Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Geschichte’ Category

Über liberale Staaten, soziale Marktwirtschaften, schwangere Jungfrauen und andere Dinge, die es nicht gibt

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Zwei herausragende Lektüreempfehlungen für die Zeit „zwischen den Tagen“, die wir unseren Lesern allerwärmstens ans Herz legen möchten:

 

1.) „Die soziale Marktwirtschaft: Das gescheiterte neoliberale Projekt“ auf Mises.de

 

2.) „Klassischer Liberalismus versus Anarchokapitalismus“ auf Apriorist.de

 

Viel Freude mit diesen beiden exzellenten Texten und ein besseres neues Jahr 2012 wünscht Euch/Ihnen die Paxx-Redaktion!

 

 

 

 

Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

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Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

P.J. Proudhon (1809–1865) und seine Ideen

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Von Peter Kroptokin

Aus: P.Kropotkin Die Entwicklung der anarchistischen Idee, Berlin o.J., Verlag Der
Syndikalist, nach Libertad Verlag, anarchistische Texte 3.

„Hier, sage ich Ihnen, unter dem Säbel Bonapartes, unter der Zuchtrute der Jesuiten und dem
Kneifer der Polizei, ist es, wo wir an der Emanzipation des Menschengeschlechts zu arbeiten
haben. Es gibt für uns keinen günstigeren Himmel, keine fruchtbarere Erde.“ Pierre-Joseph
Proudhon (1852)

Wenn man schon bei Fourier die Keime der anarchistischen Ideen findet, muß man doch bis
auf Proudhon kommen, um einen Schriftsteller zu finden, der den Mut hatte, das Kapital und
den Staat offen anzugreifen und die Idee der Anarchie, so wie wir sie heute verstehen zu
formulieren. Proudhon tat dies von 1840 angefangen in seinem Werk, das ein Ereignis für
ganz Europa war. Sogar der Titel seines Werkes: Was ist das Eigentum? Oder
Untersuchungen über die Grundsätze des Rechts und der Regierungen, war schon ein
Programm. Nachdem er bewies, daß das Eigentum bloß eine Form des Raubes, der
Plünderung und des Diebstahls ist, zeigte Proudhon, daß eine Haupt folge des Eigentums der
Despotismus ist. Auf die Frage: „Welche Form der Regierung ziehen Sie vor“, antwortete er
geradeheraus: „Gar keine!“ – „Was sind Sie denn?“ – „Ich bin Anarchist. Obwohl sehr ein
Freund der Ordnung, bin ich in vollster Bedeutung des Wortes Anarchist.“ – „So wie der
Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in
der Anarchie“, fügte er hinzu.
Die Anarchie, die Abwesenheit der Herrschaft, dies ist die Form der politischen Organisation,
welcher die heutigen Gesellschaften notwendigerweise entgegengehen. Niemand ist souverän.
„Ob wir wollen oder nicht, sind wir verbündet.“ Da jede menschliche Arbeit das Ergebnis
einer vereinigten Kraft ist, da jedes Werkzeug bereits die Frucht vereinigten Denkens und
vereinigter Arbeit darstellt, so muß das Eigentum gemeinschaftlich sein. Ein Mensch oder
eine Gruppe kann nur im zeitweiligen Besitz des Bodens und des von der Gesellschaft
aufgehäuften natürlichen Reichtums und der Produktionsmittel sein. Und da jeder Austausch
auf der Gleichwertigkeit der ausgetauschten Sachen oder Dienste aufgebaut sein muß, „ist der
Profit ungerecht.“ Das einzige Mittel, diese Gleichwertigkeit zu erlangen, besteht nach
Proudhon’s Meinung darin, den Wert eines jeden Erzeugnisses durch die Zahl der
Arbeitsstunden zu messen, welche bei einem gegebenen Stand der Technik verwendet worden
sind, um dasselbe zu erzeugen: – die Arbeitsstunde eines jeden Mitgliedes der Gesellschaft
wird dabei als gleichwertig mit Jener eines anderen Mitgliedes angenommen.
Wenn die Gesellschaft sich nach diesem Grundsatz organisiert – wenn die freien
Verbindungen zwischen den Gruppen der Produzenten und Konsumenten, das gleiche Recht
aller auf die Produktionsmittel und der gerechte Austausch aufrechterhalten wird – dann wird
die Regierung der Menschen über andere Menschen zur unnotwendigen Bedrückung. Die
höchste Vollendung der Gesellschaft würde in der Vereinigung der Ordnung mit der Anarchie
– dem Fehlen jeder Regierung – bestehen.
Diese Grundideen bilden bis heute das Wesen der Gedankenrichtung, die wir Anarchie
nennen. Später entwickelte Proudhon die Nutzanwendung aus der mißglückten Revolution
von 1848 ziehend, die Grundsätze der Anarchie ausführlicher, besonders in seinen zwei
Werken: Allgemeine Ideen der die Revolution im neunzehnten Jahrhundert (geschrieben
im Gefängnis, erschienen 1851) und Bekenntnisse eines Revolutionärs (1849). Er unterzog
in diesen alle Vorschläge, die darauf abzielten, das System der Regierung durch das
Referendum, das „bindende Mandat“ usw. zu neuer Kraft zu verhelfen, einer scharfen Kritik,
unter dem Namen „Mutalismus“ entwickelte er ausführlich seine Ideen über den Austausch
und die Entlohnung der Arbeitmittels „Arbeitsnoten“, welche die Arbeitsstunden darstellen
würden, die ein jeder der Produktion und den öffentlichen Dienstleistungen gewidmet hat und
die durch eine Nationalbank ausgezahlt werden würde.
Er machte sogar einen Versuch zur praktischen Organisierung dieses Austausches mittels
Arbeitsscheinen, die von seiner Volksbank eingelöst wurden. Natürlich schlug dieser
Versuch, der notgedrungen in kleinem Maßstab gemacht wurde, fehl und bewies dadurch
wiederum, daß jeder Versuch einer teilweisen Reformierung der wirtschaftlichen Grundlagen
der Gesellschaft von vornherein dem Mißerfolg geweiht ist. Nicht weil er in Kleinem
geschieht, sondern weil solange es Millionen von Menschen gibt, die gezwungen sind, ihre
Arbeitskraft und ihre persönliche Unabhängigkeit unter dem Zwang des Hungers zu
verkaufen, das Kapital immer jene Macht zur wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen
Herrschaft bleiben wird, die es heute ist.

