Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat VI: Der Bankräuber mit den kaputten Schuhen

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

 

Der Bankräuber mit den kaputten Schuhen

Story

Herr Azcárrate war ein gepflegter, gut gekleideter Mann Mitte Fünfzig. Er trug einen grauen Schnauzbart, dessen Enden nach dem Geschmack der Zeit in die Höhe standen, sowie einen imponierenden Bauch unter der Weste aus englischem Tuch. Er war gerade im Begriff, hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, als er aus dem Schalterraum der Bank Stimmengewirr vernahm.

Was war das? Das war doch nicht möglich… ein Überfall?! Hier?

Um neun Uhr früh in seiner Bank? Ignacio Azcárrate, Direktor der Zweigstelle der Banco de Espana in der asturianischen Stadt Gijón, macht auf dem Absatz kehrt und hastete zur Tür seines Büros. Er war kein Zauderer.

»Los, die Hände hoch und keinen Mucks!« hörte er eine raue Stimme im Befehlston, noch bevor er

die Tür erreichte. Zwei Schüsse fielen. Sie hörten sich merkwürdig matt an, nicht viel lauter als ein

Silvesterknaller. Schrill kreischte ein Mann dazwischen. Ignacio Azcárrate wunderte sich einen kurzen Augenblick darüber, dass offenbar auch Männer solch spitze Schreie ausstoßen können — aber da hatte er auch schon die Tür zum Schalterraum aufgerissen und überschaute mit einem Blick, was los war.

»Aha, Anarchisten!« schoss es ihm durch den Kopf. Vier junge Männer in Arbeiterkleidung und mit Baskenmützen standen in der Bank, jeder mit einer Pistole bewaffnet. Einer an der Tür und zwei mitten im Raum; der vierte sprang gerade mit einem gewandten Satz über den Kassentresen.

»Was geht hier vor?« stieß der Direktor hervor. Das war eine blöde Frage, und der Gangster, der ihm am nächsten stand, fuhr herum und schaute ihn ungläubig an.

»Bleiben Sie wo Sie sind«, rief die raue Stimme von vorhin, »oder Sie sind ein toter Mann.«

»Papperlapapp!« Der Direktor wuchtete seinen massigen Körper mit wenigen Schritten die paar Stufen von der Empore herunter und ging unerschrocken auf den Bankräuber los.

»Her mit dem Ding!« rief er herrisch und langte nach der Pistole.

»Idiot!« rief der andere zurück und stieß mit dem Ellenbogen in den runden Bauch vor ihm. Der Direktor torkelte; im Fallen ergab sich für nicht einmal eine Sekunde ein wild ringendes Knäuel. Der Bankräuber stieß einen Schmerzensschrei aus, sprang auf die Füße und stolperte drei, vier Schritte zurück. Auch der Direktor rappelte sich wieder auf und zog sich am Treppengeländer in die Höhe. Erneut ging er auf den verwirrten Gangster los.

»Hombre, bleib stehen, oder ich schieße!« Wieder war der Dicke bei dem Mann mit der Pistole, streckte beide Hände aus, um dessen Schal zu ergreifen.

»Basta!« schrie dieser und stieß den schweren Mann von sich. Ein Schuss. Direktor Azcárrate fiel wie ein Sack vorn über und blieb liegen. Blut lief ihm aus dem Hals über den tadellosen Kragen und die breite Krawatte mit dem Halbedelstein.

»Los, chico, wir haben die Kohle im Sack. Lass den Verrückten liegen – wir hauen ab!« Ein Komplize hatte sich dem Mann mit der rauen Stimme genähert, der immer noch ungläubig auf den Dicken starrte, in der rechten Hand die Pistole und den kleinen Finger der linken Hand im Mund.

»Los, nichts wie weg hier!« Das Quartett bewegte sich schnell, aber ohne Hast, auf den Ausgang zu,

die Gesichter den schreckensbleichen Angestellten zugewandt, beladen mit drei Brotbeuteln voller Banknoten. Zum Abschied schossen sie ein paar mal in die Decke, und jetzt kreischte auch eine Frau. Vor der Tür sprangen sie in eine schwere Bentley-Limousine, die dort mit laufendem Motor gewartet hatte, aber schon nach wenigen Metern stellte sich ihnen ein Polizist in den Weg und fuchtelte mit einem Revolver vor der Windschutzscheibe herum. Der Chauffeur wich ihm mit einem gekonnten Manöver aus und die Banditen ballerten in die Luft. Das Auto raste nun laut hupend die belebte Einkaufsstraße Begoña hinauf. Der Polizist kniete nieder, riss seinen Revolver hoch und zielte mit ausgestrecktem Arm. Er drückte ab. Nur ein kurzes >klick< war zu hören und dann ein ungehemmter Fluch:

»Laputa que loparió, schon wieder diese gottverdammten Scheißpatronen!!« Das Auto verschwand nun jenseits der Covadonga-Strasse, in Richtung der Provinzhauptstadt Oviedo. Wieder fluchte der Polizist, der mittlerweile von aufgeschreckten Passanten und den Bankangestellten umringt war.

»Aber die haben wir bald. Ich habe das Nummernschild erkannt. Es ist die Nummer 434 aus Oviedo.«

»Sorgen Sie lieber für eine Ambulanz«, rief aufgeregt der Kassierer, »das sind Anarchisten. Sie haben auf unseren Direktor geschossen, er liegt im Sterben!« Der Bentley hatte unterdessen die letzten Häuser von Gijón erreicht: ein ärmlicher Arbeitervorort an der Nationalstraße nach Oviedo. Der Anarchist mit der rauen Stimme wischte sich mit dem Schal den Schweiß vom Gesicht. Seine Mütze hatte er abgenommen, ungläubig starrten seine stechenden Augen unter den buschigen Brauen hervor auf den kleinen Finger seiner linken Hand.

»Der Typ muss wahnsinnig gewesen sein – er hat mich in den Finger gebissen!« Er zeigte seinen Genossen die blutende Bisswunde. »Das muss ja toll ausgesehen haben: ich, der berühmte pistolero, versuche diesen Irren davon abzuhalten, in seiner Bank Selbstmord zu begehen, und er schnappt nach meiner Hand…!«

»Ja, und du hast geschrien wie eine Señorita«

»Im Ernst! Aber mach dir wegen dem keine Vorwürfe, Buenaventura, der hat selber schuld. Hast du ihn denn erwischt?«

»Keine Ahnung. Ich habe ja nicht mal gezielt, ich wollte ja überhaupt nicht auf den Esel schießen!«

»Na, werden wir ja morgen in der Zeitung lesen. Sag mal, Eusebio, wie viel Geld ist es denn? Hat es sich wenigstens gelohnt?«

»Locker über ’ne halbe Million. Aber jetzt müssen wir erst mal sehen, dass die uns nach diesem Theater nicht schnappen. Niemand hinter uns her?«

»Keine Menschenseele«, brummte der Chauffeur, der ruhig und konzentriert hinter dem Steuer saß und den schweren Wagen mit hoher Geschwindigkeit durch die saftigen, grünen Hügel der Küstenregion steuerte.

»So schnell kriegen die uns nicht.« Das Gelände wurde nun zusehends bergiger, ab und zu lagen Gehöfte am Weg. Kuhweiden wechselten sich mit Aprelplantagen ab, hin und wieder fuhren sie durch Pinienwald mit dichtem Unterholz und mannshohem Farn.

»So, hier ist es, Miguel.« Der Chauffeur blickte in den Rückspiegel. Weit hinter ihnen war der blaue

Küstenstreifen des kantabrischen Meeres zu erkennen und der Hafen von Gijón. Niemand schien den Bankräubern zu folgen. Miguel lenkte den Wagen in einen Feldweg und stoppte. Sie befanden sich in einem Wäldchen namens Pintueles. Schattig war es hier und friedlich. Nur die fünf Anarchisten sorgten für Hektik. In aller Eile rafften sie ihre Sachen zusammen, ließen die Limousine stehen und stapften durch Farn und Dickicht einen Abhang hinunter. Sie waren erst wenige hundert Meter gelaufen, da stießen sie auf einen sechsten Komplizen.

