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Panarchismus

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Von John Zube

Panarchismus beruht auf der Souveränität des Einzelnen, dem Austrittsrecht und der exterritorialen Autonomie für Rechtsgemeinschaften von Freiwilligen.

Eingeführt als Rechtsphilosophie und als Rahmenwerk zur Harmonisierung zwischen allen Sozialreformern und konservativen Bewegungen, wurde er unter diesem Namen von P. E. de Puyt, einem belgischen Beamten und Botaniker.*

Die Anerkennung des Austrittsrechts und ihre Folge; die vollständige Freiwilligkeit in der politischen, ökonomischen und sozialen Organisation, würde schließlich, vielleicht sogar überraschend bald, wie der Zusammenbruch der Berliner Mauer und der UdSSR, zu einer friedlichen, freien und gerechten Welt führen, mit einem hohen Lebensstandard für alle Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen. Freiwillige Versicherungs-, Kredit- und Karitative Unternehmungen sowie Einrichtungen gegenseitiger Hilfe würden den Wohlfahrtsstaat sehr wohl und viel billiger ersetzen können und weniger Parasiten und Charakterfehler unterstützen. Exterritoriale und autonome Rechtsgemeinschaften aus Freiwilligen bieten friedliche und effektive Lösungsmöglichkeiten für alle verbleibenden politischen, ökonomischen und sozialen Probleme an – durch Experimentierfreiheit für alle solche Ideen, unter denen, die sie teilen. Diese Fortschritte würden den raschen und großen Fortschritten der Naturwissenschaften und Technologie nach der Einführung der Experimentierfreiheit auf diesen Gebieten entsprechen.

Zu gleicher Zeit und in demselben Lande könnten xyz Projekte zur Lösung z.B. der Geldfrage, des Landproblems, des Copyrights- und Patentproblems unter Freiwilligen, einstimmig, enthusiastisch und ohne interne Opposition ausgeführt werden, alle auf eigene Kosten und Risiko, ohne erst die Mehrheit eines Landes oder die Mächtigen von der Qualität der Projekte überzeugen zu müssen. Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit und die Inflation, die Stagflation und Deflation, könnten so – rasch und offensichtlich – gelöst werden, dass die Lösungen sehr bald weitgehende Annahme finden würden. Mit diesen würden z.B. Einwanderungssperren und Wohnungs – und Berufsverbote sowie Deportationen und Konzentrationslager für Illegale enden.

Die durch das Austrittsrecht und die Panarchien eingeführte Freiheit zu schützen, verlangt letztlich (soweit gewaltlose Maßnahmen z.B. gegen Fanatiker unzureichend sind) noch ideale und aufgeklärte Milizen aus Freiwilligen, ebenfalls autonom, lokal organisiert und dann föderativ zusammengeschlossen, die sich selbst mobilisieren würden. Das Thema freiheitlicher Milizen verlangt noch viel Diskussion. Aber einige Ansätze dazu sind schon in den Schriften von Ulrich von Beckerath und meinen eigenen zu finden.

Mein Vater, Kurt Zube, pflegte zu sagen: „Jedem den Staat seiner Träume!“

Ich erweiterte dies durch die obige und folgende Version: „Jedem den Staat oder die freie Gesellschaft seiner Träume.“ Diese Zielsetzung verlangt eine neue Sozialwissenschaft, welche die Möglichkeiten der gegenseitigen Toleranz, der Handlungs – und Experimentierfreiheit, auch der freiwilligen Neutralität, ganz erschöpft und durch neue und vollständigere Rechts – und Freiheitserklärungen definiert. Siehe dazu den Menschenrechtsentwurf in PP 4 und die etwa 100 privaten Menschenrechtserklärungen, die in PP 589 & 590 zusammengestellt sind. Das alles steht noch ganz im Anfangsstadium. Sogar uralte Traditionen dieser Art sind noch weitgehend unbekannt. Daher können viele der Interessenten noch zu neuen Pionieren und Fachleuten auf diesem Gebiet werden. Sehr viel Umdenken, Forschen, Studieren und Diskutieren ist noch erforderlich. Die älteren und neuen alternativen und erschwinglichen Medien liefern dafür genügend und erschwinglichen Raum. Tretet aus den Massenmedien aus und benutzt die alternativen und billigen Medien in ihren ihren Stärken für Eure eigenen Zwecke und Ideale! Reformer werden in Panarchien nicht mehr erst Mehrheiten für sich gewinnen müssen. Ihre unvermeidlichen Enttäuschungen in solchen Versuchen werden sie nicht mehr in vielen Fällen dem Terrorismus zuführen.

