Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Ethik’ Category

Rand Paul macht Schluss mit dem ganzen Ron-Paul-Revolutions-Spuk

with one comment

Von Karl Kraus stammt die Weisheit, der Begriff „Familienbande“ trüge den „Beigeschmack von Wahrheit“. Mit diesem Ganovenstück ist nun vor allem eines klargestellt: die seit 2008 (vorübergehend sogar erbittert auf Paxx.tv und andernorts) geführte Debatte ad 1) des Für und Wider von Parteipolitik sowie ad 2) des Für und Wider einer Ankoppelung an kulturkonservative (und damit folgerichtigerweise staatstolerante) Strömungen haben die Paxxies gewonnen. Und zwar nicht nach Punkten, sondern durch K.O.!

Alles andere ist letztlich jetzt eine – traurige – Familienangelegenheit.

Image

 

 

Advertisements

Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

leave a comment »

Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

Die Eroberung des Glücks. Sechs unkontrollierte Stellungnahmen zu Anarchie und Alltag

leave a comment »

Von verschiedenen Anarchisten

1. Beitrag

Anarchie ist ein zwischenmenschlicher Gewalt- und Herrschaftsverzicht. Anarchie beschreibt eine Lebensform, keine Staatsform – daher kann sie keine Macht über Nacht verordnen, keine Revolution kann sie herbeiführen, wenn sie nicht bereits im Leben der Menschen vorweggenommen ist.

Anarchie kann von den Menschen vorweggenommen werden, indem sie versuchen, einen Gewalt- und Herrschaftsverzicht einzuüben. Die Gelegenheit dazu bieten Situationen, bei denen Handlungsalternativen gegeben sind. Jeder Mensch ist täglich vor Dutzende von Handlungsalternativen gestellt, die aufgrund von Vorlieben und Prioritäten entschieden werden: Entschieden wird zum Beispiel nach dem Preis, nach Qualität, nach Verpackung usw. Diese Kriterien-Liste könnte nun gelegentlich erweitert werden um die Punkte Menschlichkeit oder Verantwortung. Beispiel Urlaub: Viele Menschen machen sich scheinbar nichts daraus, daß in ihrem Dritte-Welt-Urlaubsland regelmäßig gefoltert wird. Vielleicht war die Reise so billig zu haben, vielleicht war die Exotik des Reiseziels entscheidend – dabei liegt es doch auf der Hand, daß sich niemand erholen kann, wenn andere schreckliche Qualen auszustehen haben.

Natürlich müssen das alle mit sich selbst abmachen, dennoch bleibt festzuhalten, daß Libertäre vielleicht nicht gezwungen sind, bei jeder Schweinerei mitzumachen. Um einen Gewalt- und Herrschaftsverzicht einzuüben, wäre es vielmehr richtig, emanzipatorische Handlungs-Maßstäbe zu entwickeln, um ein Gefühl für die eigene Integrität und die von anderen zu bekommen. Wo generell weniger gehorcht und mehr selbst gedacht wird, greift dieser Emanzipationsprozeß bereits um sich. Freiräume werden erschlossen, Selbstbestimmung wird geprobt.

Wenn eine libertäre Lebensform denkbar ist als zwischenmenschlicher Gewalt- und Herrschaftsverzicht, können Libertäre ihre Ideen nicht besser fördern, als daß sie Formen gewalttätiger Herrschaft nicht erobern wollen, sondern ihnen den Boden entziehen. Libertäre haben in der Geschichte tatsächlich in diesem Sinne gehandelt, ohne übrigens besonders Aufhebens darum zu machen. Im Dritten Reich zum Beispiel waren die Libertären von allen politischen Richtungen proportional am meisten im Widerstand aktiv.

Alltag und Anarchie müßte also eine Herausforderung sein, der Libertäre gewachsen sind. Für falsch halte ich dagegen solche Thesen wie »Es gibt sowieso nichts Richtiges im Falschen«, mit denen sich manche selbst der Möglichkeit berauben, Facetten ihrer libertären Utopie in ihrem heutigen Handeln vorwegzunehmen. Andere setzen sogar zynisch auf eine verschärfte Ausbeutung, die zu größerer Verelendung und damit angeblich zu einem größeren libertären Potential in der Gesellschaft führen soll. Ich halte den Versuch für sinnvoller, sich mit Selbstverantwortung und Courage dem eigenen Ideal mit langem Atem graduell anzunähern. Wem das alles viel zu wenig dramatisch und viel zu unrevolutionär ist, sei an jene schwarze Buspassagierin erinnert, die sich in den 60er Jahren in den Südstaaten auf einen für Weiße reservierten Platz gesetzt hat. Sie hat eine Lawine losgetreten und das Fanal für die Bürgerrechtsbewegung in den USA gegeben. Solches Handeln zielt nicht auf einen dramatischen Effekt oder auf machtpolitisches Kalkül, sondern darauf, die eigene Integrität zu wahren. Anarchie beschreibt eine Lebensform: Eroberung des Glücks, statt Eroberung der politischen Macht.

2. Beitrag

Anarchie und Alltag ist für mich ein Gegensatzpaar. Alltag ist grauer Alltag, Einerlei, funktionieren müssen, ertragen müssen u.s.w. Die Weigerung, das ganze Leben grau werden zu lassen, ist noch nicht Anarchie, sondern eine Art Gegengift. Einen Schritt darüber hinauszugehen ist schon ein Fuß in der Tür zur Anarchie.

Der vermittels der Ökonomie umsichgreifende Leistungsgedanke ist das stärkste Hindernis, um im Alltag Freiheit und Lust auszuleben. »Was, du kennst dieses Buch nicht, du kennst diesen Film nicht? Du hast noch nie die Pyramiden gesehen oder die norwegischen Fijorde oder Macao? Pfui!«

Das leben für andere macht nicht glücklich.

Vergleichendes Glück ist eine Falle. »Ich bin glücklicher als du«, ist ganz dem Konkurrenz-gedanken geschuldet. Diesem Glücklichen glaube ich nicht. Sein Glück ist zum Vorzeigen, ein »messbare« Leistung – kein Selbstzweck.

Aber auch der in-sich-Vergleich hinkt: Liebesglück macht glücklicher als kreative Tätigkeit.

Das mag eine zeitlang so sein, aber grundsätzlich schließen sich die Lüste nicht aus, eher multiplizieren sie sich noch. Der Sinn des Glücks ist Selbstzweck der Lebenden und nicht politische Strategie.

Politische Glückversprechen setzen auf der Seite des Empfängers der glücklichen Botschaft eine Konsumentenhaltung voraus. Staat bedien mich, Politiker bedient mich, in diesem Terrain tummeln sich auch gerne politische Demagogen und sonstige Abzocker. Wie ist das Preis-Leistungsverhältnis der Anarchie? So wird sich nie was ändern.

Die Eroberung der Produktionsmittel ist eine solche Glücksversprechung, eine Einpunktinitiative, die in ihrer krudesten Form alles andere ignoriert. Ich selbst bin kein Klassenkämpfer, Klassenkampf ist eine agitatorische Simplifizierung zwecks Machtausübung-Macht als Macht über andere sollte Gegenstand libertärer Kritik bleiben.

So versuche ich im Alltag mit Menschen zu verkehren unabhänging von ihrer Stufe in der Hierarchie, ich versuche die eigene Verantwortung anzusprechen. Diejenigen, die ihr Handeln von »objektiven« Verhältnissen ableiten, keinen eigenen Spielraum sehen, sind mir wenig zugeneigt-so’n Anarchist.

Zäsur

Lange genug zum Glück gezwungen, werden die Menschen ihr Unglück »freiwillig« auf sich nehmen, allenfalls ein schräges Grinsen, ein deplazierter Furz oder das Kotzen beim Verbrennen des verhassten Feindes sind Signale des Lümmels Körper, die noch ein wenig hoffen lassen.

Moderne Kenntnisse aus der Psychologie werden von Politikern nur genutzt, um Herrschaft aufrecht zu halten. Die verworrene Lage von äußerem und innerm Zwang sollte Anlass geben, zugunsten der Eindeutigkeit des freien Willens und seines Scheiterns zu entwirren:

1. Libertäre Utopie ist eine lust- und genussvolle Angelegenheit, es bedarf dafür weder übermenschlicher Solidarität, noch opferbereiter Gutmenschen.

2. Jeder, der sich bemüht, Freuden ohne Angst zu leben, freigelassene Wünsche, glückliche Leidenschaften, lernt, wenn er auf ihre Einschränkung stößt, dass dies Glück über das Ende des Staates und der Ware führt. [Vaneigem]

3. Es gibt derzeit keine Chance für die Utopie, jeder der sich in der Hoffnung darauf verzehrt, blockiert mehr Leben, als er glaubt hervorzubringen.Übrig bleibt, das gelebte Leben, die glücklichen Momente, nicht nur als Zufall oder Kompensation zu sehen, nach dem Motto: erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sondern das Spannungsfeld zwischen mehr leben wollen und nicht können vor lachen, aushalten und dabei die Lust nicht verlieren.

3. Beitrag

»Zur Psychopathologie des Alltagslebens« – so heißt ein von Sigmund Freud 1904 veröffentlichtes Buch. Der Untertitel zeigt die Richtung an, in die er seine Untersuchung führt. Sie handelt »Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum«, kurz über all die kleinen und größeren Abweichungen vom reibungslosen Funktionieren, wie sie auch in unserem Alltag nur allzu oft für Ärger, Irritation oder Heiterkeit sorgen.

Die Entschlüsselung der dahinter stehenden seelischen Motive gerät zu einem psychoanalytischen Wagnis mit geradezu subversiven Resultaten. In der unbeabsichtigten Entgleisung leuchtet verborgene Innenwelt auf. Ein aus den Tiefen des Unbewußten stammender Protest gegen die gesellschaftlichen Verhaltenszumutungen verschafft sich blitzlichtartig Luft.

Was sich im Getriebe des Alltags als Fehlleistung darstellt, ist in Wahrheit Manifestation eines nicht zu unterdrückenden Freiheitskampfes der Seele gegen die Zwänge des entfremdeten sozialen Mechanismus.

Selbst die bewußt angestrebte Unterwerfung stößt so an ihre Grenzen. Dafür weiß Freud zahllose Beispiele anzuführen, etwa wenn er die Geburtstagsfeier im Büro beschreibt, in welcher ein Belegschaftsmitglied den Toast ausspricht und die Kollegen dazu auffordert, auf das Wohl des Chefs aufzustoßen.1

Immer wieder bringt sich in derartigen Handlungen ein nicht zu korrumpierender Teil unseres Inneren prägnant zur Darstellung – auch gegen unseren bewußten Willen. Aus einer anarchistischen Perspektive können derartige tiefenpsychologische Interventionen in die Einförmigkeit der alltäglichen Lebensäußerung durchaus hoffnungsfroh stimmen: Am Ende besteht das Pathologische gerade in der von uns vorgefundenen Normierung des Alltagslebens. Nicht aber in der unwillkürlichen Abweichung vom Trott, die ganz im Gegenteil eine beachtliche Leistung unseres seelischen Apparates darstellt.

Der in uns schmorenden Befreiungsenergie durch bewußtes Experimentieren mit unserer eigenen Lebensgestaltung immer mehr einen Weg zu bahnen – Schritt für Schritt aus dem Dunkel der unbewußten Verdrängung hin zum Tageslicht der selbstbestimmten Tat – das wäre ein formidables Programm für mehr Anarchie im Alltag!

Interessante Anregungen und Bausteine hierzu finden sich nach meinem Empfinden auch heute noch bei dem us-amerikanischen Libertären Henry David Thoreau [1817 – 1862].

Nicht nur sein schriftstellerisches Werk, sondern auch seine ganze Persönlichkeit setzte Thoreau an das Bestreben, die individuelle menschliche Existenz als auszugestaltenes Kunstwerk der Selbstverwirklichung zu begreifen.

Zu diesem Zweck richtete Thoreau an jeden einzelnen seiner Zeitgenossen den zivilsationskritischen Appell, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und dem einfachen Leben näherzutreten. Seine 1854 verfasste Begründung ist bis heute von ungebrochener Aktualität geblieben:

»Die meisten Menschen, selbst in diesem vergleichsweise freien Lande, sind aus lauter Unwissenheit und Irrtum so sehr von künstlichen Sorgen und überflüssiger grober Arbeit in Anspruch genommen, daß die feineren Früchte des Lebens gar nicht von ihnen gepflückt werden können.« 2

Erst das Herausarbeiten aus den verinnerlichten Zwängen und kulturellen Manipulationen der bürgerlichen Leistungs- und Erwerbsgesellschaft kann einen authentischen Zugang zu dem eröffnen, was in jedem und jeder von uns in Richtung Freiheit drängt.

Diese Aufgabe will jeden Tag aufs Neue ergriffen sein. Die Strukturierung des individuellen Alltags als unablässiger Prozeß der immer wieder neu zu erringenden Selbstverwirklichung – so ließe sich Thoreaus Voluntarismus in Hinblick auf das Thema der heutigen Veranstaltung formelhaft zusammenfassen.

Dazu ist jeder Mensch frei, aber auch verantwortlich. Hierauf legt Thoreau besonderen Nachdruck. Er betont, daß wir in den allerseltensten Fällen nur durch die Umstände zum Beharren im Status Quo gezwungen sind. Die Behauptung, nichts ändern zu können, ist fast immer bloße Rechtfertigung für eigene Bequemlichkeit und Passivität. So bleibt aber die stets vorhandene Möglichkeit der Wahl eines Besseren unausgeschöpft. An dieser Verantwortung für das eigene Leben muß festhalten, wer sich nicht der bloßen Erduldung des Alltags ausliefern will. 3

Die Eroberung des Glücks ist nur über die bewußte Wahl und Auseinandersetzung mit sich selbst zu befördern. Allein auf diesem Wege kann ein Freiraum nach dem anderen geschaffen und zugleich die eigene Erpressbarkeit minimiert werden.

Und gerade der unbedingte Wille, sich nicht mehr erpressen zu lassen, ist Voraussetzung für Protest, Rebellion, Gehorsamsverweigerung und zivilen Ungehorsam. Daran hat uns vor drei Tagen der 50. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR nur zu deutlich erinnert.

All die großen und kleinen Autoritäten zählten schon immer darauf, daß uns das Lachen vergeht, sobald sie sich groß vor uns aufbauen und uns in ihren Amtsstuben verrechnen, observieren oder übersehen.

In aller Gelassenheit entgegnete ihnen Thoreau: »Laß nichts zwischen dich und das Licht treten. Respektiere die Menschen nur als Brüder.« 4

In diesem Sinne ist eine Revolutionierung des Alltags jederzeit möglich.

1 Vgl. Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum, [Fischer Taschenbuch Verlag] Frankfurt am Main, 298.-310. Tausend, 1974, S. 50.

