Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Religion und Toleranz

with one comment

von Stefan Blankertz

Indem wir zweifeln, gelangen wir zur Untersuchung und durch diese erfassen wir die Wahrheit.
Peter Abaelard, »Sic et non« (1123)

stichworte zum gotteswahn

glaubt die peitsche
behütet die mauer
teilt das schwert
verzeiht die faust
hilft die kugel
peitscht der glaube
glaubt die peitsche

I.
Meinem Thema »Religion und Toleranz« vielleicht nicht unangemessen, beginne ich mit drei Bekenntnissen:
1.        Ich bin ein 1956 evangelisch getaufter, 1998 zum Katholizismus konvertierter Christ.
2.        Um das Buch »Der Gotteswahn« des Biologen Richard Dawkins, 2006 erschienen, habe ich lange einen Bogen gemacht. Letztes Jahr lag es, ungelesen, auf dem Schreibtisch eines Freundes, mit dem ich mich verabredet hatte und der noch etwas erledigen musste, bevor er sich mir widmen konnte. Lustlos blätterte ich in Dawkins’ Buch herum, bis es mich packte.
3.        Toleranz bildet für mich den höchsten gesellschaftlichen Wert.

Bevor ich weiter fortfahre, definiere ich drei zentrale Begriffe meines Vortrags: Religion, Philosophie und Toleranz:
Religion bezeichnet ritualisierte spirituelle Erfahrungen, kultische Handlungen, metaphysische Überzeugungen und ethische Regeln, die durch Tradition und Offenbarung verbindlich werden.
Philosophie bezeichnet die diskursive Suche nach Kriterien, welche die Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch allein aus der menschlichen Vernunft heraus leisten.
Toleranz bezeichnet die Bereitschaft, das Denken und Handeln von Menschen zu erdulden, die den eigenen religiösen, politischen und philosophischen Orientierungen widerstreiten.

II.
Im Folgenden werde ich von den drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – ausgehen, weil sie die Bühne der gegenwärtigen weltpolitischen Auseinandersetzung um »Religion und Toleranz« beherrschen (obwohl wir das Problem des Hinduismus für Indien nicht vernachlässigen sollten). Ich beginne mit einer zentralen Erzählung um den Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen. Der Text stammt aus der »Thora«, Buch »Schemot«, zu deutsch
»Exodus«; nach Luther »2. Buch Mose«, Kapitel 32, Verse 15 bis 29:

»Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei
Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. […] Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im
Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken. […] Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN
angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein
jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das
Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde« (Nach der revidierten Luther-Fassung 1984).

Der »Koran« setzt diese Geschichte voraus, besonders in den Suren 2 und 7 finden sich Bezugnahmen. Das Morden wird dort nicht direkt angesprochen, allerdings ist von einem »Donnerschlag« (2, 55) die Rede, vom »Zorn des Herrn« und von »Schmach im Leben« (7, 152), von »Strafgericht« (7, 162) und von »grimmer Pein« (7, 167); die »Frevler« werden aufgefordert, sich selbst zu töten (2, 54).  Die Paraphrase gipfelt in dem Ausruf: »Wahrlich, dein Herr ist schnell in der Bestrafung; wahrlich, Er ist allverzeihend, barmherzig« (7, 167). Diese Wendung ist eine gute Belegstelle für die Dawkins-These von der inneren Widersprüchlichkeit sakraler Texte. – Als ich bei Google
»Islam« und »Intoleranz« eingab, kam unmittelbar die gleichsam politisch korrekt empörte Rückfrage: »Meinten Sie: Islam Toleranz?« Dabei ist die Aufforderung im »Koran« außerhalb jeder Einbettung in eine Erzählung eindeutig:

»Tötet die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie stoßt« (Sure 2, Vers 191). »Bringt gegen Frauen, die eine Hurerei begehen, vier von euch als Zeugen auf; bezeugen sie es, dann schließt sie in die Häuser ein, bis der Tod sie ereilt oder Allah ihnen einen Ausweg gibt« (4, 15). »Wenn die Heuchler sich abkehren, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet« (4, 89). »Tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt« (9, 5).

