Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat V: Kinderkram

leave a comment »

von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Kinderkram

Story

Unglaublich langsam setzte sich die Wagenkolonne in Bewegung. Wie von schlechtem Gewissen geplagt schlich sie durch das abendliche Hafenviertel von Montevideo. Es waren 16 Fahrzeuge, und ihre Insassen gehörten verschiedenen Einheiten an: Geheimpolizei, Sicherheitsabteilung des Innenmin isteriums sowie Soldaten und Offiziere der Schule für Marineinfanterie. Letztere in voller Uniform, mit Helm und Schnellfeuergewehr. Sie fuhren in Mercedes Benz Unimogs, in der Mitte des Konvois.

Die Lastwagen kamen aus der Bundesrepublik Deutschland, die Soldaten aus der berüchtigsten Kaserne Uruguays. Die Fusileros Navales waren allgemein für ihre Brutalität bekannt. Voran zwei Jeeps mit Offizieren und Zivilisten, dann eine Ambulanz. Die restlichen Wagen waren Limousinen vom Typ Ford Maverick mit Privatkennzeichen. In ihnen saßen ausschließlich Männer in Zivil. Die meisten von ihnen trugen Sonnenbrillen, obwohl die Sonne längst untergegangen war. Südamerikanische Geheimpolizisten tragen mit Vorliebe schwarze Sonnenbrillen. Zu jeder Tageszeit. Kein Mensch weiß, warum. Zur gleichen Zeit löschte Rubén das Holzkohlefeuer unter der parrilla. Man hatte viel Spaß an diesem Abend gehabt und große Mengen Fleisch gebraten. Der Anlass zu diesem asado war der Besuch von vier argentinischen Genossen, die den ganzen Tag über in der Kommune gewesen waren. Man hatte über Probleme der Zusammenarbeit gesprochen und über ein Druckereiprojekt. Auch über Kindererziehung und die politische Lage. Im Nachbarland Argentinien war im Jahr zuvor der greise Volkstribun Perón wieder an die Macht gekommen, kurz darauf gestorben und nun war seine hysterische Frau Isabel Präsidentin.

Der neofaschistische Flügel der Peronisten bekämpfte sich mit dem linken Flügel bis aufs Messer. Die Militärs warteten ab. Noch. Hier in Uruguay hatten die >milicos< bereits die Macht übernommen und hielten sich nur der Form nach noch einen zivilen Präsidenten. In einem Feldzug gegen das eigene Volk hatten sie den Widerstand der Tupamaros1 erstickt. Das politische Klima wurde immer unerträglicher. All das ging Rubén jetzt durch den Kopf, und ihm fiel auch ein, dass es höchste Zeit war, die Weinstöcke zu beschneiden. Morgen früh wollte er sich sofort daranmachen. Es war Winter und vom Rio de la Plata wehte eine angenehm milde Brise. Mittlerweile war der Konvoi vom Boulevard Artigas in die Avenida Roosevelt eingebogen und fuhr nun in östliche Richtung. Er kam durch das Hauptgeschäftsviertel, aber es lag wie ausgestorben. Präsident Bordaberry hatte ein Ausgehverbot verhängt, und nur, wer eine Ausnahmegenehmigung hatte, durfte sich noch auf der Straße blicken lassen. An jeder wichtigen Kreuzung stand ein Doppelposten Soldaten. Streifenwagen amerikanischer Bauart fuhren langsam, mit Abblendlicht, durch die sonst so lebendigen Straßen der uruguayischen Metropole. Uruguay, einst die Musterdemokratie, die >Schweiz Lateinamerikas<, war zu einem großen Zuchthaus geworden;

es hielt den Weltrekord an politischen Gefangenen im Verhältnis zur Einwohnerzahl, und das größte Gefängnis trug den Namen Libertad. Ein Fünftel der Bevölkerung hatte das Land verlassen. Unter diesen Verhältnissen kam der Konvoi gut voran. An keiner Ampel musste er halten. In weniger als einer Stunde würde das Kommando seine Positionen eingenommen haben. Zur gleichen Zeit wurde in der Druckerei der Kommune fleißig gearbeitet.

Elena und Sergio saßen über Korrekturfahnen gebeugt und plagten sich mit Kommasetzung. Unter einer spärlichen Glühbirne standen Marianela und Susana und steckten Korrekturzeilen ins Blei. Paco gähnte an der Setzmaschine: »Ich glaub’, ich werd‘ uns mal ’nen Kaffee kochen « Es war schon halb zwölf, aber die Arbeit würde sicher noch die ganze Nacht hindurch dauern. Die Bücher, eine neue Ausgabe der Sozialgeschichte der Republik Uruguay, sollten schon nächste Woche im Buchhandel sein. Sie wurden ungeduldig erwartet – nicht nur von den Anarchisten, auch von der Öffentlichkeit. Einige große Zeitungen hatten im Vorabdruck gute Kritiken veröffentlicht, und die ganze Comunidad setzte große Hoffnungen auf das Buch. Eine völlig neue Perspektive der nationalen Geschichte, aber eben auch viel Arbeit für die Druckerei…

Sergio begann wieder mit seinem Lieblingsthema: »Ehrlich, wir sollten uns eine moderne Offsetmaschine anschaffen. Das müssen wir unbedingt auf der nächsten Versammlung noch mal besprechen.« »Aber nicht jetzt!« unterbrach ihn Elena gereizt. »Lies lieber weiter, Mann, es ist schon spät!« Es war nun 11 Uhr 48, und der Konvoi teilte sich. Der größere Teil fuhr weiter in Richtung Osten, in den Vorort Malvín, wo die Comunidad del Sur im Jahre 1955 begonnen hatte zu siedeln; die kleinere Gruppe drehte ab und fuhr in das Arbeiterviertel Palermo am Rande des Stadtzentrums, wo sich die Druckerei befand. An der Gabelung gab es ein kleines Durcheinander, als zwei Unimogs sich dem falschen Zug anschlossen. Ein Offizier sprang aus dem Jeep und schnauzte den Fahrer an. »Estúpidos, könnt ihr nicht denken?! Ihr gehört zur Gruppe >Aurora<, also müsst ihr hier abbiegen, idiotas! Und hört mit dem Rauchen auf, gleich wird’s ernst.«

Rubén hatte inzwischen die Stühle weggeräumt und das schmutzige Geschirr in die Gemeinschaftsküche getragen. Er hatte diese Woche Spüldienst, aber der gute Mendozawein, den die Argentinier mitgebracht hatten, tat nun seine Wirkung.

Rubén war müde, und er war auch nicht mehr der Jüngste. Spülen würde er morgen. Er goss sich einen Mate auf. Der grüne Tee war schon recht ausgelaugt, aber das heiße Getränk tat ihm gut. Mit der kleinen Kalebasse in der Rechten ging er noch einmal zum Kinderhaus hinüber. Das tat er fast jeden Abend, seit sie beschlossen hatten, diese Einrichtung zu wagen. Die Kinder im Schulalter hatten ihr eigenes Haus, in dem die Erwachsenen nichts zu sagen hatten. Sie standen zwar zur Verfügung, wenn Rat und Hilfe gebraucht wurden, aber nur dann. Sonst regelten die Kinder zwischen 6 und 16 Jahren ihr Leben selbst: vom Einkaufen übers Spielen, Sauber machen, Schularbeiten, Freizeit bis hin zur Lösung ihrer Konflikte. Das Kinderhaus war ihr Reich. Rubén spähte durch einen Fensterspalt, alles war ruhig. Er hörte den gleichmäßigen Atem der Kleinsten, die direkt unter dem Fenster schliefen. Silvia wälzte sich im Schlaf auf die andere Seite und schmatzte ein wenig dabei. Sie war gerade 14 geworden. Am Abend war sie mit zwei Gleichaltrigen und Rubens Tochter Laura aus dem Kinderhaus auch zu den Erwachsenen aufs asado gekommen, aber nach einer Weile fanden sie’s >blöd< und >langweilig<. Immer nur über Politik zu reden…

»Qué horror!«

Rubén saugte den Mate durch das silberne Röhrchen und musste schmunzeln. Eigentlich hatten die Kinder ja recht. Über >Politik< sollte man nicht reden. Man sollte sie machen. Leben. Die Kinder lebten den Erwachsenen in dieser Hinsicht schon viel vor. Ob ihnen klar war, dass auch das >Politik< war? Darauf kam es nicht an – wichtig war, wie sie fühlten und was sie taten. Er klopfte das Mategefäss sorgfältig aus und ging ins Haupthaus zurück. Als er den Lichtschalter umdrehte und zu Bett gehen wollte, protestierte eine leise Stimme: »Dejá la luz, ich bin noch am lesen!« Es war Antonio, der in der Ecke am Kamintisch saß und las. Er war mit 85 Jahren der älteste Kommunarde, und sein voller Familienname lautete Lopez-Lombardero. In der Comunidad nannten ihn alle >Lomba<. Lomba war von Anfang an dabei gewesen, und er hatte viel miterlebt. Sein Leben lang hatte er gekämpft, und das Leben in der Comunidad war für ihn die logische Fortsetzung dieses Kampfes, den er und seine Genossen in den unterschiedlichsten Formen betrieben hatten: mit Propaganda und Gewerkschaften, mit Kultur und Sabotage. Manchmal auch mit Gewalt, aber das war lange her, und Lomba sprach nicht gerne darüber. Nun las er Kropotkins Ética. Er wollte darüber einen Artikel schreiben.

»Perdonáme, querido«, entschuldigte sich Rubén und drehte das Licht wieder an. »Buenas nocbes.« »Hasta mañana.« Die Reifen der Unimogs knirschten jetzt über Kies und losen Schotter. Die Asphaltstraße hatten sie vor zehn Minuten verlassen, das Barrio Malvín war ein armes Stadtviertel. Elektrizität war erst vor wenigen Jahren gelegt worden. Die Wagen fuhren nun noch langsamer, niemand rauchte, niemand sprach ein Wort. Keiner bemerkte sie, nur ein paar Hunde kläfften. Es war ja Ausgangsverbot, und im Fernsehen wurde ein Länderspiel übertragen. Eine uruguayische Auswahlmannschaft spielte gegen River Plate, Buenos Aires. In der Passion für Fußball und asado gleichen sich Uruguayer und Argentinier aufs Haar. In den wenigen Häusern, wo novh Licht brannte, flimmerte es bläulich durch die Scheiben.

Als die Einsatzgruppen Aurora und Kolibrí gegen 1 Uhr früh ihre Positionen bezogen hatten, war es in der Kommune schon dunkel. Einzig Lomba las noch in der Ethik von Kropotkin, aber er war schwerhörig und bemerkte nicht, wie die Soldaten von ihren Bänken sprangen und mit der Waffe im Anschlag das Haus umstellten. Die Comunidad hielt sich auch keinen Wachhund, und so hörte niemand, wie die Kieselsteine unter den Stiefeln knirschten, wie eine Abteilung Soldaten hastig durch Rubéns Weingarten trampelte und wie der Einsatzleiter sich hinter einem starken Scheinwerfer postierte und nervös an seinem Sprechfunkgerät hantierte: »Atención, Atención, hier Aurora«, sprach er mit gedämpfter Stimme,

»Kolibrí, bitte kommen«.