2 Henry David Thoreau: Walden. Ein Leben in den Wäldern, [Gustav Kiepenheuer Verlag] Weimar 1964, S. 8.

3 Vgl. Stefan Kratsch: Menschen sollen wir sein, … nicht Untertanen, in: Graswurzelrevolution, 31. Jg., Nr. 274, Dezember 2002, S. 7.

4 Henry David Thoreau: Aus den Tagebüchern 1837 – 1861, [Tewes Verlasgbuchhandlung] Oelde 1996, S. 58.

4. Beitrag

I

Was ist Anarchie? Zunächst ist das ein verfassungsrechtlicher Begriff, wie Monarchie oder Polyarchie. An-Archie heißt aber nicht, dass es keine Verfassung gibt – denn irgendwelche Regeln gelten ja immer, schlimmstenfalls die des Faustrechts.

Sondern Anarchie bedeutet, dass es keine festen, absolut gültigen Verfassungsstrukturen gibt: alle Einrichtungen sind Werkzeuge, die begrenzten Zwecken dienen und jederzeit zur Disposition stehen.

Die Anarchie selbst ist nur ein »allgemeines Modell wandelbarer Strukturen« [Stowasser]. Die einzigen Regeln, die in einer Anarchie gelten, sind Regeln, welche den Pluralismus der Verfassungsformen garantieren sollen.

Verfassungsbegriffe werden allerdings von ihren Anhängern gerne zu Normbegriffen ausgeweitet. So war die Demokratie ursprünglich ein Staatsprinzip, während sie heute einen Bauplan für alle möglichen Institutionen darstellt; sie gilt sogar als »Lebensform«. Ebenso mit der Anarchie: man kann sich ausmalen, dass nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern alle Lebensverhältnisse libertäre Gestalt annehmen sollen.

II

Bedeutet Anarchie als Verfassung das Fehlen einer festen, unbedingt geltenden Ordnung, dann könnte Anarchie, übertragen auf den Alltag, entsprechend bedeuten: den Situationen des Lebens nicht mit bestimmten, dauerhaft festgelegten und als einzig angemessen und richtig geglaubten Strategien und Haltungen gegenüberzutreten.

Hierbei geht es nicht um Willkür, sondern um Unvoreingenommenheit, um die Präzision des Handelns in jeder Situation, welche mit starren Schemata nicht zu erreichen ist.

Verzichtet man auf Forderungen wie »Das darf nicht sein!« oder »Das muss aber!«, gewinnt man Unabhängigkeit von den äußeren Umständen des Lebens. Wer seine Haltung von der Situation her aufbaut und nicht Situationen an vorgegebenen Maßstäben beurteilt, kommt mit jeder Lage zurecht. [Und zwar nicht, indem man erfolgreich damit umgehen kann, sondern indem man auf das Dogma »Ich darf nicht scheitern!« verzichtet.]

Wer sich nicht länger auf die Furcht stützt, zu scheitern, es aber auch nicht nötig hat, diese Furcht nicht zu haben, für den ergibt sich die Chance, in jeder erdenklichen Lage die innere Zufriedenheit zu bewahren. Über diese Fähigkeit zu verfügen, nenne ich »Reife«. Niemand hat sie ganz, glaube ich, aber man kann sie mehr oder weniger haben, und je mehr man sie hat, desto besser geht es einem.

III

Ist dem nun aber so, dann ergibt sich als Folgerung, dass man die Anarchie als Verfassung um so weniger braucht, je mehr man die Anarchie als Lebensform im Alltag verwirklicht hat.

Sollten wir demzufolge nicht viel lieber, anstatt müßig herumzupolitisieren, die innere Zufriedenheit in allen Lebenslagen zu entwickeln versuchen?

Im Prinzip ja, aber die Anarchie als öffentliche Ordnung ist dennoch nicht ganz unnütz. Ich sehe drei Vorzüge:

Erstens: Anarchie verringert unnötiges Leiden. Niemand ist ganz reif und daher ärgert sich jeder in gewissem Maße mit autoritären Verhältnissen herum. Eine größere Chance, mit dem eigenen Dickkopf durchzukommen ist für die meisten Menschen durchaus wünschenswert.

Zweitens: die Anarchie bietet günstige Umstände, um Reife zu entwickeln.

Sie läßt den Menschen die Freiheit, ihren eigenen Unsinn zu machen und daraus zu lernen; sie nimmt ihnen weitgehend die Chance, ihr Unglück auf die Verhältnisse zu schieben. Und da in der Anarchie die öffentlichen Strukturen die Menschen weder auf Anpassung noch auf Autonomie festlegen, können sie beides ausprobieren und lernen, dass ihnen weder das eine noch das andere viel bringt.

Drittens: es gibt ja nicht nur den Alltag! Die alten Griechen entdeckten schon, dass der Freie Mensch sich gut fühlt, jedenfalls ein gehobenes Lebensgefühl besitzt, das der Untertan nicht kennt. In der Anarchie trägt es den Namen: über mir ist nur der leere Himmel.

Dieses Gefühl läßt sich im Alltag durchaus genießen, es kann ihm Leichtigkeit geben und die Möglichkeit, Freiheit tagtäglich zu zelebrieren.

5. Beitrag

Glücklichsein ist Ziel und Sehnsucht der Menschen überhaupt. »Der Mensch wird getrieben, beherrscht von der Sorge: wie werde ich glücklich?« [Ludwig Marcuse, »Meine Geschichte der Philosophie«, Diogenes Verlag]

Die Philosophie hatte sich schon in der Antike dieser Sehnsucht angenommen und sie nicht mehr losgelassen, bis in die heutigen Tage. Am Eingang zum berühmten Garten des Epikur war zu lesen: »Freunde, das ist ein guter Ort: hier wird nichts mehr verehrt als das Glück«. Für das Verhältnis von Tugend und Glück galt ihm: »Man ehre die Tugend, wenn sie zum Glück beiträgt; wenn nicht, gebe man ihr den Abschied.« Reicht ein solches Glücksgefühl, um den Pessimismus, für den Anlaß genug ist, immer neu zu überwinden und nicht zu resignieren? [Schopenhauer: »Leben ist Leiden« und der Schmerz eine »reinigende Lauge«.] Beeindruckend und tief begründet erscheint demgegenüber die aus einem Selbstfindungsprozeß resultierende Glückserfahrung, wie sie Gustav Landauer Karl Starkblom, seine Romanfigur in »Der Todesprediger«, erleben ließ: »Ich bin ein alter Mann, aber – das sage ich heute mit frohem Stolz – ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, ich bin wieder jung geworden, und ich empfinde mit der Jugend; nein, ich bin sogar ihr Vorgeschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten, und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es selber erringen wird, nein, die Freiheit des einzelnen, der kühn und unbesorgt allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum anderen, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort, nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann!«

Camus beschreibt diesen Zustand des Glücks: »Auf der Mittagshöhe des Denkens lehnt der Revoltierende die Göttlichkeit ab, um die gemeinsamen Kämpfe und das gemeinsame Schicksal zu teilen. Wir entscheiden uns für Ithaka, die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe. Unsere Brüder atmen unter dem gleichen Himmel wie wir; die Gerechtigkeit lebt. Dann erwacht die sonderbare Freude, die zu leben und zu sterben hilft und die auf später zu verschieben, wir uns fortan weigern.« Die innere Zerrissenheit wird überwunden, das seelische Gleichgewicht erreicht durch einen libertären Lebenssinn, Gleichheit – Gerechtigkeit – Freiheit – Ordnung ohne Herrschaft [ohne Hierarchie, ohne Staat, ohne Zentralismus / föderatives Prinzip] – ohne kapitalistische Wirtschaft, wer ohne Lebenssinn nicht leben kann, den machen sie glücklich, aber nur in der Einheit von Durchblick und Tat!

Die wesentlichen Ziele des Anarchismus geben Durchblick. Sie sind der Faden durch das Labyrinth der Lügen und Heuchelei. Es ist ein gutes Gefühl, sich nicht an der Nase herumführen lassen zu müssen, die Ursachen gesellschaftlicher Mißstände und Ungerechtigkeiten zu erkennen, das Glücksgefühl der Unabhängigkeit, einer gewissen Überlegenheit ohne Überheblichkeit zu erfahren.

Sie sind aber auch unabdingbar die Anleitung zur Tat. Der Gedanke an eine Revolution irritiert hier nicht, er gehört zum Kontext des Glücks. Die Revolution auch in unserer Zeit ist nicht undenkbar. Erinnert sei an die 1. Hälfte der revolutionären Ereignisse 1968 in Paris, die den Präsidenten Charles de Gaulle eine Flucht planen ließen. Sie könnten die Übereinstimmung von Ideal und Wirklichkeit bringen. Aber die Revolution gehört derzeitig nicht zum Kontext des Alltags, wohl aber die libertäre Subversion, die Veränderung in kleineren Schritten, Widerstand und Widerspruch.

Der Wirkungsbereich einer solchen Subversion, ist zunächst keineswegs mit Vorrang landesweit zu bemessen, sondern auf das eigene Umfeld einschließlich der Arbeitsstelle sowie auf die Kommune und die Region, wenn auch der sich immer mehr beschleunigende Globalisierungsprozeß Kontakte sogar über die Ländergrenzen hinaus erfordert. Anarchismus »im stillen Kämmerlein« reicht nicht einmal zum Trost, geschweige denn zum Glück. Bei Heuchelei, Opportunismus und Feigheit gehen die libertäre Gesinnung und die Selbstachtung vor die Hunde.

Zeichen sind zu setzen und durch Taten bzw. Unterlassungen auf den Punkt zu bringen. Auf diesem weiten Feld sei auf die Verweigerungshaltung hingewiesen. Sie hat bereits in der Geschichte ihre gewaltige Wirkung gezeigt und eine Kolonialmacht in die Knie gezwungen [Gandhi]. So ist es an der Zeit, den Legitimationsausweis dieses Systems, die Wahlen und ihre Ergebnisse, als geschickte Schummelpackung zu entlarven. Auf den Vorschlag eines Wahlboykotts sagte doch jemand, daß er jeden Einfluß des Wählers eliminiere, und unterstellt so, als ob es diesen Einfluß überhaupt gäbe. In ungelenken Schriftzügen stand an einer Häuserwand im Prenzlauer Berg: »Wählt nix, sie bescheißen jeden!«

Praktizierte Solidarität und gegenseitige Hilfe überwinden Existenzangst und bringen die Freude ins eigene Leben zurück. »Geld ersetzt menschliche Beziehungen. Wenn wir von der Tyrannei des Geldes loskommen wollen, müssen wir genau das einfach rückgängig machen: Ersetzen wir Geld durch unsere Beziehungen zueinander! Das geht ganz leicht und alltagsnah« [GWR Nov. 1999/243, Seite 12].

Zur Stabilisierung dieser Solidarität können systemüberwindende Einrichtungen in quasi exterritorialen Räumen beitragen, in denen die staatlichen Verwaltungen durch alternative Lebensformen ersetzt werden. Weltweit gibt es dazu vielfältige Modelle von Gemeinschaftsexperimenten, als Keimzellen einer nachkapitalistischen Gesellschaft?

Ein Resümee der weltweiten Entwicklung seit 1996 mit zunehmender Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit und Armut rechtfertigt und verlangt subversive Aktivitäten gerade auch der benachteiligten Bevölkerungsschichten.

6. Beitrag

Alltag und Anarchie. Wer träumt nicht einmal davon? Aber, aber … – Wir sind Gefangene des Systems, schrieb einmal Oskar Maria Graf in einer Buchvorstellung in den USA in den 50er Jahren.

Weit und breit – nix von sozialer Revolution. Und heute hier in der Bundesrepublik – ein Lacher. Allerdings glaubt man den Medien: Aufstand und Plünderungen im Irak. Na wer sind die Schuldigen???

Allerdings gibt es ein Land – nein nicht das … Es fängt gleichfalls mit A an – Argentinien – hier gibt es einen Tauschhandel, in dem mehr schlecht als recht 3 Millionen Menschen beteiligt sind.

Ja, ja, die Marxisten haben Recht, es hat noch keine Expropriation statt gefunden etc… Jedoch, ach wie, sie tun es und wissen oftmals selbst nichts von der anarchistischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts bis 1930. Schade, oder nicht?

Es gibt mehr als 100 besetzte Betriebe. Und es geht eben doch. Wie? Ganz ohne Chefs? Eine Textilfabrik, grossteil Frauen, hat’s zwei Jahre lang bewiesen. Bis sie vor kurzem von der Staatrepression geräumt wurde. Vor allem Einschüchterung? Nein, es geht weiter. Allerdings mit orthodoxen ML-Trotzkisten usw. Die Assembleas, die Stadtteilversammlungen werden durch deren Charakter ad absurdum geführt. Angeekelt vom Führungsanspruch der jeweils richtigen Partei bleibt die Bevölkerung jenen fern, zu Recht.

Es kommt noch besser. Vor einem Monat Präsidentschaftswahlen. Die traditionelle Linke mobilisiert alles. Die Rechnung erfolgt prompt: 3%! Vielleicht haben sie jenes Transparent, das in Argentinien Furore machte, nicht verstanden. Polemik – gewiss! Que se vayan todos! Sie alle sollen gehen! Sie, die PolitikerInnen, KapitalistInnen, Banker, Multis, … und auch die traditionelle orthodoxe Linke.

In jener Dezembernacht 2001, als die Regierung den Ausstand ausrief – riefen die Menschen zum Widerstand auf. Sicherlich, es kam vieles zusammen zur Empörung. Erstaunlich, ohne die allwissende Partei, ohne Durutti [selbstkritisch] … Die Leute gingen mehr oder weniger spontan auf die Straßen. Details bleiben ausgespart. Ohne Avantgarde, ohne die alleingültige Losung. Eines blieb bis heute, was die Menschen riefen: Ihr könnt gehen!

Da Argentinien eine Militärdiktatur hatte, ist auch die extreme Rechte [zum Glück] ohne Gehör. Ja, das Land am La Plata und Patagonien [lang ist es her; war mal ein libertärer Aufstand] ist in einer großen sozio-ökonomischen Krise. Aber noch lange keine Revolution.

Ins große Nachbarland Brasilien. Helmut Thielen, ein Sozialphilosophie-Professor, begleitet seit Jahren kritisch wohlwollend die Landlosen-Bewegung. Alles verläuft zäh und mühsam. Und die kleine Mehrheit, die durch gewaltfreien Widerstand ein kleines Stück Land erhielten, sind – wen sollte es wundern – keine RevolutionärInnen. Die Mehrheit sind so gesehen – zu 90% – MikrokapitalistInnen und so ist es weltweit. Selbst im großen Russland. Und wie p.m. und andere AnarchistInnen von dort berichten, überleben viele durch Stadt-Land Nahrungsanbau und Tausch. Ihnen Kommunismus oder Anarchismus anzubieten, ergibt ein abweisendes Händeschütteln.

