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Libertäre Pädagogik V: Michael Bakunin (1814-1876)

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Von Ulrich Klemm

Michael Bakunin (1814-1876)
Freiheit und „Vollständige Ausbildung“
Neben W. Godwin, M. Stirner und L.N. Tolstoi finden wir bei Michael Bakunin Ende der 1860er Jahre erstmals einen weiteren Aspekt einer pädagogischen Operationali-sierung des anarchistischen Anspruchs an die Theorie und Praxis libertärer Pädagogik: In seinem Aufsatz „Die vollständige Ausbildung“ (erstmals 1869, hier 1923) -seinem einzigen, der sich explizit mit Fragen der Bildung und Erziehung befaßt – beschreibt er ein Prinzip libertärer Pädagogik, das bis Anfang des 20. Jahrhunderts in ver¬schiedenen Varianten und von verschiedenen Autoren zu einem Hauptakzent libertärer Pädagogik werden sollte: die ganzheitliche Bildung oder die „Education integrale“.
In einer einführenden Studie in das Werk M. Bakunins kommt Wim van Dooren (1985) bei der Betrachtung sei-ner Wirkungsgeschichte zu dem Schluß, daß seine Vor-stellungen bezüglich Bildung und Erziehung u.a. in Spa-nien durch Francisco Ferrer realisiert wurden (van Doo-ren 1985, S. 72). Obgleich der politische und theoretische Einfluß Bakunins und seines kollektivistischen Anar-chismus auf die anarchistische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts insgesamt als groß und stellenweise sogar dominant beurteilt werden kann (z.B. in Spanien, Italien und Rußland), wird der unmittelbare Einfluß Bakunins auf die libertäre Pädagogik von W. van Dooren über-schätzt. Sowohl in der Ideen- als auch Sozialgeschichte der libertären Pädagogik im 19. und 20. Jahrhundert fin-den wir nur wenige Hinweise auf Bakunin bzw. Zeugnis-sen seines Einflusses und auch in der Bakuninforschung sowie in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion ist

Bakunin als Pädagoge ein Randthema (für die Diskussion in der deutschen Nachkriegspädagogik vgl. W. Raith 1971, M. Heiniein 1988, 1989, 1991, 1998). Die Bedeu¬tung Bakunins für die libertäre Pädagogik liegt woanders.
Mit seinem Beitrag „Die vollständige Ausbildung“ von 1869 formuliert er zu diesem Zeitpunkt ein pädago-gische Prinzip, das sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts in zahlreichen libertären pädagogischen Entwürfen zeigt. Die Forderung nach einer ganzheitlichen Erziehung von „Kopf, Hand und Bewußtsein“ finden wir einige Jahre später erstmals realisiert bei dem französischen Pädago-gen Paul Robin, der von 1880 bis 1894 wegweisend für die libertäre Pädagogik in einem Waisenhaus in Cempuis (nordöstlich von Paris) das pädagogische Leitbild einer libertären „Education integrale“ anwendet (vgl. hierzu auch Grunder 1986/1993). Auch P. Kropotkin prokla-miert Ende des 19. Jahrhunderts ein polytechnisches Unterrichtsprinzip als Grundlage jeglicher Bildung und Erziehung (1899, dt. hier 1976, S. 213-239).
Das Prinzip der „Education integrale“ wird schließlich zum Leitbild einer internationalen Initiative, die 1898 in Paris Leitlinien für eine zukünftige libertäre Pädagogik formuliert (vgl. Zoccoli 1907, hier dt. 1976, S. 335-348; auch Baumann 1984). In diesem Sinne wird die Forde-rung nach einer „Education integrale“ erstmals von M. Bakunin 1869 politisch formuliert. Eine pädagogische Konkretisierung sowie Praxis erfolgt erstmals durch P. Robin in Cempuis. Die Einbindung in eine pädagogische Systematik erfolgt 1898 durch das Pariser Komitee.
Ideengeschichtlich wird dieses Leitbild libertärer Päd-agogik zu einem zentralen Eckpunkt und obgleich M. Bakunin zu keiner systematischen pädagogischen Begründung gelangt, verbindet er in seinem Aufsatz ideal-typisch für die anarchistische Bewegung politische und theoretische Forderungen mit bildungspolitischen Inno-vationen.
