Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat III: Mörder und Märtyrer

with one comment

von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Mörder und Märtyrer

 

Story

Apolinario Barrera stand hinter dem mächtigen Stamm der alten Kiefer und fror. Seit nahezu zwei Stunden stand er schon hier und wartete auf den Sträfling, der heute Nacht aus dem Gefängnis fliehen sollte. Er war überfällig. Der Fluchthelfer war unschlüssig. Sollte er umkehren und die Befreiungsaktion abblasen? Der eisige Wind Feuerlands pfiff durch seinen fadenscheinigen Mantel, die Baskenmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er bekam Lust, sich eine Zigarette an zustecken, aber die Glut hätte ihn verraten können. Außerdem – wie sollte er bei diesem Wind Feuer machen? Die Kiefer stand trotz ihrer Dicke schief – gebeugt vom ewigen Sturm, der in diesen Breiten stets aus der gleichen Richtung weht.

Endlich – Schritte! Schwerer Atem ist zu hören. Jemand kommt das leicht abschüssige Gelände herunter. Das wird er sein, Simón Radowitzky. Aponario Barreras Herz schlägt schneller. Nun wird er ihn selbst Kennenlerne n, Simón, den berühmten anarchistischen Gefangenen, Simón den Märtyrer, wie ihn die Genossen im fernen Buenos Aires nennen. Die Gestalt ist schon auf ein paar

Schritte heran, Apolinario tritt aus der Deckung, geht ihr entgegen und erkennt zu seinem grenzenlosen Schrecken einen Wachsoldaten in vok ler Uniform. Verrat! Ohne nachzudenken fährt seine Hand in die Manteltasche, wo die 7,65er Walther steckt. Er verheddert sich im Gürtel, bekommt die Waffe nicht richtig zu fassen. Das ist sein Glück.

»Apolinario…!« »Mierda!« Barrera kriegt die Walther endlich frei, stolpert zwei Schritte zurück und spannt den Hahn. »Apolinario!!!« Endlich begreift der Anarchist im dünnen Mantel. »Simón«, stößt er hervor. Die beiden fallen sich in die Arme, d a s war die vereinbarte Losung, der vermeintliche Wachsoldat i s t Simón Radowitzky. Niemand hatte Apolinario Barrera gesagt, dass der Geflohene in Uniform auftauchen würde; um ein Haar hätte er ihn über den Haufen geschossen – ihn,

Simón, den Märtyrer.

Für sentimentale Szenen bleibt keine Zeit, es ist sieben Uhr vorbei, und die Morgendämmerung zieht herauf. Apolinario nimmt den großen Russen wie ein Kind bei der Hand. Geduckt, keuchend, hasten sie durch die karge Vegetation. Sie müssen am Friedhof vorbei. Keine zweihundert Meter gegenüber liegt das zweistöckige Garnisonsgebäude der argentinischen Kriegsmarine. Dort ist schon alles wach, und die beiden können jeden Moment entdeckt werden. Spaziergänger im Morgengrauen von Feuerland gibt es nicht. Wo wenig Menschen wohnen, ist jeder Fremde

verdächtig. Zwischen ihnen und dem Kutter, der auf sie in einer der zahllosen Buchten der Insel wartet, liegen noch etliche Kilometer und der Wachposten der Präfektur.

Apolinario treibt zur Eile. Der sportlich veranlagte Simón stolpert mehr, als dass er läuft. Die endlosen Jahre im schrecklichsten Zuchthaus der argentinischen Republik haben ihn gebrochen. In seiner Einzelzelle gab es wenig Bewegung. Simón ist das Laufen nicht mehr gewohnt.

Der letzte Hügel,

ein letzter Blick zurück.

Von der Kirche läuten die Morgenglocken, man hört sie kaum. Sie verwehen wie der Schrei des Albatros über den Wellblechdächern von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde. Die Kirche, die Garnison, die Telegrafenstation, das sind die einzigen Gebäude, die dieser trostlosen Siedlung am Beagle-Kanal ein wenig Kontur verleihen. Wie Monumente überragen sie die elenden Häuser von

Fischern, Händlern und Schafscherern, die es in diesen Winkel verschlagen hat – ans Ende der Welt.

Die Wachstation der Präfektur liegt an exponierter Stelle. Das soll so sein, denn schließlich ist die chilenische Grenze nicht weit, und Chile, das ist zuweilen der Feind. Aber die beiden Anarchisten haben Glück – die argentinische Gemütlichkeit kommt ihnen zur Hilfe. Die Grenzer sitzen im

Warmen und saugen verschlafen ihren Mate-Tee aus der kleinen, heißen Kalebasse. Man kann sie deutlich durchs Fenster erkennen. Ihre Fahne haben sie schon gehisst, verwaschen knattert das blassblau-weiße Symbol der Staatlichkeit im Wind.

Apolinario spuckt verächtlich aus. »Da müssen wir noch vorbei. Dann ist’s geschafft.« Simón nickt nur. Im Schutz der calafate-Büsche schleichen sie sich an dem massiven Holzhaus vorüber, niemand bemerkt sie. Nicht einmal die halb wilden Hunde, die hier stets herumlungern; sie haben sich irgendwo verkrochen.

 

Auch der Kutter >Ooky< scheint sich verkrochen zu haben, Simón erkennt ihn erst, als sie schon unmittelbar vor ihm stehen. Der weiß gestrichene Schoner liegt in einer geschützten Bucht, umringt von dichten, hochaufgeschossenen Fichtenbeständen, die bis dicht ans Ufer hinunter wachsen. Hier ist er vor Wind und neugierigen Blicken sicher. Ruhig schwoit das Schiff vor dem Anker. Vor drei Tagen war die Ooky hier eingetroffen und hatte das Anarchistenkomitee an Land gesetzt. Die Gewerkschaften hatten den Plan seit langer Zeit vorbereitet. Im fernen Buenos Aires war alles eingefädelt worden, und im südchilenischen Punta Arenas hatten Ramón Cifuentes und Ernesto Media, die Führer der dortigen Arbeiterföderation, die Genossen tatkräftig unterstützt und sie an Pascualino Rispoli verwiesen, den >letzten Piraten von Feuerland<. Das war genau der richtige Mann. Mit seinem Kutter, den er offiziell zum Fang von Robben und Seeottern unterhielt, fuhr er bei jedem Wetter hinaus. In Wahrheit verdiente er sich seinen Lebensunterhalt durch Schmuggel und das Ausplündern von Wracks. Und, was das wichtigste war, der Neapolitaner sympathisierte mit den Anarchisten.

In diesen drei Tagen war es Apolinario Barrera, Miguel Arcángel Roscigna und drei weiteren Mitgliedern des comité pro presos gelungen, in Ushuaia die Details der Flucht zu organisieren, die sympathisierenden Wärter einzuweihen, den genauen Zeitplan festzulegen. Die Freunde aus der Hauptstadt hatten Profis geschickt, und sie bewerkstelligten die spektakuläre Flucht aus dem berüchtigten Zuchthaus, dem >argentinischen Sibiriens das als >absolut ausbrauchsicher< galt.

Von all dem wusste Simón nichts, als ihn zwei Paar starke Arme unterfaßten und in das kleine Beiboot hoben. In weniger als fünf Minuten waren sie zur Ooky hinübergepullt, hatten Segel gesetzt und schoren hinaus in den weiten, wellengepeitschten Beagle-Kanal, in die Freiheit. Um sieben Uhr früh hatte Simón unerkannt in der Uniform der Wachleute die Sperre passiert, um 9 Uhr 22 wurde seine Flucht entdeckt. Das Zuchthaus stand Kopf, ihr prominentester Gefangener war weg! Der Nationalkommissar von Feuerland wandte sich Hilfe suchend an die chilenische Marine. Die Rivalitäten der beiden Länder schienen vergessen bei der Jagd auf einen Anarchisten machte man gemeinsame Sache.

Gegen Mittag verließ ein Dampfboot den Hafen von Ushuaia und nahm die Verfolgung auf, aber da kreuzte die Ooky schon in dem Gewirr von Inseln und Kanälen; dort, wo vier Jahre zuvor der deutsche Kreuzer Dresden der britischen Kriegsmarine entkommen war. Der Kutter war voll getakelt und hatte alle Segel gesetzt. Mit Fock, Klüver und Jager war er schneller als der vorm Wind fürchterlich schlingernde Dampfer; der Abstand zu den Verfolgern wurde ständig größer. Die Schmuggler mit den Anarchisten an Bord waren schließlich auch Profis, sie hatten sozusagen Heimvorteil…

 

An Deck steht Simón Radowitzky und hält sein kantiges Gesicht in den Wind. Er ist sehr wortkarg, das haben die Genossen schnell gemerkt und bald aufgegeben, ihr Idol mit Fragen zu bestürmen. Stockend, mit langen Pausen und nur gelegentlich gibt Simón Auskunft. Sein Benehmen ist

höflich und bescheiden, beinahe etwas linkisch. Und sein Spanisch ist noch immer hilflos. Keiner der Befreier hatte ihn je persönlich kennengelernt. Nun sind sie fast enttäuscht; der berühmte >Rächer der Arbeiterklasse< ist eine unscheinbare Gestalt, die hinter dem Ruderhaus steht und

in die kalte Luft hinaus starrt. Während sich die Mannschaft unter Deck verzieht und auch die Anarchisten nach und nach folgen, um bei unverzolltem Whisky und Kaffee Wärme zu finden, genießt Simón die Kälte.

Seine Freiheit.

Bilder ziehen an ihm vorüber. Man könnte sagen, die letzten Jahre laufen >wie ein Film< vor seinen Augen ab, aber ein Kino hat er noch nie gesehen. Da kommen sie nun wieder – die Bilder von der Kalesche mit dem Coronel Falcón in jener Avenida Callao im milden Herbst von Buenos Aires. Wie die Pferde langsam an ihm vorbei traben. Und wie er das Paket entschlossen und zielsicher ins

Wageninnere schleudert. »Mit großer Kaltblütigkeit« habe er die Bombe geworfen, schrieben später die Zeitungen. Nur er weiß, dass er alles andere als kaltblütig war. Angst hatte er, würgende Angst.

Am qualvollsten sind die Bilder von der Plaza Lorea, von den 36 Blutlachen jenes 1. Mai 1909. Er, Simón Radowitzky, hatte ihn an diesem Tag zum ersten Mal gesehen, den Coronel Falcón, Polizeichef von Buenos Aires, preußischer als die Preußen, mit Adlerblick und Hakennase – ein Militär durch und durch. Jenen Coronel Falcón, der den Befehl gegeben hatte, an diesem ersten Mai das Feuer auf die Demonstranten zu eröffnen. Dreißigtausend Anarchisten, Arbeiter, die für den Achtstundentag demonstrierten. Und für die soziale Revolution. Und gegen den Staat. Abschaum in den Augen von Ramón Falcón, dem Ausländerhasser, dem Anarchistenfresser. Fünf Tote und über vierzig Schwerverletzte machten aus jenem euphorischen Ersten Mai den mayo trágico.