Bemerkenswert an der Erzählung um das Goldene Kalb sind die beiden Punkte:
1.        Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.
2.        Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.
Ich sage hier ausdrücklich »religiös-politische« Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den sich Religion von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setzte ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam gemacht hat, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben. Ich selbst hatte das verdrängt, obwohl ich mich als kritischen Kopf einschätze. Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb  des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab2 gebildete Meinung untermauern, und blenden Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.

Dawkins: »Der Gott des Alten Testamentes [– wohlgemerkt handelt es sich auch um den Gott des »Korans«  –] ist […] die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf, ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker, ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann« (S. 45).
Übertrieben? Hetzerische Sprache? Angesichts der Erzählung vom Goldenen Kalb muss ich feststellen, dass es Dawkins bei näherem Hinsehen, beim Absetzen der rosaroten Brille genau trifft. Die meisten der Adjektive, die er ausspricht, bewahrheiten sich schon an der Erzählung vom Goldenen Kalb. Und für die anderen gibt es nicht minder widerliche Belegstellen. Ich gebe noch eine Kostprobe aus dem Buch der »Richter« (»Sefer Shoftim«):

»Und Jeftah gelobte dem HERRN ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen. So zog Jeftah auf die Ammoniter los, um gegen sie zu kämpfen. Und der HERR gab sie in seine Hände. […]
Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen; und sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem HERRN und kann’s nicht widerrufen. Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem HERRN, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der HERR dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern.
 Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen. Er sprach: Geh hin!, und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte« (Richter 11, 30-39, Luther-Bibel 1984).

Selbst Luther hat diese Stelle schon zerknirscht kommentiert: »Man will, er habe sie nicht geopfert, aber der Text steht klar da!«  Im »Talmud« wird gelehrt,  Jeftah habe nur den Erlös an Geld für die Tochter zu zahlen brauchen, allgemein aber ein derartiges gesetzwidriges Gelübde verdammt. Neuere Ausleger interpretieren, das Opfer habe darin bestanden, die Tochter als Tempeldienerin in die »Stiftshütte« zu geben. Wie dem auch sei: Die Erzählung verstört und fordert eine Auslegung heraus, die einen ethischen Maßstab benutzt, der außerhalb des Textes generiert wird.

III.
Jetzt wage ich einen Hechtsprung von runden 2000 Jahren ins 16. und 17. Jahrhundert. Um die gewaltsamen Auseinandersetzungen innerhalb des Christentums nach der Reformation einzudämmen, wurde die Formel »Cuius regio, eius religio« geprägt: wessen Gebiet, dessen Religion. Der Herrscher eines Landes ist berechtigt, die Religion für dessen Bewohner vorzugeben. Zunächst 1555 im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden geprägt, ist es vor allem die Formel, mit der der verheerende 30jährige Krieg 1648 durch den Westfälischen Frieden beendet werden kann. Die Formel, dass der weltliche Herrscher das religiöse Geschehen des Landes bestimmt, beendet das mittelalterliche Oszillieren zwischen kirchlicher und fürstlicher Macht. Nun wird die Religion klar der weltlichen Herrschaft zugeschlagen und in ihren Dienst genommen. Das ist die Geburtsstunde des modernen Zentral- und Territorialstaates mit seinem Anspruch, über die Körper und Seelen aller Landeskinder zu verfügen. Die Formel »Cuius regio, eius religio« hat nichts mit Religionsfreiheit und schon gar nichts mit Toleranz zu tun, außer insoweit dass die Herrschenden übereinkommen, sich nicht wegen untergeordneter Fragen wie der der Religion gegenseitig zu massakrieren oder das jeweils andere Untertanenvolk abzuschlachten. Auch heute noch herrschen in vielen Ländern unduldsame Staatsreligionen. Stellvertretend nenne ich hier mal nicht Iran, sondern Malaysia, wo nach der Verfassung des Landes alle ethnischen Malaien von Geburt automatisch Muslime sind. Sie dürfen z.B. keine Andersgläubigen heiraten.