»Alles glattgegangen?«

»Im Moment ist alles in Ordnung. Wo ist der Autovermieter?«

»Den hab ich laufen lassen, als ihr vorbeigefahren seid. Der braucht bestimmt ein paar Stunden, bis er in der Stadt ist und der guardia berichten kann.«

»Scheiße!«

»Wieso Scheiße? So hatten wir’s doch abgemacht.«

»Ja, schon richtig, aber es hat Komplikationen gegeben. Wir hatten eine Schießerei, und nun sind die Bullen vielleicht schon hinter uns her. Wenn die ihn aufgabeln, wissen sie sofort wo wir stecken.«

»Au Backe! Und nun?«

»Tja, nach Llanera zum Bahnhof können wir nun nicht mehr gehen! Die überwachen sicher schon bald sämtliche Züge. Also müssen wir jetzt nach dem Notplan vorgehen: Miguel, Aurelio, ihr nehmt das Geld und schlagt euch nach Bilbao durch! Denkt dran, bleibt immer im monte und versteckt euch im Unterholz. Geht nicht zu hoch in die Berge oder auf den Ziegenpfaden. Wer weiß, vielleicht holen sie auch Flugzeuge, um uns zu suchen. Den Bus oder die Bahn dürft ihr erst nehmen, wenn ihr über die Provinzgrenze seid. Manuel, Eusebio, Gregorio und ich verstecken uns dann erst mal in der Hütte von Luisa María und warten ab, bis sich der Aufruhr gelegt hat.«

»Vamos?«

»Vamos! Viel Glück, ihr beiden! Und seht zu, dass ihr rechtzeitig mit dem Geld in Eibar seid und dass die Gewehre was taugen. Ihr wisst, es ist nicht mehr viel Zeit.«

»Ja, es wird schon schief gehen. Viel Glück, Buenaventura.« Die Männer umarmten sich kurz, dann trennten sich ihre Wege. Miguel und Aurelio zogen, bepackt mit dem Geld, nach Osten, in Richtung Baskenland; Eusebio, Gregorio, Buenaventura und Manuel wandten sich nach Süden, in die Sierra. Nach fünf Stunden Fußmarsch durch Schluchten, über Steilhänge und Wildbäche hinauf gelangten sie zur Hütte von Luisa María. Wie erwartet fanden sie sie verlassen vor und richteten sich so gut ein wie es irgend ging. Es gab frisches Wasser und Decken, Proviant und ein paar Bücher. Luisa María hatte gut vorgesorgt. Sie war zuverlässig. Sie und ihr Mann Angel waren seit ewigen Zeiten in der Anarchogewerkschaft CNT.

Vor zwei Jahren, bei einem wilden Streik der Minenarbeiter von La Felguera hatte man ihn abgeholt. Vier Tage und vier Nächte hatte man ihn in der Kaserne der guardia civil >verhört<. Dann wurde seine Leiche nach Hause gebracht mit der höhnischen Erklärung, er habe sein gottloses Leben bereut und sich selbst gerichtet. Sein ganzer Körper war von Blutergüssen bedeckt. Seitdem sie Angel begraben hatten, war Luisa María sehr schweigsam geworden. Und seither war sie nicht mehr nur Gewerkschafterin, sondern unterstützte heimlich, aber entschlossen die anarchistischen Kommandos der PAI, der Federación Anarquista Ibérica. Angel war Sprengmeister im Bergwerk gewesen und hatte nicht schlecht verdient. Seit seinem Tod war sie auf sich allein gestellt und lebte von den kärglichen paar Hektar Land, die sie von ihrer Familie geerbt hatte, und dem, was ihr die Genossen aus der Solidaritätskasse zukommen ließen. Ihre drei Söhne waren in alle Winde verstreut: der eine tat Dienst in der Armee und schlug sich in der glücklosen spanischen Infanterie irgendwo in Marokko mit den Rebellen von Abd El Krim herum; der zweite war in Paris als Gastarbeiter, verdiente aber kaum genug für seine eigene Familie, und der dritte saß in Barcelona im Knast. Er war des illegalen Waffenbesitzes angeklagt, auch er gehörte zu einer Gruppe der FAI. In ihre Hütte kam sie in dieser Jahreszeit kaum. Erst in ein paar Wochen würde sie das Heu mähen kommen, die Äpfel abernten und das bisschen Mais einbringen, das sie dem kargen Boden hier oben abrang.

Ja, Luisa María hatte gut vorgesorgt. Sogar Tabak und Wein hatte sie dagelassen. Die Männer dösten, lasen ein wenig und schlugen sich die Zeit mit politischen Diskussionen und Dominospiel tot. Hier würden sie ein paar Tage bleiben und dann über die Berge ins benachbarte Leon abhauen. Von dort hatten sie eine Chance, ungehindert in die Millionenstadt Barcelona zu reisen, wo sie leicht untertauchen konnten. Dort wollten sie Miguel und Aurelio wiedertreffen, die inzwischen in Eibar unter Vermittlung eines Ingenieurs, der mit den Anarchisten sympathisierte, tausend Karabiner kaufen sollten. Tausend Karabiner! Damit konnte man schon etwas anfangen… und das war auch dringend nötig.

Spanien stand unmittelbar vor einem faschistischen Staatsstreich. Es war ein offenes Geheimnis, dass der senile König Alfons XII. den rechtsradikalen General Primo de Rivera zum Militärdiktator machen wollte. Für den Putsch gab es zwei Vorwände: das Fiasko, das die spanische Armee gerade in Marokko erlitt, und die Anarchisten. Primo de Rivera hatte versprochen, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und das bedeutete nichts anderes, als die Gewerkschaften zu liquidieren. Die CNT war zum Widerstand entschlossen und plante einen revolutionären Generalstreik.

In der Armee hatte sie Sympathisanten, bis hinauf in den Offiziersrang, aber es fehlte an Waffen. Das war der Grund, warum die sechs jungen Männer vom Kommando Los Solidarios der FAI in Gijón die Filiale der Banco de Espana überfallen hatten. Und das war auch der Grund, warum ihnen das untätige Warten in der Hütte so auf die Nerven ging.

»Hör mal zu, Eusebio—– wir vertrödeln hier nur unsere Zeit und in Barcelona tagt das Komitee ohne uns. Wer weiß, Primo kann schon nächste Woche losschlagen, wenn der König aus dem Urlaub kommt.«

»Nun verlier’ mal bloß nicht die Nerven. Es nützt niemandem, wenn wir jetzt durchdrehen und im nächstbesten Dorf erwischt werden. Wir müssen mindestens eine Woche warten, bis sie die Bahnhöfe nicht mehr so scharf kontrollieren.«

»Und was ist, wenn sie hierher kommen?«

»Du weißt ja, wie faul die guardia ist. Jetzt sitzen wir schon drei Tage hier und keine Streife hat sich hier blicken lassen. Was meinst du, Buenaventura?«

»Man kann nie wissen. Möglich ist immer noch, dass sie hier auftauchen! aber die Bahnhöfe kontrollieren sie mindestens eine Woche lang. Wir müssen hier wie dort auf der Hut sein, aber jetzt loszumarschieren, wäre Wahnsinn. Wie ist’s, Gregorio, gibt’s irgendwas Verdächtiges?« Gregorio, der mit zwei Pistolen an den Hang gelehnt in der Sonne saß und Wache schob, murmelte kaum verständlich, denn er kaute gelangweilt an einem Strohhalm:

»Nö, alles ruhig hier draußen…«

»Also, Leute, entspannt euch, ruht euch aus – es hat keinen Sinn, an den Fingernägeln zu knabbern«, wandte sich Buenaventura wieder an seine Genossen.

