Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat II: Machno

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Machno

 

Story

» Alles aufgesessen!! Machno ist mit seiner Bande ganz in der Nähe! Er ist eingekreist, wir müssen ihn fangen!!!«

Die Stimme des jungen Offiziers überschlug sich, er war vor Aufregung rot angelaufen. Wild wirbelte sein Kosakensäbel über dem Kopf, um dem Befehl an die links und rechts vom Wege biwakierende >Warta<-Truppe den nötigen Nachdruck zu verleihen. Nicht gerade begeistert rafften die Soldaten ihre Essgeschirre zusammen und griffen zu ihren Gewehren. Gepäck wurde verstaut, ein paar Pferde scheuten, die Unteroffiziere fluchten – es war ein rechtes Durcheinander. Aber das hatte ja auch seinen Grund. Schließlich hatte das Oberkommando eigen seinen neuen, hochrangigen Offizier mit frischen Truppen aus dem Stab hergeschickt, da musste es mit dieser Nachricht schon etwas auf sich haben.

In weniger als 5 Minuten war die Kompanie auf den Gäulen. Zusammen mit der Schwadron, die den jungen Offizier begleitete, sprengten sie in scharfem Galopp in die ukrainische Weite davon, um diesen Machno endlich zur Strecke zu bringen. Zurück blieb ein wildes Durcheinander von halb leeren Schmalzfleischdosen aus deutschen Armeebeständen und einige flüchtig ausgelöschte, noch schwelende Feuerstellen. Ein paar Kinder vom benachbarten Weiler, barfuß und in abgewetzten Kleidern, schauten ihnen sprachlos nach. Fliegen summten über dem Müll. Es war Hochsommer in der Ukraine, August 1918.

Der Ritt war kurz, er dauerte keine halbe Stunde. Kaum hatte man das Dorf aus den Augen verloren und das erste zerklüftete Waldstück erreicht, zogen – wie auf ein unsichtbares Zeichen hin – die Reiter, die mit dem jungen Offizier gekommen waren, ihre 15 Waffen, und mit lautem Gebrüll stürzten sie sich auf die mit reitenden >Warta<-Truppen.

»Tod dem Hetman!«

»Freies Leben oder Tod im Kampf!!«

»Es lebe die Anarchie!!!«

Die Panik war schrecklich, und es entbrannte ein unsägliches Gemetzel, Mann gegen Mann. Die meisten gemeinen Soldaten begriffen überhaupt nichts mehr, etliche suchten ihr Heil in der Flucht. Zwei junge Leutnants kämpften wie besessen, sie hatten durchschaut, was hier gespielt wurde. Dem einen wurde schließlich das Pferd unter den Beinen weg geschossen und er gab auf; der andere fiel, von einem Säbelhieb getroffen, kopfüber in den Schlamm des träge dahin fließenden Flüsschens und stand nicht mehr auf.

Der Kampf dauerte kaum länger als der Ausritt; am Ende war den über- rumpelten Soldaten klar: der >junge Offizier< war kein anderer als Nestor Machno selber, der legendäre Guerillaführer, der von der Regierung des Hetman Skoropadski mit einem Kopfgeld gesuchte Anarchist…

Die überlebenden und verletzten Gefangenen hatten keine Zweifel mehr: ihr Leben würde in wenigen Minuten zu Ende sein. Machnos Leute, diese Teufel, die zur Tarnung >Warta<-Uniformen trugen, würden sie kaltblütig abschlachten. So stand es seit Monaten in allen Zeitungen, so hatten es ihnen die Offiziere wieder und wieder warnend geschildert. Einer der >Machnowzi<, ein stämmiger Bursche von mindestens zwei Metern Größe, schleppte eine Munitionskiste herbei. Er schwitzte und fluchte. Vor den Gefangenen ließ er sie ins Gras plumpsen. Die Soldaten boten ein elendes Bild. Einige begannen zu wimmern, andere beteten, die meisten starrten ausdruckslos auf die Kiste. Der verletzte Leutnant warf den Kopf trotzig nach hinten und versuchte, Machnos Blick zu erhaschen. Ein schmächtiger Jüngling trat nun auf die Kiste zu. Unsteter Blick, fahrige Gesten. Er trug ein dünnes Oberlippenbärtchen, und seine langen, schwarzen Locken quollen unter der Mütze hervor. »Komisch«, fuhr es dem Leutnant durch den Kopf, »wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen? Dieses Bürgersöhnchen trägt eine Marinemütze. Kolosna wlekaja!, solch gerissene Hunde! Es ging alles zu schnell. Wir haben uns schön übertölpeln lassen. Jetzt ist es sowieso egal…«

