Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Wir leben bereits im Anarchokapitalismus!

with 3 comments

von Benjamin B.

Laut Ha-Joon Chang leben wir sogar schon seit 30 Jahren im Anarchokapitalismus:

Meine Kritik richtet sich gegen eine bestimmte Version des Kapitalismus, die die Welt in den letzten drei Jahrzehnten beherrscht: den Anarchokapitalismus.1

Das ist wirklich eine frohe Botschaft. Offenbar ist die Schweizer Regierung bloss ein Phantom, ebenso die deutsche und die amerikanische Regierung. Auch die Zentralbanken dieser Welt sind bloss Produkte kollektiver Halluzinationen. In Wirklichkeit gibt es weder Cannabisverbote, noch Mindestlöhne, noch eine staatliche Post. Ja, es gibt überhaupt keine Staaten mehr. Ich kann mir meine Sicherheitsagenturen selber aussuchen. Aber was noch viel positiver ist: Da die amerikanische Staatsarmee gar nicht existiert, hat sie auch nicht im Irak und in Afghanistan einmarschieren können. Welch eine glückliche Welt, in der wir leben.

Ganz im Ernst, Ha-Joon Chang: Sie treiben böses Schindluder mit einem Begriff, der eine ganz spezifische Bedeutung hat. Anarchokapitalismus steht nämlich keineswegs für eine Welt, in der Bildungs-, Gesundheits-, Transportations-, Geld-, Sicherheits- und Justizwesen in staatlicher Hand sind, sondern für eine (staatslose) freie Marktwirtschaft, die auf den Grundlagen des Privateigentums und des Nichtaggressionsprinzip basiert.

Den freien Markt gibt es nicht. Jeder Markt hat Regeln und Grenzen, die die Wahlfreiheit einschränken.1

Die Befürworter der freien Marktwirtschaft sind nicht für die Anomie, also eine regellose Welt, sondern für ein ganz bestimmtes Paket von Regeln.

Der Begriff ‘freier Markt’ wird denn auch nicht als Regellosigkeit definiert, sondern als ein Markt, in dem das Privateigentum geschützt ist und indem Verträge eingehalten werden müssen, aber in dem ansonsten vollkommene Vertragsfreiheit existiert.

Es lässt sich nicht objektiv definieren, wie »frei« ein Markt ist.1

Doch. Ausgehend von obiger Definition des freien Marktes kann man sehr wohl herausfinden, ob ein real existierender Markt frei ist oder nicht. Es lässt sich auch rasiermesserscharf zwischen legitimen und illegitimen Regeln und Regulationen trennen: Ein Verbot des Betrugs und des Diebstahls ist legitim und notwendig. Einem Arbeiter zu verbieten, seine Arbeit unter einem bestimmten Preis zu verkaufen, verletzt die Vertragsfreiheit und ist somit illegitim.

Heute würden auch die eifrigsten Verfechter des freien Marktes in Großbritannien und anderen reichen Ländern nicht im Traum daran denken, die Kinderarbeit in das Paket der Marktliberalisierung einzubinden, das sie sich so wünschen.1

Nun wirklich, Ha-Joon Chang, Sie wissen nicht einmal, was die ‘free marketeers’ fordern. Haben Sie denn nicht wenigstens ein bisschen recherchiert, bevor Sie Ihr Buch geschrieben haben? Haben Sie sich nicht über die Austrian School of Economics erkundigt? Über den Libertarismus? Über den Anarchokapitalismus?