Diesen Artikel kann man auch bei unseren Partnern diskutieren AnCaps.de

Written by floriangrebner

14. April 2011 at 11:59

Veröffentlicht in Ethik, Geschichte

Leben ohne Chef und Staat VII: Sechs Stunden Arbeit

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Von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Sechs Stunden Arbeit

Story

» die Empfindung gehabt, …dass die Opposition nicht die Einigkeit der Organisation fördern will, sondern darauf ausgeht, eine Zersplitterung hin einzutragen…«

»Runter mit dem Kerl!«

»Die Taktik des Vorstandes, vor allem des Kameraden Sachse, konnte Während des Krieges gar keine andere sein, sie war durch die Verhältnisse gegeben. Die Stellung des Vorstandes war gegeben durch den Kriegszustand und die Zensur. Wir alle sind dem Zentralverband zu Dank verpflichtet, wir sollten, statt ihm unser Misstrauen auszusprechen, auf den Knien danken! Aber einem Teil der Opposition ist es ja nur darum zu tun, die Organisation zu zersplittern und zu zertrümmern und auf den Trümmern eine neue zu erbauen, von der es die Frage ist, ob sie besser sein wird…«

»…Genau das wird sie sein!«

»Ich bitte um Ruhe, Kameraden! Das Wort hat immer noch der Kamerad Hochfeld!«

»…Also, wie gesagt, das Hilfsdienstgesetz1 wurde nicht aus den Vorschlägen der gewerkschaftlichen Organisation heraus geboren, sondern von der Regierung der Arbeiterschaft oktroyiert. Wenn die Vorstände der Gewerkschaftsorganisation dieses Gesetz verbessert haben, so haben sie nach meiner Überzeugung getan, was sie tun mussten, und sie haben es wesentlich verbessert, so dass es nicht mehr unbedingt als Knebelgesetz für uns zu betrachten war. Da, wo ein sattelfester Ausschuss war, gelang es den Kameraden, auf Grunses Gesetzes, Vorteile herauszuschlagen, nur da nicht, wo keine gute Organisation war…«

»Wir wollen keine Vorteile aus irgendwelchen Gesetzen mehr herausschlagen, Genosse Vorstand! Der Krieg ist vorbei, wir wollen wieder als Menschen leben!«

»Sehr richtig!!«

»…Eure Ungeduld, Kameraden von der Opposition, wird noch den ganzen Verband zugrunde richten! Unsere Regierung tut, was sie kann. Wir müssen jetzt Augenmaß behalten. Wir dürfen der Reichsregierung jetzt nicht in den Rücken fallen…«

»Das klingt ja wie beim Kaiser. Hat sich denn nichts geändert?! Wir malochen noch unter den gleichen Bedingungen wie im Krieg. Wenn die SPD die Rolle des Kapitals spielt, müssen wir uns eben selbst befreien…!«

»…Ich erkläre…«

»Ich bitte um Ruhe, damit der Kamerad Hochfeld mit seinen Ausführungen fortfahren kann! Ruhe bitte!!«

»Danke. Also, ich erkläre, dass durch die Inszenierung der letzten Streiks ein Verbrechen nicht allein an der Bergarbeiterschaft, sondern der ganzen Arbeiterschaft Deutschlands begangen worden ist. Die dadurch erzielten wirtschaftlichen Vorteile hatten sich mit der Zeit auch auf legalem Wege erzielen lassen…«

