits 1975 geschrieben — und damals auch, wie ich hinzufügen möchte, in einem seriösen Sammelband veröffentlicht. (18). Joubert schrieb für den Neudruck eine kurze, auf den Oktober 1990 datierte Vorbemerkung anlässlich des Zusammenbruchs des Sowjetblocks, liess den Text aber unverändert.

Jouberts Aufsatz ist natürlich nicht so breit angelegt wie Essbachs Dissertation, steht aber, dank seiner Rezeption Arvons, in Hinblick auf die kritische Haltung gegenüber der kanonisierten Lehrmeinung über Marx‘ Weg zum historischen Materialismus ungefähr auf deren Höhe. Auch Joubert spricht — wie Essbach von der „Kontroverse“ — von einer „querelle“ Marx-Stirner, auch er kolportiert ohne jede Kritik, ohne jeden Verdacht, die Geschichte, wonach Marx lange, intensiv und letztlich doch vergeblich nach einem Verleger für den »Sankt Max« gesucht habe. Joubert versucht zwar Stirners Schweigen nach 1846, das „so bequem für Marx und die Marxisten“ sei, zu interpretieren, nicht aber Marx‘ sehr viel bedeutsameres, selektives, durch andere öffentliche Polemiken übertöntes und deshalb instruktiveres Schweigen; er rührt dementsprechend natürlich auch nicht an jene später von Marx selbst gestiftete, meist als „humorig“ aufgenommene Legende, derzufolge er — nachdem der ohnehin nur aus Übermut so lang gewordene »Sankt Max« seinen Hauptzweck, nämlich „Selbstverständigung“, erfüllt gehabt habe — das unpublizierbare Manuskript mit Freuden „der nagenden Kritik der Mäuse“ überlassen habe. (19)

Das Titelbild des Joubert’schen Buches transportiert also, sieht man von seiner Spassigkeit einmal ab, durchaus die ungeprüft zu Grunde gelegte Voraussetzung des Autors: es habe eine „querelle“, eine Auseinandersetzung, einen Kampf zwischen Marx und Stirner gegeben. Aber Marx hat sich einem Kampf, jedenfalls einem offenen, fairen und argumentativen Wettstreit der Ideen, nie gestellt. Ihm war bei aller intellektuellen Eitelkeit bald klar, dass er in diesem Falle nur mit anderen Methoden siegreich sein wird. Das Faktum ist so unübersehbar, dass selbst ein enthusiastischer Marxist wie der als Stirnerfresser berüchtigte Hans G. Helms (1932-….) von einem „nicht immer widerspruchsfreien Verhalten [Marx‘] Stirner gegenüber“ (20) zu sprechen sich abrang — was natürlich als eine euphemistische Klausel für einen gravierenden Vorgang zu verstehen ist. Auf den Grund gegangen ist diesem Verhalten weder Helms noch irgendein anderer Marxist noch die wenigen anderen Experten, die es — ausser den hier besprochenen — bemerkt zu haben scheinen, wie etwa Nikolaus Lobkowicz (1931-….) als alteuropäisch-katholischer oder David McLellan (1940-….) als anglo-liberalistischer Marxforscher. Dass letztere ihre Funde zu Marx‘ Verhalten gegenüber Stirner nicht oder nur zögerlich im ideologischen Kampf gegen den Marxismus eingesetzt haben, (21) verweist auf die umfassende Macht des unausgesprochenen und deshalb so unangefochtenen Banns über Stirner. Es ist an der Zeit, ihn zu brechen.

 

2. Nietzsche

Das Jahr 2000 war ein Nietzsche-Jubeljahr: „Nietzsche, Nietzsche… fast bis zum Überdruss begegnete er einem in den Sommermonaten in den Feuilletons nicht nur der überregionalen Presse, sondern auch der Provinzzeitungen. Interessant war dabei, dass Nietzsche überall gefeiert wurde. Negative Stimmen, die noch vor wenigen Jahrzehnten regelmässig zu hören waren, sind selbst in katholischen Zeitungen verstummt. Einzig Tugendhat hat in der ZEIT vor einer Verharmlosung Nietzsches gewarnt.“ Soweit Peter Moser, der Herausgeber von »Information Philosophie«. Natürlich nicht nur in den Feuilletons, auch in den Fachzeitschriften und in der Buchproduktion wurden neue Rekorde erreicht: »Nietzsche-Literatur ohne Ende« titelte die »Neue Zürcher Zeitung«. (1) Wenn ich der selbst von Experten kaum noch überschaubaren Überfülle an Nietzsche-Literatur nun einen weiteren Text hinzufüge, so kann ich dies damit rechtfertigen, dass ich darin weder einen „postmodern“ verharmlosten Nietzsche feiere, noch vor einem „à la Antifa“ dämonisierten warne, noch eines der üblichen akademischen Elaborate abliefere, sondern einen Nietzsche absconditissimus in den Blick nehme, den die Nietzsche-Forschung, der der Nietzsche absconditus längst wohlvertraut ist, bisher nicht kennt.
[Nov. 2002: vgl. dazu genauer: »Nietzsches initiale Krise«]