IV.
Gegen Dawkins möchte ich nun aufzeigen, wie sich in der Religion kontrafaktisch ein Element von Widerstand gegen Staat, Krieg und Terror entwickeln konnte. Der utopische Überschuss der Religion hat allerdings mehr mit der Philosophie als mit der Theologie zu tun. Ein islamischer Theologe ist zuvörderst hervorzuheben, der die Philosophie in die Religion eingeführt hat: Ibn Sina, 980 bis 1037, lateinisiert Avicenna, bis ins 16. Jahrhundert als größter Arzt verehrt, ein lebenslang Verfolgter, dessen Vater vermutlich ein Buddhist war.  Avicenna entwickelt die These, dass die Religion, in seinem Fall der Islam, eine Art volkstümliche Aufbereitung der Philosophie sei; wobei für ihn nur die aristotelische Philosophie in Frage kam. Was zunächst als Stützung der religiösen Aussagen gedacht war, endet notgedrungen mit der Entmachtung Gottes: Eine religiöse Aussage kann gegebenenfalls über das hinausgehen, was menschliche Vernunft zu erfassen vermag, wenn es sich um einen menschlicher Vernunft prinzipiell unzugänglichen Bereich handelt, sie darf der menschlichen Vernunft aber niemals widersprechen. Wir hören hier schon, aufgepasst!, die Vorbereitung der Aufklärung durch Immanuel Kant (1724-1804). Zudem verlangt die diskursive Wahrheitssuche nach dem gleichberechtigten Austausch von Argumenten mit einem Gesprächspartner, der überzeugt werden will und darum nicht durch Gewalt bedroht werden darf. Dass es auch ein Anliegen des Glaubens ist, die Menschen nicht zu Lippenbekenntnissen und der Ausführung inhaltsleerer Rituale zu zwingen, sondern sich freiwillig Gott zuzuwenden, muss zwar jedem sofort einleuchten, der darüber nachdenkt, widerspricht aber der Erzählung vom Goldenen Kalb. In Fjodor Dostojewskis (1881-1881) genialer Erzählung »Der Großinquisitor« (fünftes Buch des Romans »Die Brüder Karamasow« 1881) ist genau dies Thema. Jesus kehrt in das Sevilla des 16. Jahrhunderts zurück, spricht nicht, wird jedoch von den Menschen erkannt und daraufhin durch die Inquisition verhaftet. Der Großinquisitor erklärt Jesus, dass dessen Forderung nach freiwilliger Gefolgschaft und dessen Ablehnung von Gewalt den Grundstein für politische Anarchie und religiösen Atheismus legt und verurteilt ihn, den Begründer der vom Großinquisitor mit Gewalt verteidigten Religion, in Konsequenz zum Tode:

»Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen«, sagt der Großinquisitor, »als man Dir voll Spott und Hohn zurief: ›Steige herab vom Kreuz, und wir werden glauben, dass Du es bist.‹ Du bist deshalb nicht vom Kreuz herabgestiegen, weil Du auch hier wieder den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest und weil Dich nach seinem freien Glauben verlangte, nicht nach einem Wunderglauben. Dich verlangte nach Liebe aus freiem Willen, nicht nach knechtischem Entzücken der Unfreien vor der Macht, die ihnen ein für allemal Schrecken eingeflößt hat. Aber hier hast Du die Menschen zu hoch eingeschätzt, denn sie sind natürlich Sklaven, wenn auch zu Aufrührern geschaffene. […] Morgen wirst Du diese folgsame Herde sehen, die auf meinen Wink hin herbeistürzen wird, um die glühenden Kohlen des Scheiterhaufens zu schüren, auf dem ich Dich verbrennen werde, weil du gekommen bist, um uns zu stören. Denn wenn einer mehr als alle anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, dann bist das Du. Morgen werde ich dich verbrennen. Ich habe gesprochen« (S. 38f/49).

