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Sarrazin und der Untergang der Deutschen

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Die Illusion der Gesellschaft II

von Niklas Fröhlich

Manchmal wird einem von unerwarteter Seite in die Hände gespielt. In diesem Fall ist es, nur einige Tage nach meinem Text „Die Illusion des Wortes Gesellschaft“ SPD-Politiker und seit neustem Berufsprovokateur Thilo Sarrazin, der mir den Ball in die Hände legt – wenn es auch sicher kein Pass ist.
Wieso er mir in die Hände spielt? Ganz einfach: Auf die gesamte Sarrazin-Diskussion lässt sich – auf alle Beteiligten Seiten – die Kritik am Wort „Gesellschaft“ herrlich aufzeigen. Wunderbar können wir an ihr alle genannten Blickwinkel auf die Gesellschaft nachvollziehen und können weiterhin daran auch gleich mitverfolgen, wie und warum die Sarrazinschen Thesen und Provokationen ziellos ist und im Sand verläuft, wenn nicht gar ungemein schädlich ist.

Ich beziehe mich hauptsächlich hierauf, auf den ersten Teil der nach und nach in der Bild folgenden Veröffentlichung von Teilen des neuen Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“. Im Kern scheint es dasselbe zu sein, das wir schon gewohnt sind: Polemische Ausführungen zu Fragen von Einwanderung und Gesellschaft, die Sarrazin gleich mit der angrifflustigen Schärfe des Buchtitels beginnt.

Sarrazins Thesen aus diesem Textauszug kurz gefasst: Die Deutschen sind immer dümmer, ärmer, fauler, verantwortungsloser und geplagter von Einwanderungsproblematiken geworden und werden es wenn der Trend nicht abbricht noch weiter. Besonders kritisiert er die Projektion aller Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Alles gipfelt im kulturellen und vor Allem auch demographischem aussterben „der Deutschen“. Es endet mit dem Appell an einen „deutschen Selbsterhaltungswillen“.

Und genau dies passt doch herrlich in das Schema der drei sich widersprechenden Gesellschaftsbilder:
 
1. Die Gesellschaft als Sündenbock
Sarrazin führt einen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche Verkommenheit: Faul, dumm, verantwortungslos. Alle! Natürlich nicht er, sondern alle… also, natürlich auch nicht der geneigte Leser, der ihm zustimmen soll, auch nicht der Redakteur der Bild, sondern alle anderen. An der gewaltigen Anzahl der Zustimmungen (Bild-Umfrage: 89% bei knapp 90.000 Stimmen) sieht man, dass der gemeine Bild-Online-Leser wohl nicht zur verkommenen Gesellschaft zählt.

2. Die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung
Dieses Bild kritisiert Sarrazin. Er verlangt individuelle Verantwortung, statt  immerzu „die Gesellschaft“ bzw. „die Verhältnisse“ verantwortlich zu machen.

3. Die Gesellschaft als göttliche Entität
Wieso aber ist all das kritisierte schlecht? Es schadet der Gesellschaft – er nutzt dafür das Wort „Deutschland“, manchmal auch „die Deutschen“ oder gar „die deutsche Gesellschaft“. Dieser nämlich, soll es gut gehen, ihren Wünschen soll nachgekommen werden, ihre guten Ideale (Tüchtigkeit, Verantwortung, konservativ-Parole-xy) sollen endlich wieder hervorgekehrt werden.

Alle diese drei Gesellschaftsbilder nutzt Sarrazin parrallel. Doch sie alle führen zu nichts:
1. Er spricht alle an, doch aber niemanden. Seine Kritik läuft ins Leere der nicht existierenden „Gesellschaft“.
2. Hier kritisiert er im Kern genau das an, was auch ich kritisiert habe: Die Projektion der Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Dieses Bild vertritt er aber tatsächlich auch selbst: Denn an wen richtet er sich? Wer soll etwas ändern? Gewiss, der Staat, den er wohl als Verkörperung der Gesellschaft  versteht, in diesem Sinne oder zusätzlich findet sich aber auch immer wieder das schöne Wörtchen „wir“. „Wir“ wollen, „wir“ sollen. Er selbst nimmt die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung – wenn auch in (scheinbar) umgekehrter Weise.
3. Wer ist eigentlich dieses „Deutschland“ dem hier andauernd gedient werden müsse? Ich? Herr Sarrazin? Der Leser seines Buches, oder gar: Der Bild-Leser? Es ist ein nationalromantisch-nostalgisches Abbild des Wortes „Gesellschaft“ und zumindest genauso inhaltsleer.

