Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat IV: Der Plüschsessel

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Der Plüschsessel

Story

»Bernhard, schau doch mal herüber…«

»Was denn?«

»Wer hat denn diesen Bockmist verzapft? So kann man das doch nicht durchgehen lassen.«

Bernhard Becker kam müden Schrittes an die Arbeitsbank, wo der Redakteur Most über die Korrekturfahnen gebeugt stand. Neben ihm lag das Blei der frisch umbrochenen1 Titelseite der >Chemnitzer Freien Presse<, und vor ihm stand ein halb leergetrunkener Krug Bier.

»Hier schreibt mal wieder wer so lahm wie ein Zechengaul:

>…daher hat der Reichstag dem Proletarier gegenüber die Pflicht, unsere Petition positiv zu bescheiden. Zehn Stunden Tagesarbeit sind wahrlich genug! Der Proletarier ist Teil, ist Glied der Nation, und wenn der Reichstag die Vertretung der Nation ist, kann er diese unsere Petition nicht zurückweisen…<

Wer soll ihm das wohl glauben? Vielleicht die Chemnitzer Maschinenbauer? Das ist doch reinstes Opportunitätsgeschwafel!«

Most langte nach seinem Bierkrug und tat einen Zug. Das Gebräu war schal, aber er merkte es nicht. Als er den Krug wieder absetzte, platzte er heraus:

»Ich werde das umschreiben! Man muss den Arbeitern sagen, was wirklich ist. Vom Reichstag irgendwelche Reformen zu erwarten, ist einfach lächerlich. Ebenso gut könnte man von einem Dornbusch Trauben ernten. Der Reichstag ist doch zu ganz anderen Zwecken da; er hat nur die nötigen Mittel für den Militarismus zu beschaffen und der kapitalistischen Gründlerei unter die Arme zu greifen, nach Bismarcks Pfeife zu tanzen und im übrigen das Maul zu halten…«

Most hielt inne und schaute Becker erwartungsvoll an. Der lächelte nur matt und entgegnete:

»Der Artikel ist von Hasenclever, das wird Ärger geben.«

»Um so schlimmer«, ereiferte sich der Redakteur erneut, »gerade die Parteileitung darf keine falsche Hoffnung nähren. Was meinst du wohl, wo die Petition landen wird? Ich will es dir sagen – im Papierkorb!«

Becker zuckte resigniert die Schultern:

»Und was würdest du den Arbeitern erzählen? Sollen sie sich aufhängen?«

»Unsinn! Wir dürfen ihnen nur eine Hoffnung weisen, die einzig wahre, die ihr Los ändern wird. Die soziale Revolution, Bernhard! Die soziale Revolution!! In meiner ersten Rede in Chemnitz hier, du weißt es doch, habe ich genau dasselbe gesagt, und die Massen haben gejubelt…«

»Und du hast Redeverbot in Leipzig, Dresden, Glauchau, Meerane, Reichenberg und überall sonst erhalten…«

»…ja, mein Lieber, und bin sofort Herausgeber der Chemnitzer Freien Presse geworden und Euer Reichstagskandidat…«

Becker gab auf. Diese Diskussion hatten die beiden schon zu oft geführt, und im Grunde hatte Most ja recht. Die Petition würde sehr wahrscheinlich abgelehnt, und den meisten Parteigenossen ging die Art, wie der Vorstand abwiegelte und die sozialistische Revolution auf den Sanktnimmerleinstag verschob, schon lange gegen den Strich. Trotzdem – dieser Most wollte immer mit dem Kopf durch die Wand. Besser gesagt, mit dem Maul, denn eines musste man ihm lassen: war er auch der radikalste Kopf der Sozialdemokratie weit und breit, reden konnte der Johann, dass die Fetzen flogen und ihm die Herzen zu Füßen lagen. Und schreiben. Binnen weniger Wochen hatte er das sieche Blättchen wieder in Schwung gebracht, und die Chemnitzer Freie Presse verkaufte nun jeden Tag 1200 Exemplare. Als Most kam, waren es gerade noch 200 gewesen. Vor wenigen Wochen erst waren sie aus dem alten Pferdestall in eine richtige Werkstatt umgezogen und hatten eine Schnellpresse gekauft…

»Na, was meinst du, Bernhard, soll ich einen neuen Leitartikel schreiben?«

»Johann, es ist dreiviertel zwölf! In zwei Stunden muss das Blatt in Druck und heute noch musst du auf der Versammlung sprechen. Für den Parteikongress in Dresden liegt auch noch eine Menge Arbeit auf deinem Schreibtisch. Ich würd’s lassen…«

»Ach, hols der Teufel, du hast ja recht. Aber eins will ich dir sagen: die Hasencleverei werden sich die Arbeiter nicht mehr lange gefallen lassen. Dieser weltfremde Kathederoberlehrer auf seinem Thron hat doch keine Ahnung, wie’s hier unten in der Arbeitswelt wirklich aussieht. Auf dem Kongress werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen.«

»Aber ja doch, Johann… und nichts für ungut, doch hier ist die Lithographie für die Titelseite. Wir müssen noch zwei Zoll unten wegnehmen oder auf die Vignetten verzichten…«

»In Dreiteufelsnamen die Vignetten raus! Der Stich von der Pariser Commune wird mir nicht verhunzt!«

Die beiden Männer gingen wieder an die Arbeit. Die Zeit drängte, das sozialistische Tageblatt musste heute früher erscheinen, und es wurden zweitausend zusätzliche Exemplare gebraucht. Denn heute sprach Johann Most auf einer öffentlichen Veranstaltung, da gab es immer regen Zulauf

und großen Absatz. Eine Stunde verging, bis alles für den Druck fertig war. Die Pariser Barrikade prangte unbeschnitten auf der ersten Seite, umrahmt von dem lahmen Artikel Hasenclevers, der Johann Most soviel Verdruss machte.

»Komm, fass mal mit an. Wir bringen den Umbruch schon rüber zur Presse. – Ja, so,… hier, gib acht, dass du nicht stolperst und die Lettern wieder durch die Werkstatt purzeln wie neulich…«

»Schon gut, ich schaffs schon – so. Wie ist’s, kommst du mit zur >Stadt Köln<? Es ist schon Mittagszeit, und die Wirtin wartet nicht gerne. Heute gibt’s Leberfleck mit Wirsing.«

»Ach, Bernhard, geh‘ du nur allein. Ich hab‘ noch zu tun… du weißt ja, die Rede für heute Abend und da ist auch noch ein Brief von den Wiener Kameraden, der dringend auf Antwort wartet. Ich mach‘ mir einfach die Graupen von gestern warm. Ein frisches Bier kannst du mir aber mitbringen, dieses hier schmeckt schon so fad wie das Gerede der Pfaffen.«

Bernhard Becker schlüpfte in sein Cape und setzte seinen Hut auf, denn es regnete. Beim Hinausgehen schüttelte er kaum wahrnehmbar den Kopf. Dieser Hansdampf! Wo der nur die Energie hernahm? Vergangene Nacht war er erst um ein Uhr früh von einer Versammlung heimgekehrt und hatte sich dann daran gemacht, die Abonnentenlisten zu revidieren. Kaum vier Stunden hatte er auf dem schäbigen Sofa im Redaktionszimmer geschlafen, und schon in der Früh stand er wieder am Setzkasten. »Dem fehlen Frau und Kinder«, dachte der verheiratete Becker, »dann vergehn ihm auch die Flausen.«

Most hatte sich unterdessen heißen Tee aus der Kanne nachgegossen, die auf dem Kanonenofen stand, und es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Die Füße hatte er hochgelegt und unter die Schuhe eine Ausgabe der Vossischen Zeitung geschoben. Auf seinen Knien lag ein Stoß Papier; ein wüstes Durcheinander von Notizen, Druckfahnen, Ausschnitten aus Zeitungen und Briefen. Auf dem Stuhl neben ihm stand eine Zigarrenkiste. Mit einem Seufzer fingerte der Redakteur, dankbar über die endlich eingekehrte Ruhe, in dem Kästchen herum und fand noch zwei Zigarren darin. Schmunzelnd nahm er eine heraus, biss das Ende ab und spuckte es auf den Boden. Die Dinger waren von der billigen Sorte und trugen den Namen >Vaterland<. Das machte nichts; der >vaterlandslose Geselle< war nicht kleinlich in kleinen Dingen.

Es klopfte. Most kümmerte sich nicht darum. Das Klopfen wurde heftiger. ».. .Verdammt…« Ächzend kam der Redakteur vom Sofa hoch.

»Ich komme ja schon!« Er schaute auf seine Taschenuhr. »Nicht mal die Mittagsruhe respektieren die Leute«, murmelte er, als er den Riegel zurück schob. Vor ihm stand der Amtsdiener Ratznick, in voller Uniform und mit dem kurzen Säbel. Most kannte ihn gut.