Was hier analog zum Teil 1 dieses Artikels – ebenfalls einem künftigen, materialreichen Band der »Stirner-Studien« vorgreifend – in grober, holzschnittartiger Skizze dargestellt werden soll, ist zweierlei: Erstens die Reaktion des jungen Friedrich Nietzsche auf seine (wahrscheinliche) Begegnung mit Stirners »Einzigem«, also seine (Primär-)Verdrängung der ihn tief schockierenden spezifischen Idee Stirners durch Schaffung einer eigenen, diese Idee „überwindenden“ Philosophie; zweitens – anhand von vier Beispielen (Janz, Ottmann, Münster, Safranski) – die (Sekundär-)Verdrängung jener Stirner’schen Idee (incl. der Wahrnehmung ihrer Verdrängung durch Nietzsche) durch die Nachgeborenen, die mit grösster Selbstverständlichkeit quasi dogmatisch davon ausgehen, dass Nietzsche ein geistiger Titan ist, Stirner allenfalls einer von vielen „Einflüssen“ auf ihn. Letzteren Sachverhalt habe ich in der Einleitung zu diesem Artikel auf den „dauerhaften, nie erklärten und nicht ohne weiteres erklärlichen Bann gegen Stirner“ zurückgeführt, auf einen Bann, dessen ungebrochene Stärke und bisherige Unanfechtbarkeit grossteils auf dem Publikumserfolg der Philosophien von Marx (der jetzt aus dubiosen Gründen verblasst) und eben Nietzsche (der jetzt aus dubiosen Gründen neu auflebt) beruht. Als „Ironie“ dabei mag man die Merkwürdigkeit bezeichnen, dass Stirners Nennung meist gerade im Zusammenhang mit Marx oder Nietzsche erfolgt – aber eben stets als Fussnote, höchstens als marginaler „Einfluss“. Jener hochwirksame Bann verhindert – was bei Marx bestens belegbar ist, bei Nietzsche mehr erschlossen werden muss – , dass die Reaktion der „Grossen“ auf Stirner entweder überhaupt thematisiert oder, falls in seltenen Fällen (den hier genannten Beispielen) doch, auf so verquälte wie verquaste Weise bagatellisiert wird. Das mag insofern „logisch“ oder verständlich sein, als in jenen Wenigen, die sich überhaupt intensiv in die Situation versetzten, in der die „Grossen“ sich bei ihrer Konfrontation mit Stirner befanden, ähnliche Abwehrmechanismen wirksam geworden zu sein scheinen wie einst bei ihren Helden und sie deren Verdrängungsakt blind nachvollzogen. Hinzu kommt der Druck der seitherigen (Verdrängungs-)Geschichte und des mainstream.  — Wie die plausibelste Erklärung auch immer lauten mag, zuerst heisst es einmal, in medias res zu gehen (wobei hier nur ein „Skelett“ geboten werden kann, das, wie gesagt, in späteren Detailstudien mit „Fleisch“ versehen wird).

Friedrich Nietzsches Reaktion auf Stirner lässt sich nicht mit den gleichen Methoden erschliessen und belegen wie die von Karl Marx. Es gibt von ihm kein nachgelassenes Werk wie Marx‘ Anti-Stirner »Sankt Max«. Ja, es gibt von Nietzsche, dessen schriftlicher Nachlass eine der reichhaltigsten Dokumentensammlungen zu einer Einzelperson überhaupt ist, kein Manuskript, keine Notiz, keinen Brief, nichts, worin der Name Stirner auftaucht. Schon gar nicht ist Stirner in einer seiner veröffentlichten Schriften erwähnt. Auch Nietzsches engste Freunde konnten sich nicht an Gespräche mit ihm über Stirner erinnern. Nietzsches Schwester, von Kindheit an über viele Jahre seine enge Vertraute, sagte, den Namen Stirner nie aus seinem Munde gehört zu haben. Nietzsche schien Stirner, nach all dem zu urteilen, gar nicht gekannt zu haben.

Gleichwohl meinten viele Leser in den 1890er Jahren – nachdem Nietzsche fast „über Nacht“ weithin berühmt geworden war und im Gefolge seines Ruhms Stirners »Einziger« nach langer Verschollenheit wiederentdeckt wurde – erstaunliche Parallelen und Übereinstimmungen zwischen beiden Autoren feststellen zu können. Der Verdacht, dass Nietzsche Stirners »Einzigen« gekannt hat, lag auf der Hand und wurde in den Feuilletons immer wieder ventiliert, doch letztlich ohne handgreifliches Ergebnis. Schliesslich gab ein früher Lieblingsschüler Nietzsches, Adolf Baumgartner, zu Protokoll, er erinnere sich, dass Nietzsche ihm einst Stirners »Einzigen« zur Lektüre empfohlen habe. Dass Baumgartner sich damals das Buch aus der Universitätsbibliothek Basel geliehen hat, konnte anhand der Ausleihbücher bestätigt werden, und dies ist der einzige – wenn auch nicht jedem Einwand standhaltende – Beleg dafür, dass Nietzsche Stirner gekannt hat. Ob Baumgartner sich, was die Person des Empfehlenden angeht, richtig erinnert hat, und ob Nietzsche, falls er tatsächlich den »Einzigen« empfohlen hat, diesen selbst auch gründlich gelesen hatte, kann natürlich nach wie vor bezweifelt werden.

