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Eine anarchistische Kritik am „Postanarchismus“

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von Jörg Djuren

Dies sind kritische Thesen zum Begriff „Postanarchismus“ und zu den dahinter stehenden Sichtweisen aus der individuellen Sicht eines Anarchisten, der schon lange mit poststrukturalistischer Theorie arbeitet.

Zuerst vieles, was an weitergehenden Analysen im Anarchismus von Seiten der „PostanarchistInnen“ eingefordert wird, z.B. bzgl. der Kritik von Identitätspolitiken und der feministischen Kritik, teile ich.

Wichtige Kritiken, die von der poststrukturalistischen Theorie mit eingebracht wurden sind z.B.;

– Die Erkenntnis, daß das bürgerliche Subjekte in dieser Gesellschaft vermachtet ist, selbst Produkt der Machtverhältnisse ist.

Dies zu erkennen ist wichtig, um Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus oder Heterosexismus zu begreifen. Gleichzeitig ist aber, aus anarchistischer Sicht, wichtig nicht zu vergessen, daß es in jedem Subjekt auch nicht bürgerliche Anteile gibt (z.B. aus der Selbstdefinition über Handlung, Praxis).

– Die Erkenntnis, daß Macht sich dezentralisiert.

Aber auch hier sollte aus anarchistischer Sicht nicht vergessen werden, daß es auch die zentralisierte Macht weiter gibt.
Ein stärkeres Aufgreifen poststrukturalistischer Theorie im Anarchismus ist wünschenswert um Macht und Herrschaft besser zu begreifen, als Vorraussetzung um sie erfolgreich zu bekämpfen.
Aber sowohl den Begriff „Postanarchismus“ als auch die dahinter stehenden Theorien halte ich für falsch zugespitzt.

Dazu einige Thesen;

1) Der Begriff „Postanarchismus“ ist höchst problematisch.

    Judith Butler hat schon im Streit um Differenz explizit die ausufernde Verwendung des Begriffes Post massiv kritisiert. Ihr Hauptgrund war, daß hier ganz unterschiedliche Theorien undifferenziert in eins gefaßt werden und dies eher einer differenzierten Auseinandersetzung im Weg steht.
    Das Post steht häufig für Postbeliebig, insofern würde ich im Sinne Judith Butlers auch von einem Begriff „Postanarchismus“ absehen.
    Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß z.B. Judith Butler sich selbst als „Postfeministin“ bezeichnen würde. Ihre neueren Texte kenne ich allerdings nicht, wäre aber sehr entsetzt, sollte dies heute doch der Fall sein. 

    Es gibt einen Backlash gegen Feminismus und gegen andere linke Ideen, der unter anderen auf der verzehrten Darstellung des Feminismus und anderer linker Ansätze basiert (PC-Diskurs als Kampfdiskurs der Rechten, siehe Diedrich Diederichsen – „Politische Korrekturen“ – , Köln, Kiepenheuer & Witsch – 1996).
    Dies führt dazu, daß z.B. viele Frauen, die für ihre Rechte eintreten, seit Jahren sich immer wider bemüßigt fühlen zu sagen, „Ich bin aber keine Feministin!“. Dies habe ich selbst häufiger bei aktiven Frauen erlebt. Ich halte dieses Einknicken vor sexistischen Machtsprüchen für höchst problematisch, wobei es im Einzelfall durchaus verständlich ist auf Grund der Abhängigkeit von nach wie vor bestehenden sexistischen Machtstrukturen.
    Die Postbegriffe stehen dazu, obwohl dies sicher nicht die Intention der „Postanarchistinnen“ ist, in einem höchst problematischen Bezug. Das Post wird da schnell zum Anti.

2) Anarchie bzw. Anarchismus ist für mich keine Theorie, als viel mehr eine Utopie/Idee und eine Praxis. Die anarchistische Theorie ist ein Ergebnis dieser Praxis und insofern nichts festes. Anarchistische Theorie muß sich immer weiterentwickeln mit der Praxis und mit der Weitentwicklung der anarchistischen Utopie/Idee/Ziele.

    Eine Kanonisierung wie sie in der marxistischen Theorie vielfach üblich ist hielte ich für absolut fatal. Und mein Interesse ist auch nicht Anarchismus oder „Postanarchismus“ als eine neue ‚wissenschaftliche Weltanschauung‘ zu etablieren. Die Diskussionen der „PostanarchistInnen“ gehen mir zu sehr in Richtung des Versuchs der Formulierung eines ‚wissenschaftlichen Anarchismus‘, das halte ich für falsch.