Der Schmächtige drehte sich noch einmal unsicher zu Machno um, der nickte ihm nur zu. Mit einem Satz stand er auf der Kiste und hob beschwörend beide Arme. Seine blanken, schwarzen Schaftstiefel glänzten in der Sonne. Dann fing er an — zu reden. Sein Wortschwall wurde durch nichts unterbrochen. Er schaute die Gefangenen eindringlich an und unterstrich jeden Satz mit hektischen Gesten. Die Gefangenen starrten zurück und wussten erneut nicht, was hier gespielt wurde. Der Schweiß stand ihnen auf den Gesichtern, nicht anders als dem jungen Redner.

Merkwürdige Worte waren da zu hören:

von der Befreiung der Menschheit und vom Kampf gegen Kapital, Staat und Kirche. Von einem Leben ohne Regierung, von freien Sowjets und davon, dass die Bauern und Arbeiter auch ohne Kulaken 1 und Chefs Brot und Stahl produzieren können. Hat man so was schon gehört! Der Redner war kein Professor, das merkte man sofort; oft stockte er und suchte nach Worten. Auch wohl kein Bürgersöhnchen, wie der Leutnant vermutet hatte, das merkte man an der Sprache – es war ihre Sprache. »Ganz klar, jüdischer Intellektueller«, korrigierte sich der Leutnant selber.

»Wir Machnowzi sind keine neue Regierung«, deklamierte der Redner auf der Kiste, wobei er gefährlich nahe daran war, das Gleichgewicht zu verlieren. »Wir sind keine Soldaten, wir sind Partisanen des Volkes. Wir schreiben euch nicht vor, was ihr zu tun und zu lassen habt, wir befreien euch nur von den Blutsaugern und Popen. Jeder im befreiten Rayon kann seine Meinung frei äußern und danach leben, solange ihr euch nicht der weißen Konterrevolution anschließt und die Freiheit der anderen antastet. Schließt euch zusammen, schüttelt das Joch der Knechtschaft ab, organisiert euer freies Leben! Wir Machnowzi sind Bauern wie ihr, wir tragen unsere Waffen nur, solange es nötig ist. Wir werden den befreiten Rayon gegen alle Feinde der Freiheit, ob weiß oder deutsch, verteidigen. Niemand darf Hand an die freien Kommunen legen! Niemand…!« Er stockte, das machte ihn etwas verlegen.

»Es lebe die Anarchie!«

Die politische Lektion war hiermit beendet, der Schmächtige hüpfte von der Kiste. Einzelne Gefangene applaudierten zaghaft, die meisten starrten sich ungläubig an. Endlich kam Bewegung in die Szenerie. Die Machnowzi mischten sich unter die Gefangenen und verteilten an die, die lesen konnten, Broschüren. Primitiv gedruckt, aber leicht verständlich. Sie trugen den umständlichen Titel »Grundsätze über die Bildung freier Sowjets«, aber ihr Inhalt war weniger geschraubt. Es bildeten sich kleine Gruppen, man diskutierte. Deutlich konnte man nun Sympathisanten von Gegnern unterscheiden. Hier und da kam es zu lebhaften Debatten, sogar zu regelrechten Verbrüderungsszenen. Andere setzten sich im Kreis zusammen und starrten dumpf und abweisend vor sich hin. Einige begannen mit dem Bestatten der Toten.

Nun trat Machno vor. Wie unscheinbar er jetzt aussah. Müde und verdreckt. Sein dichtes Haar war mit einer Staubschicht bedeckt; man sah ihm an, dass er lange nicht geschlafen hatte. »Kameraden, Brüder, ihr habt gehört, was der Genosse Stschussj euch gesagt hat. Denkt darüber nach. Vielleicht versteht ihr es heute nicht, dann vielleicht morgen. Wir müssen nun abrücken, hier sind wir nicht sicher. Euch wird nichts geschehen. Geht nach Hause in eure Dörfer, und erzählt von der neuen Zeit! Lest unsere Schriften und handelt danach. Vor allem aber raten wir euch: kämpft nicht mehr für den Hetman, diese Marionette der Deutschen, die unser Land aussaugt. Ein zweites Mal kommt ihr nicht so glimpflich davon! Wenn ihr je wieder eine Waffe in die Hand nehmt, dann, um eure Freiheit zu verteidigen, nicht die der Kulaken. Wer bei uns bleiben und mit uns kämpfen will, ist willkommen. Die anderen können gehen.«

So bekam die Guerilla 114 frische Pferde, 22 neue begeisterte Kämpfer und jede Menge Waffen, Munition und Uniformen. Die anderen mussten Rock und Hose ausziehen und wurden zu Fuß heim geschickt.