»Ich für meinen Teil werde mich mal rasieren. Wenn mich die Journalisten so fotografieren könnten, würden sie sich furchtbar freuen: dann hätten sie den gefürchteten anarchistischen Terroristen, unrasiert und mit finsterem Blick…« Er stand auf, füllte sich die Emailleschüssel mit Wasser, legte das altertümliche Rasiermesser, das einst Angel gehört hatte, auf den Tisch, nahm die Rasierseife zur Hand und begann, mit dem Pinsel den Schaum anzurühren. Luisa María hatte wirklich an alles gedacht! Man sollte sie nicht verärgern – Buenaventura überlegte kurz, stand abermals auf und holte sich ein paar alte Zeitungen, die er sorgfältig auf dem Tisch ausbreitete. Dann stellte er die Schüssel wieder vor sich auf den Tisch und begann, sich einzuseifen. Die Zeitung, die er ausgebreitet hatte, war die Solidaridad Obrera vom März dieses Jahres. Klar! Bei Luisa María kamen keine bürgerlichen Blättchen ins Haus! Sie hatte Klassenbewusstsein, und manchmal schimpfte sie sogar über die >Soli<, dass ihr nämlich die Gewerkschaftszeitung zu zahm, zu wenig kämpferisch war. Buenaventura musste lächeln. Auf dem Titelbild dieser Ausgabe stand in klotzigen Lettern zu lesen, dass der General Primo de Rivera plane, seinem großen Vorbild Mussolini zu folgen und in Spanien eine Diktatur nach faschistischem Muster zu errichten. Die Arbeiterklasse wurde aufgefordert, wachsam zu sein, und die Comites Antimilitaristas in der Armee rief man auf, im entscheidenden Moment die Waffenkammern zu plündern. Buenaventura lächelte erneut, diesmal aber aus Skepsis. Er wusste nur zu gut, dass diese Idee illusorisch war. Es gab zwar eine Menge Anarchisten im Heer, aber die Waffen waren gut gesichert, und die meisten Offiziere sympathisierten mehr oder weniger offen mit den Faschisten. Das hatte ihm erst vor wenigen Wochen in Barcelona der Hauptmann Sancho, ein anarchistischer Gewährsmann in der Armee, nachdrücklich klargemacht. Die verdammten Gewehre mussten her und an ein oder zwei Orten klug eingesetzt werden. Vielleicht konnte man damit wirklich hier oder dort eine Kaserne stürmen, und das könnte Signalwirkung haben. Nur so konnte man verhindern, dass der Generalstreik zu einem Fiasko würde, nur so konnte man die Arbeiter mitreißen, sich gegen Primo de Rivera zu erheben. Ein Anfangserfolg war nötig, eine Bresche…

Buenaventuras Gedanken begannen zu kreisen, ihm kam nun genau wie seinen Kameraden die furchtbare Untätigkeit zum Bewusstsein, zu der sie hier verdammt waren. Ohne es zu merken, begann er, sich schneller zu rasieren. Nun hatte er sich geschnitten.

»Caramba!« Er legte das Messer weg und drehte die Zeitung um. Dieser Artikel hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht! Er fuhr mit der Rasur fort, aber auch mit der Lektüre der Zeitung. Plötzlich stutzte er. Wieder sank das Rasiermesser auf den Tisch. Eilig wischte er sich den Schaum vom Mund und hob erregt seine Stimme:

»Na seht mal, was ich hier gefunden habe«, wandte er sich an die anderen. »In der Soli wird ein Interview mit meiner Mutter zitiert! Ich les‘ euch das mal vor, das ist ja komisch. Passt auf:

»Señora, Ihr Sohn wird in der Presse als der größte anarchistische Bandit aller Zeiten bezeichnet. Es wird behauptet, er habe schon zig Millionen Peseten erbeutet. Können Sie das bestätigen?«

»Wissen Sie, ich weiß nicht, ob mein Sohn mit Millionen hantiert. Das einzige, was ich weiß, ist dass ich ihn jedes mal, wenn er mich hier in Leon heimlich besuchen kam, von Kopf bis Fuß neu einkleiden musste, weil er so abgerissen her umlief. Und die Rückreise habe ich ihm auch jedes mal bezahlen müssen…« Alle mussten lachen.

»Das stimmt«, meinte Buenaventura, während er das schmutzige Wasser zum Fenster hinausgoss, »das letzte Mal habe ich sie im Januar getroffen. Sie hat sich ganz fürchterlich über meine abgelatschten Schuhe aufgeregt und gefragt, was das denn für Genossen wären, für die ich Kopf und Kragen riskiere und die nicht einmal für ordentliches Schuhwerk sorgen könnten!« Wieder lachte alles durcheinander, Eusebio verschluckte sich an einer Olive und musste ganz fürchterlich husten.

»Ruhe!«

»Was ist los? Kannst du keinen Spaß verstehen?«

»Ruhe, verdammt! Ich höre Stimmen. Da kommt jemand den Hang herauf!« Das Lachen er starb auf ihren Lippen, in Sekundenschnelle hatten sie ihre Waffen in der Hand und standen mit entsicherten Pistolen an den Fen stern. Tatsächlich. Man hörte gedämpfte Stimmen. Sie kamen rasch näher. Gregorio kam ins Haus geschlüpft und berichtete, eine Streife der guardia zivil nähere sich dem Haus mit dem Gewehr im Anschlag. Es seien mindestens zehn Soldaten.

»Wir können uns hier nicht verteidigen, wir haben nicht genug Munition. Es gibt nur eine Chance – jeder versucht, in eine andere Richtung auszubrechen und sich durch zuschlagen. Vielleicht schafft es einer von uns.«

Manuel und Eusebio sprangen durch das Fenster der Seitenfront und wurden sofort von einem Geschosshagel empfangen. Unverwundet suchten sie hinter dem niedrigen Mäuerchen Schutz und erwiderten das Feuer. Währenddessen verließen Gregorio und Buenaventura die Hütte durch die Tür und trennten sich unmittelbar darauf. Der Feuerwechsel mit Eusebio und Manuel hatte die Aufmerksamkeit der Soldaten für einen kurzen Moment abgelenkt und ermöglichte ihnen die Flucht. Die beiden anderen krochen auf allen vieren zur Tür wieder in die Hütte zurück und verbarrikadierten sich dort. Zwei guardias versuchten nun, von hinten die Kate zu stürmen, aber ein gezielter Schuss streckte einen von ihnen nieder; der andere verschwand wieder im Unterholz. »Los, Manuel, gib mir Deckung! Ich werd‘ mir den Karabiner von dem Toten holen. Mit den Pistolen können wir nichts ausrichten!« Behende schwang sich Eusebio über das Fenstersims und hechtete in Richtung des toten guardias. Er stand nicht mehr auf. Ein Schuss hatte ihn mitten in die Stirn getroffen, und er blieb, grässlich verrenkt und mit offenen Augen, keine zwei Meter neben dem Soldaten im Staub liegen. Es dauerte noch mehrere Stunden, bis die Soldaten endlich zum Sturm auf das Haus ansetzte. Manuel hatte seine letzte Kugel verschossen, und unter den Kolbenhieben der Mauser-Karabiner sank er bewusstlos zu Boden. Der tote und der verwundete Anarchist wurden in die Kaserne der guardia zivil gebracht, wo man Manuel mehrere Stunden lang derart misshandelte, dass er in kritischem Zustand ins Gefängnis von Oviedo eingeliefert wurde.

»Legt ihn in ein Einzelzimmer«, sagte der dienst tuende Sanitäter im Krankenrevier, »das ist ein gefährlicher Anarchist. Dem ist alles zuzutrauen.«

»Keine Angst«, erwiderte der kleine, stämmige sargento, »der kommt hier nicht lebendig wieder raus. Und vor der Tür bleiben ständig zwei Soldaten zur Bewachung. Verstanden!«

»Natürlich. Mit solchem Pack kann man nicht vorsichtig genug sein«, pflichtete der Sanitäter bei. Dann schloss er die Tür von innen, holte Jod und Verbandszeug und widmete sich dem stöhnenden Manuel.

»Dich haben sie ja übel zugerichtet… Hör zu, und sag jetzt kein Wort«, flüsterte er ihm zu. »Ich bin

hier der Pfleger vom Dienst. Mein Name tut nichts zur Sache, aber ich bin auch in der CNT, im sindicato de salud pública, aber illegal, verstehst du? Ich denke, wir können dich hier herausholen, und zwar, wenn du verlegt wirst. Der Untersuchungsrichter aus Zaragoza hat schon überall herum telefoniert und ganz aufgeregt beantragt, dass du nach dort über stellt wirst. Die hier sind froh, wenn sie dich wieder loswerden. Bis dahin musst du also soweit auf den Beinen sein, dass du die Flucht überstehen kannst, hast du mich verstanden?«

»Ich weiß nicht —– ich weiß nicht, ob ich das hier überlebe…« stöhnte Manuel.

»Du sollst nicht sprechen. Wir werden dich schon wieder hin- kriegen. Du darfst dich jetzt vor allem nicht anstrengen, ist das klar?« Ma- nuel seufzte. Mühsam hob er den Kopf und sah zu dem Sanitäter hinüber, der eine Spritze aufzog.