Alle Revolutionäre könnten dann ihre eigenen Sachen auf die eigene Art gehörig umkrempeln, so weit sie das nur machen und ertragen können, auf eigenes Risiko und eigene Kosten. An neugierige Beobachter könnten sie vielleicht auch Eintrittskarten verkaufen für ihre “ Zirkusveranstaltungen“ – nach der Meinung von freien Außenstehenden.
Konservative und Reaktionäre hätten dieselbe Freiheit für sich wie alle Arten von Fortschrittlichen und Futuristen.

Keiner könnte sich mehr über andere als sich selbst und seine Anhänger beschweren. Besondere Berater werden sich auch anbieten, die es einigen unbeholfenen Utopisten leichter machen werden, die schlimmsten der eigenen Fehler bei der Verwirklichung ihres Ideals unter sich zu vermeiden.
Und andere Rechtsgemeinschaften werden sich effektiv gegen alle Übergriffe verteidigen und für die Einsetzung von z.B. Schiedsgerichten oder anderen Rechtsverfahren sorgen, für die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Mitgliedern verschiedener Rechtsgemeinschaften. Zum Schutz gegen kleinere Rechtsverletzungen durch Kriminelle aller Art, mit Opfern, werden sich viele im Wettbewerb stehende Polizei- und Schutzorganisationen bilden, verschieden, wie die Gerichtssysteme, innerhalb der Rechtsgemeinschaften.

Solche Unternehmen werden auch außerhalb von Rechtsgemeinschaften geschaffen werden und gleichzeitig mehreren Rechtsgemeinschaften ihre Dienste anbieten. Nicht alles muss auch im Rahmen von Panarchien und ihren „package deals“ geschehen.
Aber die Tendenz wird stark sein, noch für lange Zeit, für die verschiedensten Panarchien, sich selbst alle „öffentlichen Dienste“, die sie für sich wünschen, auf ihre Art zu schaffen und zu finanzieren. Möglicherweise, auf lange Sicht, werden sich die „package deal“-Panarchien auch auflösen und alle werden dann nur noch spezialisierte Unternehmen auf dem freien Markt gebrauchen. Ob sie das aber für die nächsten Jahrhunderte schon tun würden, erscheint mir doch sehr fraglich, wenn ich die Andauer von Religionen, Gebräuchen, Vorurteilen und Gewohnheiten betrachte.

Wie realistisch sind solche Ideen?
Ich verweise zunächst auf alle entsprechenden Traditionen, die von Historikern meistens vernachlässigt und von Rechtskundigen nicht genügend auf unsere Zustände angewandt werden. Es gibt bereits das große und, soweit realisiert, friedensstiftende Beispiel der Religionsfreiheit oder religiösen Toleranz, nun auch weitgehend auf Atheisten, Agnostiker, Deisten, Humanisten und Rationalisten ausgedehnt. Panarchismus würde die Kirchen und Sekten ganz exterritorial autonom machen, aber nur wenn und so weit, wie sie das wollen. Dann gibt es die Experimentierfreiheit schon sehr weitgehend in der Technik und Naturwissenschaft, in der Literatur, der Philosophie und den schönen Künsten. Aber am weitesten verbreitet (und noch ganz unbewusst als panarchistische Praxis) sind die freien individuellen Handlungen im Privatleben, täglich, zahlreich, nach eigenen Regeln, auf eigenes Risiko und eigene Kosten, von der noch zu beschränkten Freiheit der Unternehmer zu der souveränen Konsumentenwahl unter Millionen von Angeboten, bis hin zur Vereinsmeierei und tausenden von verschiedenen Hobbies und Unterhaltungs – und Vergnügungsmoglichkeiten, wenigstens in den etwas entwickelten Ländern.

