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Das Programm der Anarchisten

with one comment

„Dieser Text wirbt 1907 für einen Anarchismus ohne Adjektive. Alle Versuche, davor und danach die Anarchie zu leben und zu verwirklichen, sind Experimente und keine Verwirklichung „des Programmes des Anarchismus“. Das gemeinsame Ziel aller AnarchistInnen lautet schlicht: keine Herrschaft. Sich jedoch an der Frage zu entzweien, durch welche gesellschaftlichen Experimente die Anarchie verwirklicht wird oder werden könnte, zeigt auf, wie stark die Anarchisten und Anarchistinnen in der bestehenden Ordnung verankert sind. S. Rasmussen wählt bald darauf den Freitod, weil er sich von der Polizei in den Untergrund gedrängt und verfolgt sieht. Er hat daher nicht mehr erleben können, wie sich im Anarchismus bestimmte Strömungen entwickelten, die sich bald wie ideologische und weltanschauliche Parteien gebärdeten, gegeneinander kämpften und sich gegenseitig den Status als AnarchistInnen absprachen sowie all zu oft das gemeinsame Ziel aller AnarchistInnen aus den Augen verloren, eine gemeinsame Welt ohne Herrschaft zu verwirklichen.“ – Robert Robertsen

 

Das Programm der Anarchisten

von Sopus Rasmussen

 

Es ist ein Einwand, den man häufig gegen Anarchisten gerichtet von jenen hört, die nichts von dieser Lehre verstehen, und sie sind es, die darin ein bestimmtes Programm erkennen. Die ganze Arbeit der Anarchisten ginge darauf hinaus, zu kritisieren und niederzureissen, ohne etwas neues an die Stelle zu setzen, was sie abschaffen wollen.

Die Leute, die so etwas sagen, beweisen nur, daß sie sowohl nicht die geringste Ahnung haben, was Anarchismus ist, als auch, daß sie nicht zur Logik fähig sind; wir sagen uns, daß jeder mit ein wenig gesunden Menschenverstand bemerken können wird, daß, wenn der Anarchismus der gesetzlosen Gesellschaft zustrebt, dann baut er damit etwas Neues auf an Stelle dessen, was er abschaffen will. Er bringt Freiheit im Gegensatz zum Zwang.

Wenn darüber gesprochen wird, was das Programm des Anarchismus sei, so müssen wir mit zwei Worten antworten: Keine Herrschaft. Großartig ist das nicht und wir wollen einräumen, das damit nicht viel eines Stück Papieres zu füllen ist; aber trotzdem ist es das beste Programm, mit dem bis dato Menschen hervorgetreten sind. Natürlich befriedigt es jene Menschen nicht, die – gewohnt, von allen Parteien ellenlange Programme zu erhalten – erwarten, einen vollständigen Gesellschaftsentwurf fix und fertig bis in die geringsten Einzelheiten zu bekommen. Jene begreifen nicht, das dies eine genügt: Anarchie, sondern sie fordern, daß wir für sie beschreiben sollen, wie es denn werden könne, wie die Produktion und Konsumation zu organisieren sei, wie die Schullaufbahn und Kinderaufzucht aussehen könne, wie sich Männer und Frauen gegenüber einander verhalten sollen und weiteres. Und wenn wir dann sagen, das wir es nicht wissen, daß das die Zukunft erweise, sind sie verärgert und behaupten, daß wir also nur niederreissen und kritisieren. Wir sind für sie verfluchte Schädlinge, welche alles angreifen, ohne einen Grund zu nennen, Leute, die gerne etwas zerstören, aber niemals etwas aufbauen wollen.

Dieser Eindruck ist jedoch grundfalsch. All jenes, was wir einreissen, ist das, was wir aufbauen. Wir reißen Unfreiheit ein und bauen Freiheit auf. Wir sagen uns selbst, dort, wo Herrschaft aufhört, beginnt die Freiheit. Aber wir bauen keine Luftschlösser, um das Volk zu verführen, daran zu glauben, wir lieben keine Utopien, die die Zukunft festschreiben. Wir sehen die Gesellschaft als ein Wesen an, welches durch tausende Ketten, Gesetze, Autorität und Verbote und so weiter geknebelt ist, und wir versuchen dieses Wesen zu befreien durch Überwindung der Ketten, nicht jedoch, um neue vergoldete Ketten, die dieses Wesen erneut binden, an deren Stelle zu setzen, nachdem die anderen überwunden sind.

Man kann deshalb sagen, daß diese Arbeit eine Abbrucharbeit ist. Aber ihr Resultat ist nicht negativ, im Gegenteil, ihr Resultat ist ungeheuer positiv. Würden wir stattdessen ein Programm aufstellen – durchsetzt mit neuen Ketten, wofür wir alte entfernen, so kann man mit recht behaupten, daß das Resultat der Arbeit und des Programmes negativ wäre.

Selbstverständlich muß unsere Arbeit von der Kritik der bestehenden Gesellschaft ausgehen, in deren Mitte wir die Verbote überwinden, die uns an sie binden und uns daran hindern, das Neue zu verstehen. Will man damit fortfahren, darüber zu philosophieren, wie die zukünftige Gesellschaft eventuell wirken könne, wird man sie nicht verstehen können, wenn man nicht zuvor von den Verboten frei ist, aus welchen die Bestehende aufgebaut ist. Ferner wird jeder derartige Versuch, sich die Anarchie der Zukunft vorzustellen, sich als scharfe Kritik der heute bestehenden Gesellschaft erweisen.

Die Feststellung, uns würde ein positiver Hintergrund fehlen, ist deshalb völlig verkehrt. Wir haben einen solchen und auch unser Programm, so kurz es auch immer ist. Es ist unsere Aufgabe, die Schranken einzureissen, die Menschen daran hindern, zu leben und sich zu entwickeln wie sie wollen. Wir sind wie der Arzt, der des Patientens Krebsgeschwür fortzuoperieren versucht, aber wir wollen ihm anschließend kein neues Geschwür zuführen. Wir meinen, daß der Organismus ganz normal aus sich selbst heraus funktionieren wird, wenn die Krankheit überwunden ist und der Arzt keine Vorschriften erlassen kann, wie die verschiedenen Organe zusammenarbeiten sollen.

Unter allen Anhängern des derzeitigen Anarchismus sind auch einige, die nichts dagegen haben, Utopien aufzustellen, und so teilen sie sich in Fraktionen auf, jede mit ihrem Zukunftsprogramm im fix und fertigem Zustand. Dies ist selbstverständlich völlig lächerlich und beweist nur, daß diese Nachfolger vom Anarchismus nichts verstehen. Wir müssen uns selbst klar machen, daß wenn wir Menschen von jedem Zwang befreien, keiner ihm seine spezielle Utopie aufzwingen kann und das die Formen der Zusammengehörigkeit ausschließlich von den Verhältnissen bestimmt werden, welche zu dieser Zeit gegeben sind und der Kulturstufe, auf der die Menschen stehen.

Einzureissen muß deshalb das Programm bleiben, um welches sich die Anarchisten sammeln.

**********

Beitrag in dem dänischen anarchistischen Organ, ”Skorpionen” im Dezember 1907

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Written by floriangrebner

18. November 2010 um 17:23

Veröffentlicht in Ethik, Grundsätzliches

Eine Antwort

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  1. Schöner Text. 103 Jahre alt und immer noch topaktuell. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

    Ulrich Wille

    19. November 2010 at 21:45


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