Als zweiten Meilenstein im Kampf des menschlichen Geistes gegen den religiösen Terrorismus möchte ich auf Peter Abaelard (1079-1142) verweisen. Bekannt geworden ist er mit der Verführung und Schwängerung seiner Schülerin Heloise, für die ihn ihr Onkel entmannen ließ. Beide, Heloise und Abaelard, sind daraufhin in ein Kloster eingetreten und haben literaturgeschichtlich bedeutsame Briefe ausgetauscht. Abaelard ist der Begründer der Scholastik und zwar mit dem Werk »Sic et non« (1123). Als eine Art früher Dawkins sammelte Abaelard die widersprüchlichen Aussagen in der heiligen Schrift und in den Texten der Kirchenväter. Damit begründet er, warum es nicht mit Schriftgläubigkeit getan sei: Wir brauchen philosophische Interpretation, anders kommen wir nicht an die offenbarte Wahrheit heran. Aus Abaelards nur fragmentarisch erhaltenem Spätwerk »Ethica seu Scito te ipsum« (Ethik, oder: Erkenne dich selbst), mit dem er die Ethik als eigenständiges philosophisch-theologisches Gebiet wiederentdeckt, zitiere ich einige bahnbrechende Gedanken:

»Jemand fragt vielleicht: Haben die Verfolger der Märtyrer oder Christi überhaupt gesündigt? Denn durch das, was sie getan
haben, glaubten sie, Gott zu gefallen. Von dem, was sie getan
haben, hätten sie umgekehrt gar nicht ohne Sünde ablassen dürfen. […] In der Tat können wir nicht sagen, jene hätten gesündigt. Weder Unwissenheit noch Ungläubigkeit darf ›Sünde‹
genannt werden […]. Jene nämlich, die Christus nicht kennen
oder die den christlichen Glauben deshalb nicht annehmen, weil sie ihn für gotteswidrig halten, begehen mit dem, was sie wegen Gott tun und worin sie meinen, Gutes zu tun, keine Verachtung Gottes. […]Wenn wir uns [also] nichts gegen das Gewissen vornehmen, haben wir keinen Anlass zu befürchten, von Gott wegen einer Schuld unter Anklage gestellt zu werden. Aber […] wieso betet der Herr selber für die ihn Kreuzigenden und sagt: ›Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‹ [Lk 23,34] […]? Es scheint nämlich nicht, dass vergeben werden muss, wo keine Schuld vorangegangen ist. […] Dennoch denken wir, dass ›Sünde‹ im eigentlichen Sinne […] nur jenes genannt werden kann, was die Schuld der Geringschätzung [Gottes] auf sich lädt […]. Unglauben, also den wahrhaften Glauben an Christus zu verweigern […], darf meines Erachtens nicht als Schuld angerechnet werden. […] Wenn wir dennoch etwas ›Sündigen aus Unkenntnis‹ nennen, […] so verwenden wir [den Begriff des ›Sündigens‹] an dieser Stelle nicht eigentlich für die Schuld, sondern nehmen nämlich im weitesten [Sinne] das hinzu, was sich am wenigsten gehört […]. Unschuldig tun, was sich für uns nicht gehört, ist also ›aus Unwissenheit sündigen‹.« (Aus den Abschnitten 13 und 16. Für die Lesbarkeit bearbeitet.)

Nicht nur, dass Abaelard Unglauben ausdrücklich als keine Sünde kennzeichnet, scheint mir bemerkenswert, sondern auch die Art, in der er den Herrn für ein Wort, zumal am Kreuz in höchster Pein ausgerufen, linguistisch maßregelt: Er habe hier offenbar im uneigentlichen Sinne gesprochen. Zwei Mal, nämlich 1121 und 1141, kurz vor seinem Tod, werden Schriften von Abaelard als ketzerisch verbrannt.