Es gibt freilich weitere Indizien dafür, dass Nietzsche Stirners Buch nicht unbekannt geblieben sein konnte. Bei Friedrich Albert Lange (1828-1875) etwa, dessen »Geschichte des Materialismus« (1866) Nietzsche in- und auswendig gekannt und sehr geschätzt hat, ist Stirners »Einziger« als „berüchtigtes Werk“, als „das extremste [Buch], das wir überhaupt kennen“ charakterisiert. Sollte Nietzsche das überlesen haben? Kaum denkbar. Wahrscheinlich indes ist, dass Nietzsche Langes fadenscheinige Begründungen, warum er auf dieses Werk nicht näher eingehen wolle, als subtile Botschaft aufgenommen hat. (2)

Ein weiteres starkes Indiz für Nietzsches Stirner-Kenntnis ist seine Reaktion auf Eduard von Hartmanns Buch »Philosophie des Unbewussten« (1869) – ein philosophischer Bestseller, der bis 1890 zehnmal neu aufgelegt wurde. Das Buch umfasst ungefähr 700 Seiten, und 3 Seiten davon sind Stirner gewidmet – was merkwürdig wenige sind, wenn man weiss, was Hartmann (1842-1906) erst postum wissen liess: dass er zuvor, als junger Mann, selbst eine Zeit lang „auf Stirners Standpunct“ gestanden habe; dass dieses erfolgreiche Erstlingswerk also Produkt seiner Überwindung Stirners ist. Nietzsche bewies jedenfalls ein feines psychologisches Gespür und einen sicheren Blick für’s Wesentliche, als er sich für seine fulminante Kritik Hartmanns, die er in seiner zweiten »Unzeitgemässen Betrachtung« publizierte, genau auf jenes Kapitel des Wälzers konzentrierte, das die drei Stirnerseiten enthält. Das Auffälligste – gleichwohl regelmässig Übersehene – dabei ist jedoch: Nietzsche erwähnt Stirner mit keinem Wort, liest, zitiert und argumentiert kunstvoll um ihn herum. Hier konnte er Stirner auf keinen Fall übersehen haben. (3)

Es sprechen allerdings gewichtige Anzeichen dafür, dass Nietzsche Stirners »Einzigen« nicht durch Lange oder gar erst durch Hartmann, sondern schon vorher kennengelernt haben muss. Ich habe die biographische Situation, in der Nietzsche mit grosser Wahrscheinlichkeit Stirners »Einzigem« das erste Mal begegnete, einmal wie folgt knapp geschildert:

„Friedrich Nietzsche, der zweite grosse ‚Überwinder‘ Stirners, wurde im gleichen Jahr (sogar im gleichen Monat) geboren, in dem Stirners »Einziger« erschien. Doch zu Nietzsches Jugendzeit bereits galt der gesamte Junghegelianismus allenthalben als unseriös, als Tollheit einiger relegierter Privatdozenten und Radaupublizisten des Vormärz. Der junge Nietzsche indes, verdrossen über die ‚Greisenhaftigkeit‘ seiner Kommilitonen, rühmte in einem Brief eben jene vierziger Jahre als eine ‚geistesrege Zeit‘, in der er selbst gern aktiv gewesen wäre. Der direkte Kontakt mit einem junghegelianischen Veteranen war denn auch eine Weichenstellung für den späteren Philosophen. Im Oktober 1865 hatte Nietzsche eine längere, intensive Begegnung mit Eduard Mushacke, der damals zum engsten Kreis um Bruno Bauer gehört hatte und mit Stirner befreundet gewesen war. Die unmittelbare Folge war eine tiefe geistige Krise (Nov. 2002: vgl. »Nietzsches initiale Krise«) und ein panikartiger ‚Entschluss zur Philologie und zu Schopenhauer‘.“ (4)

Nietzsche hat die direkten Spuren dieser entscheidenden geistigen Wende in seinem Leben mit einigem Erfolg zu tilgen gesucht – was in meinen Augen den verbliebenen, verwischten um so grössere Bedeutung verleiht. Die Nietzsche-Forscher aller Richtungen sehen das nicht: sie kolportieren unisono und ohne jedes Fragezeichen eine von Nietzsche selbst mitgeteilte, bei auch nur oberflächlicher Betrachtung eher fragwürdige Geschichte, wie er begeisterter Jünger Schopenhauers geworden sei – nachzulesen in jeder Nietzsche-Biographie. (Hier ist auf eine Parallele zur Marx-Literatur hinzuweisen: auch hier wird die von Marx selbst stammende, höchst zweifelhafte Angabe kritiklos übernommen, er habe seinen so monumentalen wie furiosen Anti-Stirner nur aus einer Laune heraus, zur blossen „Selbstverständigung“, geschrieben und ihn dann „der nagenden Kritik der Mäuse“ überlassen).

