Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Freiheit’ Category

Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

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Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

Libyen: Ein Schwein im Sack?

with one comment

Von Kevin Carson (Englisch) ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner

Ein paar beunruhigende Fakten oder zumindest ein paar beunruhigende Fragen fangen an bezüglich Obamas Libyen Intervention aufzutauchen.

Zunächst einmal berichtete die Asia Times am 2. April (Exposed:  The U.S.-Saudi Libya Deal“) darüber, dass Saudi Arabien in der Arabischen Liga einen Block organisierte um die amerikanische Intervention billigen zu lassen. Im Gegenzug erhielten die Saudis von Obama freie Hand beim eingreifen in Bahrain und beim zerschlagen der Pro-Demokratie Bewegung in diesem Land, welche für die konservativen Monarchien am Golf so beunruhigend ist.

Im Gegensatz zum Mythos, das die Arabische Liga Obamas Intervention gebilligt hat, enthielten sich die Hälfte der Mitglieder der Stimme. Die Mitglieder, die für sie gestimmt haben, waren überproportional im Einflussbereich von Saudi Arabien. Obama bekam das Ergebnis das er wollte, weil die Saudis ihre Kindchen hinzugezogen haben.

Demnach zeigt CNN all die lächelnden Menschen, die V für Victory Zeichen in Bengasi machen, während der König von Bahrain den Ausnahmezustand benutzt um die Pro-Demokratie Bewegung mit der Hilfe von 2.000 saudischen Truppen, zu unterdrücken. Darüber gibt es keinen rührseligen CNN Bericht und keine große öffentliche Anprangerung durch das Außenministerium. Weißt du warum? Weil Bahrain eine befreundete Regierung ist und die Bewegung, die sich gegen die Regierung richtet, zum Großteil aus Schiiten besteht und dies in einen Gebiet wo Iran als Haupt“problem“ angesehen wird.

In Noam Chomskys Terminologie würde man sagen, dass die bahrainischen Demonstranten keine „würdigen Opfer“ sind. Sie werden nicht von einen radikalen Schurkenstaat vernichtet, der in Konflikt mit der U.S. Außenpolitik geraten ist. Eher sind sie eine Unannehmlichkeit für eine Regierung, die weiß wie man mit Washington zusammen spielt. Daher sind sie entbehrlich.

Vielleicht ist es so eine Sache wie der Pressesprecher vom Weißen Haus meinte als er davon sprach, dass Wikileaks den Versuch der USA untergräbt „Demokratie und transparente Regierung zu verbreiten“.

Zweitens, Thomas Mountain von Counterpunch (“Bombing Libya,” March 23) wirft ein paar unangenehme Fragen bezüglich der Bengasirebellen auf. Bengasi, die Stadt in Libyen die am nächsten an Italien ist, ist seit Jahren ein Zentrum des Menschenhandels aus dem subsaharischen Afrika gewesen. Im Durchschnitt passierten etwa Tausend Schwarzafrikaner Bengasi mit der Hoffnung nach Europa flüchten zu können. Demnach war Bengasi der Sitz einer extrem komplexen Gang, die den Menschenhandel kontrollierte, viele von ihnen beuteten ihr menschliches Gepäck so rücksichtslos wie die „Koyoten“ an der amerikanisch-mexikanischen Grenze aus. Gaddafis Regierung versuchte seit Jahren, behauptet Mountain, ohne Erfolg diesen Handel zu unterdrücken. Infolgedessen ist die kriminelle Unterwelt von Bengasi ein Hauptunterstützer der Rebellen.

Bengasi ist ebenfalls ein zu Hause für eine große Anzahl an schwarzafrikanischen Gastarbeitern, die die Arbeit tuen, die die Libyer als „schmutzig“ empfinden. Die einheimische Jugendlichen, welche sich weigert solche Jobs anzunehmen, sind häufig arbeitslos und faulenzen. Also schließen sie sich einer der Jugendgangs, die sich der rassistischen Schikane von schwarzafrikanischen Gastarbeitern anschließt, an. Diese missmutige Jugend war im Herzen der Protestbewegung.

Dies wirft einige Fragen auf bezüglich des berichteten Massakers an Schwarzafrikanern durch das bengasische Militär – angeblich weil Gaddafi Schwarzafrikaner als Söldner anheuerte – nicht wahr? Ich weiß nicht ob Thomas Mountains Schilderung korrekt ist, aber es sollte uns zumindest dazu zwingen zwei mal nachzudenken wenn wir jemanden wie Ed Schulz auf MSNBC die Libyer als „Freiheitskämpfer“ bezeichnen hören.

Demnach heißt es wieder einmal: Immer nach dem Mann hinter dem Vorhang schauen.

Written by floriangrebner

12. April 2011 at 13:57

Panarchismus

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Von John Zube

Panarchismus beruht auf der Souveränität des Einzelnen, dem Austrittsrecht und der exterritorialen Autonomie für Rechtsgemeinschaften von Freiwilligen.

Eingeführt als Rechtsphilosophie und als Rahmenwerk zur Harmonisierung zwischen allen Sozialreformern und konservativen Bewegungen, wurde er unter diesem Namen von P. E. de Puyt, einem belgischen Beamten und Botaniker.*

Die Anerkennung des Austrittsrechts und ihre Folge; die vollständige Freiwilligkeit in der politischen, ökonomischen und sozialen Organisation, würde schließlich, vielleicht sogar überraschend bald, wie der Zusammenbruch der Berliner Mauer und der UdSSR, zu einer friedlichen, freien und gerechten Welt führen, mit einem hohen Lebensstandard für alle Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen. Freiwillige Versicherungs-, Kredit- und Karitative Unternehmungen sowie Einrichtungen gegenseitiger Hilfe würden den Wohlfahrtsstaat sehr wohl und viel billiger ersetzen können und weniger Parasiten und Charakterfehler unterstützen. Exterritoriale und autonome Rechtsgemeinschaften aus Freiwilligen bieten friedliche und effektive Lösungsmöglichkeiten für alle verbleibenden politischen, ökonomischen und sozialen Probleme an – durch Experimentierfreiheit für alle solche Ideen, unter denen, die sie teilen. Diese Fortschritte würden den raschen und großen Fortschritten der Naturwissenschaften und Technologie nach der Einführung der Experimentierfreiheit auf diesen Gebieten entsprechen.

Zu gleicher Zeit und in demselben Lande könnten xyz Projekte zur Lösung z.B. der Geldfrage, des Landproblems, des Copyrights- und Patentproblems unter Freiwilligen, einstimmig, enthusiastisch und ohne interne Opposition ausgeführt werden, alle auf eigene Kosten und Risiko, ohne erst die Mehrheit eines Landes oder die Mächtigen von der Qualität der Projekte überzeugen zu müssen. Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit und die Inflation, die Stagflation und Deflation, könnten so – rasch und offensichtlich – gelöst werden, dass die Lösungen sehr bald weitgehende Annahme finden würden. Mit diesen würden z.B. Einwanderungssperren und Wohnungs – und Berufsverbote sowie Deportationen und Konzentrationslager für Illegale enden.

Die durch das Austrittsrecht und die Panarchien eingeführte Freiheit zu schützen, verlangt letztlich (soweit gewaltlose Maßnahmen z.B. gegen Fanatiker unzureichend sind) noch ideale und aufgeklärte Milizen aus Freiwilligen, ebenfalls autonom, lokal organisiert und dann föderativ zusammengeschlossen, die sich selbst mobilisieren würden. Das Thema freiheitlicher Milizen verlangt noch viel Diskussion. Aber einige Ansätze dazu sind schon in den Schriften von Ulrich von Beckerath und meinen eigenen zu finden.

Mein Vater, Kurt Zube, pflegte zu sagen: „Jedem den Staat seiner Träume!“

Ich erweiterte dies durch die obige und folgende Version: „Jedem den Staat oder die freie Gesellschaft seiner Träume.“ Diese Zielsetzung verlangt eine neue Sozialwissenschaft, welche die Möglichkeiten der gegenseitigen Toleranz, der Handlungs – und Experimentierfreiheit, auch der freiwilligen Neutralität, ganz erschöpft und durch neue und vollständigere Rechts – und Freiheitserklärungen definiert. Siehe dazu den Menschenrechtsentwurf in PP 4 und die etwa 100 privaten Menschenrechtserklärungen, die in PP 589 & 590 zusammengestellt sind. Das alles steht noch ganz im Anfangsstadium. Sogar uralte Traditionen dieser Art sind noch weitgehend unbekannt. Daher können viele der Interessenten noch zu neuen Pionieren und Fachleuten auf diesem Gebiet werden. Sehr viel Umdenken, Forschen, Studieren und Diskutieren ist noch erforderlich. Die älteren und neuen alternativen und erschwinglichen Medien liefern dafür genügend und erschwinglichen Raum. Tretet aus den Massenmedien aus und benutzt die alternativen und billigen Medien in ihren ihren Stärken für Eure eigenen Zwecke und Ideale! Reformer werden in Panarchien nicht mehr erst Mehrheiten für sich gewinnen müssen. Ihre unvermeidlichen Enttäuschungen in solchen Versuchen werden sie nicht mehr in vielen Fällen dem Terrorismus zuführen.

Alle Revolutionäre könnten dann ihre eigenen Sachen auf die eigene Art gehörig umkrempeln, so weit sie das nur machen und ertragen können, auf eigenes Risiko und eigene Kosten. An neugierige Beobachter könnten sie vielleicht auch Eintrittskarten verkaufen für ihre “ Zirkusveranstaltungen“ – nach der Meinung von freien Außenstehenden.
Konservative und Reaktionäre hätten dieselbe Freiheit für sich wie alle Arten von Fortschrittlichen und Futuristen.

Keiner könnte sich mehr über andere als sich selbst und seine Anhänger beschweren. Besondere Berater werden sich auch anbieten, die es einigen unbeholfenen Utopisten leichter machen werden, die schlimmsten der eigenen Fehler bei der Verwirklichung ihres Ideals unter sich zu vermeiden.
Und andere Rechtsgemeinschaften werden sich effektiv gegen alle Übergriffe verteidigen und für die Einsetzung von z.B. Schiedsgerichten oder anderen Rechtsverfahren sorgen, für die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Mitgliedern verschiedener Rechtsgemeinschaften. Zum Schutz gegen kleinere Rechtsverletzungen durch Kriminelle aller Art, mit Opfern, werden sich viele im Wettbewerb stehende Polizei- und Schutzorganisationen bilden, verschieden, wie die Gerichtssysteme, innerhalb der Rechtsgemeinschaften.

Solche Unternehmen werden auch außerhalb von Rechtsgemeinschaften geschaffen werden und gleichzeitig mehreren Rechtsgemeinschaften ihre Dienste anbieten. Nicht alles muss auch im Rahmen von Panarchien und ihren „package deals“ geschehen.
Aber die Tendenz wird stark sein, noch für lange Zeit, für die verschiedensten Panarchien, sich selbst alle „öffentlichen Dienste“, die sie für sich wünschen, auf ihre Art zu schaffen und zu finanzieren. Möglicherweise, auf lange Sicht, werden sich die „package deal“-Panarchien auch auflösen und alle werden dann nur noch spezialisierte Unternehmen auf dem freien Markt gebrauchen. Ob sie das aber für die nächsten Jahrhunderte schon tun würden, erscheint mir doch sehr fraglich, wenn ich die Andauer von Religionen, Gebräuchen, Vorurteilen und Gewohnheiten betrachte.

Wie realistisch sind solche Ideen?
Ich verweise zunächst auf alle entsprechenden Traditionen, die von Historikern meistens vernachlässigt und von Rechtskundigen nicht genügend auf unsere Zustände angewandt werden. Es gibt bereits das große und, soweit realisiert, friedensstiftende Beispiel der Religionsfreiheit oder religiösen Toleranz, nun auch weitgehend auf Atheisten, Agnostiker, Deisten, Humanisten und Rationalisten ausgedehnt. Panarchismus würde die Kirchen und Sekten ganz exterritorial autonom machen, aber nur wenn und so weit, wie sie das wollen. Dann gibt es die Experimentierfreiheit schon sehr weitgehend in der Technik und Naturwissenschaft, in der Literatur, der Philosophie und den schönen Künsten. Aber am weitesten verbreitet (und noch ganz unbewusst als panarchistische Praxis) sind die freien individuellen Handlungen im Privatleben, täglich, zahlreich, nach eigenen Regeln, auf eigenes Risiko und eigene Kosten, von der noch zu beschränkten Freiheit der Unternehmer zu der souveränen Konsumentenwahl unter Millionen von Angeboten, bis hin zur Vereinsmeierei und tausenden von verschiedenen Hobbies und Unterhaltungs – und Vergnügungsmoglichkeiten, wenigstens in den etwas entwickelten Ländern.

Diese individuellen Optionen und Handlungen führen nur selten zu Konflikten: Tennisspieler und Fußballer bekämpfen sich nicht, sondern machen nur friedlich ihre eigenen Sachen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Das fällt ihnen überhaupt nicht mehr ein. Solcher Art sind sie schon weitgehend
und gewohnheitsmäßig Panarchisten.

Wie Ulrich von Beckerath zu sagen pflegte: Die Revolution ist schon zu 90% vorbei. Wir müssen nur für die letzten 10% sorgen. Dabei gilt es jedoch, noch viele Denkgewohnheiten und Irrtümer zu überwinden. Die Konsum und Handlungsfreiheit ist noch in den politischen, ökonomischen und sozialen System-Sphären einzuführen, die für die meisten Leute nicht sehr interessant sind. Die Freiheiten, die sie privat wünschen, haben diese Mehrheiten in den besseren Demokratien bereits.

Für den Rest haben sie noch ihre territoriale Staatsreligion. Die muss durch das Austrittsrecht und die exterritorial autonomen Rechtsgemeinschaften reduziert werden: für freiwillige Etatisten.
Vielleicht würden diese die Oppositionellen etc. gern aus ihren eigenen Gemeinschaften ausscheiden lassen oder sie abschieben, wenn sie nur von der Möglichkeit solcher Gemeinschaften und ihrer Gefahrlosigkeit wüssten.

Jeder Führer würde noch für lange Zeit genügend dumme Anhänger finden und bräuchte sich nicht mehr in Wahlkämpfen zu verteidigen. Unwissenheit und Vorurteile würden ihm einen sicheren Platz und hohe Einkünfte sichern, solange er irgendwo noch erfolgreich belügen kann. Natürlich würde er durch die nahestehenden Beispiele anderer Lebensweisen viele Anhänger verlieren. Aber neue potenzielle Anhänger werden stündlich geboren.
Selbst die meisten radikalen Freiheitsfreunde gingen meistens durch eine Entwicklungsstufe, in der sie zunächst Anhänger und Gläubige waren. Astrologen, Gurus und Priester finden immer noch viele Kunden, die sich von ihnen freiwillig schröpfen lassen. Das ist nicht das größte Problem.

Panarchismus macht rechtmäßige Revolutionen, auch für Einzelne und kleine Minderheiten, möglich, ohne die Rechte und Freiheiten anderer zu gefährden.
Er erlaubt allen Fehler zu machen – aber nur auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko. Er realisiert Handlungs- und Experimentierfreiheit auf den verbleibenden Tabu-Gebieten.

Anmerkung

* P. E. de Pydt, Panarchie, REVUE TRIMESTRIELLE, Brussels, Julie 1860, 11 S., in Französisch. In meiner PEACE PLANS-Serie – siehe unten – erchienen mehrere Ausgaben, in Deutsch und Englisch, aber noch keine Französische, da diese mir verloren ging und noch nicht ersetzt wurde. Dieser Namensgebung folgend, gab PEACE PLANS (PP) eine besondere noch unvollständige Serie heraus, ON PANARCHY genannt, von der bisher 19 Bände auf 19 Mikrofiche erschienen sind.

Nachtrag

Wie viele deutsche Schriftsteller haben sich bisher, mehr oder weniger klar und konsequent für den Panarchismus eingesetzt? Wie viele von ihnen haben bisher das Austrittrecht anerkannt? Es folgen einige Beispiele aus meinem Gedächtnis, wobei ich einige Fragen los werden möchte. Allen antwortenden ef-Lesern kann ich versprechen, ihre Antworten in jeder Länge und bald in meiner Serie zu verfilmen.

1. Johann Gottlieb Fichte, 1793, Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution. Leipzig, 1922. Vollständig, 282 S., in PP 416. Auszüge, mit Kommentaren, in PP 12 & 61-63 (in Englisch und in PP 399-401 in Deutsch). Über seinen frühen Anarchismus siehe auch PP 901. In diesem Buch sprach er sich sehr deutlich und überzeugend für das Austrittsrecht aus, das in jeder Revolution mehr oder weniger in Anspruch genommen wird.

2. Karl Christian Friedrich Krause, verstorben 1832. Auch er schrieb über das Austrittsrecht – aber in welchen seiner jetzt sehr selten zu sehenden Werke?

3. Max Nettlau, Panarchie, eine verschollene Idee von 1860, 1909, nachgedruckt, in PP 617, 671, 736, Englisch in PP 843 und anderen PP Ausgaben, auch mit de Puydt’s Artikel, in Englisch, auf meiner Website: http://www.acenet.com.au/~jzube

4. Wilhelm Roscher, irgendwo in seinen voluminösen Werken, das Buch oder die Stelle habe ich bis jetzt noch nicht gefunden, schrieb er über de Puydt’s Panarchie-Artikel. Hilfe! Wo steht’s?

5. J. H. von Kirchmann, Die Grundbegriffe des Rechtes und der Moral, 1869. (Ein Auszug daraus, über autonome Rechtsgemeinschaften, ist in PP 671 zu finden.)

6.Ulrich von Beckerath, 1882-1969, in vielen seiner Schriften und Briefe. Noch sehr unvollständig in meiner PP-Serie veröffentlicht.

7. Werner Ackermann, Cosmopolitische Union, Verfassungsentwurf, 1931, 1 S., z.B. in PP 299-301, im Englischen u.a. in PP 61-63.

8. Kurt H. Zube (K.H.Z. Solneman), insbesondere in seinem Hauptwerk: Das Manifest der Freiheit und des Friedens, Der Gegenpol zum Kommunistischen Manifest, 1977, 355 S., reproduziert in PP 188.

9. John Zube, in 2 Buch-Manuskripten (PP 16-18, bisher nur in Englisch) und PP 399-401 und vielen Aufsätzen und Briefen, hauptsächlich in der ON PANARCHY-Serie, volumes I – XIX.

10. Philipp Zorn, Dr., Die Konsulargesetzgebung des Deutschen Reiches, Berlin 1911, J. Guttenberg, Verlagsbuchhandlung, 3. Ausgabe, neu bearbeitet, indexiert, 594 S. – Über einer staatlich anerkannte Art des Wettbewerbs in der Gerichtsbarkeit, für Ausländer in fremden Ländern.

11. In ef etwa Uwe Timm, z.B. in ef Nr. 1, Stefan Blankertz, z.B. in ef 1, S. 13ff., André F. Lichtschlag, z.B. in ef 1, S. 16ff., Gerard Radetzky, z.B. in ef 3, S. 76, Michael Kastner, z.B. in ef 3. (Vielen Dank für die mir neuen Zitate und Bemerkungen dieser Art durch eigentümlich frei).

Wer kann mir mehr solcher Schriftsteller und Schriften anzeigen? In allen Sprachen! Eine ungewöhnliche und sehr wichtige Schatzsuche liegt hier vor. Volltexte und Auszüge dieser Art, in sehr guten Fotokopien oder Originalausgaben, geschenkt oder geliehen, sind jederzeit für meine PEACE PLANS Ausgaben willkommen, für baldige Verfilmung in der ON PANARCHY-Serie. Belohnung ist mir nur in LMP-microfiche möglich. Meine ON PANARCHY-Serie wird nach einigen zusätzlichen Bänden indexiert werden als ein erstes Handbuch über die Panarchie, ihre künftigen Möglichkeiten, die historische Rolle der Exterritorialität und des Personalrechtes. Nur: Was Millionen Freiheitssucher bisher so sehr vernachlässigt haben, kann leider ein Einzelner nicht vollständig zusammentragen.

Written by floriangrebner

11. April 2011 at 16:32

Veröffentlicht in Freiheit, Recht vs. Staat, Sezession

Die Trommeln des Krieges

with one comment

von David D’Amato (Englisch), ins Deutsche übersetzt von Florian Grebner. Englische Erstveröffentlichung hier

In einer Ansprache, die die Luftangriffe auf Libyen durch die USA und ihrer Verbündeten zum Thema hat, sagte Präsident Obama, dass das Scheitern zu handeln „ein Verrat an uns selbst wäre“, dass ein Massaker in dem Land „das Gewissen der Welt beflecken“ würde. Jedes mal wenn die Elite der Außenpolitik des Imperiums anfängt davon zu reden, dass sie „einen Partner in der Region entwickeln wollen“ oder die – in Obamas Worten – „wichtigen strategischen Interessen“ einer Intervention hervorhebt, steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit in ihren Kriegspredigen

Es ist sicherlich im Interesse des amerikanischen Staates und seiner Mädchen für alles, die überall auf der Welt verteilt sind, die Chance zu nutzen das Regime von Gaddafi durch jemanden zu ersetzen, der sie mehr ergänzt, mit einer leeren Leinwand wodurch die Voraussetzung für Etatismus, korporativer Kapitalismus, verwirklicht werden kann. Die heutige Intelligenz des Imperiums, Personen wie Richard N. Haass vom Council on Foreign Relations, können nicht anders als Hinweise auf die Wahrheit zu geben, dass es überhaupt nichts „humanitäres“ an der Intervention des U.S. Militär gibt; er sagt, bezüglich der Militär Aktion in Libyen, dass insoweit „Libyen nur 2% der weltweiten Ölproduktion ausmacht“ U.S. Interessen zweifellos weniger schwerwiegend sind. Wodurch er das Kalkül, das die Entscheidungen der da oben bezüglich Außenpolitik charakterisiert, auf den Bildschirm bringt.

„Wir machen die Welt sicher für die Demokratie“ hatte immer nur geheißen sie sicher zu machen für die Interessen der herrschenden Klasse; die Ressourcen – sowohl natürliche auch als menschliche – welche durch neue Grenzen sperrangelweit mit der Brechstange der US-Streitkräfte verschlungen wurden. Und nachdem Gaddafi schon lange weg ist werden die Libyer, die sich den in den Weg stellen, merken wie sehr die Vereinigten Staaten ein „Advokat für menschliche Freiheit“ sind. Obwohl die angeblichen Gründe für die U.S. Reaktion bezüglich Libyen, die vom Präsidenten dargestellt werden, „Zivilisten zu beschützen“ und „Massaker zu verhindern“ sind, werden diese Anliegen auffallend oft täglich von den U.S.A. Im Irak, Afghanistan oder Pakistan missachtet.

Wir können sicher sein, dass das Wesentliche der U.S. Militärpräsenz in Libyen das Sprießen von neuen „Tötungsteams“ wie die nun berüchtigte Bravo Company in Afghanistan sein wird. Und wenn dies geschieht können alle Amerikaner Erschütterung darüber heucheln, dass Menschen nachdem sie zu Teilnahmslosigkeit bezüglich des menschlichen Lebens trainiert wurden, trainiert wahllos zu töten wenn die Befehlskette es befehlt, Zivilisten töten würden. Stell dir das mal vor. In einer Zeile seiner Rede, die eine Beleidigung der Intelligenz jedes U.S. Einwohners ist, beschämte der Präsident Nationen, die „ein Auge bei Gräueltaten in anderen Länder zudrücken“ könnten.

Anscheinend hat er den Eindruck, dass wir total vergesslich sind bezüglich des Aufhäufens von Leichen Unschuldiger (durch die Army) auf den Schlachtfeldern des Imperiums. Solang der „Anker der globalen Sicherheit“ abschlachtet, man denke an die Sanktionen des U.N. Sicherheitsrates und die Beipflichtung „unserer internationaler Partner“, wird der ganze Prozess durch die Liturgie des Imperiums geheiligt.

Die amerikanische Sorte des korporativen Kapitalismus, welcher selbst ein Kampf ist gegen die Leistungsfähigkeit im Gegensatz zum freien Markt, trägt zu jeder Zeit eine natürliche Neigung zum Krieg mit sich herum. Seit der Wohlstand der herrschenden Klasse nicht (und tat es nie) auf der natürlichen Neigung von freiwilligen Austausch oder freien Wettbewerb basiert, muss es sich auf die weitere Enteignung verlassen um seine erzwungene Größe beibehalten zu können Ein Anlass zum Plündern kann daher nie ungenutzt bleiben und jedes Zeitfenster welches es ermöglicht ein neues Gebiet einzuverleiben muss untersucht werden. Das ungesagte Ziel ist immer, wie Murray Rothbard sagte, neue „Nebeneinkünfte und Privilegien“ zu haben um sie „aufzuteilen… in der gemischten Wirtschaft des Wohlfahrts-Kriegs Staats Monopolkapitalismusses.“

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Written by floriangrebner

10. April 2011 at 14:39

Veröffentlicht in Ethik, Freiheit, Militarismus, Recht vs. Staat

Die Anarchistische Spannung

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Von Alfredo M. Bonanno

Erschien bei:
Koordinationsstelle internationale anarchistische Schriften
Selfproduktion
Übersetzung als Solidaritätsbeitrag für alle von der repressiven Konstruktion Marini betroffenen AnarchistInnen.
Gewidmet an Roberto Nano und Guido Mantelli
August 1997

Wenn ich zu sprechen beginne, komme ich immer schnell in Verlegenheit, zumindest am Anfang. Diese
Verlegenheit steigert sich, wenn es sich um eine Veranstaltung handelt, die irrtümlich Konferenz genannt wird
bzw. als Konferenz-Debatte getarnt ist. Schliesslich handelt es sich um einen Diskurs, der von jemandem gehalten
wird, der von ausserhalb kommt, womöglich noch aus einer anderen Generation stammt und einem auf den Kopf
regnet. Jemand, der auf dieses Pult steigt, eine Rede hält und somit auf komische und gefährliche Weise wirkt wie
jemand, der für seine eigenen Zwecke auf euch einhämmert. Wenn ihr jedoch etwas aufpasst, liegt zwischen
diesem äusseren Aspekt und den Konzepten, die nun folgen werden, ein bemerkenswerter Unterschied.
Das erste dieser Konzepte besteht aus der folgenden Frage: was ist der Anarchismus? Und da ich mit Gewissheit
weiss, weil ich sie persönlich kenne, dass hier viele Anarchistinnen anwesend sind, ist es wohl komisch, dass ich in
diesem Moment so ein Problem anspreche. Eigentlich sollten die Anarchistinnen ja wissen, was der Anarchismus
ist. Trotzdem wäre es nötig, jeden Diskurs mit der Frage zu beginnen: was ist der Anarchismus? Warum?
Normalerweise stellt sich diese Frage in anderen Lebensformen, anderen Aktivitäten, anderen Gedankenwegen
nicht. Wer sich als etwas definiert, davon geht man zumindest aus, weiss auch, was diese Definition bedeutet.
Nun, die Anarchistinnen hingegen stellen sich immer das Problem: was ist der Anarchismus? Was bedeutet es,
Anarchistinnen zu sein? Warum? Weil er keine Definition ist, die, wenn sie einmal gefunden wurde, in einem
Tresor aufbewahrt werden kann, die beiseite gelegt werden und als Patrimonium betrachtet werden kann, aus
dem sich nach und nach etwas schöpfen lässt. Anarchistinnen zu sein bedeutet nicht, eine Gewissheit erreicht zu
haben und ein für allemal zu sagen: „Ja, ich besitze von diesem Moment an die Wahrheit, und somit bin ich
zumindest von der Idee her eine Privilegierte oder ein Privilegierter“. Wer so denkt, ist nur mit den Worten
Anarchistin. Anarchistinnen sind Individuen, die sich wirklich als solche in Frage stellen, also als Person, und sich
fragen: was ist mein Leben in Funktion dessen, was ich mache, Und in Relation zu dem, was ich denke? Was für
eine Beziehung habe ich alltäglich zu all den Sachen, die ich mache, was mache ich, um Anarchistin zu sein, also
um mich im Alltag nicht auf Übereinkommen, kleine Kompromisse usw. einzulassen?
Der Anarchismus ist also kein Konzept, das mit einem Wort festgenagelt werden kann, wie die Tafel eines
Grabsteines. Er ist keine politische Theorie. Er ist eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung, und das Leben,
egal wie jung oder alt wir sind, ist keine definitive Sache: es ist eine Wette, die wir Tag für Tag neu abschliessen
müssen. Wenn wir in der Früh aufstehen, brauchen wir einen guten Grund, um aus dem Bett zu kommen, haben
wir diesen nicht, egal ob wir Anarchistinnen sind oder nicht, hat es keinen Sinn aufzustehen. Also wäre es besser
im Bett zu bleiben und weiterzuschlafen. Um einen guten Grund zu haben, müssen wir wissen, was wir tun, denn
für den Anarchismus, für die Anarchistinnen gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was zu tun ist und dem,
was man denkt, sondern es gibt ein ständiges Zusammenfliessen zwischen der Theorie und der Aktion und
umgekehrt. Und das ist es, was die Anarchistinnen von anderen Personen unterscheidet, die eine andere
Lebensauffassung haben und diese Lebensauffassung über den politischen Gedanken kristallisieren, daraus eine
politische Praxis und eine politische Theorie machen.
Und dies wird normalerweise nicht gesagt, es ist in keiner Zeitung zu lesen, in keinem Buch und wird in jeder
Schule verschwiegen. Denn dies ist das Geheimnis des Lebens: nie definitiv eine Trennung zwischen Gedanken und
Aktion machen, zwischen den Sachen, die man weiss, und denen, die man versteht, den Sachen, die man tut, und
den Sachen, über die wir agieren. Das ist der Unterschied zwischen einem politischen Menschen und einem
revolutionären anarchistischen Menschen. Nicht die Wärter, die Konzepte, und gesteht es mir zu, unter einigen
Aspekten nicht mal die Aktionen, nicht einmal die radikalsten Aktionen, die sich durch den Angriff äussern,
drücken diesen Unterschied aus. Der Unterschied liegt auch nicht in der Richtigkeit des ausgewählten
Angriffsziels, sondern es ist die Art und Weise, was die Genossinnen, die diese Aktionen verwirklichen,
charakterisiert, was sie bedeuten, wie die Aktion mit dem Leben, dem Lebensgefühl, der Freude, dem Wunsch, der
Schönheit der Genossinnen, die sie durchführen, in Verbindung steht. Also handelt es sich nicht um eine
praktische Angelegenheit ihrer Verwirklichung, eine hartnäckige Durchführung eines Fakts, der sich auf tödliche
Weise in sich selbst abschliesst und der dazu bringt sagen zu können: „ich habe heute diese Sache getan, weit weg
von mir selbst, an der Peripherie meiner Existenz.“
Nun, dies ist ein Unterschied. Und aus diesem Unterschied entsteht ein anderer, der meiner Ansicht nach
bemerkenswert ist. Wer denkt, dass die Sachen, die zu tun sind, ausserhalb seiner selbst stehen und sich in
Erfolgen und Misserfolgen messen lassen – was soll’s, das Leben ist wie eine Leiter, man geht ein Stück aufwärts
und ein Stück abwärts, es gibt Zeiten, da geht alles gut, in anderen alles schief – nun, es gibt Leute, die denken,
dass das Leben aus solchen Sachen besteht: zum Beispiel die klassische Figur der demokratischen Politikerinnen
(um Himmelswillen, eine Person mit der man diskutieren kann, die eine sympathische Art hat, tolerant ist,
permissive Aspekte aufweist, die an den Fortschritt glaubt, an die Zukunft, an eine bessere Gesellschaft, an die
Freiheit), so, diese Person, die sich so gibt, die keinen Anzug und keine Krawatte trägt sondern casual kleidet, eine
Person, die aus der Nähe betrachtet eine Genossin sein könnte oder das gar von sich behauptet, diese Person
könnte genausogut eine Polizistin sein, das ändert überhaupt nichts. Warum nicht? Es gibt demokratische
Polizistinnen. Die Zeit der einheitlichen Repression ist vorbei, heute hat die Repression sympathische Aspekte, sie
unterdrückt uns mit vielen glänzenden Ideen. Nun, diese Person, diese demokratische Person, wie können wir sie
charakterisieren, sie individualisieren, wie können wir sie sehen? Und wenn sie uns ein Tuch vor die Augen
hängen würden, um zu vermeiden, dass wir diese Person sehen könnten, wie können wir uns vor ihr schützen? In
dem wir sie über den folgenden Fakt identifizieren: für diese Person ist das Leben von der Realisierung bestimmt,
ihr Leben besteht aus Fakten, aus quantitativen Fakten, die sich vor ihren Augen abspulen, und aus nichts
anderem.
Wenn wir mit jemanden sprechen, können wir nicht einen Mitgliedsausweis verlangen. Oft passiert es uns, dass
uns die Ideen einer Person in ziemliche Verwirrung führen und wir gar nichts mehr verstehen, denn wir sind alle
sympathische und progressive Rednerinnen, alle lobpreisen wir die Schönheit und Toleranz usw. Wie aber können
wir bemerken, dass wir vor uns den schlimmsten Feind haben? Denn gegen den alten Faschisten konnten wir uns
zumindest wehren, schlug er uns, so schlugen wir, wenn wir gut im Schlägern sind, noch heftiger zurück. Nun hat
sich die Angelegenheit verändert, die ganze Situation hat sich verändert. Heute so einen richtigen faschistischen
Schlägertypen zu finden, kann sogar schwierig werden (A.d.Ü. es muss immer bedacht werden, dass der Autor von
Italien ausgeht und nicht von Deutschland!). Aber dieses Subjekt, das wir gerade versuchen zu beschreiben, diese
Demokratinnen, die finden wir in allen Bereichen: in der Schule oder im Parlament, auf der Strasse oder in der
Uniform eines Polizisten, als Richterin oder Ärztin. Dieses Subjekt ist unser Feind, denn es bewertet das Leben
anders als wir, denn für es ist das Leben ein anderes Leben, es ist nicht unser Leben, denn wir stellen für dieses
Subjekt eine Art Marsmenschen dar, und ich sehe keinen Grund dafür, dieses Subjekt so zu bewerten, dass es auf
unserem Planeten leben könnte. Dies ist die Linie, die uns von ihm trennt, denn seine Lebensauffassung besteht
aus quantitativer Natur, denn dieses Subjekt bemisst das Leben nach Erfolgen, oder wenn ihr wollt, auch nach
Misserfolgen, aber auf alle Fälle immer aus einem quantitativen Blickpunkt, und wir bemessen es auf eine andere
Art, und über das sollten wir nachdenken: auf welche Art hat für uns das Leben etwas anderes, etwas anderes im
qualitativen Sinne?
Nun, diese Person die uns scheinbar wohlwollend gegenübersteht, überfällt uns jedoch mit einer Kritik und sagt:
„ja, die Anarchistinnen sind sympathische Leute, sie sind jedoch unbeschlossen, was haben sie je in der Geschichte
gemacht, welcher Staat war jemals anarchistisch? Haben sie jemals eine Regierung ohne Regierung realisiert? Ist
denn eine freie Gesellschaft, eine anarchistische Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Macht, denn kein
Widerspruch in sich?“ Und diese Masse von Kritik, die auf uns geschleudert wird, hat sicherlich eine grosse
Dimension, denn effektiv auch in den Fällen, in denen die Anarchistinnen sehr nahe an der Verwirklichung ihrer
Utopien einer freien Gesellschaft waren, wie z.B. in Spanien oder in Russland, waren diese Verwirklichungen,
wenn man sie genau prüft, ziemlich diskutierbar. Sicherlich, es waren Revolutionen, aber es waren keine
libertären Revolutionen, es waren keine anarchistischen Revolutionen.
Also, wenn uns diese Damen und Herren sagen: „Ihr seid Utopisten, ihr Anarchisten macht euch Illusionen, euere
Utopie lässt sich nicht realisieren“, dann müssen wir antworten: „Ja das stimmt, der Anarchismus ist eine
Spannung und keine Realisierung, er ist kein konkreter Versuch, morgen vormittag die Anarchie zu realisieren“.
Wir müssen aber auch fähig sein zu sagen: „Aber ihr geehrten demokratischen Damen und Herren, die ihr an der
Regierung seid, in den Universitäten, in den Schulen usw., ihr Damen und Herren, was habt ihr denn realisiert?
Ein Welt, die es wert wäre, in ihr zu leben? Oder eine Welt, geprägt von Tod, eine Welt, in der das Leben eine platte
Tatsache ist, qualitätslos, bedeutungslos, eine Welt, in der, wenn man ein gewisses Alter erreicht, um in Rente zu
gehen, sich fragt: „Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Was für einen Sinn hat es gehabt, diese vielen Jahre
zu leben?“
Das ist es, was ihr realisiert habt, das ist eure Demokratie, aus was besteht euer Konzept des Volkes? Ihr regiert ein
Volk, aber was soll „Volk“ denn eigentlich heissen? Was ist dieses Volk? Ist es vielleicht der kleine Teil, der zum
Wählen geht, der für euch wählt und eine Minderheit nominiert, diese Minderheit dann eine noch kleinere
Minderheit wählt, die uns dann im Namen des Gesetzes regiert? Und diese Gesetzte, was sind die anderes, als der
Ausdruck der Interessen einer Minderheit, die spezifisch daraus ausgerichtet ist, die eigenen Perspektiven der
Bereicherung und der Verfestigung der Macht zu erreichen?
Ihr regiert im Namen einer Macht, einer Kraft, von woher kommt die denn? Von einem abstraktem Konzept. Ihr
habe eine Struktur realisiert, von der ihr denkt, sie könnte verbessert werden … aber wie, auf welche Art wurde
sie in der Geschichte verbessert? Dies ist die Kritik, die wir den UnterstützerInnen der Demokratie vorwerfen
müssen. Wenn wir Anarchistinnen utopisch sind, dann sind wir es, weil wir eine qualitative Spannung haben;
wenn die Demokratinnen utopisch sind, dann sind sie es weil sie einer Reduzierung folgen, die zur Quantität führt.
Und dieser Reduzierung, der das Ziel des möglichst minimalen Schadens für sie und des grösstmöglichen Schadens
für die Mehrheit, die dadurch ausgebeutet wird, innewohnt, dieser elenden Wirklichkeit stellen wir unsere Utopie
entgegen. Diese ist zumindest eine Utopie der Qualität, eine Spannung, die auf eine andere Zukunft ausgerichtet
ist, etwas radikal Anderes, als das, was wir heute erleben.
Also alle diese Diskurse, die irgendwer an euch richtet, der im Namen des politischen Realismus spricht, ob es die
Staatsmänner sind, die Professorinnen, die Diener der Staatsmänner sind, die Theoretikerinnen, die
Journalistinnen, alle Intellektuellen, die sich in Universitätsräumen wie diesem aufhalten, wenn sie kommen und
mit ruhigen und toleranten Worten des realistischen Menschen reden und behaupten, dass man eh nichts ändern
kann, dass die Wirklichkeit diese ist und man sich damit abfinden muss, dass Opfer gebracht werden müssen, nun,
diese Leute betrügen euch. Sie betrügen euch, denn wahr ist, dass man was anderes machen kann, denn wahr ist,
dass sich jede/r von uns auflehnen kann und dies im Namen ihrer/seiner eigenen verletzten Würde, denn es ist
wahr, dass jedem Menschen bewusst werden kann, dass er betrogen wird und sich somit betrogen fühlt, denn
endlich wird es ihm/ihr bewusst, was zu seinem Nachteil getrieben wird. Und durch die Auflehnung kann jeder
Mensch, mit allen Begrenzungen, die auftreten können, nicht nur die Wirklichkeit verändern, sondern sie/er kann
auch ihr/sein eigenes Leben verändern, sie/er kann sich ein würdiges Leben schaffen, sie/er kann morgens
aufstehen, die Füsse auf den Boden stellen, in den Spiegel schauen und sagen: „Endlich habe ich es geschafft, die
Dinge zu verändern, zumindest diejenigen, die mich betreffen“. Somit kann er sich als Mensch fühlen, der ein
würdiges Leben lebt und nicht wie eine Marionette, deren Fäden von einem Marionettenspieler gezogen werden,
der nicht sichtbar genug ist, um ihm ins Gesicht spucken zu können.
Das ist der Grund, warum die Anarchistinnen immer wieder darüber reden, was der Anarchismus ist. Denn der
Anarchismus ist keine politische Bewegung. Er ist auch das, aber nur als zweitrangiger Aspekt. Die Tatsache, dass
die anarchistische Bewegung sich historisch als politische Bewegung vorstellt, bedeutet nicht, dass der
Anarchismus als politische Bewegung seine existierenden anarchistischen Potentiale damit erschöpft. Der
Anarchismus besteht nicht nur aus den Gruppen aus Cuneo, Turin, London und vielen anderen Städten. Das ist
nicht der Anarchismus. Sicherlich, dort befinden sich die anarchistischen Genossinnen, und dort, das würde ich
mir zumindest wünschen oder zumindest davon ausgehen können, befindet sich auch die Genossin oder der
Genosse, der schon mit seinem eigenen Aufstand begonnen hat. Also das Bewusstsein erreicht hat, in was für
einem Zwangskontext er gezwungen ist zu leben. Der Anarchismus ist nicht nur eine politische Bewegung,
sondern befindet sich auch innerhalb der Lebensspannung, der Qualität und der Kraft, die wir aus uns selbst
herausziehen, um somit die Wirklichkeit, den Stand der Dinge verändern. Die Gesamtheit des Anarchismus ist ein
Transformationsprojekt im Zusammenhang mit der Verwirklichung, die in unserem eigenen Innern stattfindet
und somit unsere persönliche Veränderung fordert.
Es handelt sich also nicht um eine quantitativen Fakt, der sich geschichtlich zusammenfassen lässt, es ist kein
Fakt, der sich einfach durch die Zeit abwickeln lässt und der sich über bestimmte Theorien zeigt, durch einige
Personen, durch bestimmte Bewegungen und warum nicht, durch bestimmte revolutionäre Aktionen. In dieser
Summe von Elementen befindet sich immer eine zusätzliche Sache, und es ist immer diese zusätzliche Sache, die
den Anarchismus andauernd als Veränderung leben lässt.
Diese Spannung, die meiner Ansicht nach immer in uns vorhanden ist zwischen dem Anderen, dem
Unvorstellbaren, und der Dimension, die wir verwirklichen müssen, auch wenn wir nicht genau wissen, wie wir
das machen können, sollte erhalten bleiben, um eine Beziehung, einen bestimmte Verbindung der Veränderung
und der Transformation beizubehalten.
Das erste Beispiel, das mir zu diesem Argument einfällt, ist ein weiteres widersprüchliches Element. Denkt mal an
das Konzept Problem: „es gilt ein Problem zu lösen“, ein klassischer Satz. Alle haben wir Probleme zu lösen, das
Leben ist ein Problem, jeglicher Aspekt der Wirklichkeit, der eigenen sozialen Umstände, den Kreis, der uns
umgibt brechen zu müssen, die einfachsten Kleinigkeiten, die uns im Alltag treffen, all dies bezeichnen wir als
Problem. Sind Probleme jedoch lösbar?
Und hier besteht ein grosses Missverständnis, warum? Die Struktur, die uns unterdrückt, sagt uns, dass die
Probleme lösbar sind und dass sie von ihr gelöst werden. Noch mehr, diese Struktur empfiehlt uns das Beispiel (ich
glaube hier sind mehrere Studentinnen anwesend) als Lösung der Probleme in Geometrie, in Mathematik, usw.
Jedoch ist dieses Problem der Mathematik, das als Beispiel für Problemlösung gilt, nichts anderes als ein falsches
Problem, daher ist die Möglichkeit es zu lösen, wie ein mathematisches Problem: die Antwort auf das Problem ist
im Vorsatz des Problems selbst vorhanden, also die Antwort ist eine Wiederholung des Problems, nur in anderer
Form, die technisch als Tautologie bezeichnet wird. Man sagt eine Sache, und antwortet mit der Sache selbst,
daher gibt es im Grossen und Ganzen keine Lösung des Problems, sondern es gibt eine Wiederholung des Problems
in anderer Form.
Nun, wenn die Rede davon ist, ein Problem zu lösen, das sich auf das unser aller Leben bezieht, auf unsere Existenz
im Alltag, dann ist die Rede von Problemen, die einer Komplexität angehören und sich nicht innerhalb einer
einfachen Wiederholung des Problems selbst einsperren lassen. Wenn wir z.B. sagen: „das Problem der Polizei“,
die Existenz der Polizei, stellt für viele von uns ein Problem dar. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Polizei ein
Instrument der Unterdrückung ist, über die uns der Staat daran hindert, gewisse Dinge zu tun. Wie aber kann so
ein Problem gelöst werden? Gibt es eine Möglichkeit, das Problem der Polizei zu lösen? Die Frage an sich zeigt sich
inkonsistent. Es gibt keine Möglichkeit, das Problem der Polizei zu lösen. Aus einem Blickpunkt des
demokratischen Gedankenweges existiert ein Problem, dass, sich damit beschäftigt, einige Aspekte des Problems
Polizei zu lösen. Demokratisierung der Strukturen, Transformation der Mentalität der Polizistinnen und so fort.
Nun, zu denken, dass dies eine Lösung des Problems der Kontrolle und der Repression ist, ist nicht nur dumm,
sondern auch unlogisch. Tatsächlich ist es nichts anderes als die Repression so hinzubiegen, dass sie den
Interessen der Macht entspricht. Wenn heute eine demokratische Polizei benötigt wird, kann schon morgen eine
Kontroll- und Repressionsstruktur benötigt werden, die wesentlich undemokratischer ist und die Polizei würde,
wie schon in der Vergangenheit, sagen: „ich gehorche“, und würde womöglich auch in ihrem eigenen Inneren die
am Rande stehende Minderheit, die anders denkt, eliminieren.
Wenn ich Polizei sage, dann meine ich jegliche repressive Struktur, angefangen von den Carabinieres bis hin zur
Magistratur, jeglichen Ausdruck des Staates, der als Kontrolle und Repression dient. Wie ihr also sehen könnt, sind
die sozialen Probleme nicht lösbar. Der Betrug, seitens der demokratischen Strukturen den Anspruch zu haben,
die Probleme lösen zu können, ist ein Betrug, der zeigt, dass es keine Behauptung des demokratischen politischen
Gedankens gibt, der sich in minimalster Weise auf die Wirklichkeit und die Konkretheit stützt. Alles fundiert auf
der Möglichkeit, mit dem Missverständnis spielen zu können, das zeigen soll, dass sich mit der Zeit alles wieder
einrenken lässt, dass sich alles bessern wird, dass sich alles regeln lässt. Und auf dieser Regelung basiert die ganze
Kraft der Macht, auf diese Regelung stützen sich die Herrscherinnen, mittel- und langfristig. Sie wechseln die
Karten, wechseln die Beziehungen, und wir warten darauf, dass das passiert, was sie uns versprochen haben und
nie passieren wird, denn diese Verbesserung werden nie stattfinden, denn die Macht bleibt, sie ändert und
transformiert sich in der Geschichte, bleibt aber trotzdem, sie bleibt immer: eine Handvoll Frauen und Männer,
eine privilegierte Minderheit, die den Hebel der Herrschaft verwaltet, die in ihrem eigenen Interesse handelt und
die Bedingungen der Oberhoheit und derer, die am Kommando sitzen, beschützt, derer, die fortfahren zu
herrschen.
Nun, was haben wir für ein Instrument, um diesem Stand der Dinge etwas entgegenzusetzen? Wollen sie uns
kontrollieren? Wir verweigern die Kontrolle. Sicher, das können wir tun, zweifelsfrei tun wir das auch, wir
versuchen den Schaden soweit es geht zu reduzieren. In einem sozialen Kontext jedoch hat die Verweigerung der
Kontrolle begrenzten Wert. Wir können gewisse Aspekte umschreiben, wir können schreien, wenn wir zu Unrecht
getroffen werden, es ist jedoch klar, dass es bestimmte Orte der Herrschaft gibt, wo Regeln existieren, die Gesetze
heissen, Schilder, die Zäune heissen, Menschen, die Polizistinnen heissen, und uns daran hindern, einzutreten.
Daran gibt es keinen Zweifel, versucht doch einmal ins Parlament zu gehen und ihr werdet sehen, was euch
passiert, keine Ahnung. Gewisse Bereiche können nicht überschritten werden, gewissen Kontrollen kann nicht
entgangen werden.
Was können wir so einer Situation entgegensetzen? Einfach nur einen Traum? Eine hypothetische Freiheit, die
obendrein auch noch ziemlich korrekt formuliert werden muss, da wir nicht sagen können: „die Freiheit der
Anarchistinnen besteht nur in der Reduzierung der Kontrolle“. In diesem Fall würden wir uns in einem
Missverständnis befinden: „Wo hört denn diese Reduzierung der Kontrolle auf? Vielleicht bei einer minimalen
Kontrolle?“ Würde dann z.B. für uns Anarchistinnen der Staat als solcher legitimiert werden, wenn er anstatt in
der heutigen Form der Unterdrückung, nehmen wir mal an, der ideale Minimalstaat der Liberalen wäre? Gewiss
nicht. Also kann dieser Überlegung nicht gefolgt werden. Das, was wir versuchen zu erreichen, kann nicht eine
Begrenzung der Kontrolle sein, sondern die Abschaffung der Kontrolle. Wir sind nicht für eine grössere Freiheit,
denn eine grössere Freiheit gibt man dem Sklaven, wenn man ihm seine Kette verlängert, wir möchten die
Abschaffung der Kette und daher möchten wir die Freiheit und nicht eine grössere Freiheit. Und Freiheit bedeutet
das überhaupt keine Ketten vorhanden sind, sie bedeutet Grenzenlosigkeit und all das, was unter dieser
Behauptung zu verstehen ist.
Das Konzept der Freiheit ist nicht nur schwierig und unbekannt, es ist auch ein schmerzhaftes Konzept. Es wird
uns jedoch immer als eines der schönsten Konzepte verkauft. Als ein zartes und erholsames Konzept, das wie ein
Traum ist, der soweit entfernt ist, und wie alle entfernten Sachen eine Hoffnung und einen Glauben darstellt. Mit
anderen Worten, etwas Unantastbares, das alle heutigen Probleme löst, dies aber nicht, weil sie es tatsächlich tut,
sondern nur weil sie eine deutliche Erkennung unseres heutigen Unglücks vertuscht, deckt und modifiziert. Na
gut, eines Tages werden wir frei sein, na gut, wir stehen im Unglück, aber innerhalb dieses Unglücks gibt es eine
unterirdische Kraft, eine ungewollte Ordnung, die von niemanden von uns abhängt, die an unserer Stelle arbeitet
und nach und nach die Umstände des Leidens, in dem wir leben, modifiziert, um uns in eine Dimension der
Freiheit zu bringen, in der wir dann alle glücklich leben werden. Nein, die Freiheit ist nicht so eine Sache, das ist
ein Betrug und dieser Betrug ist auf tragischer Weise dem Betrug der alten Idee des Gottes ähnlich. Die Idee des
Gottes, der uns oft geholfen hat und auch heute noch den Personen hilft, die leiden, denn diese sagen sich: „Nun
ja, heute leiden wir, aber in der anderen Welt wird es uns gut gehen“. Und hört man auf das Evangelium, so sagt
dieses, dass die letzten die ersten sein werden, Schlussfolgerung ist also, dass diese Umkehrung die letzten von
heute ermutigt, denn sie werden die ersten von morgen sein.
Wenn wir uns dieses Konzept der Freiheit als zutreffendes vorgaukeln würden, dann würden wir das Leiden von
heute betreuen, wir würden ein kleines Pflaster auf die sozialen Wunden von heute kleben, genauso wie es der
Pfarrer mit seinen Predigen und seinen Gedankenwegen macht. Er klebt ein kleines Pflaster auf die Wunden der
Armen, die ihm zuhören, die der Illusion folgen, dass sie im Reich Gottes von Leid und Schmerz befreit werden. Es
ist klar, dass die Anarchistinnen nicht die selben Überlegungen machen können. Die Freiheit ist ein
zerstörerisches Konzept, die Freiheit ist ein Konzept, dass die absolute Vernichtung jeglicher Grenzen beinhaltet.
Nun, die Freiheit ist eine Hypothese, die in unseren Herzen bleiben muss, zum selben Zeitpunkt jedoch muss sie
uns zu verstehen geben, dass, wenn wir diese Freiheit wollen, wir auch dazu bereit sein müssen, alle Risiken der
Zerstörung einzugehen, d.h. alle Risiken eingehen müssen, die zur Zerstörung der festgesetzten Ordnung, in der
wir leben, führt. Die Freiheit ist kein Konzept, in dem wir uns schaukeln können, in der Erwartung, dass sich etwas
Besseres entwickelt, und das unabhängig davon, ob wir die tatsächliche Fähigkeit besitzen, um dagegen eingreifen
zu können.
Um uns im klaren zu sein über Konzepte dieser Art, um uns darüber klar zu werden, welche Risiken man eingeht,
wenn man mit so gefährlichen Konzepten umgeht wie diesen, dann müssen wir fähig sein, in uns selbst Ideen zu
konkretisieren, und diese Ideen erstmal haben.
Auch was diesen Punkt betrifft, gibt es bemerkenswerte Missverständnisse. Es ist üblich, jegliches Konzept, das wir
im Sinne haben, als Idee zu bewerten. Jemand sagt: „ich habe eine Idee“, und auf diese Weise wird versucht zu
identifizieren, was eine Idee ist. Diese ist die kartesianische Hypothese der Idee, die sich der platonischen Idee
gegenüberstellte, die als abstrakter, entfernter Bezugspunkt gilt usw. Es ist jedoch nicht dieses Konzept, auf das
wir uns berufen, wenn wir von Ideen sprechen. Die Idee ist ein Anhaltspunkt, sie ist ein Element, das die Stärke
hat, das Leben umzuwandeln. Es ist ein Konzept, das mit Werten beladen ist, es ist ein Konzept der Werte, das
dann zum Konzept der Stärke wird. Es ist etwas, das die Fähigkeit besitzt, unsere Beziehung zu den Anderen auf
andere Weise zu entwickeln, all dies ist die Idee. Welche ist jedoch tatsächlich die Quelle, über die wir an die
Elemente gelangen, um Ideen dieser Art ausarbeiten zu können? Die Schule, die Akademie, die Universität, die
Zeitungen, die Bücher, die Professorinnen, die Technikerinnen, das Fernsehen usw. Was aber kommt über diese
Informationsinstrumente und diese kulturelle Ausarbeitung auf uns zu? Ein mehr oder weniger bemerkenswertes
Bündel von Informationen, die wie ein Wasserfall auf uns klatschen, wie in einem Kochtopf in uns aufkochen und
Meinungen produzieren. Wir haben keine Ideen, wir haben Meinungen.
Das ist die tragische Schlussfolgerung. Was aber ist die Meinung? Es ist eine plattgemachte Idee, die uniformiert,
gleichgeschaltet wurde, um sie vielen Personen anzupassen. Die Ideen der Masse oder die massifizierten Ideen
sind Meinungen. Diese Meinungen zu erhalten ist für die Macht sehr wichtig, denn über die Meinung, die
Verwaltung der Meinung werden bestimmte Resultate erzielt, nicht zuletzt z.B. der Mechanismus der Propaganda
über die grossen Informationsmittel, der Realisierung der Wahlvorgänge usw. Die Zusammenstellung der neuen
Machtelite entsteht nicht durch Ideen, sondern über die Meinungen.
Sich der Zusammenstellung der Meinung entgegenzusetzen, was bedeutet das? Heisst das vielleicht mehr
Informationen zu erringen? Sich also der Information mit einer Gegeninformation entgegenzusetzen? Nein, das ist
nicht möglich, denn in welche Richtung auch das Problem gedreht wird, wir haben nicht die Fähigkeit, den
enormen Informationen, mit denen wir alttäglich bombardiert werden, eine Gegeninformation entgegenzusetzen,
die fähig ist, über den Prozess der dietrologia (A.d.Ü. Zurückführung ?), die Realität, die von dem informativen
Getratsche „ausgetauscht“ wird, „aufzudecken“. Wir können nicht in diesem Sinne vorgehen. Wenn wir diese Art
von Arbeit machen, dann sehen wir ganz schnell ein, dass sie unnötig ist, wir schaffen es nicht, die Menschen zu
überzeugen.
Das ist der Grund, warum die Anarchistinnen dem Problem der Propaganda kritisch gegenüberstehen. Ja
sicherlich, wie ihr sehen könnt, steht da ein Tischlein, das mit vielem Lesematerial ausgestattet ist, wie das halt so
üblich ist auf Veranstaltungen und Konferenzen dieser Art. Da gibt es immer unsere Broschüren, unsere Bücher.
Wir sind überladen mit Zeitungen und sind sehr gut darin, diese Art Publizistik zu machen. Es ist aber nicht nur
diese Art von Arbeit, der wir nachgehen sollten, und wenn wir dies tun, dann sollte sie nicht auf den Elementen
der Gegeninformation beruhen, und wenn sie es tut, dann beziehen sie sich auf Zufallsfakten. Diese Art von Arbeit
besteht im Essentiellen, oder sollte zumindest darin bestehen, eine Idee oder einige wenige Grundideen
aufzuhauen, einige starke Ideen.
Machen wir ein einziges Beispiel. In den letzten drei oder vier Jahren hat sich in Italien eine Angelegenheit
entwickelt, die von der Presse mit dem horrenden Wort „tangentopoli“ oder „saubere Hände“ usw. genannt wird.
Nun, was hat dieser Vorgang in den Menschen bewirkt? Er hat bewirkt, dass die Meinung aufgebaut wurde, dass
die Richter die Fähigkeit besitzen, alles in den Griff zu bekommen, Politikerinnen verurteilen zu lassen, Umstände
zu ändern, also uns von der alten typischen Auffassungen der ersten italienischen Republik zu der neuen einer
zweiten italienischen Republik zu führen. Es ist klar, dass dieser Prozess, diese Meinung sehr nützlich ist, sie hat es
z.B. ermöglicht, dass eine „neue“ Machtelite herangewachsen ist, die dann die alte abgelöst hat. Sozusagen neu,
neu ist sie bis zu einem gewissen Punkt, sie weist zwar einige neue Charakteristiken auf, diese sind jedoch mit der
traurigen Wiederholung alter Angewohnheiten und alter Persönlichkeiten verbunden. Auf diese Weise
funktioniert die Meinung. Nun, wenn ihr denkt, diesen Aufbauprozess einer Meinung, die bemerkenswerte
Nutzbarkeiten nur für die Mächtigen gebracht hat, mit dem Aufbau einer starken Idee, welche eine tiefgründige
Analyse des Konzeptes Justiz sein könnte, vergleichen zu können, dann werdet ihr auf einen abgrundtiefen
Unterschied stossen. Was ist denn richtig? Z.B. viele Leute und auch wir haben es für richtig gehalten, dass Craxi
dazu gezwungen wurde, sich in seine Villa in Tunesien einzusperren. Die Sache war sympathisch, wir konnten
sogar drüber lachen, sie hat uns gut getan, denn wenn Dreckstypen dieser Stufen auf die Seite gebracht werden,
dann ist es eine sympathische Sache. Aber ist dies denn die wahre Justiz? Z.B. Andreotti befindet sich in
Schwierigkeiten, es scheint so, als hätte er Riina (A.d.Ü. einer der bekanntesten Mafiabosse) auf die Wangen
geküsst. Notizen wie diese wirken auf uns mit Sympathie, wir fühlen uns besser dabei, denn ein Dreckskerl wie
Andreotti störte uns schon auf körperlicher Ebene, wenn wir ihn auch nur im Fernsehen sahen. Aber ist dies das
Konzept von Justiz? Schaut mal, was mit der Geschichte Di Pietro und Borelli (A.d.Ü. Antimafiarichter) passiert ist,
ein Jubel wie im Fussballstadion. Was bedeutet ein Jubel im Fussballstadion? Es bedeutet dass Millionen von Leuten
