Paxx Reloaded

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Max Stirner als Sprachkritiker

with one comment

von Fritz Mauthner
„Er hat nur, ungleich stärker als je ein Nominalist des Mittelalters, irgendeine Bedeutung von Allgemeinbegriffen abgelehnt, hat nur den Individuen Wirklichkeit zugesprochen, (sprachlich wundervoll dem einzigen Ich)…“

Kein gerader Weg führt von den Kritikern der Bibel und der Theologie, den STRAUSS, FEUERBACH und BAUER, zu NIETZSCHE dem Kritiker der Moral. Ein Umweg führt über den „Egoisten“ MAX STIRNER. Natürlich nenne ich ihn nicht den Egoisten, weil ich ihn um seiner selbstsüchtigen Lebensweise willen tadeln möchte, oder weil er – was ebenso falsch wäre – den Egoismus gepredigt hätte, sondern, weil das Wesen seiner fast einzigen Schrift „Der Einzige und sein Eigentum“ mir so am einfachsten ausgedrückt scheint. Soweit STIRNER sehnsüchtig forschend umherblickt, in der Welt der Wirklichkeiten und in der Welt der Ideen, er findet dabei nichts als das Ich. „Stell‘ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: Ich hab‘ mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt.“ Und dieses Ich, dieses Nichts ist gleichbedeutend mit Gott, wenigstens mit dem Gott HEGELs.

Es gibt heute noch gläubige Menschen, die den Anarchisten STIRNER um seines Buches willen für verrückt oder für den leibhaftigen Satan halten; und es gibt heute noch anders gläubige Menschen, die von ihm, weil er Anarchist war, wieder einmal eine neue Epoche der Menschheit ausgehen lassen. (Mein Freund GUSTAV LANDAUER schwärmte sehr für STIRNER und hat mehr als einen seiner Aufsätze in jungen Jahren mit „Caspar Schmidt“ unterschrieben.)

Er war kein Teufel und kein Wahnsinniger, vielmehr ein stiller, vornehmer, von keiner Gewalt und von keinem Worte zu bestechender Mensch, der so einzig war, dass er nicht in die Welt passte, und folgerichtig so ungefähr verhungerte; er war nur ein innerer Rebell, kein politischer Führer, weil ihn mit den Menschen nicht einmal eine gemeinsame Sprache verband. Von dem Leben des ausserordentlichen Mannes wusste man nichts, noch mehr als vierzig Jahre nach seinem Tode gar nichts, bis JOHN HENRY MACKAY mit schönem Eifer alle Nachrichten, die sich noch auftreiben liessen, zu einer Biographie sammelte. Dort findet man immerhin mehr als die Notizen, dass er bürgerlich Johann Caspar Schmidt hiess (STIRNER war sein Spitzname bei den „Freien“), dass er 1806 geboren wurde und 1856 starb. Sein vielseitiges Wissen verdankte er natürlich sich selbst, hatte aber an der Berliner Universität auch einige der berühmtesten Professoren zu Lehrern gehabt: die beiden RITTER, BOECKH, NEANDER und MARHEINEKE, LACHMANN, MICHELET, SCHLEIERMACHER und HEGEL selbst.

Er war einer der fleissigsten und scharfsinnigsten Studenten gewesen, also fiel sein Staatsexamen zur Würde eines Oberlehrers nicht sehr günstig aus. Der Doktortitel und die akademische Laufbahn lockten ihn nicht. Er ernährte sich mit Schulmeisterei. Zum Schriftsteller entwickelte er sich erst im Kreise der „Freien“, den ich schon erwähnt habe. Es war eine zwanglose Gesellschaft von Journalisten, Schriftstellern, auch wohl wagemutigen Offizieren, die in einer Weinstube der Friedrichstrasse ziemlich regelmässig zusammenkamen, vormärzliche Freidenker und Freischreiber, Freihändler und Freistaatler. Als das geistige Haupt dieser satzungslosen Gesellschaft ist BRUNO BAUER zu betrachten, der just 1842, als STIRNER seine ersten Aufsätze veröffentlichte, seine Professur in Bonn verloren hatte, weil er, kein so gewissenhafter Forscher wie STRAUSS, aber viel ehrgeiziger, die Bibelkritik des „Leben Jesu“ noch hatte überbieten, fast das ganze Neue Testament zu einer Fälschung der römischen Kaiserzeit hatte machen wollen.