Diese individuellen Optionen und Handlungen führen nur selten zu Konflikten: Tennisspieler und Fußballer bekämpfen sich nicht, sondern machen nur friedlich ihre eigenen Sachen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Das fällt ihnen überhaupt nicht mehr ein. Solcher Art sind sie schon weitgehend
und gewohnheitsmäßig Panarchisten.

Wie Ulrich von Beckerath zu sagen pflegte: Die Revolution ist schon zu 90% vorbei. Wir müssen nur für die letzten 10% sorgen. Dabei gilt es jedoch, noch viele Denkgewohnheiten und Irrtümer zu überwinden. Die Konsum und Handlungsfreiheit ist noch in den politischen, ökonomischen und sozialen System-Sphären einzuführen, die für die meisten Leute nicht sehr interessant sind. Die Freiheiten, die sie privat wünschen, haben diese Mehrheiten in den besseren Demokratien bereits.

Für den Rest haben sie noch ihre territoriale Staatsreligion. Die muss durch das Austrittsrecht und die exterritorial autonomen Rechtsgemeinschaften reduziert werden: für freiwillige Etatisten.
Vielleicht würden diese die Oppositionellen etc. gern aus ihren eigenen Gemeinschaften ausscheiden lassen oder sie abschieben, wenn sie nur von der Möglichkeit solcher Gemeinschaften und ihrer Gefahrlosigkeit wüssten.

Jeder Führer würde noch für lange Zeit genügend dumme Anhänger finden und bräuchte sich nicht mehr in Wahlkämpfen zu verteidigen. Unwissenheit und Vorurteile würden ihm einen sicheren Platz und hohe Einkünfte sichern, solange er irgendwo noch erfolgreich belügen kann. Natürlich würde er durch die nahestehenden Beispiele anderer Lebensweisen viele Anhänger verlieren. Aber neue potenzielle Anhänger werden stündlich geboren.
Selbst die meisten radikalen Freiheitsfreunde gingen meistens durch eine Entwicklungsstufe, in der sie zunächst Anhänger und Gläubige waren. Astrologen, Gurus und Priester finden immer noch viele Kunden, die sich von ihnen freiwillig schröpfen lassen. Das ist nicht das größte Problem.

Panarchismus macht rechtmäßige Revolutionen, auch für Einzelne und kleine Minderheiten, möglich, ohne die Rechte und Freiheiten anderer zu gefährden.
Er erlaubt allen Fehler zu machen – aber nur auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko. Er realisiert Handlungs- und Experimentierfreiheit auf den verbleibenden Tabu-Gebieten.

Anmerkung

* P. E. de Pydt, Panarchie, REVUE TRIMESTRIELLE, Brussels, Julie 1860, 11 S., in Französisch. In meiner PEACE PLANS-Serie – siehe unten – erchienen mehrere Ausgaben, in Deutsch und Englisch, aber noch keine Französische, da diese mir verloren ging und noch nicht ersetzt wurde. Dieser Namensgebung folgend, gab PEACE PLANS (PP) eine besondere noch unvollständige Serie heraus, ON PANARCHY genannt, von der bisher 19 Bände auf 19 Mikrofiche erschienen sind.

Nachtrag

Wie viele deutsche Schriftsteller haben sich bisher, mehr oder weniger klar und konsequent für den Panarchismus eingesetzt? Wie viele von ihnen haben bisher das Austrittrecht anerkannt? Es folgen einige Beispiele aus meinem Gedächtnis, wobei ich einige Fragen los werden möchte. Allen antwortenden ef-Lesern kann ich versprechen, ihre Antworten in jeder Länge und bald in meiner Serie zu verfilmen.