»Na, Ratznick, was führt denn die Obrigkeit zu mir? Etwa wieder eine neue Anklage? Das wäre die vierundvierzigste in diesem Jahr – hab‘ ich wieder mal Hochverrat begangen?«

»Nein, mein lieber Most, diesmal ist’s schlimmer. Ich habe strikten Befehl, Sie zu sistieren und stante pede zur Polizeidirektion zu eskortieren!«

»Und wenn Sie mich nun nicht an getroffen haben?«

»Nein, nein, mein Lieber, diesmal geht’s nicht so glimpflich ab.« Ratznick beugte sich vertrauensvoll vor, und fast flüsternd fuhr er fort:

»Es ist der Polizeidirektor höchst selbst, der nach Ihnen schickt. Er hat sich eigens aus Leipzig her bemüht. Mir scheint, er will ein Exempel statuieren.«

»Na, aber meinen Tee werd’ ich doch wohl noch trinken dürfen? So kommen Sie doch herein!«

Der Amtsdiener trat über die Schwelle, nahm seine Pickelhaube ab und setzte sich auf den Stuhl, den ihm der Redakteur hinstellte. Er strich sich übers schüttere Haar und seufzte vernehmlich. Überhaupt schien er nicht sehr glücklich zu sein.

»Sie wissen, Herr Most, ich mach‘ das nicht gerne…«

»Ja, ja, ich weiß, Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.« Jovial bot Most dem Beamten seine letzte >Va terland< an. Dieser akzeptierte dankend, und nachdem Most seinen Tee getrunken hatte, zogen beide durch die regennasse Gasse zum Polizeigebäude. Die Unterredung dort war kurz,

aber heftig. Der Polizeidirektor Rüder war, in Begleitung eines jungen Staatsanwaltes, eigens aus Leipzig angereist, und Rüder war ein Mann, der Achtung gewohnt war und keinen Widerspruch duldete. Mit knappen Worten eröffnete er Most, dass er binnen zwölf Stunden die nun fälligen Geldstrafen für die achtzehn Delikte zu zahlen habe, was nach Abzug der Kostenerstattung für die 25 Freisprüche noch immer einen Betrag von 120 Talern ausmachte. Most konterte frisch drauflos, wie es so seine Art war: dass er sechs Taler Wochenlohn erhielte und damit besseres zu tun hätte, als die sächsische Justizkasse zu mästen. Alsdann wandte er sich dem jungen Staatsanwalt zu und begann auf diesen einzureden, als ob er auf der Tribüne stünde. Von >Gesetzesplänkeleien< war da die Rede und von >dummen Papierchen<, und als der Sozi schließlich begann, auf die Advokaten zu schimpfen, schnitt ihm der Polizeipräsident das Wort ab. Er sei nicht hier, um Agitationsreden zu halten, sondern um als Verurteilter entweder die Buße zu zahlen oder aber zwei Monate abzusitzen. Und er, der Polizeipräsident, sei nicht eigens nach Chemnitz gereist, um ihm dies zu eröffnen, sondern um ihm anzudeuten, dass er all diese Unannehmlichkeiten auch umgehen könnte, wenn er Sachsen verließe, und zwar für immer. Die Obrigkeit würde ihn wegen dieser Delikte nicht weiter verfolgen, sofern er sich außerhalb des Königreiches aufhielte. Darum auch die zwölf Stunden Bedenkzeit. Und er könne sicher sein, saß, so er nicht auf dieses großzügige Angebot einginge, man ihm sein Leben in Chemnitz schon zu versauern wüsste. Stocksteif machte Rüder dem überraschten Redakteur dieses illegale Angebot, und auch der Staatsanwalt verzog keine Miene. Als Most endlich den Raum verlassen durfte, wandte sich der Polizeipräsident mit gedämpfter Stimme an den Staatsanwalt, der die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt hatte:

»Dem werden wir das schiefe Maul auch noch zu stopfen wissen!«

Spät in der Nacht saßen Most, Becker und ein gutes Dutzend der aktivsten Parteigenossen wieder in dem engen Redaktions- und Druckraum der >Chemnitzer Freien Presse< und debattierten erregt. Er hatte sie kurz ins Bild gesetzt und nur von den Möglichkeiten Geldstrafe oder Gefängnis berichtet. Das unseriöse Tauschgeschäft, das Land gegen Straffreiheit zu verlassen, kam für ihn selber nicht in

Frage, und darum hatte er es unerwähnt gelassen.

»Wir können dich auf keinen Fall missen, Johann! Jetzt, wo Bebel und Liebknecht im Gefängnis sind und die ganze agitatorische Last in Sachsen auf deinen Schultern ruht!«

»Sehr richtig! Vor dem Kongress haben wir noch viele Massenversammlungen. Gerade jetzt nach dem verlorenen Metallerstreik hören die Arbeiter nur noch auf dich.«

»Ja, und wer soll die Zeitung redigieren, wenn du im Roten Turm sitzt?«

»Ihr denkt doch nicht im Ernst, dass ich den Justizkanaillen hundertzwanzig Taler in den Rachen schmeiße?« empörte sich Most. »Mit dem Geld können wir Besseres anstellen! Ihr wisst doch, in welcher Finanzklemme wir mit dem Blatt gerade mal wieder stecken.«

»Du willst doch nicht freiwillig ins Verlies einrücken?!«

»Von Freiwilligkeit kann gar keine Rede sein. Aber wenn der Staat meine Haut haben will, dann verkaufe ich sie ihm so teuer wie möglich. Ihr könnt mir glauben: wenn ich wegen hanebüchener Anklagen, wegen Pressedelikten und Beleidigungen ins Gefängnis gehe, dann wird den Fatzkes diese Anklage moralisch auf die eigenen Füße fallen! Das macht auch propagandistisch mehr Wirbel als ein Dutzend Reden. Ich habe schon oft gebrummt, Freunde, und im Gefängnis ist’s so übel nicht. Meine Redaktionsarbeit kann ich auch von dort verrichten, und ein bisschen Ruhe kann mir nicht schaden.« Most schmunzelte und nahm wieder einen Schluck vom Punsch, der heute Abend hier die Runde machte. »Ich kenne die Juristerei nun in- und auswendig. Mit ein paar Winkelzügen, Appellationen und Instanzen können wir den Strafantritt auch ohne Advokaten noch ein paar Wochen hinauszögern, und bis dahin ist der Kongress vorbei, und die Reden sind gehalten.«

»Aber das Geld ist doch heute bei der Kollekte zusammengekommen. Du könntest es morgen auf der Justizkasse einbezahlen.«

»Auf das sich mir dabei der Magen umdrehen würde? Diese Taler, werter Genosse, stammen vom Schweiße unserer Klassenbrüder, und die haben’s nicht so dick. Wo wäre es besser aufgehoben als im Klassenkampfe? Damit können wir das Blatt retten. Was wollt ihr eigentlich? Einen freien Redakteur ohne Zeitung oder eine Zeitung mit einem Redakteur, der vorübergehend aus der Zelle schreibt?«

Das war ein gewichtiges Argument, und die Stimmung schlug langsam um. Vermutlich hätte sich Johann Most auch nicht viel um die Stimmung der Genossen gekümmert und seinen Kopf auch ohne ihren Segen durchgesetzt, aber mit ihrem Segen war’s doch besser. Er konnte sie verstehen, die Chemnitzer Sozis. Sie wollten >ihren Most<, den ihnen eine glückliche Fügung vor nicht einmal einem Jahr beschert hatte, nicht so schnell wieder missen. Der gerade nach einer langen Haftstrafe aus Österreich abgeschobene Buchbindergeselle war mehr zufällig für den verhinderten August Bebel als Redner auf einer Versammlung eingesprungen. Das hatte ihn mit einem Schlag berühmt gemacht, und nun rissen sich alle Ortsvereine um den begabten Agitator, der wie kein anderer die Gefühle der Arbeiter verstand und sie zu begeistern vermochte. Wenn er sprach, dann zog er vom Leder und traf ins Schwarze. Es war noch kein halbes Jahr her, als er, von den Behörden bedrängt, wieder in seine bayrische Heimat zurückreiste und ein Telegramm der Chemnitzer Genossen ihn inständig bat, umzukehren, um die sozialistische Zeitung vor dem Ruin zu retten. Nun hatte er das marode Tagblatt von einem Mauerblümchen zu einem viel beachteten und gefürchteten Organ gemacht, das Abonnenten im ganzen Reich hatte. Ihr Ortsverein und viele andere aus der Umgebung waren seit dem Auftauchen des bärtigen Poltergeistes sichtlich aufgeblüht. Und nun sollten sie diese Dampfmaschine der Revolution wieder verlieren? Gewiss, die Parteiführung war nicht gerade glücklich über diesen radikalen Freigeist, aber die Arbeiter im sächsischen Revier liebten ihren Johann. Und der Ortsverein wusste, was er an ihm hatte. Die Genossen fürchteten nun, plötzlich ohne ihn dazustehen. Auch waren sie verstört von der Leichtfertigkeit, mit der Most mit der Obrigkeit, dem Kerker und seiner Freiheit umging.

