Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Interview: Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext

leave a comment »

Von Gregor Waschinski, zuerst erschienen im Spiegel ONline Unispiegel 19.10.2005

Die Hörspiele mit Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind bei Kindern überaus beliebt – und vermitteln politische Zerrbilder, behauptet Gerd Strohmeier, 30. Im Interview erklärt der Passauer Politologe, warum der Elefant und die kleine Hexe für anarchistische Positionen stehen.

 

SPIEGEL ONLINE:

Ein sprechender Elefant und eine kleine Hexe – für einen Politikwissenschaftler ist das schon ein recht ausgefallenes Forschungsfeld.

Gerd Strohmeier: Ich gebe zu, ein bisschen abwegig ist es schon. Ich habe in meiner Kindheit selbst viel Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen gehört, und die haben mich anscheinend bis heute nicht verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber muss man eine politische Studie zu diesem Thema machen?

Strohmeier: In kaum einer anderen Hörspielserie wird so ein starker politischer Bezug hergestellt wie bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, die beide in dem fiktionalen Ort Neustadt spielen. Die Hörspiele richten sich an Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren, also genau die Zeit, in der sich die politische Grundpersönlichkeit herausbildet. Die ist zwar noch recht holzschnittartig, aber darauf entstehen dann später politische Einstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Und was lernen die Kinder in den Hörspielen über Politik?

Strohmeier: Das Politikbild, das in den von mir untersuchten Hörspielfolgen vermittelt wird, ist sehr bedenklich. Die Politiker werden durch den Bürgermeister von Neustadt repräsentiert, und der ist inkompetent, korrupt und immer nur an seinem eigenen Wohl interessiert. Er lässt sich von seinem Assistenten als „Majestät“ behandeln und übergeht ständig den Stadtrat. Entscheidungen werden nicht demokratisch, sondern autokratisch getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die Helden Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg?

Strohmeier: Sie bilden zusammen mit der Reporterin Karla Kolumna eine Koalition der Guten. Karla Kolumna ist gewiss etwas sensationsgierig, deckt aber die Schandtaten des Bürgermeisters auf, berichtet objektiv und orientiert sich am Gemeinwohl. Mit ihren Artikeln mobilisiert sie die Neustädter Bürger. Sie tauchen dann ebenfalls auf der „richtigen“ Seite auf, die man als linksliberal bis linksalternativ beschreiben kann. Die Hörspielhelden sind pazifistisch, egalitär, bisweilen anarchisch und antikapitalistisch eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Benjamin und Bibi sehen Sie tatsächlich als Anarcho-Rebellen?

Strohmeier: Die Wirtschaft wird grundsätzlich negativ dargestellt. Figuren wie Herr Schmeichler oder Ulrich Umsatz lügen und betrügen, um ihren eigenen Profit zu maximieren. Polizisten erscheinen als verlängerten Arm des Bürgermeisters. Dazu kommen Aussagen wie „Wir haben zu viel Ordnung in diesem Land“. Ich denke, hier spiegeln sich die politischen Einstellungen der Erfinderin wider.

SPIEGEL ONLINE: Die Hörspielhelden sind Ihnen also zu links…

Strohmeier: Nein, ich habe kein Problem damit, dass linke Ideen in den Hörspielen vorkommen. Ich kritisiere, dass das Bild, das die Hörspiele zeichnen, insgesamt zu einseitig, zu schwarz-weiß ist. Die Politiker kommen zu schlecht, die Medien dagegen zu gut weg.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das: Kinder, die Benjamin Blümchen hören, werden später zu politikverdrossenen Antidemokraten?

Strohmeier: Man muss die Kirche schon im Dorf lassen. Politische Sozialisation ist ein vielschichtiger Prozess. Da wird man keine 1:1-Wirkung feststellen können. Allerdings sind diese Hörspiele der Entwicklung zum mündigen Bürger nicht förderlich, das kann man schon so sagen. Wo sonst erfahren Kindern in diesem Alter denn politische Bezüge? Im Gespräch mit Eltern ist das eher selten der Fall. Sie nehmen vor allem auf, was sie in den Kassetten hören.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen eigentlich Ihre Kollegen zu diesem Forschungsvorhaben?