Nie wieder wird Simón Radowitzky den Anblick der Blutenden vergessen, denen die Säbel der Kavallerie das Fleisch gespalten hatte. Und auch nie den Anblick der 60000 Arbeiter, die den Opfern Falcóns das letzte Geleit gaben.

Er, Simón Radowitzky, der hochaufgeschossene, schlaksige Russe mit den abstehenden Ohren, er, der glühende Anarchist, er wollte die sechsunddreißig Blutlachen rächen. Es war sein Entschluss, er wusste, dass er dafür würde bezahlen müssen. Auch an das Bezahlen muss er jetzt wieder denken. Aber die Bilder, die ihn jetzt einholen, haben nicht die Lebendigkeit jener anderen; sie sind schleppend, schwer, bleiern. Mehr als Ereignisse empfindet er sie als Zustände, als nicht enden wollende Alpträume. Die Verhaftung, die Schussverletzung, die Misshandlungen. Und dann der Prozess, der Antrag auf die Todesstrafe. Und wie dann sein Onkel, Moises der Rabbiner, die Geburtsurkunde beibringt, jenes rettende, in kyrillisch geschriebene und so schwer zu übersetzende Dokument, das beweist, dass der Attentäter tatsächlich erst 18 Jahre jung ist – zu jung für den Galgen. Dann das Urteil: lebenslänglich.

 

Die Haft im Nationalgefängnis, der erste Fluchtversuch: Simón hatte Pech, eine Viertelstunde vor dem Ausbruch wurde er in die Anstaltsdruckerei gerufen. Zufall.

Aber immerhin konnten dreizehn andere Genossen fliehen. Auch diesmal hatten die Wachen – einfache Soldaten – offen mit den Anarchisten sympathisiert und die Flucht gedeckt. Simón muss lächeln, als er an den verzweifelten Direktor denkt, der den Präsidenten der Republik um die Verlegung des Russen bittet: »Einzig, indem ich persönlich die Bewachung von Radowitzky

übernehme, könnte ich für die Verbüßung der Strafe garantieren, denn es handelt sich um einen Gefangenen, mit dem alle – bis hin zu den Soldaten und Feuerwehrleuten – offen sympathisieren.« Das Lächeln verschwindet, der starke Unterkiefer schiebt sich wieder nach vorn. Simóns Gedanken sind bei dem Transport nach Ushuaia angelangt. Zweiundsechzig armselige Gestalten, mit den Füßen an Ketten geschmiedet, im Kohlenbunker des Marinefrachters. Neunundzwanzig Tage

in dieser finsteren Hölle aus Ruß, Dampf und Ungeziefer.

Als sie in Feuerland ankamen, waren sie zu Skeletten abgemagert; die Fußgelenke mit eiternden Geschwüren bedeckt. Dann die ungezählten Jahre der Einzelhaft, die Folter, die Erniedrigungen. Die Wärter hatten Dauerbefehl, ihm während des Schlafes jede halbe Stunde mit der Lampe ins Gesicht zu leuchten. Zu Lesen nichts außer der Bibel, zu Essen nichts als Spülwasser und Kartoffeln, und jedes Jahr, wenn sich das Datum seiner Tat näherte, gab es zehn Tage verschärfte Einzelhaft bei Brot und Wasser. Anordnung des Richters. Das schrecklichste aber waren die Vergewaltigungen und Prügel, wenn die Wärter sich betranken und Lust auf den schlanken Körper des russischen Anarchistenschweins bekamen.

Das war im Jahre 1918, und in Russland tobte die Revolution. Auf den Mauern von Buenos Aires aber dominierte nur eine Parole: »Libertad para Radowitzky!« Und nun hatten sie ihn tatsächlich

erlöst, seine Genossen, seine Brüder! Nur langsam konnte Simón es fassen Am vierten Tag der Flucht auf See taucht im Südwesten plötzlich eine Rauchfahne am Horizont auf. Das kann nichts Gutes bedeuten. Der Kutter hält dicht unter Land auf die Halbinsel Brunswick zu, chilenisches Territorium. Die Ooky war inzwischen den Ballenero-Kanal und dann den Cockburn-Kanal hinauf gesegelt und man glaubte, alle Verfolger längst abgeschüttelt zu haben. An Bord des Kutters ahnt niemand, dass die Nachricht von Radowitzkys Flucht mittlerweile um die halbe Welt gegangen ist. In der Hauptstadt hat sie die Schlagzeilen über die Revolution in Deutschland von den Titelseiten verdrängt. Und die chilenische Marine hat begonnen, längs ihrer Küste zu patrouillieren. Der Rauch stammt von dem Marineschlepper Yáñez und nähert sich rasch. Es gibt keine andere Wahl, Simón muss von Bord. Hätte er doch gleich auf die Genossen gehört! Die wollten ihn von Anfang an mit Proviant und Zelt auf einer der unzähligen unbewohnten Inseln absetzen und ihn nach zwei bis drei

Wochen, wenn sich die Hysterie gelegt hätte, wieder auflesen. Aber Simón war Mechaniker, kein

Trapper. Der Stadtmensch hatte Angst – Angst, allein in dem kalten, dichten Wald zurückzubleiben. So hatte er die Freunde gedrängt, ihn gleich nach Punta Arenas zu bringen. In der Stadt, so hatte er erklärt, könne er viel leichter untertauchen. Zweihundert Meter, dichter geht es nicht an die Küste heran. »Jetzt oder nie!« ruft ihm Pascualino Rispoli zu, der Sizilianer, der Kapitän. Die ungeduldige Geste, mit der er den Satz unterstreicht, wäre nicht mehr nötig gewesen. Simón ist schon ins eiskalte Wasser gesprungen und schwimmt auf der Leeseite ans Ufer. Die Yáñez ist bereits auf Sichtweite heran, man erkennt deutlich die chilenische Fahne am Gösch.

Der Schoner macht eine elegante Halse und geht widerstandslos längsseits. Ein Krisenkommando, geführt von einem Offizier und zwei jungen Kadetten, kommt an Bord und filzt das Boot vom Kettenkasten bis zum Kiel. Nein, einen entsprungenen Sträfling hätten sie nicht gesehen. Auch kein anderes Schiff. Und die Herren an Bord seien Touristen aus Buenos Aires, Schriftsteller, die ein Buch über Feuerland schreiben wollen. Dem Kommandanten ist die Sache nicht geheuer. Er überlegt, zaudert. Das dauert lange – sehr lange für den zitternden Radowitzky, der die ganze Zeit, vom Unterholz aus schnatternd vor Kälte, die Szene beobachtet und sich nicht zu rühren wagt. Pinguine nähern sich ihm neugierig. Er hat Angst, sie könnten ihn verraten. Schließlich dampft die Yáñez davon, gefolgt von der Ooky. Der Kommandant hatte sich entschlossen, den Großteil der Besatzung in Arrest zu nehmen und im Hafen von der Polizei verhören zu lassen. Die nimmt sie gehörig in die Mangel, das ist ihr Handwerk. Es ist der Maschinist, der schließlich auspackt und die Stelle verrät, wo Simón an Land geschwommen war.

 

Sieben Stunden später findet ein gemischter Suchtrupp aus chilenischer Polizei und Marineinfanterie den völlig entkräfteten und halb erfrorenen Flüchtling an einer Wegkreuzung namens aguas frías, nur noch zwölf Kilometer von der rettenden Stadt entfernt, wo er gehofft hatte,

Unterschlupf zu finden. Handschellen legt man ihm an, trockene Kleider bekommt er nicht.

Gefesselt wird er nach Punta Arenas geführt und in die Arrestzelle der Korvette >Centeno< gesperrt.

Dreiundzwanzig Tage nach der Flucht kehrt Simón Radowitzky wieder in die Strafanstalt von Ushuaia zurück. Auf ihn warten die nächsten zwei Jahre strenge Einzelhaft, in der Dunkelzelle und bei halber Ration. Man bringt ihn nach Mitternacht, um Unruhen zu vermeiden. Den Wärtern, die wegen seiner Flucht eine Menge Scherereien hatten, hat man für diese Nacht freie Hand gegeben. Doch die Mitgefangenen von Simón haben längst Wind bekommen. Ihr bedrohliches Verhalten verschiebt die Rache der Folterer auf die vielen, vielen Jahre, die noch folgen sollten. In dieser Nacht jedoch tobt der Knast. Die Gefangenen randalieren, trommeln, klappern und schreien. Sie alle haben lebenslänglich, genau wie Simón. Viele kennen ihn, den unscheinbaren und dennoch so

berühmten santo der Anarchisten, diesen Attentäter, der sich immer wieder für seine Mitgefangenen in die Nesseln gesetzt hat. Andere haben ihn noch nie gesehen, aber sie kennen seinen Ruf im Zuchthaus, und das genügt. Für sie ist er ein Mörder, wie die meisten von ihnen auch, aber auch ein Märtyrer.

 

»Es lebe Simón! Tod den räudigen Hunden!!«

 

Der schneidende Wind reißt die Wortfetzen der skandierenden Gefangenen von Ushuaia mit sich fort. An der Kiefer, wo dreiundzwanzig Tage zuvor Apolinario Barrera wartete, hätte man kaum noch ein Wort verstanden.

 

Geschichte

Ein Scherzbold hat einmal gesagt, was den Maoisten ihr Albanien ist, sei den Anarchisten ihr Spanien. So dumm ist das gar nicht, denn immer, wenn es ans Argumentieren mit Beispielen geht, wird die spanische Revolution bemüht. Das ist auch richtig so, denn immerhin war sie das größte sozial revolutionäre Experiment unter libertären Vorzeichen, und auch das erfolgreichste; darum ist sie auch in diesem Buch in einem eigenen Kapitel vertreten. Aber oft hat man den Eindruck, sie sei das einzige Beispiel, denn ihre Lehren werden wie eine Gebetsmühle immer wieder zitiert. Das tut ihnen sicher nicht besonders gut, denn auch die besten Lehrstücke nutzen sich mit der Zeit ab. Dabei wäre das gar nicht nötig. Spanien muss nicht das Mekka der Anarchisten sein – wenn schon, dann haben sie eine ganze Menge Mekkas. Japan und die USA, Deutschland und China, Brasilien und die Ukraine, Italien und die Schweiz, Portugal, Frankreich, England… bis hin zu Australien: in vielen Ländern der Erde finden wir eine verschüttete Geschichte der Anarchie, mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger interessant.