»Jetzt langt’s aber, runter mit dem Kerl!«

»Licht aus, Messer raus…! Licht aus, Messer raus!«

»Kameraden, Ruhe bitte!! Ruhe! Ich bitte um Ruhe!!! – Mir als Vorsitzendem liegen mehrere neu eingegangene Anträge zur Geschäftsordnung vor, unter anderem einer, der besagt:

»Die Generalversammlung möge beschließen, dass, wenn die Arbeiterschaft die Diskussionsredner fortwährend durch Zwischenrufe stört, dieselben von der Generalversammlung zu entfernen sind<…«

»Das ist ja die Höhe!«

»Eine Betriebsversammlung ohne Arbeiter, soweit ist es schon gekommen!!«

»Runter mit den Arbeiterverrätern!«

»Jetzt ist aber Schluss mit dem Theater!!!« Der Tumult, der nun den verräucherten, hoffnungsvoll überfüllten Saal erfasste, war perfekt. Der Kamerad Hochfeld vom Vorstand der Gewerkschaft der Bergarbeiter bekam es mit der Angst. Er ließ sein Redemanuskript achtlos fallen, nestelte an der Krawatte herum und trat ein paar Schritte zurück, als die aufgebrachten Kumpel sich wild schimpfend und gestikulierend auf die Rednertribüne zu bewegten. Das hätte er besser nicht

tun sollen, denn unmittelbar hinter ihm war die Wand, und er stieß sich heftig an den Heizungsrohren. Er stolperte, und im Fallen riss er die Traditionsfahne der Gewerkschaft des Steinkohlebergwerks >Admiral< mit sich hinunter. Sie begrub den feinen Mann im schwarzen Bratenrock völlig unter sich, und es dauerte lange, bis er ich zappelnd unter dem schweren, roten Tuch wieder an die stickige Luft hervor gewühlt hatte. Noch während Hochfeld mit der Fahne kämpfte und der halbe Saal angesichts dieses Schauspiels in Gelächter ausbrach, war ein schlecht rasierter, stämmiger Bergmann an das Podium getreten und hatte dessen Platz eingenommen.

»…Kameraden«, begann er, aber Versammlungsleiter Husemann erhob sich von seinem Platz und schnitt ihm das Wort ab:

»So geht das aber nicht…!«

»Doch, Kamerad, genauso geht das!« sagte eine tiefe Stimme hinter ihm und drückte ihn wieder auf den Sitz zurück.

»Der Genosse Sander soll reden.«

»Also, Kameraden«, setzte der Bergmann Sander wieder an, »jetzt stimmen wir erst mal über den Misstrauensantrag gegen den Vorstand ab, über den hier schon seit fast zwei Stunden geredet wird. Wer für den Antrag ist, hebe bitte die Hand – aber, damit wir uns richtig verstehen: tut eure wahre Meinung kund! Niemand braucht etwas zu befürchten, der sich für den Vorstand ausspricht. Wir wollen keinen Terror, sondern klare Verhältnisse. Klar?«

412 schmutzige Hände gingen in die Höhe.

»Und nun die Gegenprobe. Wer lehnt den Antrag ab?« Erwin Sander zählte genau: es waren 114 Hände, etwa die Hälfte davon sauber und gepflegt.

»Das wäre also nun klargestellt«, ergriff der Mann am Pult wieder das Wort.

»Ich stelle hiermit fest, dass die sogenannte Opposition nicht mehr die Opposition ist, sondern die Mehrheit der Kollegen repräsentiert.«

Applaus.

»Was soll nun weiter geschehen? ich bitte um Vorschläge.«

»Schmeißt den Vorstand raus!«

»Weg mit den Verrätern!« Eine ruhige Stimme kam aus dem hinteren Teil des Saales; auf einer Bierkiste, halb von einer der hässlichen Säulen verdeckt, stand ein hochaufgeschossener Bergmann und versuchte, sich in dem Durcheinander Gehör zu verschaffen:

»Kameraden…«

»Eine Tracht Prügel wäre das richtige für die!«

»Kameraden…! Kameraden, so hört doch zu! Das wäre‘ das Dümmste, was wir machen können. Dann haben wir in einer halben Stunde die Gendarmen hier, und wir landen alle in Sicherheitsverwahrung. Wenigstens die, die hier den Mund aufgemacht haben.«

»Meinst du, unser eigener Vorstand würde uns bei der Polizei anschwärzen?!«

»Das ist nicht mehr unser Vorstand. Ich denke außerdem, der Kamerad Hochfeld würde keine Sekunde zögern, nicht wahr?«

»Worauf ihr Gift nehmen könnt!!« Der würdige Sekretär hatte jede Haltung verloren.