In der soeben zitierten Darstellung fahre ich fort: „Obwohl im Falle Nietzsches die Dinge in allen Details (auch in der Frage der positiven Belegbarkeit) anders liegen als bei Marx, ist doch bei beiden eine grundsätzliche Ähnlichkeit ihrer Entwicklung zu Denkern von überragendem Einfluss festzustellen: Konfrontation mit Stirner in jungen Jahren; (Primär-)Verdrängung; Konzeption einer neuen Philosophie, die eine beginnende ideologische Zeitströmung verstärkt und dadurch populär wird, dass sie die eigentlich anstehende (und von Stirner eingeforderte) Auseinandersetzung mit den tieferen Problemen des Projekts der Moderne, des ‚Ausgangs des Menschen aus seiner Unmündigkeit‘, abschneidet und zugleich eine greifbare praktische Lösung suggeriert. Wie bei Marx folgte auch bei Nietzsche der Primärverdrängung die kollektive Sekundärverdrängung: durch die Nietzscheforscher aller Richtungen. Sie äusserte sich jedoch in flexibleren Formen als in der Marxforschung. Es wurden durchaus Vergleiche zwischen Aussagen Stirners und Nietzsches angestellt; sie ergaben, dass Stirner ein Vorläufer Nietzsches sei, und auch, dass er dies nicht sei. Es wurde die Frage gestellt, ob Nietzsche den »Einzigen« gekannt habe; sie wurde bejaht, und sie wurde verneint. Folgerungen wurden daraus nicht gezogen.“ (5)

2.1 Die Nietzsche-Forschung summarisch

Zwei Positionen markieren die Ränder des Spektrums der Urteile über Nietzsches Verhältnis zu Stirner. Eduard von Hartmann stellte Nietzsche als schöngeistigen Plagiator des durch ihn, Hartmann, bereits „überwundenen“ Stirner hin (was brutal klingt, aber Nietzsches wirkliche Rolle verharmlost). (6) Alois Riehl meinte, schon wer Nietzsche überhaupt in irgendeine Beziehung zu Stirner zu setzen versucht, begehe einen verräterischen faux pas und plaziere sich damit ausserhalb des Kreises der Kultivierten und Verständigen. (7) Dazwischen anzusiedeln und nennenswert ist noch die Position von Paul Lauterbach, der Stirner exponieren wollte, um Nietzsche als den Retter vor der nihilistischen Konsequenz Stirners feiern zu können. (8) Natürlich haben Stirnerianer wie John Henry Mackay oder Benedict Lachmann Stirner den Vorzug vor Nietzsche gegeben, aber nur aus einer trotzig-defensiven Position heraus, ohne die spezifischen Ideen Stirners auch nur erahnt zu haben, die Marx, Nietzsche et al. zu ihren Verdrängungsreaktionen getrieben haben.

Seit den 1890er Jahren gab es einige monographische Untersuchungen zum Thema „Nietzsche und Stirner“: von Robert Schellwien (1892), Rudolf Steiner (1892), Albert Lévy (1904) u.a. (9) Noch in jüngerer Zeit gab es einschlägige Dissertationen (10) und Kongresse (11), deren Ergebnisse allerdings gegenüber denen der älteren Arbeiten keinen Fortschritt erkennen lassen. Eine Sichtung all dieser Beiträge ergibt, dass keiner der Autoren sich ausserhalb des oben bezeichneten Spektrums bewegte. Die von mir vertretene Sichtweise wurde, soweit ich sehe, bisher von niemandem erwogen.

2.2 Curt Paul Janz

Während die Stirner-Nietzsche-Frage um die Jahrhundertwende relativ häufig, gleichwohl – der Bann wirkte bereits – ohne ein in irgendeiner Weise relevantes Resultat ventiliert worden war, schwand das Interesse an ihr bald fast völlig. Die meisten Autoren, die seit den 1920er Jahren biographisch oder monographisch über Nietzsche und seine Philosophie schrieben, erwähnen Stirner nicht einmal mehr.