»Hier Kolibrí, hier Kolibrí, befinden uns am Einsatzort, cambio.«

»Hier Aurora, wie ist die Situation am Objekt, Cambio?«

»Hier Kolibrí, die Hurensöhne sitzen in der Werkstatt und trinken Kaffee!«

»Na denn mal los!«

Jetzt lief alles in Minutenschnelle und unglaublicher Hektik ab. »Atención! Atención!« quäkte es durch das Megaphon, und der Scheinwerfer strahlte auf, »hier spricht die Polizei. Die Ordnungskräfte haben das Gelände umstellt. Widerstand wird mit Waffengewalt beantwortet. Kommen Sie einzeln, mit erhobenen Händen und ohne Waffen aus dem Haus!« Fahlgelb stand das Haupthaus der Kommune im Flutlicht. Ein unbeschreibliches Hundegebell erhob sich in der Nachbarschaft, selbst ein Hahn wurde rebellisch und krähte. Sonst geschah nichts. Noch einmal wiederholte der Einsatzleiter seine Aufforderung. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ließ er einen Soldaten eine Salve in die Luft feuern. Einen Moment herrschte Totenstille, dann setzte das Gebell wieder ein. Im Haus bewegte sich nach wie vor nichts. Endlich erschien, verängstigt und geblendet, die erste Gestalt im Eingang. Es war Rubén, der noch nicht geschlafen hatte, dicht gefolgt von Lomba, der Kropotkins Ethik noch in der Hand hielt. Ungläubig sah er sich um, ein Gewehrkolben wurde ihm in die Seite gestoßen, und ein vielleicht siebzehnjähriger Soldat brüllte ihn an: »Manos arriba! Los, los, die Hände hoch!« Sie wurden gestoßen und mussten sich auf den Bauch in den Dreck legen. Kropotkins Ethik flog zwischen die zertretenen Weinstöcke. Nun ging im Haupthaus endlich das Licht an, während das Kinderhaus dunkel blieb. Dort lugten die älteren vorsichtig durchs Fenster und begriffen sofort, was los war.

Rascher vielleicht als die Erwachsenen, die zum Teil protestierend, zum Teil einfach sprachlos aus der Tür traten. Sie wurden gezerrt und gestoßen, zu Boden geworfen, getreten; besonders die Frauen. Die Kinder schauten dem aus der Entfernung mit großen Augen zu – gefasst und fassungslos zugleich. Nur die kleinsten weinten leise, vor allem wohl deshalb, weil sie so brutal aus dem Schlaf gerissen wurden. Die Blicke der Kinder verfolgten mit Angst und Hass, was da draußen vor sich ging. Wie ihre Eltern, Freunde, die Erwachsenen der Comunidad nach Waffen durchsucht, beschimpft, geschlagen, auf die Unimogs gestoßen wurden. Die, die als besonders >verdächtig< eingestuft wurden, isolierte man im Ambulanzwagen. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten, dann fuhren die Soldaten mit ihnen davon. Zurück blieben nur die Kinder: große Augen, angehaltener Atem. Augenblicke, die sie nie wieder vergessen würden. Zurück blieben aber auch die Ford-Mavericks mit den Zivilisten, die die Arbeit des Kommandos >Aurora< zu Ende bringen sollten.

Das Kommando >Kolibri< war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon fertig mit seiner Arbeit. Man hatte ohne viel Federlesens die Druckerei gestürmt, Setzkästen und Papierstapel umgetreten, mit den Bajonetten Manuskripte und Druckfahnen zerfetzt, Panik verbreitet. Sergio, den sie zuerst erwischten, hatten sie die Kaffeetasse aus der Hand geschlagen, der heiße Inhalt war Elena über die Beine gelaufen. Sie schrie auf, ein Soldat riss sie vom Stuhl und griff ihr beherzt von hinten zwischen die Beine. »Bastardo!« schrie sie und wand sich aus dem Griff, aber der Soldat war nicht so plump wie jene Nazi-Landser in den miesen Kriegsfilmen; er schnellte ihr nach und warf sie mit einer gewaltigen Ohrfeige zu Boden: »Calláte, puta!« Paco war von der Setzmaschine aufgesprungen und wollte ihr zu Hilfe eilen, aber er bekam einen Kolbenschlag in den Rükken und fiel der Länge nach hin, keine zwei Meter neben Elena. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke unter dem Tisch. Schon war der Soldat wieder über Elena, packte sie am Gürtel ihres Kleides und begann, sie unter dem Tisch hervorzutreten. Sie trat nach hinten aus und klammerte sich an Paco. Aber der Soldat war stärker und zerrte sie hervor. Ein Offizier ging endlich dazwischen und fuhr den Soldaten an: »Lass das, du Sau — so was kannst du später machen.«. Eile war angesagt, die Aktion sollte ohne viel Aufsehen über die Bühne gehen. Schließlich hatte die Comunidad viele Freunde in der Nachbarschaft. Und so dauerte auch die Verwüstung der Druckerei und die Verhaftung der dort arbeitenden Kommunarden kaum länger als eine Viertelstunde. Dann war alles wieder ruhig. Zurück blieben auch hier nur die Zivilen mit den Ford Mavericks…

Alles war nach Plan verlaufen. Aurora und Kolibrí fuhren wieder in ihre Kasernen zurück. Die Gefangenen wurden auf verschiedene Orte verteilt. Einige kamen in reguläre Gefängnisse, andere in Polizeigewahrsam, wieder andere in Militärkasernen und geheime Verliese der Sicherheitspolizei. Das waren irgendwelche unscheinbare Villen mit Garten, an Ausfallstraßen oder auch mitten im Zentrum. Es waren die schlimmsten Orte, an die man gebracht werden konnte, hier waren die Folterzentren. >Büros für außerordentliche Verhöre<, wie es im offiziell-internen Sprachgebrauch hieß. Die dorthin kamen, ahnten, was sie erwartete. Mittlerweile war es neun Uhr geworden, die Wintersonne schien fahl und friedlich vom wolkenlosen Himmel auf Malvin hernieder. Die Zivilpolizisten mit ihren Sonnenbrillen und den Revolvern unterm Jackett hatten die Nachbarn zurück in ihre Häuser gejagt. Die Ausgangssperre sei heute bis Mittag verlängert, hatten sie erklärt, niemand dürfe in dieser Straße das Haus verlassen. Die Leute murrten, zogen sich aber zurück. Die Schulkinder freuten sich und schauten hinter den Fensterläden und Jalousien neugierig zur Comunidad hinüber.

Der alte Dodge vom Bäcker fuhr langsam die Straße hinauf, aber niemand kam an diesem Morgen, um Brot einzukaufen. Auch der Siphonverkäufer und die Gemüsehändlerin mit ihren zweirädrigen Karren machten an diesem Morgen keine Geschäfte. Sie wurden von den Polizisten unwirsch verjagt. Um 9 Uhr 12 entdeckten die Polizisten das Kinderhaus. Das hatten sie bisher einfach übersehen. Es lag im hinteren Teil des Grundstückes, von den Hühnerställen weitgehend verdeckt. »He, Alejandro, komm doch mal hier rüber! Hier ist noch’n Haus. Aber vorsichtig!« Mit gezückter Waffe näherten sich zwei Zivile dem Kinderhaus. Die Fensterläden aus Blech waren verschlossen, man konnte nichts erkennen. Alejandro, ein junger Polizist in tadellosem Anzug, trat die Türe ein. Die beiden Beamten stürmten in den Raum. Es war dämmrig, und obwohl sie vorher ihre Sonnenbrillen abgenommen hatten, konnten sie kaum etwas erkennen. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sie wahrnahmen, wo sie sich befanden: in einem Halbkreis von Kindern und Jugendlichen, die sie entschlossen und trotzig musterten. In der ersten Reihe standen die Alteren, einige hatten die Fäuste energisch in die Hüften gestemmt, andere schauten ängstlich auf die Pistolen.

»Ach du Scheiße, hier ist ja ein ganzer Kindergarten. Was sollen wir denn mit denen machen?«

»Keine Ahnung«. Alejandro steckte die Waffe wieder ein, seine Finger fuhren nervös durchs Haar

und ruinierten die kunstvoll gestriegelte Brillantinefrisur.

»Frag mal den sargento.« Der Kollege verschwand, Alejandro blieb im Kinderhaus.

»Was machen Sie hier? Wo sind die Erwachsenen? Was ist hier eigentlich los?« Carlos, 13 Jahre jung, hatte sich vor dem Polizisten aufgebaut.

»Halt den Mund, und setz dich. Es ist alles in Ordnung.« Eine solche Situation war Alejandro nicht gewöhnt, seine Nervosität stieg. Die Kinder waren von den beiden Polizisten keineswegs überrascht worden. Seit der Verhaftung hatten sie die Fenster verdunkelt, sich angezogen, gewaschen und die Kleinsten versorgt. An eine Flucht war wegen der Kleinkinder nicht zu denken – daher waren drei der älteren Jugendlichen, unter ihnen Rubens Tochter Laura, über den Zaun nach hinten abgehauen, um Freunde zu warnen und Rechtsanwälte zu benachrichtigen. Die restlichen hatten eine Versammlung begonnen und sich im Kreis auf den Fußboden gesetzt. Zwei standen an den Fenstern Wache und hatten die beiden Zivilen herankommen sehen. Sie waren mitten in die Debatte der Kinder geplatzt, wo in einer Mischung aus Angst und Heldenmut gerade diskutiert wurde, was das Ganze wohl zu bedeuten habe und was sie unternehmen könnten. Nun nahmen die Kinder die Debatte einfach wieder auf. Sie zogen sich in den hinteren Teil des Raumes zurück und tuschelten miteinander. Alejandro setzte die Sonnenbrille wieder auf, nahm sie wieder ab, fuhr sich abermals durchs Haar. Er war es gewohnt, dass die Menschen vor der Polizei Angst hatten und zitterten. Diese Kinder brachten ihn völlig aus der Verfassung. Außerdem hatte er noch nicht gefrühstückt, und ihm fehlte eine Tasse Kaffee.

»Ruhe dahinten, ich will kein Wort hören!«

»Beantworten Sie unsere Fragen!« Alejandro konnte nicht sehen, wer das gesagt hatte.

»Ruhe, hab‘ ich gesagt!!«

Schweigen ——-

Alejandro spürte trotz des Dämmerlichtes, wie zwei Dutzend Augenpaare voller Verachtung auf ihm ruhten. Er fand das unerträglich. Die Tür flog auf, herein traten sieben Zivilpolizisten. Einer drehte das Licht an; darauf war Alejandro noch gar nicht gekommen. Zwei andere öffneten die Fensterläden.

»Mein Gott, was für eine Sauerei!« Der sargento war sichtlich getroffen. »Was für degenerierte Schweine! Machen Kinder wie die Kaninchen und sperren sie alle in einen Stall. Mädchen und Jungen zusammen. Das ist ja ein richtiger Sauhaufen!« Und zu seinen Männern gewandt fuhr er fort: »Da seht ihr, Männer, wie weit die Subversion schon geht. Das ist Sodom und Gomorrha, mitten in unserem Vaterland! Es wird Zeit, dass hier aufgeräumt wird. Wetten, die haben noch nie eine Kirche von innen gesehen?!«

»Sicher nicht, mi Sargento« warf ein dicker Kollege ein, der gerade seine Pistole wieder ins Halfter zu schieben versuchte, was ihm nicht gelang,

»aber was machen wir bloß mit denen?«

»Weiß ich auch nicht. Vielleicht bringen wir die in ein Heim oder so was. Aber daran will ich mir nicht die Finger verbrennen. Das soll der Polizeipräsident entscheiden oder meinetwegen der Innenminister. Mir ist das zu heiß. Wir werden ihm gleich Meldung erstatten. Das ist nicht unser Bier – so ein Kinderkram!«

»Davon steht auch nichts im Operationsplan«, warf der Dicke wieder ein.