Und hier? Viele hoffen noch auf die [un]soziale Marktwirtschaft. Oder gar schlimmer auf einen neuen Führer?! Ja, es gibt die Mikroinseln wie Projekt A in Neustadt, Kommune Luther, die Kommune Niederkaufungen, die anarchosyndikalistische Initiative FAU, die Bibliothek der Freien – alles das Sprengsel innerhalb des neoliberalen Kapitalismus. Wer denkt nicht an das Mekka Spanien, und doch hier ist heute das Konsummodell das noch bestimmende.

Also aus der Traum, wie »Ton Steine Scherben« einst sangen? Wie würde doch der »Oberlehrer Maximo Anarchico« sagen: Ein langer dorniger Weg, oft mit Rückschlägen, Verfehlungen, Hoffnungslosigkeit steht an. Was bleibt anderes übrig. Weiter die Schritte, derer vielen es bedarf zu gehen. Viele, vielleicht auch einige hier, erwarten zu viel!

Doch vor dem Haben – wie der Psychoanalytiker Fromm schrieb – ist das Sein. Das Klassenbewusstsein ist wohl berechtigt, doch diskreditiert. 1923: Zwei Personen. Auf einem internationalen Treffen von KP-Vertretern sagte in Moskau Victor Serge seinem französischen Genossen: Hier herrscht nicht die Arbeiterklasse, sondern die Partei über die Arbeiterklasse. Gleichfalls sinngemäß Max Nettlau. Mögen sie, die Bolschewiki gewonnen haben mittels Repression usw. Eines Tages wird sich diese »Sieg« rächen. Dies ließ 70 Jahre auf sich warten.

Und 1968? Kaum war die schwarze Fahne in Frankreich zu sehen, »erblühten« die roten. Untereinander noch zerstritten sie sich in der berüchtigten K-Gruppen-Zeit. Die Sieger waren hier die Grünen. Linke Geschichte ist halt eben nicht immer emanzipativ. Denn bekannt ist heute der Spruch: Wer hat uns verraten – die Sozialdemokraten. Und wer war dabei – die grüne Partei!

Stellt sich nur die Frage: Wie viele solcher vermurkster Experimente müssen noch folgen? Tja, wie wäre es denn mit dem – immer wieder – »neuen« Bewusstsein der Freiheit. Zynisch, nicht mit dem Lichtschalter, der Mode, der 100%-Bewegung, dem Mythos, der Wissenschaft, der »es muss sofort-sogleich und immer richtig Vision« entsprechen.

Die Offenheit ist eben verbunden mit Unwägbarkeiten. Selbst das Glück ist nicht ewig! Ja selbst, was Glück ist – ist eben offen. Deshalb muss Anarchie nicht alles sein. Doch die Eroberung des Glücks ist in ihr enthalten – jenseits von Licht und Schatten.

Somit zum Schluss der »Herr Oberlehrer« – welch‘ Zyniker – die Wirklichkeit kann und soll sich dem »Ideal« annähern. In diesem Sinne – ES LEBE DAS GLÜCK bzw. DIE FREIHEIT. Mit anderen Worten: DIE ANARCHIE.

Diesen Beitrag kann man auch bei unseren Partner diskutieren: AnCaps.de

Written by floriangrebner

16. April 2011 at 19:08

Veröffentlicht in Ethik

P.J. Proudhon (1809–1865) und seine Ideen

leave a comment »

Von Peter Kroptokin

Aus: P.Kropotkin Die Entwicklung der anarchistischen Idee, Berlin o.J., Verlag Der
Syndikalist, nach Libertad Verlag, anarchistische Texte 3.

„Hier, sage ich Ihnen, unter dem Säbel Bonapartes, unter der Zuchtrute der Jesuiten und dem
Kneifer der Polizei, ist es, wo wir an der Emanzipation des Menschengeschlechts zu arbeiten
haben. Es gibt für uns keinen günstigeren Himmel, keine fruchtbarere Erde.“ Pierre-Joseph
Proudhon (1852)

Wenn man schon bei Fourier die Keime der anarchistischen Ideen findet, muß man doch bis
auf Proudhon kommen, um einen Schriftsteller zu finden, der den Mut hatte, das Kapital und
den Staat offen anzugreifen und die Idee der Anarchie, so wie wir sie heute verstehen zu
formulieren. Proudhon tat dies von 1840 angefangen in seinem Werk, das ein Ereignis für
ganz Europa war. Sogar der Titel seines Werkes: Was ist das Eigentum? Oder
Untersuchungen über die Grundsätze des Rechts und der Regierungen, war schon ein
Programm. Nachdem er bewies, daß das Eigentum bloß eine Form des Raubes, der
Plünderung und des Diebstahls ist, zeigte Proudhon, daß eine Haupt folge des Eigentums der
Despotismus ist. Auf die Frage: „Welche Form der Regierung ziehen Sie vor“, antwortete er
geradeheraus: „Gar keine!“ – „Was sind Sie denn?“ – „Ich bin Anarchist. Obwohl sehr ein
Freund der Ordnung, bin ich in vollster Bedeutung des Wortes Anarchist.“ – „So wie der
Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in
der Anarchie“, fügte er hinzu.
Die Anarchie, die Abwesenheit der Herrschaft, dies ist die Form der politischen Organisation,
welcher die heutigen Gesellschaften notwendigerweise entgegengehen. Niemand ist souverän.
„Ob wir wollen oder nicht, sind wir verbündet.“ Da jede menschliche Arbeit das Ergebnis
einer vereinigten Kraft ist, da jedes Werkzeug bereits die Frucht vereinigten Denkens und
vereinigter Arbeit darstellt, so muß das Eigentum gemeinschaftlich sein. Ein Mensch oder
eine Gruppe kann nur im zeitweiligen Besitz des Bodens und des von der Gesellschaft
aufgehäuften natürlichen Reichtums und der Produktionsmittel sein. Und da jeder Austausch
auf der Gleichwertigkeit der ausgetauschten Sachen oder Dienste aufgebaut sein muß, „ist der
Profit ungerecht.“ Das einzige Mittel, diese Gleichwertigkeit zu erlangen, besteht nach
Proudhon’s Meinung darin, den Wert eines jeden Erzeugnisses durch die Zahl der
Arbeitsstunden zu messen, welche bei einem gegebenen Stand der Technik verwendet worden
sind, um dasselbe zu erzeugen: – die Arbeitsstunde eines jeden Mitgliedes der Gesellschaft
wird dabei als gleichwertig mit Jener eines anderen Mitgliedes angenommen.
Wenn die Gesellschaft sich nach diesem Grundsatz organisiert – wenn die freien
Verbindungen zwischen den Gruppen der Produzenten und Konsumenten, das gleiche Recht
aller auf die Produktionsmittel und der gerechte Austausch aufrechterhalten wird – dann wird
die Regierung der Menschen über andere Menschen zur unnotwendigen Bedrückung. Die
höchste Vollendung der Gesellschaft würde in der Vereinigung der Ordnung mit der Anarchie
– dem Fehlen jeder Regierung – bestehen.
Diese Grundideen bilden bis heute das Wesen der Gedankenrichtung, die wir Anarchie
nennen. Später entwickelte Proudhon die Nutzanwendung aus der mißglückten Revolution
von 1848 ziehend, die Grundsätze der Anarchie ausführlicher, besonders in seinen zwei
Werken: Allgemeine Ideen der die Revolution im neunzehnten Jahrhundert (geschrieben
im Gefängnis, erschienen 1851) und Bekenntnisse eines Revolutionärs (1849). Er unterzog
in diesen alle Vorschläge, die darauf abzielten, das System der Regierung durch das
Referendum, das „bindende Mandat“ usw. zu neuer Kraft zu verhelfen, einer scharfen Kritik,
unter dem Namen „Mutalismus“ entwickelte er ausführlich seine Ideen über den Austausch
und die Entlohnung der Arbeitmittels „Arbeitsnoten“, welche die Arbeitsstunden darstellen
würden, die ein jeder der Produktion und den öffentlichen Dienstleistungen gewidmet hat und
die durch eine Nationalbank ausgezahlt werden würde.
Er machte sogar einen Versuch zur praktischen Organisierung dieses Austausches mittels
Arbeitsscheinen, die von seiner Volksbank eingelöst wurden. Natürlich schlug dieser
Versuch, der notgedrungen in kleinem Maßstab gemacht wurde, fehl und bewies dadurch
wiederum, daß jeder Versuch einer teilweisen Reformierung der wirtschaftlichen Grundlagen
der Gesellschaft von vornherein dem Mißerfolg geweiht ist. Nicht weil er in Kleinem
geschieht, sondern weil solange es Millionen von Menschen gibt, die gezwungen sind, ihre
Arbeitskraft und ihre persönliche Unabhängigkeit unter dem Zwang des Hungers zu
verkaufen, das Kapital immer jene Macht zur wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen
Herrschaft bleiben wird, die es heute ist.

Diesen Artikel kann man auch bei unseren Partnern diskutieren AnCaps.de

Written by floriangrebner

14. April 2011 at 11:59

Veröffentlicht in Ethik, Geschichte

Libyen: Ein Schwein im Sack?

with one comment

Von Kevin Carson (Englisch) ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner

Ein paar beunruhigende Fakten oder zumindest ein paar beunruhigende Fragen fangen an bezüglich Obamas Libyen Intervention aufzutauchen.

Zunächst einmal berichtete die Asia Times am 2. April (Exposed:  The U.S.-Saudi Libya Deal“) darüber, dass Saudi Arabien in der Arabischen Liga einen Block organisierte um die amerikanische Intervention billigen zu lassen. Im Gegenzug erhielten die Saudis von Obama freie Hand beim eingreifen in Bahrain und beim zerschlagen der Pro-Demokratie Bewegung in diesem Land, welche für die konservativen Monarchien am Golf so beunruhigend ist.

Im Gegensatz zum Mythos, das die Arabische Liga Obamas Intervention gebilligt hat, enthielten sich die Hälfte der Mitglieder der Stimme. Die Mitglieder, die für sie gestimmt haben, waren überproportional im Einflussbereich von Saudi Arabien. Obama bekam das Ergebnis das er wollte, weil die Saudis ihre Kindchen hinzugezogen haben.

Demnach zeigt CNN all die lächelnden Menschen, die V für Victory Zeichen in Bengasi machen, während der König von Bahrain den Ausnahmezustand benutzt um die Pro-Demokratie Bewegung mit der Hilfe von 2.000 saudischen Truppen, zu unterdrücken. Darüber gibt es keinen rührseligen CNN Bericht und keine große öffentliche Anprangerung durch das Außenministerium. Weißt du warum? Weil Bahrain eine befreundete Regierung ist und die Bewegung, die sich gegen die Regierung richtet, zum Großteil aus Schiiten besteht und dies in einen Gebiet wo Iran als Haupt“problem“ angesehen wird.

In Noam Chomskys Terminologie würde man sagen, dass die bahrainischen Demonstranten keine „würdigen Opfer“ sind. Sie werden nicht von einen radikalen Schurkenstaat vernichtet, der in Konflikt mit der U.S. Außenpolitik geraten ist. Eher sind sie eine Unannehmlichkeit für eine Regierung, die weiß wie man mit Washington zusammen spielt. Daher sind sie entbehrlich.

Vielleicht ist es so eine Sache wie der Pressesprecher vom Weißen Haus meinte als er davon sprach, dass Wikileaks den Versuch der USA untergräbt „Demokratie und transparente Regierung zu verbreiten“.

Zweitens, Thomas Mountain von Counterpunch (“Bombing Libya,” March 23) wirft ein paar unangenehme Fragen bezüglich der Bengasirebellen auf. Bengasi, die Stadt in Libyen die am nächsten an Italien ist, ist seit Jahren ein Zentrum des Menschenhandels aus dem subsaharischen Afrika gewesen. Im Durchschnitt passierten etwa Tausend Schwarzafrikaner Bengasi mit der Hoffnung nach Europa flüchten zu können. Demnach war Bengasi der Sitz einer extrem komplexen Gang, die den Menschenhandel kontrollierte, viele von ihnen beuteten ihr menschliches Gepäck so rücksichtslos wie die „Koyoten“ an der amerikanisch-mexikanischen Grenze aus. Gaddafis Regierung versuchte seit Jahren, behauptet Mountain, ohne Erfolg diesen Handel zu unterdrücken. Infolgedessen ist die kriminelle Unterwelt von Bengasi ein Hauptunterstützer der Rebellen.

Bengasi ist ebenfalls ein zu Hause für eine große Anzahl an schwarzafrikanischen Gastarbeitern, die die Arbeit tuen, die die Libyer als „schmutzig“ empfinden. Die einheimische Jugendlichen, welche sich weigert solche Jobs anzunehmen, sind häufig arbeitslos und faulenzen. Also schließen sie sich einer der Jugendgangs, die sich der rassistischen Schikane von schwarzafrikanischen Gastarbeitern anschließt, an. Diese missmutige Jugend war im Herzen der Protestbewegung.

Dies wirft einige Fragen auf bezüglich des berichteten Massakers an Schwarzafrikanern durch das bengasische Militär – angeblich weil Gaddafi Schwarzafrikaner als Söldner anheuerte – nicht wahr? Ich weiß nicht ob Thomas Mountains Schilderung korrekt ist, aber es sollte uns zumindest dazu zwingen zwei mal nachzudenken wenn wir jemanden wie Ed Schulz auf MSNBC die Libyer als „Freiheitskämpfer“ bezeichnen hören.

Demnach heißt es wieder einmal: Immer nach dem Mann hinter dem Vorhang schauen.

Written by floriangrebner

12. April 2011 at 13:57

Die Trommeln des Krieges

with one comment

von David D’Amato (Englisch), ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner. Englische Erstveröffentlichung hier

In einer Ansprache, die die Luftangriffe auf Libyen durch die USA und ihrer Verbündeten zum Thema hat, sagte Präsident Obama, dass das Scheitern zu handeln „ein Verrat an uns selbst wäre“, dass ein Massaker in dem Land „das Gewissen der Welt beflecken“ würde. Jedes mal wenn die Elite der Außenpolitik des Imperiums anfängt davon zu reden, dass sie „einen Partner in der Region entwickeln wollen“ oder die – in Obamas Worten – „wichtigen strategischen Interessen“ einer Intervention hervorhebt, steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit in ihren Kriegspredigen

Es ist sicherlich im Interesse des amerikanischen Staates und seiner Mädchen für alles, die überall auf der Welt verteilt sind, die Chance zu nutzen das Regime von Gaddafi durch jemanden zu ersetzen, der sie mehr ergänzt, mit einer leeren Leinwand wodurch die Voraussetzung für Etatismus, korporativer Kapitalismus, verwirklicht werden kann. Die heutige Intelligenz des Imperiums, Personen wie Richard N. Haass vom Council on Foreign Relations, können nicht anders als Hinweise auf die Wahrheit zu geben, dass es überhaupt nichts „humanitäres“ an der Intervention des U.S. Militär gibt; er sagt, bezüglich der Militär Aktion in Libyen, dass insoweit „Libyen nur 2% der weltweiten Ölproduktion ausmacht“ U.S. Interessen zweifellos weniger schwerwiegend sind. Wodurch er das Kalkül, das die Entscheidungen der da oben bezüglich Außenpolitik charakterisiert, auf den Bildschirm bringt.