»Wisst ihr, was ihr seid? Unruhestifter! Strauchdiebe! Ihr seid die Schande des ganzen Reviers…« In einem Chor von Gegröhle und Gelächter gingen seine Worte unter. Die Tür zum Schankraum öffnete sich, und herein trat ein junger Mann mit viel Pomade im Haar und einer nicht mehr ganz weißen Wickelschürze. Das war der Büffetier Koch:

»Noch Bier gewünscht? Bouletten…?« er stockte und sah sich erstaunt um. Nach kurzem Schweigen, sichtlich irritiert:

»Irgendwas nicht in Ordnung?«

»Doch doch, Otto, hier ist alles klar. Wenn wir noch Bier brauchen, rufen wir dich wieder rein, Kumpel.« Doch Otto blieb unschlüssig in der Tür stehen. Das hatte er noch nicht erlebt, dass auf einer Gewerkschaftsversammlung kein Bier nachbestellt wurde. Ein blonder Jüngling schob sich unauffällig an dem Kellner vorbei und wollte gerade den Raum verlassen. Zwei Fäuste packten zu, eine am Kragen, eine am Arm.

»Heda, Freund, wohin so eilig?« Der Mann begann zu hüsteln. Er trug Gamaschen, wie sie gerade in Mode waren und einen hellen, schon etwas abgetragenen Anzug.

»Ich… ich wollte austreten.«

»Das Klo ist aber da drüben. Zeig mal her, was haben wir denn da?« Zum Vorschein kam ein kleines Notizbüchlein, mit Blaustift eng beschrieben.

»Aha, da haben wir also den Herrn Spitzel zu fassen gekriegt—– und was hat er so alles aufgeschrieben?«

Einer der Arbeiter las in den Notizen, während der andere den kreidebleichen Mann fest im Griff behielt. Der Büffetier verdrückte sich in diesem Moment unauffällig aus dem Saal. Urplötzlich brach der, der das Notizbuch hielt, in lautes Lachen aus.

»Hört euch das an, Kameraden, was hier steht. Der letzte Satz lautet: >Redner konnte nur sehr schwierig sein Referat beenden<. « Wieder brach der ganze Saal in Gelächter aus.

»Hör mal, Schnüffler, hast du nicht bemerkt, dass der Redner sein Referat überhaupt nicht beendet hat? Diese Eintragung ist unkorrekt. Dein Chef wird dich tadeln!« Abermals Gelächter. Da ließ sich erneut der Mann auf der Bierkiste vernehmen. Er stand noch genauso da wie vor einer Minute. Aus seiner Rocktasche schaute eine zusammengefaltete Zeitung hervor. Vom Titel konnte man nur »…yndikalist« lesen.

»Kameraden, wir müssen den Hokuspokus hier beenden und zu ernsteren Dingen kommen. Wir können uns nicht mit Spitzeln und anderen Wichten aufhalten. Bringt den Menschen ins Nebenzimmer oder meinetwegen auf die Toilette, aber passt auf, dass er uns nicht entwischt, bevor die Versammlung zu Ende ist. Und dass ihm kein Haar gekrümmt wird.«

Der da sprach, war Carl Butterweg sechsunddreißig Jahre alt und Hauer in der Zeche >Admiral< von Dortmund-Hoerde. Er war einer der ältesten und besonnensten von denen, die man noch fünf Minuten vorher die >Opposition< in der Gewerkschaft genannt hatte. Jedermann wusste, dass Carl Butterweg, Vater von vier Kindern, Anarchist war. Und Gewerkschafter. Er und seinesgleichen nannten diese Kombination >Anarchosyndikalist< – ein kompliziertes Wort, aber man verstand, was damit gemeint war. Carl war ein anerkannter Kollege, ernst und hilfsbereit, sein Wort fand Gehör:

»Ich schlage vor, der Genosse Sander fährt da fort, wo er eben unterbrochen wurde.« Es regte sich kein Widerspruch, alle schauten gespannt auf Erwin Sander, der noch immer am Rednerpult stand.

»Ja, richtig, Kollegen. Was ich noch sagen wollte… Ich bin kein großer Redner wie unsere Kameraden vom Vorstand – will sagen, vom alten Vorstand…« Wieder gab es Gelächter im Saal.

Hochfeld warf eiskalte Blicke in die Menge, sagte aber kein Wort.

»Nun, ihr alle wisst ebenso gut wie ich, was hier los ist. Der Zentralverband gleicht immer mehr einer alten Maschine. Er ist längst Teil von dem geworden, was wir hier alle bekämpfen und abschaffen wollen, Teil von Kapital, Bourgeoisie und Obrigkeit. Wenn wir die Knechtschaft abschütteln wollen und wir eine Erneuerung erhoffen, dann wird sie nicht vorn Vorstand kommen, dann müssen wir, die Arbeiter, diese selbst in die Hand nehmen. Das Kapital ist mit der Abdankung des Kaisers nicht verflogen, wir haben nur andere Herren bekommen. Wenn wir uns aus dem Würge griff des Kapitals befreien wollen, dann muss der Streik und dann müssen die Aktionen aus der Masse kommen. Von uns, Kameraden. Keine Partei und keine Reichstagsregierung wird uns dabei helfen. Seht sie euch doch an, was aus all ihnen geworden ist: die Kameraden, die vor zehn Jahren noch mit uns in die Grube eingefahren sind und die dann Posten bekommen haben. Posten, mit denen sie unsere Befreiung erreichen sollten. Herren sind sie allesamt geworden, feine Pinkel! Sie sitzen am reich gedeckten Tisch zusammen mit den feinen Herrschaften, denen die Zechen gehören. Und wir? Kameraden, Ihr wisst es alle: unsere Kinder hungern, und wenn wir unsere Wohnungen warm kriegen wollen, müssen wir die Kohle klauen. Es ist eine Schande, wir Bergleute können uns keine Kohle zum Heizen kaufen! Das ist… das ist…« Erwin Sander suchte nach einem passenden Vergleich.

