Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Leben ohne Chef und Staat VII: Sechs Stunden Arbeit

with one comment

Von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Sechs Stunden Arbeit

Story

» die Empfindung gehabt, …dass die Opposition nicht die Einigkeit der Organisation fördern will, sondern darauf ausgeht, eine Zersplitterung hin einzutragen…«

»Runter mit dem Kerl!«

»Die Taktik des Vorstandes, vor allem des Kameraden Sachse, konnte Während des Krieges gar keine andere sein, sie war durch die Verhältnisse gegeben. Die Stellung des Vorstandes war gegeben durch den Kriegszustand und die Zensur. Wir alle sind dem Zentralverband zu Dank verpflichtet, wir sollten, statt ihm unser Misstrauen auszusprechen, auf den Knien danken! Aber einem Teil der Opposition ist es ja nur darum zu tun, die Organisation zu zersplittern und zu zertrümmern und auf den Trümmern eine neue zu erbauen, von der es die Frage ist, ob sie besser sein wird…«

»…Genau das wird sie sein!«

»Ich bitte um Ruhe, Kameraden! Das Wort hat immer noch der Kamerad Hochfeld!«

»…Also, wie gesagt, das Hilfsdienstgesetz1 wurde nicht aus den Vorschlägen der gewerkschaftlichen Organisation heraus geboren, sondern von der Regierung der Arbeiterschaft oktroyiert. Wenn die Vorstände der Gewerkschaftsorganisation dieses Gesetz verbessert haben, so haben sie nach meiner Überzeugung getan, was sie tun mussten, und sie haben es wesentlich verbessert, so dass es nicht mehr unbedingt als Knebelgesetz für uns zu betrachten war. Da, wo ein sattelfester Ausschuss war, gelang es den Kameraden, auf Grunses Gesetzes, Vorteile herauszuschlagen, nur da nicht, wo keine gute Organisation war…«

»Wir wollen keine Vorteile aus irgendwelchen Gesetzen mehr herausschlagen, Genosse Vorstand! Der Krieg ist vorbei, wir wollen wieder als Menschen leben!«

»Sehr richtig!!«

»…Eure Ungeduld, Kameraden von der Opposition, wird noch den ganzen Verband zugrunde richten! Unsere Regierung tut, was sie kann. Wir müssen jetzt Augenmaß behalten. Wir dürfen der Reichsregierung jetzt nicht in den Rücken fallen…«

»Das klingt ja wie beim Kaiser. Hat sich denn nichts geändert?! Wir malochen noch unter den gleichen Bedingungen wie im Krieg. Wenn die SPD die Rolle des Kapitals spielt, müssen wir uns eben selbst befreien…!«

»…Ich erkläre…«

»Ich bitte um Ruhe, damit der Kamerad Hochfeld mit seinen Ausführungen fortfahren kann! Ruhe bitte!!«

»Danke. Also, ich erkläre, dass durch die Inszenierung der letzten Streiks ein Verbrechen nicht allein an der Bergarbeiterschaft, sondern der ganzen Arbeiterschaft Deutschlands begangen worden ist. Die dadurch erzielten wirtschaftlichen Vorteile hatten sich mit der Zeit auch auf legalem Wege erzielen lassen…«

»Jetzt langt’s aber, runter mit dem Kerl!«

»Licht aus, Messer raus…! Licht aus, Messer raus!«

»Kameraden, Ruhe bitte!! Ruhe! Ich bitte um Ruhe!!! – Mir als Vorsitzendem liegen mehrere neu eingegangene Anträge zur Geschäftsordnung vor, unter anderem einer, der besagt:

»Die Generalversammlung möge beschließen, dass, wenn die Arbeiterschaft die Diskussionsredner fortwährend durch Zwischenrufe stört, dieselben von der Generalversammlung zu entfernen sind<…«

»Das ist ja die Höhe!«

»Eine Betriebsversammlung ohne Arbeiter, soweit ist es schon gekommen!!«

»Runter mit den Arbeiterverrätern!«

»Jetzt ist aber Schluss mit dem Theater!!!« Der Tumult, der nun den verräucherten, hoffnungsvoll überfüllten Saal erfasste, war perfekt. Der Kamerad Hochfeld vom Vorstand der Gewerkschaft der Bergarbeiter bekam es mit der Angst. Er ließ sein Redemanuskript achtlos fallen, nestelte an der Krawatte herum und trat ein paar Schritte zurück, als die aufgebrachten Kumpel sich wild schimpfend und gestikulierend auf die Rednertribüne zu bewegten. Das hätte er besser nicht

tun sollen, denn unmittelbar hinter ihm war die Wand, und er stieß sich heftig an den Heizungsrohren. Er stolperte, und im Fallen riss er die Traditionsfahne der Gewerkschaft des Steinkohlebergwerks >Admiral< mit sich hinunter. Sie begrub den feinen Mann im schwarzen Bratenrock völlig unter sich, und es dauerte lange, bis er ich zappelnd unter dem schweren, roten Tuch wieder an die stickige Luft hervor gewühlt hatte. Noch während Hochfeld mit der Fahne kämpfte und der halbe Saal angesichts dieses Schauspiels in Gelächter ausbrach, war ein schlecht rasierter, stämmiger Bergmann an das Podium getreten und hatte dessen Platz eingenommen.

»…Kameraden«, begann er, aber Versammlungsleiter Husemann erhob sich von seinem Platz und schnitt ihm das Wort ab:

»So geht das aber nicht…!«

»Doch, Kamerad, genauso geht das!« sagte eine tiefe Stimme hinter ihm und drückte ihn wieder auf den Sitz zurück.

»Der Genosse Sander soll reden.«

»Also, Kameraden«, setzte der Bergmann Sander wieder an, »jetzt stimmen wir erst mal über den Misstrauensantrag gegen den Vorstand ab, über den hier schon seit fast zwei Stunden geredet wird. Wer für den Antrag ist, hebe bitte die Hand – aber, damit wir uns richtig verstehen: tut eure wahre Meinung kund! Niemand braucht etwas zu befürchten, der sich für den Vorstand ausspricht. Wir wollen keinen Terror, sondern klare Verhältnisse. Klar?«

412 schmutzige Hände gingen in die Höhe.

»Und nun die Gegenprobe. Wer lehnt den Antrag ab?« Erwin Sander zählte genau: es waren 114 Hände, etwa die Hälfte davon sauber und gepflegt.

»Das wäre also nun klargestellt«, ergriff der Mann am Pult wieder das Wort.

»Ich stelle hiermit fest, dass die sogenannte Opposition nicht mehr die Opposition ist, sondern die Mehrheit der Kollegen repräsentiert.«

Applaus.

»Was soll nun weiter geschehen? ich bitte um Vorschläge.«

»Schmeißt den Vorstand raus!«

»Weg mit den Verrätern!« Eine ruhige Stimme kam aus dem hinteren Teil des Saales; auf einer Bierkiste, halb von einer der hässlichen Säulen verdeckt, stand ein hochaufgeschossener Bergmann und versuchte, sich in dem Durcheinander Gehör zu verschaffen:

»Kameraden…«

»Eine Tracht Prügel wäre das richtige für die!«

»Kameraden…! Kameraden, so hört doch zu! Das wäre‘ das Dümmste, was wir machen können. Dann haben wir in einer halben Stunde die Gendarmen hier, und wir landen alle in Sicherheitsverwahrung. Wenigstens die, die hier den Mund aufgemacht haben.«

»Meinst du, unser eigener Vorstand würde uns bei der Polizei anschwärzen?!«

»Das ist nicht mehr unser Vorstand. Ich denke außerdem, der Kamerad Hochfeld würde keine Sekunde zögern, nicht wahr?«

»Worauf ihr Gift nehmen könnt!!« Der würdige Sekretär hatte jede Haltung verloren.

»Wisst ihr, was ihr seid? Unruhestifter! Strauchdiebe! Ihr seid die Schande des ganzen Reviers…« In einem Chor von Gegröhle und Gelächter gingen seine Worte unter. Die Tür zum Schankraum öffnete sich, und herein trat ein junger Mann mit viel Pomade im Haar und einer nicht mehr ganz weißen Wickelschürze. Das war der Büffetier Koch:

»Noch Bier gewünscht? Bouletten…?« er stockte und sah sich erstaunt um. Nach kurzem Schweigen, sichtlich irritiert:

»Irgendwas nicht in Ordnung?«

»Doch doch, Otto, hier ist alles klar. Wenn wir noch Bier brauchen, rufen wir dich wieder rein, Kumpel.« Doch Otto blieb unschlüssig in der Tür stehen. Das hatte er noch nicht erlebt, dass auf einer Gewerkschaftsversammlung kein Bier nachbestellt wurde. Ein blonder Jüngling schob sich unauffällig an dem Kellner vorbei und wollte gerade den Raum verlassen. Zwei Fäuste packten zu, eine am Kragen, eine am Arm.

»Heda, Freund, wohin so eilig?« Der Mann begann zu hüsteln. Er trug Gamaschen, wie sie gerade in Mode waren und einen hellen, schon etwas abgetragenen Anzug.

»Ich… ich wollte austreten.«

»Das Klo ist aber da drüben. Zeig mal her, was haben wir denn da?« Zum Vorschein kam ein kleines Notizbüchlein, mit Blaustift eng beschrieben.

»Aha, da haben wir also den Herrn Spitzel zu fassen gekriegt—– und was hat er so alles aufgeschrieben?«

Einer der Arbeiter las in den Notizen, während der andere den kreidebleichen Mann fest im Griff behielt. Der Büffetier verdrückte sich in diesem Moment unauffällig aus dem Saal. Urplötzlich brach der, der das Notizbuch hielt, in lautes Lachen aus.

»Hört euch das an, Kameraden, was hier steht. Der letzte Satz lautet: >Redner konnte nur sehr schwierig sein Referat beenden<. « Wieder brach der ganze Saal in Gelächter aus.

»Hör mal, Schnüffler, hast du nicht bemerkt, dass der Redner sein Referat überhaupt nicht beendet hat? Diese Eintragung ist unkorrekt. Dein Chef wird dich tadeln!« Abermals Gelächter. Da ließ sich erneut der Mann auf der Bierkiste vernehmen. Er stand noch genauso da wie vor einer Minute. Aus seiner Rocktasche schaute eine zusammengefaltete Zeitung hervor. Vom Titel konnte man nur »…yndikalist« lesen.

»Kameraden, wir müssen den Hokuspokus hier beenden und zu ernsteren Dingen kommen. Wir können uns nicht mit Spitzeln und anderen Wichten aufhalten. Bringt den Menschen ins Nebenzimmer oder meinetwegen auf die Toilette, aber passt auf, dass er uns nicht entwischt, bevor die Versammlung zu Ende ist. Und dass ihm kein Haar gekrümmt wird.«

Der da sprach, war Carl Butterweg sechsunddreißig Jahre alt und Hauer in der Zeche >Admiral< von Dortmund-Hoerde. Er war einer der ältesten und besonnensten von denen, die man noch fünf Minuten vorher die >Opposition< in der Gewerkschaft genannt hatte. Jedermann wusste, dass Carl Butterweg, Vater von vier Kindern, Anarchist war. Und Gewerkschafter. Er und seinesgleichen nannten diese Kombination >Anarchosyndikalist< – ein kompliziertes Wort, aber man verstand, was damit gemeint war. Carl war ein anerkannter Kollege, ernst und hilfsbereit, sein Wort fand Gehör:

»Ich schlage vor, der Genosse Sander fährt da fort, wo er eben unterbrochen wurde.« Es regte sich kein Widerspruch, alle schauten gespannt auf Erwin Sander, der noch immer am Rednerpult stand.