1. Johann Gottlieb Fichte, 1793, Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution. Leipzig, 1922. Vollständig, 282 S., in PP 416. Auszüge, mit Kommentaren, in PP 12 & 61-63 (in Englisch und in PP 399-401 in Deutsch). Über seinen frühen Anarchismus siehe auch PP 901. In diesem Buch sprach er sich sehr deutlich und überzeugend für das Austrittsrecht aus, das in jeder Revolution mehr oder weniger in Anspruch genommen wird.

2. Karl Christian Friedrich Krause, verstorben 1832. Auch er schrieb über das Austrittsrecht – aber in welchen seiner jetzt sehr selten zu sehenden Werke?

3. Max Nettlau, Panarchie, eine verschollene Idee von 1860, 1909, nachgedruckt, in PP 617, 671, 736, Englisch in PP 843 und anderen PP Ausgaben, auch mit de Puydt’s Artikel, in Englisch, auf meiner Website: http://www.acenet.com.au/~jzube

4. Wilhelm Roscher, irgendwo in seinen voluminösen Werken, das Buch oder die Stelle habe ich bis jetzt noch nicht gefunden, schrieb er über de Puydt’s Panarchie-Artikel. Hilfe! Wo steht’s?

5. J. H. von Kirchmann, Die Grundbegriffe des Rechtes und der Moral, 1869. (Ein Auszug daraus, über autonome Rechtsgemeinschaften, ist in PP 671 zu finden.)

6.Ulrich von Beckerath, 1882-1969, in vielen seiner Schriften und Briefe. Noch sehr unvollständig in meiner PP-Serie veröffentlicht.

7. Werner Ackermann, Cosmopolitische Union, Verfassungsentwurf, 1931, 1 S., z.B. in PP 299-301, im Englischen u.a. in PP 61-63.

8. Kurt H. Zube (K.H.Z. Solneman), insbesondere in seinem Hauptwerk: Das Manifest der Freiheit und des Friedens, Der Gegenpol zum Kommunistischen Manifest, 1977, 355 S., reproduziert in PP 188.

9. John Zube, in 2 Buch-Manuskripten (PP 16-18, bisher nur in Englisch) und PP 399-401 und vielen Aufsätzen und Briefen, hauptsächlich in der ON PANARCHY-Serie, volumes I – XIX.

10. Philipp Zorn, Dr., Die Konsulargesetzgebung des Deutschen Reiches, Berlin 1911, J. Guttenberg, Verlagsbuchhandlung, 3. Ausgabe, neu bearbeitet, indexiert, 594 S. – Über einer staatlich anerkannte Art des Wettbewerbs in der Gerichtsbarkeit, für Ausländer in fremden Ländern.

11. In ef etwa Uwe Timm, z.B. in ef Nr. 1, Stefan Blankertz, z.B. in ef 1, S. 13ff., André F. Lichtschlag, z.B. in ef 1, S. 16ff., Gerard Radetzky, z.B. in ef 3, S. 76, Michael Kastner, z.B. in ef 3. (Vielen Dank für die mir neuen Zitate und Bemerkungen dieser Art durch eigentümlich frei).

Wer kann mir mehr solcher Schriftsteller und Schriften anzeigen? In allen Sprachen! Eine ungewöhnliche und sehr wichtige Schatzsuche liegt hier vor. Volltexte und Auszüge dieser Art, in sehr guten Fotokopien oder Originalausgaben, geschenkt oder geliehen, sind jederzeit für meine PEACE PLANS Ausgaben willkommen, für baldige Verfilmung in der ON PANARCHY-Serie. Belohnung ist mir nur in LMP-microfiche möglich. Meine ON PANARCHY-Serie wird nach einigen zusätzlichen Bänden indexiert werden als ein erstes Handbuch über die Panarchie, ihre künftigen Möglichkeiten, die historische Rolle der Exterritorialität und des Personalrechtes. Nur: Was Millionen Freiheitssucher bisher so sehr vernachlässigt haben, kann leider ein Einzelner nicht vollständig zusammentragen.

Written by floriangrebner

11. April 2011 um 16:32

Veröffentlicht in Freiheit, Recht vs. Staat, Sezession

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