Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Atomkraft, nein danke!

with 3 comments

von Christian Hoffmann

Nach der Naturkatastrophe in Japan tobt der politische Streit um die Zukunft der Atomkraft wie selten zuvor. Nicht nur zwischen Links und Rechts gehen dabei die Meinungen auseinander, auch unter Liberalen werden gegensätzliche Standpunkte vertreten. Zu unsicher um sie weiter zu betreiben, sei die Atomkraft, sagen die einen, zu billig um auf sie zu verzichten, die anderen. Beide Positionen gehen meines Erachtens am Kern der Problematik vorbei.

Denn nicht die Technologie als solche ist zu unsicher für eine Nutzung, sondern ihre real existierende Organisation. Genauer: die staatliche Planung, Finanzierung und Kontrolle der Kernenergie macht sie aus meiner Sicht zu einem untragbaren Risiko. Denn Tatsache ist, dass die Kernenergiewirtschaft heute eine durch und durch staatlich verseuchte ist. Der Staat entscheidet über Entwicklung, Umfang, Standort, Preis, Gestaltung, Verwaltung, Kontrolle und Entsorgung der Kernenergie-Nutzung.

Dies ist in der Energiebranche kein Alleinstellungsmerkmal. Solar- und Windenergie haben ihre heutige Form allein staatlichen Subventionen zu verdanken. Kohle, Gas und Öl sind notorisch politisch umstritten und protegiert – nicht selten führen Staaten Kriege um ihre Kontrolle. Und dennoch ist die Lage der Kernenergie eine besondere.

Denn Tatsache ist auch, dass die Kernenergie-Nutzung mit erheblichen Risiken verbunden ist. Sicher, keine Energieerzeugung ist frei von Risiken – Solarpanels stellen eine erhebliche Umweltbelastung in der Entsorgung dar, Windkraftanlagen erzeugen Lärmbelästigung, zerhäckseln Vögel, beide erfordern einen Netzausbau, der Elektrosmog produziert, tausende Menschen sterben bei der Gewinnung von Kohle, Öl und Gas, und auch der CO2-Ausstoss dieser Energieträger wird als Problem betrachtet. Und doch: der Fall Fukushima zeigt einmal mehr, dass die Folgen eines Unfalls im Rahmen der Kernenergieerzeugung von enormer Dramatik sind und kaum absehbare Kosten erzeugen. Im Falle eines Unfalls ist kein Energieträger gefährlicher, als Uran und Plutonium.

Freunde der Kernenergie weisen nun darauf hin, dass genau deshalb die staatlichen Sicherheitsanforderungen in diesem Bereich von einmaliger Strenge sind. Ich würde sogar noch weitergehen: der Versuch einer staatlichen Risikokontrolle hat die Kernenergie-Gewinnung zu einem faktischen Arm des Staates gemacht. Kernkraftwerke sind eine Art Behörde. Der Staat reglementiert jeden Schritt der Kernenergiegewinnung und jeden Winkel eines Kernkraftwerks. Protokolle, Vorschriften, Kontrollen prägen den Alltag der Kernenergie. Und genau darum stellt sie ein untragbares Risiko dar.

Denn der Staat, als hierarchische, monopolistische und bürokratische Institution ist einmalig ungeeignet für die Lenkung und Kontrolle komplexer und dynamischer Systeme, wie sie eben auch die Kernenergiegewinnung darstellt. Nehmen wir nur das Beispiel der Finanzmärkte: Auch hier reguliert, kontrolliert und steuert der Staat durch Monopolgeld, Aufsichten und unzählige Gesetze und Verordnungen, um die Sicherheit des Systems zu “garantieren”. Was ist die Folge? Immer wiederkehrende Krisen und Zusammenbrüche. Märkte sind ungemein dynamisch, komplex, schnelllebig und schwierig zu überblicken, ja unmöglich zu antizipieren. Die staatliche Bürokratie muss daher an dem Versuch scheitern, sie zu steuern und kontrollieren.