»Kinder, ihr bleibt hier und rührt euch nicht von der Stelle. Ihr braucht keine Angst zu haben.«

»Wir haben keine Angst. Sagen Sie uns, wo die Erwachsenen sind und was hier überhaupt los ist!«

Nun war es am sargento, die Fassung zu verlieren.

»Papperlapapp! Ihr habt gar nichts zu melden. Hier passiert, was wir sagen.«

»Dann sagen Sie uns, was hier passiert.«

» —– «

»Wo sind unsere Eltern?«

»Ruhe, ihr sollt nicht so vorlaut sein! Es ist alles in Ordnung.«

Die Polizisten verließen das Haus wie eine Höhle, in der es spukt. Der sargento begab sich auf die Toilette. All das war ihm auf die Blase geschlagen. Als er die Tür aufriss, rempelte er gegen den Polizisten Alejandro, der sich gerade seine Frisur mit einem chromglänzenden Metallkamm wieder in Ordnung brachte und so seine innere Fassung wiederfand.

»Na, alles in Ordnung, Alejandro?«

»Sí, mi sargento«

»Woll’n mal sehen, dass wir hier so schnell wie möglich wieder wegkommen. Das ist ja das reinste Irrenhaus. Keine Waffen, kein Sprengstoff, keine subversive Literatur, nur ’n Haufen Humbug in der Bibliothek, den keiner versteht, aber ein Stall voller respektloser Kinder – die reinste Satansbrut. Das ist doch keine seriöse Arbeit für einen Polizisten!«

» Sí, mi sargento«

Am Mittag war der Spuk vorbei, kein Ford Maverick stand mehr in der Straße, die Nachbarn trauten sich wieder aus ihren Häusern und kamen zur Comunidad herüber. Dort trafen sie die Kinder bei der Arbeit. Die Soldaten hatten vieles zerschlagen, zertrampelt und zerstört. Die Polizisten hatten das Chaos vollendet: Auf dem Boden lagen Bücher in Tomatensoße, an der frisch gewaschenen Wäsche klebte Karamellsirup, Mülleimer und Papierkörbe waren auf dem Teppich entleert worden. Die Kinder räumten still und deprimiert auf. Es dauerte über drei Wochen, bis die ersten Erwachsenen der Comunidad wieder frei kamen. So zynisch es klingt, sie hatten bei allem noch Glück. Trotz des herrschenden Militärterrors, trotz des Ausnahmezustands und trotz der allgemeinen Brutalität gab es noch eine halblegale Opposition, eine zensierte, aber wache und listige Presse, eine öffentliche Meinung und eine gewisse humanistische Tradition, auf die selbst der Präsident Rücksicht nehmen musste. Noch. Nur ein Jahr später wäre das Leben der Kommunarden in Uruguay, aber auch in Argentinien, keinen Peso mehr wert gewesen. Nur ein Jahr später herrschte auch in diesen so europäisch geprägten Republiken am Rio de la Plata mit ihrer starken Arbeiterbewegung und ihrem stolzen demokratischen Bewusstsein der nackte Vandalismus. Staatsterror wie in Chile, Paraguay, Guatemala…, Staatsterror made in USA.

So verliefen die Operationen >Aurora< und >Kolibrí< letztendlich im Sande. Es gab keinen Prozess, nicht einmal eine Anklage. Die Verhafteten wurden gedemütigt und geschlagen, viele gefoltert. Manche führte man zu Scheinhinrichtungen und alle wurden streng isoliert. Aber sie überlebten und kamen einer nach dem anderen wieder frei.

Bei aller Angst um das eigene Leben war für Rubén, Lomba, Elena, Sergio, Paco und all die anderen eine Angst quälender als alles andere: Was war mit ihren Kindern? Sie waren völlig auf sich allein gestellt, hatten kein Geld und keine Hilfe. Niemand wusste von ihrem Schicksal. Hatte man sie ihnen weggenommen und in ein Heim gesteckt, oder waren sie am verhungern? Hatte man sie ihrem Schicksal überlassen oder sie am Ende auch gequält? Diese Gedanken waren schrecklicher als die Folter. Elena gehörte zu der ersten Gruppe von Frauen der Comunidad, die wieder freigelassen wurden. Sie liehen sich bei Freunden in der Innenstadt Geld für ein Taxi, denn im Gefängnis hatte man ihnen alles genommen. Voller Angst fuhren sie nach Malvín, auf das Schlimmste gefasst. Im Haus sollten sie eine Überraschung erleben, die sie nie mehr vergessen würden. Man erwartete sie bereits. Eine regelrechte Delegation von Nachbarn empfing sie mit Blumen und hieß sie mit Wein willkommen. Das Essen stand fertig auf dem Tisch. Der Gemeinschaftsraum war zu klein, um alle zu fassen. Die Kinder führten das Regiment und hatten offenbar alles fest im Griff. Die freigelassenen Frauen weinten vor Freude, und jetzt endlich weinten auch die Kinder. Zum ersten Mal, und nicht vor Angst, sondern vor Freude. Fragen, Antworten, wieder Fragen…

Das Problem, was die Behörden mit den Kindern anfangen sollten, war in der Bürokratie und dem Kompetenzwirrwarr einfach untergegangen. Man hatte sie vergessen. Sie waren tatsächlich >ihrem Schicksal über- lassen< worden, und das war was Beste, was ihnen passieren konnte. Beim Essen berichteten Silvia, Laura und die anderen Jugendlichen, was in den drei Wochen passiert war:

»Als die Polizisten weg waren, haben wir erst mal Ordnung gemacht und mit den Nachbarn gesprochen. Die konnten uns aber auch nicht helfen. Am Nachmittag kamen Laura und Alfredo aus der Stadt zurück. Sie haben einigen Genossen Bescheid gegeben und es bei zwei Anwälten versucht, die wollten aber nichts von der Sache wissen. Dann haben wir jeden Tag eine Vollversammlung gemacht und überlegt, was wir tun konnten. Wir mussten ja alles selber organisieren. Wir haben den Garten weiter bestellt und auch die Hühner versorgt. Das Gemüse und die Eier haben wir einfach verkauft. Das ging prima. Davon und von dem, was uns die Nachbarn gegeben haben, haben wir gelebt. Jede Woche haben einige von uns sich für die Versorgung der Kleinen, fürs Kochen, Einkaufen, Sauber machen, Garten, Hühner und Verkauf gemeldet. Die anderen haben sich inzwischen überlegt, was wir sonst noch tun konnten. Wir haben an die Genossen Briefe geschrieben, auch nach Argentinien und Europa, auch nach Nordamerika, damit die erfahren, was hier los ist. Hoffentlich können die auch Spanisch lesen! Na, und dann haben wir auch die Zeitungen angerufen, aber ich glaube, die hatten ganz schön Schiss. Jedenfalls haben sie hier in Montevideo nicht viel darüber geschrieben. Aber Anwälte, die haben wir schließlich doch gefunden. Das habt ihr ja wohl im Gefängnis auch gemerkt? Von denen wussten wir ja auch, dass ihr heute entlassen werdet. Guckt mal, hier haben wir schon die Solidaritätsschreiben gesammelt, die wir bekommen haben, und die Zeitungsausschnitte. Aus Uruguay sind nur zwei ganz kleine Berichte dabei, aber im Ausland, hier seht mal, ist viel drüber geschrieben worden. Amnesty International hat auch gleich was unternommen, und ich glaube, der Präsident hat ’ne Menge Post bekommen.

In Amerika hat’s auch bei drei oder vier uruguayischen Konsulaten Demonstrationen gegeben und auch in Brasilien. So, und dann haben wir viel Besuch gehabt. Genossen aus Argentinien von der Kommune Tierra waren hier und haben uns geholfen. Wenn es nötig wird, haben sie gesagt, können wir erst mal zu denen rüber und verschwinden. Ach ja, und hier ist die Liste der Spenden, die wir in der Nachbarschaft bekommen haben. Aber nicht nur aus Malvín aus der ganzen Hauptstadt kam Hilfe und sogar aus dem Norden, aus Mercedes, Fray Bentos, aus Tacuarembó, Salto und Artigas…« Elena hörte gebannt zu. Sie und die anderen schwiegen. Sie waren zu bewegt, um Silvias Bericht auch nur durch eine Frage zu unterbrechen. Schließlich platzte es aus ihr heraus:

»Wie habt ihr das nur alles geschafft? Wer hat euch denn gesagt, was ihr tun solltet? Das war ja die perfekte Selbstverwaltung…« Silvia sah sie verwundert, fast ein wenig verärgert an:

»Wieso? Glaubst du, wir wären doof, bloß weil wir nicht erwachsen sind? Ihr habt doch immer von eurer Anarchie geredet und geredet… Das war doch logisch, dass wir uns selber helfen mussten. Ihr habt uns doch das Kinderhaus gebaut, damit wir selbst klarkommen – und nun wunderst du dich, das wir das auch tatsächlich tun?«

»Ja, aber…«

»Nichts ja aber«, fuhr Laura dazwischen. »Du meinst wohl, man müsste erst Kropotkins Ethik lesen, bevor man was von Anarchie versteht?«

»Übrigens, die >Ethik< von Lomba haben wir ganz zertreten beim Wein gefunden. Wir haben sie wieder geflickt und in die Bibliothek gestellt«, sagte Alberto. Alle lachten.

»Und der Wein ist in diesem Jahr gut gekommen. Wir haben die Stöcke schon geschnitten…«

 

Geschichte

Venedig, im Herbst 1984. Anarchisten aus aller Welt haben sich in der Stadt versammelt. Es wird zwar nicht das größte, aber wahrscheinlich das wichtigste Anarchistentreffen seit dem Ende des spanischen Bürgerkrieges. Fast 50 Jahre hatte es keine solche Zusammenkunft mehr gegeben: eine offene Versammlung, ohne das Korsett bestimmter Organisationen, ohne Leistungszwang, ohne die Trennung von Politik, Kultur und Spaß. Aus allen Erdteilen reisten sie an; auch Rubén, Silvia und Laura waren dabei. Wie viele es waren, vermochte niemand zu sagen, denn in der Chaosstadt der Kanallabyrinthe waren sie nie alle zusammen an einem Platz. Das Convegno anarchico fand gleichzeitig an drei verschiedenen Orten statt. Zwei Plätze hatte die Stadtverwaltung den Anarchisten überlassen. Einer von ihnen diente als Treffpunkt, für Essen und Trinken, Literatur und Kommunikation, Musik und Schwof; der andere war Kunst und Kultur gewidmet: in einem enormen Zirkuszelt fanden Ausstellungen und Veranstaltungen, Theater und Filmvorführungen, Debatten und Feten statt.