Im November 1844 kam also „Der Einzige und sein Eigentum“ heraus, ganz und gar abhängig von der junghegelianischen Strömung, an vielen Stellen wie zufällig wieder gegen Feuerbach und Bruno Bauer gerichtet (vernichtend im Grunde, doch scheinbar spielerisch in fast tanzender Anmut) aber im Grundgedanken so zeitlos, so unzeitgemäß, dass die Zeitgenossen mit dem Buche nichts anzufangen wussten. Es ist eine Selbsttäuschung, wenn der verdienstvolle STIRNERjünger Mackay behauptet, das Werk habe durchgeschlagen, habe Sensation gemacht; die Behörde legte sofort Beschlag auf das Buch, gab es aber bereits nach wenigen Tagen wieder frei, weil es „zu absurd“ sei, um gefährlich werden zu können; dies war auch ungefähr die Meinung der wenigen Literaten, die das Buch anzeigten. Es war ein Schlag ins Wasser. Nur etwa bei den Freien in der Weinstube von Hippel wurde sein Verfasser eine Berühmtheit. Dann das Schweigen, das Verschollensein. Niemals hat ein bedeutender Geist das furchtbare Schicksal lebendig begraben zu werden, so heiter getragen wie STIRNER. Er erstickte lachend. Der erste, der nach Mackay den toten STIRNER wiedererweckte, war F.A. LANGE in seiner „Geschichte des Materialismus“, zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des „Einzigen“; LANGE nennt es ein berüchtigtes Werk, trennt es aber schon entschieden von dem Materialismus der damaligen Umwelt.

Die unmittelbare Unwirksamkeit eines so beleidigenden und darum verführenden, eines so verblüffenden und oft hinreissenden, eines so persönlich starken Buches wird vielleicht erklärt, wenn wir uns – ganz flüchtig – des Unterschiedes erinnern, der da zwischen der Gesellschaft des Vormärz und etwa der französichen Gesellschaft der Enzyklopädistenzeit bestand. Dort die Schlösser der vornehmsten Herren und Damen und die Salons von Paris, die von zielbewussten Freigeistern erobert wurden; hier eine Kneipe in Berlin, in welcher entgleiste Literaten sich damit begnügten, einander zum Spass, den Philistern zum Trotz, überlauten und oft unsaubern Radau zu machen, selbst von Philisterei nicht unberührt. Leute von Namen, RUGE und HERWEGH waren entsetzt über das Treiben in der Kneipe; und der Symposiarch BRUNO BAUER nahm es STIRNER sehr übel, dass er über ihn hinaus gegangen war.

STIRNERs Buch konnte nicht werben für die Ideen des Verfassers, weil es dem eigenen engern Kreise unverständlich geblieben war, unverständlich bleiben musste. Dieser Kreis berauschte sich – ganz ehrlich übrigens – an einigen Schlagworten, die von Frankreich (und von England) herübergekommen waren: politische Freiheit oder Republik, ökonomische Freiheit oder Kommunismus, religiöse Freiheit oder (ein sehr vorsichtiger) Atheismus; die Ausdrucksform oft nur ohnmächtige Wut gegen die Gewalthaber: die Fürsten, die Kapitalisten und die Hierarchie. Bis dann die kleine Revolution von 1848 der Wut ein wenig Luft machte. Und da wagte der unbekannte Oberlehrer Johann Caspar Schmidt es, sich auszuschütten vor Lachen über diese drei Liberalismen, über die Republikaner, die sich von ihrem Staate erst recht binden lassen wollten, über die Proleten, die bürgerliche Lumpe werden wollten, vor allem aber über den Abgott der religiösen Freidenkerei, über Feuerbach, der den alten Gott zu einem Geschöpfe der Menschen gemacht hatte, sofort aber an die Stelle des abgesetzten Gottes eine neue Gottheit stellte, einen neuen Spuk, den es in der Welt der Wirklichkeiten nicht gab, den Menschen.

Man muss sich darauf besinnen, welche Rolle die Abstraktion der Mensch in der Anthropologie FEUERBACHs spielte, eigentlich auch darin, wie Bruno Bauer die Entstehung der Evangelien auf Massentradition zurückführte, um nachzufühlen, welchen Schrecken STIRNER mit seiner Lehre vom Einzigen erregen musste. In diesem Punkte hatte er eine starke sprachkritische Leistung vollbracht, wie durch eine Explosion. Er hat weder hier noch sonst die Selbstsucht gepredigt, den sogenannten Egoismus; hat er doch das Sollen überhaupt geleugnet. Er hat nur, ungleich stärker als je ein Nominalist des Mittelalters, irgendeine Bedeutung von Allgemeinbegriffen abgelehnt, hat nur den Individuen Wirklichkeit zugesprochen, (sprachlich wundervoll dem einzigen Ich), hat mit einer weit ausgreifenden Sense niedergemäht, was an Begriffen von Staat, Gesellschaft, Recht, Sitte und nebenbei auch von Religion hoch in Halmen stand.