Herr Sarrazin schafft es also, die Gesellschaft gleichzeitig zu Verteufeln, ihr Verteufeln zu Verteufeln und sie als oberstes Ziel des Gemeinwohles zu glorifizieren. Dies ist ein Paradebeispiel des sinnentleerten Gebrauches gesellschaftlicher Phrasen.

Schießen, Laden, Zielen… ähm?
Was soll nun dabei herumkommen? Der gemeine Bild-Leser schimpft einmal auf die verkommene (Rest-)Gesellschaft, dann auf diejenigen, die immer der Gesellschaft den Schuld zu weisen und nickt dann in der Gewissheit, dass endlich der Gesellschaft gedient werden müsse – also, von irgendwem, nicht von entsprechendem Bild-Leser, natürlich. Er fühlt sich in seinem Selbstbewusstsein durch Fremdverteufelung nun gestärkt genug, um die Ziellosigkeit dieser ganzen Kritik zu vergessen. Der etwas intellektuellere, der sich tatsächlich Sarrazins Buch kauft, tut wohl meist exakt dasselbe – nur nippt er dabei gelegentlich am Rotwein.

Auf die inhaltliche Ebene seiner Kritik möchte ich hier gar nicht eingehen, vieles was er sagt stimmt sicher, einiges mehr enthält grundlegende Wahrheiten, ist aber gewaltig überspitzt und unnötig bewusst provokant. Und vor allem: Sarrazin scheint ein Faible dafür zu haben allerlei Symptome von Problematiken aufzuzeigen, nicht aber jemals deren Wurzel zu ergründen. Integrationsprobleme, sinkende Realeinkommen, Bildungsmisere – dies sind Symptome, deren Aussprechen eigentlich keine formelle Kritik ist, aber durch unnötige Provokation scheinbar dazu wird. Aber darum soll es hier nicht gehen, es ging um die Reflexion der begrifflichen Gesellschaftsthematik.

Oft hört man, selbst wenn Sarrazin einige unnötig provokante Phrasen dresche, so spreche er doch zumindest notwendige Themen an und beginne den Diskurs. Nun, wünschenswert wäre es sicher. Allerdings: Nicht nur zeigt er nur Symptome anderer Problemlagen auf, er verschiebt weiterhin die gesamte Thematik in ein Wirr-Warr sich widersprechender Gesellschaftsbegriffe, an der sich jeder nach herzenslust erregt oder befriedigt und von deren Inhalt tatsächlich allerhöchstens genannte Symptome hängen bleiben.
Dass er gerade dies, ohne Frage nicht zu Unrecht, seinen Lieblingsgegner, den „politisch Korrekten“ vorwirft macht dies umso widersprüchlicher. Er beseitigt deren naiv-gesellschaftliches, kollektivistisches Bild nicht, sondern nutzt es für sich.

Und ein ganz anderes Fass, das noch aufgemacht werden muss: Er spricht nicht nur vom Abstraktum der „Gesellschaft“, er grenzt auch noch ganz klar dabei ab, er kennt eine deutsche Realgesellschaft, eine deutsche Wunschgesellschaft und er kennt Gegner der Gesellschaft, Faule, Unterschichtler, Ausländer. Das Wort „Feind“ würde er sicher nie in den Mund nehmen, doch die Assoziationen, die sich auch bei „deutscher Selbstbehauptung“ aufdrängen, sind eindeutig. Dass er so spaltet und Ressentiments schürt, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass er so unschönen einfachen Antworten Unterfutter liefert.

Ob der tatsächlich hier und da erreichte Anstoß des Diskurses diese gesellschaftliche Verwirrung und – gerade aus Gründen der begrifflichen Widersprüchlichkeit schnell gestärkten – Ressentiments wert ist, wage ich zumindest in Frage zu stellen. Ein großer Teil ist leider nostalgische Nörgelei auf höherem Niveau gepaart mit vulgär-konservativer Pöbelei. Und dies ist, trotz aller Empörung tatsächlich überhaupt nicht gegen den Zeitgeist gerichtet – denn was ist heute mehr Zeitgeist als ewiges vulgäres Symptom-Genörgel? Dass die Bild dem ganzen gerne Plattform bietet, ist vielleicht bester Ausdruck dessen.

Dieser Klassiker zur inzwischen merklich abgeflauten Sarrazin-Debatte erschien ursprünglich auf mea sponte.

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Written by dominikhennig

30. November 2010 um 23:55

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