In der Universität schließlich wurde das begonnen, was seit Jahrzehnten überfällig war: der Versuch einer theoretischen, historischen und praktischen Standortbestimmung des modernen Anarchismus. Eine Aufgabe, die derart vernachlässigt war, dass das beklemmende Gefühl, in strategischen Sackgassen zu stecken, bei den Anarchisten fast schon zu einer weltweiten Krankheit geworden war. Die bürgerliche Presse schätzte, dass zwischen 3000 und 5000 Anarchisten dem Ruf der italienischen Genossen gefolgt waren. Venedig erlebte einen anarchistischen Karneval, in dem zwischen ernster Politik und freier Lebensfreude keine Grenze mehr zu ziehen war. Sogar viele Touristen änderten ihre Pläne und erschienen täglich, statt in Museen und Kirchen, auf den Plätzen, die die Anarchisten bevölkerten. Und das nicht nur, weil der Wein – eine Spezialabfüllung! – so gut und so preiswert war…

Im überfüllten Saal der Fakultät für Architektur von Venedig saßen Rubén, Silvia und Laura auf dem Podium. Obwohl die kühle Jahreszeit schon angebrochen war, war es im Raum heiß und schwül. Über tausend Menschen, dicht gedrängt, die Luft zum Schneiden dick. Das Thema: >gelebte Anarchie<. Eines von mehreren Dutzend Themen, die auf dem Treffen beackert wurden. Von den Problemen der neuen Medien bis zur Ökonomie, von Revolutionsmodellen zur Erziehung, von Gewerkschaftsfragen zur Elektronik, von Orwell zur Kunst, vom Feminismus bis zur Strategie im Ostblock versuchte die Bewegung hier Fragen aufzuwerfen, Diskussionen zu fuhren, Positionen zu finden. Das Ganze stand unter dem Motto > 1984<, jenem unheilschwangeren Orwellschen Datum2, zu dem Anarchisten sozusagen von Hause aus einiges zu sagen haben. Das Thema >gelebte Anarchie< hatte großes Interesse gefunden, aber viele Zuhörer und Diskutanten im Saal waren enttäuscht: auch hier hatten zu oft die reinen Theoretiker das Sagen. Gelehrte Professoren und fleißige Bücherwürmer, die sich gerne reden hörten, ließen die Mikrophone nicht mehr los und versuchten in der begrenzten Redezeit möglichst viele ihre Thesen und Erkenntnisse loszuwerden. Das brachte nicht nur die armen Simultandolmetscher in ihren Glaskästen zum Schwitzen, sondern auch viele im Publikum zum Kochen. Bei den anderen Veranstaltungen war es schon schlimm genug gewesen mit den Intellektuellen, die man immer wieder auf den Teppich holen musste – aber hier, bei d i e s e m Thema?! Man hatte sich eigentlich mehr Handfestes, Konkretes versprochen: Wie lebten denn zum Beispiel die Herren Professoren, die hier redeten und redeten, i h r e Art von Anarchie in i h r e m Leben? Und warum saßen da auf dem Podium so viele Männer und so wenig Frauen? Bescheiden und fast banal klang dann, was Silvia, Laura und Rubén berichteten. In einfachen Sätzen erzählten sie die Geschichte i h r e r gelebten Anarchie, nämlich die der Comunidad del Sur. Nur gelegentlich stellten sie Thesen auf oder zogen verallgemeinernde Schlüsse. Nach einer ermüdenden Debatte über das Privateigentum bemerkte Rubén einmal lakonisch: »Ich weiß in diesem Moment nicht, ob der Pullover, den ich trage, meiner ist oder nicht. Wir praktizieren seit 30 Jahren Kollektiveigentum, und wir tun dies freiwillig. Ich besitze eigentlich nichts und bin trotzdem unermesslich reich. Ich habe nie das Gefühl gehabt, das mir irgend etwas fehlte.« – Schweigen. Rubén beendete seinen Beitrag über >gelebte Anarchie< mit der Geschichte von der Verhaftung und den Kindern der Comunidad, die ich in der Story erzählt habe. Er brauchte dazu kaum mehr als zehn Sätze und schloss mit den Worten: »Ich denke, das, was diese Kinder damals gemacht haben, war mehr gelebte Anarchie als alles, was wir heute hier zu hören bekommen.« Der Applaus wollte nicht enden. Die Geschichte der Comunidad del Sur ist alles andere als typisch für den Anarchismus in Uruguay. In dem kleinen Land am Rio de la Plata hatte sich die Bewegung in ähnlichen Bahnen entwickelt wie im riesigen Argentinien, am anderen Ufer des Flusses. Natürlich weniger stürmisch, weniger spektakulär, auch weniger tragisch. Viele argentinische Anarchisten fanden in dem liberalen Land Zuflucht vor ihrer Verbannung, und nach 1939 kamen zahlreiche geschlagene Spanienkämpfer3 ins Land. Dennoch verlor der Anarchismus auch hier während der Nachkriegszeit seine einstige Bedeutung und fristete schließlich eher das Dasein eines Traditionsvereins als das einer kämpferischen Bewegung.

Die Comunidad kann durchaus als eine Antwort auf diesen >Marsch in die Sackgasse< verstanden werden. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum die >Geschichte der Comunidad< auch nicht nur Geschichte ist, sondern ebenso auch Gegenwart. Sie hat alle Verfolgungen überstanden, lange Jahre des Exils, Entwurzelung und Zerstörung. Sie existiert heute, über dreißig Jahre nach ihrer Gründung so lebendig wie eh und je. Wenn jemand nach einer Personifizierung der >lachenden Verlierer< aus der Einleitung zu diesem Buch sucht, so ist es das Lächeln von Silvia, Laura und Rubén. Seit ihrer Gründung im Jahre 1955 war die Kommune ständigen Verfolgungen ausgesetzt – mal sanft, mal brutal, mal subtil, je nach der politischen Wetterlage in Uruguay. Ihre Gründer waren auf der Suche nach neuen Auswegen aus den traditionellen Formen anarchistischer Organisation und Praxis. Ihr Ziel definierten sie kurz und bündig: »Das Experiment eines allumfassenden kooperativen Lebens.« Die >Kommune des Südens< sollte alle Bedürfnisse ihrer Mitglieder abdecken: Arbeit, Konsum, Erziehung, Freizeit, das Bedürfnis nach menschlicher Wärme, politische Wirkung nach außen, Muße, Bildung, Spaß… Dies alles nicht in Form einer ab gekapselten Fabrik, in der der einzelne Mensch von der Gemeinschaft quasi zwangsweise beglückt und erdrückt wird, sondern in angenehmen, menschlichen Formen, die jedem Individuum neben seiner kollektiven Geborgenheit auch seinen notwendigen persönlichen Freiraum belässt.

Diese Ideen waren und sind im Anarchismus nicht neu. Kommunen solcher Art – von kleinen Gruppen bis hin zu großen Siedlungsgemeinschaften und Vernetzungen — haben Anarchisten seit dem vorigen Jahrhundert immer wieder versucht und versuchen dies auch heute wieder. Keine dieser Kommunen war wie die andere. Einige waren erfolgreich, andere gingen wieder zugrunde – an inneren Widersprüchen oder durch den Druck des Staates. Die meisten dieser Kooperativgemeinschaften existierten in Nordamerika und Europa, und auch heute ist das bunte Feld solcher Experimente dort am weitesten fortgeschritten. Selbstverständlich sehen heutige Anarchokommunen anders aus als die vor hundert Jahren. Die Kommuneidee ist nie stehen geblieben, sie hat es mit erstaunlicher Phantasie immer wieder geschafft, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, neue Erkenntnisse umzusetzen und neue Formen zu entwickeln: ein kleines Stück künftiger Anarchie hier schon heute zu leben. Der Hintergedanke dabei ist denkbar einfach; man fängt praktisch zwei Flügel mit einer Klappe: einerseits macht es das eigene Leben angenehmer, und die Kommunarden fuhren – soweit dies unsere Gesellschaften zulassen – ein glücklicheres Leben. Andererseits dürfte eine solche vorgelebte, praktizierte Anarchie — und sei es auch nur in Teilbereichen der Gesellschaft und scheinbar unwichtigen Alltagsdingen – wohl das überzeugendste Argument sein, um seinen Mitmenschen den Anarchismus verständlich zu machen und nahezubringen.

Der beste Prediger ist immer noch der, der mit dem Beispiel predigt. Nur die allerwenigsten Leute können etwas mit gedruckter Propaganda oder mit Agitationsreden anfangen. Die Handvoll Anarchisten, die in den fünfziger Jahren in Montevideo die Comunidad gründeten, hatten ähnliches im Sinn. Ihnen waren die Erfahrungen aus Europa und Nordamerika bekannt, und sie suchten eine spezifische Form für ihre südamerikanischen Gegebenheiten. Etliche von ihnen kamen aus der traditionellen anarchistischen Bewegung und hatten deren Niedergang bewusst miterlebt; sie suchten nach neuen Formen und dachten dabei nicht etwa an einen Bruch. Eine gegenseitige Belebung, der Versuch einer Verbindung zwischen den neuartigen Kommuneexperimenten und der traditionellen Bewegung, vornehmlich der Gewerkschaften, war eines ihrer Anliegen. Schon nach wenigen Jahren war die Kommune auf über sechzig Menschen angewachsen. Etwa ein Drittel davon waren Kinder, ein Drittel Frauen, ein Drittel Männer; zwei alte Veteranen gehörten auch dazu. Es gab auch etliche Kooperativisten, die zwar in den Werkstätten oder in der Landwirtschaft einen Arbeitsplatz gefunden hatten und auch die gemeinsamen Mahlzeiten mit einnahmen, aber nicht in der Kommune wohnten. Der Hauptsitz der Comunidad am Stadtrand von Montevideo lag auf einem Grundstück von zwei Hektar. In den Häusern gab es neben den Wohnräumen einen Speisesaal, eine Gemeinschaftsküche, eine Wäscherei, eine Bibliothek, Freizeit- und Sporträume und ein Kinderhaus sowie Hobbywerkstätten, ein Theater- und Kunstatelier und Räume zum Spielen. Auf dem Grundstück betrieben die Kommunarden Gemüseanbau und einen Geflügelhof. Die Haupteinnahmequelle aber war die Druckerei, eine der leistungsfähigsten des Landes, die ihre Werkstätten im Zentrum Montevideos betrieb. Die Drucker der Comunidad waren nicht nur als gute Handwerker, sondern auch als hervorragende Designer und Grafiker bekannt.

Alle ein bis zwei Wochen tagte die Vollversammlung, auf der die allgemeinen Fragen für die Wirtschaft, die Erziehung, neue Planungen, aber auch die Beziehungen zur näheren oder weiteren Nachbarschaft debattiert und gelöst wurden. Zwei größere Versammlungen im Jahr waren weitergehenden Perspektiven und Planungen gewidmet; hier wurden neue Investitionen beschlossen, Prioritäten festgelegt, Arbeitszeiten und Einsätze besprochen, Bildungs- und Freizeitvor- haben geplant, Richtlinien erarbeitet.