Am frühen Morgen waren sie ausgeritten, als stolze Soldaten in schmucker Uniform, überzeugt, gegen einen Banditen zu kämpfen. Am späten Nachmittag kehrten sie, in Socken und Unterhosen, zu Fuß zurück. Viele von ihnen trugen die Legende von Machno in ihre Dörfer. Noch heute gibt es in der Ukraine alte Tagelöhner, die ein vergilbtes Foto von Nestor Machno in einem verborgenen Winkel ihres Zimmers oder unter der Matratze versteckt haben. Machno war an diesem Abend schon wieder viele Werst weiter. Bei ihm waren nun einige mehr, die am Morgen noch unter Zwang die grüne Uniform trugen und jetzt freiwillig unter der schwarzen Fahne ritten.

 

Geschichte

Vor fast siebzig Jahren zogen verwegene Gestalten durch die Ukraine. Ein Heer von über 10000 Guerilleros kontrollierte dort länger als drei Jahre ein Gebiet von 70000 Quadratkilometern, in dem über 7 Millionen Menschen lebten. Die Bolschewiki2 nannten sie Banditen, Konterrevolutionäre und aufständische Großbauern, die Bourgeoisie schimpfte sie bolschewistische Horden…

Die ukrainische Bauernschaft wußte es besser: es waren die >Machnowzi<, anarchistische Partisanen, die in dem riesigen Land für eine libertäre Revolution kämpften und denen es tatsächlich gelang – zum ersten Mal in der Geschichte – ein ganzes Gebiet von jeglicher staatlicher Autorität zu befreien. So martialisch sie in ihrer Bewaffnung und ihren >Uniformen< auch aussahen – es waren Menschen, die sich wohl nichts mehr wünschten, als die Knarre weg zuwerfen und in Frieden ihren Traum von der anarchistischen Gesellschaft aufzubauen. Sie waren fast ausschließlich Bauern, die Ärmsten der Armen. Ihre Anarchie kam aus dem Herzen, nicht aus Büchern. Beinahe wäre es ihnen gelungen, den uralten Menschheitstraum der Herrschaftsfreiheit zu verwirklichen. Am Ende aber ereilte sie ein grausames Schicksal. Die Umstände ihrer Niederlage sind noch heute ein trauriges Lehrstück…

Durch den Frieden von Brest-Litowsk3 war die Ukraine an die Deutschen und Österreicher gefallen; die Oktoberrevolution hatte in der Ukraine praktisch nicht stattgefunden. Während die Bolschewiki sich in Großrussland anschickten, die Volksrevolution in ihre eigene Parteidiktatur umzuwandeln, waren sie in der Ukraine kaum existent. Statt dessen hatten sich zwischen Berdjansk, Jekaterinoslaw, Alexandrowsk und Mariupol die armen Bauern und Tagelöhner erhoben. An vielen Stellen gleichzeitig und spontan. Sie hatten die Großgrundbesitzer verjagt – einige auch getötet – und begonnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ein miserables Leben, das seit Jahrhunderten nur aus Unterdrückung, Armut und Hunger bestand. Zur Seite standen ihnen nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat die »Anarcho-kommunistischen Gruppen«, die teils von Kropotkins4, teils von Bakunins5 Ideen beseelt waren und in der Ukraine auf einen jahrelangen Kampf gegen den Zaren zurück blicken konnten.

Einer ihrer bekanntesten Kämpfer, Nestor Machno, war durch die Revolution 1917 aus dem Gefängnis in Petersburg befreit worden. Dort saß er eine lebenslange Strafe ab, zu der er – als Siebzehnjähriger zum Tode verurteilt – >begnadigt< worden war. Umgehend begab er sich in seine Heimatstadt Gulaj-Pole, eine ländliche Kleinstadt mit primitiver Industrie. Unverdrossen nahm er seine frühere Agitation wieder auf und kümmerte sich um die heruntergekommene Gewerkschaftsbewegung. Ihm, einem einfachen Bauern, Sohn von Tagelöhnern, glaubte man mehr als der Handvoll Bolschewiki, die mit ihren merkwürdigen Theorien von der >Diktatur des Proletariats und vom historischen Materialismus< hausieren gingen und vorhatten, die herrschende Oberschicht durch ihre Kommissäre zu ersetzen.