Eine Ausnahme ist Curt Paul Janz (1911-….), der im Dokumententeil seiner grossen, dreibändigen Nietzsche-Biographie (1978/79) der Stirner-Nietzsche-Frage einen Abschnitt widmet. Doch die sachlichen Fehler, die dem sonst sehr verlässlichen und gründlichen Autor hier unterlaufen, verraten, dass er sich – dem Bann unterliegend – mit Stirner kaum je befasst hat. Sie seien hier aufgezählt:
1) Bei der Transskription von Briefen zur Stirner-Nietzsche-Frage, die Köselitz an Overbeck schickte (Band III, S. 343 ff), macht Janz aus dem Namen Mackay stets Markay, eine fiktive Figur, deren Vornamen er im Register dann auch nicht angeben kann. Auch Karl Schlechta, Mazzino Montinari und andere hochkarätige Nietzsche-Experten, die Janz zur Seite standen (Band I, S. 11ff), konnten ihm offenbar nicht sagen, dass es sich hier um John Henry Mackay handelt, dessen Name jedem geläufig ist, der Stirner nicht nur vom Hörensagen kennt.
2) Eine weitere Person, die Janz offenbar nicht kennt, ist Lauterbach, der in einem zitierten Brief vorkommt und von Janz im Register mangels Kenntnis des Vornamens nur mit „Herr“ näher bezeichnet wird. Paul Lauterbach (1860-1895) war einer der ersten Nietzsche-Verehrer. Er verkehrte seit ca. 1890 im Hause Nietzsche und wollte Nietzsche, der damals zwar als Schriftsteller schon berühmt war, aber noch nicht als bedeutender Philosoph galt, als den einzig wahren Überwinder, als „grossen Nachfolger, Ausbauer und Umschöpfer“ Stirners vorstellen — zunächst in der Einleitung zu der von ihm betriebenen Edition von Stirners »Der Einzige und sein Eigentum« in Reclams Universalbibliothek (1893). (Lauterbachs Nachlass liegt übrigens in der Universitätsbibliothek Basel, dem Wohn- und Arbeitsort von Janz.)
3) An der Stelle, wo Janz selbst kurz auf die Stirner-Nietzsche-Frage eingeht (Band III, S. 212 f), paraphrasiert er einen Artikel Resa von Schirnhofers, in dem eine Publikation von 1894 auf 1874 datiert ist. Janz bemerkt diesen Druckfehler nicht und baut darauf eine – freilich abwegige – Vermutung auf.
4) Da Janz die Geschichte, wie Nietzsche zur Philosophie kam, wie er quasi über Nacht zum begeisterten Jünger Schopenhauers wurde, ebenso unkritisch wie alle mir bekannten Biographen Nietzsches direkt aus einem autobiographischen Text übernimmt, konstatiert er zwar eine entscheidende Wende in Nietzsches geistigem Leben im Oktober 1865, zieht aber als Ursache dafür nicht die unmittelbar vorhergehende, zweiwöchige intensive Begegnung mit Eduard Mushacke (s.o.) in Betracht. Mushacke ist für ihn eine so unwichtige Randfigur, dass er dessen Vornamen unachtsam mit Eberhard angibt.

Diese zum Teil gravierenden Fehler in dem meistverbreiteten Standardwerk zu Nietzsche wurden auch vom gelehrten Fachpublikum offenbar nicht bemerkt – Stirner ist eben einfach „kein Thema“ – und somit im Laufe von anderthalb Jahrzehnten nicht reklamiert: in der 2. – revidierten – Auflage des Werkes (1993) und in späteren Nachdrucken sind sie nach wie vor enthalten.

Janz‘ Unkenntnis Stirners ist ausnahmsweise fassbar, demonstrierbar, weil er, aus welchen Gründen auch immer, Stirner überhaupt Platz eingeräumt hat. Die Vermutung, dass viele heutige Nietzsche-Forscher Stirner überhaupt nicht kennen, liegt, obwohl naturgemäss unbelegbar, sehr nahe.

Als ich bei dem von Hermann Josef Schmidt organisierten 1. Dortmunder Nietzsche-Kolloquium (am 5. Juli 1991) in einem Vortrag »Neues Licht auf die Stirner-Nietzsche-Frage« einige der hier vertretenen Punkte (Rolle Mushackes, Hartmann-Kritik etc.) vortrug, stiess ich auf geradezu demonstratives Desinteresse der anwesenden Nietzsche-Experten, Gelehrten, die sich ansonsten durchaus dem „Spurenlesen bei Nietzsche“ (so der Untertitel von Schmidts 2500-seitiger, in vier dicken Bänden publizierter Kindheits- und Jugendgeschichte Nietzsches) verschrieben hatten.

