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Was sind Leben und Würde des Menschen wert?

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von Niklas Fröhlich

Geht es um Sozialhilfe, Gesundheitswesen, Sicherheit und allgemein alles, was Einfluss auf Physis wie Psyche des Menschen hat (und dies kann alles sein), wird in der politischen Debatte immer gerne mit den Begriffen wie „Menschenwürde“ und „Wert des Lebens“ umhergeworfen.
Dies ist ohne Frage immer der Versuch eines Totschlag-arguments, schließlich würde kein aufgeklärter Mensch versuchen den hohen Wert vom menschlichen Leben und seiner Würde in Frage zu stellen. Doch die rhetorische Verwendung dieser Phrasen möchte ich hier nicht näher behandeln. Vielmehr möchte ich die Frage stellen, was denn hinter derartigen Aussprüchen steckt.

Ich möchte drei – erdachte, aber sehr realitätsnahe – Beispiele ansprechen.

I Das Kind von Familie K. ist lebensbedrohlich krank, die Familie kann sich die lebensrettende Operation aber nicht leisten. Die staatliche Krankenversicherung zahlt nicht. In der politischen wie gesellschaftlichen Debatte heißt es: „Da muss der Staat/die Gesellschaft etwas tun! Der Wert des Lebens kann nicht in Geld gemessen werden!“

II Wieder einmal herrscht eine heiße Debatte um die Höhe der Hartz-IV Sätze. Es werden Beispiele von Familien angeführt, die streng sparen müssen und ein schweres Auskommen haben. Und wieder heißt es „Diese Armutsverhältnisse sind menschenunwürdig! Für die Würde des Menschen muss doch die Gesellschaft bereit sein, wesentlich mehr zu bezahlen!“

III Bei einem Flugunglück kommen mehrere dutzend Menschen um. Die Ursache des Unglücks wird bald ausgemacht: Ein bestimmtes Teil neigt bei bestimmten, überaus seltenen, Verhältnissen zu Fehlfunktionen. Das Flugunternehmen stellt eine Kalkulation an und kommt zum Schluss, dass die Implementierung eben jenes Teils zu teuer wäre. Es bleibt bei dem Risiko. Noch einmal gibt es den Aufschrei: „Es darf nicht sein, dass ein, sogar mehrere dutzend, Menschleben weniger wert sind als eine geringe Summe Geld! Für Wert und Würde des Menschenlebens muss das Unternehmen auch hohe Kosten auf sich nehmen – und wenn man es durch den Staat dazu zwingt!“

Jeder dieser Fälle ist gut denkbar und in dieser oder sehr ähnlicher Form alltäglich. Und immer glauben die Moralisten sich siegreich, wenn sie anführen, wie wertvoll und bedeutend doch der Wert des Lebens ist. Immer wieder lassen sich so die Herzen der Menschen erobern.

 

Einmal Würde… das macht dann 1000€, bitte!

Ich stimme zu: Der Wert von Leben und Würde des Menschen ist gewaltig und wird meist als zu niedrig betrachtet. Doch ich frage auch, dies richte ich an jene Moralisten: Kennt er denn irgendeine Grenze?
Bezogen auf den Hartz-IV Fall etwa würde natürlich eingeworfen, dass die geringe Summe von 100€ zu wenig sei. Dies sei menschenunwürdig. Wie steht es mit 500€? Wird dies der menschlichen Würde gerecht? Nein? 1000€? Forderer eines bedingungslosen Grundeinkommens fordern oft genau diese Tausend Euro und bringen oft auch das Argument der Würde. Aber soll denn die menschliche Würde wirklich nur 1000€ wert sein? Für tausend Euro kann ich mir nicht einmal ein neues Auto kaufen – soll also die menschliche Würde weniger wert sein als ein vierrädriges, motorisiertes Beförderungsmittel?
Dieses Spiel lässt sich weiterspielen und jeder der Würdeverteidiger wird irgendwann sagen müssen: „Hier ist eine Grenze!“ Mancher macht dies bei 500€, mancher bei 1000€, mancher gar bei zehn-, oder hunderttausend. Und immer kann ich fragen: Die Würde des Menschen ist weniger Wert als ein Auto, ein Sportwagen, ein Haus?!
Wie passt das damit zusammen, dass die menschliche Würde doch so unerreichbar hoch und – laut Grundgesetz- „unantastbar“ ist?

Dieses Problem lässt sich anhand der anderen beiden Beispiele noch drastischer gestalten.
Nehmen wir den Fall des lebensbedrohlich kranken Kindes. Setzen wie einmal fest, dass die Behandlung des Krankheit 500 Euro kostet. Die Empörung ist – scheinbar zurecht – groß : Ein Menschenleben soll keine 500 Euro wert sein? Ohne Frage ist es mehr wert. Was wäre nun, wenn die Kosten bei 1000€ lägen? Ein Menschenleben soll keine 500 Euro wert sein? Ohne Frage ist es mehr wert. Was ist mit 10.000€? Natürlich ist ein Menschenleben mehr wert! Was ist mit 100.000, oder einer Million, oder zehn Millionen?
Irgendwann wird nahezu jeder sagen: „Beim Wert X besteht eine Grenze.“ oder „Man muss natürlich abwägen, irgendwann wird es zu teuer.“, was im Kern das gleiche ist, sich aber feige um die genaue Grenze – also den Wert – des Lebens umherdrückt.

 

Nicht einen Pfennig wert!