»Ja, richtig, Kollegen. Was ich noch sagen wollte… Ich bin kein großer Redner wie unsere Kameraden vom Vorstand – will sagen, vom alten Vorstand…« Wieder gab es Gelächter im Saal.

Hochfeld warf eiskalte Blicke in die Menge, sagte aber kein Wort.

»Nun, ihr alle wisst ebenso gut wie ich, was hier los ist. Der Zentralverband gleicht immer mehr einer alten Maschine. Er ist längst Teil von dem geworden, was wir hier alle bekämpfen und abschaffen wollen, Teil von Kapital, Bourgeoisie und Obrigkeit. Wenn wir die Knechtschaft abschütteln wollen und wir eine Erneuerung erhoffen, dann wird sie nicht vorn Vorstand kommen, dann müssen wir, die Arbeiter, diese selbst in die Hand nehmen. Das Kapital ist mit der Abdankung des Kaisers nicht verflogen, wir haben nur andere Herren bekommen. Wenn wir uns aus dem Würge griff des Kapitals befreien wollen, dann muss der Streik und dann müssen die Aktionen aus der Masse kommen. Von uns, Kameraden. Keine Partei und keine Reichstagsregierung wird uns dabei helfen. Seht sie euch doch an, was aus all ihnen geworden ist: die Kameraden, die vor zehn Jahren noch mit uns in die Grube eingefahren sind und die dann Posten bekommen haben. Posten, mit denen sie unsere Befreiung erreichen sollten. Herren sind sie allesamt geworden, feine Pinkel! Sie sitzen am reich gedeckten Tisch zusammen mit den feinen Herrschaften, denen die Zechen gehören. Und wir? Kameraden, Ihr wisst es alle: unsere Kinder hungern, und wenn wir unsere Wohnungen warm kriegen wollen, müssen wir die Kohle klauen. Es ist eine Schande, wir Bergleute können uns keine Kohle zum Heizen kaufen! Das ist… das ist…« Erwin Sander suchte nach einem passenden Vergleich.

»Ja, Kameraden, das ist wie auf der Titanic: die Reichen wurden gerettet, die Armen sind ersoffen!« Das saß, der Beifall tobte. Viele klatschten, weil der Redner ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte, viele aber auch, weil ihr Kollege Erwin eine so schöne Rede gehalten hatte. Aus dem Stegreif! Es war seine erste. Ein dicker, älterer Kollege war zum Pult getreten und bat um das Wort. Willi Schleckendiecker, Schriftführer der >Freien Vereinigung der Bergarbeiter< hatte wie selbstverständlich neben dem beleidigten Husemann Platz genommen und machte jetzt den Versammlungsleiter.

»Das Wort hat der Kamerad Busse.«

Der dicke Busse trat noch einen Schritt vor und drehte verlegen seine Mütze in den Händen. »Also, Kameraden, ich wollte nur, sozusagen, einen bescheidenen Vorschlag machen. Ich hab‘ da im Syndikalist gelesen, in Pommern, da sind auch viele Kameraden. Ich meine, Kameraden, die auch in der Freien Vereinigung sind, also, ich meine, in der Freien Arbeiterunion.« Er räusperte sich und machte eine lange Pause.

»Ja, wat denn nu, Busse?«

»Ja, was ich also sagen wollte, ist dies: Die Genossen da haben also Kartoffeln. Und Schweine. Speck, Schmalz, alles, wat ihr euch nur vorstellen könnt.« Jetzt lag die ungeteilte Aufmerksamkeit bei ihm.

»Nun ja, ich denke mir einfach: Warum sollten wir mit denen nicht tauschen? Die haben nämlich keine Kohlen.« Nun war es heraus. Adolf Busse holte tief Luft, trat vom Pult zurück und wischte sich über die Stirn.

»Jetz brauch‘ ich aber ’n Bier!«

»Dat is gut! Willi, schreib dat auf. Dat können wir versuchen«, rief eine Stimme.

»Wir haben aber doch selber keine Kohlen!« rief ein anderer.

»Genau das ist ja das Problem!« Das war wieder die Stimme Butterwegs. Er kletterte nun von der Bierkiste herunter und ging auf die Tribüne zu. Bereitwillig machten ihm die Männer Platz. Als er am Pult stand, sah er Schleckendiecker erwartungsvoll an.

»Wat is, Willi, erteilst du mir das Wort?«

»Ach so, ja… Das Wort hat der Genosse Butterweg. Man zu, Carl!«

»Danke. Kameraden, natürlich haben wir Kohle. In Hülle und Fülle. Wir besitzen sie nur nicht. Was soll ich euch groß erzählen? Ihr seid alle auf rechte Sozialisten und wisst, was der Kapitalismus ist. Ihr wisst auch alle, was aufrechte Sozialisten wollen: die Beendigung des Kapitalismus. Die freie Gesellschaft, in der allen alles ge hört. Ihr wisst auch, dass das in den Büchern steht, die ihr zu Hause rum liegen habt. Ihr wisst aber auch, dass die Parteisozialisten das alles verraten haben. Die Sozialdemokraten sind auf dem Holzweg. Sie kriechen dem Kapitalismus ganz einfach in den Arsch und glauben, so den Sozialis mus zu erreichen. Wahrscheinlich glauben sie das selbst nicht mal mehr. Ich bin auch Sozialist, weil ich den Sozialismus will. Aber ich weiß, dass wir ihn nie erreichen werden, wenn wir den Vorstand und die Partei machen lassen. Darum bin ich auch Anarchist…« Ein Murmeln ging durch den Saal. »

Ja, Kameraden, darum bin ich An archist, weil ich meine, nur durch die eigene, direkte Aktion, durch unser al- ler Wollen und Wirken können wir den Sozialismus erreichen…«

»Carl, das ist gut und schön. Aber das wissen wir doch alle. Aber was solle n wir denn jetzt bloß tun?« Dieser Zwischenruf brachte den Anarchisten etwas aus dem Konzept, denn er hatte sich auf eine lange Ansprache vorbereitet. Einen Moment lang schwieg er verlegen, da half ihm Willi, der Schriftführer, aus der Klemme:

»Das Wort hat der Kamerad Flieth aus Lütgendortmund.«

»Ich will euch sagen, Genossen, was wir tun können. Verkürzung der Arbeitszeit! Das muss die Losung für die deutschen Bergarbeiter werden. Je kürzer die Arbeitszeit, desto mehr werden wir als Menschen leben können, desto mehr können wir uns körperlich und geistig reif machen für die Aufgaben der sozialen Revolution!« man merkte an der Sprache, dass Hermann Flieth ein eifriger Leser anarchistischer Zeitungen war; er hielt sich deren gleich vier: >Der Freie Arbeiter<, >Alarm<, >Der Syndikalist < und >Die Freiheit< aus Mülheim an der Ruhr… Ein anderer Kollege griff den Gedanken auf:

»Nich nur dat, Hermann. Überleg doch mal. Wenn wir statt drei Schichten vier fahren, dann können wir ’ne Menge Arbeitslose unterbringen, und wir placken uns nich zu Tode. Da ham doch alle wat von. Wat wir heute noch zu fressen kriegen, da kann man ja nich von arbeiten gehen…«

»Sehr richtig, Kamerad.« Carl Butterweg hatte sich wieder gefangen und griff erneut in die Debatte ein.

»Ich bin der Überzeugung, dass alle drei Vorschläge nicht nur für uns, sondern für alle Arbeiter von Nutzen sein werden, ja, sogar für die gesamte Volkswirtschaft. Der Bergbau ist eine Schlüsselindustrie, Genossen. Wenn wir nicht fördern, ruht die ganze Industrie. Das bedeutet: wir haben ein Machtmittel in der Hand, wir können es auch einsetzen…«

»Richtig! Dann is nemmich der Ofen aus…« rief glucksend ein Kollege dazwischen, der nicht mehr ganz nüchtern zu sein schien.

»Stimmt genau!« Carl war nun in seinem Element.

»Wir können der ganzen Arbeiterklasse ein Beispiel geben, wie man sich selbst organisiert, sich selbst verwaltet, wie man das Schicksal in die Hände nimmt. Wir sind die Arbeiter, die alle Werte schaffen, nicht die Zechenbosse. Also: wir tun ab morgen einfach das, was wir bis jetzt immer nur gefordert haben!«

»Aber Carl, wir sind doch einfache Arbeiter, wir versteh’n doch nix von Verwaltung und Organisieren. Im Schacht weiß ich wohl Bescheid, aber im Kontor kenn‘ ich mich nich aus…«

»Nur Mut, Rudi, alles kann man lernen. Ganz einfach: wir fahren ab morgen vier Schichten und arbeiten nur noch sechs Stunden. Wir bestimmen, wer die Kohlen kriegt, und wir werden dafür sorgen, dass die Proletarierfamilien nicht mehr hungern. Und den Vorschlag vom Kameraden

Busse greifen wir auf. Wir verhandeln mit den Kameraden in Pommern, aber auch mit den Bauern hier im Pütt und in Westfalen. Wir wissen besser als die Spekulanten, wozu Brot und Kohle gut sind. Wir werden ihnen zeigen, dass wir selbst denken und handeln können.« Die Tür ging abermals auf, und Hermann Vogel, der Wirt, trat ein. Hinter ihm stand verschüchtert Otto Koch, der Büffetier.

»Also Herrschaften, was geht hier eigentlich vor?«

»Wir haben einen neuen Vorstand gewählt. Das ging ein bisschen hoch her, aber sonst ist alles in Ordnung.« Das war Schleckendiecker, der gewichtig tat und mit seinen Papieren hantierte. Zwei Kumpel hatten sich bedrohlich vor Hochfeld aufgebaut, der nicht wagte, den Mund aufzutun.

»Aber nix bestellen, Herrschaften, das gibt’s bei mir nicht! Und macht mir bloß keinen Ärger. Erst vor zwei Wochen waren die >Unabhängigen< bei mir, und es gab einen Riesenkrawall. Der Polizeirat hat mir wörtlich gesagt, >Wir werden Ihnen das oben sehr ankreiden, Herr Vogel!<. Ich will keinen Ärger ——– also, wer will noch ein Bier?« Diese Unterbrechung kam nun gerade recht, denn Butterwegs kühne Vorschläge hatten vielen das Mütchen gekühlt und so manche Zunge trokken werden lassen. Otto schlängelte sich, gewandt durch den Saal und nahm die Bestellungen auf. Kurz darauf ging die Versammlung weiter.