„Wir machen die Welt sicher für die Demokratie“ hatte immer nur geheißen sie sicher zu machen für die Interessen der herrschenden Klasse; die Ressourcen – sowohl natürliche auch als menschliche – welche durch neue Grenzen sperrangelweit mit der Brechstange der US-Streitkräfte verschlungen wurden. Und nachdem Gaddafi schon lange weg ist werden die Libyer, die sich den in den Weg stellen, merken wie sehr die Vereinigten Staaten ein „Advokat für menschliche Freiheit“ sind. Obwohl die angeblichen Gründe für die U.S. Reaktion bezüglich Libyen, die vom Präsidenten dargestellt werden, „Zivilisten zu beschützen“ und „Massaker zu verhindern“ sind, werden diese Anliegen auffallend oft täglich von den U.S.A. Im Irak, Afghanistan oder Pakistan missachtet.

Wir können sicher sein, dass das Wesentliche der U.S. Militärpräsenz in Libyen das Sprießen von neuen „Tötungsteams“ wie die nun berüchtigte Bravo Company in Afghanistan sein wird. Und wenn dies geschieht können alle Amerikaner Erschütterung darüber heucheln, dass Menschen nachdem sie zu Teilnahmslosigkeit bezüglich des menschlichen Lebens trainiert wurden, trainiert wahllos zu töten wenn die Befehlskette es befehlt, Zivilisten töten würden. Stell dir das mal vor. In einer Zeile seiner Rede, die eine Beleidigung der Intelligenz jedes U.S. Einwohners ist, beschämte der Präsident Nationen, die „ein Auge bei Gräueltaten in anderen Länder zudrücken“ könnten.

Anscheinend hat er den Eindruck, dass wir total vergesslich sind bezüglich des Aufhäufens von Leichen Unschuldiger (durch die Army) auf den Schlachtfeldern des Imperiums. Solang der „Anker der globalen Sicherheit“ abschlachtet, man denke an die Sanktionen des U.N. Sicherheitsrates und die Beipflichtung „unserer internationaler Partner“, wird der ganze Prozess durch die Liturgie des Imperiums geheiligt.

Die amerikanische Sorte des korporativen Kapitalismus, welcher selbst ein Kampf ist gegen die Leistungsfähigkeit im Gegensatz zum freien Markt, trägt zu jeder Zeit eine natürliche Neigung zum Krieg mit sich herum. Seit der Wohlstand der herrschenden Klasse nicht (und tat es nie) auf der natürlichen Neigung von freiwilligen Austausch oder freien Wettbewerb basiert, muss es sich auf die weitere Enteignung verlassen um seine erzwungene Größe beibehalten zu können Ein Anlass zum Plündern kann daher nie ungenutzt bleiben und jedes Zeitfenster welches es ermöglicht ein neues Gebiet einzuverleiben muss untersucht werden. Das ungesagte Ziel ist immer, wie Murray Rothbard sagte, neue „Nebeneinkünfte und Privilegien“ zu haben um sie „aufzuteilen… in der gemischten Wirtschaft des Wohlfahrts-Kriegs Staats Monopolkapitalismusses.“

Dieser Beitrag kann auch bei unseren Partner diskutiert werden AnCaps.de

Written by floriangrebner

10. April 2011 at 14:39

Veröffentlicht in Ethik, Freiheit, Militarismus, Recht vs. Staat

Die Anarchistische Spannung

leave a comment »

Von Alfredo M. Bonanno

Erschien bei:
Koordinationsstelle internationale anarchistische Schriften
Selfproduktion
Übersetzung als Solidaritätsbeitrag für alle von der repressiven Konstruktion Marini betroffenen AnarchistInnen.
Gewidmet an Roberto Nano und Guido Mantelli
August 1997