Machnos Wirken war so erfolgreich, dass schon nach wenigen Wochen ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Aber sein Rückhalt und der seiner Genossen war schon zu groß. Rasch gelang es ihnen, den Spieß um zudrehen — aus dem Verfolgten wurden Verfolger. Binnen kurzem konnten die Gulai-Poler Anarchisten aus den verbitterten Kleinbauern, die den Geruch der Freiheit witterten, eine kleine Guerillaarmee mit etwa 1000 Kämpfern aufstellen. Rasch war das Städtchen befreit und der Kampf breitete sich wie ein Steppenbrand aus. Dies war der Beginn einer der größten anarchistischen Bewegungen der Geschichte, die heute so gut wie vergessen ist. Es gelingt den >Machnowzi< in der Folgezeit, den »freien Rayon« bis auf 70000 Quadratkilometer auszudehnen, das entspricht etwa der Fläche Irlands. In dem Gebiet liegen mehrere Großstädte, dort lebten ca. 7 Millionen Menschen. Der Einflussbereich der Bewegung war indes noch größer, überall flackerten von Machnos Partisanenkrieg inspirierte Kämpfe auf, sogar jenseits des Ural. Fast vier Jahre dauerte dieser Kampf um ein freies Gemeinwesen, um ein Land ohne Regierung und Staat, in dem sich die Menschen >von unten nach oben< selbst organisierten.

Leider stand dieses gewaltige Sozial revolutionäre Experiment seit Anbeginn unter ungünstigem Zeichen: dem des Krieges. Vom ersten bis zum letzten Tag waren die >Machnowzi<, die sich nicht als die neuen Herren im Lande verstanden, sondern ihre Aufgabe darin sahen, den freien Rayon gegen die zahllosen Invasoren zu schützen, in einen unseligen Kampf verwickelt. Einen Kampf, der sie die Guerillataktik >erfinden< ließ, die später Castro, Mao oder Che wieder aufgreifen sollten, allerdings mit weniger freiheitlichem Vorzeichen. Ein Kampf aber auch, der ihnen keine ruhige Minute ließ und der Tausenden von Kämpfern und unbewaffneten Bauern samt ihren Familien das Leben kostete. Ein Kampf überdies, den sie eigentlich gar nicht wollten, denn ihr Anliegen war nicht der Krieg, sondern ein Frieden, in dem sie ihre Ideen verwirklichen wollten, den Menschheitstraum der Anarchie. Dieser Frieden war ihnen nicht vergönnt. Zwar gelang es der Bewegung, die deutschen Besatzer zu zermürben und schließlich den >Hetman< zu vertreiben, eine von den Deutschen eingesetzte monarchische Marionette. Sie schafften es auch, die bürgerlich-liberale Regierung des Ssemjon Petljura zur Bedeutungslosigkeit zu verdammen. Aber die Ukraine war zum Spielball anderer Mächte geworden:

Die >weiße< Konterrevolution, zarentreue Generäle mit ihren loyalen Truppen, rückte von Südosten auf Zentralrussland zu und wollten auf ihrem Weg die Ukraine erobern. So focht die >Machnotschina<, inzwischen zu einer mobilen Partisanenarmee von bis zu 30000 Freiwilligen angewachsen, einen erbitterten Kleinkrieg gegen die >weißen< Generale Denikin und Wrangel.

Auch die Bolschewiki hatten in ihrem Herrschaftsbereich bald alles unter Kontrolle. Die >neuen Zaren< wollten sich nun auch den Rest des alten Reiches einverleiben und rückten von Norden her in >ihre< Ukraine vor. Zu Hause hatten sie den >Klassenfeind< geschlagen und nebenbei auch

die gesamte Linksopposition – Sozialrevolutionäre. Anarchisten, Anarchosyndikalisten6 und die linken Kritiker in ihrer eigenen Partei – verhaftet, ermordet oder kaltgestellt, wofür sie den zynischen Begriff der >Säuberung< erfanden. Und nun gedachten sie, auch die Ukraine der holden Staatlichkeit zu unterwerfen. An ihrer Spitze stand der Marschall der Roten Armee, Leo Trotzki, den später dasselbe Schicksal ereilte, das er der freien Ukraine brachte.