Strohmeier: Die meisten sind da sehr aufgeschlossen. Nur einige Fachkollegen haben mich nicht ganz ernst genommen. Für mich ist aber wichtig, dass Politikwissenschaft immer auch Ergebnisse liefert, die im Alltag angewendet werden können. In meiner Dissertation habe ich mich zum Beispiel mit der modernen Wahlkampfführung befasst. Meine Habilitation habe ich über den Reformstau in Deutschland geschrieben. Und jetzt interessiere ich mich für politische Sozialisation.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie weitere Arbeiten? Was ist zum Beispiel mit den TKKG-Hörspielen?

Strohmeier: Die richten sich eher an eine etwas ältere Zielgruppe. Bei Bibi Blocksberg werde ich jedoch am Ball bleiben. Das ist ein buntes Thema, der Hintergrund ist aber absolut ernst. Wenn man bedenkt, dass die Geschichten von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg auch als Zeichentrick verfilmt wurden und auf dem ZDF und dem Kinderkanal ausgestrahlt werden, dann muss man sich schon fragen, wie das mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag vereinbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Eltern ihren Kindern nun verbieten, Kassetten von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen zu hören?

Strohmeier: Nein, das nicht. Aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Hörspiele politisch auf keinen Fall das Prädikat „wertvoll“ verdienen.

Das Interview führte Gregor Waschinski

 

Der herrschsüchtige Bürgermeister und die rasende Reporterin Karla Kolumna – Auszüge aus Gerd Strohmeiers Analyse

Interview

Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext

Von Gregor Waschinski

2. Teil: Der herrschsüchtige Bürgermeister und die rasende Reporterin Karla Kolumna – Auszüge aus Gerd Strohmeiers Analyse

ANZEIGE

 

„Politik bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg“ – Auszug aus Gerd Strohmeier Beitrag in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“:

Der Staat bzw. die Politik (im engeren Sinne) wird in den Hörspielen vornehmlich durch den Bürgermeister repräsentiert, der in vielen Geschichten vorkommt und nicht selten eine zentrale Rolle spielt. Er tritt in der Regel nur als „der Bürgermeister“ in Erscheinung und ist allzu oft der Gegenspieler von Benjamin bzw. Bibi. In Neustadt ist er (auch wenn er selbst vom Gegenteil überzeugt ist) nicht sonderlich beliebt. Schließlich ist er grundsätzlich – das heißt ohne äußeren Druck – verantwortungslos und wenig hilfsbereit. So erachtet er es z.B. nicht einmal für notwendig, finanzielle Bittgesuche des Zoos oder des Tierheims zu beantworten. Stattdessen plant er Dinge, die – vielleicht außer wenigen profitgierigen Wirtschaftsvertretern – niemand braucht bzw. haben möchte und die zudem umweltschädlich sowie kostspielig sind. So lässt er (bzw. der Stadtrat) einerseits alte Bäume fällen, um eine nicht benötigte vierspurige Schnellstraße zu bauen, und andererseits gut genutzte Eisenbahnstrecken stilllegen.

Er ist grundsätzlich nicht am Wohl der Bürger, sondern nur an dem von ihm definierten Wohl der Stadt, vor allem aber an seinem eigenen Wohl interessiert. Es macht ihm zum Beispiel nichts aus, für seine teure Dienstausrüstung „die armen Steuerzahler“ zu schröpfen, und er ist stets auf der Suche nach neuen Einnahmequellen für Neustadt – um das Rathaus zu renovieren, sein Büro zu vergrößern, einen neuen Dienstwagen oder sogar eine Perlenkette für seine Frau (!) zu kaufen (obwohl er selbst „viel Geld hat“ bzw. „gut verdient“). Um die Stadtkasse – die zum Teil auch seine Privatkasse zu sein scheint – aufzustocken, ist er beinahe zu allen „Schandtaten“ bereit, z.B. auf Zirkuseintrittspreise eine Sondervergnügungssteuer zu erheben oder das alte Zunfthaus nicht zu einem Museum zu machen, sondern es für eine Million dem betrügerischen Immobilienhändler Schmeichler zu verkaufen.