»Kameraden, ich will zum Ende kommen. Ich schlage der Versammlung folgendes vor und bitte, nach erfolgter Debatte darüber abzustimmen. Die Einzelheiten können wir nachher in Ausschüssen beraten und der Versammlung zur Entscheidung vorlegen. Ich schlage also vor, dass wir einen Plan ausarbeiten, in vier Schichten zu fahren. Fernerhin schaffen wir alle Überstunden ab und stellen statt dessen neue Bergleute ein. Aus dem Krieg sind ja viele zurückgekehrt und liegen auf der Straße. Wir bilden eine Kommission, die den Tausch von Kohle gegen Lebensmittel und andere Dinge organisiert, die wir sonst noch brauchen. Weiterhin bilden wir eine Kommission, die die Zeche bewacht, für Waffen sorgt und eine Verteidigung vorbereitet, wenn das nötig wird. Eine andere Kommission wird Verbindung mit den Kameraden bei der Eisenbahn aufnehmen und die

Transportfragen regeln. Das alles ist aber nur möglich, wenn wir entschlossen sind, zu handeln, und wenn wir die Zeche übernehmen. Das wird nicht einfach sein, vielleicht müssen wir uns wehren, vielleicht können wir aber auch verhandeln. Vor allem aber müssen wir mit den anderen Gruben

Verbindung aufnehmen, dass sie unserem Beispiel folgen! Vergesst nicht:

Wir haben keine große Hoffnung, uns lange gegen die Reichswehr zu verteidigen oder gegen die Freikorps. Wir haben kaum Waffen, und auf einen offenen Kampf können wir uns nicht einlassen. Wir haben nur eine gute Waffe, und das ist der Streik!« Es dauerte einige Sekunden, bis die Kollegen begriffen, dass Carl Butterweg fertig war mit seiner Rede. Diese Sekunden waren für den Redner unerträglich lang; er zweifelte, ob er die Kumpels in letzter Konsequenz hatte überzeugen können. Endlich zeigte ihm der losbrechende Applaus, dass die Belegschaft sich entschieden

hatte. Hochrufe wurden laut.

»Es lebe die Freie Vereinigung!«

»Schluß mit dem Elend!«

»Hoch der Sechsstundentag!« Die Diskussion, die nun folgte, dauerte fast eine weitere Stunde. Für und Wider wurde abgewogen, Vorschläge wurden laut, Detailprobleme angesprochen. Aber die Entscheidung für die Übernahme der Zeche wurde nicht mehr in Frage gestellt. Dann setzten sich die Kommissionen zusammen. Spät in der Nacht, ziemlich genau sechs Stunden, nachdem der Funktionär Husemann die Versammlung eröffnet hatte, waren sie fertig. Stolz trat Willi Schleckendiecker ans Pult und las den müden, aber zufriedenen Kollegen den Artikel vor, den sie sofort an die Arbeiterpresse geben wollten:

»Steinkohlebergwerk >Admiral<, Wellinghofen, bei Hörde in Westfalen, den 18. Januar 1919. Die revolutionäre Arbeiterschaft will von der >sozialistischem< Regierung ganze Arbeit sehen. Sie hat allenthalben anerkannt, dass die jetzige Regierung dazu nicht fähig ist. Die Bergarbeiter verschaffen sich selbst mehr Freiheit und ein einigermaßen erträgliches Dasein. Sie führen den 6-Stunden-Tag ein. Heute fand in der o.g. Hütte im Dortmunder Revier eine Belegschaftsversammlung statt, in welcher folgende Resolution angenommen wurde:

Resolution!

Die heutige Belegschaftsversammlung beschließt die sofortige Einführung des 6-Stunden-Arbeitstages für alle Belegschaftsmitglieder unter Tage. Die Seilfahrt findet wie folgt statt:

Morgen schicht: Anfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr, Ausfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr.

Nachmittagsschicht: Anfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr, Anfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr.

Abendschicht: Anfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr, Ausfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr,

Nachtschicht: Anfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr, Ausfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr.

Die Reparaturschicht kann auf Abend oder Nachtschicht verlegt werden. In Hinsicht auf die schwierige Arbeit der Bergarbeiter unter Tage sowie der schlechten Ernährung, die einen völligen Zusammenbruch der Kameraden herbeiführen muss, halten wir die Einfühung der verkürzten Arbeitszeit für unbedingt notwendig. Durch Belegung der vielen Arbeitsschicht bietet sich Gelegenheit, die große Zahl der Arbeitslosen unterzubringen, wodurch wiederum die Induktion erhöht und so die Einführung der 6-Stunden-Schicht von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung ist. Die Belegschaft verlangt weiter die Sozialisie rung des Bergbaus im Sinne der Enteignung des privaten Kapitals, der Übernahme der Kohlenschätze und der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit und der Verwaltung des Bergbaues durch die Bergarbeiter.«

Die Anwesenden waren von ihrem eigenen Ergebnis überwältigt. Das klang gut! Würden die Kollegen alle zusammenstehen? Würde die 6-Stunden-Schicht morgen wirklich gefahren? Was ist, wenn die Verwaltung die Reichswehr ruft? Viele bange Fragen wurden laut, die an diesem Abend

nicht zum ersten Mal gestellt wurden. Der unermüdliche Butterweg ergriff noch einmal das Wort. Diesmal trat er nicht ans Pult, sondern blieb, erschöpft wie er war, auf dem Stuhl sitzen.

»Wir sind alle müde, Freunde. Morgen ist ein wichtiger Tag, da kommt es auf jeden an! Geht jetzt nach Hause und schlaft. Wer morgen früh Freischicht hat, soll zu den anderen Zechen rüber und die Resolutionen anschlagen und mit den Kameraden reden. Morgen müssen wir alle gute Agitatoren sein. Ihr wisst ja: wenn die anderen nicht mitmachen, stehen wir auf verlorenem Posten. Erwin und ich fahren mit dem Rad noch in die Redaktion und tippen die Resolutionen ab. Morgen früh haben wir genug davon für alle.« Die Kumpels verließen nach und nach den Raum, einige umarmten sich. Auch Husemann und Hochfeld durften jetzt gehen, letzterer baute sich vor Butterweg auf und zischte ihn an:

»Wißt ihr, was ihr seid? Kleine, unreife Kinder. So macht man keine Revolution! Das wird euch

noch teuer zu stehen kommen, denkt an meine Worte!« Dann verschwand auch er. Vor dem Lokal, auf der regennassen Münsterer Straße, schauten sich Schleckendiecker und Butterweg kurz ins Gesicht, als sie auf ihre Fahrräder stiegen.

»Was meinst du, Carl – war das richtig, was wir heute gemacht haben?«

»Ich weiß nicht, Willi, ob es nicht zu früh war. Richtig war’s auf jeden Fall.«

Geschichte

Die Befürchtungen der Kurnpels von der Zeche >Admiral< trafen nicht ein. Die unerhörten Beschlüsse, die Carl Butterweg in seiner Rocktasche spät nachts durch Dortmund fuhr, schlugen anderntags wie eine Bombe ein: Streiks, Sechsstundentag und Betriebsbesetzungen griffen um sich wie ein Lauffeuer. Es war nicht ganz einfach gewesen, denn die Betriebsleitung hatte nach Ablauf der sechs Stunden die Schächte versperrt und die Förderbänder abgeschaltet. Als die Förderkörbe nicht erschienen, begannen die Bergarbeiter aber, die Verkleidung zu den Kohle- und Fahrschächten weg zureißen und die Fahrklappe gewaltsam zu öffnen. So gelangten sie nach oben, und da gab es dann Zoff. Aus einem Spitzelbericht:

»In der Waschkaute agitierte sodann der Bergmann Carl Butterweg, Höchsten 98 I, in erregter Weise gegen das Verfahren von Oberschichten. Er erklärte, die Bergarbeiter seien durch den Militarismus früher zum Verfahren von Überschichten gezwungen worden, sie seien jetzt aber freie Bergleute und müssten das Verfahren von Oberschichten ablehnen. Der Betriebsrat bestände aus Verrätern. Um die Belegschaft zu beruhigen, hatte vor Beginn der Mittagsschicht die Verwaltung die beiliegende Bekanntmachung an die Belegschaft zur Kenntnis der letzteren gebracht in dem Glauben, dass dieser nochmalige Appell an die Arbeiter seine Wirkung nicht verfehlen würde. Der Erfolg blieb jedoch aus, denn von der Gesamtbelegschaft der Mittagschicht von 295 Mann, die erst 1 Stunde nach Beginn der Seilfahrt einfuhren, verfuhren nur 124 Mann die Obers chicht, während in der Morgenschicht von 336 Mann nur 83 Mann die 1 1/2 stündige Schicht verfuhren. Der Misserefolg ist in erster Linie auf die äußerst rege agitatorische Tätigkeit des Berg manns Butterweg zurückzuführen.«

Dieser Bericht wurde, wie unzählige andere, von den Spitzeln der Zechenleitung frei Haus an den zuständigen Amtmann geliefert. Damit war nun Schluss. Innerhalb weniger Tage machte das Beispiel Schule: Die alten Betriebsräte wurden abgesetzt, die Verwaltung von Arbeitern kontrol liert, Spitzel hatten keine Chance mehr. Noch heute findet man bei der Quellensuche beredte Spuren davon in den Archiven der Polizei: die regelmäßigen Spizelberichte bleiben urplötzlich aus…

Am 20. Januar besetzen die Arbei ter die Zeche >Minister Achenbach<, bilden einen Zechenrat und sozialisieren den Betrieb. Am 23. Januar folgen die Zechen >Scharnhorst<, >Gneisenau<, >Massen< und > Adolf von Husemann<. Am 7. Februar werden die Zechen >Viktoria< III und IV, sowie >Ikkern< I und II von bewaffneten Arbeitern besetzt, die die Bonzen vertreiben und unverzüglich einen neuen Betriebsrat wählen.

In wenigen Wochen breitet sich die Welle von Betriebsbesetzungen, Sechsstundenschichten und Selbstverwaltung über das ganze Revier aus. Die neue Arbeitszeit wird in fast allen Bergwerken zur Regel; an die vierzig Zechen sind dem Aufruf gefolgt und machen Nägel mit Köpfen. Das ist die Mehrzahl der Betriebe im Kohlebergbau, das ist das Herz der deutschen Schwerindustrie.

Kaum zu glauben, aber wahr: die durch Revolution und Spartakusaufstand verunsicherte Polizei traut sich nicht einzugreifen, die Betriebsleitungen wagen es nicht, den Staat zu Hilfe zu rufen, das Militär ist durch den verlorenen Krieg und die Soldatenräte geschwächt; unschlüssig wartet es ab. Außerdem darf die Reichswehr im Ruhrgebiet ohne Zustimmung der Alliierten sowieso nichts unternehmcn. Unschlüssig ist auch die sozialdemokratische Reichsregierung. Und jene, die bisher immer sehr nützlich bei der Abwiegelung waren, die sozialdemokratischen Gewerkschaften, haben vollends ihr Gesicht verloren. Niemand hört mehr auf ihre verlogenen Parolen2.