Vor diesem Hintergrund erhält Bakunins Beitrag von 1869 in der anarchistischen Zeitschrift „Egalite“ (Genf) zur pädagogischen Diskussion innerhalb des Anarchis-mus einen besonderen Stellenwert, ohne daß Bakunin dabei als libertärer Pädagoge einzustufen wäre.
Bereits in einem zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Strategiepapier über die „Prinzipien und Organisation der Internationalen revolutionären Gesell-schaft“ (erstmals voraussichtlich 1866, erstmals dt. 1924, S. 8-29) weist er auf die Bedeutung und den Stellenwert von Bildung, Erziehung und Schulen hin und definiert Kindheit. Dieser „Revolutionäre Katechismus“ hat für M. Bakunin zu diesem Zeitpunkt programmatische Gültig¬keit und beschreibt das politische und anthropologische Fundament, von dem aus er pädagogisch denkt.
Er schreibt:
,,q) Die Kinder gehören weder ihren Eltern, noch der Gesellschaft; sie gehören sich selbst und ihrer künftigen Freiheit. Als Kinder, bis zum Alter ihres Freiwerdens, sind sie nur im möglichen Zustand der Freiheit und müs-sen sich daher unter dem Regime der Autorität befinden. Die Eltern sind ihre natürlichen Vormünde, allerdings, aber ihr legaler und oberster Vormund ist die Gesell-schaft, welche das Recht und die Pflicht hat, sich mit ihnen zu beschäftigen, weil ihre eigene Zukunft von der intellektuellen und moralischen Leitung abhängt, die man den Kindern geben wird, und weil sie den Erwachsenen die Freiheit nur unter der Bedingung geben kann, daß sie die Erziehung der Minderjährigen überwacht.
r) Die Schule soll die Kirche ersetzen, mit dem unge-heuren Unterschied, daß, während die Kirche bei ihrer religiösen Erziehungstätigkeit nur das Ziel hat, das Re-gime der menschlichen Unmündigkeit und der soge-nannten göttlichen Autorität zu verewigen, Erziehung und Unterricht der Schule im Gegenteil nur zum Zweck der wirklichen Befreiung der Kinder nach Erreichen ihrer Mündigkeit haben, so daß Erziehung und Unterricht nichts anderes sein werden, als die allmähliche fort-schreitende Initiation zur Freiheit durch die dreifache Entwicklung der physischen Kräfte, des Geistes und des Willens der Kinder. Vernunft, Wahrheit, Gerechtigkeit, Achtung des Menschen, Bewußtsein der eigenen Würde, die solidarisch und untrennbar von der Menschenwürde der anderen ist, Liebe der Freiheit für sich und alle ande-ren, Kult der Arbeit als Grundlage und Bedingung jedes Rechts, Verachtung für Unvernunft, Lüge, Ungerechtig-keit, Feigheit, Sklaverei und Müßiggang, dies sollen die Grundlagen der öffentlichen Erziehung sein. Sie soll zuerst Menschen bilden, dann Arbeitsspezialisten und Bürger, und wenn sie mit dem Alter der Kinder fort-schreitet, muß natürlich die Autorität immer mehr der Freiheit Platz machen …“ (M. Bakunin 1924, S. 25).
Diese Sichtweise von Kindheit und Schule ist bei M. Bakunin geprägt durch den Widerspruch von Freiheit und Autorität. Obgleich er den Kindern anthropologisch und in ihrer natürlichen Entwicklung Freiheit zuspricht und den „freien Menschen“ als oberstes Erziehungsziel nennt, befinden sich Kinder in jungen Jahren nach Ansicht M. Bakunins in einem Zustand der Unmündigkeit, die einer Autorität als Leitung bedarf. Es überrascht und erscheint als Widerspruch, bei Bakunin von der Notwendigkeit einer Autorität in der Erziehung zu lesen. Er begründet dies damit, daß sich Kinder lediglich in einer Art Vor-stufe zur „vollständigen Freiheit“ befinden und einer Führung (Autorität) bedürfen, um das Entwicklungsziel der Freiheit erreichen zu können. Andererseits gehören Kinder aber auch „sich selbst“ (ebd.) und werden zum Maßstab aller Erziehung gemacht. M. Bakunin vertritt in diesem Sinne eine „Erziehung vom Kinde aus“, bei der das Kind mit seiner Autonomie und seinem Streben nach vollkommener Freiheit im Mittelpunkt steht und zum Maßstab für Bildung und Erziehung wird.