Während er also durchaus geneigt ist, mit korrupten Wirtschaftsvertretern zu kooperieren, ist sein Verhältnis zur Presse gespalten: Einerseits braucht er sie, will er sich doch über sie positiv darstellen, andererseits fürchtet er sich vor ihr bzw. davor, dass sie „[d]ie Wahrheit über’s Neustädter Rathaus“ schreibt. Zur „Wahrheit“ gehört zum Beispiel, dass der Bürgermeister während seiner Dienstzeit isst, schläft, Computer spielt, Autozeitschriften liest und ohne Termine (auf die man in der Regel ein halbes Jahr warten muss) niemanden empfängt. Dennoch erfreut er sich an seiner politischen Macht, die ihm häufig zu Kopf steigt: Allzu gerne sieht er sich als „König“, die Bürger als „Untergebene“ oder als „sein Volk“ und seine öffentlichen Auftritte als „Audienzen“. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behandelt er grundsätzlich wie Leibeigene, d.h. unfreundlich und unmenschlich. So hat er keine Skrupel, seinen Sekretär mit den Worten „Schweigen Sie, Pichler!“ den Mund zu verbieten.

Dabei wäre er ohne seine Mitarbeiter nicht in der Lage zu regieren: Sie schreiben ihm seine Reden, sagen ihm, wann er diese zu halten hat, erklären ihm, was vorgeht und was sich hinter bestimmten Begriffen, wie etwa dem des Recycling, verbirgt. Mit anderen Worten: Der Bürgermeister ist (selbst im Vergleich zu Kindern) ungebildet, unfähig, ungeschickt, unbeholfen und undiplomatisch – kurz: „eine Flasche, aber ohne Geist!“. Dies wird auch durch sein tollpatschiges und lächerliches Auftreten sowie durch seine gestelzten und unsinnigen Aussagen unterstrichen. So stammelt er beispielsweise zur Begrüßung beim Tag der offenen Tür im Neustädter Rathaus: „Ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung Gefolge geleistet … (hustet) … äh … Folge geleistet haben. Und dass Sie sich so zahlreich hier versemmelt … (hustet) … äh … versammelt haben … äh … sind. Und auch ich bin zahlreich …“

(…) Die Medien werden nahezu ausschließlich durch die „rasende Reporterin“ Karla Kolumna repräsentiert, die in beinahe jeder Geschichte vorkommt. Karla Kolumna steht grundsätzlich auf der Seite von Benjamin bzw. Bibi und folglich allzu oft nicht auf der Seite des Bürgermeisters oder des Immobilienhändlers Schmeichler, denen sie grundsätzlich misstraut bzw. kritisch gegenübersteht. Sie vermittelt das Bild einer „verantwortungsvollen Reporterin, die darauf achtet, dass Wahlversprechen eingehalten“ und Ungerechtigkeiten beseitigt werden. Somit ist sie häufig „Retterin in der Not“. Ihre Ziele verfolgt sie „mit der geballten Kraft der Presse“, beispielsweise durch „flammende Artikel“ gegen geplante „Umweltsünden“ des Bürgermeisters. Die Figur der Karla Kolumna hat jedoch auch einige negative Seiten: Sie bestehen in einer gewissen Selbstverliebtheit, der „Gier“ nach Sensationen und der daraus resultierenden Tendenz zu Übertreibungen sowie zur Freude über Negativschlagzeilen. So ist sie beispielsweise anlässlich einer Trockenheitsphase geneigt, Neustadt in der Presse als „Wüstenmetropole“ zu bezeichnen, und von der drohenden Gefahr eines Waldbrands (zunächst) hellauf begeistert. Im Kern ist Karla Kolumna allerdings ehrlich und „gut“.

Written by floriangrebner

15. Februar 2011 um 15:35

Veröffentlicht in Humor

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: