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Leben ohne Chef und Staat I: Die lachenden Verlierer

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Beginn der Serie über in der Praxis umgesetzten Anarchismus. Bisher sind acht Teile geplant, die Horst Stowassers Buch “ Leben ohne Chef und Staat – Träume und Wirklichkeiten der Anarchisten“ entliehen sind. Diese Kapitel wurden von mir noch mal neu formatiert um der Plattform eines Blogs gerecht zu werden.

Nun aber viel Spaß mit der  Serie – Florian Grebner

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Von Horst Stowasser

Die lachenden Verlierer

Seit gut 150 Jahren stapfen sie nun schon unverdrossen durch dieWeltgeschichte, die Anarchisten. Gehaßt und gefürchtet, verfolgt und immer wieder geschlagen – erreichthaben sie bei alldem wenig. Zumindest nicht das, was ihr höchstes Ziel ist: eine herrschaftslose Gesellschaft, eine glückliche Idylle ohne Staat und Unterdrückung, dafür mit jeder Menge Phantasie, Lust und einem Maximum an Freiheit. Man könntesie für weltfremde Spinner halten das sind sie aber nicht. Ihre optimistische Vision eines Lebens ohne die Herrschaft des Menschen über den Menschen ist möglicherweise sogar die einzig realistische, wenn unsere Gattung auf diesem Planeten überleben will.Betrachtet man die Geschichte als Bilanz von Erfolg und Niederlage, so sind die Anarchisten die großen Verlierer. Ihre hochfliegenden Projekte,ihre Hoffnungen, die Millionen von Menschen zu begeistern vermochten,wurden wieder und wieder vernichtet. Mit Gewalt, mit Brutalität und auch immer mit einer gehörigen Portion Zynismus. Träume wurden so zu Schutt und Asche, Tränen blieben anstelle von Hoffnungen. Aber kaputt zu kriegen waren sie nie. Sie sind zäh.Sie sind anpassungsfähig. Und sie ließen sich nie verbittern; ihr Glaube an ein freies Leben, ihre Überzeugungvon der Kraft des Guten in der Gesellschaft war stets überlebensfähiger als alle Unterdrückung, all die Massaker und Abscheulichkeiten, die sich Herrschende immer wieder ausdachten,um sie endgültig zu erledigen. »Geht,wohin ihr gehört — auf den Misthaufen der Geschichte!« hat ihnen einstder Marschall der Roten Armee, Leo Trotzki, zugerufen. Das haben sie nicht getan, im Gegenteil. Sie sindwieder da, lebendiger denn je, wäh-rend der pensionierte Revolutionär Trotzki von seinen ehemaligen Genossen im Exil einen Eispickel in denKopf bekam und daran starb…

Es stimmt, bisher haben die Anarchisten verloren, aber sie haben nieaufgegeben. Sie sind immer wiederaufgestanden, sie haben gelernt, und- sie lachen immer noch. Sie sind lachende Verlierer, die an ihrer bitteren Geschichte nicht verzweifelt sind.Ihre Zukunft – die Zukunft ihrer Ideen – liegt noch vor ihnen. Sie haben sich nicht verhärten lassen durchharte Zeiten; noch immer arbeiten siedaran, aus der Utopie eine Topie zu machen, die Träume aus den Wolken auf die Erde zu holen. Das macht sie so sympathisch. Es ist vielleicht auch der Grund, weshalb sie lachen — immer noch

.Was aber wollen sie überhaupt? Folgt man gängigen Phrasen, dann sind Anarchisten Menschen, denen das Chaos alles, das Menschen leben hingegen nichts bedeutet. Sie sindTerroristen und Gewalttäter. »Alle Anarchisten sind Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu im allgemeinen humpeln, behindert sind und asymmetrische Gesichtszüge haben.«2 Solche Ergüsse waren jahrzehntelang wissenschaftliche Meinung. »Sagte ich, Anarchisten seien Menschen? Sind sie das überhaupt?»Ein Anarchist ist eine wilde, obszöne Bestie, bis ins Mark von der kommunistischen Syphilis zersetzt«3, dichtete eine italienische Tageszeitung.

Woher rührt dieser irrationale Hass?

Das ist nicht schwer zu verstehen: Der Anarchismus ist eine Idee,die radikal alles in Frage stellt — auch sich selbst — und deren schonungslose Kritik vor nichts haltmacht. Auch nicht vor linken Mythen, heiligen Kühen und kapitalistischen Tabus. So sitzt denn der Anarchist so ziemlich zwischen sämtlichen Stühlen die es gibt und zieht sich den Haß aller auf den Hals, die Unfreiheit und Unterdrückung brauchen – und die gibt es bekanntlich rechts wie links, oben wie unten.Dabei ist die Idee des Anarchismus ganz einfach und mit einem Satz erählt. Anarchie ist, wenn kein Menschüber den anderen herrscht. Basta. Andere Leute haben das nur anders ausgedrückt, zum Beispiel Kant: »Anarchie ist Freiheit ohne Gewalt« — kurz und bündig. Oder Elisée Reclus4 :»Anarchie ist die höchste Form der Ordnung« – man beachte, Anarchisten reden von Ordnung…! »Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft« – diesmal kein Spruch irgendeiner Berühmtheit,sondern eine Mauerparole aus demPariser Mais. Für Freunde griffiger Formeln könnte man so definieren:Anarchismus ist Sozialismus plus Freiheit; A=S+F. Das ist für wahr eine brisante Formel, wenn es nichtnur bei Ideen bleibt. Ein bekannterAnarchist sagte einmal, »Freiheit ohne Sozialismus ist Privilegientum und Ungerechtigkeit – und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität«. Der Mann hieß Michail Bakunin, und man sollte meinen, erhätte zu dieser Erkenntnis mindestens das Leben in einem New Yorker Ghetto oder den Alltag der DDR kennen müssen. Hat er aber nicht. Diesen Satz schrieb er um 1870 nieder – eine nahezu prophetische Gesellschaftskritik.

Das klingt ja alles ganz nett, sagen wohlwollende Kritiker, und: wer will das schließlich nicht? Aber es ist leider unmöglich, der Mensch ist nun mal  schlecht und kann ohne Autoritätnicht leben.Anarchisten sind aber so verstockt,daß sie tatsächlich das Gegenteil behaupten: der Mensch geht ohne Herrschaft nicht zugrunde. Mehr noch -er bleibt nicht nur am Leben, sonderner lebt sogar besser ohne Chef und Staat. >Besser<, das kann man auch mit Inhalt füllen: freier, menschlicher,ökologischer, sozialer, glücklicher.Und nicht nur das – Anarchisten gehen noch weiter. Sie haben es gar nicht nötig zu behaupten, daß dies alles theoretisch möglich sei, sie können mit Recht darauf verweisen, daß all dies schon möglich war. Und genau davon soll dieses Buch handeln. So kurz die bisherige Geschichte des Anarchismus ist, so reich ist sie an Experimenten. Das reicht von der bohemehaften Landkommune bis hin zuriesigen Gemeinwesen mit Millionen von Menschen, mit Großstädten, Industrie, Handel und Landwirtschaft.

Es ist kein Zufall, daß von all dem wenig bekannt ist – ebenso, wie es kein Zufall ist, daß ich dieses Buch mitrecht langen Erklärungen beginnen muß, was Anarchismus eigentlich ist.Denn Anarchisten haben’s schwer;bevor sie auch nur einen Satz darübersagen können, müssen sie mindestenszehn Sätze darüber sagen, was Anarchismus alles nicht ist. So nachhaltig,wie es der Bewußtseinsindustrie gelungen ist, den Begriff zu verleumden,so gut ist es ihr auch geglückt, die Geschichte des Anarchismus auszuradieren. Die gibt es nicht, sie findet einfach nicht statt. Dabei könnte man viel aus ihr lernen. Aber das ist wohlgerade der Grund, weshalb sie totgeschwiegen wird.Mit diesem Buch will ich ein paarBilder dieser verschütteten Erfahrungen wieder lebendig machen — so lebendig, daß man sich manches wie in einem Film vorstellen kann.Es ist erstaunlich, wie wenig bisher- auch von anarchistischer Seite – an lebendigen Bildern vermittelt wurde.Dabei ist der Anarchismus so reich an Anekdoten, Geschichten, Legenden!Statt dessen gibt es in der Literaturüberwiegend Trockenes: theoretischeAbhandlungen,ernsthafte Geschichtswerke, endlose Diskussionen und detaillierte Entwürfe über Wege und Ziele. Das ist gut und schön, sicher auch wichtig. Aber oft sehr abstrakt.Ich mag Anekdoten sehr. Sie sind spannend und unterhaltsam, sie vermitteln einen wahren Kern und transportieren, wenn man so will, eine »Moral«. Deshalb sind Anekdote nauch überall so beliebt und langlebig- sei es in der Form von Märchen,Witzen, Theaterstücken oder Fernsehfilmen.Darum ist dies ein Anekdotenbuch geworden. Nicht, weil ich meine Leser nur unterhalten möchte, da wäre richtiges Kino schon besser. Ich will mit der Unterhaltung auch Aussagen transportieren. Eben Moral – anarchistische Moral.

Uns vorzustellen,wie Menschen ohne Herrschaft leben,wie sie nach Wegen suchen, wie sie sich zur Wehr setzen, wie sie Fehler begehen, wie Herrschaft abgebaut wird – all das fällt uns doch sehr schwer. Uns, die wir den Staat schonmit der Muttermilch eingesogen haben, die wir uns gar nicht vorstellen können, daß ohne Herrschaft ein geregeltes Leben überhaupt möglich ist.Darüber haben viele Anarchisten viele schlaue Bücher geschrieben, aber ohne das lebendige Beispiel bleibt all das Theorie. Dabei gibt es so viele bezeichnende Episoden, die spannend und erklärend zugleich sind, daß man sich verwundert fragt, warum noch niemand ein solches Anekdotenbuch geschrieben hat.Alle Geschichten, die ich erzähle,sind auch Geschichte, das heißt, sie sind wahr. Natürlich sind sie nicht genau so passiert – ich war ja schließlich nicht dabei, aber die Ereignisse haben so oder ähnlich stattgefunden. Damit der Leser zwischen Anekdote, geschichtlichemHintergrund und meiner Meinung unterscheiden kann, habe ich jede Episode ganz klar unterteilt: in die erzählte Story, gefolgt von ein paar Fakten über den historischenZusammenhang und schließlich dem,was man meiner Meinung nach daraus lernen kann, also der »Moral von der Geschicht’…« Die strikte Einteilung Story/Geschichte/Moral soll jedem zeigen, wo Phantasie, Fakte nund Interpretation beginnen und enden.Das letzte, die Interpretation,scheint mir dabei besonders wichtig.Denn was nützen uns alte Geschichten von gestern und vorgestern, wenn sie uns heute nichts mehr sagen?Keine Angst, sie sagen uns noch eine ganze Menge, und oft drängen sich die Parallelen zu heute fast unangenehm deutlich auf.

Dieses Buch handelt also von Träumen und Realität – und auch von der Lücke, die zwischen beiden klafft.Denn: ein Propagandabuch wollte ich nicht schreiben. Ich sagte schon:der Anarchismus stellt alles radikal inFrage, auch sich selbst. Darum ist esvon jeher eine anarchistische Tugend gewesen, die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten nicht unter den Tisch zu kehren. Nur arrogante Schnösel oder akademische Scholastiker6 können von den Anarchisten ernsthaft erwarten, daß sie in Theorie und Praxis eine Gesellschaft liefern,die ohne Widersprüche ist. Eine Gesellschaft, in der nicht das geringsteUnrecht, kein Rest von Gewalt, keine Spuren von Kriminalität und kein Anflug von Traurigkeit zurückbleiben.Das alles wird auch eine anarchistische Gesellschaft nicht bieten können.Die Anarchie ist kein perfektes Paradies, auch dort wird es Aggressionen und Eifersucht, Eitelkeiten und Kriminalität geben. Die Frage ist nur,wieviel davon und wie man damit umgeht. Die Forderung der Staatsverfechter, die Anarchisten müßten eine makellos glückliche Gesellschaft bieten können oder aber den Mund halten, ist angesichts des weltweiten staatlichen Chaos, in dem täglich Tausende verhungern und Unrecht oftmals Gesetz ist, eine schlichte Frechheit.Darin liegt die ganze Tragik des Anarchismus. Es ist, als wenn ein kluger Denker vor 500 Jahren rechnerisch bewiesen hätte, daß der Mensch mittels einer mechanischen Konstruktionsich in die Lüfte erheben könne. Man hätte ihn ausgelacht. Dann wäre dieser Mensch hergegangen und hätte ein Modell seiner Maschine gebaut.Es wäre tatsächlich geflogen! Und beider ersten Vorführung hätten seineZeitgenossen das Modell zertrampeltund ausgerufen »Ätsch, es fliegt jadoch nicht – deine Ideen sind in derWirklichkeit eben undurchführbar!«Ganz im Gegensatz zu ihrem Ruf,blinde Aktionisten und überzeugte Theoriefeinde zu sein, haben die Anarchisten seit über hundert Jahren immer wieder die Möglichkeit einerherrschaftsfreien Gesellschaft postuliert7, durchdacht, nachgewiesen. Bis in kleinste und ödeste Details, auf allen Gebieten: politisch, ökonomisch,psychologisch, strukturell, kulturhistorisch, anthropologisch, ökologisch, organisationstheoretisch und was weiß ich noch alles. Man hat sie ausgelacht. Und als sie ihre ersten funktionierenden Experimente machten, haben Militärstiefel sie überall und immer wieder zertrampelt. Und heute schreien die Philister im Chor»Seht ihr, es geht eben doch nicht…«Die Experimente der Anarchistenvon gestern zu kennen, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen, ihre Siege und Fehler, ist Voraussetzung dafür,daß wir morgen vielleicht in einer Gesellschaft leben können, in der soziale Gerechtigkeit und Freiheit verwirklicht sind. Und das scheint, bei all den verhängnisvollen Sackgassen in die staatliche Politik uns in Ost und Westgleichermaßen hineintreibt, immermehr auch zu einer Frage des bloßen Überlebens zu werden.

1) Utopie = an einem anderen Ort; Topie =hier, an diesem Ort. Der Begriff Utopie be-schreibt also einen Zustand, der hier und heutenicht existiert, nicht jedoch einen Zustand, dernicht existieren kann.

2) Der italienische Arzt und Kriminologe Sare Lombroso in seinem Standardwerk »Die Anarchisten«

3) Die italienische Zeitung »Secolo d’Italia«,19. 12. 1969

4) Französischer Anarchist und Geograph(1830-1905), einer der Vorläufer der heutigen»Ökologen«

5) Im Mai 1968 machten in Paris Studentenund Arbeiter dem Staat die Hölle heiß undstürzten beinahe die Regierung de Gaulle. Dieswar gleichzeitig die Stunde der Wiedergeburtdes Anarchismus nach langen Jahren der Agonie.

6) So nannte man die »Schriftgelehrten« undTheoretiker des Mittelalters, die ihr Wissen einzig aus alten Schriften bezogen und sich dar-über fürchterlich in die Haare geraten konnten.

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Written by floriangrebner

9. März 2011 um 15:33

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