Mit Ha-Joon Changs 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen haben wir nun ein weiteres Buch, das die freie Marktwirtschaft völlig verzerrt darstellt und mit definitionslosen Wörtern wie Neoliberalismus nur so um sich wirft. Eine klare Analyse des Kapitalismus würde bedingen, dass zuerst einmal definiert wird, was der Kapitalismus ist. Dann sollte man die verschiedenen Strömungen der ‘pro-kapitalistischen’ Wirtschaftstheorien auseinander halten: Der Neo-Klassizismus, die Chicago School und die Österreichische Schule kann man nicht in einen Topf werfen. Des weiteren sollte man zwischen pro-kapitalistischer Rhetorik und echtem, fundiertem Befürworten der freien Marktwirtschaft trennen. Wenn ein Mr. Bush sagt, er habe die die Prinzipien des Kapitalismus aufgegeben, um den Kapitalismus zu retten, darf man ihn nicht für einen ‘free marketeer’ halten. Ebenso müsste man bei sogenannten ‘Liberalisierungen’ genau hinschauen, um herauszufinden, ob wirklich ein freier Markt ‘geschaffen’ wurde, oder ob bloss ein staatliches Monopol ‘privatisiert’ wurde. Vollends lächerlich macht sich Ha-Joon Chang, als er die etatistische und semi-sozialistische2 Welt, in der wir leben, als ‘Anarchokapitalismus’ bezeichnet hat. Wer das Wort ‘Anarchokapitalismus’ benutzt, aber nicht einmal weiss, was die Anarchokapitalisten damit meinen, den kann man einfach nicht ernst nehmen.


  1. Ha-Joon Chang – 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen [] [] [] []
  2. Steuer- und Staatsquoten sind hier interessant. Noch interessanter ist aber, wenn man sich anschaut, welche Forderungen des Zehn-Punkte-Programms des Kommunistischen Manifests Realität geworden sind. []

 

cross-post: ars libertatis

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Written by dominikhennig

23. Dezember 2010 um 10:09

Veröffentlicht in Etatismus, Freiheit, Markt und Wettbewerb

3 Antworten

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  1. Sehr schön Dominik!
    da gibt es nichts hinzuzufügen!
    Mit freundlichem Gruß
    Dr. Werner L. Ende   23. Dezember 2010
    werner.ende@stay-free.de
    neue Website:
    http://www.stay-free.org seit gestern!

    Dr. Werner Ende 

    23. Dezember 2010 at 14:23

  2. Das ist ja der blanke Hohn, den der Chang da von sich gibt. Eine wahre Beleidigung! Umso tragischer, dass so etwas herausgegeben und verkauft wird und dass man ,,uns“ mit dergestalt niveaulosen Blödsinn versucht lächerlich zu machen.

    Tomasz M. Froelich

    28. Dezember 2010 at 04:51

  3. „als ‘Anarchokapitalismus’ bezeichnet hat. Wer das Wort ‘Anarchokapitalismus’ benutzt, aber nicht einmal weiss, was die Anarchokapitalisten damit meinen, den kann man einfach nicht ernst nehmen.“

    Sollte man meinen, nur es geht eben nicht um das was eigentlich unter etwas zu verstehen ist. Es geht darum was die Mehrheit darunter verstehen will. Man beachte ja auch wie Neoliberalismus „verhunzt“ wird oder „Hacker“ oder benennen wir es doch „soziale Marktwirtschaft“, was doch nahelegt das Marktwirtschaft nicht sozial sein kann. Warum sonst müsste es diese Ergänzung geben? Wenn es den Leuten passt, werden Sie jeden Begriff benutzen um andere damit zu „diffamieren“ und Anarchie arbeitet doch wunderbar im Zusammenhang mit FUD.

    So nach dem Motto wer für Anarchie ist, frisst auch kleine Kinder oder so ähnlich…

    Unser System ist einfach derartig man muß wohl sagen „verseucht“, daß es eigentlich nur weniger Argumente bedarf um selbst hanebüchenen Unfug zu legitimieren. Es bietet sich an (in beliebiger Reihenfolge)
    – sozial gerecht
    – Terror
    – Kapitalismus
    – Rechtsextremismus
    – Eigentum „verpflichtet“
    – Sozialkomponente
    – (setzt hier beliebig PC Schlagworte ein)

    Und natürlich nicht zu vergessen. „Wir haben keine Alternative“…..

    Friedrich Dominicuus

    4. Januar 2011 at 08:28


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