Niemand hat die Pflicht (übrigens gibt es keine Pflichten), über seinen eigenen Schatten zu springen. Nur ein Narr dürfte STIRNER darum tadeln, dass er, der das Eine brennend nahe sah, das andere gar nicht bemerkte: den wirklichen, unbewussten, ererbten oft nützlichen Zusammenhang zwischen dem Einzigen und den übrigen Mit-Einzigen. Gewiss STIRNER war ein Monomane, besessen, wie ein Prophet oder wie ein Künstler von seiner Eingebung, von einer Sehnsucht nach freier Aussicht, wollte er alle Mauern der Tradition stürzen, die im Wege standen; und weil er keine anderen Mittel besass, als sein Ich, darum rannte er die Mauern mit seinem Kopfe nieder. Dieselben Tröpfe, die Nietzsche für unser Geschlecht unschädlich machen wollen durch den Hinweis auf seinen späteren Wahnsinn, mögen auch über STIRNER lächeln und wohlweise flüstern: „Seine Mutter wurde ja wohl verrückt.“

Mit Bedacht habe ich gesagt unter den Begriffen, die STIRNER wie tote Götzen umgestürzt habe, seien nebenbei die der Religion gewesen. STIRNER war so frei, in der Bekämpfung der Religion keine Lebensaufgabe zu erblicken. Er hatte sich – unbewusst – die schwerere Aufgabe gestellt, sich – ganz allein, die Menschheit ging ihn nichts an – von der Tyrannei seines einstigen Lehrers Hegel zu erlösen, von dem Geisterspuk der Idee. Im Vollbesitz der kalten und scharfen Dialektik Hegels vernichtete er Hegel. Wie Descartes setzte er zu einer neuen Philosophie an und gründete sie auf die gleiche Formel. Mein Ich ist das einzig Gewisse, das ich weiss, nur dass Descartes ängstlich den Weg zum Dualismus zurückfand, STIRNER jedoch mit einer beispielslosen inneren Tapferkeit sich dazu bekannte: er wisse nichts, als sein Ich. In der Formel „Cogito ergo sum“ erblickte er schon zwei Gespenster, über die er lachen musste: Das Denken und das Sein. Er hatte genug an dem unscheinbaren Wörtchen ego, das nach dem lateinischen Sprachgebrauch in DESCARTES Formel nicht einmal ausgedrückt zu werden brauchte.

Der, für den noch etwas existiert ausser seinem Ich, ist noch nicht frei, weil er ein Gespenst auf sich wirken läßt: die Gesellschaft. Der Republikaner ist nicht frei, weil er an das Gespenst des Staates glaubt. Feuerbach und Bruno Bauer sind nicht frei; beider Scheingedanken sind in der Wortfabrik Hegels geknetet worden; Feuerbach blickt andächtig zu dem Menschen empor, der nicht lebt und nicht leben kann neben oder über den Individuen. Bauer geht überall vom Selbstbewusstsein aus, und man hat niemals erfahren, wer der Träger dieses Selbstbewusstseins ist. Bei STIRNER erfährt Gott nicht mehr die Ehre, besonders angegriffen oder gelästert zu werden; nur mit einem ganzen Haufen anderer gespensterhafter Begriffe zusammen wird er zum alten Eisen geworfen. STIRNER ist der erste Atheist, der über Gott behaglich lachen kann. „Mir geht nichts über mich.“ Das hat er von Gott gelernt, einem der grossen Egoisten. Das Dasein Gottes ist eine der fixen Ideen vom Geiste, die nur in den Köpfen stecken. Die Welt des Geistes, die Welt des Heiligen, heisst jetzt die absolute Idee. Auch dieses Gespenst wird erst dadurch vernichtet, dass man es sich aneignet. „Verdaue die Hostie und du bist sie los!“

Aber die neueste Zeit ist den Gottmenschen nicht losgeworden; sie hat ihn in ihre Lehre von Diesseits aufgenommen, in ihre Gespensterlehre von Kirche und Staat, von Liebe und Recht. Das alles wirft der Einzige hinter sich oder verbraucht es wählerisch zu seinem Selbstgenuss. Der Einzige ist das Mass von Allem, nicht der Mensch. Wahrheiten über sich kennt er nicht. „Wahr ist, was mein ist; unwahr das, dem Ich eigen bin.“ Diesen letzten spielerischen Gedanken halte man fest. STIRNER will nicht sagen die Welt sei sein Eigentum; nur: was nicht Eigentum des Einzigen werden kann, das existiert nicht. Staat, Gesellschaft, Gott, Sünde, Majorität, das existiert nicht. Das ist Spuk. Die Menschheit oder der Mensch existiert nicht. Damit ist STIRNER hoch über die atheistische Menschheitsreligion Feuerbachs hinausgelangt, wie mit der Lehre von der Gespensterhaftigkeit aller metaphysischen Begriffe hoch über die Einseitigkeiten aller Junghegelianer.