Die Art und Weise von Bildung und Erziehung, die diesem Erziehungsziel gerecht wird, nennt M. Bakunin „Vollständige Ausbildung“. Er argumentiert in seiner Be¬gründung hierbei vor allem politisch und nicht pädago¬gisch. Bildung und Erziehung reflektiert er vor dem Hin¬tergrund einer Klassenkampfsituation. Konkret versteht er unter einer „Vollständigen Ausbildung“
1.) die Voraussetzung zur Durchsetzung und Realisie-rung von gleichen Lebens- und Arbeitschancen. Päda-gogik wird zu einer Bedingung für gesellschaftliche (Chancen)gleichheit: „Gleichheit“ bedeutet für M. Ba-kunin „Vollständigkeit“ und zwar sowohl hinsichtlich des gesellschaftlichen Status, als auch hinsichtlich des Geschlechts;
2.) die Verbindung von Kopf- und Handarbeit bzw. die Aufhebung der „künstlichen Isolierung“ (ebd., S. 111) von Wissenschaft (Gelehrter) und Arbeit (Arbeiter). Unter dem Motto „Jeder muß arbeiten und jeder muß gebildet sein“ (ebd., S. 110/111) fordert er eine „Education integrale“ (ganzheitliche Bildung), in der Wis-senschaft und Arbeit neu definiert werden und sich in einem „neuen Menschen“, der der freie und befreite Mensch ist, vereinen;
3.) einen Unterricht, der die „Natur zur Grundlage und die Soziologie als Gipfelpunkt“ (ebd., 115) hat und damit auf die Grundlage der Rationalität und nicht der Theologie gestellt wird. Der Unterricht einer „Voll-ständigen Ausbildung“ umfaßt idealtypisch wissen-schaftlich-theoretische, industriell-praktische (poly-technische) sowie moralische Aspekte und Elemente.
Er legitimiert diese „Vollständige Ausbildung“
1.) politisch, indem er sagt, daß eine vollständige Ausbil-dung bislang – wenn überhaupt – nur privilegierten „Klassen“ oder Schichten zuteil wurde und die unvoll-ständige Ausbildung zum Kennzeichen der Klassenge¬sellschaft geworden ist. M. Bakunin vertritt hier sowohl die bildungspolitische Maxime der sozialisti¬schen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts von „Wissen ist Macht“, als auch den Optimismus bezüg¬lich der Kraft sozialistischer (d.h. hier „vollständiger“) Erziehung. In diesem Sinne erhält die „Vollständige Ausbildung“ bei M. Bakunin eine gesellschaftspoliti¬sche Bedeutung und Legitimation;
2.) anthropologisch, wenn er die Frage nach Anlage und Umwelt bezüglich der Begabung stellt. Er fordert die „Gleichheit des Ausgangspunktes“ (ebd., S. 113) und geht davon aus, daß man nur dann die Frage nach In-telligenz und Begabung richtig beantworten kann.
Die „Vollständige Ausbildung“ ist für M. Bakunin sowohl gesellschaftspolitisch als auch bildungspolitisch die pädagogische Leitidee, mit der Gleichheit als Aus-gangspunkt von Bildung und Erziehung garantiert wird. Eine Konkretisierung und praktische Operationalisierung oder gar eine Evaluation fand durch M. Bakunin jedoch nicht statt. Damit zeigt er auch bei der pädagogischen Fragestellung jenen Fragmentarismus, den sein gesamtes Werk durchzieht. Er war ein an Tagesaktualität interes¬sierter und engagierter Revolutionär, der, wenn auch im Ansatz vorhanden bzw. geplant, eine umfassende und systematisch zu Ende gedachte Gesellschaftstheorie nicht vorlegen konnte. So bleibt sein pädagogischer Ansatz ebenso unfertig. Als bildungspolitische Leitidee erhält die „Vollständige Ausbildung“ für eine libertäre Päda¬gogik Ende des 19. Jahrhunderts jedoch grundsätzlichen Charakter. Er formuliert und begründet die Idee einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung und kommt dabei zu einer pädagogischen Lösung des Problems der gesell¬schaftlichen Chancengleichheit. M. Bakunin leistet für den Anarchismus eine Ideologiekritik an der politischen und gesellschaftlichen Rolle von Pädagogik und bietet eine (bildungs)politische Legitimation für ein pädagogi¬sches Engagement des Anarchismus.
Entscheidend für M. Bakunins pädagogischen Ansatz ist schließlich auch die Annahme, daß eine „Vollständige Ausbildung“ zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich ist und sie erst in einer „freien“ Gesellschaft mit „befreiten“ In-dividuen realisiert werden kann. Wir haben es damit gleichsam mit einem utopischen Ansatz zu tun, der als Perspektive für eine zukünftige herrschaftsfreie Gesell-schaft entworfen wurde.
Bakunin verdeutlicht hier das Primat der Politik vor der Pädagogik und bezeichnet die „ökonomische Befreiung“ als die Mutter aller anderen Befreiungen der Ar-beiter. Am Ende seines Beitrags schreibt er: „Es (das Volk, U.K.) befreie sich zuerst und dann wird es sich selbst bilden“ (ebd., S.  122). Bildung und Erziehung erhalten im vorrevolutionären Stadium für den Prozeß der Veränderung also keine Bedeutung. Der Erfolg einer „Vollständigen Ausbildung“ ist vielmehr verbunden mit bestimmten gesellschaftlichen Strukturen und kann erst in einer bereits veränderten Gesellschaft realisiert wer-den.  Dieser bezüglich einer vorrevolutionären Gesell-schaft geäußerte pädagogische Pessimismus ist jedoch lediglich für M. Bakunin typisch. Nachfolgende Anarchi-sten und libertäre Pädagogen, wie etwa P. Robin, F. Fer-rer, E. Friedrich, G. Landauer oder O. Rühle. setzten große revolutionäre Hoffnungen in eine Reform von Bil-dung und Erziehung und sehen gerade in einem Reform-ansatz wie der „Vollständigen Ausbildung“ oder der „Education integrale“ einen wichtigen gesellschaftspoliti¬schen Hebel zur Veränderung der bestehenden Gesell¬schaft.

 
Michael Bakunin: Die vollständige Ausbildung
(Quelle: Erstmals französisch 1869 in drei Folgen in der Zeitschrift „Egalite“ am 31.7., 14.8., 21.8.; hier nach der ersten deutschen Über¬setzung von Max Nettlau in: M. Bakunin: Gesammelte Werke, Band II. Berlin 1923, S. 115-117)
Der Unterricht muß auf allen Stufen für alle gleich sein, er muß also vollständig sein, das heißt, er muß jedes Kind der beiden Ge¬schlechter ebenso auf das Leben des Gedankens wie auf das Leben der Arbeit vorbereiten, damit alle auf gleiche Weise vollständige Menschen werden können.
Die positive Philosophie, die in den Geistern die religiösen Fabeln und die Träumereien der Metaphysik entthront hat erlaubt uns, uns eine Vorstellung davon zu machen, was in der Zukunft die wissen-schaftliche Ausbildung sein wird. Sie wird die Kenntnis der Natur zur Grundlage und die Soziologie als Gipfelpunkt haben. Das Ideal wird aufhören, das Leben zu beherrschen und zu vergewaltigen wie stets in allen metaphysischen und religiösen Systemen und wird von nun an nichts als der letzte und schönste Ausdruck der wirklichen Welt sein. Es wird aufhören ein Traum zu sein und wird selbst eine Wirklichkeit werden.
Da kein noch so mächtiger Geist alle Wissenschaften in ihrem Detail umfassen kann, und da andererseits eine allgemeine Kenntnis der Wissenschaften für die vollständige Entwicklung des Geistes absolut notwendig ist, so wird der Unterricht auf natürliche Weise in zwei Teile zerfallen: den allgemeinen Teil, der die Hauptelemente aller Wissenschaften ohne Ausnahme und eine nicht oberflächliche, son¬dern wirkliche Kenntnis ihrer Gesamtheit umfaßt, und den speziellen Teil, notwendigerweise in mehrere Gruppen oder Fakultäten geteilt, von denen jede eine gewisse Anzahl Wissenschaften mit all ihren Einzelheiten umfaßt, solche Wissenschaften, welche ihrer Natur gemäß besonders berufen sind, einander zu ergänzen. Der erste, allgemeine Teil, wird für alle Kinder obligatorisch sein; er wird, wenn wir uns so ausdrücken können, die menschliche Erzie¬hung ihres Geistes bilden, welche vollständig die Metaphysik und Theologie ersetzt und gleichzeitig die Kinder einem ziemlich hohen Gesichtspunkt zuführt, so daß sie dann im Jünglingsalter mit voller Sachkenntnis die spezielle Fakultät wählen können, die am besten ihren persönlichen Anlagen und ihrem Geschmack entspricht. Es wird ohne Zweifel vorkommen, daß diese Jünglinge unter dem Einfluß einer sekundären äußeren oder selbst inneren Ursache sich manchmal in der Wahl ihrer wissenschaftlichen Spezialität irren werden und zuerst für eine Fakultät oder Laufbahn, die nicht gerade am besten zu ihren Fähigkeiten passen, sich entscheiden. Aber da wir nicht heuchlerische, sondern aufrichtige Anhänger der persönlichen Freiheit sind, da wir im Namen dieser Freiheit von ganzem Herzen das Autoritätsprinzip und alle möglichen Aeußerungen dieses gött¬lichen antimenschlichen Prinzips verabscheuen, da wir mit der gan¬zen Tiefe unserer Liebe für die Freiheit die väterliche Autorität wie die Autorität des Schulmeisters verabscheuen, da wir beide als gleich demoralisierend und verhängnisvoll betrachten und die tägliche Erfahrung uns lehrt, daß der Familienvater und der Schulmeister

trotz ihrer obligaten und sprichwörtlichen Weisheit und sogar wegen dieser Weisheit sich über die Fähigkeiten ihrer Kinder noch leichter irren als die Kinder selbst, und weil nach dem ganz menschlichen Gesetz, das unbestreitbar und unverbrüchlich ist, daß jeder, der herrscht, nie verfehlt, seine Macht zu mißbrauchen, die Schulmeister und Familienväter bei der willkürlichen Festsetzung der Zukunft ihrer Kinder viel mehr ihren eigenen Geschmack befragen, als die natürlichen Tendenzen der Kinder, weil schließlich die vom Despo-tismus begangenen Fehler immer verhängnisvoller und schwerer wiedergutzumachen sind als die von der Freiheit begangenen Fehler, – aus diesen Gründen halten wir voll und ganz gegen alle offiziellen, offiziösen, väterlichen und pedantischen Bevormunder, die es geben mag, die Freiheit der Kinder ihre eigene Laufbahn zu wählen und zu bestimmen, aufrecht.
Wenn sie sich irren, wird selbst der begangene Irrtum ihnen als wirk-same Lehre für die Zukunft dienen und mit der allgemeinen Ausbil-dung, die sie schon besitzen, als Leuchte, können sie leicht auf den ihnen von ihrer eigenen Natur gewiesenen Weg zurückfinden. Kinder wie reife Männer werden nur durch selbst gemachte Erfah¬rungen, nie durch die Erfahrungen anderer, klug. Bei der vollständigen Ausbildung wird neben dem wissenschaftli¬chen oder theoretischen Unterricht notwendigerweise der industrielle oder praktische liegen. Nur so wird sich der vollständige Mensch herausbilden: der Arbeiter, der Verständnis und Wissen besitzt. Der dem wissenschaftlichen Unterricht parallel gehende industrielle Unterricht wird wie ersterer in zwei Teile zerfallen: der allgemeine Unterricht, der dem Kind die allgemeine Idee und erste praktische Kenntnis aller Industrien, ohne eine einzige auszunehmen, geben soll und die Idee ihrer Gesamtheit, welche den materiellen Teil der Zivi¬lisation, die Totalität der menschlichen Arbeit bedeutet, und der spezielle Teil, in Industriegruppen eingeteilt, die untereinander näher verwandt sind.
Der allgemeine Unterricht soll die Jünglinge zur freien Wahl der industriellen Spezialgruppe und der Einzelindustrie, für die sie den meisten Geschmack fühlen, vorbereiten. Wenn sie einmal in diese zweite Phase des industriellen Unterrichts eingetreten sind, werden sie unter Leitung ihrer Lehrer zum erstenmal mit der ernsten Arbeit als Lernende bekanntgemacht.

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Written by floriangrebner

26. Februar 2011 um 16:07

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