2.3 Henning Ottmann

Henning Ottmann (1944-….), ein Schüler des ranghohen katholischen Funktionärs Nikolaus Lobkowicz (als Stirner- und Marxkenner in Teil 1 dieser Arbeit erwähnt, s. dort Fn. 21), veröffentlichte 1987 seine Habilitationsschrift »Philosophie und Politik bei Nietzsche«. Das Buch gilt inzwischen als Standardwerk über den „politischen Nietzsche“. Ottmann widmet darin der Frage »Nietzsche und Stirner?«, dem bisher „ungelösten Rätsel der Nietzscheforschung, ob Nietzsche von Stirner beeinflusst war“, zwei Seiten (307-309), auf denen er auch die Sekundärliteratur summarisch diskutiert. Ob er meint, das Rätsel gelöst zu haben, bleibt jedoch unklar, denn der Text dieses Abschnitts erscheint, auch im Vergleich zum übrigen, merkwürdig unstrukturiert und inhomogen, kaum referierbar, aber eben deshalb lesenswert. Es handele sich hier um „eine der intelligenteren Nietzsche-Legenden“ – und dennoch um eine unbegründete. Das Interesse an dieser Frage im Kreis der alten Nietzsche-Freunde Overbeck, Köselitz u.a. sei gross gewesen – was Ottmann „erstaunlich“ findet, aber nicht näher untersucht. Die „wichtigsten Briefe“, in denen die Freunde sich dazu austauschten, meint er bei Janz gefunden zu haben. (12) Man merkt deutlich, wie er die Frage herunterspielen will, schnell eine Lösung zur – selbstgestellten – Frage präsentieren will; schliesslich sei doch „die Antwort auf das Problem Stirner-Nietzsche einfach genug.“ Auf den Punkt gebracht hat Ottmann sie so: „Nietzsches geistiger Horizont, von der Antike bis zur Moderne, ist immer der weitere. Er war mit der kleinbürgerlichen species anarchistica nicht geistesverwandt!“ Die altbekannte, oft gebrauchte und bewährte Formel der Stirner-Exorzisten: Kleinbürger! Interessant zu beobachten, wie der katholische Polit-Philosoph im Schulterschluss mit Marx und den Marxisten den „Antichristen“ Nietzsche vor dem „Kleinbürger“ Stirner retten will.

2.4 Arno Münster

Während ich bei Janz den Eindruck habe, er sei ein sozusagen unschuldiges Opfer des Bannes gegen Stirner bzw. er wisse nicht, ja ahne nicht einmal etwas von dessen Existenz, scheint mir Ottmann – schon durch seine akademische Herkunft, aber vor allem aufgrund der merkwürdigen Komposition seines Textes – den Bann, aus welchen bewussten oder unbewussten Gründen auch immer, aktiv aufrechterhalten und stärken zu wollen (wobei sich seine unvermeidliche Ambivalenz darin äussert, dass er nicht einfach, wie die meisten, schweigen kann und somit riskiert, „schlafende Hunde zu wecken“). Buchtitelseite Arno Münster, Nietzsche et Stirner

Vor diesem aktuellen Hintergrund weckt natürlich ein neues Buch besonderes Interesse, dessen Autor das Thema Nietzsche und Stirner monographisch behandelt. (13) Das Buch, »Nietzsche et Stirner« von Arno Münster (1942-….), ist jedoch eine einzige Enttäuschung. Zunächst ist es – wie schon Jouberts unter 1.4 besprochene »Marx versus Stirner« – nur ein halbes, ein aufgeblähter Aufsatz: von den ca. hundert Seiten füllt die titelgebende Schrift nur gut die Hälfte; der Rest ist eine Abhandlung »Nietzsche – Immoraliste?«, in der Stirner nicht vorkommt. Weiterhin verlässt Münster sich unkritisch auf seine Gewährsleute Janz und Ottmann, was bei ersterem noch angehen bzw. folgenlos bleiben mag, bei letzterem jedoch, von dem er sich zu seiner Untersuchung hat anregen lassen, nicht mehr. Ein dritter Gewährsmann, dem Münster die nötige Kritik erspart, ist der bei Stirnerkennern berüchtigte Hans G. Helms (der Stirner zum „Protofaschisten“ und eigentlichen Chefideologen der Bundesrepublik stilisieren wollte). Bei diesen Vorgaben kann man sich Lektüre und Überprüfung der von Münster vorgetragenen Thesen getrost sparen. Was man findet, sind von Ottmanns Stichworten inspirierte Ausführungen über „krypto-anarchistische“ Gedankengänge bei Nietzsche, die, wie der Autor mutmasst, eigentlich nur von Stirner her gekommen sein könnten. Über weite Strecken gerät ihm zudem sein Thema ausser Sicht, und er philosophiert allgemein über Staat, Nihilismus etc. Ich habe in dem ganzen Text keinen Gedanken gefunden, den ich nicht schon x-mal woanders gelesen habe. Selbst als Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstandes ist die Schrift nicht brauchbar.

2.5 Rüdiger Safranski (post scriptum)

Die Anfügung dieses Kapitels bot sich erst vor kurzem an, nachdem das Konzept dieses zweiteiligen Artikels, der das rezente Erscheinen der Bücher von Joubert (über Stirner und Marx) und Münster (über Stirner und Nietzsche) zum Anlass hatte, bereits stand. Es firmiert deshalb als post scriptum .