Darüber hinaus hatte jede Kooperative gleichzeitig seine eigene, autonome Versammlung, die die Arbeit und das Zusammenleben in jedem Produktionszweig regelten. Die Hühnerzüchter und die Handwerker, die Drucker und die Gemüseanbauer, die Hausarbeiter und die, die sich um Erziehung und Kulturarbeit kümmerten, beschlossen also jeweils für sich, wie sie ihre Arbeit und ihr Leben im Detail gestalteten. So praktizierten die Kommunarden in Uruguay für jedermann verständlich, für Nachbarn, Kunden, Anarchisten und Kinder einsehbar, das, was sie unter Selbstverwaltung verstanden. Und es funktionierte. Kein Mensch hat natürlich Lust, jeden Tag auf irgendwelche Vollversammlungen zu rennen und sich in seiner Freizeit mit allen möglichen Problemen herumzuschlagen oder endlose Diskussionen zu führen. Auch hieran hatten die cooperativistas gedacht: damit die Selbstverwaltung nicht zu einer nervigen Plackerei wurde, gab es bestimmte delegierte oder auch kleinere Kommissionen, die vor allem den alltäglichen Kleinkram und die mehr technischen Probleme erledigten. Diese Funktion waren vorübergehend oder auch für längere Dauer eingerichtet, und die Grundlage der Arbeit dort war Vertrauen. Eine Entscheidungsbefugnis hatten sie nicht und konnten jederzeit von der Vollversammlung abberufen werden. Dadurch vermied man die Entstehung neuer Herrschaft und zu große Autorität einzelner Leute. Auch eine Bürokratie konnte sich unter solchen Bedingungen nicht entwickeln. So praktizierten die Frauen, Männer und Kinder der Comunidad das, was sie unter libertärem Kommunismus verstanden, und es funktionierte.

Auch sozial schwierige Situationen, die in der Gesellschaft als Probleme oder Makel angesehen werden, wie Alter, Krankheit, Invalidität, Kindheit, Mittellosigkeit, wurden innerhalb der Kommune angepackt und bewältigt. Hier wurde vor aller Augen täglich bewiesen, dass Solidarität statt Bürokratie, freie Erziehung statt Staatsschulen, Kommunedasein statt Altersheimen das Leben lebenswerter und den Staat auch in seinen angeblich positiven Aufgaben überflüssig machen können. All das war ein kleines, bescheidenes Stück gelebter Anarchie. Es war gelebte Anarchie, die jeder sehen und begreifen konnte. Es war Anarchie, in der niemand über den anderen herrschte und in der es trotzdem kein Chaos gab, Anarchie, in der man keine Chefs, Meister und Lehrlinge kannte, und in der trotzdem ernsthafte und gute Arbeit verrichtet wurde, Anarchie, in der man keine sozialen Segnungen des Staates fand und den Menschen trotzdem nichts fehlte. Funktionierende Anarchie zum Anfassen. Sicherlich gab es größere, vielleicht auch interessantere anarchistische Kommuneprojekte in anderen Teilen der Welt, aber für Uruguay – ja, für ganz Südamerika – wurde die Comunidad zwischen 1965 und 1975 zu einem Mekka für Menschen, die auf der Suche nach neuen Lebensformen waren. Nicht nur Anarchisten waren es, die nach Montevideo reisten, um die Kommune zu sehen und ihre Menschen kennenzulernen. Ihre Attraktivität war in der engen Nachbarschaft, unter den Frauen am Markt oder den Kunden in den Werkstätten ebenso groß wie bei Universitätsprofessoren von Santiago bis Bogota. Erziehungstheoretiker studierten sie ebenso begeistert wie Künstler, Gewerkschafter ebenso wie die junge Generation der rebellischen Schüler und Studenten. Der Einfluss der Comunidad del Sur ging dabei weit über den Umkreis ihrer konkreten Arbeitsbereiche hinaus. Sie züchteten nicht nur Hühner oder Gemüse, druckten nicht nur Broschüren und Visitenkarten — sie arbeiteten und lebten nicht nur anders als alle anderen, sie kapselten sich bei alledem auch nicht ab. Sie beeinflussten, inspirierten, wirkten auf eine ganze Generation von Menschen, und das war kein Zufall. Es war gewollt, organisiert, geplant und gehörte zum Konzept. Sie druckten nicht nur Bücher für irgendwelche Kunden, sie schrieben auch selber Bestseller über brennende Themen. Sie erzogen nicht nur ihre Kinder anders, sie nahmen auch aktiv Teil an der Debatte über Erziehung und Unterricht. Sie kritisierten nicht einfach die Lehrmittel, sie schrieben, druckten und verkauften bessere Schulbücher. Sie nörgelten nicht an der Verdummung durch Konsum, Staat und Kirche herum, sie taten etwas dagegen. Kunstausstellungen und Sportveranstaltungen, Lesungen und Wettbewerbe, Vortragsreisen und Kulturveranstaltungen, öffentliche Feste und Seminare gehörten für die Kommunarden ebenso zu ihrem Alltag wie die aktive Teilnahme an Bewegungen, Demonstrationen, Streiks und sozialen Kämpfen ihres Heimatlandes. Die Comunidad war kein Fremdkörper in der uruguayischen Gesellschaft, sie war ein Teil von ihr. Ein virulenter4 Teil, der munter wuchs und auf Dauer dem Staat gefährlich werden konnte.

Dies unterscheidet die Comunidad angenehm von recht vielen deutschen Alternativprojekten unserer Tage, die nur allzu oft die selbstquälerische Tendenz haben, sich vor der bösen Gesellschaft mit ihren schlimmen Schrecklichkeiten und dummen Menschen in eine selbstgestrickte Idylle zu flüchten und das eigene Heil bei biodynamischem Gemüse und selbst gesponnener Wolle zu suchen. Das kann der Staat prima verkraften, das schließt die Menschen aus der Nachbarschaft fast automatisch aus und lässt im Zweifelsfall die Argumente einer Bild-Zeitung immer noch schwerer wiegen als jedes gelebte Beispiel. Anarchie ist machbar, Frau Nachbar – aber nicht im stillen Kämmerlein Zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Story spielt, war die Comunidad auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Entwicklung. Sie, die aufflammende Studentenbewegung und die mit ihr entstandenen neuen anarchistischen Gruppen, die alte anarchistische Bewegung und die Gewerkschaften waren aber nicht die einzigen Faktoren, die bestimmten, was in Uruguays linker Landschaft außerhalb der Parteien vorging. Eine neue Kraft war ins Spiel gekommen, die >Tupamaros<.

Tupamaros — das klingt exotisch und nach Abenteuer. In der Tat war es wohl die phantasievollste, humanste und witzigste Stadtguerillaorganisation, die die Welt je gesehen hatte. Auch hierzulande war dieser Name Anfang der 70er Jahre in linken Kreisen ein Zauberwort, und in Uruguay konnten sie bis zu ihrer militärischen Zerschlagung 1972/73 auf unverhohlener Sympathie in der Bevölkerung, aber auch in den liberalen Medien zählen. Es gab eine Zeit, wo die Kinder in Montevideos Straßen nicht Räuber und Gendarm spielten, sondern Tupamaros und Polizei. Und niemand wollte gern den Polizisten machen. Dass sie so populär waren, hatte seine guten Gründe. Die Organisation war aus einer völlig legalen Zuckerrohrarbeiter-Gewerkschaft im Norden des Landes entstanden. Eine ihrer ersten Aktionen war ein spektakulärer Hungermarsch der Tagelöhner auf die Hauptstadt. Diese Bewegung war praktisch durch Verfolgung, durch Verelendung der Arbeiter und die Aussichtslosigkeit legaler Gewerkschaftskämpfe zur Stadtguerillataktik hin geprügelt worden. Diese Entwicklung wurde von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Als das Movimiento de Liberación Nacional (MLN – Bewegung zur Nationalen Befreiung) schließlich die ersten Aufsehen erregenden Guerillaaktionen startete, wussten die Menschen, dass es sich hier nicht um irgendwelche wild gewordenen linken Intellektuellen handelte, die sich als Avantgarde des Proletariats aufspielten, sondern um Leute wie sie selber, die versuchten, sich ihrer Haut zu wehren und den Staat mitsamt seiner Korruption, seiner Hungerpolitik und seiner Unterdrückung auf andere Weise zu bekämpfen. Diesen Sympathiebonus nutzte die MLN geschickt aus. Sie gab sich den klangvollen Namen >Tupamaros< und knüpfte damit an alte Traditionen des Widerstandes an.

Der legendäre Inkaführer Tupac Amaru führte 1780 einen erfolgreichen Indianeraufstand gegen die spanischen Besatzer, wurde geschlagen und in Cuzco öffentlich gevierteilt. Sein Name ist Mythos. Das intelligenteste aber war die Art, w i e die Tupamaros Guerilla machten. Sie legten keine Bomben, trafen keine Unschuldigen, spielten nicht offene Feldschlacht mit dem Staat und benutzten auch keine abgehobene Phraseologie. Sie machten >Guerilla des kleinen Mannes<: Aktionen, die man verstehen konnte, die politisch sinnvoll waren und über die das halbe Land lachte. Und: sie töteten keine Menschen. Erst in den letzten Monaten ihrer Existenz, nach der Eskalation der militärischen Verfolgung, gab es auf beiden Seiten Tote bei Feuergefechten mit der Polizei. Die Taktik der Tupamaros war eine Tugend, die sie aus der Not gemacht hatten. Uruguay ist ein kleines Land ohne Berge und Urwald – für die klassische Guerilla wie beispielsweise in Kuba also ungeeignet. So machte die MLN Guerilla im modernen Urwald der Großstadt. Auch hier konnte man angreifen und untertauchen. Der Bewegung kam hierbei zugute, dass sie große Sympathien und aktive Unterstützung in breiten Teilen der Bevölkerung aller Schichten fand. Ihre aktiven Kämpfer waren auch keineswegs Berufsguerillas, sondern in aller Regel normale Menschen, die tagsüber ihren seriösen Berufen nachgingen und auf die kaum ein Verdacht fiel, Tupamaro zu sein. Anfänglich mussten nur wenige Guerilleros für ganz in den Untergrund gehen, die meisten führten ein Doppelleben. Politisch entsprachen die Tupamaros einem breiten linken Spektrum aus Gewerkschaftern, Mitgliedern der Sozialistischen Partei, Anarchisten, linken Christen, Castro- und Guevara-Anhängern5, aber auch Dissidenten der Kommunistischen Partei, die ansonsten heftig gegen die MLN zu Felde zog. Vor allem aber waren die Tupamaros keine Guerilla, die ein ab gekapseltes, militärisch-mönchisches Eigenleben führte. Selbst zu Zeiten als der militärische Kampf hart tobte, hatte die Guerilla eine legale Organisation, die >Gruppe 26. März<, die die Bewegung in der Öffentlichkeit und im Volk zu vermitteln versuchte. Die einzelnen Guerillakommandos operierten nicht auf eigene Faust oder unter einem starren Oberbefehl, sondern waren in Lokalkomitees verankert. In dem zum Klassiker gewordenen Film >Der lautlose Aufstand< hat Regisseur Costa Gavras den Tupamaros ein Denkmal gesetzt. In ihm wird der einzige politische Mord geschildert, den die Tupamaros jemals gezielt begangen haben: Bei einer Entführung war ihnen der US-Geheimdienstagent Dan Mitrione in die Hände gefallen. Er war dafür zuständig, die uruguayische Polizei in >moderner Folter< wie Elektroschocks und in Morden an politischen Gegnern auszubilden. Nachdem man ihn verhört und die Protokolle veröffentlicht hatte, wurde er der Regierung zum Tausch gegen gefangene Tupamaros angeboten. Als die Regierung ablehnte, tötete man Dan Mitrione. Diese >Hinrichtung< war das Ergebnis einer landesweiten Abstimmung aller lokaler Gruppen – legaler wie illegaler – die die Tupamaros trugen. Ansonsten war Uruguays Stadtguerilla eher eine Spaßguerilla, allerdings eine ernste. Kein Vernichtungskrieg gegen Menschen, sondern ein phantasievoller Kampf gegen Institutionen, der neben politischer Wirkung durchaus auch Unterhaltungswert hatte. Das politische Ziel war ohne Dogma und einfach definiert: >Sozialismus<, Punktum; Das war bei einer solch bunten Front auch kaum anders denkbar, und das machte die Tupamaros auch so sympathisch. Ebenso einfach war ihre Taktik: Verunsicherung und Entlarvung des Systems und seiner Institutionen und die Beschaffung von Geldern zur Finanzierung der Opposition – nicht nur der eigenen Bewegung. Der Spruch >legal – illegal – scheißegal< hätte von den Tupamaros stammen können. Die Taktik war fast immer intelligent ausgedacht und perfekt ausgeführt:

Eine der ersten Aktionen der Tupamaros war der Überfall auf eine Bank mitten in der Hauptstadt. Den mächtigen Tresor sprengte man kurzerhand in die Luft. Niemand merkte es, denn zu dem Piratenstück hatte man sich die Silvesternacht ausgesucht. Der Diebstahl wurde erst zwei Tage später bemerkt. Die Besetzung von Rundfunksendern gehörte ebenso zu ihrem Repertoire wie ein Überfall auf das Spielcasino des mondänen Badeortes Punta del Este, beidem nicht nur das Bargeld, sondern auch die Klunker der Damen und die Rolex-Uhren der Herren nach Spielfilmmanier ein- gesackt wurden. Als Freunde des kleinen Mannes vergaßen die Tupamaros bei dieser Aktion indes nicht, den Croupiers und Angestellten am folgenden Tage die entgangenen Trinkgelder zu überweisen. Die Sympathie des ganzen Landes war auf ihrer Seite. Kaum ein reicher Geschäftsmann war noch vor ihnen sicher, ihr Begründer Raul Sendic galt als moderner Robin Hood. Kurz vor dem Weihnachtsfest 1971 fingen los Tupas, wie sie fast liebevoll genannt wurden, mehrere Last wagen mit Weihnachtsgänsen und Luxusgütern ab und verteilten diese in den Elendsvierteln. Entführte Reiche wurden nach Zahlung der Lösegelder vornehmlich in den ärmsten Slums oder auf den Müllkippen freigelassen, wo die Kinder der Armen nach Nahrung suchen müssen. Man sieht, die >Tupas< bewiesen durchaus Sinn für Symbolik. Ihre Überfälle hatten aber nicht nur die Geldbeschaffung zum Ziel. Beim Einbruch in die Finanzierungsgesellschaft Monty fielen ihnen Beweismittel über korrupte Geschäfte, Kapitalflucht und illegale Schmiergeldzahlungen höchster Militärs und Politiker in die Hände. Wenige Tage später fanden etliche Ermittlungsrichter die gebündelten Kopien der Akten vor ihren Haustüren — die Tupamaros lösten den größten Regierungsskandal in der Geschichte des Landes aus. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung trugen sie die Kämpfe mehr und mehr aufs Land und besetzten vorübergehend sogar ganze Dörfer und kleinere Städte. Der Staat reagierte weniger lustig, von Phantasie ganz zu schweigen. Für ihn waren die Tupamaros innerhalb weniger Jahre zu einer ernsten Bedrohung geworden. Er kämpfte mit riesigem Aufwand: Polizei, Militär, amerikanische Berater und CIA Strategie. Erst in dieser Phase wurden die Tupamaros für kurze Zeit zu einer isolierten Organisation. Die dogmatischen Maoisten nutzten diese Isolation und setzten mehr und mehr ihre fanatische Vorstellung vom > Revolutionären Volkskrieg< durch, der mehr und mehr zu einer reinen Schlacht auf militärischer Ebene verkam. Aus dem politischen Kampf wurde mehr und mehr ein Wettrüsten, und diesen ungleichen Schlagabtausch entschieden die Militärs im Sommer 1972 letztlich für sich. Die libertären und undogmatischen Kräfte versuchten erfolglos, diese Entwicklung zu stoppen und neue Strategien zu entwickeln. Eine anarchistisch inspirierte Gruppe, der >Arbeiter- und Studenten-Widerstand< (ROE), führte noch bis in die 80er Jahre hinein Widerstandsaktionen durch, aber die große Welle der Sympathie war vorüber und die Volkstümlichkeit konnte nicht wieder erlangt werden. Die überlebenden Tupamaros landeten im Knast bei Folter und Isolationshaft, die glücklicheren konnten ins Ausland fliehen. Da die USA keine halben Sachen zu machen pflegen, waren die bereits geschlagenen Tupamaros ein willkommener Vorwand, in Uruguay auf lauwarmem Wege eine Militärdiktatur zu errichten. Das ganze Land wurde militarisiert. So gründlich, dass eine ganze Generation junger Menschen ins Ausland floh.

»Der letzte macht das Licht aus«, spöttelte man damals.

Hand in Hand mit dem Terror wurde ein ultraliberales Wirtschaftssystem nach dem Strickmuster des amerikanischen Ökonomen Milton Friedman und seiner Chicago-Boys eingeführt – eine Ausplünderungswirtschaft, wie sie später auch in Chile und Argentinien mit den gleichen verheerenden Folgen angewandt wurde: die Wirtschaft trieb nach kurzer Blüte an den Rand des Ruins, die Menschen hungerten und der einzige Berufszweig, der florierte, waren die >Sicherheitskräfte<. Dieser Alptraum dauerte zwölf Jahre – bis 1985. Die bankrotten Militärs dankten ab und übergaben das marode, hoch verschuldete Land wieder der Demokratie. Vermutlich wollten sie dem Schicksal ihrer argentinischen Kollegen entgehen, die sich nach dem Falklandkrieg und der Demokratisierung plötzlich auf den Anklagebänken der Gerichte wiederfanden. Während sich die Tupamaros anschicken, sich als eine legale Partei zu konstituieren, versuchen die Anarchisten heute, dort anzuknüpfen, wo sie in den 70er Jahren standen. Sie haben regen Zulauf, stehen der Frage, wie’s weitergehen soll, bisweilen noch ratlos gegenüber. Jedenfalls stehen sie mehr im Lager der sich neu entwickelnden Gewerkschaftsbewegung und der wieder geplanten Kommuneprojekte als dem der Parlamente. Ohne diesen Exkurs über die Tupamaros ist das politische Klima, in das die Zerschlagung der Comunidad del Sur fiel, nur schwer zu verstehen. Die Comunidad und andere libertäre Gruppen waren ein Bindeglied zwischen traditionellem Anarchismus, neuen Formen libertärer Aktion und den zahlreichen Anarchisten, die bei den Tupamaros oder in anderen bewaffneten Widerstandsgruppen kämpften. Viele Mitglieder und Freunde der Comunidad haben ihren Kampf mit dem Leben bezahlt. Etliche gingen nach den Verhaftungen ins benachbarte Argentinien und kamen so vom Regen in die Traufe. Ihre Namen finden sich in den Listen der zehntausenden >Verschwundenen< des dortigen Staatsmassakers.

Andere gingen nach Peru, wo sie vergeblich hofften, unter den >fortschrittlichen Militärs< jener Jahre ihre Kommuneidee fortführen zu können. Das Gros der Comunidad landete schließlich verstreut in Europa, und in Stockholm bauten sie ein neues Zentrum auf. Kein provisorisches Exil – sie fassten wieder Fuß, brachten sich aktiv in die schwedische Gesellschaft ein, führten ihre Kommune fort. In kürzester Zeit hatten sie wieder eine moderne Druckerei aufgebaut, nahmen Anteil an der Kooperativen- und Gewerkschaftsbewegung, engagierten sich in Menschenrechtsfragen und gründeten eine Zeitschrift, die rasch zu einer der besten spanischsprachigen Organe der Anarchisten unserer Jahre wurde: >Comunidad<. Die Uruguayer blieben nicht unter sich; viele Schweden gehören heute ebenso zur Kommune wie Anarchisten anderer lateinamerikanischer und europäischer Länder. Es spricht für den aktiven Geist der Comunidad, dass ihre Zeitung heute in zwei Ausgaben erscheint: eine in Stockholm, eine andere wieder in Mondevideo. Die Comunidad del Sur schickt sich an, in ihre Heimat zurückzukehren. In Europa haben sie einen hoffnungsvollen Ableger zurückgelassen.

 

Moral

Politik ist kein Kinderspiel – oder doch? Es kommt darauf an, was man unter Politik verstehen will. Die Anarchisten haben das immer eher locker gesehen; das mit der Politik und das mit den Kindern. Man hat sich nach gerade daran ge wöhnt, Politik das zu verstehen, was die Regierung tut. Wahlen, Gesetze, Parlament und Tagesschau. Ist d a s wirklich Politik? Spiegelt Herr Novotny oder Panorama u n s e r Leben wider? Wohl kaum. Je weiter Politik von unserem Leben weg angesiedelt und hingestellt wird, desto weniger haben wir damit zu tun. Und dass wir wenig damit zu tun haben sollen, hat Methode. Gerade auch in unseren Modernen Demokratien. Das Zauberwort heißt >delegieren<: das Abtreten von Macht. Das Überlassen von Entscheidungen. Das Überlassen von Entscheidungen. Fachleuten legen, die’s eh‘ besser können. Das ist ein Trick. Er belässt den Menschen die Illusion, selbst der Schmied ihres Glückes zu sein und zementiert zugleich die Form von Herrschaft, die von allen die hinterlistigste ist: die parlamentarische Demokratie, in der die Macht vom Volke a u s g e h t , aber nicht bei ihm bleibt.

Der Anarchismus ist eine einfache Idee. Ein jeder kann sie verstehen, ohne studiert zu sein. Diese Idee leuchtet sogar Kindern ein: das Beispiel der Comunidad del Sur zeigt dies. Für Anarchisten ist Politik nicht die Kunst des Regierens, die nur Berufspolitiker (angeblich) beherrschen, sondern die Kunst des Zusammenlebens in der Gesellschaft. Die Kunst, miteinander umzugehen und die Verschiedenheiten von Menschen und sozialen Gruppen dabei zu respektieren — solange keine auf Kosten der anderen lebt, keine andere beherrscht. Das und nichts anderes wäre Anarchie, und ein solcher Politikbegriff beginnt nicht im Plenarsaal, sondern vor der eigenen Haustür. Besser gesagt: zunächst einmal dahinter…

Die Vorzüge einer solchen Gesellschaftsform, eines solchen Politikbegriffs liegen auf der Hand. Man muss sich nur einmal vorstellen, welche unglaubliche Aneinanderkettung von Ungerechtigkeiten, Kriegen, Massakern, Ausbeutung, Hunger und Elend die staatliche Politik uns seit Jahrhunderten zumutet. Angenommen, die Anarchisten würden in einer imaginären Diskussion ein s o 1 c h e s Gesellschaftssystem vorschlagen, wie es staatlicherseits heute all überall besteht, sie würden mit Recht ausgepfiffen werden. Der Chor ihrer Gegner würde sich überschlagen und ihnen vorhalten, ein System, in dem täglich zigtausende Menschen Hungers sterben, könne doch nicht menschlich sein und ein solcher Vorschlag sei unseriös. Recht hätten sie! Ein solches System i s t eine einzige Katastrophe und wir leben mittendrin. Ich sagte vorhin, Anarchismus sei einfach. Ich gehe noch weiter und sage, Anarchismus sei geradezu naiv. Ein schlimmes Wort, ich weiß. In diesem Zusammenhang wäre eine Rehabilitierung6 des Begriffes >naiv< dringend überfällig. Ich will das Wort so verstehen: naiv ist eine geradlinige, unvoreingenommene Herangehensweise an Probleme, wie sie Kindern oft noch eigen ist. Noch. Es ist ja bekannt, dass uns diese Naivität später in der Schule systematisch ausgetrieben wird. Diese Art positiver Naivität ist dem Anarchismus eigen, ich würde sogar sagen, sie ist eine seiner größten Tugenden.