Wenn ich zu sprechen beginne, komme ich immer schnell in Verlegenheit, zumindest am Anfang. Diese
Verlegenheit steigert sich, wenn es sich um eine Veranstaltung handelt, die irrtümlich Konferenz genannt wird
bzw. als Konferenz-Debatte getarnt ist. Schliesslich handelt es sich um einen Diskurs, der von jemandem gehalten
wird, der von ausserhalb kommt, womöglich noch aus einer anderen Generation stammt und einem auf den Kopf
regnet. Jemand, der auf dieses Pult steigt, eine Rede hält und somit auf komische und gefährliche Weise wirkt wie
jemand, der für seine eigenen Zwecke auf euch einhämmert. Wenn ihr jedoch etwas aufpasst, liegt zwischen
diesem äusseren Aspekt und den Konzepten, die nun folgen werden, ein bemerkenswerter Unterschied.
Das erste dieser Konzepte besteht aus der folgenden Frage: was ist der Anarchismus? Und da ich mit Gewissheit
weiss, weil ich sie persönlich kenne, dass hier viele Anarchistinnen anwesend sind, ist es wohl komisch, dass ich in
diesem Moment so ein Problem anspreche. Eigentlich sollten die Anarchistinnen ja wissen, was der Anarchismus
ist. Trotzdem wäre es nötig, jeden Diskurs mit der Frage zu beginnen: was ist der Anarchismus? Warum?
Normalerweise stellt sich diese Frage in anderen Lebensformen, anderen Aktivitäten, anderen Gedankenwegen
nicht. Wer sich als etwas definiert, davon geht man zumindest aus, weiss auch, was diese Definition bedeutet.
Nun, die Anarchistinnen hingegen stellen sich immer das Problem: was ist der Anarchismus? Was bedeutet es,
Anarchistinnen zu sein? Warum? Weil er keine Definition ist, die, wenn sie einmal gefunden wurde, in einem
Tresor aufbewahrt werden kann, die beiseite gelegt werden und als Patrimonium betrachtet werden kann, aus
dem sich nach und nach etwas schöpfen lässt. Anarchistinnen zu sein bedeutet nicht, eine Gewissheit erreicht zu
haben und ein für allemal zu sagen: „Ja, ich besitze von diesem Moment an die Wahrheit, und somit bin ich
zumindest von der Idee her eine Privilegierte oder ein Privilegierter“. Wer so denkt, ist nur mit den Worten
Anarchistin. Anarchistinnen sind Individuen, die sich wirklich als solche in Frage stellen, also als Person, und sich
fragen: was ist mein Leben in Funktion dessen, was ich mache, Und in Relation zu dem, was ich denke? Was für
eine Beziehung habe ich alltäglich zu all den Sachen, die ich mache, was mache ich, um Anarchistin zu sein, also
um mich im Alltag nicht auf Übereinkommen, kleine Kompromisse usw. einzulassen?
Der Anarchismus ist also kein Konzept, das mit einem Wort festgenagelt werden kann, wie die Tafel eines
Grabsteines. Er ist keine politische Theorie. Er ist eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung, und das Leben,
egal wie jung oder alt wir sind, ist keine definitive Sache: es ist eine Wette, die wir Tag für Tag neu abschliessen
müssen. Wenn wir in der Früh aufstehen, brauchen wir einen guten Grund, um aus dem Bett zu kommen, haben
wir diesen nicht, egal ob wir Anarchistinnen sind oder nicht, hat es keinen Sinn aufzustehen. Also wäre es besser
im Bett zu bleiben und weiterzuschlafen. Um einen guten Grund zu haben, müssen wir wissen, was wir tun, denn
für den Anarchismus, für die Anarchistinnen gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was zu tun ist und dem,
was man denkt, sondern es gibt ein ständiges Zusammenfliessen zwischen der Theorie und der Aktion und
umgekehrt. Und das ist es, was die Anarchistinnen von anderen Personen unterscheidet, die eine andere
Lebensauffassung haben und diese Lebensauffassung über den politischen Gedanken kristallisieren, daraus eine
politische Praxis und eine politische Theorie machen.
Und dies wird normalerweise nicht gesagt, es ist in keiner Zeitung zu lesen, in keinem Buch und wird in jeder
Schule verschwiegen. Denn dies ist das Geheimnis des Lebens: nie definitiv eine Trennung zwischen Gedanken und
Aktion machen, zwischen den Sachen, die man weiss, und denen, die man versteht, den Sachen, die man tut, und
den Sachen, über die wir agieren. Das ist der Unterschied zwischen einem politischen Menschen und einem
revolutionären anarchistischen Menschen. Nicht die Wärter, die Konzepte, und gesteht es mir zu, unter einigen
Aspekten nicht mal die Aktionen, nicht einmal die radikalsten Aktionen, die sich durch den Angriff äussern,
drücken diesen Unterschied aus. Der Unterschied liegt auch nicht in der Richtigkeit des ausgewählten
Angriffsziels, sondern es ist die Art und Weise, was die Genossinnen, die diese Aktionen verwirklichen,
charakterisiert, was sie bedeuten, wie die Aktion mit dem Leben, dem Lebensgefühl, der Freude, dem Wunsch, der
Schönheit der Genossinnen, die sie durchführen, in Verbindung steht. Also handelt es sich nicht um eine
praktische Angelegenheit ihrer Verwirklichung, eine hartnäckige Durchführung eines Fakts, der sich auf tödliche
Weise in sich selbst abschliesst und der dazu bringt sagen zu können: „ich habe heute diese Sache getan, weit weg
von mir selbst, an der Peripherie meiner Existenz.“
Nun, dies ist ein Unterschied. Und aus diesem Unterschied entsteht ein anderer, der meiner Ansicht nach
bemerkenswert ist. Wer denkt, dass die Sachen, die zu tun sind, ausserhalb seiner selbst stehen und sich in
Erfolgen und Misserfolgen messen lassen – was soll’s, das Leben ist wie eine Leiter, man geht ein Stück aufwärts
und ein Stück abwärts, es gibt Zeiten, da geht alles gut, in anderen alles schief – nun, es gibt Leute, die denken,
dass das Leben aus solchen Sachen besteht: zum Beispiel die klassische Figur der demokratischen Politikerinnen
(um Himmelswillen, eine Person mit der man diskutieren kann, die eine sympathische Art hat, tolerant ist,
permissive Aspekte aufweist, die an den Fortschritt glaubt, an die Zukunft, an eine bessere Gesellschaft, an die
Freiheit), so, diese Person, die sich so gibt, die keinen Anzug und keine Krawatte trägt sondern casual kleidet, eine
Person, die aus der Nähe betrachtet eine Genossin sein könnte oder das gar von sich behauptet, diese Person
könnte genausogut eine Polizistin sein, das ändert überhaupt nichts. Warum nicht? Es gibt demokratische
Polizistinnen. Die Zeit der einheitlichen Repression ist vorbei, heute hat die Repression sympathische Aspekte, sie
unterdrückt uns mit vielen glänzenden Ideen. Nun, diese Person, diese demokratische Person, wie können wir sie
charakterisieren, sie individualisieren, wie können wir sie sehen? Und wenn sie uns ein Tuch vor die Augen
hängen würden, um zu vermeiden, dass wir diese Person sehen könnten, wie können wir uns vor ihr schützen? In
dem wir sie über den folgenden Fakt identifizieren: für diese Person ist das Leben von der Realisierung bestimmt,
ihr Leben besteht aus Fakten, aus quantitativen Fakten, die sich vor ihren Augen abspulen, und aus nichts
anderem.
Wenn wir mit jemanden sprechen, können wir nicht einen Mitgliedsausweis verlangen. Oft passiert es uns, dass
uns die Ideen einer Person in ziemliche Verwirrung führen und wir gar nichts mehr verstehen, denn wir sind alle
sympathische und progressive Rednerinnen, alle lobpreisen wir die Schönheit und Toleranz usw. Wie aber können
wir bemerken, dass wir vor uns den schlimmsten Feind haben? Denn gegen den alten Faschisten konnten wir uns
zumindest wehren, schlug er uns, so schlugen wir, wenn wir gut im Schlägern sind, noch heftiger zurück. Nun hat
sich die Angelegenheit verändert, die ganze Situation hat sich verändert. Heute so einen richtigen faschistischen
Schlägertypen zu finden, kann sogar schwierig werden (A.d.Ü. es muss immer bedacht werden, dass der Autor von
Italien ausgeht und nicht von Deutschland!). Aber dieses Subjekt, das wir gerade versuchen zu beschreiben, diese
Demokratinnen, die finden wir in allen Bereichen: in der Schule oder im Parlament, auf der Strasse oder in der
Uniform eines Polizisten, als Richterin oder Ärztin. Dieses Subjekt ist unser Feind, denn es bewertet das Leben
anders als wir, denn für es ist das Leben ein anderes Leben, es ist nicht unser Leben, denn wir stellen für dieses
Subjekt eine Art Marsmenschen dar, und ich sehe keinen Grund dafür, dieses Subjekt so zu bewerten, dass es auf
unserem Planeten leben könnte. Dies ist die Linie, die uns von ihm trennt, denn seine Lebensauffassung besteht
aus quantitativer Natur, denn dieses Subjekt bemisst das Leben nach Erfolgen, oder wenn ihr wollt, auch nach
Misserfolgen, aber auf alle Fälle immer aus einem quantitativen Blickpunkt, und wir bemessen es auf eine andere
Art, und über das sollten wir nachdenken: auf welche Art hat für uns das Leben etwas anderes, etwas anderes im
qualitativen Sinne?
Nun, diese Person die uns scheinbar wohlwollend gegenübersteht, überfällt uns jedoch mit einer Kritik und sagt:
„ja, die Anarchistinnen sind sympathische Leute, sie sind jedoch unbeschlossen, was haben sie je in der Geschichte
gemacht, welcher Staat war jemals anarchistisch? Haben sie jemals eine Regierung ohne Regierung realisiert? Ist
denn eine freie Gesellschaft, eine anarchistische Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Macht, denn kein
Widerspruch in sich?“ Und diese Masse von Kritik, die auf uns geschleudert wird, hat sicherlich eine grosse
Dimension, denn effektiv auch in den Fällen, in denen die Anarchistinnen sehr nahe an der Verwirklichung ihrer
Utopien einer freien Gesellschaft waren, wie z.B. in Spanien oder in Russland, waren diese Verwirklichungen,
wenn man sie genau prüft, ziemlich diskutierbar. Sicherlich, es waren Revolutionen, aber es waren keine
libertären Revolutionen, es waren keine anarchistischen Revolutionen.
Also, wenn uns diese Damen und Herren sagen: „Ihr seid Utopisten, ihr Anarchisten macht euch Illusionen, euere
Utopie lässt sich nicht realisieren“, dann müssen wir antworten: „Ja das stimmt, der Anarchismus ist eine
Spannung und keine Realisierung, er ist kein konkreter Versuch, morgen vormittag die Anarchie zu realisieren“.
Wir müssen aber auch fähig sein zu sagen: „Aber ihr geehrten demokratischen Damen und Herren, die ihr an der
Regierung seid, in den Universitäten, in den Schulen usw., ihr Damen und Herren, was habt ihr denn realisiert?
Ein Welt, die es wert wäre, in ihr zu leben? Oder eine Welt, geprägt von Tod, eine Welt, in der das Leben eine platte
Tatsache ist, qualitätslos, bedeutungslos, eine Welt, in der, wenn man ein gewisses Alter erreicht, um in Rente zu
gehen, sich fragt: „Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Was für einen Sinn hat es gehabt, diese vielen Jahre
zu leben?“
Das ist es, was ihr realisiert habt, das ist eure Demokratie, aus was besteht euer Konzept des Volkes? Ihr regiert ein
Volk, aber was soll „Volk“ denn eigentlich heissen? Was ist dieses Volk? Ist es vielleicht der kleine Teil, der zum
Wählen geht, der für euch wählt und eine Minderheit nominiert, diese Minderheit dann eine noch kleinere
Minderheit wählt, die uns dann im Namen des Gesetzes regiert? Und diese Gesetzte, was sind die anderes, als der
Ausdruck der Interessen einer Minderheit, die spezifisch daraus ausgerichtet ist, die eigenen Perspektiven der
Bereicherung und der Verfestigung der Macht zu erreichen?
Ihr regiert im Namen einer Macht, einer Kraft, von woher kommt die denn? Von einem abstraktem Konzept. Ihr
habe eine Struktur realisiert, von der ihr denkt, sie könnte verbessert werden … aber wie, auf welche Art wurde
sie in der Geschichte verbessert? Dies ist die Kritik, die wir den UnterstützerInnen der Demokratie vorwerfen
müssen. Wenn wir Anarchistinnen utopisch sind, dann sind wir es, weil wir eine qualitative Spannung haben;
wenn die Demokratinnen utopisch sind, dann sind sie es weil sie einer Reduzierung folgen, die zur Quantität führt.
Und dieser Reduzierung, der das Ziel des möglichst minimalen Schadens für sie und des grösstmöglichen Schadens
für die Mehrheit, die dadurch ausgebeutet wird, innewohnt, dieser elenden Wirklichkeit stellen wir unsere Utopie
entgegen. Diese ist zumindest eine Utopie der Qualität, eine Spannung, die auf eine andere Zukunft ausgerichtet
ist, etwas radikal Anderes, als das, was wir heute erleben.
Also alle diese Diskurse, die irgendwer an euch richtet, der im Namen des politischen Realismus spricht, ob es die
Staatsmänner sind, die Professorinnen, die Diener der Staatsmänner sind, die Theoretikerinnen, die
Journalistinnen, alle Intellektuellen, die sich in Universitätsräumen wie diesem aufhalten, wenn sie kommen und
mit ruhigen und toleranten Worten des realistischen Menschen reden und behaupten, dass man eh nichts ändern
kann, dass die Wirklichkeit diese ist und man sich damit abfinden muss, dass Opfer gebracht werden müssen, nun,
diese Leute betrügen euch. Sie betrügen euch, denn wahr ist, dass man was anderes machen kann, denn wahr ist,
dass sich jede/r von uns auflehnen kann und dies im Namen ihrer/seiner eigenen verletzten Würde, denn es ist
wahr, dass jedem Menschen bewusst werden kann, dass er betrogen wird und sich somit betrogen fühlt, denn
endlich wird es ihm/ihr bewusst, was zu seinem Nachteil getrieben wird. Und durch die Auflehnung kann jeder
Mensch, mit allen Begrenzungen, die auftreten können, nicht nur die Wirklichkeit verändern, sondern sie/er kann
auch ihr/sein eigenes Leben verändern, sie/er kann sich ein würdiges Leben schaffen, sie/er kann morgens
aufstehen, die Füsse auf den Boden stellen, in den Spiegel schauen und sagen: „Endlich habe ich es geschafft, die
Dinge zu verändern, zumindest diejenigen, die mich betreffen“. Somit kann er sich als Mensch fühlen, der ein
würdiges Leben lebt und nicht wie eine Marionette, deren Fäden von einem Marionettenspieler gezogen werden,
der nicht sichtbar genug ist, um ihm ins Gesicht spucken zu können.
Das ist der Grund, warum die Anarchistinnen immer wieder darüber reden, was der Anarchismus ist. Denn der
Anarchismus ist keine politische Bewegung. Er ist auch das, aber nur als zweitrangiger Aspekt. Die Tatsache, dass
die anarchistische Bewegung sich historisch als politische Bewegung vorstellt, bedeutet nicht, dass der
Anarchismus als politische Bewegung seine existierenden anarchistischen Potentiale damit erschöpft. Der
Anarchismus besteht nicht nur aus den Gruppen aus Cuneo, Turin, London und vielen anderen Städten. Das ist
nicht der Anarchismus. Sicherlich, dort befinden sich die anarchistischen Genossinnen, und dort, das würde ich
mir zumindest wünschen oder zumindest davon ausgehen können, befindet sich auch die Genossin oder der
Genosse, der schon mit seinem eigenen Aufstand begonnen hat. Also das Bewusstsein erreicht hat, in was für
einem Zwangskontext er gezwungen ist zu leben. Der Anarchismus ist nicht nur eine politische Bewegung,
sondern befindet sich auch innerhalb der Lebensspannung, der Qualität und der Kraft, die wir aus uns selbst
herausziehen, um somit die Wirklichkeit, den Stand der Dinge verändern. Die Gesamtheit des Anarchismus ist ein
Transformationsprojekt im Zusammenhang mit der Verwirklichung, die in unserem eigenen Innern stattfindet
und somit unsere persönliche Veränderung fordert.
Es handelt sich also nicht um eine quantitativen Fakt, der sich geschichtlich zusammenfassen lässt, es ist kein
Fakt, der sich einfach durch die Zeit abwickeln lässt und der sich über bestimmte Theorien zeigt, durch einige
Personen, durch bestimmte Bewegungen und warum nicht, durch bestimmte revolutionäre Aktionen. In dieser
Summe von Elementen befindet sich immer eine zusätzliche Sache, und es ist immer diese zusätzliche Sache, die
den Anarchismus andauernd als Veränderung leben lässt.
Diese Spannung, die meiner Ansicht nach immer in uns vorhanden ist zwischen dem Anderen, dem
Unvorstellbaren, und der Dimension, die wir verwirklichen müssen, auch wenn wir nicht genau wissen, wie wir
das machen können, sollte erhalten bleiben, um eine Beziehung, einen bestimmte Verbindung der Veränderung
und der Transformation beizubehalten.
Das erste Beispiel, das mir zu diesem Argument einfällt, ist ein weiteres widersprüchliches Element. Denkt mal an
das Konzept Problem: „es gilt ein Problem zu lösen“, ein klassischer Satz. Alle haben wir Probleme zu lösen, das
Leben ist ein Problem, jeglicher Aspekt der Wirklichkeit, der eigenen sozialen Umstände, den Kreis, der uns
umgibt brechen zu müssen, die einfachsten Kleinigkeiten, die uns im Alltag treffen, all dies bezeichnen wir als
Problem. Sind Probleme jedoch lösbar?
Und hier besteht ein grosses Missverständnis, warum? Die Struktur, die uns unterdrückt, sagt uns, dass die
Probleme lösbar sind und dass sie von ihr gelöst werden. Noch mehr, diese Struktur empfiehlt uns das Beispiel (ich
glaube hier sind mehrere Studentinnen anwesend) als Lösung der Probleme in Geometrie, in Mathematik, usw.
Jedoch ist dieses Problem der Mathematik, das als Beispiel für Problemlösung gilt, nichts anderes als ein falsches
Problem, daher ist die Möglichkeit es zu lösen, wie ein mathematisches Problem: die Antwort auf das Problem ist
im Vorsatz des Problems selbst vorhanden, also die Antwort ist eine Wiederholung des Problems, nur in anderer
Form, die technisch als Tautologie bezeichnet wird. Man sagt eine Sache, und antwortet mit der Sache selbst,
daher gibt es im Grossen und Ganzen keine Lösung des Problems, sondern es gibt eine Wiederholung des Problems
in anderer Form.
Nun, wenn die Rede davon ist, ein Problem zu lösen, das sich auf das unser aller Leben bezieht, auf unsere Existenz
im Alltag, dann ist die Rede von Problemen, die einer Komplexität angehören und sich nicht innerhalb einer
einfachen Wiederholung des Problems selbst einsperren lassen. Wenn wir z.B. sagen: „das Problem der Polizei“,
die Existenz der Polizei, stellt für viele von uns ein Problem dar. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Polizei ein
Instrument der Unterdrückung ist, über die uns der Staat daran hindert, gewisse Dinge zu tun. Wie aber kann so
ein Problem gelöst werden? Gibt es eine Möglichkeit, das Problem der Polizei zu lösen? Die Frage an sich zeigt sich
inkonsistent. Es gibt keine Möglichkeit, das Problem der Polizei zu lösen. Aus einem Blickpunkt des
demokratischen Gedankenweges existiert ein Problem, dass, sich damit beschäftigt, einige Aspekte des Problems
Polizei zu lösen. Demokratisierung der Strukturen, Transformation der Mentalität der Polizistinnen und so fort.
Nun, zu denken, dass dies eine Lösung des Problems der Kontrolle und der Repression ist, ist nicht nur dumm,
sondern auch unlogisch. Tatsächlich ist es nichts anderes als die Repression so hinzubiegen, dass sie den
Interessen der Macht entspricht. Wenn heute eine demokratische Polizei benötigt wird, kann schon morgen eine
Kontroll- und Repressionsstruktur benötigt werden, die wesentlich undemokratischer ist und die Polizei würde,
wie schon in der Vergangenheit, sagen: „ich gehorche“, und würde womöglich auch in ihrem eigenen Inneren die
am Rande stehende Minderheit, die anders denkt, eliminieren.
Wenn ich Polizei sage, dann meine ich jegliche repressive Struktur, angefangen von den Carabinieres bis hin zur
Magistratur, jeglichen Ausdruck des Staates, der als Kontrolle und Repression dient. Wie ihr also sehen könnt, sind
die sozialen Probleme nicht lösbar. Der Betrug, seitens der demokratischen Strukturen den Anspruch zu haben,
die Probleme lösen zu können, ist ein Betrug, der zeigt, dass es keine Behauptung des demokratischen politischen
Gedankens gibt, der sich in minimalster Weise auf die Wirklichkeit und die Konkretheit stützt. Alles fundiert auf
der Möglichkeit, mit dem Missverständnis spielen zu können, das zeigen soll, dass sich mit der Zeit alles wieder
einrenken lässt, dass sich alles bessern wird, dass sich alles regeln lässt. Und auf dieser Regelung basiert die ganze
Kraft der Macht, auf diese Regelung stützen sich die Herrscherinnen, mittel- und langfristig. Sie wechseln die
Karten, wechseln die Beziehungen, und wir warten darauf, dass das passiert, was sie uns versprochen haben und
nie passieren wird, denn diese Verbesserung werden nie stattfinden, denn die Macht bleibt, sie ändert und
transformiert sich in der Geschichte, bleibt aber trotzdem, sie bleibt immer: eine Handvoll Frauen und Männer,
eine privilegierte Minderheit, die den Hebel der Herrschaft verwaltet, die in ihrem eigenen Interesse handelt und
die Bedingungen der Oberhoheit und derer, die am Kommando sitzen, beschützt, derer, die fortfahren zu
herrschen.
Nun, was haben wir für ein Instrument, um diesem Stand der Dinge etwas entgegenzusetzen? Wollen sie uns
kontrollieren? Wir verweigern die Kontrolle. Sicher, das können wir tun, zweifelsfrei tun wir das auch, wir
versuchen den Schaden soweit es geht zu reduzieren. In einem sozialen Kontext jedoch hat die Verweigerung der
Kontrolle begrenzten Wert. Wir können gewisse Aspekte umschreiben, wir können schreien, wenn wir zu Unrecht
getroffen werden, es ist jedoch klar, dass es bestimmte Orte der Herrschaft gibt, wo Regeln existieren, die Gesetze
heissen, Schilder, die Zäune heissen, Menschen, die Polizistinnen heissen, und uns daran hindern, einzutreten.
Daran gibt es keinen Zweifel, versucht doch einmal ins Parlament zu gehen und ihr werdet sehen, was euch
passiert, keine Ahnung. Gewisse Bereiche können nicht überschritten werden, gewissen Kontrollen kann nicht
entgangen werden.
Was können wir so einer Situation entgegensetzen? Einfach nur einen Traum? Eine hypothetische Freiheit, die
obendrein auch noch ziemlich korrekt formuliert werden muss, da wir nicht sagen können: „die Freiheit der
Anarchistinnen besteht nur in der Reduzierung der Kontrolle“. In diesem Fall würden wir uns in einem
Missverständnis befinden: „Wo hört denn diese Reduzierung der Kontrolle auf? Vielleicht bei einer minimalen
Kontrolle?“ Würde dann z.B. für uns Anarchistinnen der Staat als solcher legitimiert werden, wenn er anstatt in
der heutigen Form der Unterdrückung, nehmen wir mal an, der ideale Minimalstaat der Liberalen wäre? Gewiss
nicht. Also kann dieser Überlegung nicht gefolgt werden. Das, was wir versuchen zu erreichen, kann nicht eine
Begrenzung der Kontrolle sein, sondern die Abschaffung der Kontrolle. Wir sind nicht für eine grössere Freiheit,
denn eine grössere Freiheit gibt man dem Sklaven, wenn man ihm seine Kette verlängert, wir möchten die
Abschaffung der Kette und daher möchten wir die Freiheit und nicht eine grössere Freiheit. Und Freiheit bedeutet
das überhaupt keine Ketten vorhanden sind, sie bedeutet Grenzenlosigkeit und all das, was unter dieser
Behauptung zu verstehen ist.
Das Konzept der Freiheit ist nicht nur schwierig und unbekannt, es ist auch ein schmerzhaftes Konzept. Es wird
uns jedoch immer als eines der schönsten Konzepte verkauft. Als ein zartes und erholsames Konzept, das wie ein
Traum ist, der soweit entfernt ist, und wie alle entfernten Sachen eine Hoffnung und einen Glauben darstellt. Mit
anderen Worten, etwas Unantastbares, das alle heutigen Probleme löst, dies aber nicht, weil sie es tatsächlich tut,
sondern nur weil sie eine deutliche Erkennung unseres heutigen Unglücks vertuscht, deckt und modifiziert. Na
gut, eines Tages werden wir frei sein, na gut, wir stehen im Unglück, aber innerhalb dieses Unglücks gibt es eine
unterirdische Kraft, eine ungewollte Ordnung, die von niemanden von uns abhängt, die an unserer Stelle arbeitet
und nach und nach die Umstände des Leidens, in dem wir leben, modifiziert, um uns in eine Dimension der
Freiheit zu bringen, in der wir dann alle glücklich leben werden. Nein, die Freiheit ist nicht so eine Sache, das ist
ein Betrug und dieser Betrug ist auf tragischer Weise dem Betrug der alten Idee des Gottes ähnlich. Die Idee des
Gottes, der uns oft geholfen hat und auch heute noch den Personen hilft, die leiden, denn diese sagen sich: „Nun
ja, heute leiden wir, aber in der anderen Welt wird es uns gut gehen“. Und hört man auf das Evangelium, so sagt
dieses, dass die letzten die ersten sein werden, Schlussfolgerung ist also, dass diese Umkehrung die letzten von
heute ermutigt, denn sie werden die ersten von morgen sein.
Wenn wir uns dieses Konzept der Freiheit als zutreffendes vorgaukeln würden, dann würden wir das Leiden von
heute betreuen, wir würden ein kleines Pflaster auf die sozialen Wunden von heute kleben, genauso wie es der
Pfarrer mit seinen Predigen und seinen Gedankenwegen macht. Er klebt ein kleines Pflaster auf die Wunden der
Armen, die ihm zuhören, die der Illusion folgen, dass sie im Reich Gottes von Leid und Schmerz befreit werden. Es
ist klar, dass die Anarchistinnen nicht die selben Überlegungen machen können. Die Freiheit ist ein
zerstörerisches Konzept, die Freiheit ist ein Konzept, dass die absolute Vernichtung jeglicher Grenzen beinhaltet.
Nun, die Freiheit ist eine Hypothese, die in unseren Herzen bleiben muss, zum selben Zeitpunkt jedoch muss sie
uns zu verstehen geben, dass, wenn wir diese Freiheit wollen, wir auch dazu bereit sein müssen, alle Risiken der
Zerstörung einzugehen, d.h. alle Risiken eingehen müssen, die zur Zerstörung der festgesetzten Ordnung, in der
wir leben, führt. Die Freiheit ist kein Konzept, in dem wir uns schaukeln können, in der Erwartung, dass sich etwas
Besseres entwickelt, und das unabhängig davon, ob wir die tatsächliche Fähigkeit besitzen, um dagegen eingreifen
zu können.
Um uns im klaren zu sein über Konzepte dieser Art, um uns darüber klar zu werden, welche Risiken man eingeht,
wenn man mit so gefährlichen Konzepten umgeht wie diesen, dann müssen wir fähig sein, in uns selbst Ideen zu
konkretisieren, und diese Ideen erstmal haben.
Auch was diesen Punkt betrifft, gibt es bemerkenswerte Missverständnisse. Es ist üblich, jegliches Konzept, das wir
im Sinne haben, als Idee zu bewerten. Jemand sagt: „ich habe eine Idee“, und auf diese Weise wird versucht zu
identifizieren, was eine Idee ist. Diese ist die kartesianische Hypothese der Idee, die sich der platonischen Idee
gegenüberstellte, die als abstrakter, entfernter Bezugspunkt gilt usw. Es ist jedoch nicht dieses Konzept, auf das
wir uns berufen, wenn wir von Ideen sprechen. Die Idee ist ein Anhaltspunkt, sie ist ein Element, das die Stärke
hat, das Leben umzuwandeln. Es ist ein Konzept, das mit Werten beladen ist, es ist ein Konzept der Werte, das
dann zum Konzept der Stärke wird. Es ist etwas, das die Fähigkeit besitzt, unsere Beziehung zu den Anderen auf
andere Weise zu entwickeln, all dies ist die Idee. Welche ist jedoch tatsächlich die Quelle, über die wir an die
Elemente gelangen, um Ideen dieser Art ausarbeiten zu können? Die Schule, die Akademie, die Universität, die
Zeitungen, die Bücher, die Professorinnen, die Technikerinnen, das Fernsehen usw. Was aber kommt über diese
Informationsinstrumente und diese kulturelle Ausarbeitung auf uns zu? Ein mehr oder weniger bemerkenswertes
Bündel von Informationen, die wie ein Wasserfall auf uns klatschen, wie in einem Kochtopf in uns aufkochen und
Meinungen produzieren. Wir haben keine Ideen, wir haben Meinungen.
Das ist die tragische Schlussfolgerung. Was aber ist die Meinung? Es ist eine plattgemachte Idee, die uniformiert,
gleichgeschaltet wurde, um sie vielen Personen anzupassen. Die Ideen der Masse oder die massifizierten Ideen
sind Meinungen. Diese Meinungen zu erhalten ist für die Macht sehr wichtig, denn über die Meinung, die
Verwaltung der Meinung werden bestimmte Resultate erzielt, nicht zuletzt z.B. der Mechanismus der Propaganda
über die grossen Informationsmittel, der Realisierung der Wahlvorgänge usw. Die Zusammenstellung der neuen
Machtelite entsteht nicht durch Ideen, sondern über die Meinungen.
Sich der Zusammenstellung der Meinung entgegenzusetzen, was bedeutet das? Heisst das vielleicht mehr
Informationen zu erringen? Sich also der Information mit einer Gegeninformation entgegenzusetzen? Nein, das ist
nicht möglich, denn in welche Richtung auch das Problem gedreht wird, wir haben nicht die Fähigkeit, den
enormen Informationen, mit denen wir alttäglich bombardiert werden, eine Gegeninformation entgegenzusetzen,
die fähig ist, über den Prozess der dietrologia (A.d.Ü. Zurückführung ?), die Realität, die von dem informativen
Getratsche „ausgetauscht“ wird, „aufzudecken“. Wir können nicht in diesem Sinne vorgehen. Wenn wir diese Art
von Arbeit machen, dann sehen wir ganz schnell ein, dass sie unnötig ist, wir schaffen es nicht, die Menschen zu
überzeugen.
Das ist der Grund, warum die Anarchistinnen dem Problem der Propaganda kritisch gegenüberstehen. Ja
sicherlich, wie ihr sehen könnt, steht da ein Tischlein, das mit vielem Lesematerial ausgestattet ist, wie das halt so
üblich ist auf Veranstaltungen und Konferenzen dieser Art. Da gibt es immer unsere Broschüren, unsere Bücher.
Wir sind überladen mit Zeitungen und sind sehr gut darin, diese Art Publizistik zu machen. Es ist aber nicht nur
diese Art von Arbeit, der wir nachgehen sollten, und wenn wir dies tun, dann sollte sie nicht auf den Elementen
der Gegeninformation beruhen, und wenn sie es tut, dann beziehen sie sich auf Zufallsfakten. Diese Art von Arbeit
besteht im Essentiellen, oder sollte zumindest darin bestehen, eine Idee oder einige wenige Grundideen
aufzuhauen, einige starke Ideen.
Machen wir ein einziges Beispiel. In den letzten drei oder vier Jahren hat sich in Italien eine Angelegenheit
entwickelt, die von der Presse mit dem horrenden Wort „tangentopoli“ oder „saubere Hände“ usw. genannt wird.
Nun, was hat dieser Vorgang in den Menschen bewirkt? Er hat bewirkt, dass die Meinung aufgebaut wurde, dass
die Richter die Fähigkeit besitzen, alles in den Griff zu bekommen, Politikerinnen verurteilen zu lassen, Umstände
zu ändern, also uns von der alten typischen Auffassungen der ersten italienischen Republik zu der neuen einer
zweiten italienischen Republik zu führen. Es ist klar, dass dieser Prozess, diese Meinung sehr nützlich ist, sie hat es
z.B. ermöglicht, dass eine „neue“ Machtelite herangewachsen ist, die dann die alte abgelöst hat. Sozusagen neu,
neu ist sie bis zu einem gewissen Punkt, sie weist zwar einige neue Charakteristiken auf, diese sind jedoch mit der
traurigen Wiederholung alter Angewohnheiten und alter Persönlichkeiten verbunden. Auf diese Weise
funktioniert die Meinung. Nun, wenn ihr denkt, diesen Aufbauprozess einer Meinung, die bemerkenswerte
Nutzbarkeiten nur für die Mächtigen gebracht hat, mit dem Aufbau einer starken Idee, welche eine tiefgründige
Analyse des Konzeptes Justiz sein könnte, vergleichen zu können, dann werdet ihr auf einen abgrundtiefen
Unterschied stossen. Was ist denn richtig? Z.B. viele Leute und auch wir haben es für richtig gehalten, dass Craxi
dazu gezwungen wurde, sich in seine Villa in Tunesien einzusperren. Die Sache war sympathisch, wir konnten
sogar drüber lachen, sie hat uns gut getan, denn wenn Dreckstypen dieser Stufen auf die Seite gebracht werden,
dann ist es eine sympathische Sache. Aber ist dies denn die wahre Justiz? Z.B. Andreotti befindet sich in
Schwierigkeiten, es scheint so, als hätte er Riina (A.d.Ü. einer der bekanntesten Mafiabosse) auf die Wangen
geküsst. Notizen wie diese wirken auf uns mit Sympathie, wir fühlen uns besser dabei, denn ein Dreckskerl wie
Andreotti störte uns schon auf körperlicher Ebene, wenn wir ihn auch nur im Fernsehen sahen. Aber ist dies das
Konzept von Justiz? Schaut mal, was mit der Geschichte Di Pietro und Borelli (A.d.Ü. Antimafiarichter) passiert ist,
ein Jubel wie im Fussballstadion. Was bedeutet ein Jubel im Fussballstadion? Es bedeutet dass Millionen von Leuten
in den Prozess der Gleichschaltung der Meinung miteinbezogen wurden.