»Kommt, Freunde, lasst die Köpfe nicht hängen! Ihr seht ja aus wie sieben Tage Regenwetter! Wenn die Arbeiter euch so sähen, euch, die Führer des Proletariats, würde sie der große Katzenjammer überkommen, und sie würden sich bei den Bismarckisten ausweinen… Nehmt euch einen Punsch, und lasst uns anstoßen – die Zukunft ist unser!«

So endete dieser schicksalsträchtige Abend feucht und fröhlich, und wenige Wochen später, im Juli 1872, stand Johann Most mit geschnürtem Bündel vor dem Tor des Chemnitzer Stadtgefängnisses. Wieder begleiteten ihn die Genossen, die auch beim Punsch dabei waren. Der Abschied geriet kurz, aber herzlich. Er wurde in den >Roten Turm< gebracht, einen enormen Klotz aus rotem Sandstein, Überrest einer mittelalterlichen Festung und vormals Schuldturm. Der Direktor des Gefängnisses wollte den >roten Most< lieber nicht zu den gemeinen Gefangenen stecken, dafür aber hatte er ihm das Gemach direkt unterm Dach, das lange Jahre leer gestanden hatte, säubern und reichlich mit Möbeln einrichten lassen – ganz nach dem Geschmack des bekannten Häftlings, ja, sogar nach dessen Anweisungen. Most sah sich um.

Das Zimmer gefiel ihm. Es hatte nach drei Richtungen Fenster, und der Blick über die Stadt war grandios. Fast genoss er es, einmal unbegrenzte Ruhe zu haben. Er setzte sich auf den Schemel und begann, seine Habe zu ordnen. Vor ihm lagen etliche Entwürfe zu Artikeln und Reden aus den letzten Monaten, die alle unvollendet geblieben waren. Nun würde er sie endlich fertig schreiben. Aber die Arbeit wollte ihm nicht recht von der Hand gehen; außerdem war der Schemel hart und unbequem. Most legte sich aufs Bett. Ein preußisches Feldbett. Wie das wohl nach Sachsen gekommen sein mochte? Wohlig streckte er sich aus und freute sich bei dem Gedanken, dass er nun überhaupt keine Hast haben würde, diese Arbeit zu beenden. Er lag jedoch nicht lange auf dem Bett, denn schon wieder kroch die alte Unruhe in ihm hoch. Da fiel ihm ein, dass er noch einige poetische Arbeiten machen wollte. Hierzu hatte er nun endlich die nötige Muße, es fehlte nur noch die Muse, die ihn küssen sollte. Wieder nahm er auf dem unbequemen Hocker Platz und holte mehrere kleine Bändchen hervor, die er schon in Österreich veröffentlicht hatte. Sie enthielten samt und sonders Spottgedichte und verballhornte Texte patriotischer Lieder mit revolutionärem Inhalt. In Schüttelreim und bissigem Witz war er ebenso firm wie in Agitationsreden. Das Wort >Proletenpoet< fiel ihm ein, und er notierte es sich auf einem Zettel. Vielleicht könnte er es später noch einmal verwenden.

Nun machte er sich über eine Spottversion des Patriotenliedes >Die Wacht am Rhein< her und begann zu werkeln. Nach einer halben Stunde stand der Text auf dem Papier und der Proletenpoet legte sich die Decke auf den Schemel, bevor er wieder Platz nahm und befriedigt zu lesen begann:

»Ihr dauert mich, Ihr armen Toren;

Euch macht die Knechtschaft wenig Fein;

Zu Sklaven seid Ihr auserkoren Und meint dabei noch frei zu sein:

Ihr könnet nichts, als Hässlich schrein,

das alte Lied, >Die Wacht am Rhein<;

Die Wi-Wa-Wacht am Rhein, Die Wacht am Rhein.«

Most stand auf, überlegte kurz, setzte sich wieder und strich das Wort >alte< aus und ersetzte es durch >blöde<. Nun grinste er. Das saß! Und dazu die >Crambambuli<-Melodie, da würden die kleinbürgerlichen Patriotenspießer, die er aufs Korn nehmen wollte, schäumen! Es klopfte. Hatte, er sich verhört? Nein, es klopfte tatsächlich. Das war nun wirklich neu! Anklopfen im Gefängnis? Die Schließer kamen sonst immer unangemeldet, wann immer ihnen der Sinn danach stand. Most stand auf und ging zur Tür. Sie war nicht verriegelt gewesen. Er war ja auch der einzige Gefangene im Turm, und unten vor der Tür stand ein Doppelposten. Es war ein Schließer, der nicht gerade freundlich, aber höflich eintrat:

»Der Herr Direktor bittet, Sie möchten ins Verwaltungsgebäude kommen. Vor dem Tor steht eine Rotte von Arbeitern und macht Rabatz. Sie möchten sie doch bitte beruhigen.«

»Und warum sollte ich das Ihrer Meinung nach tun? Was wollen sie denn?«

»Das weiß ich auch nicht, aber der Herr Direktor möchte eine bedrohliche Situation vermeiden. Sie möchten nur mit Ihnen sprechen.«

»Alsdann, ein bisschen Bewegung wird mir gut tun.« Gemeinsam gingen sie die enge Wendeltreppe hinab. Im Büro des Direktors stand eine Delegation von fünf Arbeitern; durch das Fenster konnte der Gefangene an die Hundert weitere erkennen, die sich vor dem Tor drängten. Die fünf waren jedenfalls keine Genossen aus der Parteiorganisation, Most kannte nur zwei oder drei Gesichter flüchtig.

»Nun sprechen Sie und bringen Sie Ihr Anliegen vor«, sagte der Direktor gespreizt.

»Genosse Most, schön, dich gesund zusehen!«

»Mir fehlt es an nichts, außer meiner Freiheit, und das ist nicht bitterer als das Geld, das euch für eure Familien fehlt.«

»Ja, ja. Trotzdem, wir haben uns gedacht, es könnte dir doch etwas fehlen. Wir haben ja in der Zeitung gelesen, dass du zwei Monate im Roten Turm sitzen sollst. Das können wir nicht verhindern. Noch nicht.« Der Arbeiter, ein junger Bursche in blauem Hemd mit rotem Halstuch,

warf einen raschen Blick auf den Direktor, der aber keine Miene verzog.

»Also, um es kurz zu machen: wenn wir es schon nicht verhindern können, so wollen wir dir das Sitzen mögest leicht machen. Wir sind Möbeltischler, und der Frieder hier, hat erst Kürzlich sein Gesellenstück gemacht. Es steht draußen vor der Tür. Ein Lehnsessel, bestens gepolstert und lide verarbeitet! Heute früh haben wir ihn zum Polsterer gebracht, du weißt, zum Genossen Gebauer in der Breslauer Straße, und der hat ihn mit rotem Samt bezogen. Wir dachten, das passt besser zu dir.«

»Und zum Turm«, ergänzte Most lachend.

»Und deshalb macht ihr einen Radau, als wolltet ihr’s Gefängnis stürmen?« Nun hatte auch der Direktor seine Haltung verloren, und er verlor sie noch mehr, als der junge Arbeiter leise, aber gut hörbar entgegnete:

»Alles zu seiner Zeit…« Der Direktor überging diese Äußerung und wurde geschäftig:

»Also herein mit dem Ding, und ab mit dem Most in den Turm!«

»Zu Befehl!« schnarrte der Gendarm und nahm den Arrestanten mit kräftigem Griff bei der Schulter. Nur widerwillig löste sich Most aus der Umarmung mit dem jungen Schreinergesellen. Sein Blick war verschwommen, rasch wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Dank euch, Genossen. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ich das Möbel gebrauchen kann!«

»Leb wohl!«

»Nun aber raus hier und nur keine Sentimentalitäten – und ihr, ihr schert euch an eure Arbeit! So ein Kokolores!« Wütend warf der Direktor die schwere Bürotür hinter Most, dem Gendarmen und den Arbeitern ins Schloss. Dann schloss er seinen Schreibtisch auf und nahm die Akte Most hervor. Er begann aufmerksam zu lesen. Die Akte war prall gefüllt, und das meiste waren inkriminierte Artikel, die die Staatsanwaltschaft fein säuberlich aus diversen Zeitungen herausgeschnitten hatte. Es war eine gute Stunde nach Dienstschluss, als der Direktor die Akte beiseite legte. Er hatte ohne Unterbrechung viereinhalb Stunden gelesen. Sein Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen.

Geschichte

Der rote Plüschsessel musste Most im Kerker gute Dienste geleistet haben, denn sein Schaffen dort war ganz enorm. Als er sich nach acht Wochen aus seinem Turmzimmer verabschiedete, war er sichtlich erholt. Das mag ketzerisch klingen angesichts von Folter, Isolationshaft und Unmenschlichkeit, wie sie heute weltweit, in verschiedenen Formen und auch in Deutschland im Knast zum System gehören.

Es handelt sich indes nicht um meine Interpretation, sondern um Mosts eigene Worte. Der unermüdliche Rebell hat viele Jahre seines Lebens in Kerkern zugebracht – in Österreich, in Sachsen, Preußen, England und den USA. Was Most schmerzlich erlebt und überliefert hat, muss diejenigen verwundern, die glauben, bei allen Schönheitsfehlern gehe der Weg vom Absolutismus über Monarchie, Republik hin zur Demokratie zwangsläufig einen Weg kleiner Fortschritte.