Die katholische Dortmunder Zeitung >Tremonia< weiß am 25. März von der Reaktion einer Bergwerksgesellschaft auf die Sozialisierung ihres Betriebes folgendes zu berichten:

»Die Zechenverwaltung, die damit einfach vor die nackte Tatsache gestellt wurde, berief den Ausschuss zu einer Sitzung, in der daraufhingewiesen wurde, dass es wohl angebracht gewesen wäre, wenn der Zechenleitung vorher von dem Beschluss Mitteilung gemacht worden wäre. Sie nehme daher jetzt unter Protest Kenntnis davon. Ein Teil der Ausschußmitglieder musste bekennen, dass er von dem Ereignis selbst überrascht sei. Im übrigen machte die Zechenverwaltung gute Miene zum bösen Spiel und fand sich mit der neuen Sachlage ab.«

Die Bonzen, der Staat, die SPD und ihre Gewerkschaften — einig wie selten zuvor – machten gemeinsame Sache: sie setzten auf Zeitgewinn. Ihre Taktik hieß Zuckerbrot und Peitsche. In den folgenden Wochen schwärmten Funktionäre und Stadtverordnete aus, drohten, das Militär würde eingreifen, wenn die Arbeiter nicht »zur Besinnung kommen« wollten. Gleichzeitig versprachen sie, man könne über eine 7 1/2-Stunden- Schicht verhandeln, und jeder, der mit dem Unsinn aufhöre, bekäme eine Extra-Schmalzration. Das zog aber nicht so, wie man gehofft hatte. Inzwischen war die Sechsstundentag-Bewegung auch auf andere Wirtschaftszweige übergeschwappt: Maurer, Kaminkehrer, Fliesenleger, ja, sogar die Berufsmusiker forderten nun die neue Arbeitszeit, setzten sie einfach durch oder traten dafür in den Streik. In den meisten Berufen wurde noch zehn Stunden täglich gearbeitet der Achtstundentag war die Ausnahme, und manche mussten Zwangsüberstunden leisten und rackerten sich täglich zwölf Stunden ab. Auch bei den Metallern von Hoesch gärte es, aber hier saßen die Sozialdemokraten noch einigermaßen gut im Sattel; so gelang es ihnen, die Beleg- schaft zu spalten und eindeutige Entscheidungen zu verhindern. Die verantwortungslosen Aktionen der Bergleute, so die SPD, mache die Wirtschaft des Landes kaputt, und darunter hätten dann die Proletarier am meisten zu leiden. Wenn bei Hoesch die Kohle ausginge, gäb keine Arbeit mehr…

Unterdessen übten sich die Kumpel in der schwierigen Kunst der Selbstverwaltung. Sie waren in den Besitz der Bergwerke gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Sie betraten Neuland. Zwar gab es auch einige Intellektuelle, Angestellte und Arbeiter mit entsprechender Vorbildung, aber ganz überwiegend mussten sie sich darauf beschränken, die Verwaltung, Wirtschaft und Bürokratie der Zechen zu kontrollieren. Die Selbstverwaltung tatsächlich zu übernehmen, waren sie nicht in der Lage. Darauf waren sie nicht vorbereitet. Wann hätten sie dies, in den langen Kriegsjahren vorher, auch lernen sollen? Aber sie machten Ernst mit ihrer Vision von der Sozialisierung. Sie zwangen die Verwaltung, neue Arbeitskräfte einzustellen, verteilten die Kohle, organisierten die Versorgung der Bevölkerung, schmissen besonders verhasste Steiger3 aus dem Betrieb und machten, wie sie es ihn ihrem Manifest beschlossen hatten, »das Dasein der Arbeiter erträglicher«. Vor allem aber versuchten sie das nachzuholen, was bisher nicht geleistet werden konnte: fehlendes Wissen und fehlendes Bewusstsein zu erlangen.

Die Anarchisten, seit über vierzig Jahren stets im Schatten der Sozialdemokratie, waren im Revier sozusagen über Nacht zur dominierenden Kraft geworden. Die Mitglieder liefen ihnen beinahe unkontrolliert zu, und wer kein Mitgliedsbuch der FAUD in der Tasche trug, war nicht auf der Höhe der Zeit. Auf allen Zechen, in allen Stadtteilen und Betrieben wurden nun Orts- und Betriebsgruppen gegründet, deren Mitgliederzahlen nach Tausenden zählten. In Vierteln wie Mengede oder Lütgendortmund mussten, damit man einen Überblick behalten konnte, 1, 2, 3 Ortsgruppen eingerichtet werden. Verlässliche Zahlen sind selten, aber einige Daten geben einen Eindruck dieses sprunghaften Wachstums wieder: In den Stahlwerken Phönix, Union und bei Hoesch rechnen im Juni 1919 über 2300 Arbeiter ihre Beiträge zur FAUD ab. In allen Bergbaubetrieben stellen Anarchosyndikalisten die absolute Mehrheit. Im Sommer 1919 werden bei einem Genossen Rabe 2500 Zeitungen einer Ausgabe des >Syndikalist< beschlagnahmt, die ausnahmslos für das Werk in Dorstfeld bestimmt sind. Und aus der Delegiertenliste zum 13. Kongress der FAUD im November 1919 geht hervor, dass die Organisation 12000 zahlende Mitglieder für den Raum Groß-Dortmund abgerechnet hat. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung im Jahre 1921 dürften hier 20 000 Arbeiter mit dem Mitgliedsbuch der anarchistischen Gewerkschaft herumgelaufen sein.

Den Anarchisten kam es indes nicht so sehr auf Quantität an als auf Qualität. Darum standen Schulung, Bewusstseinsbildung und Propaganda für sie auch ziemlich obenan. Der >Syndikalist< predigte, es sei dringend notwendig, die Einführung des Sechsstunden-Tages auch dazu zu nutzen, »körperlich und geistig reif für die soziale Revolution« zu werden. Auch musste die übrige Bevölkerung für die neuen Ideen gewonnen werden. Die Dortmunder Syndikalisten suchten das Bündnis und fanden es auch beim Spartakus und der USPD. Gemeinsam organisierte man riesige Demonstrationen durch die Stadt und hielt Massenkundgebungen ab. Auf unzähligen Versammlungen kam rüber, was Sache war: man wollte Taten sehen. Man wollte soziale Verbesserungen. Man wollte die Übernahme der Produktionsmittel durch »die Gesamtheit« – das Wort »Staat« fiel nicht. Verstaatlichung war für die Arbeiter des Jahres 1919 kein Thema. Mit den Bündnissen suchte man nicht nur, die Forderungen populärer zu machen, sondern auch, Druck auf die Reichsregierung auszuüben. Man war sich im Ruhrgebiet durchaus darüber im klaren, dass die Bewegung nur dann erfolgreich sein könnte, wenn sie auf ganz Deutschland übergriff und der öffentliche Druck stark genug wäre, das Eingreifen des Staates zu verhindern, aufzuschieben oder entscheidend zu schwächen.

Die Bergleute wussten: sie waren Vorreiter, und sie durften den Massen nicht davon galoppieren. Die Reichsregierung indes hatte anderes im Sinn. Als sie sich das Treiben ein paar Wochen angesehen hatte und sah, dass ihre Zermürbungstaktik nicht in dem gewünschten Maße fruchtete, ermächtigte sie die Landesregierung am 2. April, den Belagerungszustand zu verhängen. Der Anlaß hierzu war leicht gefunden: Wenige Tage zuvor hatten Angehörige der Freikorps4 in Witten das Feuer gegen eine Demonstration eröffnet und mehrere Arbeiter erschossen. Im ganzen Ruhrgebiet kam es daraufhin zu spontanen Streiks, die sich im Bergbau rasch zu einem Generalstreik ausweiteten. Im Raum Dortmund, Witten und Bochum ruhte die Arbeit in sämtlichen Zechen. Mit dem Belagerungszustand galt automatisch das Kriegsrecht, überall rückte die Reichswehr mit zuverlässigen Einheiten ein. Die vollziehende Gewalt ging an den kommandierenden Generalleutnant des 6. Wehrkreises, Freiherr von Watter, über, der die führenden Agitatoren in Schutzhaft nahm, Sperrstunde ab 21 Uhr verhängte, Zeitungen und Plakate verbot sowie alle Versammlungen der FAUD, der Freien Vereinigung der Bergarbeiter, des Anarchistischen Freibundes, der KPD und der USPD. Ein Freikorps rückte in Dortmund ein. Die SPD durfte sich weiterhin ungestört versammeln, ihre Zeitungen erschienen nach wie vor. Taktisch klug übernahmen nun deren Zentralgewerkschaften die Forderung nach dem Sechsstundentag und nach kurzen Verhandlungen verkündete die SPD stolz den errungenen Sieg: Siebeneinhalb Stunden und Schmalzstullen!

Der erste große Bergarbeiterkampf des Ruhrgebietes stand plötzlich ohne Kopf da. Schon vorher war die Führung schwach genug gewesen, aber nun saßen die wenigen, die durchblickten und die Massen zusammenhielten, im Knast von Münster oder wurden in irgendwelchen Kasernen misshandelt. Dennoch hielt die Streikfront stand, der Generalstreik nahm sogar an Heftigkeit noch zu. In etlichen bestreikten Betrieben verhinderten die Arbeiter nun auch sogenannte >Notschichten<, die die Anlagen vor größeren Schäden bewahren sollten. Bei Hoesch ließ man einen Hochofen in aller Ruhe ausglühen, die Schamotte im Inneren fiel zusammen. Die Anlage würde für mindestens ein Jahr ausfallen. Die Unternehmer waren entsetzt – so was hatten >ihre Arbeiten< noch nie getan. Noch vierzig Tage hielt der Widerstand der Arbeiter gegen das Kriegs-recht, erst dann begann die Streikfront zu bröckeln. Die SPD propagierte Vernunft und stellte die »Behandlung der Sozialisierungsfrage im Reichstag« in Aussicht. Die erste Schlacht war verloren, aber man hatte viel gelernt. Von einigen Zechen ist belegt, dass noch bis März 1920 die Sechsstundenschicht gefahren wurde. Der Moment, aus diesen Lehren Konsequenzen zu ziehen, sollte schon bald kommen: Am 13. März 1920 putscht der rechtsradikale Politiker Wolfgang Kapp gegen die Reichsregierung in Berlin. Unterstützt wird er von dem Reichswehrgeneral von Lüttwitz und der Marinebrigade Ehrhardt. Dieses Freikorps ist das erste, das Hakenkreuze an den Stahlhelmen trägt.

Die Regierung flieht aus Berlin, die Faschisten marschieren auf die Hauptstadt und aufs Ruhrgebiet. Die Reichswehr spaltet sich: ein Teil schließt sich Kapp an, ein Teil zögert und stellt sich später auf die Seite der Regierung. Wer nicht zögert, sind die Proleten, besonders im Ruhrgebiet. Im ganzen Reich wird der Generalstreik ausgerufen und fast vollständig befolgt. Die Kumpels im Pütt aber gehen noch weiter. Sie haben nicht vergessen, was erst ein Jahr vorher geschehen war: sie bewaffnen sich, bilden die >Rote Ruhr Armee< und begegnen dem Putsch auf eigene Faust. Es kommt zu einem regelrechten Kleinkrieg. In allen Orten gibt es Anwerbebüros, Abschnittskommandeure, Kompanien, Meldeeinheiten und Verteidigungsstellungen. Waffen werden beschlagnahmt, gestohlen oder aus ihren Verstecken geholt. Es entsteht eine regelrechte Front quer durchs Ruhrgebiet und ins Münsterland hinein. Der militärische Kampf war kurz. Nach nur fünf Tagen brach der Putsch zusammen. Kapp und seine Drahtzieher flohen. Generalstreik, Reichswehr und Rote Ruhrarmee hatten den faschistischen Spuk verjagt. Nach Meinung der Reichsregierung war nun alles wieder normal. Den Arbeitern wurde artig gedankt, und sie sollten doch, bitte schön, nun die Waffen abliefern und wieder arbeiten gehen. Die Arbeiter dachten aber nicht daran. Nun hielten sie die Macht in Händen. Warum sollten sie diese Errungenschaft wieder aufgeben? Die Lehren vom Frühjahr 1919 waren noch frisch, und die alten Forderungen keineswegs erfüllt. Während der Kämpfe gegen Kapp hatte sich nämlich auch im >Hinterland< einiges getan.

Als erstes hatte man die Gefängnisse gestürmt und die Genossen befreit. In jeder Stadt und Gemeinde bildeten sich sogenannte >Vollzugsausschüsse<, in denen meist Vertreter aller revolutionären Organisationen saßen. Deren Aufgabe bestand nicht in der militärischen Verteidigung, sondern darin, das Leben zu organisieren. Die bisherigen staatlichen Institutionen, die sich als handlungsunfähig erwiesen hatten, wurden einfach ignoriert. Eine neue Struktur ent-stand, die darauf ausgerichtet war, die tausend Fragen des Zusammenlebens und -arbeitens zu regeln. Und zwar auf Dauer.

Was sich in den folgenden Tagen in der Bergbaumetropole abspielt, könnte man ohne Übertreibung >die Commune von Dortmund< nennen. Niemand hat ihr diesen Namen gegeben, aber doch hat sie existiert. Dass es diesen Namen nicht gibt, hat viel mit Geschichtsschreibung und Parteilich keit zu tun. Kommunisten haben natürlich ebenso wenig wie Sozialdemokraten ein Interesse daran, anarchistische Experimente zu würdigen. In der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung ist der Kapp-Putsch ein Aufstand, der von der Regierung und der Reichswehr niedergeschlagen wurde, wobei der Generalstreik eine große Rolle spielte und die Kommunisten die Situation mittels der Roten Ruhr Armee zum bolschewistischen Staatsstreich ausnutzen wollten. Bei den Kommunisten wiederum ist die Rote Ruhr Armee die heldenhafte Front gegen den Faschismus und die verräterischen Sozialdemokraten und ein Fanal der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Wahrheit – sofern es überhaupt geschichtliche Wahrheiten gibt – liegt irgendwo dazwischen. Hinzu kommt etwas, was von allen Teilen peinlichst verschwiegen wird: dass das Gros der Kämpfer und Aktivisten der Roten Ruhr Armee Anarchosyndikalisten waren. Für die >Commune von Dortmunds die kurze 18 Tage existierte, lässt sich das eingehend belegen. Und zwar aus den allgemein zugänglichen Quellen, die auch schon Legionen von Studenten, Historikern und Parteiautoren durchforstetet haben: Polizeiakten, Protokolle, Stadt- und Landesarchive, zeitgenössische Zeitungen. Alle haben dieselben Quellen benutzt. Alle müssen gelesen haben, welchen Organisationen die Aktivisten angehört haben, wer die Betriebsräte stellte, welche Zeitungen die Polizei beschlagnahmte… Immer wieder tauchen die Namen FAUD, der Freien Vereinigung, des Anarchistischen Freibundes, ihrer verschiedenen Blätter und ihrer Aktivisten auf. Auf diesem Auge müssen aber all die früheren Autoren sehr getrübt sein: in vielen Werken über die Ruhrkämpfe tauchen die Anarchosyndikalisten nicht mal als Fußnote auf. Sie hat es einfach nicht gegeben. Diese pflichtgemäße Blindheit ist nicht das Thema dieses Buches, und verwundern sollte sie schon gar nicht – für den Anarchismus ist das der Normalzustand. Es ist auch nicht die Absicht, einer spontanen, widersprüchlichen, ideologisch gemischten Bewegung wie der Roten Ruhr Armee das Etikett >anarchistisch< auf zukleben und es als leuchtendes Beispiel zu feiern. Es geht vielmehr um eine Korrektur des Bildes, und die beginnt zwangsläufig bei der gegenwärtigen Blindheit der Historiker. Nur sie erklärt nämlich die erstaunliche Tatsache, dass selbst unter Anarchisten heute die Commune von Kronstadt, die Commune von Paris, der Aufstand von Barcelona oder die Guerilla in der Ukraine geläufige Größen sind, während man diese historische Situation, in der überwiegend anarchistisch eingestellte Arbeiter für fast drei Wochen ein Machtvakuum ausfüllen und die Geschicke einer großen Stadt, ja, einer ganzen Region, in Händen halten, nicht einmal dem Namen nach kennt. Über die Münchner Räterepublik, bei der die Anarchisten eher eine Nebenrolle spielten, gibt es inzwischen zahlreiche Studien. Über die >Commune von Dortmund< muss man sich die Mosaiksteinchen historischer Daten mühsam unter dem Schutt ideologischer Geschichtsklitterung hervorsuchen.5

Welch ein Glück, dass es damals schon Soziologen gab. Emsige Buchhalter gesellschaftlicher Prozesse. Einer von ihnen ist damals kreuz und quer durch das Aufstandsgebiet gereist und hat Kämpfer, Demonstranten, die Komitees und Vollzugsausschüsse über alles mögliche befragt – natürlich auch über ihre politischen Ansichten und Organisationen. In den Orten rings um Dortmund, den Vorstädten, Dörfern und Siedlungen waren 60 Prozent der Aktiven in der FAUD. Auch die Reihen der Roten Ruhr Armee bestanden nicht überwiegend aus Parteigenossen der KPD, sondern aus Anhängern der FAUD6.

In der sogenannten >Eisernen Kompanie< einer Art Miliz, die die Sicherheit und Ordnung im Hinterland gewährleisten sollte, stellten die Syndikalisten sogar nahezu 100 Prozent – eine etwas erstaunliche Tatsache angesichts der traditionellen Abneigung von Anarchisten gegen Polizei und Bevormundung. Dass besonders der Dortmunder Raum stark von anarchistischen Kräften geprägt war, zeigt sich auch daran, dass noch während der Kämpfe gegen Kapp unverzüglich die Frage der Selbstverwaltung auf den Tisch kam: in den Betrieben hielt man Wahlen ab, und all das, was der Staat seit April 1919 schrittweise abgeschafft hatte, wurde nun wieder eingeführt. Diesmal ging man aber noch weiter. Die gesamte Versorgung der Bevölkerung lag nun in den Händen des Vollzugsausschusses: der Austausch mit den Bauern wurde organisiert, Preise wurden festgesetzt, Transport und Verteilung geregelt. Aus den wenigen Dokumenten, die uns über die konstruktiven Taten während der >Dortmunder Commune< erhalten blieben, geben die Protokolle des Vollzugsrates in Dortmund-Hörde Auskunft darüber, dass man sich auch solchen Fragen widmete wie der Einschränkung des Kuchenbackens, weil dafür zu viel Fett und Zucker verbraucht wurde, der Regelung von Festlichkeiten und des Alkoholkonsums oder der Schlichtung von Streitigkeiten unter Nachbarn, Kollegen oder erbosten Ladenbesitzern, bei denen man Waren für die Armee requiriert hatte. Erste, embryonale Formen einer beginnenden Selbstverwaltung, die durch aus ein Gespür für die Wichtigkeit der Details zeigte.

Wie sehr sich die politischen Kämpfe in jenen 18 Tagen an die Erfahrungen anlehnten, die man im Jahr zuvor gemacht hatte, zeigt die Resolution, die man schon bei der Ausrufung des Generalstreiks vom 1. April 1919 gefasst hatte. In ihr wurde unter anderem gefordert, die Sechsstundenschicht generell einzuführen, den Lohn um 25 Prozent anzuheben, das Rätesystem allgemein anzuerkennen, alle politischen Gefangenen frei zulassen, eine revolutionäre Arbeiterwehr zu bilden, die Freikorps aufzulösen und die Polizei im Industrierevier zu entwaffnen. Alle diese Forderungen, zum Teil 1919 schon experimentiert, wurden nun, ein Jahr später, sofort wieder versucht, in die Tat umzusetzen. Dass die Rote Ruhr Armee nicht siegte, dass die >Commune von Dortmund< nicht triumphierte, ist bekannt – sonst hätten wir vielleicht heute andere Verhältnisse. Der Frontverlauf der Arbeiter gegen Kapp, quer durch’s Ruhrgebiet bis ins Münsterland hinein, wurde nach dessen Niederlage am 17. März automatisch zur Front der Reichswehr gegen die Arbeiter. Der Krieg ging weiter. Die sozialdemokratische Regierung, die alte Arbeiterpartei, ließ ihre Armee gegen die Arbeiter vorrücken. Der revolutionäre Funke war nicht auf andere Gebiete über gesprungen, die Proleten an der Ruhr hatten keine Chance. .

Achtzehn Tage nach Beginn des Aufstandes schließt das Gros der Roten Ruhr Armee mit der Reichswehr einen Friedensvertrag. Das >Bielefelder Abkommen< wird von der Reichswehr jedoch kaum eingehalten. Massenweise sterben die hervorragendsten Kämpfer unter den Kugeln der Truppen. Der Traum von Selbstverwaltung und Rätedemokratie wird zertrampelt; die Generale räumen auf.

