Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Revolutionäres Quantum, spontane Ordnung

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Die aktuellen revolutionären Vorgänge[1] in der “arabischen Welt” — insbesondere in Ägypten — führen uns einmal mehr vor Augen:

1. Jede noch so “stabil” erscheinende Gewaltherrschaft lässt sich überwinden.[2] Dafür braucht es keine Mehrheit, sondern nur eine ausreichend große Minderheit mit Mut zum Ungehorsam, gewissermaßen ein “revolutionäres Quantum”. Das selbe Gewaltpotenzial Hundertausender Polizisten, Spezialeinheiten und Soldaten mit ihren unzähligen Waffen, Panzern und Bomben, das Mubarak und seiner Clique 30 Jahre lang reichte, um ein Millionenvolk zu kontrollieren — schon einen Augenblick später reichte es nicht mehr. Doch was hatte sich geändert?

Zunächst waren Tausende, später sogar ein paar Millionen auf der Straße.[3] Aber die übergroße Mehrheit der 80 Millionen Ägypter demonstrierte nicht, warf keine Steine und hörte auch nicht plötzlich auf, Steuern zu zahlen. Und trotzdem: das Regime liegt in seinen letzten Atemzügen. Sein Ende ist nur noch eine Frage der Zeit.

Fundament der Herrschaft des “Staates” ist nicht dessen Gewaltpotenzial an sich, sondern die Furcht der Menschen vor diesem Gewaltpotenzial. Überwindet eine ausreichend große Minderheit jedoch ihre Furcht und widersetzt sich dem “Staat”, hat “er” im Grunde schon verloren, da in diesem Falle nur noch zwei Optionen verbleiben: Gewalteskalation bis hin zum Blutbad oder Gewährenlassen. In beiden Fällen löst sich jegliche Illusion von Legitimität und Autorität der gegenwärtig Herrschenden auf und steigt die Wahrscheinlichkeit dramatisch an, dass auch weite Teile des Staatsapparats abtrünnig werden.[4]

2. Die zynische These, “der Staat” — also Politiker und ihre Bürokraten (mit wie ohne Kostüm und Bewaffnung) — sei Voraussetzung und Garant für Ordnung und (Rechts-)Sicherheit, gehört ins Reich der Märchen. Fallen Monopolinstitutionen des “Staates” aus oder weg, die eine an sich legitime Aufgabe (wenn auch in ineffizienter und ungerechter Weise) erfüllten, werden diese umgehend durch Ergebnisse “spontaner Ordnung”[5] ersetzt. Die Gesellschaft fällt nicht ins Chaos. Chaos ist vielmehr Produkt der gewaltsamen Zerstörung der auf freiwilligen Vereinbarungen beruhenden, gewachsenen gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen.

Sichtbarster Ausdruck spontaner Ordnung sind sicherlich die “Nachbarschaftskomitees”/”Bürgerwehren”, die sich kurzfristig in ganz Ägypten unabhängig voneinander und vom sozioökonomischen Hintergrund der Beteiligten gebildet haben.[6] Sie gewährleisten Sicherheit für Leben und Eigentum der Menschen gegen gewöhnliche Kriminelle und die mutmaßlich vom Mubarak-Regime zur Randale abkommandierten Staatsbürokraten in Zivil.[7]

Dieser Beitrag erschien zuerst auf MarcoKanne.de.

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[1.] Nur am Rande sei erwähnt, dass Auslöser dieser Revolutionsbewegungen die brutale Durchsetzung staatlicher “Marktregulierung” war, die ja nichts anderes als die gewaltsame Einschränkung des freien und friedlichen Austauschs zwischen Menschen meint. Siehe dazu: John Rash: Rash Report: Social media as a tool for social unrest, startribune.com, 30. Januar 2011

[2.] US-Außenministerin Clinton war sich noch Ende Januar der Stabilität des Mubarak-Regimes sicher. Siehe hierzu: Clinton bezeichnet ägyptische Regierung als stabil, trading-house.net, 25. Januar 2011

[3.] Friedliche Massenkundgebung gegen Mubarak, nzz.ch, 1. Februar 2011.