Das Konzept der Justiz, über das wir nachdenken sollten, ist hingegen ganz anders. Zu was sollte uns das Konzept
der Justiz bringen? Es sollte uns dahin bringen zu gestehen, dass wenn Craxi oder Andreotti verantwortlich sind,
Leute wie Borelli und Di Pietro der selben Verantwortung gleichgestellt sind. Denn wenn die ersten Politiker sind,
so sind die anderen Richter. Das Konzept Justiz bedeutet eine Demarkationslinie zwischen denjenigen, die für die
Macht Unterstützung, Alibi und Stärke bedeuten, und denjenigen, die sich dem entgegensetzen. Wenn die Macht
ungerecht ist, da alleine ihre Existenz schon ungerecht ist, und all ihre Versuche von denen wir vorhin schon
sprachen, sich als Betrügereien herausstellen mit denen sie sich selbst rechtfertigt, so kann ein mehr oder weniger
demokratischer Mensch der diese Macht nützt, nur auf der Seite der Justiz stehen, egal was er tut.
Die Konstruktion des Konzeptes Justiz dieser Art ist die offensichtliche Formatierung einer Idee, einer Idee, die
sich nicht in den Zeitungen finden lässt, einer Idee, die nicht in den Hallen der Schulen oder der Universitäten
ergründet wird, die kein Meinungselement darstellen kann, die nicht dazu da ist, um die Leute zum Wählen zu
verführen. Im Gegenteil, diese Idee bringt die Leute in Gegensatz mit sich selbst. Denn vor dem Gericht vor sich
selbst fragt sich jeder Mensch: „Ja und ich, mit meiner Idee der Justiz, die mich dazu bringt zu denken, dass das
toll ist, was Di Pietro macht, auf welche Art gebe ich mich, lasse auch ich mich in den Sack stecken, bin auch ich
ein Instrument der Meinung, bin auch ich ein Endpunkt eines enormen Formationprozesses der Macht und werde
somit auch ich nicht nur zum Sklaven der Macht, sondern auch ihr Komplize?“.
Endlich sind wir angekommen, wir sind an unsere Verantwortung gelangt. Denn wenn das Konzept, von dem wir
ausgehen, dass es für ein anarchistisches Individuum keinen Unterschied zwischen Theorie und Aktion gibt, der
Wahrheit entspricht, dann kann in dem Moment, in dem diese Idee auch nur einen Moment unser Gehirn
illuminiert, dieses Licht nie wieder ausgehen, denn würde es so sein, dann würden wir uns in jedem Augenblick,
egal was wir denken, schuldig fühlen. Wir würden uns als Komplizinnen fühlen, als Komplizinnen eines Prozesses
der Diskriminierung, der Repression, des Völkermordes, des Todes. Wir könnten uns nie ausgeschlossen fühlen
von diesem Prozess. Wie könnten wir dazu kommen, uns als Revolutionärinnen, als Anarchistinnen zu definieren?
Wie kommen wir dazu, uns als UnterstützerInnen der Freiheit zu definierend Von welcher Freiheit reden wir
denn, wenn wir unsere Komplizenschaft den Mördern, die an der Macht stehen, gegeben haben?
Seht ihr, wie anders und kritisch die Situation für diejenigen ist, die es schaffen, durch eine tiefgründige Analyse
der Realität oder aus reinem Zufall oder Pech, eine so klare Idee wie die Idee der Justiz in ihr Hirn eindringen zu
lassen. Ideen dieser Art gibt es nicht viele. Die Idee der Freiheit z.B. ist die selbe Sache. Wer auch nur einen
Moment darüber nachdenkt, was die Freiheit ist, kann sich nicht damit begnügen und irgendwas machen, um
etwas mehr Freiheit zu haben in der Situation in der sie/er lebt. Von dem Moment an wird sie/er sich schuldig
fühlen und wird versuchen, etwas zu tun, um sein Leiden zu lindern. Sie/er wird sich schuldig fühlen, nicht schon
vorher was gemacht zu haben, und von dem Moment an wird sie/er in die Umstände einer anderen
Lebensauffassung eintreten.
Was will der Staat im Grunde erreichen mit der Meinungsformatierung? Was wollen die Mächtigem Sicherlich, sie
wollen eine durchschnittliche Meinung schaffen, um aus dieser dann gewisse Vorteile für ihre Wahlergebnisse zu
schöpfen, um die Formatierung von Machtminderheiten usw. gewährleisten zu können. Aber sie wollen nicht nur
das, sie wollen unseren Konsens, sie wollen unsere Übereinstimmung, und der Konsens wird über gewisse
Instrumente herbeigeführt, hauptsächlich Instrumente kultureller Natur. Zum Beispiel ist die Schule ein Behälter,
über den der Konsens herbeigeführt wird. Damit wird dann die zukünftige Arbeitskraft intellektueller Natur
aufgebaut, und nicht nur die Intellektuellen.
Die Transformation der Produkte des heutigen Kapitals benötigen einen Typ von Menschen, der anders ist als in
der Vergangenheit. Bis vor kurzer Zeit wurden Menschen benötigt, die eine gewisse professionelle Fähigkeit
aufwiesen, einen gewissen Stolz in diese Fähigkeit besassen, und eine professionelle Qualifikation. Heute braucht
der Arbeitsmarkt eine mittlere Qualifikation, eine ziemlich herabgesetzte Qualifikation, und fordert Fähigkeiten
die früher nicht nur nicht vorhanden, sondern nicht mal denkbar waren, wie z.B. die Flexibilität, die Anpassung,
die Toleranz, die Fähigkeit auch auf Versammlungsbeschlussebene einzugreifen.
Früher, um ein spezifisches Beispiel zu machen, fundierte die Produktion der grossen Unternehmen auf der
Realisierung der grossen Produktionslinien am Fliessband, jetzt gibt es andere Strukturen, die robotisiert sind
oder auf Basis der Inseln (A.d.Ü. Team) aufgebaut sind, der kleinen Gruppen, die zusammen arbeiten, die sich
kennen und sich gegenseitig kontrollieren usw. Diese Art von Mentalität ist nicht nur eine Mentalität der Fabrik,
es ist nicht der „neue Fabrikarbeiter“, den sie konstruieren, sondern es ist „der neue Mensch“, den sie
konstruieren: ein flexibler Mensch, mit mittelmässigen Ideen, trüb in seinen Wünschen, mit einer grossen
Reduzierung im kulturellen Bereich, mit einem verarmten Wortschatz, mit standardisierter Lektüre, die immer
dieselbe ist, immer dieselbe, einer Überlegungsfähigkeit, die begrenzt ist, und einer hohen Fähigkeit, in
schnellsten Zeitraum zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden, also ob auf den roten oder gelben, den
schwarzen oder weissen Knopf zu drücken. Nun, diese Art von Mentalität konstruieren sie gerade. Und wo
konstruieren sie sie? In den Schulen, aber auch in unserem alltäglichem Leben.
Was haben sie von so einer Art Mensch? Sie brauchen ihn, um alle wichtigen Modifizierungen, die sie für die
Restrukturierung des Kapitals benötigen, realisieren zu können. Sie brauchen eine solche Art Mensch, um die
Umstände und Beziehungen von morgen besser verwalten zu können. Wie werden diese Beziehungen aussehen?
Sie fundieren auf den immer schnelleren Modifizierungen, auf dem Apell der Befriedigung von nichtexistierenden
Wünschen, die jedoch auf eine bestimmte Weise innerhalb der kleinen Gruppen immer konsistenter werden. Diese
Art von neuen Menschen, der genau das Gegenteil darstellt von dem, was wir denken und uns wünschen. Er ist das
Gegenteil der Qualität, das Gegenteil der Kreativität, das Gegenteil der realen Wünsche, der Lebensfreude, er ist
das Gegenteil von all dem. Wie aber können wir gegen die Verwirklichung dieses technologischen Menschen
ankämpfen? Wie können wir gegen diese Situation ankämpfen? Können wir darauf warten, dass ein Tag kommt,
ein schöner Tag, um die Welt umzukrempeln, der Tag den die Anarchistinnen aus dem vergangenen Jahrhundert
„la grande soirée“ oder „le grand jour“, also den grossen Abend, oder den grossen Tag nannten und in dem die
Kräfte, die niemand vorhersehen kann, es schaffen, den sozialen Konflikt explodieren zu lassen, auf den wir alle
warten und der sich Revolution nennt, mit der sich alles ändern wird und es eine perfekte Welt des Glückes geben
wird?
Diese Hypothese ist eine Hypothese dieses Jahrtausends. Jetzt, am Ende des Jahrtausends, könnte sie auch wieder
Fuss fassen. Die Bedingungen sind jedoch anders, es ist nicht das, was der Realität entspricht, und es ist nicht die
Wartehaltung, die uns interessieren kann. Uns interessiert eine andere Art von Eingriff, ein viel kleinerer Eingriff,
der zwar bescheidener ist, aber etwas bringen kann. Wir, als Anarchistinnen, sind dazu aufgefordert, etwas zu
machen, wir sind von unserer Eigenverantwortung aufgefordert, so wie wir das vorher erklärt haben. In dem
Moment, in dem sich diese Idee in unserem Hirn aufmacht, nicht die Idee des Anarchismus, sondern die Idee der
Justiz, der Freiheit, wenn sich diese Ideen aufmachen und wir über diese Ideen begreifen, was für einen Betrug wir
vor uns haben, den wir heute mehr als je als demokratischen Betrug bezeichnen können, was machen wir dann?
Wir müssen uns bewegen, und dieses Bewegen bedeutet auch, uns zu organisieren, es bedeutet, die Bedingungen
zu schaffen, die eine Auseinandersetzung und Anhaltspunkte unter uns Anarchistinnen ergeben, die jedoch anders
sind als in der Vergangenheit.
Heute schaut die Wirklichkeit anders aus. Wie wir vorhin sagten, sie sind dabei einen anderen Menschen zu
konstruieren, einen disqualifizierten Menschen und dies, weil sie es nötig haben, eine disqualifizierte Gesellschaft
zu schaffen. Einmal den Menschen disqualifiziert, haben sie aus dem Mittelpunkt, aus dem gestern die politische
Gesellschaft konzeptioniert wurde, das entfernt, was die Figur der Arbeiterinnen darstellte.
Die Arbeiterinnen von gestern hielten die schlimmsten Ausbeutungsumstände aus. Aus diesem Grunde dachte
man sich, dass sie als soziale Figuren den Anfang der Revolution machen würden. Man denke nur an die
marxistischen Analysen. Im Grunde ist das ganze Kapital von Marx der „Befreiung der Arbeiterinnen“ gewidmet.
Wenn Marx von Menschen spricht, meint er damit die Arbeiterinnen, wenn er seine Analysen bezüglich der Werte
entwickelt, so redet er von der Arbeitszeit; wenn er seine Analysen bzgl. der Entfremdung entwickelt, so redet er
von der Arbeit. Es gibt nichts, was nicht die Arbeit betrifft. Dies aus dem Grunde, weil zu den Zeiten, in denen die
marxistischen Analysen entwickelt wurden, die Arbeiterinnenklasse der zentrale Punkt war. Die
Arbeiterinnenklasse konnte als Mittelpunkt der sozialen Struktur hypothetisiert werden.
Wenn auch mit anderen Analysen, so kamen auch die AnarchistInnen zu einem ähnlichen Schluss, was die
Stellung der Arbeiterinnen als Mittelpunkt einer sozialen Struktur betrifft. Man denke an die Analysen der
AnarchosyndikalistInnen. Für die AnarchosyndikalistInnen ging es nur darum, die Gewerkschaftskämpfe zu den
extremsten Konsequenzen zu bringen, sie dann aus der begrenzten Dimension des Syndikalismus zu lösen, um sie
dann, über den Generalstreik, einen revolutionären Fakt zu erreichen. Also die Gesellschaft von morgen, die
befreite und anarchistische Gesellschaft, wäre nach Ansicht der AnarchosyndikalistInnen nichts anderes als eine
Gesellschaft, die von den Machtstrukturen befreit ist, mit den gleichen Produktionsstrukturen von heute. Diese
wären dann nicht mehr in den Händen der Kapitalistinnen, sondern in den Händen der Gesellschaft, die sie
kollektiv verwalten würde.
Dieses Konzept ist heute aus unterschiedlichen Gründen absolut nicht mehr praktizierbar. An erster Stelle, weil
die technologischen Veränderungen, die heute schon realisiert wurden, einen einfachen und linearen Übergang
von einer vorherigen Gesellschaft, der aktuellen Gesellschaft, in der wir heute leben, in eine zukünftige
Gesellschaft, in der wir leben möchten, nicht mehr zulassen. Dieser direkte Übergang ist unmöglich aus einem
einfachen Grund: z.B. könnte die telematisierte Technologie nicht in einer befreienden Form benutzt werden. Die
Technologie und die telematischen Implikationen haben sich nicht darauf beschränkt, nur bestimmte
Veränderungen innerhalb gewisser Instrumente zu verwirklichen, sondern haben auch die anderen Technologien
verändert. Nehmen wir die Fabrik, es ist nicht mehr die Fabrik von gestern, der ein telematisches Mittel
hinzugefügt wurde, sondern es ist eine telematisierte Fabrik, und das ist eine ganz andere Sache. Nehmen wir bitte
zur Kenntnis, dass diese Konzepte aus verständlichen Gründen nur sehr generalisiert angerissen werden können,
denn sie würden sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn wir sie vertiefen würden. Nun, die Unmöglichkeit
dieses Patrimoniums zu benutzen, und also auch diesen Übergang, läuft parallel mit dem Ende des Mythos vom
Zentralismus der Arbeiterinnenklasse.
Jetzt, in einer Situation in der sich die Arbeiterinnenklasse praktisch in Staub aufgelöst hat, gibt es keine
Möglichkeit für den Gebrauch von sogenannten Produktionsmitteln, die enteignet werden müssten. Tja und, aus
was besteht die Lösung? Es gibt keine andere Lösung, als dass diese Masse von Produktionsmitteln, die wir vor uns
haben, zerstört wird. Die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist der Weg über die dramatische Wirklichkeit der
Zerstörung. Die Revolution, die wir hypothetisieren können, und von der wir auch sicher sind, dass sie kommt, ist
nicht die Revolution von gestern, die man sich als einfachen Fakt vorstellen konnte, der tatsächlich eines schönes
Abends oder Tages kommen konnte. Nein diese Revolution wird eine lange, tragische, blutige Angelegenheit, die
über unvorstellbare gewalttätige Prozesse erreicht wird, unvorstellbar tragische Prozesse.
Es ist dieser Art von Realität, der wir näher kommen. Nicht weil diese unser Wunsch ist, nicht weil uns die Gewalt,
das Blut, die Zerstörung oder der Bürgerkrieg, die Toten, die Vergewaltigungen und die Barbareien gefallen, um
das geht es nicht, sondern weil es der einzige plausible Weg ist. Die HerscherInnen, die diese Veränderungen
wollten, haben diesen Weg nötig gemacht. Sie sind es, die diesen Weg eingeschlagen haben. Wir können nun nicht
mit nur einem einfachen Flügelschlag unserer Wünsche, unserer Vorstellungen etwas ändern. Also, wenn mit der
Hypothese der Vergangenheit, in der noch eine starke Arbeiterinnenklasse existierte, es noch möglich war, eine
Illusion des Überganges zu hegen, so organisierte man sich danach. Zum Beispiel sahen die organisatorischen
Hypothesen des Anarchosyndikalismus eine grosse syndikalistische Bewegung vor, die, einmal ins Innere der
Arbeiterinnenklasse und Organisationen eingedrungen, diese Enteignung und diesen Übergang verwirklichen
sollte. Fällt dieses kollektive Subjekt, das wahrscheinlich von Geburt an ein Mythos war und heute nicht einmal in
einer mythischen Vision besteht, aus, welchen Sinn hätte eine gewerkschaftliche Bewegung revolutionärer Natur?
Was für einen Sinn hätte oder hat eine gewerkschaftliche oder anarchosyndikalistische Bewegung? Keinen.
Also muss der Kampf von wo anders ausgehen, er muss von anderen Ideen kommen und mit anderen Methoden
gemacht werden. Das ist der Grund, warum wir seit fast fünfzehn Jahren eine Kritik an den Gewerkschaften und
dem Anarchosyndikalismus entwickelt haben, und deshalb verstehen wir uns als aufständische Anarchistinnen.
Und nicht weil wir denken, dass die Barrikaden die Lösung sind. Die Barrikaden sind höchstens eine tragische
Konsequenz von Entscheidungen, die wir nicht getroffen haben, wir sind Aufständische, weil wir denken, dass die
Aktion des Anarchismus sich gezwungenermassen mit gravierenden Problemen auseinandersetzen muss, die nicht
vom Anarchismus gewollt sind, sondern von der Realität, die von den Herrschenden geschaffen wurde, und die wir
nicht mit einem einfachen Flügelschlag unserer Wünsche verschwinden lassen können.
Eine anarchistische Organisation, die sich in die Zukunft projiziert, müsste also schlanker sein. Sie kann sich nicht
mit schweren, quantitativ schweren Charaktereigenschaften der Vergangenheit vorstellen. Sie kann sich nicht
über die Dimension der Synthese geben, wie es z.B. bei Organisationen der Vergangenheit war, in der die
anarchistische organisatorische Struktur den Anspruch hatte, die Realität innerhalb ihrer selbst über bestimmte
„Kommissionen“ die sich um die unterschiedlichsten Probleme kümmerten, zusammenfassen zu können.