Der Staat schafft immer nur eine rückblickende Scheinsicherheit: nach dem Platzen der Immobilienblase und der jüngsten Weltfinanzkrise stecken die Regulierer der Welt heute ihre Köpfe zusammen, um eine Wiederholung der Krise von gestern zu verhindern. Ein sinnloses Unterfangen, denn die Krise von morgen wird ein ganz anderes Gesicht haben. Und genauso verhält es sich auch mit der Kernenergie: die europäischen Stresstests sollen ein Fukushima von morgen verhindern. Doch Fukushima war auch keine Wiederholung von Tschernobyl. Die rückblickende Anpassung von Normen und Standards ist nie geeignet, künftige Krisen zu vermeiden.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Risiken der Kernenergie per se unbeherrschbar sind. In einem freien Wettbewerb, unter echter Verantwortung der Erzeuger und Kunden, hätte auch die Kernenergie eine Chance, ihre nachhaltige Tauglichkeit zu beweisen. Die Kernenergie als staatliches Regulierungs- und Experimentierfeld entzieht sich jedoch dem Qualitäts- und Effizienzdruck des Marktes und potenziert so ihr Risiko. Es ist kein Zufall, dass der grösste Atomkraftunfall der Geschichte, Tschernobyl, in einem planwirtschaftlichen System geschah. Eine Wiederholung dieses Staatsversagens ist leider allzu wahrscheinlich.

So lange also die Wahl lautet: staatliche Kernenergie oder keine Kernenergie, plädieren ich für einen Verzicht auf diese Energietechnologie. Nicht, weil die Kernenergie an sich zu riskant ist, sondern weil sie in den Händen des Staates ein untragbares Risiko für Mensch und Natur darstellt.

cross-post: freilich.ch

Dieser Beitrag kann auch bei unseren Partner diskutiert werden AnCaps.de

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Written by dominikhennig

6. April 2011 um 21:15

3 Antworten

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  1. Hi,

    ich denke auch, dass man die Kernenergie beherrschen kann. Aber die Natur nicht. Auch kann man die Technik beherrschen, aber die Fehler passieren bei Menschen, die die Technik beherrschen.
    Es ist die Anatomie von menschlichem Lernen, dass man eine kleine Toleranz/Gewöhnung entwickelt. Wenn eine Lampe 700 Mal blinkt, dann nimmt man sie nicht mehr so ernst. Obwohl man jedes Mal in den Keller müsste und etwas prüfen müsste. Aber wenn jedes Mal alles OK ist, dann entwickelt sich eine Toleranz.
    Es gibt Forschung, wie aus Gewöhnung ein Risiko wird und aus dem Risiko ein immer größeres, bis am Ende eine Katastrophe kommt.
    Ich denke man könnte versuchen die Atomkraftwerke zu Selbstgemanagten Energieunternehmen umzustellen. Allerdings müsste jemand die Verantwortung für die vielen Toten, oder die unbewohnbare Erde übernehmen, wenn das Experiment schief geht.
    Sie merken, ich halte diesen Artikel enorm auf die Bedürfnisse eines liberalen Marktes zurechtgeschnitten. Er geht aber an der Realität vorbei. Und die ist, dass Atomkraft vielleicht eine Nummer zu groß ist für menschliche Nutzung (solange wir nur einen Planeten haben).

    1000Sunny

    6. April 2011 at 21:31

  2. War ja irgendwie klar, dass sich Paxx dem neoliberalen Gegen-Einheitsbrei zum Einheitsbrei des Mainstream entziehen wird. Sympathisch! 😉

    Peter Bienert

    7. April 2011 at 06:45

  3. An einem freien Markt hätte sich wohl kaum eine Nuklearindustrie entwickelt. Man zeige mir den Unternehmer und die Kapitalgeber, die in nicht versicherbare Objekte investieren würde.
    Erst der Staat und in einem bedeutenden Maß auch die Gewerkschaften haben diese fatale Entwicklung möglich gemacht.

    Und schließlich – dieses Argument wurde in der bisherigen Diskussion kaum gebracht – verstossen (aktive!) Kernkraftwerke gegen die Goldene Regel: „Was Du nicht willst daß man Dir tu‘ das füg‘ auch keinem anderen zu“.

    Dr. Werner Ende 

    7. April 2011 at 07:11


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