In keinem Land allerdings war der Anarchismus je so populär wie in Argentinien. Es ist müßig, eine Messlatte anlegen zu wollen; Anarchismus ist keine Sportdisziplin mit ersten, zweiten und dritten Plätzen. Nirgends auf der Welt hat jedoch die libertäre Idee auf die soziale, geschichtliche und kulturelle Entwicklung eines Landes solch starken Einfluss ausgeübt wie in dem riesigen Land zwischen Rio de la Plata, Anden und dem Kap Hoorn. Unser Weltbild sieht in Europa stets das Zentrum des Geschehens, und Lateinamerika – das sind für uns tropische Bananenrepubliken. Dabei

gibt es bereits seit 1816, einer Zeit, als in Deutschland noch kleinfurstliches Durcheinander herrschte, eine argentinische Republik, und zwar ohne Bananen. Die von der französischen und amerikanischen Revolution inspirierte Verfassung brachte den Argentinien bürgerliche Freiheiten, von denen man in Europa nur träumen konnte.

Das war 1853, als Deutschland unter dumpfer Obrigkeit und königlicher Kleinkariertheit schwitzte. Die erste Gewerkschaft wurde dort 1857 gegründet, zu einer Zeit also, als hierzulande von Gewerkschaften noch kaum die Rede war und Leute wie Lassalle und Schultze-Delitzsch das Heil der Proletarier noch eher in Arbeiterbildungsvereinen suchten.

Das reiche Land, das einst im Pro-Kopf-Einkommen an achter Stelle in der Welt stand, konnte sich ein Bildungssystem leisten, wie es kaum in Europa existierte. In dieser Gesellschaft spielte der organisierte Anarchismus von Anfang an eine dominierende Rolle. Solche Ideen kamen mit den riesigen Massen von Einwanderern ins Land. Italiener und Spanier, Deutsche und Polen, Russen und Balten suchten in dem aufblühenden Land eine neue Zukunft. 1914 waren von 8 Millionen Einwohnern 33 Prozent Neueinwanderer. Viele von ihnen waren schon in ihrer Heimat »vom Anarchismus infiziert«, wie die Polizei es nannte, wurden in Europa auch als Anarchisten verfolgt. Nun hofften sie, ihre Ideen in einem freieren Klima nicht nur verbreiten, sondern auch leben zu können.

Schon um 1890 erschien in Argentinien die größte Anzahl anarchistischer Publikationen auf der ganzen Welt. Theoretiker wie Errico Malatesta und Pietro Gori, die zeitweilig am Rio de la Plata lebten, beeinflussten die Bewegung nachhaltig. Es kamen Zeiten, da gingen die Delegationen der anarchistischen Arbeiter beim Präsidenten der Republik unangemeldet ein und aus, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. In Buenos Aires erschienen gleichzeitig zwei anarchistische Tageszeitungen – La Protesta und La Antorcha -, die eine morgens, die andere abends. In dem ganzen riesigen Land, das auf Europa übertragen vom Nordkap bis nach Sizilien reichen würde, propagierten gleichzeitig über 60 anarchistische Blätter die verlockenden Träume von Freiheit, die rebellischen Ideen eines Bakunin und die harmonischen Vorstellungen eines Kropotkin.

Als am 1. Mai 1904 auf einer anarchistischen Demonstration nach Berichten der konservativen Zeitung La Prensa 70000 Arbeiter erschienen, war dies in einer Stadt von knapp einer Million

Einwohner die größte Arbeiterkundgebung aller Zeiten. Seriöse Schätzungen vermuten, dass um den 1. Weltkrieg herum jeder zehnte erwachsene Argentinier organisierter Anarchist war oder zumindest stark mit den Anarchisten sympathisierte. Das alles aber sind nur die spektakulären Eckdaten einer Bewegung, die schließlich auch an ihren inneren Widersprüchen scheiterte. Kein

Grund jedenfalls zu triumphieren, eher schon Anlass, sich einige Dinge näher anzuschauen

Was haben die argentinischen Anarchisten angestrebt, wie haben sie gekämpft, wie gelebt?

Ihr Rückgrat waren die Gewerkschaften, die sich 1901 endgültig in der Federación Obrera Regional Argentina (FORA) zusammen schlossen und bis zum Peronismus in den 40er Jahren stets die Mehrheitsgewerkschaft stellten. Im Gegensatz zu den Sozialisten, die zahm und lammfromm mit den Unternehmern verhandelten und im Staat einen Vermittler sahen, war für Anarchisten die Gewerkschaft ein Kampfmittel mit zwei Funktionen:

zum einen sollten hier, heute und sofort die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen verbessert werden. Zum anderen sollten die Gewerkschaften Werkzeug der sozialen Revolution und Geburtshelfer der neuen Gesellschaft sein.

Für die Anarchisten waren Gewerkschaften nie reine Dienstleistungsbetriebe mit Vereinskasse, die die Löhne der Inflation anpassen sollten, sondern Kampforganisationen, mit denen man das System zermürbt, kippt und überflüssig macht. In den und um die Gewerkschaften herum bildete sich im Laufe der Zeit ganz neue Formen des Zusammenlebens, der Kultur und der Wirtschaft; hier lernten die Menschen, wie sie ihre Angelegenheiten und Probleme und die einer ganzen Gesellschaft s e l b s t in die Hand nehmen, organisieren und lösen konnten. Vom Lohnkampf über Erziehung, Kultur, Produktion und Verteilung bis hin zu den kniffligsten Fragen der Kommunikation, Organisation und Struktur. Nicht nur Kampf und Verteidigung wurden hier ein geübt, auch Solidarität und gegenseitige Hilfe, Toleranz und Demokratie, Verständnis für die Probleme der Arbeitswelt und Durchblick durch die oft schwierigen Zusammenhänge der Gesellschaft eines Landes.

Das alles bedeutet für Anarchisten, Gewerkschaftsarbeit machen. Mit dieser Form von Arbeiterbewegung gaben die Anarchisten sich und der Welt zum ersten mal eine praktische und machbare Antwort auf die Frage, wie sie denn aus der Bekämpfung und dem Sturz des verhassten

Staates eigentlich zu einer neuen Gesellschaft kommen wollten. Denn schließlich erfüllt der Staat ja auch eine Reihe nützlicher Aufgaben, die getan werden müssen, wenn es nicht wirklich zu Chaos, Hunger und Totschlag kommen soll.

Dreißig Jahre später konnten die spanischen Anarchisten beweisen, dass libertäre Gewerkschaften sofort und problemlos die positiven Staatsaufgaben übernehmen, umwandeln und volkstümlich

gestalten können. Gewerkschaft heißt im Spanischen sindicato. So wurde mit der neuen Idee auch ein neues Wort geboren: Anarcho-Syndikalismus. Diese tolle Idee mit dem schwierigen Namen

kam indes nicht aus Argentinien, sie lag überall in der Luft, und die Arbeiterbewegung ging sozusagen mit ihr schwanger. Allerdings nahm sie in der República Argentina schon sehr früh konkrete Formen an. Der Anarcho-Syndikalismus hat auch ganz besondere Kampfformen: die direkte Aktion. Wie bei allen genialen Ideen liegt auch hier der Trick in der Einfachheit: es wird immer das getan, was das Problem direkt angeht und löst. Hungern die Menschen, bittet man nicht seinen Abgeordneten um Hilfe, sondern man gibt ihnen zu essen und nimmt das Brot denen, die

es besitzen. Sind die Löhne zu niedrig, streikt man direkt für höhere Löhne, wenn es sein muss, nimmt man sich den Unternehmer auch direkt vor, statt dem Staatspräsidenten einen Brief zu schreiben. Gibt es keine Schulen, so hofft man nicht auf die Kirche oder das Erziehungsministerium, sondern man gründet eigene. Ist der Arbeitstag zu lang, bringt man keinen Gesetzentwurf im Parlament ein, sondern macht einfach früher Feierabend – überall und gleichzeitig.

Die argentinischen Anarchisten haben dieses Prinzip sehr geliebt und auf fast alle Situationen angewandt. In den zwanziger und dreißiger Jahren hatten sie auch eine sehr direkte Methode der Geldbeschaffung — für die Familien Inhaftierter oder zur Organisierung eines Streiks: nicht ein Sparbuch wurde eröffnet, sondern eine Bank überfallen. Und wenn jemand im Knast saß, wurde er eben heraus geholt, wenn es irgend ging…

Die Idee der direkten Aktion ist nicht neu und keine Erfindung der Anarchisten. Sie ist in der Geschichte der Menschen millionenfach erfunden worden, immer wieder neu. Sie hat etwas von der erfrischenden Direktheit kleiner Kinder und der Dickköpfigkeit von Menschen, die zu oft an der

Nase herumgeführt wurden. Ich würde sagen, sie ist naiv in einem sehr positiven Sinne des Wortes, dabei aber ungemein wirksam. Bis heute scheiden sich die Geister an der direkten Aktion: die einen beten zu Gott, er möge die Pershings aus Europa abziehen, die anderen hauen mit dem Hammer drauf. Zwar nur symbolisch, aber immerhin. Die einen erhoffen vom Staat, er möge ihre maroden Betriebe sanieren und die Arbeitsplätze erhalten, die anderen besetzen den Betrieb und führen ihn in Selbstverwaltung weiter. Die einen wählen eine bestimmte Partei, die verhindern möge, dass man Atombomben zündet oder Wale ausrottet, die anderen blockieren mit dem eigenen Schiff die Militärs und die Walfänger. Und in Frankreich, wo die Arbeiter sowieso weniger zahm sind als in Deutschland, passierte unlängst folgendes:

Ein Unternehmer weigerte sich, seinen Arbeitern am Fließband ausreichende >Pinkelpausen< zu gewähren. Alle gute Worte nutzten nichts. Man hatte die Nase voll. Statt nun Bittbriefe ans Parlament oder ans Fernsehen zu schreiben, hat man das Büro des Direktors besetzt — mit ihm darin. Dort hat man ihn zwei Tage festgehalten. In dieser Zeit konnte er seine Notdurft neben dem Schreibtisch verrichten und hatte genügend Muße, nachzudenken. Diese Aktion war sehr direkt und sehr erfolgreich: die Pausen wurden genehmigt. Ein banales Beispiel, zugegeben, aber sehr symbolträchtig. Die Wahl zwischen direkter Aktion und indirekter Aktion ist die Wahl zwischen selbst handeln und delegieren, zwischen Selbstverwaltung und verwaltet werden, zwischen selbst regieren und regiert werden. Das erklärt auch, warum direkte Aktionen bei allen staatserhaltenen Strömungen wie Sozialismus, Kommunismus, Sozialdemokratie oder Kirche so unbeliebt sind.