Kommissionen, die ihre Entscheidungen innerhalb eines periodischen jährlichen Kongresses trafen und sich dabei
auf Thesen beriefen, die aus dem vorigen Jahrhundert stammten. All das hat seine Zeit gehabt, nicht weil ein
Jahrhundert dazwischen liegt, sondern weil die Realität verändert ist.
Aus diesem Grund heraus denken wir an die Notwendigkeit der Gründung von kleinen Gruppen, die auf der
Affinität beruhen. Gruppen, die auch ganz winzig sind und aus wenigen Genossinnen bestehen, die sich gut
kennen und dieses Sich-Kennen immer weiter vertiefen, denn es kann keine Affinität bestehen, wenn man sich
nicht kennt. Die Affinitäten können nur dann erkannt werden, wenn Elemente bestehen, um zu verstehen, wo die
Unterschiede liegen, und das kann man nur machen, wenn man miteinander umgeht. Dieses Sich-Kennen besteht
aus persönlichen Fakten, aber auch aus Ideen, Debatten und Diskussionen. Aber im Sinne der Anfangsdebatte, die
wir heute abend geführt haben, wenn ihr euch erinnert, dann gibt es keine Ergründung der Ideen, die nicht auch
mit der Praxis zusammenhängt, also den Aktionen, der Verwirklichung von Fakten. Also zwischen der Ergründung
der Ideen und der Verwirklichung der Fakten besteht ein kontinuierlicher gegenseitiger Übergang.
Eine kleine Gruppe, die aus Genossinnen besteht, die sich kennen und sich über die Affinität identifizieren, eine
kleine Gruppe, die sich nur dann zusammenfindet, um am Abend am Biertisch zu sitzen, wäre keine
Affinitätsgruppe, sondern eine Gruppe von sympathischen Kumpeln, die sich am Abend treffen, um über eine
x-beliebige Sache zu reden. Umgekehrt, eine Gruppe, die sich trifft, um zu diskutieren, die aber über ihre
Diskussionen dazu beiträgt, die Diskussion zu entwickeln, die sie vorantreibt, um sich in anderen Moment in
Praxis zu verwandeln, das ist der Mechanismus der Affintitätsgruppen. Wie aber kann dann die eine
Affinitätsgruppe in Kontakt mit anderen Affinitätsgruppen treten, bei denen die Vertiefung des Sich-Kennens
nicht nötig ist, Sache, die aber unverzichtbar intern der einzelnen Affinitätsgruppe ist? Diesen Kontakt kann die
informelle Organisation garantieren.
Was aber ist eine informelle Organisation? Unter den verschiedenen Affinitätsgruppen, die unter sich in Kontakt
treten, um Ideen auszutauschen und etwas zusammen zu tun, kann eine Beziehung informeller Natur bestehen
und somit der Aufbau einer Organisation, die auf territorialer Ebene sehr breit sein kann, also auch aus
Dutzenden, oder sogar Hunderten von Organisationen, Strukturen und Gruppen bestehen kann, die alle eine
informelle Eigenschaft haben, die eben immer aus der Diskussion, der periodischen Vertiefung der Probleme und
den Sachen, die zu tun sind, besteht. Diese organisatorische Struktur des aufständischen Anarchismus ist sehr
verschieden von der Anarchosyndikalistischen Organisation, von der vorhin die Rede war.
Die Analyse der Organisationsformen, die hier nur angerissen wurde, wäre eine Ergründung wert, eine Sache, die
ich jedoch nicht hier innerhalb einer Konferenz machen kann. Eine derartige Organisation würde meiner Ansicht
nach nur eine interne Sache der Bewegung bleiben, wenn sie nicht auch Beziehungen ausserhalb der Bewegung
aufbauen würde, also über die Schaffung der Anlaufstellen nach aussen, der Basisgruppen, die auch eine
informelle Eigenschaft haben müssen. Es ist nicht nötig, dass diese Basisgruppen nur aus Anarchistinnen bestehen:
innerhalb der Basisgruppen können auch Leute teilnehmen, die gegen ein bestimmtes Ziel kämpfen wollen, auch
wenn dieses begrenzt ist, die sich aber nach einigen essentiellen Bedingungen richten. Als erstes „die permanente
Konfliktualität“. Das bedeutet, dass die Gruppen von der Eigenschaft des Angriffes der Realität, die sie leben,
geprägt sind und nicht nur auf die Befehle von irgendwem warten. Dann kommt die Eigenschaft der
Unabhängigkeit, also weder von Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen abzuhängen, noch Beziehungen
zu diesen zu haben. Letztendlich die Eigenschaft zu besitzen, die Probleme einzeln zu bewältigen und nicht
generelle gewerkschaftliche Plattformen vorzuschlagen, die sich unvermeidbar in die Verwaltung einer
Mini-Partei oder einem kleinen alternativen Syndikat verwandeln würden. Die Zusammenfassung dieser These
kann auch etwas abstrakt scheinen, und aus diesem Grunde möchte ich, bevor ich sie abschliesse, ein Beispiel
geben, da man über die praktischen Vorgänge einige Sachen besser begreifen kann.
In den 80er Jahren wurde ein Versuch gestartet, um den Bau einer amerikanischen Raketenbasis in Comiso zu
verhindern. Bei dieser Gelegenheit wurde ein theoretisches Modell dieser Art angelegt. Die anarchistischen
Gruppen, die für zwei Jahre vor Ort waren haben die „selbstverwalteten Ligas“ geschaffen. Diese selbstverwalteten
Ligas waren eben nicht anarchistische Gruppen, die auf dem Territorium vorgingen und als einziges Ziel hatten,
den Bau der Basis zu verhindern und das laufende Projekt in seiner Verwirklichung zu zerstören.
Die Ligas waren also unabhängige Zellen mit den folgenden Eigenschaften: ihr einziger Zweck war, die Basis
anzugreifen und zu zerstören. Also hatten sie bestimmte Probleme nicht, denn hätten sie diese gehabt, dann
wären sie zu syndikalistischen Gruppen geworden, die sich das Problem der Arbeit stellten, also diese zu finden
oder den Arbeitsplatz zu verteidigen, oder sonstige immanente Probleme zu lösen. Die Ligas hatten nur den Zweck
diese Basis zu zerstören.
Die zweite Eigenschaft war die permanente Konfliktualität. Also vom ersten Moment an, in dem diese Gruppen
geschaffen waren (es waren keine anarchistischen Gruppen, sondern Gruppen in denen sich auch Anarchistinnen
befanden), traten diese Gruppen in Konflikt mit all den Kräften, die diese Basis bauen wollten, ohne dass diese
Konfliktualität von Organismen vertreten wurde oder es eine Verantwortung gab, die sich auf die Gruppe als
solche bezog.
Die dritte Eigenschaft war die Unabhängigkeit dieser Gruppen. Das bedeutet, dass diese Gruppen weder von
Parteien noch von Gewerkschaften usw. abhängig waren. Die Angelegenheit des Kampfes gegen den Bau der Basis
sind teils bekannt und teils unbekannt. Und ich glaube nicht, dass es hier der richtige Moment ist, um diese
Geschichte aufzurollen, ich wollte sie nur im Titel des Beispiels erwähnen.
Also der aufständische Anarchismus muss ein essentielles Problem bewältigen; um als solcher zu gelten, muss er
eine Grenze überwinden, ansonsten würde er nur eine Hypothese des aufständischen Anarchismus bleiben. Also,
die Genossinnen, die Teil einer Affinitätsgruppe sind und daher den vorhin erwähnten Prozess des eigenen
Aufstandes überwunden haben, also diese Illumination hatten, die in uns die Konsequenz einer starken Idee
bewirkt, die sich dem Geschwätz der Meinungen entgegensetzt, diese Genossinnen treten in Verbindung mit
anderen Genossinnen, die sich auch an anderen Orten befinden, um somit eine informelle Struktur zu bilden, bis
zu diesem Punkt jedoch nur einen Teil ihrer Arbeit getan haben. Sie müssen sich an einem gewissen Punkt dafür
entscheiden, sie müssen diese markierte Linie überspringen, sie müssen einen Schritt tun, der nicht leicht
rückgängig zu machen ist. Sie müssen Beziehungen mit Leuten aufbauen, die nicht anarchistisch sind, und das in
Funktion eines Problems, das im Zwischenbereich liegt, das begrenzt ist (so phantastisch, interessant und
sympathisch die Idee der Zerstörung der Basis auch gewesen sein mag, so ging es jedoch nicht um die Anarchie,
um die Verwirklichung der Anarchie). Was wäre passiert, wenn man es geschafft hätte tatsächlich in die Basis
einzudringen und diese zu zerstören? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich nichts, wahrscheinlich alles mögliche. Ich
weiss es nicht, das kann man nicht wissen, niemand kann das wissen. Aber die Schönheit in der Verwirklichung
dieses zerstörerischen Aktes kann nicht in ihren möglichen Konsequenzen gefunden werden.
Die Anarchistinnen garantieren für nichts von den Dingen, die sie tun, aber sie identifizieren die verantwortlichen
Personen und Strukturen, auf Basis einer Entscheidung bestimmen sie ihre Aktionen und von dem Moment an
fühlen sie sich selbstsicher, denn die Idee der Justiz, die sich in ihnen befindet, führt sie zur Aktion, um die
Verantwortung von Personen und Strukturen, von vielen Strukturen zu zeigen und die Konsequenzen, die daraus
entstehen und verantwortlich sind. Genau hier setzt sich die Selbstbestimmung und das Handeln der
Anarchistinnen fest.
Wenn sie manchmal gemeinsam mit anderen Personen handeln, so müssen sie versuchen, Organismen auf dem
Territorium zu schaffen. Also Organismen, die die Fähigkeit besitzen, fortzubestehen und Konsequenzen im Kampf
gegen die Herrschaft zu erzeugen. Wir dürfen nie vergessen, und diese Überlegung ist wichtig, dass sich die
Herrschaft konkret, also auch über Räumlichkeiten, realisiert; sie besteht nicht aus einer abstrakten Idee. Die
Kontrolle wäre nicht möglich, würde es keine Polizeikasernen und Gefängnisse geben. Die legislative Herrschaft
wäre unmöglich, wenn es nicht die regionalen Parlamentchen geben würde. Die kulturelle Macht, die uns
unterdrückt, die Meinungen konstruiert, wäre nicht möglich, wenn es keine Schulen und Universitäten geben
würde.
Nun, die Schulen, die Universitäten, die Kasernen, die Gefängnisse, die Industrien, die Fabriken sind Orte die auf
dem Territorium verwirklicht werden. Es sind begrenzte Zonen, innerhalb derer wir uns nur bewegen können,
wenn wir bestimmte Bedingungen akzeptieren bzw. wenn wir uns an die Spielregeln halten. Wir befinden uns hier
in diesem Raum, weil wir die Spielregeln akzeptiert haben, ansonsten hätten wir nicht hier eintreten können. Dies
ist interessant. Wir können auch Strukturen dieser Art benützen, aber in dem Moment, in dem wir angreifen, sind
uns diese Orte verboten. Wenn wir hier reinkommen würden, und vorhätten diese Struktur anzugreifen, so würde
uns die Polizei daran hindern, das scheint mir klar.
Nun, da sich die Herrschaft über Räumlichkeiten realisiert, ist für die Anarchistinnen der Bezug zu den
Räumlichkeiten sehr wichtig. Sicherlich ist der Aufstand ein individueller Fakt und daher, wenn wir am Abend mit
uns alleine sind, bevor wir einschlafen, denken wir: „… Naja gut, letztendlich laufen die Dinge gar nicht so
schlecht“ denn man fühlt sich in Frieden mit sich selbst und schläft ein. In diesem besonderen Bereich, der keine
Räumlichkeit darstellt, bewegen wir uns wie wir wollen. Dann aber müssen wir uns in die Räumlichkeit der
Wirklichkeit transferieren, und die Räumlichkeit, wenn ihr mal gut darüber nachdenkt, ist fast exklusiv in der
Hand der Mächtigen. Nun, wenn wir uns in der Räumlichkeit bewegen, bringen wir diese Werte des Aufstandes,
diese Werte der Revolution, der Anarchie mit ein, und messen sie in einem Gefecht, in dem es nicht nur uns gibt.
Wir müssen daher die bedeutungsvollen Ziele identifizieren und ob es die gibt, und schau mal einer an, diese Ziele
gibt es immer und überall. Wir müssen dazu beitragen, die Bedingungen und Objekte zu
finden, die es ermöglichen, dass die Leute die ausgebeutet und unterdrückt werden, versuchen selbst etwas
dagegen zu tun, um dies zu verhindern. Meiner Ansicht nach ist dieser revolutionäre Prozess von aufständischer
Natur. Er hat keinen Zweck (das ist sehr wichtig) im quantitativen Sinne, denn die Zerstörung des Objektives oder
die Verhinderung von Projekten, kann nicht im Sinne der Menge bewertet werden. Es kommt vor, dass ich gefragt
werde: „Ja aber was für Resultate haben wir erreicht?“. Auch wenn etwas realisiert wurde, so erinnern sich die
Leute im Nachhinein nicht mehr an die Anarchistinnen. „Die Anarchistinnen? Ja wer sind denn diese
Anarchistinnen, etwa Monarchen? Vielleicht die, die den König wollen.“ Die Leute erinnern sich schlecht. Was
aber hat dies für eine Wichtigkeit. Es sind nicht wir, an die sie sich erinnern sollen, sondern sie sollen sich an ihren
eigenen Kampf erinnern, denn der Kampf ist der ihre. Wir sind nur eine Gelegenheit im Kampf selbst, nichts
mehr.
In einer befreiten Gesellschaft, in der abgeschlossenen Anarchie, also in einer vollkommenen idealen Dimension,
hätten die Anarchistinnen – die heute für den sozialen Kampf auf jeder Ebene unverzichtbar sind – nur die Rolle,
die Kämpfe immer weiter voranzutreiben, bis auch die letzte Spur der Macht verschwunden ist, um die Spannung
zur Anarchie immer weiter perfektionieren zu können. Die Anarchistinnen sind diejenigen, die auf alle Fälle einen
unbequemen Planeten bewohnen, denn läuft der Kampf gut, so werden sie vergessen, läuft er schlecht, so zieht
man sie zur Rechenschaft und wirft ihnen vor, einen schlechten Kampf geführt zu haben. Deswegen sollten wir
uns nie Illusionen machen was die möglichen, quantitativen Ergebnisse betrifft: wenn der Kampf, der verwirklicht
wird, im Sinne des Aufstandes korrekt ist, dann ist das gut so, und die Ergebnisse, falls es welche gibt, können für
die Leute, die sie realisiert haben, von Nutzen sein, nicht aber für die Anarchistinnen. Man darf nicht in das
Missverständnis fallen, in das leider genügend Genossinnen immer wieder verfallen sind, zu denken, dass das
positive Ergebnis des Kampfes sich in ein Wachstum unserer Gruppen verwandeln kann, denn dies entspricht
nicht der Wahrheit und führt systematisch zu Delusionen. Das Wachstum unserer Gruppen und das Wachstum der
Genossinnen aus einem quantitativen Blickpunkt betrachtet ist eine wichtige Sache, die aber nicht über die
erreichten Ergebnisse stattfinden kann, sondern über den Aufbau, die Formatierung der starken Ideen, der
Klarstellungen, von denen wir vorhin sprachen. Die positiven Ergebnisse des Kampfes und das quantitative
Wachstum unserer Gruppen sind zwei Sachen, die nicht von einem Prozess des Ursprungs und des Effektes
verbunden werden können. Sie können in Verbindung stehen, oder auch nicht.
Bevor ich abschliesse würde ich gerne noch ein paar Worte sagen. Ich habe davon geredet, was der Anarchismus
ist, was die Demokratie ist, welche die Missverständnisse sind, die uns immer wieder vorgehalten werden, die Art
auf welche sich die Machtstruktur verändert, die wir modernen Kapitalismus, post-industriellen Kapitalismus
nennen, von einigen anarchistischen Kampfstrukturen, die heute nicht mehr akzeptierbar sind, von der Weise,
wie man sich heute gegen die Verwirklichungen der Mächtigen entgegensetzen kann, und letztendlich habe ich
von dem Unterschied gesprochen, der zwischen dem traditionellen und dem aufständischen Anarchismus von
heute besteht. Ich danke euch.
Weit entfernt von der Suche nach Bibeln und Predigern, abgeneigt für jede Form von Abgötterei und Mythologie,
Bilderstürmerinnen per definitionem, Atheistinnen in jedem Sinne, sind wir schon immer vor jeglichem
Autoritarismus, der unsere Existenz ekelhaft machen würde, geflüchtet und haben ihn verweigert, auch von dem
subtilsten und gefährlichsten: derjenige, der von uns selbst ausgehen könnte. Keine Gesetze, keine Auflagen,
Befehle oder Gewissheiten, keine vorgefertigten Augenklappen, sondern nur freie und spontane
Übereinstimmung…
Das hatten wir im Sinne, als wir das Projekt Laboratorio Anarchico ins Leben gerufen haben, um antiautoritär
unsere Spannungen zu experimentieren. Das innerhalb und ausserhalb seiner Mauern, und genau das haben wir
immer noch im Sinne, wenn wir diesen Text vorschlagen, der nichts anderes sein will als ein Anreiz, um uns selbst
wachsen zu lassen, oder sollte es der Fall sein, sich in jemand anderem wiederzufinden.

Dieser Beitrag kann auch bei unseren Partner diskutiert werden AnCaps.de

Written by floriangrebner

9. April 2011 at 17:04

Veröffentlicht in Ethik, Freiheit