3) Anarchistische Theorie ist die Diskussion über die Möglichkeiten der Umsetzung auf Grund der praktischen Erfahrung und theoretischer Analyse. In diesem Sinn ist die poststrukturalistische Theorie sinnvoll aufgreifbar, als ein Werkzeug unter anderen, aber ich sollte den Hammer nicht entscheiden lassen, wo ich ein Bild aufhänge.

    Der Anarchismus kann viel aus den poststrukturalistischen Theorien lernen, interessantes zu lernen gibt es aber auch aus der kritischen Theorie (z.B. Theodor Adorno), und selbst aus der marxistischen Theorie oder von bürgerlichen TheoretikerInnen (z.B. Max Weber). Deshalb aber nun von einem kritisch theoretischen, marxistisch-bürgerlichen Post-Anarchismus zu reden, halte ich für Unsinn.

4) Die These, daß es kein Außerhalb der Macht gibt halte ich für grundsätzlich falsch! Die Stärke des Anarchismus beruht gerade darauf immer wieder auf die aus den herrschenden Diskursen ausgeschlossenen Ideen und Praxen zu rekurrieren. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, es gibt überall ein Außerhalb der Macht (und überall ein Innerhalb), die Widerspruchsverhältnisse und Ungleichzeitigkeiten gehen quer durch die Menschen und Verhältnisse durch.

    Anarchie ist keine wissenschaftliche Theorie, sondern die Entscheidung für den Willen zur größtmöglichen individuellen Freiheit aller Menschen. AnarchistInnen können deshalb nicht einfach bestimmten Menschen Rückständigkeit unterstellen, sondern müssen Menschen ernst nehmen. AnarchistInnen zeichnen sich gerade durch den Einbezug der Ausgegrenzten / des Ausgegrenzten aus! 

    Michel Foucault macht (und damit reproduziert er Jacques Lacan und die psychoanalytische Theorie in diesem Feld) den Fehler das Subjekt primär von der Macht her zu denken aber nicht von der Handlungspraxis. Michel Foucault und Jacques Lacan beschreiben das Subjekt in der bürgerlichen Gesellschaft, die ist aber nicht total, sondern jedes Subjekt hat auch nichtbürgerliche Anteile, die von diesen Theorien nicht erfaßt werden.
    Ich halte poststrukturalistische Ansätze für eine wichtige Ergänzung von Herrschaftstheorien. Aber sie sind mit Ausnahmen bezogen auf die bürgerliche Realität und das bürgerliche Subjekt, daß unkritisch als absolut gültig allgemeines gesetzt wird.
    Es gibt z.B. innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft kein Außerhalb der Macht, die bürgerliche Gesellschaft ist aber nirgends nur bürgerlich, in ihr findet sich überall auch anderes. Das bürgerliche Subjekt wird durch die Macht produziert, aber niemand ist nur bürgerliches Subjekt.
    Jacques Lacan und Michel Foucault liefern brilliante Analysen für das Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Subjekte, aber sie überdehnen die Gültigkeit in der Verallgemeinerung.

    Widersprüche ziehen sich aber meiner Meinung nach überall durch. Es gibt ein Außerhalb der Macht und dies ist überall gegenwärtig. Die Hegemonie ist nie perfekt.
    Alternative Ansätze lassen sich z.B. in den frühen Theorien von Luce Irigaray oder in der Sprachtheorie von Ludwig Wittgenstein (Bedeutung entsteht aus Sprachpraxis), gelesen im Gegensatz zur Sprachtheorie von Jacques Lacan, finden.

5) Michel Foucault und einige andere poststrukturalistische Theorien haben viel dazu beigetragen Herrschaftsverhältnisse, wie z.B. Sexismus und Rassismus, die wesentlich über ihre Einschrift in die Subjekte (re)produziert werden, genauer zu begreifen. Für andere Bereiche, z.B. kapitalistische Ausbeutung, halte ich mit Einschränkungen die Nutzung Michel Foucaults zum Teil für problematisch (z.B. Teile der Gouvernementalitätansätze). Ich denke, wichtig wäre es, die verschiedenen Ansätze, Foucault / Repressionsansatz, in ihrer Wechselwirkung zusammenzudenken.

Written by floriangrebner

27. November 2010 um 13:34

Veröffentlicht in Ethik

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