Die Argentinier beschlossen schon 1901 und 1904 auf ihre FORA-Kongressen, dass der »Generalstreik die Basis des wirtschaftlichen Kampfes und der Streik eine Schulung zur Rebellion« zu sein habe. Sie verhandelten immer direkt mit den Fabrikanten oder Großgrundbesitzern, und wenn es nichts brachte, wurden sie bekämpft. Direkt und hart. Den Staat ignorierten sie dabei völlig. Die Liste ihrer Erfolge ist beachtlich, und nur wenige Argentinier ahnen heute, wem sie gewisse selbstverständliche Annehmlichkeiten zu verdanken haben. Schon 1905 wurde die Sonntagsarbeit verboten, das Streikrecht wurde in die Verfassung aufgenommen, die ersten arbeiterfreundlichen Gesetze verabschiedet. Renten, Unfallversicherung und Arbeitslosenversorgung, später auch der Achtstundentag, gingen auf den Druck und das soziale Klima des Anarchismus zurück.

Die Anarchisten wollten natürlich mehr, vor allem eine andere Gesellschaft. Sie haben sie nicht bekommen, aber dies sind Reste ihres Kampfes, die geblieben sind. Eine solche kämpferische, rasch anwachsende und immer beliebter werdende Bewegung zog sich natürlich den Hass der Herrschenden zu. Militärs und Reiche bekamen es mit der Angst. Ihre Waffe war alles andere als direkt, sie war hinterlistig. Natürlich setzten sie sich nicht mit anarchistischer Philosophie auseinander oder ließen gar das Volk entscheiden. Sie verabschiedeten einfach ein Gesetz. Es hieß ley de residencia und bedrohte alle, die nicht in Argentinien geboren waren, mit sofortiger Abschiebung, wenn sie dumm auffielen. Die meisten Anarchisten fielen dumm auf und die wenigsten waren in Argentinien geboren. Ein regelrechter Ausländerhass wurde geschürt, der je nach Situation antisemitisch1, antislawisch, antiitalienisch war und zu regelrechten Pogromen2 rührte. Tausende der mutigsten Kämpfer und Propagandisten wurden deportiert, die Bewegung entscheidend geschwächt. Es war ein langer Kampf, bis dieses Gesetz schließlich unter dem Druck der Anarchisten fiel, aber da waren bereits unzählige von ihnen an das faschistische Italien Mussolinis abgeschoben worden…

Das Ausländergesetz war aber nur die eine Seite der staatlichen Unterdrückung. Es gab noch eine andere, den Terror. Er wurde in Argentinien zur traurigen Tradition und kostete noch vor wenigen Jahren fünfzehntausend Menschen das Leben. Die Bürger begannen sich zu bewaffnen, und sie bewaffneten sich gut. Immer öfter verfielen sie darauf, anarchistische Druckereien anzuzünden, Bibliotheken zu überfallen, Streikposten anzugreifen, Arbeiterführer zu liquidieren. Der saubere Verein, der das organisierte, nannte sich Liga Patriótica und war offiziell ein elitärer Club reicher und reaktionärer Bürgersöhnchen; für ihre Aktionen rekrutierten sie aber den Abschaum der Gesellschaft: vom Zuhälter bis zum begnadigten Mörder. Auch Polizisten und Offiziere mischten fleißig mit, wenn sie gerade dienstfrei hatten. Den Anarchisten wurde die Gewaltfrage gestellt, und daran spalteten sie sich. Im Winter 1918/19 tobte in Buenos Aires ein heißer Generalstreik. Seinen Anfang hatte er im größten Metallbetrieb des Landes, Vasena, genommen. Einige Arbeiter waren entlassen worden, die Betroffenen und deren Kollegen ignorierten das einfach. Die Betriebsleitung entließ weitere, da trat die ganze Belegschaft in den Streik. Man setzte Streikbrecher ein, die Anarchisten schmissen sie aus der Fabrik. Die Polizei schoss auf die Anarchisten und tötete etliche, die Liga Patriótica überfiel anarchistische Lokale. Das war zu viel. Der Anlass war nichtig, aber es lag Revolution in der Luft. In Russland war gerade der Zar gestürzt worden, und in Deutschland meuterten die Matrosen…

Die Polizei war so unklug und schoss auch noch in den Trauerzug, der die ermordeten Anarchisten zu Grabe trug. Nun rief die FORA zum bewaffneten Generalstreik auf, aber es gab keine Waffen. Arbeitertrupps überfielen die Waffengeschäfte der Hauptstadt, erbeuteten aber nur jämmerliche Flinten. Die Liga Patriótica plünderte inzwischen die Arbeiterviertel, lynchte Juden und steckte Synagogen in Brand. Zwei Wochen tobte der ungleiche Kampf, und obwohl die Arbeiter weitgehend waffenlos dastanden, trugen sie den Sieg davon. Zwar nicht den erhofften, ihre revolución libertaria, aber die ursprünglichen Bedingungen wurden sämtlich akzeptiert: die Entlassenen wurden wieder eingestellt, alle Verhafteten freigelassen, die Mörder sollten verfolgt und die Schäden bezahlt werden, und auch eine ganze Liste alter Forderungen der Gewerkschaft wurden erfüllt. Der populistische Präsident Hipólito Yrigoyen war nämlich klüger als seine Polizei. Seine Radikale Partei< spürte, dass eine Fortsetzung entweder zur Machtergreifung durch die Militärs oder zur anarchistischen Revolution geführt hätte. So gab er lieber klein bei. Die Anarchisten aber hatten ihre Jungfräulichkeit verloren. Man hatte sie ins Blut getaucht, und sie hatten davon geleckt. Von nun an bestimmt die Debatte und die Praxis um Gewaltfreiheit und Gewalt die Kämpfe. Die radikaleren Anarchisten kritisierten an der FORA, dass sie den Kampf beendet hatte und warfen ihr Reformismus vor. Die FORA verwies auf die Hunderte von Toten, die mangelnde Bewaffnung und die Aussichtslosigkeit des Kampfes. Alle bisher erreichten Strukturen hätten auf dem Spiel gestanden. Die anarchistische Bewegung stand, wie so oft, vor der unlösbaren Gretchenfrage:

kontinuierlicher Kampf und Aufbau einer neuen Gesellschaft in Schritten oder alles auf eine Karte setzen und die Machtfrage in offener Feldschlacht stellen? Diese Frage ist ein auswegloses Dilemma, und nur selten ist die Situation so günstig wie 1936 in Spanien, als beides möglich war. Sie stellt sich heute in der Bundesrepublik genauso wie beim Eintritt der Anarchisten 1936 in die Regierung von Katalonien3, sie quälte Gandhi4 ebenso wie Durruti5, und sie spaltet heute weltweit Alternativler und Punks, Pazifisten und Autonome, Gewerkschafter und Stadtguerillas. Das ist schade, denn diese Spaltung nimmt der bunten, vielfältigen Bewegung für die Freiheit ihre Kraft.

Auch die Argentinier brachten es nicht fertig, eine Synthese zwischen beiden Tendenzen zu finden. Die wäre durchaus denkbar gewesen, denn weder waren die >gemäßigten Anarchisten< echte Pazifisten oder gar Reformisten, noch waren die radikalen Anarchisten überzeugte Terroristen oder

gar gegen Gewerkschaften. Aber die Bereitschaft zum Dialog, die Fähigkeit zu libertärer Toleranz und zu einem gemeinsamen Konsens war sehr schwach. Die Rivalitäten gingen schließlich so weit, dass sich beide Fraktionen untereinander mit Waffen bekämpften. Es gab Tote. Die Militanten um die Zeitung La Antorcha propagierten zunehmend gewaltsame Aktionen und prägten das Wort vom exproprierenden Anarchismus, was heißen will: Enteignung. Obwohl auch sie in der Arbeiterbewegung verwurzelt waren, einige Syndikate unterhielten und ihre Streiks oft mit «Bomben in Fabriken, Werften und auf den Estancias begleiteten, verwandten sie ihre hauptsächliche Energie auf Banküberfälle, Geiselnahme und Attentate auf verhasste Gegner der Arbeiter. Sie entwickelten so eine Kampfform, die man heute Stadtguerilla nennt. Sogar im Geldfälschen waren sie Meister – damit wollten die den Kapitalismus schwächen. Die besten Blüten fertigte übrigens ein deutscher Anarchist namens Erwin Polke im Gefängnis von Punta Carreta…

Die gemäßigte FORA um die Zeitung La Protesta wollte den Weg stetiger Streiks, direkter Aktionen und einer neuen Kultur weitergehen und hoffte so, den Staat zu schwächen und zu überwinden. Bisweilen verstiegen sich FORA-Philosophen zwar zu idealisierten, philanthropischen6 Illusionen, im großen und ganzen aber war ihre Strategie durchaus realistisch. Das Tragische bestand eigentlich darin, dass jeweils der einen Fraktion eine Portion von dem fehlte, was sie an der jeweils anderen bekämpfte. Vorbei waren jedenfalls die beschaulichen Zeiten, da der Anarchismus in Argentinien der sympathische, Kämpfende große Bruder der kleinen Leute war. Anarchisten hatten die Industriearbeiter organisiert und ihnen gezeigt, wie man sich wehrt und etwas erreicht. Sie hatten die ersten Landarbeitersyndikate gegründet und ihre Ideen und Kämpfe bis in den letzten Winkel des Landes getragen. Sie hatten Arbeiterbibliotheken errichtet und Schulen gegründet, Kooperativen aufgebaut und Theater übers Land geschickt. Sogar die Musik hatten sie nachhaltig beeinflusst, und anarchistische Vokabeln hielten Einzug in Tangos und Sambas, die von umherziehenden payadores auf jedem Fest gesungen wurden. Den Typ des linyera hatten sie hervorgebracht, einen umherziehenden Agitator mit wallendem Haar und langem Bart; halb Hippie, halb Gelehrter, der mit Büchern, Gitarre und Pferd durch die Pampa zog und den Leuten Lesen, Schreiben und das ABC des Anarchismus beibrachte. Nun war alles anders. Selbst auf den so beliebten riesigen Picknicks, die die Anarchisten an Wochenenden mit Vorliebe auf den Inseln im Delta des Rio Paraná zu veranstalten pflegten, dominierte die Gewaltdiskussion.