Moral

Da haben also die Bergarbeiter unsere Utopien von morgen schon gestern umgesetzt?! Die Bundesrepublik der achtziger Jahre erlebt aufwendig organisierte Kämpfe um die Fünfunddreißig-Stundenwoche. Millionen Arbeiter werden mobilisiert, Millionen Mark verstreikt und heraus kommen 38 1/2 Stunden…

Die Kameraden von Carl Butterweg haben nur sechs Stunden gebraucht und beherztes Auftreten — und in großen Teilen des Ruhrgebietes wurde der Sechsstundentag Realität, mit Nachwehen an manchen Orten bis ins Frühjahr 1920 hinein…

Sechs Stunden Arbeit für den Sechsstundentag. Eine Zauberformel? Wohl eher ein Lehrstück. Revolutionen fallen nicht vom Himmel, Erfolg ist keine Frage von Hokuspokus, und es wäre borniert anzunehmen, Anarchisten wüssten, könnten, machten alles besser. Die Dortmunder Anarchisten 1919/20 hatten, was die äußeren Umstände anging, sicher eine ganze Menge >Glück<. Der Staat in allen seinen tragenden Säulen – Verwaltung, Polizei, Armee, Bürgertum, Staatsidee und Sozialdemokratie – war geschwächt und verunsichert. Es wäre zu schön, zu simpel, wollte man heute fordern: So wie die damals, so müsste man das heute einfach wieder machen…

Eigentlich hatten die Protagonisten7 von damals sogar z u v i e l >Glück<: der Augenblick, an dem die Revolution praktisch auf der Tage Ordnung stand, kam plötzlich, heftig und gründlich. Das war zu viel des Guten, darauf war man gar nicht gefasst. Weder auf die konkreten Aufgaben, noch auf den enormen Zulauf. Besonders aus diesem Grunde kann >Dortmund< ein Lehrstück sein. Vor allem für die Anarchisten selbst, die nur allzu oft und allzu leicht glauben, es gäbe jene goldenen Regeln, die stets zum Erfolg führten, jene Geheimrezepturen, nach denen man Revolutionen >machen< und wiederholen könne.

Diese Lehren, für die Dortmund nur ein Beispiel von ungezählten anderen ist, sind leicht benannt: Situationen, in denen ein Machtvakuum entsteht, können unerwartet eintreten. In diesen Situationen ergibt sich keinesfalls automatisch eine Hinwendung der Menschen zu libertären Modellen; ebenso gut kann das Gegenteil eintreten. In solchen Momenten zählen entschlossenes Handeln und das mitreißende Beispiel oft mehr als Taktieren und langfristige Spekulation.

Menschen werden nur sehr selten aus theoretischer Überzeugung zu Anarchisten.

Vielmehr schließen sie sich anarchistischen Beispielen eher dann an, wenn diese für sie einsehbare, verständliche, gangbare Wege in konkreten Situationen sind. Damit anarchistische Vorschläge auch angenommen werden, müssen die, die diese Vorschläge machen, selbst betroffen sein. Anarchisten müssen zunächst als Menschen, Nachbarn oder Kollegen anerkannt sein, damit ihr Wort überhaupt gehört und ihr Beispiel vielleicht angenommen wird. Dies alles führt aber günstigenfalls zu einem zeitweiligen, großen Zulauf und zu einer vorübergehenden Bewegung. > Action< allein dauert weder ewig, noch schafft sie die neue libertäre Gesellschaft, noch löst sie die Alltagsprobleme. Eine gründliche Vorbereitung auf all das, was auf diejenigen zukommt, die eine libertäre Revolte in Gang setzen und überraschenderweise damit Erfolg haben, ist ebenso wichtig wie der Sieg der Revolte selbst. Und als letzte Lehre: ein Erfolg, der sich nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, muss früher oder später scheitern. Um es kürzer auszudrücken: so richtig es auch ist, die Bedeutung der Aktion – vor allem der direkten Aktion — in den Vordergrund zu stellen, so wenig kommen auch Anarchisten darum herum, sich dem Eiertanz zwischen Aktion und Stabilität, zwischen Revolten und kleinen Schritten zu stellen.

Das sind lediglich Thesen. Einige davon sind in diesem Kapitel schon hinreichend deutlich geworden, andere werden aber erst klarer, wenn wir uns etwas näher anschauen, woher die anarchistische Bewegung in unserem Beispiel Dortmund kam und wohin sie ging. Schon unter Bismarck hat es in Dortmund Anarchisten gegeben, und schon von Anfang an war er eine >Malocherbewegung<. Anarchisten in Dortmund waren also traditionsgemäß Arbeiter – im Gegensatz zu einigen anderen Orten, wo der Anarchismus bisweilen auch bohemehafte Züge trug oder von Intellektuellen geprägt war. Die einzigen schriftlichen Hinweise aus dieser Zeit sind anarchistische Zeitungen, namentlich die >Freiheit<, der >Rebell< und die >Autonomie<, die hier Abnehmer hatten. Während der Sozialistengesetze diente Dortmund für die aus London illegal ein geschmuggelte und auf extra-dünnem Papier gedruckte >Freiheit< sogar als Umschlagplatz: von hier aus wurde sie in mehrere Städte der Umgebung expediert. Die Anarchisten von damals müssen aber ziemlich isoliert gewesen sein; von Gruppen ist nichts bekannt. 1898 gründet sich die >Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften< – eine Abspaltung der aufrechteren und kämpferischen Sozialisten von der SPD-dominierten Zentralgewerkschaft. Sie ist die Vorläuferin der späteren anarchosyndikalistischen Organisationen, und in ihr sammeln sich auch die oppositionellen Kräfte der >Jungen<8. In Dortmund haben sie, wie nicht anders zu erwarten, zwar zahlreiche Anhänger, aber noch verstehen sich die Genossen eher als die >wahren, aufrechten Sozialdemokraten< denn als Anarchisten.

Das änderte sich nur ganz langsam, und zwar durch zwei Entwicklungen: einerseits begannen nach einem langen Prozedie >reinen Anarchisten< sich allmählich ernsthaft für die Gewerkschaftsarbeit zu interessieren und blieben dadurch in den Augen der freien Gewerkschafter nicht länger die >weltfremden Spinner<. Andererseits verloren jene Schritt für Schritt die Illusionen, innerhalb der SPD und ihrer Gewerkschaften wahrhaft sozialistische Positionen vertreten zu können. Im Anarchismus entdecken sie ihre eigenen Vorstellungen plötzlich klar und präzise formuliert. So dauert es sehr lange, bis in Dortmund eine größere, organisierte anarchistische Bewegung entsteht. Ihre Mitglieder kamen zum großen Teil aus der Sozialdemokratie, verstanden sich selber als die ehrlicheren Sozialisten. Anarchie war für sie nur eine bessere Form des Sozialismus.

Die ersten organisierten Anarchisten Dortmunds waren denn auch keine deutschen Genossen, sondern Gastarbeiter. Ab 1907 gab es eine festgefügte Gruppe von italienischen Bergleuten, die ihre Vereinstreffen hatten, eine Bibliothek unterhielten, Artikel in der Zeitung ihrer italienischen Föderation verfassten und an den l.Mai-Demonstrationen teilnahmen. Das war damals das übliche und typisch für die meisten Anarchozirkel. Ist die Ähnlichkeit zu der Art von Praxis, die heute in unseren Anarchogruppen gang und gäbe ist, nicht verblüffend? 1909 wurde die Gruppe von der Polizei hopsgenommen und wegen »Aufreizung zum Klassenhass« abgeschoben.

Etwa um diese Zeit beginnen sich auch die deutschen Anarchisten der Gegend zu organisieren. Damals bestand bereits die >Anarchistische Föderation Deutschlands<, aus der sich bald schon eine eigenständige Anarchistische Föderation Rheinland Westfalens die AFRW konstituierte. Sie hatte in Dortmund mehrere Grüppchen, von etwa einem halben Dutzend bis fünfzehn Mann. Das >Mann< ist übrigens wörtlich zu verstehen, denn Frauen hatten zu diese Zeit bei der >Politik< der Anarchisten offenbar nichts zu suchen – zumindest sind sie nirgends erwähnt. Schon damals waren diese Genossen fast ausnahmslos Bergarbeiter, und die meisten kamen aus der SPD- Opposition. Ihre Hauptbeschäftigung bestand allerdings in Ratlosigkeit. Die Kritik an der SPD war mehr als klar. Klarer wurden mit der Zeit auch die Vorstellungen von der künftigen, angestrebten Gesellschaft, der Anarchie — nur, wie man dahin gelangen sollte, war schleierhaft. Auch hier überrascht wieder die Parallele zum heutigen Zustand der Bewegung. So spielte sich denn die Praxis jener Gruppen ab zwischen Debattierzirkeln, gelegentlichen Regionaltreffen, gemeinsamen Picknicks und dem Verbreiten ihrer Zeitungen, etwa der >Einigkeit< von der FVDG9, des >Freien Arbeiter< oder des >Pionier<, eines Blattes, das anarchistische Positionen mit denen der SPD Opposition verband.

Langsam, ganz langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es notwendig ist, sich am Arbeitsplatz politisch zu engagieren und sich auch den Problemen des täglichen Lebens zu stellen: Freie Vereinigungen der Bauarbeiter und der Bergarbeiter entstehen und beginnen eine eigene, libertäre Gewerkschaftsarbeit. Öffentliche Versammlung, Vorträge, Agitationsreisen werden nun organisiert, man greift in die Debatte um das Wahlgesetz ein und propagiert den Boykott; Gewerkschaftskassen entstehen. Bescheiden hält der Sinn fürs Praktische Einzug in die Welt der Anarchisten und 1910, bei einem örtlichen Bergarbeiterstreik nationaler Bedeutung, sieht sich die Zentralgewerkschaft bereits genötigt, offen mit der Freien Vereinigung der Bergarbeiter zusammenzuarbeiten. Die Anarcho-Gewerkschafter sind zu stark geworden, als dass man sie hätte ignorieren können. Für immer mehr Kumpels sind sie keine Sektierer mehr, sondern Kollegen, deren Wort etwas gilt. Dieses zarte Anarchopflänzlein wird 1914 vom ersten Weltkrieg erbarmungslos heimgesucht. Die SPD war beizeiten umgeschwenkt und zur glühenden Vaterlandsverteidigerin geworden; sie sprühte nur so vor Patriotismus.

Die Anarchisten stimmten in diesen Jubel nicht mit ein. Schon seit jeher Antimilitaristen, versuchten sie es aus dem Stegreif mit Soldatenagitation und riefen auch zur Desertion auf. Das kreidete man ihnen übel an. In den ersten Monaten des Weltkrieges wurden die meisten wehrpflichtigen Anarchisten an die Front geschickt und buchstäblich verheizt. In ihren Personalpapieren gab es einen internen Vermerk; entsprechend setzte man sie ein: in >Himmelfahrtskommandos<. Diejenigen Anarchisten, die nicht zum Militär mussten, unterlagen einer strengen Überwachung. Ihre Zeitungen wurden verboten; bis 1915 durfte ihr Gewerkschaftsverband in Berlin noch ein >Mitteilungsblatt< herausgeben. Seine Seiten waren voll von Todesanzeigen und Nachrufen auf Genossen, die an der Front ihr Leben gelassen hatten. Was konnten die Übrig gebliebenen noch groß tun? Eine offensive Politik stand gar nicht zur Debatte, also richtete man sich in der Defensive ein: die meiste Energie ging dafür drauf, die in Not geratenen Familien der Hinterbliebenen zu versorgen, untereinander Kontakt zu halten und in den Betrieben für eine latente kriegsfeindliche Stimmung zu sorgen. Vereinzelt und individuell wurde vermutlich auch Sabotage geübt, eine Kampfform, die bei Anarchisten traditionsgemäß beliebt ist und in der die Dortmunder Anarchos schon 1911 bei einem Streik auf der Zeche, >Union< Erfahrung gesammelt hatten. Im harten Winter 1917 kam es erstmals wieder zu Streiks, an denen sich die Anarchisten natürlich beteiligten. Etliche Aktive sahen damals eine Chance zur Opposition durch die USPD10 und gehörten in Dortmund zu ihren Mitbegründern. Auch in den Vororten stammten ihre Gründer, Aktivisten und teilweise sogar Funktionäre während des Krieges fast ausnahmslos aus anarchistischen und syndikalistischen Kreisen.