Die Machnowzi sahen in den Bolschewiki jedoch keine Gegner – für sie waren Marxisten gleichfalls Sozialisten, wenn auch mit einer ande r e r e n Auffassung von Sozialismus und vor allem Klassenbrüder. Dass der autoritäre Kommunismus niemals eine andere Form des Sozialismus würde tolerieren können, dass für die Bolschewiki eine friedliche Gemeinsamkeit zweier unterschiedlicher Modelle gar nicht in Frage kam, das fiel den einfachen anarchistischen Bauern nicht im Traum ein — wie auch, wenn damals noch die anarchistische Bewegung der ganzen Welt in der russischen Revolution in erster Linie eine grandiose Befreiung erblickte? Die ersten Kontakte waren freundlich, ja brüderlich, vor allem an der Basis der einfachen Kämpfer. Zwar war die Machno->Armee< ein Heer von Freiwilligen, ohne Offiziere, Dienstgrade und sturen Gehorsam, aber hier wie dort herrschte ein Geist der revolutionären Verbrüderung. Man respektierte sich als Revolutionäre und schließlich hatte man einen gemeinsamen Feind. Dieser Feind rückte sehr handfest und von England mit Truppen, Waffen und Gerät aufs beste versorgt, von Süden her an. Unter solchem Druck ging sogar die oberste Führung der Bolschewiki ein Bündnis mit Machno ein, obwohl Lenin und Trotzki sehr wohl wussten, dass eine freie Ukraine ohne Regierung und mit einer funktionierenden Selbstverwaltung für den >Sowjetstaat< eine ernste Bedrohung sein könnte. Denn der Virus der Freiheit ist sehr ansteckend.

Um es kurz zu machen: Die Bolschewiki spielten ein macchiavellisches Spiel. Genau viermal biederten sie sich bei der Machnobewegung an, und zwar jedes mal, wenn der äußere militärische Druck stark wurde. Dann zogen stets die Guerillas an die Front und kämpften unter unsäglichen Opfern die weißen Truppen nieder, die i h r Land bedrohten. Die Rote Armee zog sich jedes mal diplomatisch auf strategische Positionen zurück und ließ ihre >anarchistischen Brüder< ausbluten. Kaum waren die Guerillas jedoch in ihren Rayon zurückgekehrt, sickerte die Rote Armee wieder ein, um das freie Gemeinwesen zu bedrängen – zunächst kaum merklich, aber mit der Zeit immer dreister und brutaler. Als schließlich der >weiße< Gegner endgültig geschlagen war, setzte die Jagd auf die >Machnowisten< mit voller Härte ein. Die Bolschewiki wollten nun endlich die aufmüpfige Ukraine unterwerfen. Hierzu bedurfte es allerdings noch eines vollen Jahres erbitterter Kämpfe. Im Sommer 1922 rangen noch immer vereinzelte Guerillaverbände gegen die Rote Armee, aber sie standen auf verlorenem Posten. Das Experiment der Freiheit in der Ukraine war von den neuen Herren niedergemacht worden. Sie hielten blutige Rache für den Versuch eines Volkes, sich frei und ohne die kommunistische Partei selbst zu bestimmen: ganze Dörfer wurden von Lenins Truppen >liquidiert<.

Die rote Armee benahm sich wie eine Besatzungsmacht im eigenen Land.

 

Moral

Die Geschichte der Machno-Bewegung ist ein einziges Lehrstück. Ein geheimes dazu. Geheim deshalb, weil dieses Kapitel des menschlichen Freiheitskampfes so gut wie unbekannt ist. Das ist so gewollt, und das ist die erste Lehre, die man ziehen kann.