Sonst ein Ort der Bildung, Erholung und Debatte, wo Anarchisten und Sympathisanten die nächsten Streiks besprachen und Gedichte vortrugen, sangen oder philosophierten, fanden nun Schießübungen statt. Das erschreckte nicht nur die Frauen und Kinder, sondern auch die Flussfischer, die Angst vor verirrten Kugeln hatten. »Wir weisen noch einmal darauf hin, bei unseren Picknicks keine Schusswaffen zu benutzen und bitten, dafür Sorge zu tragen, dass auch die,

die nicht in der Lage sind, diese Anweisungen zu lesen, davon in Kenntnis gesetzt werden« schrieb La Protesta 1921.

 

Einig waren sich die verschiedenen Fraktionen schließlich nur noch in ihrer gemeinsamen Betreuung der Gefangenen, Deportierten und Hinterbliebenen. Die gemeinsame Gefangenenhilfe, das comité pro presos war der einzige Ort, an dem man noch miteinander sprach. Überhaupt musste die Bewegung nun immer mehr Energie, Geld und Zeit aufwenden, um den Inhaftierten und ihren Familien zu helfen. Aus der Offensive war man unversehens in die Defensive geraten. Noch einmal wendete sich das Blatt. 1921/22 erhoben sich die Tagelöhner auf den Estancias im fernen Patagonien. Auch hier war es zunächst nur ein Streik, der von spanischen, argentinischen und deutschen Anarchisten der FORA geführt und rasch gewonnen wurde. In Scharen liefen die chilenischen Saisonarbeiter, die als peones unter unsäglichen Bedingungen arbeiten mussten, zu den Anarchisten über, und man fragte sich, wieso man eigentlich nicht »die soziale Revolution machen« sollte. Hier, im dünn besiedelten Süden, hatten die Spaltungen kein großes Echo gefunden, und die Regierung war weit. Der Präsident hatte ein solch geringes Interesse an dieser Region, dass sie nicht

einmal den Status einer Provinz besaß – Patagonien und Feuerland waren >Nationalterritorien< und befanden sich de facto gänzlich in der Hand von englischen Großgrundbesitzern. Ihre Gesellschaften verwalteten das Land fast wie eine britische Kolonie. In kürzester Zeit besetzten die Anarchisten ein Gebiet, größer als die Bundesrepublik. Die Organisation des Streiks war perfekt, und Reitertrupps stürmten von Estancia zu Estancia, proklamierten den comunismo libertario und erklärten Privatbesitz, Armee und Staat für abgeschafft. Die peones waren begeistert und einige Tage lang besoffen. Die Anarchisten aber wollten mehr und drängten die Tagelöhner zu Disziplin. Man machte sich Gedanken, wie man die enteigneten Estancias in Selbstverwaltung fortführen sollte. Das wäre sicherlich nicht einfach gewesen, denn die patagonische Schafzucht ist Monokultur7, die nur vom Export leben kann. Das Landproletariat fand es zwar toll, dass die Blutsauger verjagt waren, aber sie waren unvorbereitet und nicht wie ihre Klassenbrüder in den Städten seit Jahrzehnten mit den Ideen des Anarchismus vertraut. Aber man wollte es versuchen…

Dazu kam es dann nicht mehr. Nach langem Zaudern entsandte die Regierung eine Strafexpedition. Die Aufständischen konnten sich nicht mehr der Viehzucht widmen – sie mussten sich verteidigen. Es war ein aussichtsloser Kampf. Das 10. argentinische Regiment leistete ganze Arbeit. Sein Kommandant, Coronel Hector Benigno Varela, war ein winziger Mann mit grenzenlosem Patriotismus, der das Vaterland von dem ausländischen Geschmeiß ein für allemal säubern wollte.

Er hinterließ 1800 Tote. Auch die, die sich kampflos ergaben, wurden erschossen. Zuvor mussten sie sich ihre eigenen Gräber schaufeln, denn der patagonische Boden ist steinig und hart, und argentinische Soldaten sind faul. Alles musste schnell gehen, bevor die Presse davon Wind bekam, denn Argentinien hatte offiziell die Todesstrafe abgeschafft. Auch diese makabre Tradition hat sich in unsere Tage hinüber gerettet. So, wie Oberst Falcón in Simón Radowitzky seinen Rächer fand, so fand auch Coronel Varela den seinen: der aus Hamburg eingewanderte deutsche Anarchist Kurt Wilckens erschoss ihn ein Jahr später auf offener Straße in Buenos Aires. Wilckens wiederum wurde in der Untersuchungshaft im Schlaf erschossen – von einem Mitglied der Liga Patriótica namens Temperley, den die Beamten eingelassen hatten. Temperley seinerseits kam in eine psychiatrische Anstalt, wo er von dem geisteskranken Jugoslawen Lucich mit den Worten »Dies schickt dir Wilckens!« erschossen wurde. Dieser hatte die Waffe von dem russischen Arzt und Biologen Boris Wladimirovich, der zu den >Enteignungsanarchisten< gehörte und eine Wechselstube überfallen hatte. Dafür wurde er zum Tode verurteilt, obwohl niemand verletzt worden war, dann zu lebenslänglich Ushuaia begnadigt. Da er jedoch todkrank war, setzte er seine ganze Intelligenz und Energie dafür ein, als Geisteskranker anerkannt und nach Buenos Aires verlegt zu werden, wo er Lucich zu dem Attentat überreden konnte, da er selber an Temperley nicht herankam. Diese wahre Moritat von staatlichem und anarchistischem Mord zeigt wie keine andere die endlose Spirale von Gewalt und Gegengewalt, deren absurde Eigendynamik weder zu verstehen noch aufzuhalten ist. Am 6. September 1930 beendeten die Militärs die Phase von 16 Jahren repräsentativer Demokratie und setzten so den Anfang vom Ende der anarchistischen Bewegung. Der General Uriburu, ein offener Bewunderer Mussolinis, kam an die Macht. Die Uneinigkeit der Anarchisten hatte ihm seinen Putsch ungemein erleichtert, darum verfolgte er sie um so eifriger. Alle Gewerkschaften wurden verboten, ebenso die Publikationen der Anarchisten. Der General machte keinen Unterschied zwischen friedlichen und militanten Anarchisten. Beide Strömungen leisteten noch über Jahre hinweg erbitterten Widerstand, jede mit ihren Mitteln. Aber ihre Kraft war verzehrt. Das Rückgrat der Bewegung, ihre Verankerung in der Arbeiterschaft, wurde aber erst ab 1945 gebrochen. In den dreißiger Jahren versuchte die Militärregierung, sich eine zahme Gewerkschaft heranzuzüchten: die aus Sozialisten, Kommunisten und reinen Syndikalisten gebildete UGT. Die FORA hielt an ihrem alten Kurs fest und führte einige mutige, auch erfolgreiche Streiks durch und gewann zeitweilig sogar wieder Zulauf. 1942 kam durch einen erneuten Putsch Juan Domingo Perón an die Macht, ein macchiavellischer8 Oberst mit linken Phrasen und rechter Politik. Er wurde zu einem Volkstribun und baute um sich und seine Frau Evita einen Personenkult auf, in dessen Taumel die Argentinier glaubten, sich von den Ketten des Imperialismus, ihrem nationalen Minderwertigkeitskomplex und den hohen Brotpreisen gleichzeitig befreien zu können. Perón machte aus der UGT ein Regierungsanhängsel und gleichzeitig einen machtvollen Apparat nach faschistischem Muster. Er beschnitt auf der einen Seite gewisse Privilegien der alten Oligarchie9, schuf aber gleichzeitig eine neue, privilegierte Kaste korrupter Funktionäre und Militärs und ganz nebenbei fielen natürlich für die Arbeiter auch einige spürbare Verbesserungen ab. Die Staatspropaganda verstand es, diese Errungenschaften gehörig herauszustellen; ein Stoff, aus dem noch heute die Mythen um Perón und Evita gewoben sind. Bis in die siebziger Jahre hinein bestimmten wechselweise Perón selber oder sein Mythos die argentinische Politik. Dem waren die Anarchisten nicht mehr gewachsen. Noch in den 50er Jahren dominierten sie in vereinzelten Branchen, führten Streiks und spannten den Peronisten bisweilen noch ganze Syndikate aus. Aber das waren Rückzuggefechte. Noch heute gibt es in Buenos Aires die FORA, sie hat auch noch ein paar Syndikate, ein Gewerkschaftshaus im Hafenviertel und eine Druckpresse, aber sie fuhrt ein Schattendasein. Ihre Aktivisten stehen fast alle weit im Rentenalter, viele von ihnen saßen lange Jahre in Ushuaia. Auch La Protesta erscheint noch, ungefähr im neunzigsten Jahrgang und seit kurzem gibt es auch La Antorcha wieder. Aber die alte Bewegung, die Arbeiterbewegung, ist tot. Nicht so die anarchistische Idee, und obgleich die alten Namen der historischen Zeitungen wieder auferstanden, sind es doch heute junge Anarchisten, die sie herausgeben. Sie gehören einer anderen Generation an, leben in einer anderen Welt und fetzen sich auch nicht mehr wie seinerzeit ihre Vorläufer. Die anarchistische Idee hat sich gehalten. Sie ist in den kurzen Phasen der Liberalisierung und der Demokratie immer wieder aufgetaucht. 1968, 1974, 1984…, jedes mal schaffte es die Idee überraschend schnell, wieder zu einer Bewegung zu werden. Sie sind wieder da, die jungen Anarchisten. Aber mit neuen Ideen, neuen Strategien, neuem Elan. Vom Syndikalismus der zwanziger Jahre, vom militanten Kampf, von den alten Genossen können sie heute viel lernen – wiederholen können sie diese Bewegung nicht.

 

Moral

In diesem schnelllebigen Drama der sozialen Kämpfe Argentiniens ist der Held unserer Story, Simón Radowitzky, nur ein Statist. Aber kein unbedeutender. Denn er war wirklich ein Held – seine Genossen haben ihn dazu gemacht. In jenen Jahren war der Name Radowitzky so populär wie heute Nelson Mandela, Angela Davis oder Andrej Sacharow. Heute kennt ihn in Argentinien niemand mehr, man würde seinen Namen vielleicht für eine Wodkamarke halten. Aber damals, viele Jahre hindurch, stand er auf Häuserwänden in Berlin und Boston, in Tokyo und Lissabon. Dabei war Simón eigentlich gar nicht der Typ des Helden, eher war er schüchtern und von weichem Gemüt. Für die Bourgeoisie Argentiniens war er eine Bestie, der Inbegriff der Boshaftigkeit; für die Anarchisten war er ein Märtyrer, sie machten ihn zu einer Art Heiligen. Ihm selbst war das eher peinlich, obwohl ihm die Glorifizierung durch seine Genossen aus Buenos Aires sicherlich das Leben gerettet hat. Hätte man ihn hinter den Gefängnismauern vergessen, hätte er nicht mehr lange zu leben gehabt. Armee und Polizei sahen in ihm eine Herausforderung, einen persönlichen Feind. Den personifizierten Feind. Für seine Mitgefangenen war er schlicht ein guter Freund und Kumpel. Alle, bis hinauf zum Gefängnisdirektor, bestätigten ihm ein hohes Maß an sozialer Verantwortung und Würde; bis zur Selbstaufopferung setzte er sich für andere ein.