in den Prozess der Gleichschaltung der Meinung miteinbezogen wurden.
Das Konzept der Justiz, über das wir nachdenken sollten, ist hingegen ganz anders. Zu was sollte uns das Konzept
der Justiz bringen? Es sollte uns dahin bringen zu gestehen, dass wenn Craxi oder Andreotti verantwortlich sind,
Leute wie Borelli und Di Pietro der selben Verantwortung gleichgestellt sind. Denn wenn die ersten Politiker sind,
so sind die anderen Richter. Das Konzept Justiz bedeutet eine Demarkationslinie zwischen denjenigen, die für die
Macht Unterstützung, Alibi und Stärke bedeuten, und denjenigen, die sich dem entgegensetzen. Wenn die Macht
ungerecht ist, da alleine ihre Existenz schon ungerecht ist, und all ihre Versuche von denen wir vorhin schon
sprachen, sich als Betrügereien herausstellen mit denen sie sich selbst rechtfertigt, so kann ein mehr oder weniger
demokratischer Mensch der diese Macht nützt, nur auf der Seite der Justiz stehen, egal was er tut.
Die Konstruktion des Konzeptes Justiz dieser Art ist die offensichtliche Formatierung einer Idee, einer Idee, die
sich nicht in den Zeitungen finden lässt, einer Idee, die nicht in den Hallen der Schulen oder der Universitäten
ergründet wird, die kein Meinungselement darstellen kann, die nicht dazu da ist, um die Leute zum Wählen zu
verführen. Im Gegenteil, diese Idee bringt die Leute in Gegensatz mit sich selbst. Denn vor dem Gericht vor sich
selbst fragt sich jeder Mensch: „Ja und ich, mit meiner Idee der Justiz, die mich dazu bringt zu denken, dass das
toll ist, was Di Pietro macht, auf welche Art gebe ich mich, lasse auch ich mich in den Sack stecken, bin auch ich
ein Instrument der Meinung, bin auch ich ein Endpunkt eines enormen Formationprozesses der Macht und werde
somit auch ich nicht nur zum Sklaven der Macht, sondern auch ihr Komplize?“.
Endlich sind wir angekommen, wir sind an unsere Verantwortung gelangt. Denn wenn das Konzept, von dem wir
ausgehen, dass es für ein anarchistisches Individuum keinen Unterschied zwischen Theorie und Aktion gibt, der
Wahrheit entspricht, dann kann in dem Moment, in dem diese Idee auch nur einen Moment unser Gehirn
illuminiert, dieses Licht nie wieder ausgehen, denn würde es so sein, dann würden wir uns in jedem Augenblick,
egal was wir denken, schuldig fühlen. Wir würden uns als Komplizinnen fühlen, als Komplizinnen eines Prozesses
der Diskriminierung, der Repression, des Völkermordes, des Todes. Wir könnten uns nie ausgeschlossen fühlen
von diesem Prozess. Wie könnten wir dazu kommen, uns als Revolutionärinnen, als Anarchistinnen zu definieren?
Wie kommen wir dazu, uns als UnterstützerInnen der Freiheit zu definierend Von welcher Freiheit reden wir
denn, wenn wir unsere Komplizenschaft den Mördern, die an der Macht stehen, gegeben haben?
Seht ihr, wie anders und kritisch die Situation für diejenigen ist, die es schaffen, durch eine tiefgründige Analyse
der Realität oder aus reinem Zufall oder Pech, eine so klare Idee wie die Idee der Justiz in ihr Hirn eindringen zu
lassen. Ideen dieser Art gibt es nicht viele. Die Idee der Freiheit z.B. ist die selbe Sache. Wer auch nur einen
Moment darüber nachdenkt, was die Freiheit ist, kann sich nicht damit begnügen und irgendwas machen, um
etwas mehr Freiheit zu haben in der Situation in der sie/er lebt. Von dem Moment an wird sie/er sich schuldig
fühlen und wird versuchen, etwas zu tun, um sein Leiden zu lindern. Sie/er wird sich schuldig fühlen, nicht schon
vorher was gemacht zu haben, und von dem Moment an wird sie/er in die Umstände einer anderen
Lebensauffassung eintreten.
Was will der Staat im Grunde erreichen mit der Meinungsformatierung? Was wollen die Mächtigem Sicherlich, sie
wollen eine durchschnittliche Meinung schaffen, um aus dieser dann gewisse Vorteile für ihre Wahlergebnisse zu
schöpfen, um die Formatierung von Machtminderheiten usw. gewährleisten zu können. Aber sie wollen nicht nur
das, sie wollen unseren Konsens, sie wollen unsere Übereinstimmung, und der Konsens wird über gewisse
Instrumente herbeigeführt, hauptsächlich Instrumente kultureller Natur. Zum Beispiel ist die Schule ein Behälter,
über den der Konsens herbeigeführt wird. Damit wird dann die zukünftige Arbeitskraft intellektueller Natur
aufgebaut, und nicht nur die Intellektuellen.
Die Transformation der Produkte des heutigen Kapitals benötigen einen Typ von Menschen, der anders ist als in
der Vergangenheit. Bis vor kurzer Zeit wurden Menschen benötigt, die eine gewisse professionelle Fähigkeit
aufwiesen, einen gewissen Stolz in diese Fähigkeit besassen, und eine professionelle Qualifikation. Heute braucht
der Arbeitsmarkt eine mittlere Qualifikation, eine ziemlich herabgesetzte Qualifikation, und fordert Fähigkeiten
die früher nicht nur nicht vorhanden, sondern nicht mal denkbar waren, wie z.B. die Flexibilität, die Anpassung,
die Toleranz, die Fähigkeit auch auf Versammlungsbeschlussebene einzugreifen.
Früher, um ein spezifisches Beispiel zu machen, fundierte die Produktion der grossen Unternehmen auf der
Realisierung der grossen Produktionslinien am Fliessband, jetzt gibt es andere Strukturen, die robotisiert sind
oder auf Basis der Inseln (A.d.Ü. Team) aufgebaut sind, der kleinen Gruppen, die zusammen arbeiten, die sich
kennen und sich gegenseitig kontrollieren usw. Diese Art von Mentalität ist nicht nur eine Mentalität der Fabrik,
es ist nicht der „neue Fabrikarbeiter“, den sie konstruieren, sondern es ist „der neue Mensch“, den sie
konstruieren: ein flexibler Mensch, mit mittelmässigen Ideen, trüb in seinen Wünschen, mit einer grossen
Reduzierung im kulturellen Bereich, mit einem verarmten Wortschatz, mit standardisierter Lektüre, die immer
dieselbe ist, immer dieselbe, einer Überlegungsfähigkeit, die begrenzt ist, und einer hohen Fähigkeit, in
schnellsten Zeitraum zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden, also ob auf den roten oder gelben, den
schwarzen oder weissen Knopf zu drücken. Nun, diese Art von Mentalität konstruieren sie gerade. Und wo
konstruieren sie sie? In den Schulen, aber auch in unserem alltäglichem Leben.
Was haben sie von so einer Art Mensch? Sie brauchen ihn, um alle wichtigen Modifizierungen, die sie für die
Restrukturierung des Kapitals benötigen, realisieren zu können. Sie brauchen eine solche Art Mensch, um die
Umstände und Beziehungen von morgen besser verwalten zu können. Wie werden diese Beziehungen aussehen?
Sie fundieren auf den immer schnelleren Modifizierungen, auf dem Apell der Befriedigung von nichtexistierenden
Wünschen, die jedoch auf eine bestimmte Weise innerhalb der kleinen Gruppen immer konsistenter werden. Diese
Art von neuen Menschen, der genau das Gegenteil darstellt von dem, was wir denken und uns wünschen. Er ist das
Gegenteil der Qualität, das Gegenteil der Kreativität, das Gegenteil der realen Wünsche, der Lebensfreude, er ist
das Gegenteil von all dem. Wie aber können wir gegen die Verwirklichung dieses technologischen Menschen
ankämpfen? Wie können wir gegen diese Situation ankämpfen? Können wir darauf warten, dass ein Tag kommt,
ein schöner Tag, um die Welt umzukrempeln, der Tag den die Anarchistinnen aus dem vergangenen Jahrhundert
„la grande soirée“ oder „le grand jour“, also den grossen Abend, oder den grossen Tag nannten und in dem die
Kräfte, die niemand vorhersehen kann, es schaffen, den sozialen Konflikt explodieren zu lassen, auf den wir alle
warten und der sich Revolution nennt, mit der sich alles ändern wird und es eine perfekte Welt des Glückes geben
wird?
Diese Hypothese ist eine Hypothese dieses Jahrtausends. Jetzt, am Ende des Jahrtausends, könnte sie auch wieder
Fuss fassen. Die Bedingungen sind jedoch anders, es ist nicht das, was der Realität entspricht, und es ist nicht die
Wartehaltung, die uns interessieren kann. Uns interessiert eine andere Art von Eingriff, ein viel kleinerer Eingriff,
der zwar bescheidener ist, aber etwas bringen kann. Wir, als Anarchistinnen, sind dazu aufgefordert, etwas zu
machen, wir sind von unserer Eigenverantwortung aufgefordert, so wie wir das vorher erklärt haben. In dem
Moment, in dem sich diese Idee in unserem Hirn aufmacht, nicht die Idee des Anarchismus, sondern die Idee der
Justiz, der Freiheit, wenn sich diese Ideen aufmachen und wir über diese Ideen begreifen, was für einen Betrug wir
vor uns haben, den wir heute mehr als je als demokratischen Betrug bezeichnen können, was machen wir dann?
Wir müssen uns bewegen, und dieses Bewegen bedeutet auch, uns zu organisieren, es bedeutet, die Bedingungen
zu schaffen, die eine Auseinandersetzung und Anhaltspunkte unter uns Anarchistinnen ergeben, die jedoch anders
sind als in der Vergangenheit.
Heute schaut die Wirklichkeit anders aus. Wie wir vorhin sagten, sie sind dabei einen anderen Menschen zu
konstruieren, einen disqualifizierten Menschen und dies, weil sie es nötig haben, eine disqualifizierte Gesellschaft
zu schaffen. Einmal den Menschen disqualifiziert, haben sie aus dem Mittelpunkt, aus dem gestern die politische
Gesellschaft konzeptioniert wurde, das entfernt, was die Figur der Arbeiterinnen darstellte.
Die Arbeiterinnen von gestern hielten die schlimmsten Ausbeutungsumstände aus. Aus diesem Grunde dachte
man sich, dass sie als soziale Figuren den Anfang der Revolution machen würden. Man denke nur an die
marxistischen Analysen. Im Grunde ist das ganze Kapital von Marx der „Befreiung der Arbeiterinnen“ gewidmet.
Wenn Marx von Menschen spricht, meint er damit die Arbeiterinnen, wenn er seine Analysen bezüglich der Werte
entwickelt, so redet er von der Arbeitszeit; wenn er seine Analysen bzgl. der Entfremdung entwickelt, so redet er
von der Arbeit. Es gibt nichts, was nicht die Arbeit betrifft. Dies aus dem Grunde, weil zu den Zeiten, in denen die
marxistischen Analysen entwickelt wurden, die Arbeiterinnenklasse der zentrale Punkt war. Die
Arbeiterinnenklasse konnte als Mittelpunkt der sozialen Struktur hypothetisiert werden.
Wenn auch mit anderen Analysen, so kamen auch die AnarchistInnen zu einem ähnlichen Schluss, was die
Stellung der Arbeiterinnen als Mittelpunkt einer sozialen Struktur betrifft. Man denke an die Analysen der
AnarchosyndikalistInnen. Für die AnarchosyndikalistInnen ging es nur darum, die Gewerkschaftskämpfe zu den
extremsten Konsequenzen zu bringen, sie dann aus der begrenzten Dimension des Syndikalismus zu lösen, um sie
dann, über den Generalstreik, einen revolutionären Fakt zu erreichen. Also die Gesellschaft von morgen, die
befreite und anarchistische Gesellschaft, wäre nach Ansicht der AnarchosyndikalistInnen nichts anderes als eine
Gesellschaft, die von den Machtstrukturen befreit ist, mit den gleichen Produktionsstrukturen von heute. Diese
wären dann nicht mehr in den Händen der Kapitalistinnen, sondern in den Händen der Gesellschaft, die sie
kollektiv verwalten würde.
Dieses Konzept ist heute aus unterschiedlichen Gründen absolut nicht mehr praktizierbar. An erster Stelle, weil
die technologischen Veränderungen, die heute schon realisiert wurden, einen einfachen und linearen Übergang
von einer vorherigen Gesellschaft, der aktuellen Gesellschaft, in der wir heute leben, in eine zukünftige
Gesellschaft, in der wir leben möchten, nicht mehr zulassen. Dieser direkte Übergang ist unmöglich aus einem
einfachen Grund: z.B. könnte die telematisierte Technologie nicht in einer befreienden Form benutzt werden. Die
Technologie und die telematischen Implikationen haben sich nicht darauf beschränkt, nur bestimmte
Veränderungen innerhalb gewisser Instrumente zu verwirklichen, sondern haben auch die anderen Technologien
verändert. Nehmen wir die Fabrik, es ist nicht mehr die Fabrik von gestern, der ein telematisches Mittel
hinzugefügt wurde, sondern es ist eine telematisierte Fabrik, und das ist eine ganz andere Sache. Nehmen wir bitte
zur Kenntnis, dass diese Konzepte aus verständlichen Gründen nur sehr generalisiert angerissen werden können,
denn sie würden sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn wir sie vertiefen würden. Nun, die Unmöglichkeit
dieses Patrimoniums zu benutzen, und also auch diesen Übergang, läuft parallel mit dem Ende des Mythos vom
Zentralismus der Arbeiterinnenklasse.
Jetzt, in einer Situation in der sich die Arbeiterinnenklasse praktisch in Staub aufgelöst hat, gibt es keine
Möglichkeit für den Gebrauch von sogenannten Produktionsmitteln, die enteignet werden müssten. Tja und, aus
was besteht die Lösung? Es gibt keine andere Lösung, als dass diese Masse von Produktionsmitteln, die wir vor uns
haben, zerstört wird. Die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist der Weg über die dramatische Wirklichkeit der
Zerstörung. Die Revolution, die wir hypothetisieren können, und von der wir auch sicher sind, dass sie kommt, ist
nicht die Revolution von gestern, die man sich als einfachen Fakt vorstellen konnte, der tatsächlich eines schönes
Abends oder Tages kommen konnte. Nein diese Revolution wird eine lange, tragische, blutige Angelegenheit, die
über unvorstellbare gewalttätige Prozesse erreicht wird, unvorstellbar tragische Prozesse.
Es ist dieser Art von Realität, der wir näher kommen. Nicht weil diese unser Wunsch ist, nicht weil uns die Gewalt,
das Blut, die Zerstörung oder der Bürgerkrieg, die Toten, die Vergewaltigungen und die Barbareien gefallen, um
das geht es nicht, sondern weil es der einzige plausible Weg ist. Die HerscherInnen, die diese Veränderungen
wollten, haben diesen Weg nötig gemacht. Sie sind es, die diesen Weg eingeschlagen haben. Wir können nun nicht
mit nur einem einfachen Flügelschlag unserer Wünsche, unserer Vorstellungen etwas ändern. Also, wenn mit der
Hypothese der Vergangenheit, in der noch eine starke Arbeiterinnenklasse existierte, es noch möglich war, eine
Illusion des Überganges zu hegen, so organisierte man sich danach. Zum Beispiel sahen die organisatorischen
Hypothesen des Anarchosyndikalismus eine grosse syndikalistische Bewegung vor, die, einmal ins Innere der
Arbeiterinnenklasse und Organisationen eingedrungen, diese Enteignung und diesen Übergang verwirklichen
sollte. Fällt dieses kollektive Subjekt, das wahrscheinlich von Geburt an ein Mythos war und heute nicht einmal in
einer mythischen Vision besteht, aus, welchen Sinn hätte eine gewerkschaftliche Bewegung revolutionärer Natur?
Was für einen Sinn hätte oder hat eine gewerkschaftliche oder anarchosyndikalistische Bewegung? Keinen.
Also muss der Kampf von wo anders ausgehen, er muss von anderen Ideen kommen und mit anderen Methoden
gemacht werden. Das ist der Grund, warum wir seit fast fünfzehn Jahren eine Kritik an den Gewerkschaften und
dem Anarchosyndikalismus entwickelt haben, und deshalb verstehen wir uns als aufständische Anarchistinnen.
Und nicht weil wir denken, dass die Barrikaden die Lösung sind. Die Barrikaden sind höchstens eine tragische
Konsequenz von Entscheidungen, die wir nicht getroffen haben, wir sind Aufständische, weil wir denken, dass die
Aktion des Anarchismus sich gezwungenermassen mit gravierenden Problemen auseinandersetzen muss, die nicht
vom Anarchismus gewollt sind, sondern von der Realität, die von den Herrschenden geschaffen wurde, und die wir
nicht mit einem einfachen Flügelschlag unserer Wünsche verschwinden lassen können.
Eine anarchistische Organisation, die sich in die Zukunft projiziert, müsste also schlanker sein. Sie kann sich nicht
mit schweren, quantitativ schweren Charaktereigenschaften der Vergangenheit vorstellen. Sie kann sich nicht
über die Dimension der Synthese geben, wie es z.B. bei Organisationen der Vergangenheit war, in der die
anarchistische organisatorische Struktur den Anspruch hatte, die Realität innerhalb ihrer selbst über bestimmte