Im November 1918 meutern die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven und läuten damit das Ende des Krieges, den Sturz des Kaisers und den Beginn der Novemberrevolution ein. Die Rätebewegung wird von der Sozialdemokratie zerschlagen – durch geschickte Taktiererei und Verleumdung ebenso wie durch militärische Gewalt.

In Dortmund wurde, man könnte fast sagen, aus der Mode der Zeit heraus, auch ein > Arbeiter- und Soldatenrat< gegründet, aber der war eher eine angepasste Form der SPD, um die Wirren der Zeit politisch zu überleben, und gab sich stockreaktionär. Hin und wieder gaben wirkliche Revolutionäre ihr >Gastspiel< an der Ruhr. Bewaffnete Matrosen mit roten Binden im Knopfloch tauchten auf, entwaffneten hier ein Polizeirevier, beschlagnahmten dort Lebensmittel oder hielten Versammlungen ab. Das alles waren aber eher exotische Episoden und änderten nicht viel. Der Spartakusbund jedenfalls fand keine solide Verankerung im Revier, und die Matrosen blieben fremd im Stadtbild. In den Betrieben ging die Arbeit wie gewohnt weiter, alles blieb verdächtig ruhig.

Bis zu jenen Januartagen des Jahres 1919, wo unsere Story beginnt und die Anarchosyndikalisten es – für sich und ihre politischen Gegner gleichermaßen überraschend – schaffen, die Initiative zu ergreifen und den Lauf der Ereignisse zu bestimmen.

Niemand weiß, ob der Sechsstundentag wirklich in jener Schankwirtschaft des Hermann Vogel in der Münsterstraße 2 geboren wurde, ob Carl Butterweg wirklich der Redner war, der an diesem Abend den Ausschlag gab – ja, es ist nicht einmal sicher, ob es die Zeche >Admiral< war, in der zum ersten mal die Sechsstundenschicht gefahren wurde. Die Forderungen, die die Anarchosyndikalisten praktisch umsetzten, waren auf allen Zechen verbreitet und wurden überall diskutiert. Man musste sie nur aufgreifen, artikulieren und den ersten Schritt tun. Dabei wussten die Anarchisten zwar sehr wohl, was sie wollten, aber nicht so sehr, was sie erwartete. Die Dialoge in der Story sind zwar aus verschiedenen protokollierten Betriebsversammlungen zusammengestellt, ebenso wie die Namen der Bergleute; d i e s e Versammlung hat also s o nicht stattgefunden, aber Personen und Dialoge sind authentisch und spiegeln die Stimmung wohl recht genau wider: bei den Anarchisten Entschlossenheit, eine gewisse Euphorie, aber auch Beklemmung angesichts des Unbekannten und der möglichen Folgen dessen, was man hier in Gang setzte; bei der Masse der Arbeiterschaft eine starke Unzufriedenheit mit der Zentralgewerkschaft, das Gefühl, dass jetzt große Veränderungen kommen müssten, und die Bereitschaft mitzumachen, wenn nur einer klar ausspräche was zu tun sei und den ersten Schritt machte. Die Anarchisten taten diesen ersten Schritt und spielten hier die Rolle eines Katalysators11: sie machten den Menschen Mut, wirklich zu tun, was sie hofften und forderten. Sie taten dies durch ihr Beispiel, und sie konnten dies alles nur erreichen, weil sie als Menschen und Anarchisten allgemein anerkannt waren.

Das scheint nun wirklich so was wie ein > Kochrezept< für erfolgreiche Aktionen zu sein, für Revolten und vielleicht auch für Revolutionen. Besser gesagt: nicht das Rezept, aber zumindest die Zutaten. Anarchisten, die ja nicht als Partei auftreten, um den Menschen ihren Willen aufzuzwingen, sind um so mehr darauf angewiesen, allgemein akzeptiert zu werden. Allgemein akzeptiert werden sie aber nicht etwa dadurch, dass sie Reden schwingen, Broschüren verkaufen, die Menschen bequatschen und missionieren, sich in ihren Zirkeln treffen und ab und zu auf eine Demo gehen, sondern zunächst einmal dadurch, dass sie als Menschen, Nachbarn, Kumpel und Freunde anerkannt werden. Sie dürfen sich nicht von den Menschen aus ihrem sozialen Zusammenhang isolieren und sollten ihnen nicht mit missionarischem Eifer auf die Nerven gehen. Es genügt zunächst, wenn sie das, was sie unter Anarchismus verstehen, so weit wie machbar und so praktisch wie möglich vorleben. Dies ist erst die Voraussetzung dafür, dass all die Dinge, die bei Anarchisten damals wie heute eine so herausragende Rolle spielen, wie Broschüren, Zeitungen, Agitation und Demonstration, überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen, wohlwollende Aufmerksamkeit finden und angenommen werden können. Und diese beiden Schritte bilden die notwendige Voraussetzung für das, was Carl Butterweg und seine Kumpel zustande brachten: revolutionäre Umwälzungen durch simple, direkte Aktionen. Sie verhandelten mit niemandem, sondern schufen Tatsachen. Ganz einfach: sie schrieben sich ihren Schichtplan selbst und hielten ihn ein. Basta.

Es scheint so, dass die Dortmunder Anarchisten dieses Einmaleins innerhalb von einem Dutzend Jahren gelernt haben. Um 1907 waren sie kaum organisiert, 1910 beteiligen sie sich erstmals als Gruppe aktiv am Streik, und 1919 sind sie so populär, dass sie das Heft in die Hand nehmen können.

Wenn wir an die heutigen Anarchisten in Deutschland denken, so stehen sie noch ganz überwiegend auf dem Dortmunder Niveau von etwa 1909. Die meisten Gruppen beschränken sich auf ihre Treffs, auf ihr Eigenleben, ihre Propaganda oder ihre theoretischen Debatten, wissen, wie alles sein müsste und sein könnte. Ab und zu beteiligt man sich dann auch an kämpfen, die da und dort entbrennen, bisweilen setzt man sie sogar erst in Gang. Hier scheint die Devise zu gelten, je weiter, desto toller, je militanter, desto schicker. Die kleinen Konflikte vor der eigenen Haustüre und die möglichen Kämpfe dort sind einstweilen dem Blick entrückt, ganz zu schweigen von den Menschen, mit denen man täglich zu tun hat. Immer mehr Gruppen haben aber in den letzten Jahren damit begonnen, das unendlich große Feld zwischen Propaganda und Aktion zu erkennen und zu beackern: sie machen langfristig angelegte Arbeit und verfolgen Perspektiven, die sich auch um scheinbar unwichtige Bereiche kümmern und dabei die Menschen der nächsten Umgebung nicht vergessen. Auch hierzulande sind Anarchisten in Teilbereichen heute schon durchaus in der Lage, praktikable Wege für konkrete Probleme vorzuschlagen, und hin und wieder hören die Menschen auch auf sie. Das ist eine hoffnungsvolle Entwicklung, die vorerst noch in der Minderheit ist, aber eine Erkenntnis, die sich zunehmend durchzusetzen scheint. Vielleicht sind auch die westdeutschen Anarchisten wieder bald dort, wo die Dortmunder Genossen 1919 standen?

Aber – was dann? Mit der erfolgreichen Durchsetzung des Sechsstundentages in Dortmund und der begonnenen Sozialisierung der Betriebe gingen die Probleme ja erst richtig los. Hier müssen wir erkennen, dass an den Zutaten unseres >Kochrezeptes< noch einiges fehlt: Durchhaltevermögen, Stabilität, klarer Durchblick. Die Frage nach der Q u a l i t ä t der Bewegung ist hier gestellt, und Dortmund ist auch hier ein gutes Beispiel dafür, dass es an dieser Qualität mangelte. Die Quantität kam ganz von alleine: die Syndikalisten wurden von dem Ansturm buchstäblich überrollt — aber, was ist daraus geworden?

1921/22 hatte die FAUD in dieser Region ihren Höhepunkt erreicht und bald darauf sanken ihre Mitgliederzahl und auch ihre Bedeutung zusehends. Zwar gab es noch 1933, beim Machtantritt der Nazis, im Revier FAUD-Betriebsräte und – Vertrauensleute, aber die führende Rolle war längst an die KPD gefallen. Es wäre falsch, die peinliche Frage nach der Qualität der Bewegung unter den Teppich zu kehren und mit den triumphalen Eckdaten der >Dortmunder Commune< hausieren zu gehen:

»Hurra, hurra, die Anarchisten haben zehntausend Mitglieder und führen schwuppdiwupp den Sechsstundentag ein!?!«

Schauen wir uns das lieber mal etwas näher an. Wie gesagt: die relativ kleinen Gruppen anarchistischer Aktivisten und Gewerkschafter genossen bei ihren Kollegen Vertrauen und Anerkennung, und als sie im richtigen Moment das Richtige taten, strömten ihnen >die Massen< zu.

Aber wenn jemand ein Mitgliedsbuch der FAUD besaß, war er noch lange kein Anarchist. Sozialisierung und Sechsstundentag waren zwar Dinge, die in Ordnung waren, aber ebenso in Ordnung war es für viele frischgebackene Mitglieder auch, des Sonntags in die Kirche zu gehen oder reaktionären Traditionsvereinen anzugehören. Dass Anarchosyndikalismus mehr war als weniger zu arbeiten und Anarchismus mehr als das zu tun, was man wollte, war vielen nicht klar. Und die wenigen überzeugten Anarchisten, die wussten, wo’s langgehen sollte – die waren hoffnungslos damit überlastet, in den Kämpfen das Richtige zu tun und die angeschwollene Organisation einigermaßen zu verwalten. Alleine das Abrechnen der Mitgliedsbeiträge, das Verteilen der Zeitungen, die Verbindung zwischen den verschiedenen Ortsgruppen hielt die >anarchistischen Kader< ganz schön in Trab.

Überdies waren sie eifrig damit beschäftigt, die Bewegung aus den Bergwerken hinaus in andere Berufe, in die Stadt zu tragen, was nur in Ansätzen gelang. Es gab zwar einige weitere Berufsverbände mit anarchistischen Gewerkschaften, aber sie waren vergleichsweise unterentwickelt, und außerhalb der Arbeiterschaft hatte man kaum Anhänger. Lediglich einige Lehrer oder solch schillernde Gestalten wie der Bürgersohn Max Schulze-Sölle, ein »Prediger, Maler und Prophet«, der auch schon mal aus Solidarität mit den Kumpels unter Tage arbeitete, gehörten zur intellektuellen Anhängerschaft der Anarchisten in Dortmund.