Dabei ist er überdies noch frei von materialistischer Beschränktheit; auch die Substanz oder der Stoff muss ihm ein Gott sein, ein Spuk. Und womöglich noch freier ist er von aktivistischer Teilnahme an den Bestrebungen der Gruppe, der er anzugehören schien; Kommunismus, Republik, allerlei Freiheiten sind ihm wieder nur ein Spuk. Ihn verlangt nur nach seiner eigenen Freiheit. Nicht Revolution will er, nur Empörung. (Als einen grossen Spass erwähne ich, wie STIRNER sich an dieser Stelle über den Zensor lustig macht; er verstehe das Wort Empörung etymologisch, nicht in dem beschränkten Sinne, welcher vom Strafgesetze verpönt ist.)

Man darf STIRNERs Werk – wie gesagt – als eine grandiose parodistische Kritik Feuerbachs auffassen. Wer Begriffe wie Geist, Heiligkeit, Gleichheit, Freiheit, wer noch irgendeine Idee auf sich wirken läßt, der gehört zu den Frommen. „Unsere Atheisten (die Schüler Feuerbachs) sind fromme Leute.“ In seinem Hohne gegen diese humanitäre Frömmigkeit, in seiner Verherrlichung des ganz freien Unmenschen (des Übermenschen) schreckt STIRNER> vor keiner Verwegenheit zurück. Die Ermordung Kotzebues durch Sand „war ein Strafakt, den der Einzelne vollzog, eine mit Gefahr des eigenen Lebens vollzogene – Hinrichtung. Wer nicht erkennt, dass der Verbrecher (nach einem Worte Bettinas) des Staates eigenstes Verbrechen ist, wer irgendwie noch fromm ist, einerlei, ob kirchlich oder feuerbachistisch, der lebt in einer gespenstischen Welt, der gehört zu den Besessenen.

In der Terminologie Hegels (oder, wenn man will, vorsichtig in der Maske eines Narren) hat STIRNER den Atheismus halb verborgen, der nebenbei ein Ergebnis seines „Einzigen“ war. In gleich verhegelter Sprache hatte er schon 1842 einen ruhigeren Aufsatz über „Kunst und Religion“ veröffentlicht. Da wird der Meister dafür gerühmt, dass er die Kunst vor der Religion behandelt habe; „diese Stellung gebührt ihr, gebührt ihr sogar unter dem geschichtlichen Standpunkte“. Ich möchte die Ausdrucksweise STIRNERs gerne enthegeln, um für uns den ganzen hohnlachenden Atheismus der Gedanken herauszubringen; aber es wäre das doch eine kleine Fälschung, weil STIRNER sich just, durch die Philosophensprache seiner Zeit vor Verfolgung zu sichern sucht. Der Künstler also schafft Entzweiung, indem er den Menschen ein Ideal entgegenstellt; Religion ist nur das Einsaugen dieses Ideals durch gierige Augen. Der Künstler hat uns die Religion gegeben. Die Kunst und nicht die Philosophie ist der Anfang und das Ende der Religion. Auch den Gott hat die Kunst geschaffen. Wenn die Kunst will, so nimmt sie ihrem Gotte die Jenseitigkeit und vernichtet ihn damit. Die Vernunft beschäftigt sich immer nur mit sich selbst. Dem Philosophen ist darum Gott (als ein Objekt der Kunst) so gleichgültig, wie ein Stein; er ist der ausgemachte Atheist.

Es spricht schon für die Bedeutung STIRNERs, dass ein Mann wie der veraltet geborene zur Excellenz geborene Professor Kuno Fischer sich auch an ihm blamiert hat, wie er sich an Schopenhauer und endlich auch an Nietzsche blamieren sollte. Fischer, der das Tote niemals vom Lebenden zu unterscheiden wusste, hat 1848 einen Aufsatz „Moderne Sophisten“ veröffentlicht, der zumeist gegen STIRNER gerichtet ist. Eine Antwort, wahrscheinlich von STIRNER selbst, ist um ihrer Hoheit willen heute noch lesenswert. An dem Professor wird nur die Volubilität (Wechselhaftigkeit) bewundert. Fischer hat an STIRNER das „entschiedene Nichts aller weltbewegenden Gedanken“ getadelt; mit einer grossen Geste quittiert STIRNER über den Vorwurf als über eine Anerkennung.