Im Nationalgefängnis beschwerte er sich einmal darüber, dass er in eine triefend feuchte Zelle gesteckt wurde. Der Direktor bedauerte, es sei gerade keine andere Zelle frei. Wenn er aber selbst arbeiten wolle, könne er sich eine trockene Zelle allein zu Ende bauen. Simón überlegte einen Moment und erklärte dann entschieden, dies könne er nicht tun: die Maurer seien zur Zeit im Ausstand und Streikenden würde er nicht in den Rücken fallen. Er kehrte in sein nasses Loch zurück.

Viele Mitgefangene hielten ihn deshalb wohl für ein wenig verrückt, aber mehr noch begriffen, was für Simón Radowitzky Anarchismus war: Solidarität mit den Unterdrückten, Kampf den Unterdrückern. Ich weiß nicht, ob es zwangsläufig so sein muss, aber die meisten Revolutionen bringen ihre Helden hervor. Vielleicht brauchen sie sie, vielleicht glaubt man auch nur, sie würden gebraucht. Jedenfalls wurde der bescheidene Simón zum Idol aufgebaut. Es war eine sentimentale Zeit mit einer blumigen Sprache. Der gepeinigte Russe passte gut ins Bild. Eine der zahlreichen Broschüren, die die Anarchisten über ihren Gefangenen Nummer Eins herausbrachten, trug den Untertitel »Meinem Freunde Simón Radowitzky als eine Opfergabe – seinen niederträchtigen Häschern als eine Ohrfeige« und schließt mit den Worten »Infamer Mörder, krepiere, Verfluchter!« Gemeint war der zweite Direktor der Strafanstalt von Ushuaia, Gregorio Palacios. Diese bombastische Sprache, der tremendismo, war sehr in Mode und ganz besonders bei den Anarchisten. Kein Wunder, dass auch die liberale Presse auf ihn aufmerksam wurde. Selbst der sentimentale porteño10 meinte nun, für eine aus selbstlosen Motiven begangene Tat seien zehn Jahre genug. Für diesen Zeitpunkt wurde allgemein eine Amnestie erwartet. Als sie nicht kam, unternahmen die Anarchisten ihren Befreiungsversuch, aber Simón kam zurück in die »weiße Hölle von Ushuaia«. Es sollte weitere elf Jahre dauern, bis Radowitzky die Freiheit wieder sah: im Jahre 1930 wurde er begnadigt und gleichzeitig aus Argentinien verbannt. Er lebte zunächst in Uruguay, engagierte sich bei den dortigen Anarchisten, hielt Vorträge, schrieb Artikel, leistete Kurierdienste zu den Genossen in Brasilien. Als die spanische Revolution ausbrach, reiste er nach Madrid und kämpfte gegen Franco und den Faschismus. Die Revolution starb, Simón überlebte. Er konnte nach Mexiko entkommen, wo er bis zu seinem Tode am 29. Februar 1956 ein bescheidenes Leben führte.

Er nannte sich nun Raúl Gómez und schrieb Artikel für kleine anarchistische Blätter und schickte Care-Pakete mit Lebensmitteln an politische Gefangene im hungernden Europa – er, die »mordende Bestie«, die der Staatsanwalt einst so beschrieb: »Er gehörte zu jener Kaste von Halbwilden, die in der russischen Steppe vegetieren und ihr kümmerliches Leben zwischen der Unbarmherzigkeit der Natur und den Unbillen ihrer niederen Herkunft fristen…« Der deutsche Anarchist Augustin Souchy, gestorben 1984 im Alter von 91 Jahren, war ein enger Freund Radowitzkys und wurde sein Biograph. Ihm hat er anvertraut, dass er die Tat alleine geplant und ausgeführt hatte. Die Bombe habe er an seinem Arbeitsplatz heimlich selbst hergestellt, und das Geld für die Pistole musste er sich buchstäblich vom Munde ab sparen. Nach der Tat richtete er die Waffe gegen sich selbst, verfehlte aber aus Nervosität das Herz. Er verabscheute Gewalt, und eben deshalb habe er Falcón getötet. »Wenn es oben kein Recht gibt«, erklärte ihm Radowitzky, »muss es von unten ausgehen; wenn das Kollektivgewissen versagt, muss das Individualgewissen reden. Das bewog mich Neunzehnjährigen, selbst Vergeltung zu üben.« Und Souchy fügt hinzu: »Gewalt war für ihn nicht Selbstzweck. (…) Er hatte geistig nichts zu tun mit den fanatischen Attentätern unserer Tage, die bei der Verfolgung ihrer Ziele das Leben Unschuldiger nicht schonen. Sein einmaliger Vergeltungsakt war die Bestrafung eines unter dem Schutz der Staatsgewalt stehenden Schuldigen. Von Attentätern seines Schlages hat kein Volk etwas zu befürchten, das die Freiheit und den Frieden liebt.« Simón Radowitzky ist natürlich mehr als nur ein interessanter >Aufhänger<, um etwas über den Anarchismus in Argentinien erzählen zu können. Er ist zugleich einer der letzten anarchistischen Attentäter überhaupt. 1909, als seine Bombe dem Coronel Falcón die Beine zerfetzte, gehörte sein Typus eigentlich schon einer vergangenen Phase des Anarchismus an, einer Phase, die insgesamt kaum zehn Jahre gedauert hatte, aber bis heute jedes gängige Vorurteil über den Anarchismus prägt. Die Anarchisten nannten dies die Propaganda der Tat,, die Bürger nannten es Mord, Terror, Chaos. Eben das, was man noch heute landläufig unter Anarchie versteht. Hat irgend jemand das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen? Sicher nicht. Auch nicht die Anarchisten. Kann irgend jemand einer geschundenen Kreatur verbieten, sich zu wehren, sich zu rächen? Ja, das kann man, aber es ist lächerlich. Ein Grundsatz des Anarchismus fordert die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln. Eine freie Gesellschaft kann man nicht mit unfreien Mitteln erreichen, ein friedliches, harmonisches Nebeneinander nicht mit Dynamit herbei bomben. Tut man es doch, birgt dies bereits den Keim zu neuer Unfreiheit, neuer Gewalt in sich, der in der künftigen Gesellschaft üppig wuchern würde. Dieser Grundsatz ist also das genaue Gegenteil von solch verbreitetem Irrsinn, dass man etwa über eine >Diktatur des Proletariats< zur sozialistischen Freiheit gelangen könne oder durch Polizeistaatsmethoden zu mündigen Bürgern.

 

Für die Anarchisten heiligt der Zweck also n i c h t die Mittel.

 

Reden wir deshalb nicht von den spontanen Wutausbrüchen, von geplünderten Kirchen oder erschlagenen Folterern, von angesteckten Polizeikasernen oder gelynchten Staatsdienern. Solche Eruptionen11 des angestauten Volkszorns wird es immer geben, solange Unterdrückung, Erniedrigung und Demütigung Instrumente der Herrschaft sind; sie haben mit Anarchismus nichts zu tun. Die alten Ostfriesen ließen gelegentlich schon mal einen fürstlichen Steuereintreiber im Grühnkohltopf verschwinden, ein drangsalierter Jude im Jahre Null hat schon mal einen römischen Besatzer erschlagen, auch wurde schon mal ein Inquisitor12 gelyncht, und auch Benito Mussolini wurde ohne Gerichtsurteil einfach erschossen. Über solche Dinge mag man schaudern oder sich klammheimlich drüber freuen, das ändert nichts daran, dass die Opfer bisweilen den Spieß umdrehen. Denn der Inquisitor, Mussolini und der Römer haben eines gemeinsam: die lange Liste ihr e r Opfer. Nein, das hier wird keine Rechtfertigung von Gewalt. Solche Gewalt entzieht sich jeder Rechtfertigung wie auch jeder Verdammung. Sie wird immer wieder produziert von vorausgehender Gewalt. Sie ist für Täter und Opfer kein ethisches Problem und kennt keine Abwägung von Gut und Böse. Über diese Art von Gegen-Gewalt den Stab zu brechen, wäre so pervers, wie etwa einer jüdischen Mutter, die, nackt, mit ihrem Kind auf dem Arm, in Auschwitz in die Gaskammer getrieben wird und in ihrer Verzweiflung dem SS-Offizier die Pistole entreißt, den Vorwurf der Körperverletzung zu machen. Sowas bringen allenfalls Juristen fertig. Reden wir statt dessen von g e p 1 a n t e r Gewalt, von Attentaten. Simón Radowitzky hat den Coronel Falcón nicht in Notwehr erschlagen, sondern an ihm die Toten gerächt. Gewiss, er war betroffen. Er hatte das Massaker auf der Plaza Lorea miterlebt. Mehr noch: als vierzehnjähriger Metallarbeiter war er in seiner ukrainischen Heimatstadt Jekaterinoslaw bei einer Straßendemonstration von Kosaken durch Säbelhiebe an der Brust so schwer verletzt worden, dass er ein halbes Jahr krank im Bett liegen musste. Damals wurde Simón Anarchist. All das ist vielleicht für einen Psychologen oder Staatsanwalt von Interesse. Ich aber will Simón Radowitzky nicht verteidigen oder verurteilen, geschweige denn psychisch sezieren. Mich interessiert das Verhältnis, das Anarchisten zu individueller Gewalt haben.

Es hat tatsächlich eine Zeit gegeben, in der große Teile der anarchistischen Bewegung im individuellen Attentat den Stein der Weisen sahen. Diese Phase, vor allem in Frankreich, aber auch in Russland und vereinzelt in Spanien, Deutschland13 und Italien, hatte ihren Höhepunkt in den Jahren 1891 bis 1894. Sie machte aus der Not eine Tugend, und ihr Konzept leuchtete besonders den Verzweifelten ein. Die Not bestand darin, dass die Arbeiterbewegung nach der blutigen Niederschlagung der Pariser Commune von 187114 in einer Sackgasse steckte. Sie war die erste organisierte Erhebung des Proletariats gegen Staat, Kapital, Armee, Kirche und bürgerliche Institutionen. Sie war ihren Formen und Inhalten nach libertär und endete unerhört brutal: Tausende communards wurden ermordet, eingekerkert, verbannt. Andererseits lebte die Arbeiterschaft in jenen Jahren in dem Glauben, die soziale Revolution stünde unmittelbar vor der Tür. Fast zwangsläufig erwartete man ihr Erscheinen, wenn nicht heute, dann spätestens übermorgen. Man müsse Staat und Kapital nur mal kräftig gegen das Schienbein treten, dann würden sie schon umfallen.

