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Disziplinargesellschaft / Überwachungsgesellschaft

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von Casper Clemens Mierau

 

Einleitung

Der folgende kurze Text entstand als Bearbeitung einer „Hausaufgabe“ im Projekt „Einführung in die Medienkultur“. Ziel war die essayistische Auseinandersitzung mit Foucaults Begriff der Disziplin bzw. Disziplinargesellschaft im Hinblick auf die heutig allgegenwärtige Kamera- und Überwachungskultur.

Den Begriff „Essay“ habe ich dankend als Aufforderung angesehen, einen nicht-wissenschaftlichen Text zu verfassen, der auf jegliche Zitate mit Quellenangaben verzichtet.

 

Ich sehe Dich, Du siehst mich nicht

Schaut man heute in einem Kaufhaus an die Decke, gehören Überwachungskameras zum gewohnten Bild. Sie verwandeln den begrenzten Horizont des modernen Marktplatzes in die beobachtende Haut des Argos. Sie geben das sichere unsichere Gefühl, beobachtet werden zu können. Ihre augenähnlichen Linsen erfassen, zoomen, zeichnen auf und vermitteln durch Regungslosigkeit den andauernden Ausnahmezustand des Überwacht-Werdens.
Nicht anders die Plätze und Bahnhöfe, die längst genauso wenig öffentliche Orte sind, wie es Kaufhäuser je sein könnten. Sanft verkündet die Stimme im Bus folgerichtig „Umstieg zur Deutschen Bahn AG“. An der Eingangstür verweist ein „Dieser Bahnhof wird videoüberwacht“ zitathaft auf die neuerdings privaten elektronischen Voyeure.

In „Überwachen und Strafen“ beschreibt Foucault die Entwicklung der Disziplinargesellschaft anhand der Verallgemeinerung der Disziplin, oder besser: der Disziplinierung. Was unlängst noch als Vorbereitung auf einen zu überwindenden Notstand galt, avanciert zum gesellschaftlichen Paradigma. Disziplin. Es wird gehorcht. Doch Gehorsam muss durchgesetzt werden. In einer aufgeklärten Gesellschaft, die neben den Freiheiten auch die Disziplinen selbst entdeckt hat, indes nicht durch die Androhung von Gewalt, sondern durch die Schaffung eines künstlichen Machtgefüges. Foucaults Analyse des Benthamschen Panoptikums zeigt die (zumindest körperlich) gewaltlose Disziplinierung durch Subjektivierung und Überwachung des zu Erziehenden, sowie Entindividualisierung der Macht durch Technologisierung der Beobachtungssituation. Der Gefangene, Schüler oder Kranke wird durch das Gefühl des Überwachtwerdens und die Separation von Gleichgesinnten medial ausgegrenzt. Letztendlich wird ihm einzig die Kontrolle über den vom ihm ausgehenden Informationsfluss entzogen. Er kann sich weder dagegen wehren, überwacht zu werden – ob er dies tatsächlich wird, ist im Grunde nicht ausschlaggebend – noch Kontakt aufnehmen.

Der panoptische Turm hat unlängst die Benthamsche Architektur verlassen, sich verkleinert, automatisiert und als Kamera massenhafte Verbreitung gefunden. Trotz evidenter Gemeinsamkeiten zwischen Videoüberwachung und Panoptikum gibt es jedoch auch eklatante Unterschiede, die hier nicht außer Acht gelassen werden sollen. Da wäre zunächst die Erkennbarkeit der Kamera als zielgerichteter Überwachungsautomat. Das menschenähnliche Okular verrät dem es betrachtenden Beobachteten, in welche Richtung eine Kamera „sieht“ und somit auch in welche nicht. Seit einiger Zeit werden Städte nach öffentlich aufgestellten Kameras kartographiert und Routen gesucht, ihnen zu entgehen. Im idealisierten Panoptikum unvorstellbar. Überdies wirkt die Linse immer auch wie ein menschliches Auge und ist somit trotz der anonymen Technisierung für den Betrachter nie als rein anonym zu verstehen. Man kann „in die Kamera schauen“, sich selbst in der Linse spiegeln, nie jedoch, das sei zugegeben, den Kameraüberwacher wahrnehmen. Wenn es ihn denn gibt.