    „Euere sittliche Welt überlasse ich euch gern; diese stand von jeher nur auf dem Papiere, ist die ewige Lüge der Gesellschaft und wird stets an der reichen Mannigfaligkeit und Unvereinbarkeit der willenkräftigen Einzelnen zersplittern.“

Mit äußerster Schärfe wendet sich STIRNER gegen das „komische Missverständnis“, als hätte er Egoismus gelehrt, als hätte er von irgendeinem Sollen geredet. „Ein Unmensch ist und bleibt ein wirklicher Mensch, der nur mit einem moralischen Anathema (Fluch) behaftet ist.“ Der Phrase des Humanismus (bei FEUERBACH) setze STIRNER nur die Phrase des Egoismus entgegen. Von dem Gotte ist überhaupt nicht weiter die Rede.

Ich habe absichtlich einige Proben von der Art gegeben, wie STIRNER seine Sätze aus sich hinausschleuderte. Ich kann sehr gut verstehen, wie stille Menschen diesen vulkanischen Geist nicht mögen; ich kann nicht verstehen, wie ein Freier ungerührt bleiben kann von einem so unerhörten Flammenschauspiel. STIRNER war, auf einem beschränkten Gebiete der rücksichtsloseste Sprachkritiker. Dazu hätte auch schon FEUERBACH gelangen müssen, weil FEUERBACH bereits die Religion geschichtlich betrachtete und Sprachkritik nichts ist, als vorurteilslose Sprachgeschichte, nur dass HEGELs Selbstbewegung der Begriffe, also eine falsche metaphysische Geschichte der Sprache, noch zu mächtig war, nur dass FEUERBACH sich zwar von dem Gotte der Kirche befreit hatte, nicht aber von dem Gotte, der sich und die Welt in HEGELs Begriffen bewegte.

Und STIRNER wäre der Mann gewesen, wenigstens an der religiösen Sprache die letzte und äusserste Kritik zu üben, uns zu tun nichts mehr übrig zu lassen, wenn nicht das Gift der Metaphysik auch ihn angesteckt hätte, so dass auch er sich dem Verdachte aussetzte, unter dem Einzigen, unter seinem Ich so etwas wie das Absolute verstanden zu haben. STIRNER hat sich unzweideutig gegen diese Verwandtschaft mit Fichtes Ich ausgesprochen: FICHTE spreche vom absoluten Ich, er vom vergänglichen Ich. Doch alle Missverständnisse, die den Alleszermalmer STIRNER betreffen, kommen daher, dass es sich in keiner Sprache sagen läßt, ob der Einzige den Sophisten bedeutet oder am Ende doch – den Menschen. Das liegt aber nicht an Stirner, sondern an der Sprache.

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Written by floriangrebner

30. November 2010 um 17:31

Veröffentlicht in Freiheit

Eine Antwort

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  1. Stirner als Sprachkritiker im Mauthnerschen Sinne ist ein hochinteressantes Thema, das man gerne etwas ausführlicher abgehandelt sähe als in diesem zwar intelligenten, aber relativ oberflächlichen Aufsatz. Immerhin hat Mauthner eine „Kritik der Sprache“ in drei dicken Bänden vorgelegt, in der Stirner – wenn Ich Mich recht erinnere – nur am Rande vorkommt. Ich frage Mich, warum Mauthner, der doch sonst so gründlich war, mit Stirner – den Er ja selbst für bedeutend hält – so schnell fertig war.
    In einem Punkt verstehe Ich Mauthner übrigens nicht:

    „Niemand hat die Pflicht (übrigens gibt es keine Pflichten), über seinen eigenen Schatten zu springen. Nur ein Narr dürfte STIRNER darum tadeln, dass er, der das Eine brennend nahe sah, das andere gar nicht bemerkte: den wirklichen, unbewussten, ererbten oft nützlichen Zusammenhang zwischen dem Einzigen und den übrigen Mit-Einzigen.“

    Das ist eine starke These, daß Stirner den Zusammenhang des Einzigen mit Seinen Mit-Einzigen nicht bemerkt habe, die hier von Mauthner nicht belegt wird. Wie steht es mit dem Abschnitt „Mein Verkehr“ (den man Stirner nach seiner Einschätzung „nicht hat wollen zugutehalten“ oder so ähnlich) ? Wird nicht mit dem „Verein bewußter Egoisten“ genau dieser Zusammenhang anerkannt?

    Ulrich Wille

    30. November 2010 at 21:52


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