Langsam und graduell werde alles besser, meinen die Menschen, auch und besonders in Dingen der persönlichen Freiheit und der Menschlichkeit. Most jedenfalls berichtet, dass er nie so gut behandelt wurde wie in den Knästen des deutschen Kaiserreiches oder der österreichischen Doppelmonarchie. In England, dem Hort demokratischer Liberalität und Traditionen, war die Behandlung bedeutend härter und schikanöser, aber den Gipfel von Unmenschlichkeit und Niedertracht erlebte der gealterte Revoluzzer 1886 in den Gefängnissen des ach so freiheitlichen Amerika! Wenn man diesen Faden bis Stammheim weiter spinnt, so scheint Most so etwas wie ein Prinzip aufgedeckt zu haben. Nicht etwa, dass die Entwicklung zwangsläufig immer schlechter würde, sondern vielmehr, dass einerseits keine Verbesserung zwangsläufig und von alleine kommt: man muss schon dafür kämpfen. Und andererseits, dass wohlklingende Etiketten wie Demokratie, Bürgerrechte, Menschenwürde in der Wirklichkeit oft nur hohle Phrasen bleiben. Auch in einer Demokratie kann der Mensch geschunden, erniedrigt, gequält werden — und dies oft mit viel subtileren Mitteln.

Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar?

Seit ich denken kann, sehe ich sie täglich verletzt. Auch in diesem, unserem Lande…

Im Roten Turm von Chemnitz jedenfalls hielt es Johann Most gut aus. Kleidung, Mahlzeiten, Lektüre, Korrespondenz und Beschäftigung, all das bestimmte der Gefangene selbst. Ja, sogar das Ausgehen wurde nicht gänzlich eingestellt: Der Gerichtsarzt verordnete ihm Bewegung, und so konnte er zweimal wöchentlich einen dreistündigen Spaziergang in die Stadt unternehmen. Ein Amtsdiener in Zivil begleitete ihn dabei. Der muss sich sehr rücksichtsvoll benommen haben, denn Most traf sich mit seinen Genossen im Biergarten und konnte so sein Versprechen erfüllen, der Zeitung und der Partei auch als Gefangener zu dienen. Man sollte aber nicht glauben, Knast sei im Kaiserreich ein Zuckerschlecken gewesen. Most gehörte zweifellos, wie die meisten politischen Gefangenen, zu den Privilegierten. Das Los der >gemeinen Halunken< war unvergleichlich härter. Die Frage, ob eine hygienische Justizvollzugsanstalt, in der man gesiezt und isoliert wird, besser sei als ein schmutziger Kerker, in dem man geduzt wurde, aber mit den anderen Kumpanen zusammen hocken konnte, hätte Johann Most sicher eindeutig beantwortet: gar kein Knast!

Im Fall der Chemnitzer Haft kam für Most noch ein besonders glücklicher Umstand hinzu: zwischen der sächsischen Bourgeoisie, die durchaus deutschnational gesinnt und Bismarck zugetan war, und dem Beamtentum, das partikularistische2 Ziele verfolgte und entsprechend bismarckfeindlich eingestellt war, gab es offene Rivalitäten. Die gute Behandlung Mosts war teilweise eine Folge dieser Reibereien, und der Gefängnisdirektor genoss den Unmut des Chemnitzer Staatsanwaltes, der empört darüber war, dass man die preußische Sozi-Verfolgung in Sachsen so lasch nahm.

Most sollte es ihnen schlecht danken. Kaum war er aus dem Gefängnis entlassen, widmete er sich sogleich wieder seinen Schandtaten. Diesmal war es eine vaterländische Feier, die in Spott und Chaos unterging, und das Liedchen, das im Roten Turm entstanden war, leistete hierbei gute Dienste. Im neuen deutschen Kaiserreich war der 2. September >der Sedantag<; die patriotischen Bürger feierten die Schlacht, in der über 80000 Menschen niedergemetzelt wurden und Preußen den Sieg über Frankreich davontrug. Die Chemnitzer Nationalisten wollten ihre Stadt im schönsten Patriotismus erstrahlen lassen und hatten um massenweise Beflaggung der Häuser ersucht. Dort, wo die Bürger wohnten, hingen auch die dreifarbigen Lappens wie Most sie spöttisch nannte, zum Fenster hinaus: Schwarzweißrot. Die Proletarierfamilien waren jedoch seiner Empfehlung gefolgt und hatten statt dessen ihre Steuerbescheide zu langen Fahnen zusammengeklebt und damit >geflaggt<. Am Giebel des Redaktionshauses der >Chemnitzer Freien Presse< wehten zwei schwarze und eine rote Fahne, und im Wirtshaus >Zur Stadt Köln< versammelten sich die Arbeiter, die an diesem Tage frei hatten.

Am Nachmittag gab die Stadtverwaltung ein >Freikonzert<, und fein herausgeputzte Familien spazierten in Kirmesstimmung zu den Bierzelten und auf die öffentlichen Plätze. Eine >Festzeitung< wurde überall verteilt, und man schwelgte in vaterländischem Hochgefühl. Um so herber war die Enttäuschung, als die feinen Leute im Gehrock entdecken mussten, dass die Festzeitung eine Mostsche Fälschung war und von A bis Z ein Hohn auf die > Sedanerei<…

Das war aber erst der Anfang. Für den Abend war ein deutschnationaler Fackelzug angesagt, und auf den Balkonen, an Erkern und Fenstern warteten die besseren Bürger mit Bowle, schwarzweißroten Fähnchen und Feuerwerk auf das Defilee von Feuerwehr, Militärkapelle und Honoratioren. Die Sozis aber waren fixer. Sie hatten selbst mehrere Züge gebildet, die nun, von verschiedenen Seiten her, auf den Marktplatz marschierten. Es war schon dämmrig, und so kam es, dass die nicht mehr ganz nüchternen Bourgeois glaubten, der Fackelzug rücke an. Sektkorken knallten, Hüte wurden geschwenkt, bengalische Feuer abgebrannt und den demonstrierenden Sozialisten scholl ein vielstimmiges »Hurra!« entgegen. An der Spitze eines jeden Zuges stand auf einem Spruchband:

»40 000 Tote auf deutscher Seite, mehr noch erschlagene Franzosen; die Verwundeten sind zahllos; und solche Schmach bejubelt die Bourgeoisie. Nieder mit den Mordspatrioten!«

»Bravo!« brüllten die Mordspatrioten zurück.

»Hoch die Soziale Revolution!« skandierten die Demonstranten – »Hoch! Hoch! Dreimal Hoch!« kam es von den Balkonen retour. Erst das schallende Hohngelächter klärte die Reichsschwärmer über ihren peinlichen Irrtum auf. Als dann etwas später der richtige Fackelzug folgte, ein mickriger Haufen im Vergleich zur Sozialistendemo, war die Hochstimmung schon verflogen. Die Arbeiter hatten den Marktplatz mittlerweile regelrecht besetzt und ließen dem Fackelzug gerade noch eine Gasse, durch die er auf die Mitte des Platzes gelangte. Dann wurde die »Nachtwächter-Prozessionvom Volke umzingelt«, wie Most angeregt  berichtet, und es dauerte auch nicht lange, da wurde die unvermeidliche >Wacht am Rhein< intoniert. Tausende Proletarierkehlen brüllten mit:

»Heran, heran,

Du kühne Schar!

Es bläst der Sturm,

es fliegt das Haar.

Ein Ruf aus tausend

Kehlen braust,

Zum Himmel hoch

ballt sich die Faust.

Es wirbelt dumpf

das Aufgebot;

Es flattert hoch

die Fahne roth; –

Arbeitend leben

oder kämpfend den Tod!«

Die Stadtväter leerten auch diesen Leidenskelch mit bitterer Miene, und alsbald erklomm ein Realschulmeister die Tribüne und langweilte die Zuhörer mit vaterländischen Bandwurmsätzen. »Auf, nach dem Schützenplatz!« hieß nun die Parole, »Most wird sprechen!«

Zurück blieb das Häuflein Patrioten, während Johann Most vor den Toren der Stadt die internationale Verbrüderung aller Völker gegen Tyrannen und Ausbeuter predigte. Schon am darauf folgenden Tag befand sich der Bürgerschreck auf der Reise zum Sozialistenkongress nach Mainz, wo er einer der Hauptredner in Sachen Programm, Organisation und Agitation war. Man behielt ihn gleich dort, und er ließ sein loses Mundwerk in Frankfurt, Köln, Solingen, Darmstadt, Coburg und andernorts hören, was jedes mal für entsprechenden Wirbel sorgte. Auf der Rückreise durch Thüringen packte ihn wieder der lange Arm der Justiz, und er wurde erneut eingelocht. Wieder saß er im Roten Turm zu Chemnitz, wo er seinen roten Plüschsessel abermals in Dienst stellte.

Er wurde wegen seiner Anti- Sedan-Rede und verschiedener Artikel unter Anklage gestellt, und die lautete auf >Majestätsbeleidigung<. Der bismarcktreue Staatsanwalt musste schwer konstruieren:

»Der Angeklagte hat in seiner Rede vom Massenmord gesprochen und damit die glorreichen Schlachten, welche unsere Truppen geschlagen haben, gemeint. So bezeichnet er also Mitglieder der Armee als Massenmörder. An der Spitze der Armee aber steht der Kaiser, ergo wer auch dieser beschimpft worden; und darin liegt Majestätsbeleidigung.«

Das Urteil lautete auf acht Monate Gefängnis, die Most in Zwickau ab brummte. Dort trat er am 26. Februar seine Strafe an, nachdem er zuvor in Chemnitz einige kleinere Delikte abgesessen hatte. Diese Zeit hat Most gut genutzt. In der Zwickauer Zelle schrieb er ein Büchlein, das ihm bis heute in der Arbeiterbewegung der ganzen Welt einen Namen gemacht hat. Es heißt »Kapital und Arbeit« und ist nichts weiter als eine volkstümliche Zusammenfassung von Karl Marx’ »Das Kapital« in typisch Mostscher Sprache. Marx und Engels haben es höchst persönlich revidiert, und es ist sicher keine Übertreibung zu sagen, dass durch diese Version Marx‘ Kapital erst in der deutschen Arbeiterschaft verbreitet und verstanden wurde. Nicht nur nach Mosts Urteil ist »das große Marx’sche Werk in einem so grundgelehrten Tone gehalten, dass Leute ohne speziellere Vorstudien es absolut nicht verstehen können.«

Wer war dieser Johann Most, dessen Leben aus lauter Anekdoten zu bestehen scheint, in denen sich, die wichtigen politischen Entwicklungen seiner Zeit wiederspiegeln und die ihn deshalb zu einer solch interessanten Figur machen?

Als Sohn armer Eltern kommt Johann im Februar 1846 in Augsburg »polizeiwidrigerweise«, nämlich unehelich, zur Welt. Sein Vater schon war ein bekannter atheistischer Redner,der sein Talent auf katholischen Friedhöfen übte. Unter der Fuchtel seiner erzreligiösen Stiefmutter lernt er früh die »Prügel-Pädagogie« kennen. Als Dreizehnjähriger zieht er sich ein Kieferleiden zu, das sein Gesicht auf Dauer entstellt. Der Junge, der sich eigentlich zum Schauspieler berufen fühlt, wird in eine Buchbinderlehre gesteckt. Am 21. April 1863 kann er als freier Wandergeselle endlich seine beengende Heimat verlassen: die weite Welt liegt nun vor ihm und der erste Bartflaum beginnt zu sprießen; er verdeckt notdürftig die durch Knochenfraß verunstaltete Mundpartie. Ungemein humorvolle Kritiker haben Most Jahre später den »schiefmäuligen Propheten« genannt, dessen Jünger »schief gewickelt« seien. Wie unzählige anderer Wandergesellen durchlebt und durch leidet er die entbehrungsreiche Zeit auf der Walz, die ihn in den folgenden Jahren durch ganz Mitteleuropa fuhrt: Hessen, Süddeutschland, Frankreich, Schweiz, Tirol, Italien, Slowenien, Österreich, Bayern, Slowakei, Böhmen, Schlesien, Sachsen, Rheinland, Westfalen, Hannover, die norddeutschen Hansestädte, Mecklenburg, Preußen und Berlin waren Stationen auf dieser fünfjährigen Vagabondage. In Frankfurt-Bornheim hörte der Wandergeselle ohne großes Interesse zum ersten mal etwas von >Socialismus<, und sein erster >Streik< den er dort miterlebt, drehte sich vor allem um Apfelwein. Auch sein erster Gefängnisaufenthalt, 1864 in Gießen, war unpolitischer Natur: er war beim >Fechten< erwischt worden, das heißt, er hatte geschnorrt.

1867 ließ er sich, vom Wandern ermüdet, für längere Zeit im Schweizer Jura als Etuimacher nieder. Hier stieß er auf eine schon stabile Arbeiterbewegung, die aber sehr deutschtümelnd war und den romantischen Vorstellungen von Schultze-Delitzsch anhing – für Most die reine »Quatschologie«. Im Nachbarstädtchen La Chaux de Fonds lernt er aber bald französischsprachige Mitglieder der internationalen Arbeiter-Assoziation kennen, hauptsächlich Uhrmacher, aus deren Reihen später die anarchistische Jura-Föderation entstehen sollte. Hier weht ein anderer Wind, und die Agitation jener Gruppe bringt den jungen Most, wie er sich ausdrückt, »zur Selbsterkenntnis«. Fortan fühlt er sich als Sozialist. Die Ideale des Anarchismus waren ihm damals weder dem Namen noch dem Inhalt nach geläufig. In Locle, wo er arbeitet, wird er rasch zum Sekretär des Ortsvereins, und die Mitgliederzahl steigt binnen sechs Monaten von 17 auf 72. Im November 1867 fliegt er aus der Firma und tippelt via Zürich nach Wien, wo seine eigentliche Agitatorenkarriere beginnt. Hier durchlebt er einen munteren Wechsel von Reden, Demonstrationen, Haft, Artikelschreiben und Polemisieren; nebenher werden wieder Etuis geklebt. Bald war Most der populärste Redner in der Wiener Arbeiterschaft, lehnte es jedoch immer wieder ab, Parteibeamter zu werden oder in irgendein Komitee einzutreten. In der immer rascheren Folge von Arrestaufenthalten bekommt der >Jungsozialist< nun Gelegenheit, sein Wissen zu vertiefen: er studiert wie besessen die sozialistischen Klassiker. Johann Most schult aber nicht nur seinen Kopf, sondern auch seine Stimme. Für uns ist es heute kaum vorstellbar, ohne Mikrophon unter freiem Himmel zu mehr als zehntausend Menschen zu sprechen. Atemtechnik und Stimmübungen gehörten damals zum Handwerkszeug jedes zünftigen Agitators.

Am 13. Dezember 1869 organisiert die Wiener Arbeiterschaft eine großartige Demonstration zur Eröffnung des österreichischen Reichsrates. Über 50000 Menschen sind auf der Straße, und eine Delegation überreicht eine >Sturmpetition< mit sozialen Forderungen. Die Volksvertreter bekommen’s mit der Angst und tagen lieber anderswo. Natürlich gehört Most mit zu den Organisatoren dieser Massendemo und war überdies einer der schärfsten Kritiker der >Parlamentiererei<.

So wird er am 2. März 1870 zusammen mit vier anderen Genossen unter der Anklage des Hochverrats in Haft genommen. Darauf stand ungünstigenfalls die Todesstrafe. Es bleibt aber bei fünf Jahren schweren Kerkers, was genau fünf Jahre zu viel sind. Die Verhandlung war ein reiner Tendenzprozeß und es gab keinerlei Beweise für einen tatsächlichen Umsturzplan. Dazu wäre die Wiener Parteileitung wohl auch nicht willens und in der Lage gewesen. Der Kernsatz der Urteilsbegründung spricht Bände:

»Der Charakter der gefährlichen Drohung liegt in der Massenansammlung selbst.«

Auch der >schwere Kerker< war nach Mosts Schilderung recht gemütlich; er schloss weitere Bildungslücken. Am 9. Februar 1871 kam er aufgrund einer Amnestie frei. Am Bahnhof empfingen ihn Tausende von Menschen unter unbeschreiblichem Jubel. Auch Most jubelte innerlich:

»Ich wurde auf den Schultern getragen und konnte mich so augenblicklich davon überzeugen, dass die statt gehabten Verfolgungen herrliche Früchte gezeigt hatten; denn ein wahres Meer von Köpfen wogte vor meinen Blicken. Es waren lauter Rebellen, die sich da eingefunden.«

Kein Wunder, dass die Wiener Genossen ihren Johann gleich wieder auf Agitationstournee schicken. Er bereist die Provinz zwischen Wien und Triest und wird prompt aus Österreich ausgewiesen, weil er »auf solche Weise der Amnestie schweren Undank gezollt« hatte.

Der Zufall verschlägt ihn nach Chemnitz, wo uns sein weiterer Werdegang bereits geläufig ist. Nach Rotem Turm und Zwickauer Gefängnis übernimmt Most in Mainz die >Süddeutsche Volksstimme<, wie gewohnt mit großem Erfolg. Wenig später wird er jedoch im Chemnitzer Wahlkreis zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Mit 25 Jahren ist er einer der jüngsten Parlamentarier Deutschlands und gleichzeitig einer der merkwürdigsten: denn obwohl er vom »Reichskasperletheater« nicht das mindeste hält, obwohl er aus seinem Antiparlamentarismus keinen Hehl macht und keinen Zweifel daran lässt, dass die Befreiung der Menschheit nur in der sozialen Revolution liegen kann, wird er dreimal wieder gewählt, und zwar jedes mal mit einem derart hohen Stimmenanteil, dass er zu den erfolgreichsten Sozialdemokraten überhaupt gezählt werden muss. Im Reichstag selber tritt er eher als Clown auf und nutzt das Parlament – sehr zum Leidwesen der ernsthafteren Sozialdemokraten in der Fraktion – als Plattform für seine ätzende Kritik und seine entlarvenden Späße. Das alles aber nur nebenbei. Hauptamtlich ist er nun Redakteur der > Berliner Freien Presse<, die zusammen mit ihren Lesern mehr und mehr auf mostsche Positionen einschwenkt. Natürlich mahlt auch die Gesetzesmühle in der Reichshauptstadt fleißig weiter, und Most kommt immer wieder vor die Schranken der Gerichte und ins Gefängnis.