Als der kollektive Aufstand scheiterte, schlug die Stunde der individuellen Kämpfer. Sie predigten eine einfache Idee: einzelne, entschlossene Männer sollten besonders verhasste Repräsentanten des Systems – Könige, Bischöfe, Polizeichefs, Präsidenten – durch gezielte Attentate töten. Die wären dann ja nicht mehr da, der Gegner also geschwächt. Das wiederum würde dem Volk Mut machen, sich zu erheben. Ein jeder würde erkennen, dass der mächtige Gegner verwundbar sei. Die Prozesse könne man zu leidenschaftlichen Anklagen gegen das System nutzen, darin läge großer propagandistischer Wert. Und wenn man dann angesichts der Guillotine ein entschlossenes »Vive l’Anarchie!« ausrief, hätte man der Idee einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Außerdem brauchte man dazu keine starke Bewegung, nur ein paar Entschlossene.

Es war wie ein Patentrezept, das alle Probleme der verzweifelten Bewegung jener Jahre mit einem Schlag zu lösen schien. Den Pferdefuß, dass man dabei die >Anwesenheit des Ziels in den Mitteln< vergessen musste, also mit unfreien Mitteln freie Zustände geschaffen werden sollten, >vergaßen< die meisten Anhänger dieser Richtung in ihrer Begeisterung. Die Sache hatte aber noch mehr Haken. Das Volk tat alles andere, als den Attentätern begeistert nachzustürmen.

Es glotzte,

es konsumierte,

es applaudierte allenfalls.

Statt zu zerfallen, festigte sich die Macht der Herrschenden. Unter dem Druck des Dynamits verschwanden Rivalitäten. Statt zu Kreuze zu kriechen, holte der Machtapparat zum Gegenschlag aus: jeder Anarchist, ja, die gesamte Arbeiterbewegung musste mit Verfolgungen, mit Verhaftungen, mit er Liquidierung rechnen. Die ausgeflipptesten Kriminellen begannen plötzlich, ihre Taten mit dem Zauberwort > Anarchie!« zu rechtfertigen. Der gesamte Anarchismus konnte nun mit Leichtigkeit diffamiert werden, jeder Anarchist war fortan ein Bombenleger, nichts weiter. Am Ende blieb der Bewegung nur ein Haufen Märtyrer und viel zerschlagenes Porzellan. Dabei hatte nur ein Teil der Anarchisten die Propaganda der Tat getragen, und nur eine kleine Minderheit sie jemals angewandt. Der wirbelte dafür aber um so mehr Staub auf. Der größere Teil sprach sich entschieden

dagegen aus, unter ihnen auch Kropotkin und Malatesta. Es sei eine Illusion, den Zusammenhalt der Ausbeuter durch ein paar Kilo Sprengstoff brechen zu können. Diese Lehre kam den Anarchisten teuer zu stehen, und sie zahlen noch heute dafür. Dafür aber war die Lehre von Dauer: die

Zeit der Propaganda der Tat war mit dem 1. Weltkrieg endgültig vorbei. Zwar wurde auch in späteren Kämpfen noch Gewalt angewendet, auch wurden noch Attentate verübt, aber als beispielsweise die spanische Gruppe >Los Solidarios< 1923 einen der Verantwortlichen für die zahllosen Morde der pistoleros des Unternehrcierverbandes erschoß15, so war das ein Akt der Notwehr, der die absolute Ausnahme bildete, der im Rahmen einer kollektiven Strategie stand und von dem man sich auch nicht den Ausbruch der Revolution erhoffte. Das mag dem Opfer wohl ziemlich egal gewesen sein, aber dass individueller Terror kein Kampfmittel des Anarchismus sein kann, ist in der anarchistischen Bewegung seit sechzig Jahren eine Binsenweisheit. »Tou can’t blow up a social relationship« lautet der Titel einer Streitschrift, die australische Anarchisten im Jahre 1985 gegen eine Gruppe junger Linker veröffentlichte, die davon träumten, in ihrem Land eine Guerillabewegung à la RAF zu gründen. Aber auch der Teil der Bewegung, der damals ans Dynamit glaubte, tat dies nicht ohne Skrupel und durchaus selbstkritisch. Les Temps Nouveaux schrieb 1895: »Unter den Unglücklichen, die von den Zuständen des gegenwärtigen Lebens hingeopfert wer den, begehen die einen direkt Selbstmord, während die anderen es vorziehen, sich vorher an jenen zu rächen, denen sie die Schuld an ihrem Elend zuschreiben. Der Anarchismus kann solche Akte weder verhindern noch hervorrufen. Es ist nicht der Anarchismus, der das Elend und die Unterdrückung hervorruft.«

Jedenfalls verschwand diese bombige Idee ebenso schnell wieder, wie sie aufgetaucht war. Die große Mehrheit der Bewegung sah rasch ein, dass dies weder ein erfolgversprechender, noch ein vertretbarer Weg zur Freiheit sein konnte. Der Anarchismus überwand diese Krise und entwickelte neue, konstruktivere Formen des Kampfes. Der Schatten der Bombe aber lastet noch heute auf ihm. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu grotesk. Die Frage der Gewalt ist für den Anarchismus in keiner Weise prägend oder entscheidend. In ihr unterscheidet er sich nicht im geringsten von allen anderen politischen, religiösen oder weltanschaulichen Strömungen. Der Anarchismus ist keine einheitliche, in sich geschlossene Lehre und auch keine homogene Bewegung. Er ist zunächst nichts weiter als eine Geisteshaltung mit einem zentralen Freiheitsbegriff, und unter diesen Begriff kann sich ein jeder stellen. Anarchisten haben keine Parteien und Mitgliedsbücher, keine Gewissensprüfungskommissionen, Aufnahmerituale oder Ausschlussverfahren. Niemand kann einem anderen verbieten, sich Anarchist zu nennen und vielleicht etwas ganz anderes darunter zu verstehen als andere. So ist es ganz verständlich, dass es immer Anarchisten gab, die Gewalt prinzipiell und kategorisch ablehnten, aber auch solche, die Gewalt zum Prinzip erhoben. Zwischen diesen beiden Extrempositionen liegt die ganze Bandbreite einer bunten, vielfältigen Bewegung. Das ist aber überall so und keinesfalls charakteristisch für Anarchisten. Liberale und Nationalisten, Rassisten und Christen, Mohammedaner und Republikaner, Demokraten und Kommunisten, Imperialisten und Sozialisten, Sandinisten und Protestanten, Palästinenser und Israelis, Unternehmer und Separatisten, Föderalisten und Faschisten, Kaufleute, Forscher und Wissenschaftler, Braune, Rote, Schwarze, Grüne, Bunte und

Schwarzrote haben zu allen Zeiten mehr oder weniger intensiv Gewalt angewandt, haben Bomben gelegt, Menschen getötet, Geiseln genommen, ohne dass es einem vernünftigen Menschen einfallen würde, auch nur eine dieser Strömungen als Bombenleger zu d e f i n i e r e n . Die absolut m e i s t e n Morde indes geschehen im Namen des Staates; das ist so offensichtlich, dass man es nicht einmal zu beweisen braucht. Er baut, besitzt und benutzt die meisten Bomben, und das ist das eigentlich Groteske an dem Gewaltvorwurf gegen den Anarchismus: objektiv betrachtet ist der Staat der b e r u f s m ä ß i g e Terrorist unter allen Terroristen. Er baut seine Bomben nicht in Schwarzarbeit wie Simón Radowitzky, sondern massenweise in Fabriken. Er unterhält eine ganze Klasse von Menschen, die berufsmäßig zum Morden und Bomben werfen ausgebildet werden. Oder was ist ein Luftwaffenpilot etwa anderes als ein professioneller Bombenwerfer? Im Vergleich zum

Terrorpotential des Staates sind die paar anarchistischen Attentäter — viel- leicht zwei Dutzend an der Zahl – hoffnungslose Dilettanten. Der Staat, seine Armeen, seine Polizisten, seine agents provocateurs, seine Geheimdienste, das sind die Profis. Ein Blick in eine beliebige Tageszeitung von heute beweist, dass die Anklage des Staates gegen die Anarchisten, sie befürworteten Gewalt, nichts als Heuchelei ist.

Die Schlagzeilen sind voll von Terror und Gegenterror. Kein Hahn kräht danach. Für den Staat war Gewalt nie eine Frage von Moral, für ihn ist sie ein wichtiges Monopol. Er hat nur Angst, dass ihm jemand ins Handwerk pfuscht und seine eigenen Waffen gegen ihn kehrt. Der israelische Staat und die Palästinensische Befreiungs-Organisation bekämpfen sich seit zwei Generationen ausschließlich mit den Mitteln des Terrors: Bomben, Mord, Geiselnahme, Angriffe auf Flugzeuge, Attentate. Zehntausende Menschen sind diesem Konflikt schon zum Opfer gefallen, und es ist nur einer von

zahllosen Konflikten auf dieser Erde. Worum geht es? Letztendlich um zwei verschiedene Auffassungen von Staatlichkeit, um eine Gruppe von Menschen, die einen Staat haben, und eine andere Gruppe, die einen gründen will. Hier heiligt der Zweck tagtäglich jedes Mittel. Der ehemalige Staatspräsident Israels, der am Anfang seiner Karriere noch eigenhändig Menschen erschoss und Bomben legte und dies später den von ihm bezahlten Fachleuten befahl, ist ein großer Staatsmann und erhielt den Friedensnobelpreis. Der Führer der Palästinenser, für den dieser Lebenslauf ebenso gilt, ist gleichfalls ein großer Politiker und hält Reden vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Kann sich jemand vorstellen, dass jemals der Staat als Terrorist defin i e r t würde? Kann sich jemand vorstellen, dass jemals Simón Radowitzky vor einem Völkerparlament hätte sprechen dürfen? Zweifellos ist es statistisch, historisch und moralisch eher zu vertreten, die katholische Kirche als >Folterer< zu bezeichnen oder den Staat als Terroristen als den Anarchismus als >Bombenwerfer<. Es tut aber niemand, denn alle diese Definitionen sind absurd, alle drei. Ich sagte vorhin, niemand habe das Recht, einen anderen zu töten, und das gelte auch für Anarchisten. Die Betonung liegt aber auch auf n i e m a n d: Weder der Mörder hat dieses Recht, noch sein Henker hat es, weder Radowitzky hatte ein solches Recht noch Falcón, noch die Richter, die ihn zum Tode verurteilen, weder der unterdrückte Mensch noch der Unterdrücker. Nur – wer sich am allerwenigsten an diese Ethik hält, ist der Staat.