Als „Verstaatlichung von Disziplinarmechanismen“ bezeichnet Foucault die Bestrebungen der Polizei als Staatsorgan alles sichtbar zu machen. Sind diese Bestrebungen zwar auch heute noch erkennbar – erinnert sei an die Überwachungsdiskussionen um das Internet – haben private Organisationen die eigentliche Kontrolle über die Überwachungsorgane wieder an sich genommen. Oder der Staat hat sie verkauft. Waren Bahnhöfe vor einigen Jahren noch öffentliche Orte im klassischen Sinne, war auch die dortige Videoaufzeichnung staatlicher Natur. Heute ist sie angeordnet von Geschäftsführern und abgesegnet von Aufsichtsräten. Der Idee der Disziplinargesellschaft tut dies indes kein Abbruch, ist es für den Beobachteten letztendlich egal, wer anonym im Turm steht. Einzig die Existenz des Turms ist der entscheidende Punkt. Das Panoptikum hat die Macht entindividualisiert und somit auch von einer festen Kopplung an Staat oder Privateigentum entbunden.

 

Ich sehe Dich, Du merkst es nicht

Zu den sichtbaren Kontrollinstanzen gesellen sich in letzter Zeit durch fortschreitende Entwicklung auch unsichtbare Komponenten und werfen ein neues Licht auf Foucaults Theorie. Während die Kamera am Bahnhof in der Regel noch als solche zu erkennen ist, sind es kleinere, versteckte Kameras längst nicht mehr. Ist es nicht so, dass ein Blick an die Decke des Kaufhauses, der keine Kamera wahrnimmt, viel deutlicher auf eine Videoüberwachung schließen lässt, als die Erkennung der dafür nötigen technischen Artefakte? Ist keine Kamera sichtbar, vermuten wir sie hinter Spiegeln, in Ecken. Die Abwesenheit deutlich erkennbarer Kontrollinstrumente suggeriert zunehmend eine Omnipräsenz derselben. Was nicht da ist, ist nur zu klein, um gesehen zu werden. Was nicht da ist, will nicht gesehen werden, sieht aber mich. Und weil es nicht da ist, erzeugt es ein disziplinierendes Gefüge, das sich in Foucaults Theorie eingliedern lässt. Das moderne Panoptikum benötigt keinen Turm mehr.

Lässt sich dieser paranoide Zustand des Gefühls ständiger Überwachung noch mit dem Begriff „Disziplinargesellschaft“ analysieren? Trotz der Analogie des Beobachtet-Werdens unterscheidet sich die postmoderne Gesellschaft von der derselben. Da wäre zunächst die dezentrale Organisation urbaner Räume. Dezentral im architektonischen, aber auch im machtpolitischen Sinne. Der ehemals zentralisierende Turm hat als unendlich fraktales Gebilde Einzug in ein ebenso fraktales Stadtbild genommen, wobei die kleinste Parzelle des Turms, seine gänzliche Abwesenheit, als pars pro toto seine Ganzheit darstellt.
Noch entscheidender jedoch ist der größtenteils vorherrschende Konsens. Überwachung ist gut, denn Überwachung bringt Sicherheit. Foucault selbst prägte nach seinem vor allem historisch konnotierten Begriff der Disziplinargesellschaft den Begriff der Sicherheitsgesellschaft. Überwacht wird heute nicht einfach zur Disziplinierung, sondern vielmehr zur Sicherung. Dieses Motiv führt spätestens seit dem 11. September in jeder Diskussion um das Für und Wider totaler Kontrolle der selbstlose, sicherheitsbedachte Überwacher an und verschafft sich damit eine breite Akzeptanz. So werden Flughäfen vor Terroranschlägen, Kaufhäuser vor Dieben und Schulen vor Schülern geschützt. Die Installation von Überwachungsmaßnahmen wird in der Postmoderne folglich weniger oktroyiert, als vielmehr akzeptiert oder gar gefordert. Möchte ich mich sicher wähnen, gehe im Licht der Straßenlaternen und dem Schutz mir folgender Linsen. Die Sicherheitsgesellschaft stellt in der Foucaultschen Genealogie der Überwachung somit den aktuellen status quo dar. Die Überwachung wird zum zu ertragenden Leid und frei verfügbaren Tool gleichermaßen. Jeder kann überwachen oder sich in den Schutz der Überwachung begeben. Iteriert man diesen Prozess, bewacht sich die Gesellschaft letztendlich selbst – zum eigenen Schutz. Die Beobachteten sind zur Untermiete in den Turm selbst eingezogen, nur erkennen sie durch die verdunkelten Scheiben ihr eigenes Antlitz nicht.

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Written by floriangrebner

9. Dezember 2010 um 13:28

Veröffentlicht in Freiheit, Recht vs. Staat

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