Die syndikalistischen Zeitungen jener Tage sind voll von Debatten, Briefen und Beschwerden über das Verhalten vieler FAUD-Mitglieder. Manche Anarchisten gingen sogar so weit zu vermuten, viele Kumpels seien nur deshalb in der FAUD, weil deren Mitgliedsbeiträge niedriger waren. Es roch nach Säuberung; Stimmen wurden laut, die eine strengere Auswahl, eine straffere Organisation und bessere Schulung der Mitglieder verlangten. Die Frage nach der Qualität wurde nun deutlich gestellt, und es blieb nicht beim Lamentieren: Einige Ortsgruppen griffen rigoros durch und schrumpften sich gesund: ausgeschlossen wurden alle, die etwa ihre Beiträge nicht bezahlten, die Mitglieder der Kirche blieben oder nichts für den Fonds zur Unterstützung der Gefangenen bezahlten. Das alles ging natürlich nicht reibungslos über die Bühne. Es kam zu Spaltungen, Neugründungen und Durcheinander. Manche argumentierten, es sei besser, anarchistische Gewerkschaften überhaupt abzulehnen, weil diese letztendlich immer reformistisch blieben und die Sache der Revolution verwässern müssten. Sie plädierten für rein anarchistische Gruppen. Andere wollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und bemühten sich um anarchistische Gewerkschaften, die diesen Namen verdienten. Wieder andere orientierten sich völlig um und ließen ihre >anarchistische Phase< gänzlich hinter sich: eine der ersten Ortsgruppen der NSDAP12 außerhalb Bayerns entstand 1922 aus einer Abspaltung der ehemaligen FAUD-Gruppe in Dortmund- Mengede…

Das ist kein beschämender Ausrutscher, den man vertuschen sollte, sondern eine Tatsache, die nur um so deutlicher macht, wie wichtig die Frage nach der Qualität einer Bewegung ist. So kam es also in der Zeit nach dem Kapp-Putsch zu einer Zersplitterung der Bewegung: die FAUD, der anarchistische Freibund, Neu-Syndikalisten und Einheitsorganisationen. Ein Ergebnis dieser Zersplitterung war natürlich die Schwächung der Bewegung, die es auch nie wieder schaffte, zum Motor der Entwicklung zu werden. Andererseits aber wurde jetzt mehr als früher das in Angriff genommen, was vor dem Weltkrieg nicht geleistet worden war und 1919 bitter fehlte: ein anarchistisches Bewusstsein, eine libertäre Kultur. Es bildeten sich Gruppen der >anarchistischen Freien Jugend< an fast allen Orten, wo es auch Anarchogewerkschaften gab, und die Jungen setzten sich viel intensiver als die alten Kollegen auch mit neuen Lebensformen, anarchistischer Ethik und Kultur auseinander. Wanderungen, Siedlungen, Turn-, Radfahr-, Schach- und Theatergruppen entstanden. Am Wochenende zog man in die Natur hinaus, und Freizeit und Bildung wurden mit in die Politik einbezogen. So wuchs langsam ein neuer Lebensstil heran.

Auch die Frauen, die lange genug im Abseits gestanden hatten, machten nun mobil. Als Streikposten, auf Demonstrationen, zum Suppekochen bei Betriebsbesetzungen waren sie allemal gut genug gewesen, aber die Politik, die Gewerkschaft, das war doch überwiegend immer Männersache gewesen. 1921 gründen sich im ganzen Ruhrgebiet anarchistische Frauenbünde, die sich nicht darauf beschränken, bloß Kulturarbeit zu machen. Mit der gleichen Vehemenz wie heute wurde hier die Rolle der Frau analysiert und die des Mannes kritisiert, und so mancher Anarchist mit patriarchalischem Alltag wird sich gewundert haben, dass auf einmal die Frau mit der Anarchie daheim ernst machte. In den Sitzungsberichten der Frauenbünde findet man die Frage, ob man Männer zulassen solle, ebenso heftig diskutiert wie Probleme der Empfängnisverhütung, der freienLiebe, des Arbeitsrechts oder der Wahlbeteiligung.

Auch hier drängt sich ein Vergleich mit der heutigen Bewegung auf: das Entstehen einer libertären Kultur, die sich auch im Alltag verankert, war in der alten Bewegung zunächst zu schwach und dann zu spät. Alles, was in der Weimarer Republik an Kulturarbeit, neuen Lebensformen, Siedlungen oder alternativer Ökonomie durch die Distanz der Jahrzehnte manchmal groß und beeindruckend erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen eher als bescheiden. Verglichen damit nimmt sich unsere heutige Bewegung mit ihren Tausenden Versuchen anders zu leben, viel lebendiger, kreativer und stabiler aus – auch wenn viele heutige Alternativprojekte für sich genommen klein oder mickrig sein mögen. In ihrer Gesamtheit ist unsere bundesrepublikanische Gegenkultur eine durchaus stabile Realität mit einigen Projekten, die sogar so etwas wie Modellcharakter und Popularität besitzen.

Die Tragik der alten anarchistischen Bewegung wird am Beispiel Dortmund besonders klar. Sie machte die Entwicklung vom Debattierclub zur Massenbewegung der Arbeiter mit atemberaubender Schnelligkeit durch. Die mangelnde Qualität machte sich im entscheidenden Augenblick bitter bemerkbar, und der Versuch, sie im Nachhinein zu erreichen, kam zu spät. Der dritte Schritt wurde vor dem zweiten getan. Das ist nicht die Schuld der Anarchisten jener Jahre; sie hatten nicht das Glück einer langen, stetig ansteigenden Entwicklung wie sie etwa in Spanien gegeben war.

Aus all diesen Lehren können wir heute aber eine Hoffnung ziehen: die neue libertäre Bewegung in Deutschland ist jetzt etwa 15 Jahre alt und hat ihre diversen Pubertätsphasen so langsam hinter sich gebracht. Sie hat mittlerweile eine stabile, sich entwickelnde Gegenkultur aufgebaut und schickt sich inzwischen auch zaghaft an, Volkstümlichkeit zu erreichen. In zahlreichen kleinen Aktionen und größeren Kämpfen hat sie Erfahrungen sammeln können. Und auch theoretisch wurde in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten viel an Ideen, Geschichte und Debatten aufgearbeitet. Ihre Voraussetzungen sind also gar nicht so übel. Ob sie in ähnlichen Situationen wie der unserer Story am Ende mehr Erfolg haben wird? Wird es einmal eine >Commune BRD< geben?

 

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1) Das Hilfsdienstgesetz verpflichtete während des 1. Weltkrieges die Arbeiter zu Mehrarbeit, Überstunden und Sonderanstrengungen. Es drohte mit härtesten Strafen für den Fall vonStreiks, Sabotage usw.

2) Zur Jahreswende 1918/19 versuchte der >Spartakusbund<, in dem die kämpferischen, linksradikalen Kräfte einschließlich der rebellierenden Matrosen und der radikalen Arbeiter-

und Soldatenräte größtenteils organisiert waren, das Rätesystem zu retten und die Einfuhrung des Parlamentarismus zu verhindern. Sie besetzten z.T. gewaltsam Industrien, Kasernen und Zeitungsredaktionen. Der >Spartakusaufstand< wurde von Seiten der SPD-Regierung unter Friedrich Ebert mit militärischen Mitteln nieder geworfen. Hierbei setzte die Reichswehr sogar Artillerie, Minenwerfer und Flugzeuge gegen Arbeiterviertel in Berlin ein.

3.)Aufsichtsbeamter im Bergbau

4) Viele kaisertreue, reaktionäre Offiziere und Soldaten organisierten sich nach dem Sturz des Kaiserreiches in Deutschland in sogenannten >Freikorps<, umherziehenden militärischen Banden, die sich verschiedenen politischen Strömungen zur Verfügung stellten. Die Reichsregierung hat sie wiederholt zur Niederschlagung von Arbeiteraufständen eingesetzt. Aus ihnen entstanden einerseits die neue Führungsschicht der späteren Reichswehr und andererseits die Kampfverbände der Nazis (SA, SS).

5) Ein besonderes Verdienst fällt hierbei An dreas Müller von der > Geschichtswerkstatt Dortmund< zu, der sich in hervorragender Weise um die Aufarbeitung dieses Kapitels ver dient gemacht hat. Die Veröffentlichung seiner Arbeit als Buch ist geplant.

6) Der Vorsitzende des Dortmunder Vollzugsausschusses, Adolf Meinberg, gehörte zwar der zahlenmäßig noch sehr kleinen KPD an, hatte aber bereits 1919 einen Aufnahmeantrag in die FAUD gestellt, der aber abgelehnt wurde.

7) Vorkämpfer, Hauptakteure.

8.) Vergleiche Kapitel 3

9) Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften; Gewerkschaftsverband, der aus der SPD- Opposition, der Bewegung der >Jungen< und unabhängigen Gewerkschaftern entstand und später in der anarchosyndikalistischen FAUD aufging.

10) Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Schon während der >Säuberungen< in der SPD um 1890 hatten oppositionelle Parteikräfte eine USPD gegründet; ähnliche Formationen entstanden immer wieder, wenn sich der Unmut der oppositionellen Kräfte regte. Insbesondere an der Frage der Kriegskredite, die die SPD von 1914 bis 1918 bewilligte, entzündete sich eine starke, wachsende Opposition, die zu einer neuen USPD führte, welche während der letzten Kriegsjahre, in der Rätebewegung und den ersten Jahren der Weimarer Republik eine große Rolle spielte. Die USPD war jedoch nur ein Sammelbecken verschiedenster Oppositioneller und hat kein einheitliches politisches Konzept.

11) Ausdruck aus der Chemie: Prozeßbeschleuniger; ein Stoff, der durch seine bloße Anwesenheit chemische Reaktionen hervorruft und ihren Verlauf bestimmt.

12) Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Bewegung des deutschen Nazi- Faschismus

Bücher:

Zu dem speziellen Thema Dortmund gibt es bisher keine Buchveröffentlichungen. Die Arbeiten von Andreas Müller hierzu sollen jedoch als Buch erscheinen, ebenso eine detaillierte Studie über den Anarchosyndikalismus im Raum Wuppertal von Dieter Neues (Trotzdem Verlag, Grafenau).

– Angela Vogel, Der deutsche Anarcbo-Syndikalismus, 311 S., Karin Kramer Verlag, Berlin

-Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918-1923, 480 S.,

Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan – Müller / Däumig / Albers / Laufenberg, Theo

rie und Praxis der Arbeiterräte, 77 S., (Ca ira Presse, Berlin

– Ulrich Linse, Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918-1919, Karin Kramer Verlag, Berlin

– Ulrich Linse, Anarchistische Jugendbewegung 1918-1933, 331 S., dipa-Verlag, Frankfurt

– Erich Mühsam, Von Eisner bis Levine – die Entstehung und Niederlage der Münchner Räterepublik, 90 S., Edition Nautilus, Hamburg

– Horst Stowasser, November 1918, 73 S., An-Archia-Verlag, Wetzlar

– Theissen / Walter/Wilhelms, Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr, 71

S., Ems-Kopp-Verlag, Meppen

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Written by floriangrebner

20. März 2011 um 15:55

Eine Antwort

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