Diese Aufenthalte werden dann auch zunehmend unangenehmer. Mal ist es ein Attentat, bei dem der Kaiser leicht verletzt wurde und für das man Most die geistige Urheberschaft an lasten will, mal eine Rede, in der er die Pariser Commune verherrlicht. Seinen letzten Wahlkampf bestreitet er von einer Gefängniszelle in Plötzensee aus: trotz massiver Bemühungen der Chemnitzer Bürger – sie versprachen jedem Arbeiter, der ihn nicht wählte, Dünnbier, saure Gurken und Speck und verbreiteten sogar die Nachricht, Most habe sich erhängt – schlägt er seinen bürgerlichen Gegenkandidaten haushoch. Als er nach dem Ende dieser Haft wieder auf freien Fuß kommt, hat er vom Parlamentarismus endgültig die Nase voll. Bismarck drückt am 21. Oktober 1878 das >Sozialistengesetz< durch, einen faktischen Belagerungszustand, durch den die gesamte Sozialdemokratie illegal wird. Für Leute wie Johann Most wird der Boden zu heiß. Er glaubt, vom Ausland aus nun mehr für die soziale Revolution in Deutschland tun zu können und will einer Einladung deutscher Emigranten in New York folgen, bleibt aber in London hängen. Auch hier wird ihm wieder sein Talent zum Verhängnis, denn die Genossen dort planen die Herausgabe einer Zeitung und finden in Most den richtigen Redakteur. So entsteht 1878 die >Freiheit<, ein Blatt, das zu den klassischen Zeitungen des Anarchismus wird und 31 Jahre lang erscheint; über 26 Jahre unter der Leitung von Most.

Die >Freiheit< war zunächst ein »Socialdemokratisches Organ«, aber von typisch Mostscher Prägung: deftig in der Sprache, radikal in den Gedanken, präzise in ihrer Kritik und revolutionär in ihren Zielen. Bei der Parteileitung, die als Antwort in Zürich den >Sozialdemokrat< herausgab, war das Blatt nicht gut angesehen: nicht seriös und erschreckend populär! In der Tat wurde die >Freiheit< bald zum Renner, und immer mehr Ortsgruppen abonnierten um. Der >Sozialdemokrat< wurde zum Organ des Parteivorstandes, der auf Reformen setzte und Disziplin predigte, um Bismarck nicht zu sehr zu verärgern und vor allem den Parteiapparat über den Ausnahmezustand zu retten.

Ansonsten übte er sich in professorenhafter Gelehrsamkeit und wissenschaftlichem Sozialismus. Die >Freiheit< wurde das Sprachrohr des kämpferischen Teils der Sozialdemokraten, die von jeher nicht viel von Parlament und Reformismus gehalten hatten; der Liebling der Basis. Im Laufe der Zeit entbrannte eine echte Rivalität, und die Schmuggler, die die Blätter über die Grenze brachten, überboten sich gegenseitig an Originalität. Most wurde jedoch durch allerlei Machenschaften der Parteiführung mehr und mehr in die Enge getrieben.

In dieser Enge standen die Anarchisten, und die nahmen ihn mit offenen Armen auf: Most wurde nun das, was er gefühlsmäßig im Grunde schon immer gewesen war — ein Anarchist.

Auch seine Zeitung führte bald diesen Untertitel. Mosts Aufenthalt in London blieb jedoch, wie gewohnt, vorübergehend. Er konnte mal wieder seinen Mund nicht halten und bejubelte am 19. März 1881 das geglückte Attentat auf einen der bestgehaßten Tyrannen Europas, den Zaren von Russland. Den Leitartikel in der >Freiheit< überschrieb er »Endlich!«. Das brachte ihm sechzehn Monate Zwangsarbeit ein, die ihn körperlich fast zugrunde richteten. 1883 schifft er sich nach New York ein, wo er von den deutschen Einwanderern mit offenen Armen empfangen wird. Die >Freiheit< erscheint nun in den USA und wird nach wie vor auch ins Reich geschmuggelt, aber über die riesige Entfernung ist das Blatt nicht mehr >konkurrenzfähig<. In einem schmutzigen Kleinkrieg gewinnt die gemäßigte Parteiführung in Deutschland wieder die Oberhand über die Basis. 1890 fällt das Sozialistengesetz, und die Partei darf sich wieder wählen lassen. Insgeheim ist sie froh darüber, dass sie sich durch diese Rosskur die lästigen Radikalen vom Halse schaffen konnte. Der Weg zu jener SPD wie sie Ebert, Noske, Wehner, Brandt und Schmidt repräsentieren, ist nun frei, auch wenn es noch einige Hindernisse gibt, denn die Opposition wird sich in der SPD noch jahrelang regen. Es gibt sozusagen Mostsche Nachwehen – 1890 kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Parteileitung und der >Opposition<: Tausende von Sozialdemokraten, die sogenannte »Bewegung der Jungen«, verlassen die SPD und schließen sich in der einen oder anderen Form der anarchistischen Bewegung an. Der ungebrochene Most engagiert sich unterdessen mit Volldampf in Amerika. Auch dort gibt es eine Arbeiterbewegung mit Kämpfen und Problemen. In New York und Chicago sind es überwiegend deutschstämmige Anarchisten, die die Arbeiterbewegung führen und für den Achtstundentag kämpfen.

Am 1. Mai 1886 kommt es auf dem Haymarket in Chicago zu einem Blutbad. Auf einer Massenversammlung explodiert eine Bombe. Nie wurde geklärt wurde, ob sie ein Provokateur der Polizei oder ein verzweifelter Arbeiter warf. Die Gendarmen eröffnen daraufhin das Feuer, es gibt viele Tote. Sofort werden die führenden Anarchisten verhaftet und in einem Himmel schreienden Prozess der >geistigen Urheberschaft< für schuldig befunden.

Fünf werden zum Tode verurteilt. Auch Most hätte man in diesem Zusammenhang gerne ans Leder gewollt, aber zu seinem >Glück< saß er gerade mal wieder im Gefängnis. Noch viele Jahre blieb Most mit seiner >Freiheit< ein treibender Bestandteil der anarchistischen Bewegung in den USA. Wie nicht anders zu erwarten, zog er unermüdlich durch die Lande und agitierte. Endlich konnte er sich auch seinen Jugendwunsch erfüllen: das Theater. Die von ihm gegründete Schauspieltruppe brachte zeitgenössisches Volkstheater auf hohem Niveau unter die Arbeiter. Sein Einfluss blieb aber nicht auf die Kreise deutscher Emigranten beschränkt. John Most lernte rasch amerikanisch, und sein Einfluss auf die radikale Gewerkschaftsbewegung der Wobblies ist unverkennbar. Most war zwar Anarchist, aber in erster Linie auch immer Arbeiter und Gewerkschafter. Sein Anarchismus, so wortradikal er war und so begeistert er zeitweise auch die revolutionäre Gewalt unterstützte, war doch immer an der Arbeiterbewegung orientiert und blieb stets dort verwurzelt. 1906 starb Johann Most, 62jährig in Cincinatti. Mitten auf einer Agitationsreise. Wo auch sonst?

Moral

Johann Most war der bestgehaßte und der verleumdetste Mann zweier Generationen« schrieb sein Freund Thaumazo 1907 in einem Nachruf. Das stimmt ebenso wie die Tatsache, dass er der populärste Mann war, den die Sozialdemokratie je in der Basis der Arbeiterschaft hatte. Das lässt sich an seinen unglaublichen Wahlerfolgen ebenso festmachen wie an seiner Kraft zur Mobilisierung der Menschen oder an der Art, wie die einfachen Arbeiter ihn verehrten. Als ihm in Chemnitz die Tischler den Plüschsessel ins Gefängnis brachten, war er gerade 24 Jahre alt. Dass dieser populäre Agitator Anarchist war, gibt viel zu denken. Gewiss war August Bebel populär, gewiss hat Willy Brandt es mit vielen Wählerstimmen zum Bundeskanzler gebracht, und auch Helmut Schmidt oder Friedrich Ebert hatten ihren Anhang. Aber zu Brandts Zeiten hatte die Sozialdemokratie schon längst nichts mehr mit Arbeiterschaft und Revolution im Sinn, und Bebel war in erster Linie die Vaterfigur der Partei. Von Schmidt und Ebert sollte man sowieso lieber schweigen…

Gewiss – Most bezeichnete sich bis zu seiner Londoner Zeit auch nicht als Anarchist, aber tatsächlich war er es schon seit seiner Gesellenzeit gewesen. Er wusste es nur noch nicht. Als es ihm – während seiner Zeit in Chemnitz und Berlin – langsam zum Bewusstsein kam, vertraute er immer noch darauf, dass die sozialistische Bewegung auch für anarchistische Ideen Platz haben müsste.

Für ihn waren Revolution, Sozialismus und Anarchismus keine unvereinbaren Positionen. Er hatte jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und dieser Wirt hieß Parteiapparat. Wenn es aber wahr ist, dass der populärste Sozi ein Anarcho war, dass er als Antiparlamentarist Triumphe im Parlamentarismus erzielte, dass er mit Aktionen, die so gar nicht ins Konzept der seriösen Arbeiterpartei passten, die Arbeiter begeisterte – wenn das alles stimmt, dann kann einiges von dem, was zu offiziellen Wahrheiten der deutschen Arbeiterbewegung geworden ist, einfach nicht stimmen.