»Sag’ mal, Genosse«, hauchte er in gequältem, fast geflüstertem Ton, »weißt du, was mit dem Bankdirektor ist? Der von Gijón, du weißt schon.«

»Ach, der dicke Azcárrate? Der läuft schon wieder herum. Vorgestern schrieben die Zeitungen noch, er habe sein Testament gemacht und kämpfe mit dem Tod, aber heute berichten sie, er würde am Montag wieder seinen Dienst antreten. Der hat nur einen Streifschuss am Hals abgekriegt, aber überall ist er jetzt der große Held.«

»Na, wenigstens ist er nicht tot. Das wird Buenaventura freuen. «

 

Geschichte

Der Mann mit der rauen Stimme, dem stechenden Blick und dem blutenden Finger war Buenaventura Durruti. Sein Name ist noch heute in Spanien Legende. Als er am 23. November 1936 in Barcelona zu Grabe getragen wurde, erwies das gesamte diplomatische Korps dem anarchistischen Banditen die letzte Ehre. Der Botschafter der USA stand ebenso mit Trauermine am Sarg wie der der UdSSR, und die Fahnen ihrer Länder wehten auf Halbmast. Ein ironischer und wohl auch einmaliger Vorgang in der Geschichte. Aufrichtiger war da schon die Trauer von über einer halben Million Menschen, die den toten Anarchisten zur letzten Ruhe geleiteten. >Ihr Durruti< war tot, sie konnten es nicht fassen. Auch in Deutschland, wo Buenaventura Durruti 1928 vorübergehend Unterschlupf fand, gelangte er zu einer gewissen Berühmtheit, allerdings erst 50 Jahre später. Hans Magnus Enzensberger nahm sich die Figur Durrutis zum Thema für einen Fernsehfilm und einen Roman, der zu einem Bestseller der Linken wurde. All dies machte Buenaventura Durniti zu einem Mythos. Zu einem Helden, einem Idol, hinter dem der Mensch verschwand. Dabei war Durruti, trotz aller Glorifizierung die man ihm angetan hat, im Grunde eine bescheidene Gestalt. 1896 war er in der verschlafenen spanischen Provinzstadt Leon geboren worden. Zusammen mit sieben Geschwistern wuchs er in einer ärmlichen Arbeiterfamilie auf und absolvierte eine Lehre als Metallarbeiter und Mechaniker. Sein Vater und sein Onkel waren Mitbegründer der ersten Arbeiterassoziation am Ort, und so wurde Buenaventura schon als Junge Mitglied der örtlichen Gewerkschaft. Es sind die ersten kämpferischen Streiks und ihre brutale Unterdrückung, die den jungen Durruti dazu bringen, über andere, militantere Aktionsformen nachzudenken. In der Bergbauregion von Asturien und Leon, wo er als Facharbeiter für den Aufbau von Erzwaschstraßen verantwortlich ist, erlebt er die Wirksamkeit der direkten Aktion: nur durch seine Weigerung, eine wichtige Anlage zu reparieren, erzielt er den entscheidenden Durchbruch bei einem Bergarbeiterstreik. Sein Name ist zum ersten Male in aller Munde, er ist fortan der Held der Provinz.

Der junge Mechaniker erlebt aber auch, wie brutal der Staat zurück schlägt. Nicht nur, dass Durruti und seine anarchistischen Freunde immer wieder ihre Arbeit verlieren – im Generalstreik von 1917 beherrschen die Maschinengewehre das Straßenbild in ganz Asturien. Dem haben die Arbeiter nichts weiter als Steine und ihre Wut entgegenzusetzen. Durruti und seine Gruppe, die sich jetzt Los Justicieros nennen, begeben sich Schritt für Schritt auf den Weg zum direkten Widerstand: Sabotage an Eisenbahnen, auf Förderbändern und in den Büros der Minengesellschaften. Die Gruppe wird verfolgt, illegalisiert, muss sich absetzen. Die Einberufung zum Militär gibt für Durruti den Ausschlag: Er flieht nach Frankreich, wo er sich zum ersten Mal intensiv mit anarchistischen Gedanken auseinandersetzt. Er stellt, wenig überrascht, fest, dass die Anarchisten genau das denken und tun, was auch er schon immer gedacht und getan hat. Buenaventura wird Anarchist. Durch den Wirtschaftsboom, den der Erste Weltkrieg Spanien brachte, war auch das Industrieproletariat zu einer bedeutenden Kraft geworden. Die anarchistischen Gewerkschaften erlebten einen steilen Aufschwung und drängten selbst dort, wo sie nicht ohnehin schon in der Mehrheit waren, die zahmen Reformisten der Gewerkschaft UGT1 in die Defensive.

Die Kehrseite der Medaille war, dass die Bourgeoisie durchdrehte. In Panik und unter dem Schock der russischen Revolution versuchten sie vergeblich, sogenannte >gelbe Gewerkschaften< aufzubauen, die den Arbeitgebern hörig waren. Sie gründeten eine Organisation von bezahlten Killern und pistoleros, die die führenden Anarchosyndikalisten liquidieren und die Arbeiter einschüchtern sollten. Diese Profis schlugen gezielt zu, die Arbeiterschaft war wie gelähmt. Innerhalb kurzer Zeit (Monate) starben Hunderte anarchistischer Wortführer. Sie wurden vor den Werkstoren erschossen, in finsteren Gassen überfallen, man lauerte ihnen nach Versammlungen auf. Selbst ihre Familien wurden bedroht. Die jungen, kämpferischen Anarchisten vom Schlage Durrutis sahen dem nicht lange tatenlos zu. Sie organisierten sich in kleinen Gruppen und schlugen zurück. Aus den Verfolgern wurden Verfolgte. Aber man hielt sich nicht so sehr an die pistoleros selber, sondern machte sich auf, die wahren Schuldigen zu bestrafen. Die Drahtzieher des >Unternehmerterrorismus< saßen in hohen Positionen der Regierung, des Militärs und der Kirche. Gegen einen von ihnen, den erzreaktionären Kardinal Soldevila von Zaragoza, richtete sich das erste Attentat von Durrutis Gruppe. Er wurde am 4. Juni 1923 in seinem Automobil erschossen. Ein ungleicher Kampf hatte begonnen, ein Signal war gesetzt. Die Arbeiter, bisher nur gewohnt, zu streiken, zu demonstrieren und sich zusammenschießen zu lassen, sahen, dass man sich wehren konnte. In ihren Reihen gab es Entschlossene, die mit gleicher Münze heimzahlten. Das Attentat auf den Kardinal Soldevila war zugleich der Anfang vom Ende der pistoleros; der Terrorismus der Unternehmer ebbte in den folgenden Jahren ab. Durruti und seine Freunde aber waren nun vollends in der Illegalität. Es war indes nicht ihre Absicht, zu Berufsrevolutionären zu werden oder zu Leuten, für die die Gewalt Selbstzweck war. Im Gegenteil. Trotz aller Verfolgungen hielten sie engsten Kontakt zu ihren Gewerkschaften, und in den langen, bewegten Jahren, in denen sich Kampf, Gefangenschaft und Exil abwechselten, suchten sie sich immer wieder als einfache Arbeiter einen Job, sooft ihnen dies möglich war.