„Kommissionen“ die sich um die unterschiedlichsten Probleme kümmerten, zusammenfassen zu können.
Kommissionen, die ihre Entscheidungen innerhalb eines periodischen jährlichen Kongresses trafen und sich dabei
auf Thesen beriefen, die aus dem vorigen Jahrhundert stammten. All das hat seine Zeit gehabt, nicht weil ein
Jahrhundert dazwischen liegt, sondern weil die Realität verändert ist.
Aus diesem Grund heraus denken wir an die Notwendigkeit der Gründung von kleinen Gruppen, die auf der
Affinität beruhen. Gruppen, die auch ganz winzig sind und aus wenigen Genossinnen bestehen, die sich gut
kennen und dieses Sich-Kennen immer weiter vertiefen, denn es kann keine Affinität bestehen, wenn man sich
nicht kennt. Die Affinitäten können nur dann erkannt werden, wenn Elemente bestehen, um zu verstehen, wo die
Unterschiede liegen, und das kann man nur machen, wenn man miteinander umgeht. Dieses Sich-Kennen besteht
aus persönlichen Fakten, aber auch aus Ideen, Debatten und Diskussionen. Aber im Sinne der Anfangsdebatte, die
wir heute abend geführt haben, wenn ihr euch erinnert, dann gibt es keine Ergründung der Ideen, die nicht auch
mit der Praxis zusammenhängt, also den Aktionen, der Verwirklichung von Fakten. Also zwischen der Ergründung
der Ideen und der Verwirklichung der Fakten besteht ein kontinuierlicher gegenseitiger Übergang.
Eine kleine Gruppe, die aus Genossinnen besteht, die sich kennen und sich über die Affinität identifizieren, eine
kleine Gruppe, die sich nur dann zusammenfindet, um am Abend am Biertisch zu sitzen, wäre keine
Affinitätsgruppe, sondern eine Gruppe von sympathischen Kumpeln, die sich am Abend treffen, um über eine
x-beliebige Sache zu reden. Umgekehrt, eine Gruppe, die sich trifft, um zu diskutieren, die aber über ihre
Diskussionen dazu beiträgt, die Diskussion zu entwickeln, die sie vorantreibt, um sich in anderen Moment in
Praxis zu verwandeln, das ist der Mechanismus der Affintitätsgruppen. Wie aber kann dann die eine
Affinitätsgruppe in Kontakt mit anderen Affinitätsgruppen treten, bei denen die Vertiefung des Sich-Kennens
nicht nötig ist, Sache, die aber unverzichtbar intern der einzelnen Affinitätsgruppe ist? Diesen Kontakt kann die
informelle Organisation garantieren.
Was aber ist eine informelle Organisation? Unter den verschiedenen Affinitätsgruppen, die unter sich in Kontakt
treten, um Ideen auszutauschen und etwas zusammen zu tun, kann eine Beziehung informeller Natur bestehen
und somit der Aufbau einer Organisation, die auf territorialer Ebene sehr breit sein kann, also auch aus
Dutzenden, oder sogar Hunderten von Organisationen, Strukturen und Gruppen bestehen kann, die alle eine
informelle Eigenschaft haben, die eben immer aus der Diskussion, der periodischen Vertiefung der Probleme und
den Sachen, die zu tun sind, besteht. Diese organisatorische Struktur des aufständischen Anarchismus ist sehr
verschieden von der Anarchosyndikalistischen Organisation, von der vorhin die Rede war.
Die Analyse der Organisationsformen, die hier nur angerissen wurde, wäre eine Ergründung wert, eine Sache, die
ich jedoch nicht hier innerhalb einer Konferenz machen kann. Eine derartige Organisation würde meiner Ansicht
nach nur eine interne Sache der Bewegung bleiben, wenn sie nicht auch Beziehungen ausserhalb der Bewegung
aufbauen würde, also über die Schaffung der Anlaufstellen nach aussen, der Basisgruppen, die auch eine
informelle Eigenschaft haben müssen. Es ist nicht nötig, dass diese Basisgruppen nur aus Anarchistinnen bestehen:
innerhalb der Basisgruppen können auch Leute teilnehmen, die gegen ein bestimmtes Ziel kämpfen wollen, auch
wenn dieses begrenzt ist, die sich aber nach einigen essentiellen Bedingungen richten. Als erstes „die permanente
Konfliktualität“. Das bedeutet, dass die Gruppen von der Eigenschaft des Angriffes der Realität, die sie leben,
geprägt sind und nicht nur auf die Befehle von irgendwem warten. Dann kommt die Eigenschaft der
Unabhängigkeit, also weder von Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen abzuhängen, noch Beziehungen
zu diesen zu haben. Letztendlich die Eigenschaft zu besitzen, die Probleme einzeln zu bewältigen und nicht
generelle gewerkschaftliche Plattformen vorzuschlagen, die sich unvermeidbar in die Verwaltung einer
Mini-Partei oder einem kleinen alternativen Syndikat verwandeln würden. Die Zusammenfassung dieser These
kann auch etwas abstrakt scheinen, und aus diesem Grunde möchte ich, bevor ich sie abschliesse, ein Beispiel
geben, da man über die praktischen Vorgänge einige Sachen besser begreifen kann.
In den 80er Jahren wurde ein Versuch gestartet, um den Bau einer amerikanischen Raketenbasis in Comiso zu
verhindern. Bei dieser Gelegenheit wurde ein theoretisches Modell dieser Art angelegt. Die anarchistischen
Gruppen, die für zwei Jahre vor Ort waren haben die „selbstverwalteten Ligas“ geschaffen. Diese selbstverwalteten
Ligas waren eben nicht anarchistische Gruppen, die auf dem Territorium vorgingen und als einziges Ziel hatten,
den Bau der Basis zu verhindern und das laufende Projekt in seiner Verwirklichung zu zerstören.
Die Ligas waren also unabhängige Zellen mit den folgenden Eigenschaften: ihr einziger Zweck war, die Basis
anzugreifen und zu zerstören. Also hatten sie bestimmte Probleme nicht, denn hätten sie diese gehabt, dann
wären sie zu syndikalistischen Gruppen geworden, die sich das Problem der Arbeit stellten, also diese zu finden
oder den Arbeitsplatz zu verteidigen, oder sonstige immanente Probleme zu lösen. Die Ligas hatten nur den Zweck
diese Basis zu zerstören.
Die zweite Eigenschaft war die permanente Konfliktualität. Also vom ersten Moment an, in dem diese Gruppen
geschaffen waren (es waren keine anarchistischen Gruppen, sondern Gruppen in denen sich auch Anarchistinnen
befanden), traten diese Gruppen in Konflikt mit all den Kräften, die diese Basis bauen wollten, ohne dass diese
Konfliktualität von Organismen vertreten wurde oder es eine Verantwortung gab, die sich auf die Gruppe als
solche bezog.
Die dritte Eigenschaft war die Unabhängigkeit dieser Gruppen. Das bedeutet, dass diese Gruppen weder von
Parteien noch von Gewerkschaften usw. abhängig waren. Die Angelegenheit des Kampfes gegen den Bau der Basis
sind teils bekannt und teils unbekannt. Und ich glaube nicht, dass es hier der richtige Moment ist, um diese
Geschichte aufzurollen, ich wollte sie nur im Titel des Beispiels erwähnen.
Also der aufständische Anarchismus muss ein essentielles Problem bewältigen; um als solcher zu gelten, muss er
eine Grenze überwinden, ansonsten würde er nur eine Hypothese des aufständischen Anarchismus bleiben. Also,
die Genossinnen, die Teil einer Affinitätsgruppe sind und daher den vorhin erwähnten Prozess des eigenen
Aufstandes überwunden haben, also diese Illumination hatten, die in uns die Konsequenz einer starken Idee
bewirkt, die sich dem Geschwätz der Meinungen entgegensetzt, diese Genossinnen treten in Verbindung mit
anderen Genossinnen, die sich auch an anderen Orten befinden, um somit eine informelle Struktur zu bilden, bis
zu diesem Punkt jedoch nur einen Teil ihrer Arbeit getan haben. Sie müssen sich an einem gewissen Punkt dafür
entscheiden, sie müssen diese markierte Linie überspringen, sie müssen einen Schritt tun, der nicht leicht
rückgängig zu machen ist. Sie müssen Beziehungen mit Leuten aufbauen, die nicht anarchistisch sind, und das in
Funktion eines Problems, das im Zwischenbereich liegt, das begrenzt ist (so phantastisch, interessant und
sympathisch die Idee der Zerstörung der Basis auch gewesen sein mag, so ging es jedoch nicht um die Anarchie,
um die Verwirklichung der Anarchie). Was wäre passiert, wenn man es geschafft hätte tatsächlich in die Basis
einzudringen und diese zu zerstören? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich nichts, wahrscheinlich alles mögliche. Ich
weiss es nicht, das kann man nicht wissen, niemand kann das wissen. Aber die Schönheit in der Verwirklichung
dieses zerstörerischen Aktes kann nicht in ihren möglichen Konsequenzen gefunden werden.
Die Anarchistinnen garantieren für nichts von den Dingen, die sie tun, aber sie identifizieren die verantwortlichen
Personen und Strukturen, auf Basis einer Entscheidung bestimmen sie ihre Aktionen und von dem Moment an
fühlen sie sich selbstsicher, denn die Idee der Justiz, die sich in ihnen befindet, führt sie zur Aktion, um die
Verantwortung von Personen und Strukturen, von vielen Strukturen zu zeigen und die Konsequenzen, die daraus
entstehen und verantwortlich sind. Genau hier setzt sich die Selbstbestimmung und das Handeln der
Anarchistinnen fest.
Wenn sie manchmal gemeinsam mit anderen Personen handeln, so müssen sie versuchen, Organismen auf dem
Territorium zu schaffen. Also Organismen, die die Fähigkeit besitzen, fortzubestehen und Konsequenzen im Kampf
gegen die Herrschaft zu erzeugen. Wir dürfen nie vergessen, und diese Überlegung ist wichtig, dass sich die
Herrschaft konkret, also auch über Räumlichkeiten, realisiert; sie besteht nicht aus einer abstrakten Idee. Die
Kontrolle wäre nicht möglich, würde es keine Polizeikasernen und Gefängnisse geben. Die legislative Herrschaft
wäre unmöglich, wenn es nicht die regionalen Parlamentchen geben würde. Die kulturelle Macht, die uns
unterdrückt, die Meinungen konstruiert, wäre nicht möglich, wenn es keine Schulen und Universitäten geben
würde.
Nun, die Schulen, die Universitäten, die Kasernen, die Gefängnisse, die Industrien, die Fabriken sind Orte die auf
dem Territorium verwirklicht werden. Es sind begrenzte Zonen, innerhalb derer wir uns nur bewegen können,
wenn wir bestimmte Bedingungen akzeptieren bzw. wenn wir uns an die Spielregeln halten. Wir befinden uns hier
in diesem Raum, weil wir die Spielregeln akzeptiert haben, ansonsten hätten wir nicht hier eintreten können. Dies
ist interessant. Wir können auch Strukturen dieser Art benützen, aber in dem Moment, in dem wir angreifen, sind
uns diese Orte verboten. Wenn wir hier reinkommen würden, und vorhätten diese Struktur anzugreifen, so würde
uns die Polizei daran hindern, das scheint mir klar.
Nun, da sich die Herrschaft über Räumlichkeiten realisiert, ist für die Anarchistinnen der Bezug zu den
Räumlichkeiten sehr wichtig. Sicherlich ist der Aufstand ein individueller Fakt und daher, wenn wir am Abend mit
uns alleine sind, bevor wir einschlafen, denken wir: „… Naja gut, letztendlich laufen die Dinge gar nicht so
schlecht“ denn man fühlt sich in Frieden mit sich selbst und schläft ein. In diesem besonderen Bereich, der keine
Räumlichkeit darstellt, bewegen wir uns wie wir wollen. Dann aber müssen wir uns in die Räumlichkeit der
Wirklichkeit transferieren, und die Räumlichkeit, wenn ihr mal gut darüber nachdenkt, ist fast exklusiv in der
Hand der Mächtigen. Nun, wenn wir uns in der Räumlichkeit bewegen, bringen wir diese Werte des Aufstandes,
diese Werte der Revolution, der Anarchie mit ein, und messen sie in einem Gefecht, in dem es nicht nur uns gibt.
Wir müssen daher die bedeutungsvollen Ziele identifizieren und ob es die gibt, und schau mal einer an, diese Ziele
gibt es immer und überall. Wir müssen dazu beitragen, die Bedingungen und Objekte zu
finden, die es ermöglichen, dass die Leute die ausgebeutet und unterdrückt werden, versuchen selbst etwas
dagegen zu tun, um dies zu verhindern. Meiner Ansicht nach ist dieser revolutionäre Prozess von aufständischer
Natur. Er hat keinen Zweck (das ist sehr wichtig) im quantitativen Sinne, denn die Zerstörung des Objektives oder
die Verhinderung von Projekten, kann nicht im Sinne der Menge bewertet werden. Es kommt vor, dass ich gefragt
werde: „Ja aber was für Resultate haben wir erreicht?“. Auch wenn etwas realisiert wurde, so erinnern sich die
Leute im Nachhinein nicht mehr an die Anarchistinnen. „Die Anarchistinnen? Ja wer sind denn diese
Anarchistinnen, etwa Monarchen? Vielleicht die, die den König wollen.“ Die Leute erinnern sich schlecht. Was
aber hat dies für eine Wichtigkeit. Es sind nicht wir, an die sie sich erinnern sollen, sondern sie sollen sich an ihren
eigenen Kampf erinnern, denn der Kampf ist der ihre. Wir sind nur eine Gelegenheit im Kampf selbst, nichts
mehr.
In einer befreiten Gesellschaft, in der abgeschlossenen Anarchie, also in einer vollkommenen idealen Dimension,
hätten die Anarchistinnen – die heute für den sozialen Kampf auf jeder Ebene unverzichtbar sind – nur die Rolle,
die Kämpfe immer weiter voranzutreiben, bis auch die letzte Spur der Macht verschwunden ist, um die Spannung
zur Anarchie immer weiter perfektionieren zu können. Die Anarchistinnen sind diejenigen, die auf alle Fälle einen
unbequemen Planeten bewohnen, denn läuft der Kampf gut, so werden sie vergessen, läuft er schlecht, so zieht
man sie zur Rechenschaft und wirft ihnen vor, einen schlechten Kampf geführt zu haben. Deswegen sollten wir
uns nie Illusionen machen was die möglichen, quantitativen Ergebnisse betrifft: wenn der Kampf, der verwirklicht
wird, im Sinne des Aufstandes korrekt ist, dann ist das gut so, und die Ergebnisse, falls es welche gibt, können für
die Leute, die sie realisiert haben, von Nutzen sein, nicht aber für die Anarchistinnen. Man darf nicht in das
Missverständnis fallen, in das leider genügend Genossinnen immer wieder verfallen sind, zu denken, dass das
positive Ergebnis des Kampfes sich in ein Wachstum unserer Gruppen verwandeln kann, denn dies entspricht
nicht der Wahrheit und führt systematisch zu Delusionen. Das Wachstum unserer Gruppen und das Wachstum der
Genossinnen aus einem quantitativen Blickpunkt betrachtet ist eine wichtige Sache, die aber nicht über die
erreichten Ergebnisse stattfinden kann, sondern über den Aufbau, die Formatierung der starken Ideen, der
Klarstellungen, von denen wir vorhin sprachen. Die positiven Ergebnisse des Kampfes und das quantitative
Wachstum unserer Gruppen sind zwei Sachen, die nicht von einem Prozess des Ursprungs und des Effektes
verbunden werden können. Sie können in Verbindung stehen, oder auch nicht.
Bevor ich abschliesse würde ich gerne noch ein paar Worte sagen. Ich habe davon geredet, was der Anarchismus
ist, was die Demokratie ist, welche die Missverständnisse sind, die uns immer wieder vorgehalten werden, die Art
auf welche sich die Machtstruktur verändert, die wir modernen Kapitalismus, post-industriellen Kapitalismus
nennen, von einigen anarchistischen Kampfstrukturen, die heute nicht mehr akzeptierbar sind, von der Weise,
wie man sich heute gegen die Verwirklichungen der Mächtigen entgegensetzen kann, und letztendlich habe ich
von dem Unterschied gesprochen, der zwischen dem traditionellen und dem aufständischen Anarchismus von
heute besteht. Ich danke euch.
Weit entfernt von der Suche nach Bibeln und Predigern, abgeneigt für jede Form von Abgötterei und Mythologie,
Bilderstürmerinnen per definitionem, Atheistinnen in jedem Sinne, sind wir schon immer vor jeglichem
Autoritarismus, der unsere Existenz ekelhaft machen würde, geflüchtet und haben ihn verweigert, auch von dem
subtilsten und gefährlichsten: derjenige, der von uns selbst ausgehen könnte. Keine Gesetze, keine Auflagen,
Befehle oder Gewissheiten, keine vorgefertigten Augenklappen, sondern nur freie und spontane
Übereinstimmung…
Das hatten wir im Sinne, als wir das Projekt Laboratorio Anarchico ins Leben gerufen haben, um antiautoritär
unsere Spannungen zu experimentieren. Das innerhalb und ausserhalb seiner Mauern, und genau das haben wir
immer noch im Sinne, wenn wir diesen Text vorschlagen, der nichts anderes sein will als ein Anreiz, um uns selbst
wachsen zu lassen, oder sollte es der Fall sein, sich in jemand anderem wiederzufinden.