Offizielle Wahrheit ist zum Beispiel, der deutsche Arbeiter sei im Grunde ein biederer Mensch, der Ruhe und Ordnung liebe und für Revolutionen nicht zu haben sei. Offizielle Wahrheit ist auch, saß das Sozialistengesetz ein teuflisches Spiel Bismarcks war, in dem die Partei ihren Kampf auf Leben und Tod ausgefochten habe und sich unter großen Opfern behaupten konnte. Offizielle Wahrheit ist schließlich, dass der Anarchismus in Deutschland stets eine Randerscheinung von wenigen fanatischen Kleinbürgern und intellektuellen Bohemiens war.

Pustekuchen! Von all dem ist nicht mal die Hälfte halb wahr, und für die schamhaft verschwiegene Kehrseite dieser Medaille sind Most und viele andere die Kronzeugen. Es stimmt, dass die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung unterm Strich eine angepasste, reformistische und biedere ist, aber für diesen Saldo trägt die Sozialdemokratie selbst die Verantwortung. Sie hat sich genau die Arbeiterschaft heran gezüchtet, die sie wollte, und dass die deutschen Proletarier 1914 lammfromm in den Krieg marschierten oder 1933 nicht gegen Hitler aufstanden, hat die klassische >Führerin der Arbeiterklasse< – so hart das klingen mag – nicht besser verdient.

Die Sozialdemokratie war von ihren Anfängen an kein homogenes3 Gebilde. Reformer wie Revolutionäre, Deutschtümler wie Internationalisten, Professoren wie Proleten hatten hier gleichermaßen ihre Heimat. Johann Most war in dieser Bewegung kein Fremdkörper und keine Ausnahme. Er war nur besonders begabt und wurde dadurch besonders bekannt. Darum dient er in diesem Buch auch als lebendiges Beispiel für jene Tendenz, die er verkörperte, und wenn bei der Erzählung seines Werdegangs der Eindruck entstanden sein mag, alles Revolutionäre in der SPD habe an ihm oder seiner Zeitung gehangen, so ist dieser Eindruck ebenso falsch, wie etwa zu glauben, Philipp Scheidemann4 sei der einzige Arbeiterverräter in der SPD gewesen.

Der lange Marsch zum Patriotismus, von dort über den Nationalismus und die staatstragende Kraft der Weimarer Republik bis hin zur Volkspartei der Bürger, die heute den Kapitalismus vor dem Absturz bewahrt, dieser lange Marsch begann schon lange bevor Bismarck die SPD für acht Jahre kriminalisierte.

Johann Most und die radikalen Sozialisten spielen in dieser Auseinandersetzung nicht etwa nur die Rolle des kleinen, linken Flügels. Wenn man sich so überlegt, was der Most da getrieben hat, so erinnern seine Aktionen stark an das, was heute in anarchophilen Kreisen als Spaßguerilla geübt wird. Fritz Teufel könnte ein Schüler des Johann Most gewesen sein. Der Unterschied der Mostschen Spaßguerilla zu dem, was Teufel in der APO oder die Hausbesetzer in Berlin trieben, war aber, dass die Spaßguerilla anno 1870 alles andere als eine Gaudi von Randgruppen war. Es war nicht eine Minderheit, die sich daran beteiligte und lachend applaudierte, wenn die Sozis den Bourgeois eine Falle stellten, sondern die Mehrheit. In Chemnitz vereinigte Most, selbst vom Knast aus, 14000 Wähler- stimmen auf sich, während es die Opposition nur auf 10000 brachte. Das hätte selbst Fritz Teufel in seiner besten Zeit nicht geschafft.

Entscheidend aber ist, dass es auf die Wählerstimmen gar nicht ankam; sie sind nur ein Indiz. Most ließ keinen Zweifel daran, dass er nur ins Parlament ging, um den ganzen Zauber zu entlarven. Im Plenarsaal war er dann wieder ganz wie Fritz Teufel…

Nein, die Spaßguerilla war bei Most und Konsorten nur das vitale Beiwerk zu einer sehr ernsthaften, drängenden Aufgabe: die Befreiung der Arbeiter, die soziale Revolution. Damals glaubten die meisten der verarmten, rechtlosen, ausgebeuteten Proleten mit glühender Begeisterung an den kommenden Sozialismus. Das war die Hoffnung, die sie davor bewahrte, auch noch hoffnungslos zu werden. Und für die meisten war klar, dass dieser Sozialismus nur über eine Revolution und nicht durch die Parlamente zu erreichen war. Was später allgemein gültiger Inhalt der Partei wurde, war am Anfang nur die Illusion von wenigen, nämlich, man könne den Sozialismus erreichen, indem man in den Parlamenten die Mehrheit und von der Obrigkeit hierzu die Erlaubnis erhielte. Und diese wenigen in der Partei waren die Professoren, Funktionäre, Parteitheoretiker. Gutsituierte Leute, die in der Partei groß geworden und in ihr gut versorgt waren. Jedenfalls nicht die Malocher. Aber: sie saßen am langen Hebel, sie kontrollierten den Apparat und mit ihm die Meinung und die Zukunft der Partei.

Man kann sich gar nicht dagegen wehren, aber hier laufen einem die Parallelen zu den >Grünen< bei Schritt und Tritt über den Weg. Auch sie waren eine breite Bewegung, deren Prinzi pien auf Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Dezentralismus und Autonomie aufgebaut waren – also durchaus auf libertären Tugenden. Davon ist, seit diese Bewegung zur Partei wurde, nicht mehr viel übrig geblieben, und der Prozess der >Verstaatlichung< bei den Grünen beginnt zu galoppieren: Das Prinzip der Basisdemokratie verkümmerte zum absterbenden Ritual des Rotationsprinzips im Parlament, an das sich kaum noch jemand halten will. Aus der radikalen Kritik am System wurde die lauwarme Opposition als Fraktion oder gar als Koalitionspartner. Von der Vision einer neuen, ökologischen und freien Gesellschaft blieb nicht viel mehr übrig als der Blick für das >politisch Machbare< aus der Perspektive grüner Minister und Staatssekretäre…

Gerade so wie die Sozialdemokraten in Bonn Dinge tun, die Christdemokraten ebenso gut hätten tun können, so machen heute Grüne eine Politik, wie sie auch Sozialdemokraten machen würden. Auch die Grünen, die im Grunde ihres Herzens antiparlamentarisch fühlen und das Parlament nur als Plattform für ihre Anklagen benutzen wollten, müssen jetzt lernen, dass man nicht >zum Spaß< in den Bundestag gehen kann. Es ist erst wenige Jahre her, als sich die Partei der >Grünen< konstituierte, und sie tat das als parlamentarischer Arm der Ökobewegung. Heute fuhrt dieser Arm ein munteres Eigenleben, die Basis wird mehr und mehr zum Erfüllungsgehilfen der Partei. Parlamentsarbeit hat eben ihre eigene Dynamik und die verändert die Menschen. Besonders dann, wenn viele sich wünschen, in diesem Sinne verändert zu werden. Macht schmeckt nach mehr…

Ebenso klar, wie es für die sozialistische Bewegung anfänglich war, dass die Schrecken des Kapitalismus nur durch seine Abschaffung zu überwinden seien und, dass es hierzu höchste Zeit sei, war es auch für die grüne Bewegung keine Frage, dass man die drohenden ökologischen Katastrophen nur durch radikale Veränderungen abwenden könne. In beiden Fällen wurde die – systemüberwindende Kraft in dem Augenblick schrittweise zu einer systemerhaltende Kosmetik, als aus der Bewegung eine Partei wurde, die sich wählen ließ, die auf Reformen setzte und sich zu arrangieren trachtete. Auch bei den Grünen gibt und gab es eine Opposition, auch bei den Grünen wird sie mit mehr oder weniger sauberen Mitteln kaltgestellt, ausgebootet, an den Rand gedrängt. Dieser Vergleich aus einer Bewegung, die wir alle hier und heute miterleben, gibt uns vielleicht den Schlüssel zum Verständnis der Rolle, die die aufrechten Sozialisten in der SPD und mit ihnen Johann Most spielten. Nur eines ist erschreckend anders: das, wozu die Sozialdemokraten vierzig Jahre und einen Belagerungszustand brauchten, schafften die Grünen ohne Druck von außen locker in fünf Jahren…

Der Ausnahmezustand gehört zu den besonders verlogenen Mythen der Sozialdemokratie. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass das Sozialistengesetz Bismarcks für die Parteileitung im nach hinein betrachtet überaus günstig kam. Es ersparte der Partei nämlich jene Art von >Säuberungen <, wie wir sie von den kommunistischen Parteien des Ostblocks kennen. Zwischen 1882 und 1890 entledigte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands auf überaus elegante Weise ihres radikalen, linken Flügels. Vor dem Sozialistengesetz hielten sich die reformistische und die revolutionäre Tendenz ungefähr die Waage, obwohl von der Partei offiziell nur die erstere gefördert wurde. Grob gesagt saßen die Parlamentsanbeter im Parteiapparat, die Verfechter der Revolution fand man an der Basis der Arbeiterschaft. Zwar gingen auch die fleißig wählen, aber für die Arbeiterschaft war das mehr eine Machtdemonstration. Für die Abgeordneten hingegen war es ihr Lebensinhalt. Früher oder später hätte es zu einer Entscheidung für eine der Richtungen kommen müssen oder aber zur Spaltung. Nach 1890 war es dann nur noch eine Frage von revolutionären Nachwehen, und die Partei konnte ohne viel Widerstand auf den reformistischen, parlamentarischen Kurs eingeschworen werden.