V.
Da ich mich in diesem Vortrag nicht näher mit dem Judentum beschäftige, lasse ich Moses Maimonides (1135-1204) beiseite, sondern gehe gleich zu Thomas von Aquin (1225-1274) über, den Mann, der mich für den christlich-katholischen Glauben missioniert hat. Thomas von Aquin vollendet die Denkbewegung, die mit Avicenna begonnen hat und die über Peter Abaelard und Moses Maimonides führt:
1.         Wäre die Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit überflüssig, weil die Offenbarung ausreicht, hätte Gott uns ein nutzloses Organ mitgegeben. Dies kann der Gläubige nicht annehmen.
2.        Würde die menschliche Vernunft zu anderen Ergebnissen führen als die göttliche Offenbarung, so würde Gott uns anlügen. Auch dies darf der Gläubige nicht annehmen.
Die Position von Thomas ist unzweideutig: Um Gott zu gehorchen, müssen wir unserer Vernunft folgen. Wer seiner Vernunft nicht folgt, ist nach Thomas selbst dann ungehorsam gegen Gott, wenn es sich um eine irrende Vernunft handelt. Gott hat seine Anleitung zum rechten Leben jedem einzelnen Menschen unmittelbar durch den individuellen Verstand gegeben. Je mehr sich der Mensch seiner Vernunft bedient, um so näher ist er Gott.

»Wir wissen, was Gott im Allgemeinen will: nämlich das Gute. Wer demnach mit guten Gründen will, hat seinen Willen in Übereinstimmung mit Gott. Was Gott im Einzelnen will, wissen wir aber nicht. In diesem Bereich brauchen wir auch nicht zu versuchen, unseren Willen dem Willen Gottes konform gehen zu lassen.« »Man muss aus diesem Grunde sagen, dass es immer falsch ist, mit dem Willen von der Vernunft abzuweichen, selbst wenn diese sich irrt. Wenn also die Vernunft etwas irriger Weise als göttliches Gesetz ausgibt, selbst dann bedeutet die Abweichung von diesem [falschen] Vernunfturteil, sich Gott zu verweigern« [Summa theologica, I-II, 19,10 resp. 19,5].

Mit einer solchen Argumentation ist Schriftgläubigkeit, Untertanenmentalität und Autoritätshörigkeit der Garaus gemacht. Allerdings drückt sich selbst in Thomas von Aquin das Tragische der Widersprüchlichkeit von Religion aus. Als Dominikaner war er Angehöriger des Ordens, der zum Zweck der Inquisition gegründet worden ist und dem viele Inquisitoren entstammten. Allerdings ist für Thomas klar, dass es unter keinen Umständen erlaubt sei, Unschuldige zu töten; wie das im Falle der Tochter von Jeftah unzweifelhaft der Fall war. Thomas steht vor einer anderen Geschichte so ratlos wie Luther vor der Jeftah-Erzählung, nämlich dass Gott die Ägypter bei der Verfolgung der Israeliten unterschiedslos im Roten Meer ertränkte. Reichlich schlapp erklärt Thomas, der Mensch vermöge die Gründe für solche Maßnahmen eben nicht zu durchschauen. Darum dürfe »durch menschlichen Urteilsspruch niemals über einen Schuldlosen die Strafe der Tötung, Verstümmelung oder Züchtigung verhängt werden« (Thomas, Summa theologica II-II, 108:4 ad 2).
    Dass ich dem libertären Inhalt der Lehre des Thomas folge, ist auch Ergebnis einer Selektion, die meiner Orientierung an dem Wert der Toleranz folgt und nicht dem Wörtlichnehmen seiner Lehre und des Vorbilds, das er mit seinem Leben gab. Von dem Satz »die Annahme des Glaubens ist freiwillig, den angenommenen Glauben beizubehalten notwendig«, mit welchem Thomas Todesstrafen gegen Ketzer rechtfertigte, akzeptiere ich nur den Teil vor dem Komma als seiner Philosophie würdig. Das ist selektives Lesen im Sinne von Richard Dawkins. Wobei die Behauptung von Thomas, Christen hätten niemals mit Gewalt missioniert, überdies eine freche Lüge darstellt: Sowohl vor Thomas, während seines Lebens und nach seinem Tod gab es Zwangstaufen. Ironie der Geschichte: 1277, also posthum, werden in Paris eine Reihe von aristotelistischen Thesen als ketzerisch verurteilt. Die Verurteilung zielt, ohne Thomas beim Namen zu nennen, auf dessen Philosophie. Dass Thomas zum Kirchenlehrer erhoben und nicht als Ketzer verdammt wurde, hing am seidenen Faden.