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Written by floriangrebner

9. April 2011 at 17:04

Veröffentlicht in Ethik, Freiheit

Imaginäres Eigentum – Naturrechtliche Kritik am geistigen Eigentum

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Dort lässt sich der Text auch downloaden, was für viele komfortabler sein dürfte.

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Written by floriangrebner

8. April 2011 at 17:13

Atomkraft, nein danke!

with 3 comments

von Christian Hoffmann

Nach der Naturkatastrophe in Japan tobt der politische Streit um die Zukunft der Atomkraft wie selten zuvor. Nicht nur zwischen Links und Rechts gehen dabei die Meinungen auseinander, auch unter Liberalen werden gegensätzliche Standpunkte vertreten. Zu unsicher um sie weiter zu betreiben, sei die Atomkraft, sagen die einen, zu billig um auf sie zu verzichten, die anderen. Beide Positionen gehen meines Erachtens am Kern der Problematik vorbei.

Denn nicht die Technologie als solche ist zu unsicher für eine Nutzung, sondern ihre real existierende Organisation. Genauer: die staatliche Planung, Finanzierung und Kontrolle der Kernenergie macht sie aus meiner Sicht zu einem untragbaren Risiko. Denn Tatsache ist, dass die Kernenergiewirtschaft heute eine durch und durch staatlich verseuchte ist. Der Staat entscheidet über Entwicklung, Umfang, Standort, Preis, Gestaltung, Verwaltung, Kontrolle und Entsorgung der Kernenergie-Nutzung.

Dies ist in der Energiebranche kein Alleinstellungsmerkmal. Solar- und Windenergie haben ihre heutige Form allein staatlichen Subventionen zu verdanken. Kohle, Gas und Öl sind notorisch politisch umstritten und protegiert – nicht selten führen Staaten Kriege um ihre Kontrolle. Und dennoch ist die Lage der Kernenergie eine besondere.

Denn Tatsache ist auch, dass die Kernenergie-Nutzung mit erheblichen Risiken verbunden ist. Sicher, keine Energieerzeugung ist frei von Risiken – Solarpanels stellen eine erhebliche Umweltbelastung in der Entsorgung dar, Windkraftanlagen erzeugen Lärmbelästigung, zerhäckseln Vögel, beide erfordern einen Netzausbau, der Elektrosmog produziert, tausende Menschen sterben bei der Gewinnung von Kohle, Öl und Gas, und auch der CO2-Ausstoss dieser Energieträger wird als Problem betrachtet. Und doch: der Fall Fukushima zeigt einmal mehr, dass die Folgen eines Unfalls im Rahmen der Kernenergieerzeugung von enormer Dramatik sind und kaum absehbare Kosten erzeugen. Im Falle eines Unfalls ist kein Energieträger gefährlicher, als Uran und Plutonium.

Freunde der Kernenergie weisen nun darauf hin, dass genau deshalb die staatlichen Sicherheitsanforderungen in diesem Bereich von einmaliger Strenge sind. Ich würde sogar noch weitergehen: der Versuch einer staatlichen Risikokontrolle hat die Kernenergie-Gewinnung zu einem faktischen Arm des Staates gemacht. Kernkraftwerke sind eine Art Behörde. Der Staat reglementiert jeden Schritt der Kernenergiegewinnung und jeden Winkel eines Kernkraftwerks. Protokolle, Vorschriften, Kontrollen prägen den Alltag der Kernenergie. Und genau darum stellt sie ein untragbares Risiko dar.

Denn der Staat, als hierarchische, monopolistische und bürokratische Institution ist einmalig ungeeignet für die Lenkung und Kontrolle komplexer und dynamischer Systeme, wie sie eben auch die Kernenergiegewinnung darstellt. Nehmen wir nur das Beispiel der Finanzmärkte: Auch hier reguliert, kontrolliert und steuert der Staat durch Monopolgeld, Aufsichten und unzählige Gesetze und Verordnungen, um die Sicherheit des Systems zu “garantieren”. Was ist die Folge? Immer wiederkehrende Krisen und Zusammenbrüche. Märkte sind ungemein dynamisch, komplex, schnelllebig und schwierig zu überblicken, ja unmöglich zu antizipieren. Die staatliche Bürokratie muss daher an dem Versuch scheitern, sie zu steuern und kontrollieren.

Der Staat schafft immer nur eine rückblickende Scheinsicherheit: nach dem Platzen der Immobilienblase und der jüngsten Weltfinanzkrise stecken die Regulierer der Welt heute ihre Köpfe zusammen, um eine Wiederholung der Krise von gestern zu verhindern. Ein sinnloses Unterfangen, denn die Krise von morgen wird ein ganz anderes Gesicht haben. Und genauso verhält es sich auch mit der Kernenergie: die europäischen Stresstests sollen ein Fukushima von morgen verhindern. Doch Fukushima war auch keine Wiederholung von Tschernobyl. Die rückblickende Anpassung von Normen und Standards ist nie geeignet, künftige Krisen zu vermeiden.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Risiken der Kernenergie per se unbeherrschbar sind. In einem freien Wettbewerb, unter echter Verantwortung der Erzeuger und Kunden, hätte auch die Kernenergie eine Chance, ihre nachhaltige Tauglichkeit zu beweisen. Die Kernenergie als staatliches Regulierungs- und Experimentierfeld entzieht sich jedoch dem Qualitäts- und Effizienzdruck des Marktes und potenziert so ihr Risiko. Es ist kein Zufall, dass der grösste Atomkraftunfall der Geschichte, Tschernobyl, in einem planwirtschaftlichen System geschah. Eine Wiederholung dieses Staatsversagens ist leider allzu wahrscheinlich.

So lange also die Wahl lautet: staatliche Kernenergie oder keine Kernenergie, plädieren ich für einen Verzicht auf diese Energietechnologie. Nicht, weil die Kernenergie an sich zu riskant ist, sondern weil sie in den Händen des Staates ein untragbares Risiko für Mensch und Natur darstellt.

cross-post: freilich.ch

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Written by dominikhennig

6. April 2011 at 21:15