Dass viele Menschen mit einfachen Lösungen für schwierige Sachverhalte ihre Probleme haben, liegt ja nicht unbedingt so sehr an diesen Lösungen als vielmehr an den Menschen: Man macht sich ja sofort lächerlich, wenn man für komplizierte soziale Fragen und Probleme Lösungen vorschlägt, die nicht ebenfalls kompliziert sind. Wir sind es gewohnt, es ist uns anerzogen, in möglichst komplizierten Wegen zu denken. Je komplizierter, desto absurder je absurder, desto undurchführbarer je undurchführbarer, desto wirkungsloser sind diese Wege im allgemeinen. Wir kennen das alle aus komplizierten Eingriffen, beispielsweise in dem, was man schamlos >Abrüstungspolitik< nennt. Oder >Kampf dem Welthunger<. Oder >Abbau der Arbeitslosigkeit<. Je komplizierter uns die Zusammenhänge solcher Probleme dargestellt werden, desto weniger funktionieren die komplexen Mechanismen, die Fachleute sich zu ihrer angeblichen Bewältigung ausdenken. Sind wir nicht alle schon des öfteren fast wahnsinnig geworden, wenn wir in der Presse den Hickhack der undurchschaubaren Abrüstungsvorschläge verfolgten? Haben wir nicht alle insgeheim schon mal gesagt, da müsste man doch mit dem Hammer dreinschlagen, das wäre doch so einfach, man brauchte doch bloß…?! Nur – wir trauen uns kaum, so was vor unseren Mitmenschen auszusprechen, geschweige denn, zu praktizieren. Wir könnten uns ja blamieren…! Jeder Mensch, der simple Lösungen vorschlägt, gibt sich tendenziell der Lächerlichkeit preis. Und wenn es dann ganz kompliziert wird, sind wir es als aufgeklärte Menschen gewohnt zu passen und den Fachleuten das Feld zu überlassen. Wir verstehen die Materie ja sowieso nicht. Hier liegt eine der wichtigsten Wurzeln von Herrschaft verborgen: die bewusste Isolierung von Fachleuten in ordensähnlich organisierten Berufsgruppen, in Führungs- und Entscheidungseliten, die ständig s e l b s t die immer komplizierter werdende gesellschaftliche Wirklichkeit produzieren, für die sie dann—natürlich als einzige — über den nötigen Sachverstand und Realismus verfügen, um Lösungen anzubieten.

Schlau ausgedacht! Das geht durch alle gesellschaftlichen Bereiche bis hin zu berufsspezifischen Ritualen und Sprachen. Das beginnt nicht erst bei so großen Dingen wie Abrüstung oder der Welternährung; man braucht nur vor die Haustüre zu schauen: die Rechtspflege, die Verwaltung, die Finanzpolitik – Dutzende solcher Bereiche, mit denen wir täglich in Berührung kommen, produzieren die Kompliziertheit, für deren Lösung sie sich selber anbieten und – nebenbei bemerkt – bestens bezahlen lassen. Ist es nicht eine intelligent ausgedachtes Gaunerstück, dass wir zum Beispiel nach Gesetzen leben müssen, denen wir seit unserer Geburt ungefragt unterworfen sind, die wir nicht gemacht haben, die wir weder kennen noch verstehen und zu deren Bewältigung wir eine eigentlich völlig überflüssige Kaste wie die Rechtsanwälte bezahlen müssen? Ich würde mir das wirklich einmal wünschen: wenn man Probleme wie Hunger und Überproduktion, Abrüstung oder Arbeitszeit – aber bitte mit Entscheidungsbefugnis! — in die Hände von 13-, 14jährigen Jugendlichen legen würde. Ich bin überzeugt, das wäre ausgesprochen lustig (sofern diesen Jugendlichen nicht schon von irgendwelchen Erwachsenen-Ideologien das Hirn verkleistert und ihre >Naivität< genommen wurde), und in kürzester Zeit würden für brennende Probleme, mit denen die Fachleute seit Jahrzehnten angeblich nicht zu Rande kommen, ganz einfache Lösungen gefunden. Eben naive, aber durchaus funktionierende Lösungen. Statt dessen wissen wir alle, was die Elite der Herrschenden in Politik, Wissenschaft, Militär und Verwaltung uns zumutet. Nämlich > Anarchie und Chaos< im absolut landläufigen, negativen Sinne. Da soll der Friede erreicht werden, indem man immer mehr Waffen produziert. Das sagen die Realisten. Wer zaghaft behauptet, ohne Waffen könne es per Definition gar keinen Krieg mehr geben, der ist ein Spinner. Da werden Waffensysteme hergestellt, deren ökologische Folgen katastrophal sind, deren Kosten unsere Volkswirtschaften ruinieren – und das alles mit der Versicherung, man wolle sie ja sowieso nie einsetzen. Da diese Waffen aber gefährlich sind und uns alle jederzeit auslöschen können, würde ich die naive Frage stellen: Wieso produzieren die Staaten nicht lieber Nachttöpfe aus Draht oder Fußbälle aus Edelstahl? Das wäre zwar auch sinnlos, aber man könnte sich damit genauso >kaputt rüsten< und sich seine gegenseitige Überlegenheit demonstrieren, es wäre aber nicht so gefährlich…

Da müssen milliardenteure Weltraumrüstungsprojekte gestartet werden, um die technologische Entwicklung voranzutreiben und Arbeitsplätze zu schaffen. Sicher ist es naiv zu fragen, warum dann solche Forschungen nicht auch ohne Rüstung und Weltraum, hier auf der Erde und zivil, direkt zu leisten sind? Und ob den Verantwortlichen nichts Besseres zur Schaffung von Arbeitsplätzen eingefallen ist, als gerade die Vorbereitung eines neuen Krieges? War der (angebliche) Segen Teflon es wert, ein Raumfahrtprogramm anzuleiern, das teurer ist als das Bruttosozialprodukt ganz Afrikas, nur, damit unsere Spiegeleier nicht an backen? Da vernichtet die indische Regierung in einem Landesteil den Überschuss einer Rekord- Reisernte mit dem Argument, den Reis an die Hungernden zu verschenken würde das Vertrauen in die Währung untergraben. Da werden Millionen Menschen gezwungen, nach wie vor acht Stunden täglich in ständig wachsender Hetze zu arbeiten, immer mehr in immer weniger Zeit zu produzieren, während gleichzeitig Millionen anderer Menschen überhaupt keine Arbeit haben und somit auch keine Existenzberechtigung und vom Staat nur notdürftig und künstlich versorgt werden. Dabei ist es mittlerweile eine längst bewiesene Binsenweisheit, dass beim heutigen Stand der Technik jeder Mensch nur 3-5 Stunden täglich arbeiten müsste, um bei einer konsequenten Bedürfnisproduktion7 – einschließlich Luxus! – die ganze Welt versorgen zu können…

Die Universitäten, die diese Zahlen errechnet haben, müssen von Naiven bevölkert sein. Trotz alledem: der Nonsens, den wir tagtäglich erleben müssen, geschieht im Namen von Vernunft, Rationalität, Sachzwängen, Realismus und Machbarkeit. Ich muss kein Teenager sein, muss mich gar nicht anstrengen, besonders naiv zu denken, um bei einem solchen Horrorpanorama nicht aus der Haut zu fahren. Oder zu resignieren. Je nachdem. Anarchisten neigen eher dazu, angesichts solcher Zustände aus der Haut zu fahren. Oder besser: sich zu empören. Sie haben sich seit jeher für einfache Lösungen stark gemacht, für eine Entflechtung der Strukturen, für die Durchsichtigkeit von Entscheidungen, für eine Entkomplizierung der Gesellschaft. Für Lösungen also, die in jenem positiven Sinne >naiv< sind. Das bedeutet keineswegs, dass sie dabei weltfremde Spinner seien, die Angst vor komplexen Dingen hätten. Anarchisten sind keine Besserwisser, die nur irgendwelche Stammtischrezepte vorzuschlagen hätten. Und natürlich bedeuten die provozierend naiven Fragen der Anarchisten nicht, dass sie etwa nicht wüssten, wie verlogen und kompliziert die wirklichen Zusammenhänge hier und heute sind. Kein Anarchist wird wirklich glauben, Raumfahrt habe etwas mit Teflon und Rüstung etwas mit der Bedrohung durch böse Feinde zu tun. Nur – d a s s Anarchisten die Probleme naiv angehen, sie wieder auf den Punkt bringen, bewahrt sie davor, selber Opfer der Denkweisen zu werden, die sich nur in den engen Grenzen der heute bestehenden Realitäten und Denkmodelle bewegen. Naive Fragen legen die grundlegenden Zusammenhänge wieder frei. Einfache Antworten geben uns Mut und Phantasie, Losungen nicht aus dieser, sondern einer besseren Gesellschaft zu suchen. In der konkreten Anwendung haben die Anarchisten sehr wohl detailliert ausgearbeitete Pläne und Erfahrungen vorzuweisen. Wenn man sich beispielsweise das in Spanien erprobte System von Produktion, Verteilung und Konsum auf der Basis der Syndikate und ihrer Föderationen ansieht, so ist das durchaus ein ausgeklügelter, ja, ein komplizierter Plan. Aber die ihm zugrunde liegenden I d e e n sind einfach. Die Zielvorstellungen und Strategien der Anarchisten waren und sind stets für jeden Menschen nachvollziehbar und verständlich. Sie beinhalten genau das, was wir uns alle insgeheim wohl schon tausendmal gefragt haben, wenn wir die Zeitung lasen:

»Verdammt, warum machen die Esel das denn nicht einfach so…?!«

»Seid realistisch, fordert das Unmögliche!« lautet ein alter Slogan der Anarchisten. Er lässt sich mit einem zweiten Anarchospruch kombinieren:

»Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts; diejenigen, die das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.«

Hier liegt der Schlüssel zu einer grundlegenden anarchistischen Kritik: Das, was uns die Kaste der

> Fachleute < als > realistisch < und >machbar< nahe legen, ist eben völlig unrealistisch, illusorisch, denn es funktioniert nicht, löst keine Probleme. Um Probleme wirklich zu lösen, muss man genau das fordern, was jene Fachleute als >naiv<, >unmöglich< und >unrealistisch< hinstellen. Und wenn es nicht beim bloßen Herumdoktern an irgendwelchen Symptomen bleiben soll, dann müssen die Forderungen bewusst hoch angesetzt werden. Eben das, was die angeblichen Realisten als >utopisch< bezeichnen.