VI.
Wenn sich heute militanter Fundamentalismus des Islam auf der einen und Toleranz von Juden und Christen auf der andern Seite gegenüber stehen, so ist dies nicht einer inhärenten Orientierung von jüdischer und christlicher Religion an der Toleranz zu danken. Toleranz muss der Religion abgetrotzt werden. Die bürgerlich-liberalen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts drohten, die Religion in ihrer intoleranten Form abzuschaffen. Die Anpassung der Kirche an die Toleranz entspringt einer Überlebensstrategie in einem politischen Umfeld, in welchem Glaubensterror nicht mehr akzeptiert wird. Dass der jüdische Staat heute keine Scharia hat wie einige islamische Staaten, liegt nicht an seinem heiligen Text, der struktur- und inhaltsgleiche Anweisungen enthält, besonders im »Levitikus« (3. Buch Mose). Sondern? Am Erfolg säkularer Aufklärung! M.a.W. lautet meine These, ausdrücklich als katholischer Christ: Religionen müssen zur Humanität gezwungen werden; sie sind nicht aus eigenem Antrieb human. Juden und Christen sind heute durch die europäische Aufklärung geprägt, obwohl sie die Aufklärung des Hochmittelalters ebenso wie der Islam vergessen haben. Allerdings sind damit weder Christentum noch
Judentum vor dem Rückfall in die Barbarei gefeit. Die Kräfte, die in Analogie zum islamischen Fundamentalismus gleichsam den 30jährigen Krieg im Weltmaßstab erneuern möchten, schlummern nicht mehr unter der Oberfläche. Sie sind erwacht und warten auf ihre Stunde, um den unbequemen Liberalismus abzuschütteln und wieder ungehindert losschlagen zu dürfen. Darum besteht m.E. die erste Bürgerpflicht darin, die Meinungs- und Glaubensfreiheit gegen alle politischen, sozialen und religiösen Angriffe zu verteidigen. Keine Zensur. Niemals. Nirgendwo. Gegen keinen einzigen Inhalt. In Wort, Schrift und Bild muss ohne die geringste Einschränkung alles erlaubt sein.

VII.
Mit drei Bekenntnissen habe ich begonnen, mit meinem Credo will ich schließen. Warum einem Glauben sich anhängen, der erst durch das ihm Widerstrebende widerstrebend zur Menschlichkeit gefunden hat? Für mich ist das Erleben entscheidend, dass in Christus Jesus der, in Richard Dawkins’ Worten, »launisch-boshafte Tyrann« zum Leidensbruder geworden ist, der da sagt »Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein« (Joh 8,7) und »Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!« (Lk 22,42). Der Heiland, an den ich glaube, ist der stumme Jesus, den mit dem Großinquisitor alle Herrschenden dieser Welt stets aufs Neue zum Tode verurteilen. Dass nicht nur im Namen von Gott Vater, der hier verzweifelt angerufen ist, Verbrechen begangen worden sind, sondern auch im Namen des Sohnes, ist das Kreuz, das wir Gläubigen zu tragen haben.
    So sieht es auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (ein Anarchist übrigens):

»[Gott] ist das beladenste aller Menschenworte. […] Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last. Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller Fingerspur und ihrer aller Blut. Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen!«

cross-post: Freiheitsfabrik

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 um 01:10

Eine Antwort

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  1. Lieber Herr Blankertz,
    Ihr Beitrag hat mir alten Atheisten gut gefallen.
    Solange der Glaube persönlich bleibt und und nicht missionarisch wird und die Ratio bei Gläubigen und Nichtgläubigen regiert, wird weit mehr Gemeinsames als Trennendes zwischen den beiden „Lagern“ bleiben.
    Mit besten Wünschen
    Ihr Werner L. Ende

    Dr. Werner Ende

    2. Dezember 2010 at 12:01


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