„Ihnen war die Gefahr durchaus bewusst, sich als >Berufsguerilleros< zu isolieren. Nur zu leicht kann man am Töten, an Überfällen Gefallen finden. Das war nie ihre Absicht gewesen, und sie haben es erfolgreich vermieden. Ihr Ziel war es, neben den Gewerkschaften eine schlagkräftige, ideologisch beispielhafte politische Organisation aufzubauen. Dieses Netz, das Durruti und seine beiden Intimfreunde Ascaso und Jover mit Tausenden gleichgesinnter junger Anarchisten Anfang der zwanziger Jahre knüpften, war die Federación Anarquisto lbérica, die iberische anarchistische Föderation. Das Kürzel »FAI« wurde für die folgenden 15 Jahre ein bestimmendes Symbol in den sozialen kämpfen Spaniens. Die FAI war indes keine Armee, keine Terrorgruppe, kein >bewaffneter Arm< der Gewerkschaften, sondern schlicht eine politische Gruppe, für die Illegalität und gewalttätige Aktionen keinesfalls zur politischen Philosophie gehörten, sondern allenfalls zur sozialen Notwendigkeit. Sie hat sich nur nicht gescheut, beides konsequent anzuwenden, wenn sie dazu gezwungen war. Die FAI verstand sich nicht als eine Avantgarde2 im Sinne einer lenistischen Partei. Die meisten ihrer Mitglieder waren und blieben einfache Arbeiter und gleichzeitig Mitglied der CNT. Attentate waren die seltenen Ausnahmen in ihrer Strategie. Statt dessen versuchten sie überall da, wo durch Streiks, Unterdrückung, Geldmangel und Not die Kollegen in Bedrängnis waren, mit dem Mittel der >direkten Aktion< einzugreifen. Sie ermutigten die Arbeiter, sich für zu erwartende Konflikte zu bewaffnen, sie praktizierten Sabotage bei Streiks, sie überfielen Banken und finanzierten damit Schulen, Bibliotheken und Druckereien, halfen bei Streiks oder unterstützten in Not geratene Proletarierfamilien. Sie befreiten Genossen aus dem Gefängnis, und — was ebenso wichtig war — sie beeinflussten nachhaltig die politische Diskussion und damit den Kurs des anarchistischen Gewerkschaftsverbandes, der mittlerweile weit über eine Million Mitglieder zählte und zur stärksten Kraft der spanischen Arbeiterbewegung geworden war. Die FAI wurde zur Vordenkerin der CNT.

So wurde eine T a k t i k geboren, die später unter dem Namen >Stadtguerilla< bekannt wurde. Die FAI übernahm aber nie die S t r a t e g i e der Stadtguerilla. Sie war und blieb Teil der revolutionären Gewerk schaftsbcwegung, von der allein sie sich den Aufbau einer anarchistischen Gesellschaft in großem Maßstab er hoffte und von der sie auch nicht klar zu trennen war. Der Banküberfall aus unserer >Story< fand am 1. September 1923 statt. Die sechs jungen Leute waren Miguel Garcia Vivancos, der den Wagen steuerte, und zusammen mit Aurelio Fernandez das erbeutete Geld nach Bilbao schaffen sollte, Buenaventura Durruti und Gregorio Suberviela, denen die Flucht aus der belagerten Hütte gelang, Eusebio Brau, der von der guardia civil erschossen wurde und Manuel Torres Escartin, der im Gefängnis von Oviedo landete. Zwei Versuche, ihn zu befreien, scheiterten; er kam erst Jahre später frei. Aurelio und Miguel gelangten tatsächlich nach Bilbao und kauften in Eibar die Gewehre, aber es war zu spät.

Der General Primo de Rivera wurde vom König an die Macht gebracht und verfolgte in einer sieben Jahre dauernden Militärdiktatur die Anarchisten mit allen Mitteln. Den Krieg in Marokko konnte er zwar beenden, an der Arbeiterbewegung biss er sich jedoch die Zähne aus. 1930 musste er unter dem wachsenden öffentlichen Druck aufgeben. Zigtausende Gefangene wurden entlassen, die Gewerkschaften konnten aus der Illegalität wieder an die Öffentlichkeit treten. Durruti war in dieser Zeit bereits zur Legende geworden. Immer wieder wurde er verhaftet, angeklagt, musste ins Ausland fliehen, wurde interniert. Nachzuweisen war ihm nichts. In Kuba, Mexiko, Chile und Argentinien, wohin sich das Trio Durruti/ Ascaso/Jover vorübergehend abgesetzt hatte, hinterließ es eine unverkennbare Spur von geplünderten Kassen und unversehends zu Geld gekommenen anarchistischen Schulen, Gruppen und Gewerkschaften. Zu rück in Paris wurden die drei unter dem Vorwand, ein Attentat auf den spanischen König geplant zu haben, verhaftet. Die argentinische Regierung, die sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte, forderte ihre Auslieferung. Als im Juli 1927 ein argentinisches Kriegsschiff Kurs auf Frankreich nahm, um die drei Anarchisten zur Hinrichtung abzuholen, ging eine derart überwältigende Welle von Solidarität durch die Öffentlichkeit, dass Durruti, Ascaso und Jover nach einer langen politischen Kampagne frei kamen. Zur gleichen Zeit bewegte noch eine andere große Kampagne die Welt: die beiden italo-amerikanischen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti wurden in den USA trotz erwiesener Unschuld auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Unter der zweiten spanischen Republik, die dem Sturz Primo de Riveras folgte, war ein anderes Talent Durrutis mehr gefragt: das des ungemein populären Redners und zielstrebigen politischen Organisators. Er war nämlich mehr als ein Bankräuber Er war ein geradlinig denkender, politisch sensibler Kämpfer, der auch als Theoretiker mehr und mehr an Bedeutung gewann. Aus dem Rebellen wurde der Aktivist. Dabei war er weniger ein Mann von Papier und Bürokratie, und wenn er als >Theoretiker< erwähnt wird, so weniger aufgrund geschriebener Werke als durch das gesprochene Wort und die beispielhafte Tat, die die CNT in Praxis und Theorie nachhaltig prägten.

In Spanien war er durch neue Gesetze amnestiert und konnte wieder öffentlich auftreten. Er und seine Freunde zogen nach Barcelona, wo sie sich umgehend Arbeit suchten. Als Propagandist reiste er durchs ganze Land und sprach auf anarchistischen Massenkundgebungen. Die CNT und die FAI wurden von Grund auf reorganisiert, und die Beschlüsse, die auf den folgenden Kongressen gefasst wurden, trugen deutlich den Stempel der FAI, die Handschrift Durrutis. Für ihn war es klar, dass der socialismo libertario nicht vom Himmel fallen würde und dass er nur zu leicht durch die immer vorhandene Tendenz zum Reformismus verwässert werden könnte. Genaue Programme für eine anarchistische Wirtschaft wurden ausgearbeitet, Pläne dafür, wie die Arbeiter die Industrie und die Bauern die Landwirtschaft übernehmen könnten – nach der Revolution. Die Revolution, so die überwiegende Überzeugung in der CNT, könne aber nicht allein durch Streiks und Agitation erreicht werden. In dem Augenblick, wo sich den Anarchisten in bestimmten politischen Situationen die Machtfrage stellen würde, müssten sie auch in der Lage sein, eine Antwort zu geben. Das Proletariat müsse bewaffnet sein, vor allem, solange die Gefahr des Faschismus nicht gebannt war. Durrutis Position zur Gewaltfrage war knapp und klar: Er war kein Freund von Mord und Totschlag, machte sich aber auch keine Illusionen darüber, dass die herrschenden Klassen ohne Widerstand abtreten würden. »Banditentum nein, kollektive Enteignung ja!« hieß seine Devise. Der Augenblick der Machtfrage sollte bald kommen. Am 19. Juli 1936 putschten die Truppen des faschistischen Generals Franco gegen die junge Republik. Mit der Unterstützung von Hitler und Mussolini brach im ganzen Land eine Militärrevolte los.

Die Regierung, der Staatsapparat, die Parteien und die reformistischen Gewerkschaften waren wie gelähmt. Einzig die Anarchisten waren vorbereitet. Sie schlugen zurück. Auf Anhieb gelang es den schlecht bewaffneten Arbeitern, den Aufstand in den meisten Orten des Landes niederzuschlagen. In Barcelona stürmten sie die Kasernen und griffen Maschinengewehrstellungen und Kanonen mit Steinen und bloßen Händen an. Sie siegten. Wo sie den Kampf verloren, wurden sie von den Militärs in unsäglichen Massakern zu Tausenden erschossen. Das war der Beginn des spanischen Bürgerkrieges, der drei Jahre dauern sollte und das war die große Stunde für Durruti. Für den Rebellen, den Organisator, den Anarchisten Durruti – Durruti, den Revolutionär. Die Lage des republikanischen Spaniens war bedrohlich. Die Militärs hatten zahlreiche Brückenköpfe und wurden massiv von deutschen und ita lienischen Einheiten unterstützt. Die verfügten über modernste Flugzeuge und Panzer; für Hermann Göring war Spanien der Testplatz seiner neuen Luftwaffe für den kommenden Weltkrieg.

Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges brach aber auch eine Revolution aus, eine anarchistische. Man beschränkte sich nicht darauf, die Militärs zu schlagen und die alte Gesellschaft wieder aufzurichten. Jetzt war die Stunde gekommen, einen uralten Traum zu verwirklichen, den Traum von der Anarchie. Frei, gleich, ohne Chefs, Staat und Kirche, brüderlich und gerecht sollte sie sein, die neue Ordnung. Epidemieartig breitete sich der comunismo libertario in fast allen befreiten Gebieten aus. Die Bauern kollektivierten Vieh und Felder, benutzten die Geräte gemeinsam und von der Kneipe bis zum Gesundheitsdienst war alles gratis. In jedem Dorf, in jeder Region wurden unterschiedliche Formen ausprobiert. Manche schafften das Geld ab, andere stellten Arbeitsbons aus. In manchen Dörfern schlossen sich alle den Kollektiven an, anderswo zogen es einige Bauern vor, für sich selbst zu wirtschaften. Diese colectivización war, im Gegensatz zu der Kollektivierung in Russland, von den Menschen gewünscht und freiwillig. In den Städten übernahmen die Arbeiter innerhalb weniger Tage fast alle Industrien und Dienstleistungsunternehmen. Krankenhäuser U-Bahnen, Textilfabriken, Werften, Gießereien und Schulen waren ebenso kollektiviert wie Kinos, Cafés und die Museen. Aus dem feinsten Hotel Barcelonas wurde eine Volksküche und das >Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen< zog in ein Bankgebäude ein. Selbst in der Miliz ging es anarchistisch zu: es gab keinen Kadavergehorsam, keine Offiziere, keine Rangabzeichen. Vor dem Kampf wählte man zwar Führer, aber die Einsätze wurden ebenso von allen diskutiert und beschlossen wie die politischen Entscheidungen. Verbindendes und ordnendes Element in dieser neuen Gesellschaft waren die Strukturen der CNT – eine Gewerkschaft, die sich seit Jahrzehnten konsequent auf diese Aufgabe vorbereitet hatte. Der Miliz kam nun eine immer wichtigere Aufgabe zu. Es galt nicht nur, die befreiten Gebiete zu halten, sondern auch die von den Putschgeneralen besetzten Gebiete zu befreien. Dort konnten sich sonst die Faschisten in aller Ruhe für ihren Feldzug rüsten, dort verblutete unterdessen das Proletariat.

Durruti war einer der ersten, der dies erkannte, und der FAI fiel die Schlüsselrolle in der Aufstellung und Ausbildung der milicias zu. Ebenso schnell und reibungslos, wie die Industrie >anarchisiert< wurde, wurden die Truppen aufgestellt. Schon nach wenigen Tagen zogen die ersten >Kolonnen<, schlecht ausgerüstet, doch mit grenzenloser Begeisterung, an die Front. Durruti ging nach Norden. In Zaragoza, der Hauptstadt von Aragón, hatten sich die Militärs halten können und Tausende von Arbeitern erschossen. Der Vormarsch geht zunächst rasch vonstatten. Die bunt zusammengewürfelten Haufen haben zwar wenig Disziplin und nur alte Knarren, dafür aber um so mehr Mut und Begeisterung. Immer weiter drängen sie die Faschisten zurück, bis sie die Türme von Zaragoza sehen.

Dann kommt der Vormarsch ins Stocken, ein Stellungskrieg beginnt. Dies sind die letzten Monate im Leben von Buenaventura Durruti. Sie sind gekennzeichnet von fieberhafter Aktivität. Anarchisten, die in Straßenschlachten und illegaler Gewerkschaftsarbeit erprobt sind, sind keine guten Soldaten: Taktik und Disziplin müssen ebenso gelernt werden wie Nachrichtentechnik und Waffenkunde. An vielen Stellen kommt es zu spontanen Ausschreitungen der Dorfbewohner gegen Geistliche und Unternehmer. Das ist zwar durchaus verständlich, aber nicht anarchistisch. Durruti wirkt an allen Ecken und Enden zugleich als Truppenausbilder, Militärstratege, anarchistischer Agitator, als Organisator und Lehrer in Sachen Anarchismus und Disziplin. Es gelingt den >alten Kämpfern< der FAI tatsächlich, innerhalb weniger Wochen, die Milizen zu ordnen und die Übergriffe zu beenden. Die anarchistischen Einheiten genossen bald den Ruf einer schlagkräftigen, disziplinierten und von hohen Idealen geleiteten Truppe. Eine der wohlwollendsten Beurteilungen Durrutis aus jenen Tagen stammt übrigens aus der Feder des Dorfpfarrers Moisen Arnalden Durruti davor rettete, von den aufgebrachten Bauern gelyncht zu werden.

Die meisten Geistlichen sympathisierten nicht nur offen mit Franco – in zahlreichen Kirchen entdeckte man wahre Waffenarsenale der Faschisten. Jener Pfarrer wurde eine Art Sekretär in Durrutis Stab und bescheinigte den Anarchisten Jahre später, dass sie alles andere waren als blutrünstige Rächer. Als Madrid bedroht wird, eilt die >Kolonne Durruti< der Hauptstadt zu Hilfe. Die Regierung hatte das sinkende Schiff schon verlassen und war nach Valencia geflüchtet, während die Stadt noch von Republikanern und Internationalen Brigaden verteidigt wird. Die Ankunft der legendären Durruti-Miliz erfüllt die madrilenos mit neuer Hoffnung, gibt ihnen neuen Kampfgeist. Tatsächlich wird der Angriff der Faschisten abgeschlagen, Madrid gerettet. Aber der Preis dafür ist hoch, besonders bei den Anarchisten: 4/5 der Kämpfer der Kolonne Durruti finden den Tod, unter ihnen ihr legendäres Vorbild.

Durruti fällt am 20. November 1936 in der vordersten Linie der Front, im Universitätsviertel Madrids. Die Umstände seines Todes sind nie geklärt worden. War es die verirrte Kugel eines faschistischen Heckenschützen?

Wurde er aus politischen Gründen ermordet?

Die schlimmsten Gerüchte ranken sich um den tödlichen Schuss. Die wahrscheinlichste Theorie indes ist banal und tragisch: vermutlich hat er sich selbst getötet, als sich versehentlich ein Schuss aus seinem mangelhaften Gewehr löste…

Durrutis Tod war wie ein Symbol: für viele war er gleichbedeutend mit dem Ende der spanischen Revolution. Zwar dauerte es noch zwei Jahre, bis Francos, Hitlers und Mussolinis Truppen triumphierend durch die Straßen Barcelonas zogen, aber die Anarchisten standen mehr und mehr auf verlorenem Posten. Die europäischen Demokratien spielten das verlogene Spiel der >Nichteinmischung<, lieferten also der bedrohten Republik keine Waffen. Waffen kamen nur aus Mexiko, das aus verständlichen Gründen nicht viel helfen konnte, sowie aus der UdSSR. Stalin aber hatte keinerlei Interesse an einer libertären Revolution. Er ließ einen Zweifrontenkrieg führen. Während kommunistische Internationale Brigaden und anarchistische Milizen an der Front gemeinsam gegen Franco kämpften, begannen Stalins Agenten im Hinterland bereits mit ihren >Säuberungen<. Zunächst gegen Trotzkisten und in den Gegenden, in denen die CNT schwach war, mehr und mehr aber auch in solch anarchistischen Hochburgen wie Katalonien, Aragón, Levante, Valencia und Andalusien. Der Anarchismus sollte ausgerottet werden. Die bis dahin völlig unbedeutende Kommunistische Partei erlangte aufgrund ihrer Verfügungsgewalt über die russischen Waffen eine ungeheure Macht. Revolution stand nicht auf ihrem Programm, sondern >Sieg im Bürgerkrieg< und >demokratische Reformen<. Stück für Stück versuchte man, die libertären Errungenschaften rückgängig zu machen. Die Milizen wurden der regulären Armee — und damit überwiegend kommunistischer Führung — unterstellt, die Kollektive per Gesetz reglementiert oder abgeschafft.