Das wahre Ende dieses Moralismus tritt jedoch ein, nachdem diese Grenze einmal festgelegt ist. Nehmen wir an, 10.000€ wurden als Wert festgesetzt, zu dessen Zahlung die Politik bzw. die von ihr enteigneten Menschen verpflichtet sind. Die Grenze steht fest und darf – sonst wäre sie keine Grenze – nicht überschritten werden. Nehmen wir nun an, die Behandlung würde 10.000,01€ kosten. Wir sehen plötzlich einen überaus abstrusen Fall vor uns: Weil die Grenze um diesen einen Cent überschritten wurde, besteht keine Verpflichtung mehr zu zahlen und so wird die Behandlung nicht übernommen.
Das heißt nichts anderes, dass nach einmal erfolgter Grenzsetzung, das Leben im Ernstfall nicht einen einzigen Cent wert ist. Führt dass die ganze Sache nicht ad absurdum?
Im Falle des Flugzeugs gestaltet sich das nahezu genauso, nur noch mehr verwirrt durch die Tatsache, dass dort nur ein Risiko ist, was im obigen Fall gewiss ist (und dadurch, dass potenziell mehr Menschen bedroht sind).

 

Grenzenloser Wert

Was ist der Ausweg? Was ist mit der zweiten Antwort, dass es eben einfach keine Grenze für den Wert von Würde und Leben gibt? Denken wir uns einmal, dass einfach keine Grenze gesetzt wird, die den Wert von Leben und Würde ad absurdum führt. Sagen wir einfach: ALLES muss für das Leben (die Würde) gezahlt werden.
Im Falle des kranken Kindes also: Auch eine sehr exotische, spezielle 10 Millionen-Euro Behandlung müsste finanziert werden, weil der Wert des Lebens nicht in Geld zu messen ist. Damit befreit der Moralist sich jedoch keinesfalls von der bestehenden Problematik, die Ressourcen zu benötigen. Die Regierung erlangt diese über die Zwangsenteignung der „Steuer“. Doch unabhängig von deren Legitimation verändert dies das Problem überhaupt nicht. Denn jedes Gut ist stets knapp und zum Zeitpunkt t endlich, es kann zum Zeitpunkt t nur einmal verwendet werden. Irgendwo her müssen die Ressourcen, mit denen „der Wert des Lebens“ gezahlt wird, genommen werden – und das bedeutet, dass jemand anders sie nicht nutzen kann.  Nehmen wir an, die Regierung, als „Inkarnation der Gesellschaft, ist tatsächlich verpflichtet die 10 Millionen zu bezahlen, so muss sie diese 10 Millionen von anderen Menschen nehmen. Selbst wenn sie so als das Leben des Kindes Rettet – wie es sein Lebenswert gebietet – fügt sie dabei den anderen Menschen unter Umständen Leid zu. Es passt nicht zur Befolgung der Verpflichtung zur Lebenserhaltung, ein Leben zu retten und dadurch hunderten Menschen das Geld zum Leben zu nehmen.  Es werden Menschenwürden in gnadenlosem Verdrängungskampf gegeneinander ausgespielt. Dies würde sich noch ärger ad absurdum führen als das Problem der Grenzziehung.
Wir sehen also, dass aufgrund der Knappheit der Ressourcen irgendeine Grenze gezogen werden muss.

Endwertung der Entwertung

Und wir haben auch gesehen, dass jede Grenze den Wert des menschlichen Lebens und seiner Würde völlig auf den Kopf stellt und verdreht.
Zurück bleibt die Entlarvung jener Moralismen: Nichts entwürdigt, entwertet und verdreht den Menschen mehr, als der Versuch ihm „objektiv“ einen Wert zuzuweisen. Es ist der Versuch aus dem Menschen eine bürokratisches Rechnungsziffer zu machen. Die moralistischen Verteidiger von Menschwürde und Lebenswert sind in Wahrheit dessen größte Feinde. Unter ihnen wird der wahre menschliche Wert* zur Farce und schlimmer: Zur politischen Legitimation seiner eigenen Entwertung.

Zurück bleibt das, was jenen Moralisten eigentlich Prämisse war, von ihnen selbst aber nicht verstanden wird: Menschlicher Wert und menschliche Würde haben überhaupt nichts mit Besitz zu tun bzw. sind nicht in ihnen messbar. Wer lebt denn würdiger, der Arme, oder der Raubmörder? Wer lebt würdiger, der Inhaftierte, besitzlose Dissident oder der kriechende, sich selbst verleugnende, aber wohlhabende Kollaborateur?

Wenn es eine Sache gibt, die der Politik entrissen werden muss, dann die Definition des Wertes des Lebens und dessen Würde. Denn, wie wir gesehen haben, kann sie diese nur zerstören und gegeneinander ausspielen.
Daran sollte gedacht werden, wenn in Talkrunden und politischen Reden wieder die Rede davon ist, für ein „menschenwürdiges Leben zu sorgen“ oder den „Wert des Lebens über alles zu stellen.“ Beides kann die Politik, aus einfacher Betrachtung heraus, nicht.
—-

Anm: Dazu kommt auch das Problem der sozialen Gerechtigkeit, dass ich vorher beschrieben haben.

* Und der (der Wert des individuellen Lebens/ der Würde) ist schon deshalb nicht erfassbar, weil es aufgrund der Unübertragbarkeit der Persönlichkeit keinen Markt für Würde und Leben gibt.

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Written by floriangrebner

14. November 2010 um 21:27

Veröffentlicht in Ethik

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