»Ja, Kameraden, das ist wie auf der Titanic: die Reichen wurden gerettet, die Armen sind ersoffen!« Das saß, der Beifall tobte. Viele klatschten, weil der Redner ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte, viele aber auch, weil ihr Kollege Erwin eine so schöne Rede gehalten hatte. Aus dem Stegreif! Es war seine erste. Ein dicker, älterer Kollege war zum Pult getreten und bat um das Wort. Willi Schleckendiecker, Schriftführer der >Freien Vereinigung der Bergarbeiter< hatte wie selbstverständlich neben dem beleidigten Husemann Platz genommen und machte jetzt den Versammlungsleiter.

»Das Wort hat der Kamerad Busse.«

Der dicke Busse trat noch einen Schritt vor und drehte verlegen seine Mütze in den Händen. »Also, Kameraden, ich wollte nur, sozusagen, einen bescheidenen Vorschlag machen. Ich hab‘ da im Syndikalist gelesen, in Pommern, da sind auch viele Kameraden. Ich meine, Kameraden, die auch in der Freien Vereinigung sind, also, ich meine, in der Freien Arbeiterunion.« Er räusperte sich und machte eine lange Pause.

»Ja, wat denn nu, Busse?«

»Ja, was ich also sagen wollte, ist dies: Die Genossen da haben also Kartoffeln. Und Schweine. Speck, Schmalz, alles, wat ihr euch nur vorstellen könnt.« Jetzt lag die ungeteilte Aufmerksamkeit bei ihm.

»Nun ja, ich denke mir einfach: Warum sollten wir mit denen nicht tauschen? Die haben nämlich keine Kohlen.« Nun war es heraus. Adolf Busse holte tief Luft, trat vom Pult zurück und wischte sich über die Stirn.

»Jetz brauch‘ ich aber ’n Bier!«

»Dat is gut! Willi, schreib dat auf. Dat können wir versuchen«, rief eine Stimme.

»Wir haben aber doch selber keine Kohlen!« rief ein anderer.

»Genau das ist ja das Problem!« Das war wieder die Stimme Butterwegs. Er kletterte nun von der Bierkiste herunter und ging auf die Tribüne zu. Bereitwillig machten ihm die Männer Platz. Als er am Pult stand, sah er Schleckendiecker erwartungsvoll an.

»Wat is, Willi, erteilst du mir das Wort?«

»Ach so, ja… Das Wort hat der Genosse Butterweg. Man zu, Carl!«

»Danke. Kameraden, natürlich haben wir Kohle. In Hülle und Fülle. Wir besitzen sie nur nicht. Was soll ich euch groß erzählen? Ihr seid alle auf rechte Sozialisten und wisst, was der Kapitalismus ist. Ihr wisst auch alle, was aufrechte Sozialisten wollen: die Beendigung des Kapitalismus. Die freie Gesellschaft, in der allen alles ge hört. Ihr wisst auch, dass das in den Büchern steht, die ihr zu Hause rum liegen habt. Ihr wisst aber auch, dass die Parteisozialisten das alles verraten haben. Die Sozialdemokraten sind auf dem Holzweg. Sie kriechen dem Kapitalismus ganz einfach in den Arsch und glauben, so den Sozialis mus zu erreichen. Wahrscheinlich glauben sie das selbst nicht mal mehr. Ich bin auch Sozialist, weil ich den Sozialismus will. Aber ich weiß, dass wir ihn nie erreichen werden, wenn wir den Vorstand und die Partei machen lassen. Darum bin ich auch Anarchist…« Ein Murmeln ging durch den Saal. »

Ja, Kameraden, darum bin ich An archist, weil ich meine, nur durch die eigene, direkte Aktion, durch unser al- ler Wollen und Wirken können wir den Sozialismus erreichen…«

»Carl, das ist gut und schön. Aber das wissen wir doch alle. Aber was solle n wir denn jetzt bloß tun?« Dieser Zwischenruf brachte den Anarchisten etwas aus dem Konzept, denn er hatte sich auf eine lange Ansprache vorbereitet. Einen Moment lang schwieg er verlegen, da half ihm Willi, der Schriftführer, aus der Klemme:

»Das Wort hat der Kamerad Flieth aus Lütgendortmund.«

»Ich will euch sagen, Genossen, was wir tun können. Verkürzung der Arbeitszeit! Das muss die Losung für die deutschen Bergarbeiter werden. Je kürzer die Arbeitszeit, desto mehr werden wir als Menschen leben können, desto mehr können wir uns körperlich und geistig reif machen für die Aufgaben der sozialen Revolution!« man merkte an der Sprache, dass Hermann Flieth ein eifriger Leser anarchistischer Zeitungen war; er hielt sich deren gleich vier: >Der Freie Arbeiter<, >Alarm<, >Der Syndikalist < und >Die Freiheit< aus Mülheim an der Ruhr… Ein anderer Kollege griff den Gedanken auf:

»Nich nur dat, Hermann. Überleg doch mal. Wenn wir statt drei Schichten vier fahren, dann können wir ’ne Menge Arbeitslose unterbringen, und wir placken uns nich zu Tode. Da ham doch alle wat von. Wat wir heute noch zu fressen kriegen, da kann man ja nich von arbeiten gehen…«

»Sehr richtig, Kamerad.« Carl Butterweg hatte sich wieder gefangen und griff erneut in die Debatte ein.

»Ich bin der Überzeugung, dass alle drei Vorschläge nicht nur für uns, sondern für alle Arbeiter von Nutzen sein werden, ja, sogar für die gesamte Volkswirtschaft. Der Bergbau ist eine Schlüsselindustrie, Genossen. Wenn wir nicht fördern, ruht die ganze Industrie. Das bedeutet: wir haben ein Machtmittel in der Hand, wir können es auch einsetzen…«

»Richtig! Dann is nemmich der Ofen aus…« rief glucksend ein Kollege dazwischen, der nicht mehr ganz nüchtern zu sein schien.

»Stimmt genau!« Carl war nun in seinem Element.

»Wir können der ganzen Arbeiterklasse ein Beispiel geben, wie man sich selbst organisiert, sich selbst verwaltet, wie man das Schicksal in die Hände nimmt. Wir sind die Arbeiter, die alle Werte schaffen, nicht die Zechenbosse. Also: wir tun ab morgen einfach das, was wir bis jetzt immer nur gefordert haben!«

»Aber Carl, wir sind doch einfache Arbeiter, wir versteh’n doch nix von Verwaltung und Organisieren. Im Schacht weiß ich wohl Bescheid, aber im Kontor kenn‘ ich mich nich aus…«

»Nur Mut, Rudi, alles kann man lernen. Ganz einfach: wir fahren ab morgen vier Schichten und arbeiten nur noch sechs Stunden. Wir bestimmen, wer die Kohlen kriegt, und wir werden dafür sorgen, dass die Proletarierfamilien nicht mehr hungern. Und den Vorschlag vom Kameraden

Busse greifen wir auf. Wir verhandeln mit den Kameraden in Pommern, aber auch mit den Bauern hier im Pütt und in Westfalen. Wir wissen besser als die Spekulanten, wozu Brot und Kohle gut sind. Wir werden ihnen zeigen, dass wir selbst denken und handeln können.« Die Tür ging abermals auf, und Hermann Vogel, der Wirt, trat ein. Hinter ihm stand verschüchtert Otto Koch, der Büffetier.

»Also Herrschaften, was geht hier eigentlich vor?«

»Wir haben einen neuen Vorstand gewählt. Das ging ein bisschen hoch her, aber sonst ist alles in Ordnung.« Das war Schleckendiecker, der gewichtig tat und mit seinen Papieren hantierte. Zwei Kumpel hatten sich bedrohlich vor Hochfeld aufgebaut, der nicht wagte, den Mund aufzutun.

»Aber nix bestellen, Herrschaften, das gibt’s bei mir nicht! Und macht mir bloß keinen Ärger. Erst vor zwei Wochen waren die >Unabhängigen< bei mir, und es gab einen Riesenkrawall. Der Polizeirat hat mir wörtlich gesagt, >Wir werden Ihnen das oben sehr ankreiden, Herr Vogel!<. Ich will keinen Ärger ——– also, wer will noch ein Bier?« Diese Unterbrechung kam nun gerade recht, denn Butterwegs kühne Vorschläge hatten vielen das Mütchen gekühlt und so manche Zunge trokken werden lassen. Otto schlängelte sich, gewandt durch den Saal und nahm die Bestellungen auf. Kurz darauf ging die Versammlung weiter.