Die SPD war reif, den Kapitalismus zu verwalten, statt ihn zu überwinden.

Wo war der radikale Flügel geblieben?

In der Antwort auf diese Frage liegt die >Eleganz<, mit der die Parteiführung dieses Problem löste: Man ließ den preußischen Staat die Drecksarbeit machen, und die Partei wehrte sich nicht, wenn die radikalen Parteigenossen über die Klinge sprangen. Es war ebenso im Sinne Bismarcks wie im Sinne der Parteiführung. Als der Spuk vorüber war, hatte Preußen eine SPD, mit der es leben konnte, und die SPD eine Basis, mit der sie in Preußen Staat machen konnte. Das alles ist keineswegs die überspannte Geschichtsinterpretation von bornierten Anarchisten, das war traurige Alltagsrealität.

Die Taktiererei der Partei gegen die eigenen radikalen Genossen erschöpft sich schon bald nicht mehr im Stillhalten. Krampfhaft versucht der Vorstand in Zürich den Einfluss der Linken zurück zu drängen. Einerseits, indem der als Gegengift zur >Freiheit< gegründete Sozialdemokrat die populäre Sprache und die Schmuggelmethoden Mosts kopiert, andererseits dadurch, dass man mit allen möglichen administrativen Winkelzügen versucht, Resolutionen, Delegationen und Anträge auszumanövrieren. Abstimmungen werden manipuliert, Mandate verfälscht, Resolutionen unter den Tisch gekehrt, Beschlüsse verschwinden.

Die preußische Polizei macht sich diesen Zwist rasch zunutze und unterwandert die gesamte Bewegung mit Spitzeln und Provokateuren. Es dauert nicht lange, da denunzieren sich Anhänger beider Fraktionen gegenseitig. Sozialisten liefern Sozialisten ans Messer. Beim Studium der Zeitungen, Akten, Protokolle und Spitzelberichte meint man, in einen miesen Krimi geraten zu sein.

Wer bei dieser Auseinandersetzung den kürzeren zog, kann man sich leicht denken. Die Radikalen landeten im Knast, im Exil oder in der Resignation. Der Staat und die Sozialdemokratie hatten triumphiert; es dauerte nur noch 28 Jahre, bis beide dasselbe waren. Bei dieser Auseinandersetzung, hinter der in der Tat die entscheidende Weichenstellung für die deutsche Arbeiterbewegung steckt, kann den Anarchisten ein bitterer Vorwurf nicht erspart bleiben.

Most war, wie gesagt, damals kein Anarchist, ebenso wenig fühlten sich die Arbeiter, die Mosts Richtung anhingen, als Anarchisten. Das lag aber nicht so sehr daran, dass sie die Ideen des Anarchismus ablehnten als vielmehr daran, dass die Ideen des Anarchismus in der Arbeiterbewegung nicht zur Debatte standen. Die wenigen, kaum organisierten Anarchos in Deutschland jener Jahre waren überwiegend mit sich selbst beschäftigt oder träumten vom Tyrannenmord.

Die Bewegung war nicht nur schwach, sondern überwiegend unreif. Sie war einfach nicht da, um diesem enormen Potential von durch und durch libertären Arbeitern eine Einheit zu geben. Die Illusion, innerhalb der SPD jemals zur sozialen Umwälzung zu kommen, wurde auf diese Weise lange am Leben erhalten; so lange, bis es zu spät war. Most war in den langen Jahren, die er brauchte, um sich zum überzeugten Anarchisten zu entwickeln, mit abnehmender Tendenz selber noch in dieser Illusion gefangen. In dem Maße, wie er sich der noch schwachen anarchistischen Bewegung näherte, schwand sein Einfluss auf die Arbeiterbewegung. Es gab eine lange, zu lange Zeit des politischen Vakuums zwischen dem Niedergang des radikalen Flügels der Sozialdemokratie und der Erkenntnis bei den Anarchisten, dass man mit Attentaten die Welt nicht verändern kann und sich statt dessen auf die Arbeiterbewegung zurück besinnen sollte. Als vor dem 1. Weltkrieg der Anarchosyndikalismus für die Anarchisten weltweit ein Thema wurde, war Most schon ein alter Mann, und das, was 1918 in Deutschland aus der Opposition der >Jungen< von 1890 übrig geblieben war, langte gerade noch für eine Mitgift zur Gründung der FAUD5.

In diesem Sumpf ging die Chance unter, die deutschen Arbeiter weg vom Parlamentarismus dahin zu bringen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Most hat selber mit deftigen Worten das Dynamit gepriesen; seine Bombenbastel-Broschüre »Revolutionäre Kriegswissenschaft« ist ein Bestseller geworden, ebenso wie seine lästerliche Polemik »Die Gottespest«. Wenn man Most aber kritisch liest, so muss man feststellen, dass er zwar immer wortradikal daher redete und schrieb, in seinen praktischen Schritten aber stets Realist blieb.

Er konnte aus dem Häuschen geraten und laut applaudieren, als die russischen Anarchisten den Zaren töteten, aber ebenso heftig das Attentat verurteilen, das der amerikanische Anarchist Alexander Berkman gegen den Industriellen Frick verübte, der auf streikende Arbeiter hatte schießen lassen. Most glaubte nicht daran, die Anarchie herbeibomben zu können und unterschied genau zwischen Gewalttaten, die ein verhasstes System zu Fall bringen und so der Revolution eine Chance geben könnten, und individuellen Kraftakten, die nichts brachten als persönliche Befriedigung und erneute Repression.

Er hat für diesen Realismus übrigens auch seinen Preis bezahlt, denn viele Anarchisten warfen ihm damals noch schlicht Feigheit vor. Als er beispielsweise das Berkman-Attentat in der >Freiheit< einen »Streich Unbesonnener« nannte, der »schädlich und dumm« sei, ohrfeigte ihn die amerikanische Anarchistin Emma Goldman auf einem Vortrag und nannte ihn vor versammelter Zuhörerschaft einen Feigling. Johann Most war als Sozialist zu spät und als Anarchist zu früh geboren worden. Seine Ideen, die auf Volkstümlichkeit, Gewerkschaften, Militanz und Sinn für Realismus aufbauten, setzten sich bei den Anarchisten erst durch, als er schon tot war. Die Sozialdemokraten hingegen hatten schon die künftigen Ministersessel im Kopf, als Johann Most sich auf dem Plüschsessel im Roten Turm niederließ, um an Knittelversen für die soziale Revolution zu schreiben, die seine Partei schon längst verraten hatte.

1) Früher wurde die Schrift von Büchern und Zeitungen in Bleilettern >gesetzt<. Die einzel-

nen Schriftspalten wurden aufgeteilt und zu Seiten angeordnet: der Umbruch. Zuvor nahm

man von den Spalten einen Abdruck, die Korrekturfahne, um nach Fehlern zu suchen.

2) Partikularismus = Bestrebung, innerhalb des Staates eine besondere Stellung einzunehmen, besondere Rechte oder einen besonderen Status zu erhalten; im Extremfall, sich als eigenständiger Staat zu behaupten oder abzuspalten.

3) homogen = gleichförmig; wenn eine Substanz oder eine Bewegung auch in ihrem Inneren überall aus gleichen Teilen, Substanzen, Gruppen besteht.

4) Philipp Scheidemann, Sozialdemokrat. Politiker, der 1918/1919 für die gewaltsame Abschaffung des Ratesystems und die Niederwerfung der Spartakusaufstände verantwortlich war, bei der die SPD Kriegswaffen und Militär gegen die Arbeiter einsetzte

5) FAUD = Freie Arbeiter Union Deutsch-

lands, Anarchosyndikalistische Gewerkschaft,

vergleiche Kapitel 6!

Büchen:

-Johann Most, Ein Sozialist in Deutschland,

180 S., Hanser Verlag, München

– Johann Most, Memoiren, ca. 300 S., (Dieses

Reprint der Originalausgaben von 1903—1907

kursieren in vielen Editionen; z.T. identisch mit

dem obrigen Buch)

– John Most, Marxereien, Eseleien und dersanfie

Heinrich, Aufsätze. 192 S., Verlag Büchse der

Pandora, Wetzlar

– Rudolf Rocker, Johann Most. Das Leben eines

Rebellen, 435 S., Verlag der Syndikalist, Berlin

(div. Nachdrucke im Handel)

– Horst Karasek, Belagerungszustand! Reformi

sten und Radikale unter dem Sozialistengesetz

1878-1890,158 S., Wagenbach-Verlag, Berlin

– Horst Karasek, Haymarket! 1886: Die deut

schen Anarchisten von Chicago, 190 S., Verlag

Wagenbach, Berlin

– Horst Karasek, Propaganda und Tat. Drei Ab

handlungen über dem militanten Anarchist

unter dem Sozialistengesetz, 54 S., Verlag Freie

Gesellschaft, Frankfurt

– Ulrich Linse, Organisierter Anarchismusim

Deutschen Kaiserreich, 410 S., Verlag Duncker

& Humboldt, Berlin

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Written by floriangrebner

13. März 2011 um 14:17

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