Rüdiger Safranski (1945-….) ist ein Autor, dessen Bücher zur jüngeren Philosophiegeschichte weithin als anspruchsvolle und auch für ein grösseres Publikum gut lesbare Literatur gelobt werden. In seinem ersten Erfolgsbuch behandelte er »Die wilden Jahre der Philosophie« im 19. Jahrhundert. Es folgten weitere biographische und ideengeschichtliche Studien, 1997 eine kommentierte Nietzsche-Auswahl und im Nietzschejahr 2000 »Nietzsche. Biographie seines Denkens«, das mit viel Kritikerlob und dem „Friedrich-Nietzsche-Literaturpreis“ des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet wurde. [Anmerkung Okt. 2002: laut Auskunft des Hanser-Verlags ist das Buch bereits als Übersetzung in folgenden Ländern erschienen: USA/Grossbritannien, Frankreich, Spanien, Brasilien/Portugal, Italien, China, Japan, Korea, Israel, Niederlande, Dänemark, Schweden, Ungarn, Griechenland, Polen].

Da Safranski in seinen früheren Publikationen Stirner nie erwähnte (obwohl es durchaus Anlässe gegeben hatte) überrascht es, dass er in sein Nietzschebuch ein relativ langes Kapitel »Mit Max Stirner und über ihn hinaus« – wie es scheint: nachträglich – einarbeitete. (14) Anlass dafür war offenkundig mein ZEIT-Artikel über Stirner vom Anfang dieses Jahres (15). Safranski übernimmt zunächst aus diesem Artikel – mit für mich schmeichelhaftem Vertrauen in die dort nicht belegten Ausführungen – die unorthodoxe Sicht, dass namhafte Denker zeitweilig stark von Stirner beeindruckt bzw. beunruhigt waren, ihn aber nicht oder nur an entlegener Stelle erwähnen. Er nennt die Namen Feuerbach, Husserl, Schmitt, Simmel, formuliert etwas vorsichtiger bei Marx und Nietzsche, lässt Habermas weg. Safranski tritt dann in verschiedene teils detaillierte (zu Nietzsche) teils allgemeinere (Stirner als radikaler „Nominalist“ etc.) Erörterungen ein und gelangt schliesslich zu folgendem Ergebnis: „In einer Hinsicht allerdings wird Nietzsche bei Stirner etwas gänzlich Fremdes und sicherlich auch für ihn Abstossendes wahrgenommen haben. Denn Stirner, so sehr er auch das Schöpferische betont, zeigt sich bei der Hartnäckigkeit, mit der er das Eigentum an sich selbst reklamiert, schliesslich doch als Kleinbürger, dem das Eigentum alles bedeutet, auch wenn es nur das Eigentum an sich selbst ist.“ In einer Hinsicht… – von einer anderen ist freilich nicht die Rede. Nun, schon in der Kapitel-Überschrift signalisierte Safranski unzweideutig, dass auch er – obwohl der neu entdeckte Stirner ihn sichtlich auf diffuse Art fasziniert – sich dem alten, ubiquitären Bann gegen Stirner nicht entziehen kann. Er übergeht deshalb die Kernaussage meines Artikels, ignoriert die Mushacke-Passage, und sucht schliesslich, nach einigen Seiten ungewohnt verwickelter und dann abrupt beendeter philosophischer Diskussion, sein Heil durch die Flucht in die – Marx’sche Kleinbürgerthese. Eine mustergültige Demonstration der Kraft des Bannes.

3. Beschluss

Aus den gelegentlichen Reaktionen auf meine Arbeiten weiss ich, dass diese oft als Bemühung um eine Aufwertung Stirners, um seine Rehabilitation oder Besserstellung im Kanon der philosophischen Autoren aufgefasst werden. Erst recht die hier titelgebende Aufforderung „Den Bann brechen!“ könnte so verstanden werden. Deshalb möchte ich abschliessend – hier nicht zum ersten Mal – betonen, dass es mir eben darum nicht geht. Im Gegenteil: indem ich an Autoren, die eine solche Promotion Stirners zu erreichen versuchten – s.o.: Max Adler, Henri Arvon, Wolfgang Essbach – zeige, dass auch und in besonderer Weise gerade sie unter dem von mir postulierten Bann stehen, will ich zum Kern des Problems weisen. Es geht nicht darum, Stirner im Rahmen der bestehenden Denkerhierarchie aufzuwerten, ihn z.B. als massgeblichen Einfluss auf Marx oder gar als diesem Ebenbürtigen hinzustellen. Es geht um viel, ich bin versucht zu sagen, um unendlich viel mehr – was, prosaisch gewendet, ungefähr heissen soll, dass Stirner die Möglichkeit eröffnet, das seit Jahrtausenden vergeblich beackerte Feld der „Philosophie“ zu verlassen, ohne „geistlos“ zu werden. Es gibt hier, auf höchster bzw. tiefster Ebene, kein Sowohl-als-auch, sondern nur ein Entweder-oder. Das wussten oder spürten mit Sicherheit gerade Marx, Nietzsche und andere Denker, die die offene Konfrontation mit Stirner mieden und ihn durch „Erfolg“ besiegten, d.h. durch Schaffung einer massenbegeisternden „Philosophie“. Das wussten oder spürten auch die Massen von Intellektuellen, die die Verdrängung Stirners durch Marx, Nietzsche et al. bereitwillig, faktenblind und unbeirrbar nachvollzogen. – Und noch ein Wort zu früheren Leserreaktionen: Wer den Rang des Problems, dem sich diese Arbeit und meine anderen Untersuchungen (16) zu nähern versuchen, ahnt oder gar erkannt hat, wird nicht erwarten, dass ihm der gerade erwähnte „Kern des Problems“ sozusagen genussfertig serviert wird. (17)