Utopie ist nicht ein schöner Traum, dessen Verwirklichung leider nicht möglich ist. Utopie ist ein Traum, der n o c h n i c h t existiert. Anarchien haben es sich zur Aufgabe gemacht, aus der Utopie eine Topie zu machen — die Träume vom Himmel auf den Teppich zu holen. Die Kinder der Comunidad waren naiv. Sie sind geradlinig und einfach an eine schwierige Situation herangegangen, wie man sie sich wohl bedrückender kaum vorstellen kann. Diese Kinder waren kein Produkt einer besonderen anarchistischen Erziehung<, sie hatten keine Gehirnwäsche durchgemacht, waren nicht auf Selbstverwaltung gedrillt worden. Sie waren ganz einfach das Produkt einer Lebensform, die ebenso im positiven Sinne >naiv< an ihre Umwelt heranging. Die Situation dieser Kinder hätte unter normalen Umständen einen ganzen Apparat von Polizisten, Juristen, Erziehern und Beamten in Bewegung gesetzt, und niemand hätte ihnen zugetraut, eine solch schwierige Situation so simpel zu meistern. Die Comunidad del Sur, in der diese Kinder aufwuchsen und selbstbewusst wurden, war ein wohl durchdachtes, im Detail kompliziertes, in der Struktur aber sehr einfaches Gebilde. Ein Experiment, wie man in einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft einfach, frei, unkompliziert leben kann. Wie die Kinder, völlig auf sich

gestellt, auch dramatische Momente ganz ungezwungen lösen konnten, das ist der schönste Beweis dafür, dass eine anarchistische Lebensweise nicht etwas ist, in das der Mensch wie in ein unnatürliches Korsett gezwängt werden müsste. Genau das Gegenteil ist der Fall. Auf dieser Erkenntnis beruht auch das, was man etwas unpassend als anarchistische Erziehung bezeichnet. Anarchisten haben sich, wie nicht anders zu erwarten, schon seit jeher mit Pädagogik, Schule, dem Bewusstsein der neuen Generationen beschäftigt. Zum einen stellten sie dabei wahre Rekorde an Fleiß, Elan und Konstruktivität auf. In manchen Gegenden Spaniens gab es zu Beginn dieses Jahrhunderts mehr anarchistische Schulen als staatliche. Auf der anderen Seite aber machten sich Anarchisten schon früh Gedanken darüber, ob und wie man Kinder erziehen könnte. Denn in der Erziehung, im Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern, liegen verborgene Wurzeln von Autorität, Herrschaft, Hass und Aggression. Dass anarchistische Pädagogik nicht so aussehen konnte wie staatliche, war von vornherein klar. Nicht auf das Drillen der Kinder, ihr Ausrichten auf eine Ideologie oder das Vermitteln von möglichst viel Fachwissen kam es dabei an — auch nicht darauf, aus den Kindern der Anarchos von heute die Anarchos von morgen zu züchten. Und natürlich sollte der Unterricht rationalistisch sein und frei von Religion, Rassismus und Nationalismus. Anarchisten wünschten sich vielmehr Kinder, die selbständig denken könnten, zur Freiheit fähig wären, tolerant, aber auch selbstbewusst und konsequent sein würden. Solch grundlegende Prinzipien anarchistischer Pädagogik gehörten schon zur Jahrhundertwende zum libertären Gemeingut. Einer ihrer bedeutendsten Vorkämpfer war der spanische Lehrer Francisco Ferrer, der die Grundlagen der nationalistischen >Erziehung< und der >Modernen Schule< legte. Seine sogenannten >Freien Schulen< entstanden nicht nur in Spanien, sondern auch in zahlreichen europäischen und überseeischen Ländern. Noch heute existieren >Ferrer-Schulen<, und ihre Tradition hat rund um den Globus ganze Generationen freier Schulen beeinflusst und geprägt. Ferrers libertäres Schulwerk

muss der spanische Staat als ernste Bedrohung aufgefasst haben, denn 1909 wurde der Pädagoge nach einem haar sträubenden Prozess aufgrund konstruierter Anschuldigungen zum Tode verurteilt und erschossen. Man warf ihm vor, der geistige Urheber eines wilden Streiks in Barcelona gewesen zu sein…

Zu den Pionieren anarchistischer Erziehung gehörte auch der >religiöse Anarchist< Leo Tolstoi, der bereits 1859 die Schule von Jasnaja Poljana gründete. Die libertäre Pädagogik ist nicht bei Tolstoi und Ferrer stehen geblieben. Nicht nur die Zahl ihrer praktischen Experimente und Schulversuche wuchs, denn überall, wo Anarchisten in der Gesellschaft Fuß fassen konnten, versuchten sie, für ihre Kinder freie Schulen zu gründen: in den USA ebenso wie in Brasilien, in der Ukraine wie in Deutschland, Frankreich oder Italien. Auch die Inhalte und erzieherischen Konzepte wandelten sich. Das, was Ferrer – für seine Zeit umwälzend – forderte, existiert heute schon, zumindest theoretisch,

in vielen Schulen staatlicher Erziehungssysteme. Vorbei sind die Zeiten, wo Kinder hierzulande zu glühenden Patrioten abgerichtet, zu gläubigen Katholiken geprügelt und zu Aufsagen von nicht verstandenem Wissen gedrillt wurden. Nachdem libertäre Erziehungsideen Schulen wie Summerhill, Tvind oder die Pädagogik von Alice und Otto Rühle8 geprägt hatten und hierbei wichtige Erfahrungen gesammelt wurden, steht die Diskussion heute bei der Frage, ob Erziehung überhaupt das richtige Wort, der richtige Ansatz ist. Unabhängig vom Etikett >anarchistisch< dreht sich die Debatte um Thesen wie die von Ivan Illi , Jo o Freire oder Joel Spring, die mehr und mehr bezweifeln, ob man – auch als Anarchist und mit den besten Vorsätzen – überhaupt Menschen formen kann, darf und soll. Sind Schulen, als eigenständige Institutionen, als vom übrigen Leben getrennte Inseln, überhaupt wünschenswert?

Welche Funktion hat das staatliche Schulwesen, vor allem in der Dritten Welt?

In welcher Beziehung stehen Begriffe wie Bildung, Leistung, Erziehung zu Dingen wie Hierarchie, Herrschaft und Ausbeutung?

Die libertäre Pädagogik ist im Umbruch, wird eher zu einer Anti-Pädagogik. >Laisser-faire<9 oder auch die falsch verstandene, manchmal fast krampfhaft betriebene >antiautoritäre Kindererziehung< in so manchen Kinderläden der Apo-Zeit hat mit anarchistischer Pädagogik recht wenig gemein. Denk- und Zielrichtung ist heute eher die Verflechtung der Bereiche Freizeit, Arbeit, Lernen, Spielen ohne künstliche Trennungen. Wäre es nicht schön, wenn ein Mensch — Erwachsener oder Kind – sich irgendwann einmal dabei ertappt, wie er irgend etwas tut, was ihm Spaß macht und er nicht mehr in der Lage wäre zu sagen: das, was ich jetzt tue, ist Arbeit oder Vergnügen oder Lernen? Wenn es diese Trennung nicht mehr gibt, sind wir der Anarchie ein Stück näher gekommen. Die Greise, Kinder und Erwachsenen der Comunidad sind Menschen, die sich dorthin auf den Weg gemacht haben, und sie sind nicht die einzigen.

 

Bücher:

Zur Comunidad del Sur und zum Anarchismus in Uruguay sind mir keine deutschen Veröffenlichungen bekannt. Meine Quellen sind fremsprachige Veröffentlichungen, Briefwechsel und Gespräche mit den Betroffenen und mehrmalige Besuche in Uruguay in den 60er und 70er Jahren. Zum Thema Tupamaros informiert

– Alain Labrousse, Die Tupamaros. Stadtgue

rilla in Uruguay, 197 S., Carl Hanser Verlag,

München

Zum Thema kubanische Revolution:

– Sam Dolgoff, Leuchtfeuer in der Karibik. Eine

libertäre Betrachtung der kubanischen Revolution,

316 S., Libertad Verlag, Berlin

Über Literatur zur libertären Erziehung infor-

miert das >Forum Anarchismus und Bildung<

(c/o Thomas Rosenthal, Bundesstr. 60, 2000

Hamburg 13). Lesenswert sind zum Beispiel:

– Francisco Ferrer, Revolutionäre Schule, 115 S.,

Karin Kramer Verlag, Berlin

– Ulrich Klemm, Anarchistische Pädagogik, 111

S., Winddruck Verlag, Siegen

– Joel Spring, Erziehung als Befreiung, 148 S., dto.

– John Holt, Zum Teufel mit der Kindheit, 225

S., Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar

1.)Tupamaros = Stadtguerillaorganisation, siehe weiter hinten in diesem Kapitel!

2.)Der britische Autor George Orwell schildert in seinem Roman >1984< die Vision einer (künftigen?) Gesellschaft, in der die staatliche Kontrolle den Menschen vollständig über- wacht, manipuliert und steuert.

3.)1936 begannen anarchistische Milizen den Kampf gegen den Faschistengeneral Franco, der gegen die spanische Republik geputscht hatte; sie wurden 1939 geschlagen; vergleiche das folgende Kapitel!

4.)virulent = ansteckend, sich rasch ausbreitend

5.)Fidel Castro und Ernesto >Che< Guevara, Führer der kubanischen Revolution (1959). Besonders Guevara wurde zu einem Idol der Linken. Die kubanische Revolution galt in den 60er Jahren als das hoffnungsvolle Modell für die Befreiung in Lateinamerika. Die Revolution verkam jedoch rasch zu einer neuen, staatskommunistischen Diktatur.

6.)Rehabilitieren = die Ehre, den Ruf, die ursprüngliche Bedeutung wiederherstellen.

7.)In einer Bedürfnisproduktion bestimmen die Menschen selber, was sie herstellen und konsumieren wollen. Sie richten sich also frei nach ihren wirklichen Bedürfnissen. Im Kapitalismus hingegen schafft der angeblich freie Markt diese Bedürfnisse (meist künstlich); im Kommunismus werden die Bedürfnisse zentral von Partei und Staat festgelegt. Die meiste Kraft wird aber in Dinge gesteckt, für die kein Mensch ein Bedürfnis hat. In einer Bedürfnisproduktion würden Dinge wie Rüstung, Bürokratie, Werbung, Mode, künstlicher Verschleiß usw. wegfallen.

8.)Summerhill hieß eine freie Schule, die der Pädagoge Neill in England betrieb; Tvind ist ein aus Dänemark stammender Typ einer freien Schule, die viel Wert auf Bildung durch Reisen legt; Alice und Otto Rühle praktizierten während der Weimarer Republik in Deutschland >Proletarische Kindererziehung<

9.)laisser-faire (frz.) ist eine ultraliberale Philosophie, die davon ausgeht, man solle den Dingen, den Kindern, der Wirtschaft usw. ihren Lauf lassen, alles regele sich von selber.

Advertisements

Written by floriangrebner

14. März 2011 um 16:01

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: