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Libertäre Pädagogik VII: Walther Borgius (ca.1872 – ca.1932)

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von Ulrich Klamm

Walther Borgius (ca. 1872 – ca. 1932)
Libertäre Antipädagogik
Wir müssen in Walther Borgius den ersten Vertreter einer libertären Antipädagogik im 20. Jahrhundert sehen, der mit seiner Kritik an herkömmlicher Erziehung und Pädagogik weit über die bis zu diesem Zeitpunkt übliche libertäre Kritik am Erziehungs- und Schulsystem hinausgeht und selbst in der libertären Pädagogik zu einem Querdenker in dieser Richtung wurde. Über das Leben von Borgius selbst wissen wir bislang nur wenig, da er während der Zeit des Nationalsozialismus – er starb vermutlich 1932 – zu einem „verbrannten“ Intellektuellen erklärt und seine Schriften vernichtet wurden. Was seine libertäre Antipädagogik betrifft, so liegt vor allem die Schrift „Die Schule – ein Frevel an der Jugend“, die 1930 als Vorstudie zu einem monumentalen Werk zur Staatskritik erschien (als Reprint 1981, herausgegeben von der Mackay-Gesellschaft und mit einem Nachwort seines ehemaligen Verlegers und Nachlaßverwalters, Kurt Zu-be) als Quelle vor.
Borgius ist schwer in ein gängiges Bild vom Anarchisten einzuordnen. Als Geschäftsführer und Syndikus eines Handelsvertragsvereins führte er im Berlin der 20er Jahre ein durchaus bürgerliches Leben als Gesellschaftskritiker, Privatgelehrter und Publizist. Bereits um die Jahrhundertwende beschäftigt er sich intensiv mit der Theorie und Praxis des Anarchismus (vgl. 1904 und 1908), hält hierzu Vorträge und gehört zur ersten Generation deutscher Anarchismusforscher neben Paul Eltzba-cher (1900), E.V. Zenker (1895), Rudolf Stammler (1894) und Carl Grünberg (1897), die ein anderes Bild
als jenes vom Anarchisten als „schwarzen Mann mit der Bombe in der Tasche“ verbreiten. Er hatte engen Kontakt zum österreichischen Pazifisten und Anarchisten Ramus (1882-1942), für den er Übersetzungen für seine Zeitschrift besorgte sowie Artikel schrieb; er war in den 20er Jahren in der Sexualrefombewegung aktiv und stand mit der deutschen Pazifistin und Frauenrechtlerin Helene Stöcker (1869-1943) in Kontakt. Betrachten wir seine Veröffentlichungen zum Anarchismus, dann wird mehr als nur eine wohlwollende Sympathie deutlich. Eine indi-vidualanarchistische Sichtweise zeigte er bereits 1904 in einer kleinen Einführungsbroschüre in den Anarchismus. Dieser Individualanarchismus prägte auch seine Pädagogik- und Erziehungskritik und definiert ihn heute als einen libertären Antipädagogen.
Was ihn nun für die Ideengeschichte des Anarchismus wie für die aktuelle Antipädagogik interessant macht, ist vor allem seine Erziehungs- und Schulkritik von 1930. Dieser Band enthält im ersten Teil erstmals für die pädagogische Geschichtsschreibung eine Art „schwarze Schulchronik“, d.h. eine grundlegende Kritik am Prinzip Schule als Ort organisierten Lernens von Kindern. Im zweiten Teil findet der Leser, vermutlich ebenfalls erstmalig, den Versuch zur Begründung eines erziehungs-und schulfreien Aufwachsens. Diese Radikalität zeichnet sich bei Borgius bereits 1904 in seiner Arbeit über den Anarchismus ab, wenn er schreibt: „Der konsequente Anarchist verwirft deshalb überhaupt jede Strafe, wie jede Belohnung in der Erziehung, ja streng genommen, jede Erziehung überhaupt“ (Borgius 1904, S. 38). 1930 liest sich diese Argumentation bei Borgius folgendermaßen: „Man vergißt, daß alle pädagogischen und psychologischen Untersuchungen und alle schultechnischen Versuche und Einrichtungen ganz überflüssig wären, wenn man das Kind selbst entscheiden ließe, indem man ihm die Freiheit seines Lebens ließe. Der Instinkt führt es da schon ganz richtig. Aber das Kind wird nicht gefragt“ (1930, S. 183). Und (anti)-pädagogisch lautet seine Maxime: „Kinder gehören unter Kinder“ (ebd., S. 171). Er vergleicht außerdem die Situation der Kinder mit denen von Sklaven und wird damit zum Vordenker der heutigen politischen Kinderrechtsbewegung, die in Kindern eine diskriminierte Gruppe sehen (vgl. hierzu Stern (Hg.) 1995): „Die Kinder bis zum Alter der Mündigkeit haben tatsächlich in der europäischamerikanischen Kultur rechtlich und sachlich genau die Stellung, wie die Sklaven in der antiken Kultur. Wir sehen nur den , Sklaven‘ immer mit den sentimentalen Augen der Beecher-Stowe an, das Kind immer mit den stumpfen, verständnislosen Augen des Erwachsenen und sehen daher nicht die Gleichheit der Situation“ (Borgius 1930, S. 188-189).
Mit Borgius finden wir also im Kontext der libertären Pädagogikgeschichte erstmals einen Antipädagogen vor, der, obgleich in dieser Richtung nicht praktisch tätig, sich signifikant mit diesem Ansatz von Anarchisten vor und nach ihm unterscheidet. Für den Anarchismus bleibt die Idee der Erziehung und Schule trotz aller Kritik an dabei anzutreffenden Herrschaftsmechanismen akzeptabel, d.h. es findet keine grundsätzliche Kritik statt, die Erziehung und Schule prinzipiell in Frage stellen. Borgius dagegen rüttelt am kulturellen und historischen Fundament der Erziehung. In diesem Sinne ragt Borgius heraus und findet erst in der Diskussion um eine libertäre Anti-Päda-
gogik, wie sie seit Mitte der 80er Jahren im Zuge der Diskussion um libertäre Pädagogik aufkommt (vgl. Kern 1985; Kern/ Grüneklee (Hg.) 1993), eine Fortsetzung.
Der Außenseiter Borgius wird hier zum Vorreiter einer aktuelle Diskussion.
Walther Borgius: Die Sklaverei des Kindes
(Quelle: Walther Borgius: Die Schule – Ein Frevel an der Jugend. Berlin 1930, S. 187-190)
Das Leben wird immer so dargestellt, als sei das Verhältnis zwischen Eltern (oder überhaupt erwachsene Angehörigen) und Kinder eitel Liebe. An sich ist die Liebe namentlich der Mutter zum Kinde ja etwas ganz allgemein rein Animalisches (daher auch gar nichts Verdienstvolles oder gar Ethisches). Wir finden sie bekanntlich bei jedem Tiere und es ist zur Genüge bekannt, mit welcher Aufopferung Tiermütter für ihre Jungen sorgen und sie bis zur Preisgabe des eigenen Lebens verteidigen. Aber je älter das Kind wird, desto mehr macht sich bei der Mutter wie vor allem beim Vater der Machttrieb geltend und saugt allmählich die eigentliche Liebe ganz auf. Liebe ist bekanntlich eine von Gegenleistungen des geliebten Menschen und allen Nützlichkeitserwägungen durchaus unabhängige spontane Regung der Seele. Sie ist nirgends treuer und erschöpfender geschildert worden, als vom Apostel Paulus im ersten Corintherbrief, Kap. 13: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, sie blähet sich nicht. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern … Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ – Wie steht es aber mit der Liebe des Vaters wenn der Sohn anders will, als der Vater? Wenn er Ansichten hat und vertritt und betätigt, die der Vater verabscheut? Wenn er Verkehr pflegt, den der Vater nicht mag? Wenn er die gesellschaftliche Position der Eltern durch sein Wesen beeinträchtigt, die Eitelkeit, den Ehrgeiz des Vaters kränkt? Hören und lesen wir nicht alle Tage von Vätern, die ihre Kinder in den Tod getrieben haben, weil der Sohn etwa wiederholt in der Schule sitzengeblieben ist, die Tochter ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat? Die Elternliebe, insbesondere die Vaterliebe, ist meistens nicht viel mehr als ein Schlagwort, mit dem der Vater dem Kinde gegenüber seine Anforderungen begründet, seine Maßnahmen rechtfertigt. Der Einwand, daß es auch Eltern gibt, welche ihre Kinder ganz selbstlos lieben und entsprechend behandeln, besagt einleuchtenderweise nichts gegen das Prinzip. Es kommen auch unter den Lehrern weiße Raben vor, aber sie können das Wesen der Schule nur äußerlich mildern, nicht grundsätzlich ändern. Ein guter Lehrer behandelt seine Schüler eventuell sehr sorgsam, – so wie der gute Gärtner die Blumen. Er läßt sie bloß nicht so wachsen, wie ihre Natur es ihnen eingibt und wie Boden, Feuchtigkeit, Belichtung usw. ihnen ermöglicht, sondern er beschneidet sie, düngt sie mit besonderen Stoffen, kappt ihnen die Wurzeln, setzt sie um, beeinflußt sie durch künstliche Befruchtung usw., damit sie nicht werden, wie sie von Natur werden würden, sondern so, wie der Eigentümer des Gartens es für seine besonderen Zwecke wünscht: Runde Form, schattigeres Laub, größere, vollere, farbenreichere Blüten, größere, süßere Früchte usw. Daß das vom Standpunkt des gärtnernden Menschen aus erwünscht ist, wird niemand bestreiten; man soll sich bloß darüber nicht im Unklaren sein, daß es eine Vergewaltigung der Pflanze ist. Ebenso werden durch die Schule – durch jede Schule – die Kinder so gezogen, wie die Schulgewalt – der Staat (evtl. auch die Kirche) – es wünscht: zu bequemen, leicht regierbaren Untertanen, – nun und nimmer zu dem, was von Natur in ihnen liegt: zu vollkommeneren, individuellen, glücklichen Menschen.
Es ist nichts weniger, als eine demagogische Floskel, wenn ich von der „Sklaverei“ der Kinder spreche. Die Kinder, bis zum Alter der Mündigkeit, haben tatsächlich in der europäisch-amerikanischen Kultur rechtlich und sachlich genau die Stellung, wie die Sklaven in der antiken Kultur. Wir sehen nur den „Sklaven“ immer mit den sentimentalen Augen der Beecher-Stowe an, das Kind immer mit den stumpfen, verständnislosen Augen des Erwachsenen und sehen daher nicht die Gleichheit der Situation.
„Sklav ist ein Mensch, welcher rechtlich nicht Person, sondern Sache ist“ (Sohm „Institutionen des Römischen Rechts“, Duncker & Hum-blot, Leipzig, 1894, § 21), d.h. er besitzt keine eigene Rechtspersönlichkeit. Genau, wie bei uns das unmündige Kind. – „Alles, was der Sklave erwirbt, erwirbt er dem Herrn.“ Genau, wie bei uns das Kind. – „Der Sklav ist Träger eines Willens, welcher … auch seine rechtliche Geltung findet. Nur daß der Wille … des Sklaven von Rechts
wegen grundsätzlich für den Herrn arbeitet.“ Genau, wie bei uns das Kind. „Der Herr hat an dem Sklaven eine Gewalt, ähnlich wie über seinen Sohn (!): die potestas dominica, d.h. eine Gewalt auch über den Willen des Sklaven.“ Dieser muß ihm also gehorchen, seinen Ober-Willen erfüllen. Genau, wie bei uns das Kind. – „Die bloße Preisgebung (derelictio) würde den Sklaven nicht zu einem Freien (einer Person), sondern nur zu einem herrenlosen Sklaven machen; der Sklav würde dann als res nullius dem Eigentum eines jeden Okkupanten verfallen.“ – Genau, wie bei uns ein Kind, das von seinen Eltern aus der väterlichen Gewalt entlassen würde, deshalb nicht „mündig“ würde, sondern „Pflegekind“ desjenigen, der sich seiner annimmt. – „Das Patronat besteht in einem väterlichen Erb- und Vormundschafts-Recht, in einem Züchtigungsrecht (levis coercitio), einem Recht auf Ehrerbietung (wie gegen einen Sohn), auf Alimente (falls der Patron verarmt) und auf Dienste.“ Genau, wie bei uns die väterliche Gewalt. – Der Herr bestimmte durch sein Dasein den Wohnort des Sklaven, genau wie der Vater den des Kindes. Für vom Sklaven angerichteten Schaden Dritter hatte der Herr aufzukommen, – genau, wie bei uns der Vater für Streiche seines Sohnes. Gegen den Sklaven, der sich seinem Herrn entzieht, hat der letztere beim Prätor die „vindicatio in servitutem“; genau, wie bei uns der Vater, dessen Kind wegläuft, es durch die Polizei suchen und zwangsweise zurückbringen lassen kann. Der Herr benennt den Sklaven nach seinem Wunsche. Genau, wie bei uns das Kind zwangsweise den Familiennamen des Vaters trägt und der letztere allein berechtigt ist, den Vornamen des Kindes mit rechtlicher Geltung zu bestimmen. -Der Herr hat die Pflicht, seinem Sklaven den nötigen Unterhalt zu gewähren; genau, wie der Vater seinem Kinde. Der Sklave hat seinem Herrn nach dessen Wunsch Dienste zu leisten. Genau so hat das Kind die rechtliche Verpflichtung, den Eltern im Hauswesen und im Geschäfte des Vaters die von diesen gewünschte Hilfe zu leisten. -Das „leichte Züchtigungsrecht“, das der Herr dem Sklaven gegenüber hatte, entspricht genau dem Züchtigungsrecht, das bei uns der Vater dem Kind gegenüber hat; durch Ueberschreitung desselben und wirkliche Mißhandlungen machte sich der Herr des Sklaven gesellschaftlich ebenso anstößig, wie bei uns der rohe Vater des Kindes. Gleichwohl kommt das eine wie das andere gelegentlich vor, wie man weiß; wahrscheinlich Mißhandlung von Kindern (namentlich die unfaßbare seelische) viel häufiger, als seinerzeit die von Sklaven; denn der Sklave war ein teures Wertobjekt, und es lag daher im eigensten Interesse des Herrn, ihn nicht ernstlich zu schädigen, störrisch zu machen oder, wenn auch nur für Tage, seine volle Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit zu lahmen. – Der einzige wirkliche Unterschied ist, daß nach altem Römischen Recht der Herr sogar die Gewalt über Leben und Tod des Sklaven hatte; aber die hatte nach altem europäischen Recht auch der Vater über das Kind, und faktisch Gebrauch davon gemacht wurde hier wie dort sicher nur in sehr vereinzelten Fällen. Im übrigen „hat die Gesetzgebung der Kaiserzeit der leibherrlichen Gewalt auch rechtlich eine Schranke gezogen, um den Sklaven gegen Mißhandlung, die Sklavin gegen Prostitution zu schützen“. Der Sklave konnte von seinem Herrn an einen anderen Herrn verkauft werden. Das Kind kann bei uns von seiner Mutter „gegen einmalige Abfindung verschenkt“, kann ohne sein Zutun von einem Fremden adoptiert, von seinem Vater auch gegen seinen Willen Dritten in Pension gegeben, in ein Alumnat oder Kadettenhaus oder Erziehungsheim gegeben werden. Kurz, es besteht eine vollkommene Analogie der privatrechtlichen, wie öffentlich-rechtlichen Situation und es ist nur bisher immer peinlich vermieden worden, auszusprechen, daß die Kinder nach europäisch-amerikanischem Recht Sklaven ihrer Eltern sind, nicht mehr und nicht weniger.

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Written by floriangrebner

1. März 2011 um 14:52

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