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Libertäre Pädagogik IX: Herbert Read (1893-1968)

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Von Ulrich Klemm

Herbert Read (1893-1968)

Erziehung durch Kunst

Herbert Read zählt im deutschen Sprachraum eher zu den  weniger bekannten Anarchisten unseres Jahrhunderts, obgleich er in den 40er bis 60er Jahren im angelsächsischen Raum eine bedeutende Rolle in der theoretischen Diskussion spielte und er zu einem der Wegbereiter des aktuellen Anarchismus zählt. Zu einem Zeitpunkt, als die Anarchisten in Deutschland mit ihrer Reorganisation beschäftigt waren – bedingt durch die Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus -,  wurde im internationalen Anarchismus immer mehr ein Bruch bzw. eine Zäsur im Theorie- und Praxisverständnis deutlich. Nach George Woodcock zeigt sich ein neues Interesse am Anarchismus auf zwei Ebenen: Neben einem neuen akademischen Interesse, das sich in neuen Forschungsarbeiten manifestiert (z.B. Guerin 1965; Woodock 1962, Joll 1964), kommt es zu einer Form des Anarchismus, der von  der Jugend,  und hierbei  vor allem  von  der akademischen Jugend, getragen wird.Im Zusammenhang mit diesen Veränderungen innerhalb der anarchistischen Bewegung spielt Read eine nicht unbedeutende Rolle und zeigt mit seiner Studie „Erziehung durch Kunst“ (engl. 1943, dt. 1962) neue Aspekte libertärer Pädagogik auf.

Biographisches Profil

Als Sohn einer Bauernfamilie wurde er 1893 in der englischen Grafschaf Yorkshire geboren und absolvierte nach der Schulzeit eine Banklehre in Leeds, bevor erKunstwissenschaft und Literatur studierte. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Frontoffizier in Belgien und veröffentlichte 1915 seinen ersten Gedichtband, fand Anschluß an die literarische Szene Londons und kam u.a. mit T.S. Eliot und Ezra Pound zusammen. 1920 bis 1931 arbeitete er am Victoria- und Albert-Museum und schrieb verschiedene   kunsthistorische   Abhandlungen,   weitere Gedichtbände sowie zahlreiche literarische Kritiken und wurde schließlich auch zu Vorlesungen an die Universitäten Edinburgh, Cambridge und Liverpool eingeladen. In den 30er Jahren war Read ein international anerkannter Kunst- und Literaturkritiker, der 1936 die erste Surrealismus-Ausstellung in London organisierte. In diesem Zeitraum fällt auch Reads Bekenntnis zum Anarchismus. Geprägt wurde er dabei u.a. von den Ideen Kro-potkins, Tolstois und Proudhons und engagierte sich während des Spanischen Bürgerkrieges für die Sache der Anarchisten. In den 40er Jahren erschienen einige seiner bekanntesten anarchistischen Essays in anarchistischen Verlagen wie etwa „Freedom“: The Politics ofthe Unpo-litical (1943), The Philosophie of Anarchism (1940), The Education of Free Man (1944), Poetry and Anarchism (1938), The Paradox of Anarchism (1941). Mit der Verleihung der Ritterwürde 1953 für seine herausragenden wissenschaftlichen  Leistungen  distanzierten  sich viele Anarchisten von ihm und sein Engagement für die liber-täre Gesellschaftskritik endete vorläufig mit der Herausgabe des Bandes Anarchy and Order (1954). Ab Ende der 30er Jahre wechselte er hauptberuflich in den Verlag Routledge & Kegan Paul als Lektor und brachte u.a. die erste englische Gesamtausgabe der Werke G.G. Jungs heraus.  1943 wurde er zum Direktor des Industrie-Design-Museum ernannt und im selben Jahr erschien seine epochemachende Studie Erziehung durch Kunst, das als sein Hauptwerk gilt. 1950 folgt nochmals ein Band zu Fragen der Bildung und Erziehung mit dem Titel Educa-tion for Peace. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt er eine   weltweite   Vortragstätigkeit,   erhält   verschiedene Auszeichnungen und wird zum Präsidenten der Britischen Gesellschaft für Kunsterziehung gewählt. In den 60er Jahren kommt es im Zuge der Anti-Atom-Kriegs-Bewegung zu einem neuerlichen starken politischen Engagement. Er muß sich jedoch auf Grund einer schweren Krankheit   zunehmend   aus   dem   öffentlichen   Leben zurückziehen und stirbt 1968. 1966 erscheint sein letztes anarchistisches Bekenntnis mit dem Essay My Anarchism (zur Biographie, Bibliographie und Wirkungsgeschichte vgl. auch Klemm (Hg.) 1991).

Eine libertäre Theorie ästhetischer Erziehung

Seit den 40er Jahren nehmen Fragen der Bildung und Erziehung einen zentralen Stellenwert in seiner Arbeit ein. Was macht Read zu einem anarchistischen Pädagogen? Bei seiner ästhetischer Erziehung handelt es sich nicht um eine Theorie der Kunsterziehung. Drei Annahmen stehen im Vordergrund. Erstens: Der Mensch ist ein indifferentes Wesen, d.h. weder gut noch böse, zweitens, die Entwicklung des Bewußtseins ist eine zentrale Funktion der Sinnesentwicklung und drittens erfolgt die subjektive und kollektive Enkulturation über ästhetische Erziehung. Im Mittelpunkt seines Ansatzes steht die Idee einer ästhetischer Erziehung, die er in fünf Punkten zusammenfaßt:

1. „Erhaltung der natürlichen Intensität von Wahrnehmung und Empfindung;

2.   Koordinierung der verschiedenen Arten von Wahrnehmung und Empfindung miteinander und mit derUmwelt;

3.   Ausdruck des Gefühls in unmittelbarer Form;

4.   Ausdruck der Modi psychischer Erfahrung, die ohne eine solche Äußerung teilweise oder völlig unbewußt bleiben würde, in mittelbarer Form;

5.   Ausbildung der Fähigkeit, Gedanken in einer vorgeschriebenen Form auszudrücken“ (Read 1968, S. IS-19).

Die Erziehung der Sinne hat diese fünf Aufgaben zu erfüllen und kommt, als Konzept definiert, einer Wahrnehmungstheorie gleich. Absicht Reads ist die Bewahrung „organischer Geschlossenheit“ (ebd., S. 84), denn nur die Kunst garantiert ein Bewußtsein, das Vorstellung (Begriff) und Empfinden (Denken) vereint. Kunst erhält für ihn dabei die Qualität eines Naturprinzips, das von einem ursprünglichen Form- und Ordnungsprinzip geleitet ist. Eine als natürliche Erziehung verstandene Pädagogik muß drei Aufgaben für den Menschen leisten: Ausdruck, als ein Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen; Beobachtung,  als  ein  Verlangen  nach  Wahrnehmung sowie Urteilen, als eine qualitative Reaktion auf quantitative Ergebnisse der Beobachtung und des Ausdrucks. Didaktisch drückt sich bei Read dieser Ansatz so aus, indem er sagt, daß kindgemäß nicht das Wissen ist, sondern Erfahrung und Austausch (ebd., S. 222). Ähnlich wie bei Tolstoi finden wir hier den Grundsatz von der Freiheit und der Erfahrung als Basis aller Bildung und Erziehung vor dem Hintergrund einer Theorie ästhetischer Erziehung.Andererseits sind Reads bildungspolitische Vorstellungen – vor dem Hintergrund der anarchistischen Theorie – reformistisch, da er das Schulsystem grundsätzlich nicht in Frage stellt. Erziehung erhält für ihn eine wichtige Funktion bei einem gesellschaftlichen Wandel. Um den Übergang zu einer neuen Gesellschaft überhaupt ermöglichen zu können, müssen vier Strategien eingeschlagen werden: Neben der Neugestaltung der architektonischen Umwelt und Infrastruktur muß zweitens eine gerechte Verteilung von Wohlstand – Wohlstand für alle! – erfolgen. Drittens geht es darum, das Wirtschaftssystem so zu verändern, daß es dem Arbeitenden eine direkte Verantwortung ermöglicht und schließlich muß das Erziehungssystem verändert werden.Welche Erziehungsziele verfolgt Read dabei? Oder anders gefragt: Was folgt pädagogisch aus der Annahme, daß die „Kunst das wichtigste Werkzeug für die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins“ (Read 1961, S. 11)   ist?   Wenn   Kunst   zum   „Kristallisationsprozeß“ menschlichen Seins wird, welche Ziele folgen daraus für die  Pädagogik?  Analog  seiner Kunsttheorie  muß  die Intention  darin  liegen,  zurück zu  einer „natürlichen“ Vitalität und Spontaneität zu kommen. Als „Empörungsschrei eines enttäuschten Idealismus“ (ebd., S. 32), der von schöpferischen Impulsen abgetrennt wurde, geht es heute um die Wiederaneignung von Vitalität und Spontaneität und gegen die „tödliche Starrheit aller bloßen Wiederholung und Nachahmung“ (ebd., S. 32). Read stellt also eine Art Sündenfall der modernen Zivilisation fest, der darin besteht, daß eine tiefe Kluft zwischen „unserertechnischen und materialistischen Zivilisation und den künstlerischen und geistigen Werten“ (ebd., S. 164) besteht. Als Gegenstrategie schlägt er eine Neugestaltung des Erziehungswesens vor, das die schöpferischen Energien des Menschen fördert und zu einer Pflege der Sinnestätigkeit führt. Die (libertäre) Kulturkritik Reads ist eine ästhetische Kritik zivilisatorischer Entwicklung. Als Kultur- und Erziehungsphilosoph sieht er in der Wiedergewinnung von Vitalität als Lebensgrundlage den zentralen Punkt. Es muß eine Revolution des Bewußtseins stattfinden, die dem Zentralismus, Rationalismus und Technizismus unserer Zeit entgegenwirkt. Read stellt die Evolution der Kunst vor die Evolution des Geistes, die eine Folge der ersten ist.Mit seinem Pädagogikansatz gehört Read zu den wenigen Anarchisten, die eine geschlossene Theorie vorlegen. Er ist jedoch nicht der Praktiker, der wie Tolstoi oder Ferrer eine libertäre Pädagogik nicht nur formuliert, sondern auch praktiziert. Read zählt zu jenen libertären Intellektuellen, die mehr als nur moralische Begründungen für ihre Politik liefern. Vielleicht fällt es der anarchistischen Bewegung auch deshalb so schwer, eine analytische Weiterführung seines Ansatzes zu verfolgen. Read hatte mit seiner Pädagogik weit mehr Einfluß auf die bürgerliche Pädagogik als auf die libertäre. Vielleicht ist es auch ein Schicksal der libertären Bewegung, daß herausragende systematische Entwürfe und Legitimationen für eine anarchistische Praxis weit weniger auf Resonanz stoßen, als moralisierende Thesen von der Freiheit des Menschen.
Herbert Read: Die Erziehung des Freien Menschen

(Quelle: Erstmals englisch 1944; hier nach der deutschen Erstübersetzung von Eva Torkar in Herbert Read: Kunst, Kultur und Anarchie. Politische Essays wider den Zeitgeist. Herausgegeben von Ulrich Klemm. Grafenau 1991, S 126-128)

Ich hoffe, ich kann von meinem Leser nun ein klareres Verständnis dessen erwarten, was mit „Freiheit in der Erziehung“ gemeint ist. Wir können jetzt sehen, daß es exakter ist, von einer „Erziehung zur Freiheit“ zu sprechen. Dies jedoch ist ein irreführendes Schlagwort, wenn wir uns nicht jener Methode erinnern, nämlich der Kunstdisziplin, der die Sinne sich von Natur aus unterwerfen. Kunst ist, wie wir gesehen haben, eine Disziplin, die die Sinne in ihrer intuitiven Wahrnehmung von Form, von Harmonie, von Proportion, von der Integrität oder Gesamtheit jeglicher Erfahrung suchen. Sie ist auch die Disziplin von Werkzeug und Material – die Disziplin, die durch Bleistift oder Füllfederhalter auferlegt wird, durch Webstuhl oder Töpferscheibe, durch die physikalische Natur von Farbe, Stoffen, Holz, Stein oder Lehm.Der springende Punkt bei einer solchen Disziplin ist aber, daß sie angeboren ist: sie ist Teil unserer physiologischen Konstitution, und sie ist da, um gefördert zu werden und heranzureifen. Sie muß nicht durch den Schulmeister oder Schleifer aufgezwungen werden: sie ist nicht eine Art körperlicher Tortur. Sie ist im Kind angelegt und reagiert auf Einfühlungsvermögen und Liebe, auf die intelligente Vorwegnahme von Trieben und Neigungen in der Individualität des Kindes. Aus diesem Grund muß der Lehrer in erster Linie eine Person und kein Pädagoge sein, ein Freund eher als ein Herr, ein unendlich geduldiger Mitarbeiter. Trockener und pedantischer ausgedrückt ist das Ziel der Erziehung, den psychologischen Typ des Kindes herauszufinden und jedem Typ seine natürliche Entwicklungslinie, seine natürliche Integrationsform zuzugestehen. Dies ist die wirkliche Bedeutung von Freiheit in der Erziehung.Die künstlerische Betätigung des Kindes ist aus genau dem Grund außerordentlich wichtig: sie ist das früheste und exakteste Indiz für die individuelle Psychologie des Kindes. Wenn die psychologische Tendenz oder Richtung eines Kindes erst einmal bekannt ist, kann seine eigene Individualität durch die Kunstdisziplin entwickelt wer-den bis sie ihre eigene Form und Schönheit hat, die sein einzigartiger Beitrag zu den Schönheiten menschlicher Natur ist. Dies ist freilich die Antithese zu jenen totalitären Erziehungsdoktrinen (nicht auf totalitäre Staaten beschränkt), die sich darum bemühen, ein einziges Konzept menschlicher Natur der unendlichen Vielfalt menschlichen Lebens aufzusetzen.Die Kunst des Kindes ist deshalb seine Fahrkarte zur Freiheit, zur vollen Reifung aller seiner Gaben und Talente, zu seiner wahren und beständigen Glückseligkeit im Erwachsenenleben. Kunst fuhrt das Kind aus sich selbst heraus. Sie mag als eine einsame, individuelle Betätigung beginnen wie das Kritzeln eines Kindes, das mit sich selbst beschäftigt ist, auf einem Stück Papier. Aber das Kind kritzelt, um seine innere Welt einem einfühlsamen Betrachter mitzuteilen, den Eltern, von denen es verständnisvolle Resonanz erwartet Leider erfährt es zu oft nur Gleichgültigkeit oder gar Spott. Nichts ist für den kindlichen Geist vernichtender als Geringschätzung jener kreativen Bemühungen um Ausdruck durch Eltern und Lehrer. Dies ist  nur  ein   Gesichtspunkt jenes  Verbrechens,  das  über unsere gesamte intellektuelle Zivilisation Schande bringt, und das meiner Meinung nach der Urgrund unserer gesellschaftlichen Dismtegration ist Wir säen den Samen von Uneinigkeit schon im Kindergarten und im Klassenzimmer mit unserer überheblichen Einbildung eines Erwachsenen   Wir trennen die Intelligenz unserer Kinder von ihrer Sensibilität, schaffen gespaltene Menschen (Schizophrene, um ihnen einen psychologischen Namen zu geben), um dann zu erkennen, daß wir keine gesellschaftliche Einheit haben.Wir beginnen unser Leben in Einheit – die physische Einheit von Mutter und Kind, mit der die emotionale Einheit der L.ebe m Einklang steht Wir sollten auf dieser ursprünglichen Einheit aufbauen und sie zunächst auf die Familie ausdehnen, wo die Samen des Hasses so leicht und so oft gesät werden, und dann auf die Schule und danach stufenweise auf den Hof, die Werkstatt, das Dorf und die gesamte Gemeinschaft. Aber die Grundlage für die Einheit in al en aufeinanderfolgenden Stadien, wie im ersten Stadium, ist Kreatmtat. Wir tun uns zusammen, um zu erschaffen, und das Muster der Schöpfung ist in der Natur angesiedelt; wir entdecken das Muster und passen uns ihm in allen Methoden künstlerischer Betätigung an -in Musik Tanz und Theater, aber auch im Zusammenarbeiten und Zusammenleben, denn in einer gesunden Zivilisation sind dies auchKünste desselben naturgegebenen Musters.Paul Goodman (1911-1972

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Written by floriangrebner

6. März 2011 um 15:09

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