 

Die moralische Frage von Gewalt ist ein Problem, mit dem sich die Anarchisten immer herum gequält haben und mit dem sie sich auch weiter herum quälen werden. Der Staat tut das nicht. Anarchisten müssen mit diesem ihrem Widerspruch leben und selber zurechtkommen – der Staat soll dazu gefälligst seinen Mund halten.

 

Idi Amin als Kommissar für Menschenrechte könnte nicht absurder sein als der Staat in der Rolle einer moralischen Instanz in der Gewaltfrage. Bertrand Russell, der englische Philosoph, Pazifist und Anarchist, hat das treffend ausgedrückt: »Anarchisten glauben, ebenso wie Sozialisten, an die Notwendigkeit des Klassenkampfes, und wenn sie Bomben benutzen, dann ist das genauso, als wenn Regierungen im Krieg Bomben benutzen. Aber für jede Bombe, die je ein Anarchist geworfen hat, und für jeden Menschen, der durch anarchistische Gewalt getötet wurde, wurden Millionen durch staatliche Gewalt ermordet. Wir können daher die ganze Frage der Gewalt, die in der allgemeinen Einbildung eine sehr große Rolle spielt, beiseite lassen weil sie weder etwas Wesentliches, noch etwas Besonderes für die anarchistische Position darstellt.« Das Dilemma der Anarchisten ist damit freilich nicht gelöst, wie das Beispiel Argentinien zeigt. Hier wurde besonders klar, dass sich Gewalt oft nicht vermeiden lässt. Man muss schon die Seele eines Märtyrers haben, um sich gegen den Staatsterror nicht zu wehren. Die argentinischen Anarchisten waren solche Märtyrer nicht, sie haben sich gewehrt. Jeder, der nicht meint, die Herrschenden würden eines Tages wegen der besseren Argumente der Unterdrückten freiwillig abdanken, muss wissen, dass sich gewaltsame Auseinandersetzungen – gleich in welcher Form – kaum vermeiden lassen werden. Gewalt kann viele Formen und Gesichter haben, und letztendlich ist schon der Druck, den Menschen auf andere Menschen ausüben, damit diese etwas tun, was sie nicht wollen, eine Form der Gewalt. Ein Hungerstreik Gandhis ist in diesem Sinne ebenso Gewalt wie Machnos Guerillaarmee. Es dürfte wohl auf der Hand liegen, dass für Anarchisten die Gewalt à la Gandhi< im Zweifelsfalle der >Gewalt à la Machno< fraglos vorzuziehen ist. Nur: die Herrschenden stellen die Machtfrage meist in ihrem Sinne und mit ihren Mitteln, und diese Mittel bestehen meist in nackter Gewalt.

Gewalt bei Anarchisten darf daher nie zum Selbstzweck werden, zu etwas, an das man sich gewöhnt, woran man sich begeistern kann. Die Glorifizierung von Waffen, Helden, Kampf sind sichere Anzeichen für dieses Übel. Für einen Anarchisten kann Gewalt allenfalls zu einem widerlichen, zeitweise notwendigen Übel werden, dem man keine Chance geben darf, sich zu verselbständigen. Das war sicher einer der Gründe, warum kämpfende Anarchisten – sei es in Kronstadt, in Paris, in der Ukraine, Spanien oder Patagonien – sich niemals als Soldaten verstanden haben und stets darauf aus waren, ihre Kampfgruppen so schnell wie möglich wieder aufzulösen. Dem radikalen Flügel der argentinischen Anarchisten ist die Gewalt zeitweise zum Wegweiser geworden. Sie hat sich verselbständigt, war nicht mehr M i t t e l , sondern I n h a l t des Kampfes.

Das war sehr tragisch, nicht nur wegen der vielen Opfer auf beiden Seiten. Schlimmer war. dass das Ziel dabei auf der Strecke blieb. Solange der argentinische Anarchismus mit der großen Masse der Ärmsten rechnen konnte, solange die soziale Lage der Menschen aus Unterdrückung und krassem Elend bestand, war die Bewegung stark, war ihre Kreativität lebendig. Die Regierung in Buenos Aires brauchte bloß ein paar Brosamen ausstreuen, hier und da Verbesserungen einführen und gleichzeitig gewalttätig provozieren, und schon setzten sich die Anarchisten schachmatt. So leicht konnte man sie aus tricksen!

Auf diese Strategie fanden sie keine passende Antwort mehr. Die hatten über dem Kampf vergessen, auch k o n s t r u k t i v zu denken. Sie konnten keine Wege mehr aufzeigen, wie man zur neuen

Gesellschaft kommen kann. Die >Anwesenheit des Ziels in den Mitteln< ist ein intelligenter Grundsatz des Anarchismus. Jeder Mensch weiß, dass das ein Z i e l ist, ein Ziel, das man beständig anstreben muss, das aber nicht immer einzuhalten ist. Eine Maxime wie die Philosophen sagen würden. Die argentinischen Anarchisten haben diese Maxime zu oft aus den Augen verloren. In der hitzigen Polemik der zwanziger Jahre schrieb die junge Anarchistin Victoria D’Andrea, die den bewaffneten Widerstand durchaus verteidigte, den Anarchisten von damals und denen von heute diese einfachen Sätze ins Stammbuch:

 

»Wir sind nicht Anarchisten, weil wir hassen, sondern weil wir das Leben lieben; der Mensch ist von Natur aus ein geselliges Wesen, und wir kämpfen dafür, dass jeder wieder zu seinem Recht kommt, über sein Leben zu verfügen, das heißt, die jetzige Gesellschaftsform zu vernichten und eine anarchische aufzubauen, die der natürlichen Entwicklung des Menschen gerecht wird. Da für uns Mord unmenschlich ist, können wir ihn nicht als Kampfmethode akzeptieren.«

 

 

1.)Antisemitismus = Bewegung gegen die Juden/das Judentum; Judenhass – teils aus rassischen, politischen, religiösen, finanziellen, mystischen oder idiotischen Gründen. Antislawismus = Hass,Abscheu, Verachtung gegenüber Slawen, also den Bewohnern Polens, des Balkans und Zentralrusslands, überwiegend auf grund kultureller oder rassischer Überheblichkeit (ähnlich dem >Türkenhass< in der heutigen BRD).

2.)Pogrom = Hetze, Ausschreitungen gegen Minderheiten, bei denen die Opfer häufig verletzt, vergewaltigt, getötet werden und deren Besitz gestohlen oder zerstört wird.

3.)Am 4. November 1936, vergleiche Kapitel 5!

4) Mahatma Gandhi (1868-1948), Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, der mit

gewaltfreiem Kampf die englische Kolonialmacht besiegte. Seine Methoden der Nicht- Kooperation und des Zivilen Ungehorsams bilden die Grundlage für den heutigen gewaltfreien Anarchismus. Gandhis religiös-pazifistische Ideen kommen in vielem der Philosophie des Anarchismus nahe.

5.)Bonaventura Durruti (1896-1936), vergleiche Kapitel 5!

6.)philanthropisch = >menschenfreundlich<, wird oft spöttelnd benutzt für eine Haltung, die in Mensch, Natur und Gesellschaft nur das Gute sieht und die Probleme ignoriert.

7) Monokultur = landwirtschaftliche Nutzung mit überwiegend nur einem Produkt (Pflanze oder Tier).

8.)macchiavellisch = politisch hinterhältig, unmoralisch, skrupellos; Macchiavellismus = eine durch keine Bedenken gehemmte Machtpolitik, die der Macht den Vorrang vor der Moral gewährt, also das anarchistische Verständnis von Staat (nach d. ital. Staatsmann Macchiavelli).

9.)Oligarchie = Herrschaft einer kleinen Gruppe, hier: der Reichen (Großgrundbesitzer, Industrielle, Bankiers, Militärs).

10.)porteños nennt man in der Umgangssprache die Einwohner von Buenos Aires.

11.)Eruption = Ausbruch, plötzliche Entladung von angestauter Wut.

12.)Inquisitor = von der kath. Kirche bis ins 18. Jahrhundert eingesetzte Beamte, die Hexen, Andersgläubige, Häretiker, Ketzer usw. mittels Denunziation, Gefangennahme, Befragung, Folter und anderer Quälereien >überführen< sollten. Die meisten Menschen, die je der Inquisition in die Hände fielen, wurden grausam hingerichtet.

13.)1883 versuchte eine Anarchistengruppe um den Schriftsetzer August Reinsdorf, den Kaiser zusammen mit den deutschen Fürsten und dem gesamten Hochklerus anlässlich der Einweihung des Niederwald-Denkmals in die Luft zu sprengen. Das Attentat scheiterte, nie mand kam zu Schaden. Reinsdorf wurde 1985 enthauptet.

14.)Vom 18. 3. bis 29. 5.1871, in der Folge der frz. Niederlage im Kriege mit dem dt. Reich.

15.)Vergleiche Kapitel 5!

 

 

 

Bücher:

Über den argentinischen Anarchismus gibt es in Deutsch nur spärliche Literatur; in Spanisch umfangreicheres Material. Der Aufstand von Patagonien wurde erst seit 10 Jahren systematisch aufgearbeitet; der deutschstämmige Argentinier Osvaldo Bayer hat fünf Bände darüber veröffentlicht, die nicht übersetzt vorliegen. Kürzere Abhandlungen finden sich in:

– Osvaldo Bayer, Anarchismus in Argentinien, 32 S., Verlag Die Schwarze Kunst, Elmstein/ Pfalz

– Osvaldo Bayer, Des Siegers einzige Niederlage, In: >Hoffnung in der Hölle, Lateinamerikanische Skizzen<, 160 S., Konter Verlag, Nürnberg

– Bruce Chatwin, In Patagonien, 266 S., Rowohlt Verlag, Reinbek

– Augustin Souchy, Vorsicht Anarchist! (insbes. die Kap. 6, 9, 16), 309 S., Trotzdem-Verlag, Grafenau

– Augustin Souchy, Betrifft: Lateinamerika, edition mega, Frankfurt

– Carlos Rama, Die Arbeiterbewegung in Laetinamerika – Chronologie und Bibliographie 1492- 1966, 294 S., Verlag Gehlen, Bad Homburg

 

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Written by floriangrebner

11. März 2011 um 20:40

Eine Antwort

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