»Kameraden, ich will zum Ende kommen. Ich schlage der Versammlung folgendes vor und bitte, nach erfolgter Debatte darüber abzustimmen. Die Einzelheiten können wir nachher in Ausschüssen beraten und der Versammlung zur Entscheidung vorlegen. Ich schlage also vor, dass wir einen Plan ausarbeiten, in vier Schichten zu fahren. Fernerhin schaffen wir alle Überstunden ab und stellen statt dessen neue Bergleute ein. Aus dem Krieg sind ja viele zurückgekehrt und liegen auf der Straße. Wir bilden eine Kommission, die den Tausch von Kohle gegen Lebensmittel und andere Dinge organisiert, die wir sonst noch brauchen. Weiterhin bilden wir eine Kommission, die die Zeche bewacht, für Waffen sorgt und eine Verteidigung vorbereitet, wenn das nötig wird. Eine andere Kommission wird Verbindung mit den Kameraden bei der Eisenbahn aufnehmen und die

Transportfragen regeln. Das alles ist aber nur möglich, wenn wir entschlossen sind, zu handeln, und wenn wir die Zeche übernehmen. Das wird nicht einfach sein, vielleicht müssen wir uns wehren, vielleicht können wir aber auch verhandeln. Vor allem aber müssen wir mit den anderen Gruben

Verbindung aufnehmen, dass sie unserem Beispiel folgen! Vergesst nicht:

Wir haben keine große Hoffnung, uns lange gegen die Reichswehr zu verteidigen oder gegen die Freikorps. Wir haben kaum Waffen, und auf einen offenen Kampf können wir uns nicht einlassen. Wir haben nur eine gute Waffe, und das ist der Streik!« Es dauerte einige Sekunden, bis die Kollegen begriffen, dass Carl Butterweg fertig war mit seiner Rede. Diese Sekunden waren für den Redner unerträglich lang; er zweifelte, ob er die Kumpels in letzter Konsequenz hatte überzeugen können. Endlich zeigte ihm der losbrechende Applaus, dass die Belegschaft sich entschieden

hatte. Hochrufe wurden laut.

»Es lebe die Freie Vereinigung!«

»Schluß mit dem Elend!«

»Hoch der Sechsstundentag!« Die Diskussion, die nun folgte, dauerte fast eine weitere Stunde. Für und Wider wurde abgewogen, Vorschläge wurden laut, Detailprobleme angesprochen. Aber die Entscheidung für die Übernahme der Zeche wurde nicht mehr in Frage gestellt. Dann setzten sich die Kommissionen zusammen. Spät in der Nacht, ziemlich genau sechs Stunden, nachdem der Funktionär Husemann die Versammlung eröffnet hatte, waren sie fertig. Stolz trat Willi Schleckendiecker ans Pult und las den müden, aber zufriedenen Kollegen den Artikel vor, den sie sofort an die Arbeiterpresse geben wollten:

»Steinkohlebergwerk >Admiral<, Wellinghofen, bei Hörde in Westfalen, den 18. Januar 1919. Die revolutionäre Arbeiterschaft will von der >sozialistischem< Regierung ganze Arbeit sehen. Sie hat allenthalben anerkannt, dass die jetzige Regierung dazu nicht fähig ist. Die Bergarbeiter verschaffen sich selbst mehr Freiheit und ein einigermaßen erträgliches Dasein. Sie führen den 6-Stunden-Tag ein. Heute fand in der o.g. Hütte im Dortmunder Revier eine Belegschaftsversammlung statt, in welcher folgende Resolution angenommen wurde:

Resolution!

Die heutige Belegschaftsversammlung beschließt die sofortige Einführung des 6-Stunden-Arbeitstages für alle Belegschaftsmitglieder unter Tage. Die Seilfahrt findet wie folgt statt:

Morgen schicht: Anfahrt 1/2 6 bis 6 Uhr, Ausfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr.

Nachmittagsschicht: Anfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr, Anfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr.

Abendschicht: Anfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr, Ausfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr,

Nachtschicht: Anfahrt: 1/2 12 bis 12 Uhr, Ausfahrt: 1/2 6 bis 6 Uhr.

Die Reparaturschicht kann auf Abend oder Nachtschicht verlegt werden. In Hinsicht auf die schwierige Arbeit der Bergarbeiter unter Tage sowie der schlechten Ernährung, die einen völligen Zusammenbruch der Kameraden herbeiführen muss, halten wir die Einfühung der verkürzten Arbeitszeit für unbedingt notwendig. Durch Belegung der vielen Arbeitsschicht bietet sich Gelegenheit, die große Zahl der Arbeitslosen unterzubringen, wodurch wiederum die Induktion erhöht und so die Einführung der 6-Stunden-Schicht von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung ist. Die Belegschaft verlangt weiter die Sozialisie rung des Bergbaus im Sinne der Enteignung des privaten Kapitals, der Übernahme der Kohlenschätze und der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit und der Verwaltung des Bergbaues durch die Bergarbeiter.«

Die Anwesenden waren von ihrem eigenen Ergebnis überwältigt. Das klang gut! Würden die Kollegen alle zusammenstehen? Würde die 6-Stunden-Schicht morgen wirklich gefahren? Was ist, wenn die Verwaltung die Reichswehr ruft? Viele bange Fragen wurden laut, die an diesem Abend

nicht zum ersten Mal gestellt wurden. Der unermüdliche Butterweg ergriff noch einmal das Wort. Diesmal trat er nicht ans Pult, sondern blieb, erschöpft wie er war, auf dem Stuhl sitzen.