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Written by floriangrebner

7. November 2010 um 13:16

Veröffentlicht in Geschichte

5 Antworten

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  1. Mal ganz salopp gesagt: Ihre Bewertung von Stirner ist „Ein Schuss in den Ofen“.
    Gleichgültig ob Ihre Gedanken durch Hegel, Marx, Compte oder einen der anderen „Intellektuellen Verräter“, wie sie ein kluger Franzose einmal nannte, verwirrt sind, Max Stirner steht was klares Denken über die ideologischen Strömungen des 19. Jahrhunderts betrifft weit über den Genannten.
    Wenn man einmal von seiner Vereinsidee absieht ist man als Freiheitlicher oder Libertärer bestens beraten, seine Kritik ins eigene Gedankengebäude zu integrieren und mit den Gedanken von Say, Molinari, Bastiat, Menger und Pareto über Gesellschaft, Staat und Individuum zu vereinen.

    Dr. Werner Ende 

    7. November 2010 at 17:06

  2. Ich bin Mir nicht ganz sicher, wen Sie mit Ihrem Kommentar hier ansprechen („Ihre Bewertung“), nehme aber an, daß Sie sich auf Laskas Artikel beziehen, also quasi Herrn Laska ansprechen. Dann verstehe Ich nicht ganz, warum die Analyse von Laska ein „Schuß in den Ofen“ sein soll. Es ist halt Laskas ständige Grundthese: Alle haben Stirner gekannt und gelesen, aber dann verdrängt. Zumindest in bezug auf Marx und Nietzsche scheint Mir Seine Analyse aber durchaus schlüssig zu sein, wobei Ich weder Marx- noch Nietzschespezialist bin.
    Dann ist Mir auch nicht klar, warum Sie aus libertärer Sicht vom Stirnerschen Vereinsgedanken absehen wollen. Gerade der „Verein bewußter Egoisten“ scheint Mir unter libertären Gesichtspunkten besonders interessant zu sein, stellt er doch (so interpretiere Ich es) einen spontan entstandenen (möglicherweise auch spontan wieder vergehenden) Bund ohne Herrschaftsverhältnisse dar.

    Ulrich Wille

    12. November 2010 at 23:10

  3. Herrn Ende war nicht klar, wer der Verfasser des Artikels ist. Gebner zitiert Laska lediglich.

    Dr. Werner Ende muss man zu Gute halten, dass er zwischen geistigen Brandstiftern wie Marx und klugen Köpfen wie Stirner unterscheidet.

    freiheitistunteilbar

    26. November 2010 at 13:05

  4. Ende bezieht sich doch klar auf den Artikel von Laska, auf was sonst? Über den muss er sich recht geärgert haben, denn er hat ihn so verwirrt, dass er daraus entnimmt, Laska sei durch Hegel, Marx, Compte [sic!] verwirrt.
    Abgesehen von seinem konfusen Kommentar hat er selbst, wie auf seiner http://www.stay-free.de zu lesen, ein Verständnis von Stirner und dessen Egoismus, das nur als trivial zu bezeichnen ist. Dazu von Laska:
    http://www.lsr-projekt.de/miscms.html

    Pierre

    27. November 2010 at 10:36

  5. so verstehe ich Stirner:
    Der Eigner als Idealtypus ist also vor allem Eigner seiner selbst, seiner Gedanken ebenso wie seiner Triebe, aber auch Eigner der „Welt“ (der Natur, der Menschen, der Dinge, des Staats etc.), und zwar insofern, als er ihr nicht „ehrfürchtig“ gegenübersteht. Der Eigner („sein Ich“) lebt, denkt und handelt nicht unter der irrationalen Leitung, unter dem unbewuss- ten Zwang eines fremderzeugten Über-Ichs; seine Autonomie ist echt und nicht, wie in den sonstigen – aufklärerischen wie gegenaufklärerischen – Philo- sophien, eine „Als-ob“-Fiktion, eine so oder so bloß verinnerlichte Heteronomie; er ist der wirkliche – nicht nur leerformelhaft beschworene – Mündige, der denjenigen „eigenen“ Verstand hat, zu dessen konsequentem Gebrauch er nicht erst aufgefordert zu werden braucht.
    aus: „Der Eigner“ meines Buches „‘Katechon’ und ‘Anarch’. Bernd A. Laska

    Dr. Werner L. Ende   28. November 2010
    werner.ende@stay-free.de

    Dr. Werner Ende 

    28. November 2010 at 14:16


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