Natürlich nahmen die Menschen das nicht widerspruchslos hin: es kam zu Auseinandersetzungen, zu regelrechten Kämpfen. Im Mai 1937 tobte in Barcelona innerhalb des republikanischen Lagers ein Bruderkampf zwischen Kommunisten und Anarchisten. Auch nach dem anschließenden Waffenstillstand war die Lage keineswegs geklärt, die Gegensätze nur notdürftig gekittet. Die reguläre Armee verlor gegen Franco Schlacht um Schlacht und auch der von den Milizen erkämpfte Boden ging wieder verloren. Schließlich ging es nur noch ums nackte Überleben. Die Moral der Republikaner war gebrochen, von ihrer militärischen Kraft ganz zu schweigen.

Im Februar 1939 endet der spanische Bürgerkrieg und mit ihm die spanische Revolution, das bisher größte und erfolgreichste anarchistische Experiment in der Geschichte. Ein Experiment, in dem einfache Menschen der staunenden Welt bewiesen haben, dass Anarchismus keine Utopie ist, sondern eine Art zu leben und sich selbst zu organisieren – und das hervorragend funktionieren kann, selbst unter derart ungünstigen Umständen. Buenaventura Durruti war Symbolfigur dieser Revolution.

 

Moral

Das Schisma3, das der Bürgerkrieg in die spanische Gesellschaft riss, konnte nicht tiefer sein. Der Riss ging quer durch Städte und Dörfer, durch Klassen und sogar durch Familien. Es kam vor, dass sich in den Schützengräben Brüder oder Vettern gegenüberlagen und aufeinander schossen. Was den einen heilig war, war den anderen verhasst. Jemand hat den spanischen Bürgerkrieg den Friedhof der Ideale genannt. Dieses Schisma lässt sich am >Helden Durruti< genauestens nachvollziehen. Während der langen Jahrzehnte der Franco-Diktatur legten unbekannte Hände regelmäßig Blumen auf sein Grab. Noch heute findet man sein Bild auf Feuerzeugen, Schlüsselanhängern und anderen anarchistischen Devotionalien, die die CNT vertreibt, und in vielen Debatten wiegt sein Name mehr als so manches Argument. Anderen Spaniern ist der Name Durruti der Inbegriff alles Bösen. Während des spanischen Bürgerkrieges kursierten über den Milizenfuhrer die haarsträubendsten Geschichten, in denen besonders seine Grausamkeit herausgestellt wurde Die berüchtigten moros,

marokkanische Söldnertruppen im Dienste Francos, die sich durch besonderen Sadismus auszeichneten, hatten nur vor einem Angst — vor dem bloßen Namen jenes Durruti. Faschisten machten Schießübungen auf sein Bild. Durruti war zweifellos ein Mann aus dem Stoff, aus dem man Mythen webt.

In seltsamem Kontrast dazu stehen die Schilderungen, die seine Zeitgenossen von ihm gaben — Menschen, die ihn von nah kannten und erlebt hatten. Da bleibt von den meisten angeblich unglaublichen Eigenschaften nicht viel übrig – außer einem Mann, der besonders tatkräftig, vielleicht auch besonders mutig war und der eine klare Auffassungsgabe besaß. Nur – das hatten und haben sicher viele Tausende anderer Anarchisten mit ihm gemeinsam. Warum wurde gerade er zum Idol? Man kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Es gibt keine Eigenschaft Durrutis, die andere nicht auch gehabt hätten. Vergessen wir nicht, dass auch damals schon die Medien die Helden machten. Durruti wurde, lange bevor sein Name in der CNT allgemein anerkannt war, von den reaktionären Zeitungen als anarchistischer Bösewicht aufgebaut. Kaum eine Gewalttat, die ihm nicht zugeschrieben wurde! Der Schuss ging allerdings nach hinten los, denn je öfter der Name des »schrecklichen anarchistischen Terroristen« erwähnt wurde, desto populärer wurde er. Schließlich war er zu einer Art anarchistischen >Zorro< geworden, und dieses Image war die beste Propaganda, die sich die Anarchisten nur wünschen konnten. Dass es zu diesem Ruf kommen konnte, lag aber mit Sicherheit daran, dass Buenaventura Durruti in der Tat Tugenden hatte:

Dass er sich nie an der Beute seiner Überfälle bereicherte, legte sicher das Fundament zu seinem Ruf. Im April 1925 war der Kindernarr Durruti in Mexiko zu Gast bei einer >Freien Schule<, die die Genossen der Ölarbeiter-Gewerkschaft unter großen persönlichen Entbehrungen aufgebaut hatten. Durruti war begeistert.

»Was haltet ihr davon, wenn ihr in Mexiko ein paar Hundert solcher Schulen einrichten könntet?«

»Das ist ein schöner Traum«, antwortete ihm sein Gegenüber, »dafür brauchten wir aber Zigtausende von Pesos.«

»Nun, das muss ja kein Traum bleiben. Vielleicht kann ich eurer Föderation schon bald hunderttausend Pesos übergeben.« Zwei Tage später brachte Durruti den Genossen eine Tasche voll Geld mit den Worten:

»Diese Pesos habe ich von der Bourgeoisie genommen… Ihr könnt euch ja denken, dass sie sie mir nicht freiwillig überlassen haben.« Am folgenden Tag berichteten die Tageszeitungen in großen Schlagzeilen vom Überfall auf die Kasse einer Textilfabrik. Die in den Artikeln erwähnte Beute stimmte auf den centavo genau mit der Summe überein, die Durruti der Schule gestiftet hatte. So was sprach sich natürlich herum und brachte Sympathie auch bei Leuten, denen der Anarchismus sonst eher gleichgültig war. Die Anarchisten taten ein übriges, und gelegentlich kursierten sogar regelrechte Abrechnungen aus den Beutezügen der anarchistischen >Expropriateure<. Nach allem was man weiß, war Durruti nicht von Skrupeln geplagt, was die E n t e i g n u n g e n anging. Er war ein einfacher Mann, seine moralischen Maßstäbe waren gerade und schlicht. Er fühlte sich im Recht und handelte danach:

»Es ist kein Verbrechen, wenn man denen etwas stiehlt, die davon leben, uns zu bestehlen.« Das war ebenso simpel wie richtig und konnte von jedermann verstanden werden. Meist wurden Überfälle für ein bestimmtes Ziel durchgeführt. So verdankt die berühmte >Anarchistische Enzyklopädie<, ein von Sebastien Faure herausgegebenes klassisches Werk, ihr Entstehen ebenso den Geldern aus Durruti-Coups wie der gesamte Verlag, in dem sie erschien. Noch heute drucken in einem kleinen Vorort von Paris alte CNT-Veteranen eine Wochenzeitung auf Druckmaschinen, die einst Durruti finanzierte. Problematischer war für ihn schon die Frage nach der Gewalt gegen Menschen. Wie alle, die sich in ihrem Leben je entschlossen haben, andere Menschen zu töten oder ihren Tod in Kauf zu nehmen, fand auch Durruti hierauf keine moralisch einwandfreie Antwort. Er mag sich damit getröstet haben, dass er sich gezwungen sah, in einer moralisch nicht einwandfreien Gesellschaft einen moralisch nicht einwandfreien Kampf gegen einen moralisch nicht einwandfreien Gegner zu fuhren.

Sicher ist, dass er den Tod von Menschen nie auf die leichte Schulter genommen hat. Weder als er Banken überfiel, noch als er an der Spitze einer Armee stand. Sein Mitgefühl gegenüber dem durchgedrehten Bankdirektor war ebenso wenig gespielt wie das gegenüber dem vom Tode bedrohten Priester, den er rettete. Ein alter spanischer Genosse sagte mir einmal:

»Durruti hätte ein guter Pazifist werden können. Leider hatte er dazu keine Chance mehr. Aber dafür hat er gekämpft: dass die Gewalt in einer freien Gesellschaft einmal ein Ende haben könnte.«

Dieser Standpunkt wird Leuten nicht gefallen, die Wert auf saubere, widerspruchsfreie Lösungen legen. Aber solche Leute wären für Durruti wohl weltfremde Spinner gewesen. Spinner, die er vielleicht bewundert, die er aber nicht ernst genommen hätte. Denn Durruti war Realist. So etwas wie ein >Handwerker der Revolution<. Während seine Genossen noch darüber stritten, ob sie Gewehre einsetzen sollten, könnten und dürften, kümmerte er sich darum, wo er welche her bekommen könnte und wie man sie handhabte. Sein Leben war in einem streng moralischen Sinne nicht sauber und widerspruchsfrei, aber das bewahrte ihn vielleicht davor, ein weltfremder Spinner zu werden. Davon gibt es in der anarchistischen Bewegung nämlich relativ viele; an soliden >Handwerkern< vom Schlage Durrutis hat es indes stets gemangelt. Statt dessen wurde er ein praktischer Realist, der nie seine Phantasie vergaß und seine Skrupel nicht über Bord warf. Zwei berühmt gewordene Zitate von ihm machen das klar:

»Anarchisten bekämpfen keine Menschen, sondern Institutionen«, wurde er nicht müde, den aufgebrachten Massen zu predigen, die ihren seit Jahrhunderten angestauten Hass an Priestern, Beamten und Unternehmern auslassen wollten. Und als ihm, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges und seines persönlichen Ruhms ein amerikanischer Korrespondent sagte:

»Wenn ihr den Krieg gewonnen habt, werdet ihr auf einem Haufen Ruinen sitzen«, antwortete Durruti, ohne zu zögern: »Wir sind es, die diese Städte und Paläste – hier in Spanien und Amerika und überall – gebaut haben. Wir Arbeiter können andere Städte und Paläste an ihre Stelle bauen und sogar bessere. Wir haben keine Angst vor den Ruinen, denn wir werden die Erben dieser Erde sein… Hier, in unseren Herzen, tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, reift diese Welt heran.«

Es wäre verlockend, den Abschnitt »Moral« mit diesen Worten zu beenden, aber sie würden das Idol Durruti nur zurück auf seinen Sockel stellen. Zur Beantwortung der Frage, wie dieser Mann überhaupt auf den Sockel kam, sind noch zwei, drei Eigenschaften zu erwähnen. Zunächst seine Bescheidenheit, die alle, die ihn kannten – Freunde wie Gegner – einmündig hervorheben. Durruti hätte es sicher leicht gehabt, sich auch politisch zu einem >Führer< emporzuschwingen. Unter dem politischen Druck der Kommunisten und um die real schon gar nicht mehr existierende Einheitsfront gegen Franco nicht zu gefährden, traten am 4. November 1936 Anarchisten in die Regierung ein. Dies war die Bedingung dafür, dass Anarchisten überhaupt russische Waffen erhalten konnten. Garcia Oliver, enger Kampfgefährte Durrutis, wurde beispielsweise Justizminister von Katalonien… Diese Beteiligung führte zu heftigen Spannungen in der CNT, zu Kritik und Spaltung. Viele sahen hierin den ersten Schritt zur Aufgabe des Anarchismus, zur Preisgabe der Revolution. Durruti, zu diesem Zeitpunkt schon ein toter Mann, wurde in der Polemik kräftig strapaziert. Eine Gruppierung mit dem viel sagenden Namen Los Amigos de Durruti4 machte gegen die Regierungsbeteiligung Front und argumentierte, Durruti hätte so etwas nie gutgeheißen. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob die spanischen Anarchisten damals eine andere Wahl hatten und ob dieser Schritt richtig war. Federica Montseny, damals Gesundheitsministerin, übte Jahre später bittere Selbstkritik.

Eines aber gilt als sicher: Durruti hätte sich selbst an der Regierung nicht beteiligt. Dies nicht so sehr, weil man mit Bestimmtheit sagen könnte, er hätte diesen Schritt grundsätzlich abgelehnt, als vielmehr darum, weil man mit Gewissheit sagen kann, dass er nie einen politischen Posten angenommen hätte. Dazu hätten sich ihm in den Jahren zuvor viele Gelegenheiten geboten, aber er bestand stets darauf, ein >einfacher Genosse< zu bleiben. Auch das machte ihn zweifellos zu einer sehr populären Figur. Diese Bescheidenheit zeigte sich auch sehr angenehm in seinem Verhalten bei politischen Debatten. Er war kein Vielredner, hielt sich lieber im Hintergrund und hörte zu. Nicht, weil er etwa ein gewiefter Taktiker gewesen wäre, nur, er habe eine Frau und eine Tochter, und Anarchie begänne für ihn in den eigenen vier Wänden Buenaventura Durruti – also doch rundherum ein Ideal? Vielleicht. Die Faszination, die diese Gestalt ausübt, ist zugegebenermaßen überwältigend. Die Frage aber, die sich stellt, ist nicht so sehr: war Durruti eine Idealfigur, sondern: braucht die Anarchie Idole?

Im Idealfall sicher nicht. Aber wenn wir aus dem Leben Durrutis etwas mit Sicherheit lernen können, dann dies: das wirkliche Leben richtet sich nicht nach Idealen, auch nicht nach anarchistischen. Wir dürfen ihm sicher glauben, dass es nicht sein Ideal war, Banken zu überfallen, Menschen zu töten, Krieg zu fuhren. Durruti war ein pragmatischer Anarchist mit Blick für das Machbare. Dass aber der pragmatische Anarchist Durruti sich vom Pragmatismus nicht überrollen ließ, dass sein Ideal nicht auf der Strecke blieb und dass er seine Träume bei allem Realismus nie verlor – dass also zwischen Ideal und Wirklichkeit Brücken bestehen, Räume, in denen vieles und Erfolgreiches erreicht werden kann—das ist das eigentlich Hoffnungsvolle an dem anarchistischen Idol Buenaventura Durruti.

 

1) UGT = Union General de Trabajadores [Allgemeine Arbeiter-Vereinigung]; ursprünglich sozialistische, heute sozialdemokratisch! Gewerkschaftt CNT = Confederacin Nacional del

Trabajo [Nationale Konföderation der Arbeit]; anarchistische Gewerkschaft. Das Wort >national< bedeutet lediglich, dass es sich um den landesweiten Zusammenschluss der ansonsten föderalistisch

organisierten, freien Verbände handelt.

 

2) Avantgarde = Vorhut, Vorreiter. Im politischen Sinne: Menschen, die der Entwicklung

vorauseilen, die neue Entwicklungen in Gang setzen. Lenin hat in seiner Theorie der Partei die Rolle der Avantgarde zugeschrieben und daraus deren Herrschaftsanspruch abgeleitet.

 

3) Schisma = Spaltung (früher: innerhalb der Kirche), tiefer Riss.

 

4

) Los Amigos de Durruti = >Die Freunde Durrutis<.

 

5) Als macho [männlich] bezeichnet man in Spanien einen Männertyp, der frauenverachtend auftritt und maskuline Posen, Sprüche und Taten liebt. Früher wurde der Ausdruck durchaus positiv verwendet, heute wird er zunehmend lächerlich bis negativ verstanden.

 

 

 

Bücher:

Über die Spanische Revolution gibt es mittlerweile

auch in deutscher Sprache umfangreiche Literatur;

in Fremdsprachen eine wahre Flut von

Veröffentlichungen. Das hervorragende Buch

Durruti, el pueblo armado [Durruti, das Volk in

Waffen] von Abel Paz (bisher in span., engl. u.

frz.) ist im Commune-Verlag, Stuttgart, in

deutscher Übersetzung angekündigt. I Ansonsten

sehr empfehlenswert:

– Augustin Souchy, Nacht über Spanien, 270 S.,

Trotzdem-Verlag, Grafenau

– Augustin Souchy, Vorsicht Anarchist!, 286 S.,

Trotzdem-Verlag, Grafenau

– Pierre Broué/ Emile Témime, Revolution und

Krieg in Spanien, 2 Bde., 721 S., Suhrkamp Ver-

lag, Frankfurt

– Clara und Paul Thalmann, Revolution für die

Freiheit, 398 S., Verlag Assoziation, Hamburg

(Neuauflage bei Trotzdem-Vlg. geplant).

– Erich Gerlach/Augustin Souchy, Die soziale

Revolution in Spanien, 236 S., Karin-Kramer

Verlag, Berlin

– George Orwell, Mein Katalonien, 287 S.,

Diogenes Verlag, Zürich

– Gaston Leval, Das libertäre Spanien, 352 S.,

Verlag Assoziation, Hamburg

– Diego Abad de Santillán/Juan Peiró, Ökono-

mie und Revolution, 221 S., Verlag Monte Veri-

tà, Wien

– Hans Magnus Enzensberger, Der Kurze Som-

mer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben

und Tod, 231 S., Surkamp-Verlag, Frankfurt

 

 

 

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Written by floriangrebner

15. März 2011 um 16:01

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