Als die letzten versprengten Trupps der anarchistischen Guerilla, unter ihnen der schwer verwundete Machno, am 28. August 1921 über den Dnjestr nach Rumänien flohen, hatten sie natürlich Besseres zu tun, als die Aufzeichnungen und Archive der Bewegung zu retten. Die lagern noch heute, unzugänglich, in den Archiven der Kommunistischen Partei der Ukraine. Für die offizielle Geschichtsschreibung der Sowjetunion ist die Machnobewegung nur eine Randerscheinung von >Banditen<. Es ist das Verdienst von Peter Arschinoff, dass wir heute überhaupt etwas über die >Machnotschina< wissen. Arschinoff war einer der wenigen Intellektuellen, der sich der Bewegung anschloss, denn sowohl in Russland als auch im Ausland war auch damals nur die Version bekannt, Machno sei ein Bandit. Selbst die Anarchisten wußten es kaum besser und standen der Bewegung lange Zeit skeptisch gegenüber. So waren es nur ein paar dutzend Anarchisten, die im Laufe der Kämpfe von außerhalb zu Machno stießen, um seine Bewegung zu unterstützen. Die meisten von ihnen engagierten sich in der >Kulturabteilung<, wo sie versuchten, das freie Gemeinwesen hinter den Fronten zu organisieren. Der Aufbau von Schulen, die Alphabetisierung, Aufklärung der Bevölkerung, aber auch der Partisanen, waren ihre Hauptaufgaben. 1922 erschien in einem Berliner Verlag Arschinoffs Buch »Die Geschichte der Machno-Bewegung«. Was der Autor darin berichtete, erstaunte selbst die Anarchisten, die das Buch begierig lasen, von Feuerland bis Japan erschienen Übersetzungen und Nachdrucke. Dabei blieb es dann aber auch; die offizielle Geschichtsschreibung blieb blind, auch wenn heute ein halbes Dutzend neuerer Untersuchungen vorliegen. Das ist tragisch, denn so kennen wir wenig Details.

Was geschah in den befreiten Gebieten? Was taten die Anarchisten in den wenigen Monaten, in denen sie nicht kämpften? Wie wurden Kultur, Wirtschaft, Verwaltung organisiert? Das sind wichtige Fragen, denn dies war der erste große Versuch, Anarchismus konstruktiv umzusetzen.

Wenig davon ist bisher erhellt. Aber das wenige, das wir wissen, ist beeindruckend: In den kurzen Phasen relativer Ruhe kehrten die meisten Kämpfer wie selbstverständlich in ihre Dörfer zurück und nahmen die Arbeit auf den Feldern wieder auf. Von einer verselbständigten Militärmaschinerie keine Spur. Landwirtschaftliche Kollektive wurden gegründet, >Kommunen< genannt. Die meisten Großgrundbesitzer waren geflohen, und das Land wurde gemeinsam bestellt. Im Gegensatz zu den sowjetischen Zwangskolchosen aber über wiegend freiwillig. Trotz Krieg funktionierten in diesem staatenlosen Land die landwirtschaftliche Produktion und das Transportwesen offenbar ausgezeichnet. Überliefert ist zum Beispiel die rührende Geschichte, wie die Machnowzi den hungernden Klassenbrüdern in den russischen Großstädten mehrere Güterzüge mit Getreide schickten. Als Geschenk. In Russland gab es damals Millionen von Hungertoten, die Landwirtschaft lag danieder. Die Ukraine produzierte während des gesamten Bürgerkrieges einen Lebensmittelüberschuß, und das nicht etwa nur, weil sie ein klassisches Agrarland ist – das ist Weißrussland auch -, sondern weil die Bauern dort an ihre Revolution glaubten und selbst bestimmt produzierten – für s i c h , nicht für den Staat.

Wer aber hat die Beschlüsse gefasst? Beispielsweise den mit der Getreideschenkung? Machno? Die Partisanenarmee? Rückgrat der gesamten Selbstverwaltung waren Räte, die >freien Sowjets<. Die gab es in jedem Gebiet, aber auch für bestimmte übergreifende Aufgaben wie Transport, Kultur, Industrie, Kriegsführung. Übergeordnet tagte, wann immer dies möglich war, der »Rayonkongress«, eine bunte Vollversammlung aller Delegierten all jener Räte. Man muss sich das vorstellen: bis zu 20000 Menschen kamen zusammen und besprachen ihre Probleme, vom Kühe melken bis zum Krieg führen. Es gab keine Lautsprecher und kein Organisationsbüro, und doch war es kein chaotisches Palaver, wie etliche Berichte zeigen. Dann gingen diese Leute wieder nach Hause und setzten die Beschlüsse um. Drei solcher Rayonkongresse wurden durchgeführt, viel zu wenig, um das Handwerk gelebter Anarchie zu lernen, aber genug, um zu sehen, mit wie viel Hingabe und Disziplin einfache Menschen in der Lage sind, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. In der Regel waren die Delegierten an das imperative Mandat ihres Rates gebunden, und man bemühte sich, Beschlüsse möglichst einstimmig zu fassen. Jedes Kollektiv, jeder Rat blieb aber autonom, die Entscheidungen anzunehmen oder abzulehnen. Dieses Prinzip galt ebenso für die Landwirtschaft wie für die Freien Schulen als auch für die Partisanenarmee, die ihre >Führer< vor den Gefechten zu wählen pflegten.

All das zeigt plastisch, wie sich anarchistische Ideen in gelebtes Leben umsetzen können. Man darf nicht vergessen, dies war das erste große praktische Experiment des Anarchismus. Unvorbereitet, spontan, unter ungünstigsten Bedingungen und von Menschen ausgeführt, für die anarchistische Ideen, Theorie und Strategien Fremdworte waren. Entsprechend improvisiert war das ganze Experiment, und entsprechend viele >Schönheitsfehler< hatte es. Es war weit davon entfernt, den Idealvorstellungen eines Tolstoi, Kropotkin oder Proudhon zu entsprechen, aber es war der Beweis dafür, dass man Anarchie tatsächlich leben k a n n und dass es funktioniert.

Das ist die zweite Lehre der >Machnotschina< und ihre Tragik: Was hätte diese Bewegung alles zustande gebracht, wenn sie ungestört hätte blühen können?

Die dritte Lehre ist kurz, traurig und bis heute prägend. Mit der Machno-Bewegung machten die Anarchisten die traumatische Erfahrung, dass der autoritäre und der libertäre Sozialismus keine ungleichen Brüder, sondern Gegner sind. Das Verhalten der Machnowzi den Bolschewiki gegenüber war geradezu naiv – aus heutiger Sicht. Damals aber war der Kommunismus noch so jungfräulich wie der Anarchismus, und in der entlegenen Ukraine schien Lenin den Anarchisten zunächst als ein gütiger Mann, der nur andere Auffassungen vom Sozialismus hatte. Solidarität war das mindeste, was man sich erwartete, und das war falsch. Die Bolschewiki waren eiskalte Machtpolitiker, und Anarchisten haben zur Macht kein Verhältnis. Im Juni 1918 kam Nestor Machno in Moskau mit Lenin zusammen. Beide behandelten sich wie Verbündete und erörterten den Kampf gegen die >weißen< Generale. Die Anarchisten Moskaus standen zu diesem Zeitpunkt schon auf den Hinrichtungslisten der Geheimpolizei. Die Anarchisten, allen voran Arschinoff, haben später versucht, aus ihrer Niederlage Konsequenzen zu ziehen. Die sogenannte »Arschinoff- Plattform« postuliert eine straffe Kaderorganisation nach bolschewistischem Vorbild – eine Idee, die sich bei den Anarchisten nie durchgesetzt hat, auch nicht bei Machno selber.

Man kann die Freiheit nicht um den Preis der Unfreiheit erkaufen.

Die letzte Lehre steckt in den >Schönheitsfehlern<. Die >Machnotschina< war eine ungemein blutige Angelegenheit. Das war zwar nicht die Schuld der Anarchisten, aber für die vielen Opfer, diese unzähligen getöteten Menschen wird es kaum ein Trost gewesen sein, zu wissen, warum und woher die Kugeln kamen, die sie töteten. Die Anarchie, jene Idee eines herrschaftslosen Friedens, kam im Gewand eines riesigen Gemetzel zur Welt. Und dass die Anarchisten, die Herrschaft abbauen statt aufbauen wollen, ausgerechnet Krieg machen mussten, kam diesem Anspruch sicher auch nicht entgegen. Denn Krieg, egal in welcher Form, ist wohl das autoritärste, was man sich überhaupt vorstellen kann. Und die ukrainischen Anarchisten waren nicht zimperlich. Disziplin setzten sie in ihrer Guerillaarmee oft brutal durch, und der Tod war eine Strafe, die die Kämpfer nicht selten über ihre eigenen Kameraden verhängten, wenn diese sich gegen anarchistische Prinzipien oder das Volk vergingen. Eine Hinrichtung ist nicht weniger unanarchistisch. Vergessen wir aber nicht, bevor wir philisterhaft über ein Volk im Bürgerkrieg urteilen, dass es wilde Zeiten waren, schreckliche Zeiten. Alle möglichen Menschen wurden vom Sturm der Geschichte entwurzelt, hin und her geworfen, und natürlich waren nicht alle, die mit Machno kämpften, integere Anarchisten. Und die, die Anarchisten waren, hatten es nie anders gelernt. Der Frieden, in dem sie andere Formen hätten finden können, den haben sie nie gekannt.

Krieg macht brutal. Kein gutes Klima für die Anarchie.