[4.] Man könnte hierbei von einer Art “break even” sprechen, nach dem die opportunistischeren Teile der herrschenden Klasse sich auf die Seite der Noch-Revolutionäre schlagen, um nach einer Neuorganisation des “Staates” ebenfalls wieder an der Herrschaft beteiligt zu sein oder zumindest der Verfolgung und Bestrafung zu entgehen. Sehr deutlich lässt sich dies am Beispiel Rumänien 1989 studieren, als weite Teile der Geheimpolizei, des Militärs und der Parteibürokratie den Protest der Straße ursurpierten und plötzlich die “Demokratisierung” einleiteten. Anlog gilt dies auch für die Situation in der DDR 1989, als plötzlich bislang linientreue Kader der SED sich als “Reformer” anpriesen und die Revolution in ihrem Sinne zu beinflussen hofften.

[5.] The Online Library of Liberty: Spontaneous Order, oll.libertyfund.org, abgerufen am 6. Februar 2011.

[6.] Martin Gehlen: Ägypten: Bürgerwehren sichern Viertel, fr-online.de, 2. Februar 2011

[7.] Karin El Minawi: Bürgerwehren in Kairo: Das Schwert der Gerechten, sueddeutsche.de, 1. Februar 2011.

Written by Marco Kanne

10. Februar 2011 um 17:01

Veröffentlicht in Freiheit, Recht vs. Staat

5 Antworten

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  1. Wer kann denn glauben, daß hier Gewaltherrschaft überwunden wurde? Da wird jetzt ein neues Regime inthronisiert, die Bürgerwehren werden aufgelöst und es geht munter weiter wie vorher. Wetten?

    Ulrich Wille

    11. Februar 2011 at 23:14

  2. Ulrich,

    die Gewaltherrschaft an sich wurde in Ägypten oder sonstwo natürlich nicht überwunden, weil es nicht das Ziel der Menschen war, die aufgestanden sind. Ziel war, den aktuellen Gewaltherrscher zu stürzen. Dieses Ziel wurde erreicht. Wäre das Ziel gewesen, die Gewaltherrschaft an sich zu überwinden, wäre aber auch das gelungen.

    Marco

    22. Februar 2011 at 02:21

  3. „Wäre das Ziel gewesen, die Gewaltherrschaft an sich zu überwinden, wäre aber auch das gelungen.“

    Das mag sein, aber keine Revolution hatte bisher dieses Ziel, und das ist kein Zufall. Wer Gewaltherrschaft überwinden will, macht keine Revolution.

    Ulrich Wille

    24. Februar 2011 at 00:06

  4. Ulrich, das kommt darauf an, wie Revolution definiert wird. Soweit damit auch oder primär der Einsatz von Gewalt gemeint ist, stimme ich Dir zu. Die gewaltsame Herrschaft von menschen über Menschen ist nur auf friedlichem Wege möglich, weil sie die Änderung des Denkens an die erste Stelle setzt. Gewaltsame Umstürze führen stets nur zum Austausch der Herrschenden. Eine Merkel mag vielleicht weniger tyrannisch sein als ein Hitler, aber ihre Gangs bedienen sich ja der selben Mittel, wenn auch in quantitativ anderem Umfang.

    Marco

    24. Februar 2011 at 16:38

  5. @Marco,

    Ich glaube nicht, daß Wir uns hier sehr uneinig sind. Mein Punkt ist nur, daß nicht-gewaltsame Revolutionen (wenn man sie denn „Revolutionen“ nennen will), Herrschaft nur räumlich und zeitlich sehr begrenzt überwinden können. Jede Steuerhinterziehung ist in diesem Sinne eine Revolution – und ein Sieg im Klassenkampf🙂

    Ulrich Wille

    26. Februar 2011 at 02:04


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