So unerbittlich die Aufständischen gegen sich selbst waren, so auch mit den Feinden der Freiheit. Besonders die Großgrundbesitzer und Popen hatten schwere Zeiten; nicht wenige von ihnen wurden erschossen, aufgehängt, gelyncht; aus Soutanen nähte man schwarze Fahnen. Das war nicht einmal so sehr die Partisanenarmee – die versuchte eher, Exzesse zu verhindern – als vielmehr das aufgebrachte Volk. Auch ein toter Unterdrücker ist ein getöteter Mensch, und Menschen zu töten ist abscheulich. Doch auch hier fallt es mir schwer, den Philister zu spielen und so zu tun, als verstünde ich nicht, dass sich die jahrhundertelang angestaute Wut gegen die richtete, die die Menschen seit Generationen bis aufs Blut gepeinigt hatten.

Krieg fördert Hierarchie.

Wieso gab es einen Machno, weshalb trägt die Bewegung seinen Namen?

Wäre es ohne ihn auch so gekommen, oder war er der notwendige Führer?

Machno war zweifellos eine charismatische Gestalt, auch ein strategisches Genie. Ob seine Qualitäten über die eines Partisanen-Feldherrn weit hinausreichten, ist umstritten, sicher ist aber, dass er keinen Führerkult mochte. Die Bewegung brauchte ihn, er war die Integrationsfigur zwischen bäuerlichem Zorn und anarchistischem Ideal. Es zeigt sich aber auch, wie wackelig anarchistische Experimente sind, wenn sie von Idolfiguren abhängen. Was, wenn Machno nicht so integer gewesen wäre? Was, wenn ihm seine Macht zu Kopf gestiegen und er zum neuen Herrscher geworden wäre? Müßige Fragen… Nicht nur, weil Nestor Machno bis zu seinem Tod 1935 in einem französischen Armenhospital ein bescheidener, bäuerlicher Anarchist blieb, sondern vor allem auch, weil alle Fragen nach den Fehlern dieser Bewegung nur eine Antwort fanden, wenn man das Experiment hätte gewähren lassen. Und das gilt für den Anarchismus allgemein.

 

 

 

 

1) Kulaken = Großbauer, Großgrundbesitzer,

Besitzer von Leibeigenen

 

2) Bolschewiki = >Mehrheitler<, aus der Spaltung der russischen Sozialdemokratie 1905 hervorgegangene Mehrheitsfraktion unter Führung Lenins, aus der später die Kommunistische Partei wurde

3) Am 3. März 1918 schloß die Sowjetregierung in Brest-Litowsk Frieden mit den Mittelmächten und trat ein Territorium von 142 Mill. km2 an Deutschland ab. Hierzu gehörte auch die Ukraine.

4) Peter Kropotkin (1842-1921), einer der bedeutendsten anarchistischen Theoretiker, gleichzeitig führender Geograph, > Verhaltensforschen und >Ökologe< zu einer Zeit, als diese Begriffe noch unbekannt waren. Von Hause aus Fürst, brach er mit seiner Herkunft und wurde zum Begründ er des kommunistischen Anarchismus<, der die Bedürfnisbefriedigung aller Menschen, unabhängig von seiner Produktion, fordert.

5) Michail Bakunin (1814-1876), ebenfalls russischer Adeliger und konsequenter Anarchist; Begründer des »kollektivistischen Anarchismus«, der eine leistungsabhängige Versorgung vertrat. Widersacher von Karl Marx in der 1. Internationale, Begründer der internationalen anarchistischen Bewegung und einer ihrer bedeutendsten Theoretiker und Praktiker.

6) Anarcho-Syndikalismus = Theorie und Praxis der anarchistischen Gewerkschaftsbewegung (Syndikat = Gewerkschaft); sieht in den Gewerkschaften in erster Linie Instrumente zur revolutionären Umwandlung der Gesellschaft und in der >direkten Aktion< die richtige Aktionsform.

7) Imperatives Mandat: Die Delegierten werden von der Gruppe, die sie entsendet, mit einem gemeinsam beschlossenen Auftrag losgeschickt, an den sie gebunden sind.

 

 

Bücher:

– Peter Arschinoff, Geschichte der Machno Bewe-

gung 313 S., Karin Kramer Verlag, Berlin

– Horst Stowasser, Die Machnotschina,122 S.,

An-Archia-Verlag, Wetzlar

– Volin, Die unbekannte Revolution, 3 Bde.,

insges. ca. 700 S., Verlag Assoziation, Ham-

burg

– Arthur Müller-Lehning, Anarchismus und

Marxismus in der russischen Revolution, 146 S.,

Karin-Kramer-Verlag, Berlin

 

 

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Written by floriangrebner

10. März 2011 um 17:07

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