»Wir sind alle müde, Freunde. Morgen ist ein wichtiger Tag, da kommt es auf jeden an! Geht jetzt nach Hause und schlaft. Wer morgen früh Freischicht hat, soll zu den anderen Zechen rüber und die Resolutionen anschlagen und mit den Kameraden reden. Morgen müssen wir alle gute Agitatoren sein. Ihr wisst ja: wenn die anderen nicht mitmachen, stehen wir auf verlorenem Posten. Erwin und ich fahren mit dem Rad noch in die Redaktion und tippen die Resolutionen ab. Morgen früh haben wir genug davon für alle.« Die Kumpels verließen nach und nach den Raum, einige umarmten sich. Auch Husemann und Hochfeld durften jetzt gehen, letzterer baute sich vor Butterweg auf und zischte ihn an:

»Wißt ihr, was ihr seid? Kleine, unreife Kinder. So macht man keine Revolution! Das wird euch

noch teuer zu stehen kommen, denkt an meine Worte!« Dann verschwand auch er. Vor dem Lokal, auf der regennassen Münsterer Straße, schauten sich Schleckendiecker und Butterweg kurz ins Gesicht, als sie auf ihre Fahrräder stiegen.

»Was meinst du, Carl – war das richtig, was wir heute gemacht haben?«

»Ich weiß nicht, Willi, ob es nicht zu früh war. Richtig war’s auf jeden Fall.«

Geschichte

Die Befürchtungen der Kurnpels von der Zeche >Admiral< trafen nicht ein. Die unerhörten Beschlüsse, die Carl Butterweg in seiner Rocktasche spät nachts durch Dortmund fuhr, schlugen anderntags wie eine Bombe ein: Streiks, Sechsstundentag und Betriebsbesetzungen griffen um sich wie ein Lauffeuer. Es war nicht ganz einfach gewesen, denn die Betriebsleitung hatte nach Ablauf der sechs Stunden die Schächte versperrt und die Förderbänder abgeschaltet. Als die Förderkörbe nicht erschienen, begannen die Bergarbeiter aber, die Verkleidung zu den Kohle- und Fahrschächten weg zureißen und die Fahrklappe gewaltsam zu öffnen. So gelangten sie nach oben, und da gab es dann Zoff. Aus einem Spitzelbericht:

»In der Waschkaute agitierte sodann der Bergmann Carl Butterweg, Höchsten 98 I, in erregter Weise gegen das Verfahren von Oberschichten. Er erklärte, die Bergarbeiter seien durch den Militarismus früher zum Verfahren von Überschichten gezwungen worden, sie seien jetzt aber freie Bergleute und müssten das Verfahren von Oberschichten ablehnen. Der Betriebsrat bestände aus Verrätern. Um die Belegschaft zu beruhigen, hatte vor Beginn der Mittagsschicht die Verwaltung die beiliegende Bekanntmachung an die Belegschaft zur Kenntnis der letzteren gebracht in dem Glauben, dass dieser nochmalige Appell an die Arbeiter seine Wirkung nicht verfehlen würde. Der Erfolg blieb jedoch aus, denn von der Gesamtbelegschaft der Mittagschicht von 295 Mann, die erst 1 Stunde nach Beginn der Seilfahrt einfuhren, verfuhren nur 124 Mann die Obers chicht, während in der Morgenschicht von 336 Mann nur 83 Mann die 1 1/2 stündige Schicht verfuhren. Der Misserefolg ist in erster Linie auf die äußerst rege agitatorische Tätigkeit des Berg manns Butterweg zurückzuführen.«

Dieser Bericht wurde, wie unzählige andere, von den Spitzeln der Zechenleitung frei Haus an den zuständigen Amtmann geliefert. Damit war nun Schluss. Innerhalb weniger Tage machte das Beispiel Schule: Die alten Betriebsräte wurden abgesetzt, die Verwaltung von Arbeitern kontrol liert, Spitzel hatten keine Chance mehr. Noch heute findet man bei der Quellensuche beredte Spuren davon in den Archiven der Polizei: die regelmäßigen Spizelberichte bleiben urplötzlich aus…

Am 20. Januar besetzen die Arbei ter die Zeche >Minister Achenbach<, bilden einen Zechenrat und sozialisieren den Betrieb. Am 23. Januar folgen die Zechen >Scharnhorst<, >Gneisenau<, >Massen< und > Adolf von Husemann<. Am 7. Februar werden die Zechen >Viktoria< III und IV, sowie >Ikkern< I und II von bewaffneten Arbeitern besetzt, die die Bonzen vertreiben und unverzüglich einen neuen Betriebsrat wählen.

In wenigen Wochen breitet sich die Welle von Betriebsbesetzungen, Sechsstundenschichten und Selbstverwaltung über das ganze Revier aus. Die neue Arbeitszeit wird in fast allen Bergwerken zur Regel; an die vierzig Zechen sind dem Aufruf gefolgt und machen Nägel mit Köpfen. Das ist die Mehrzahl der Betriebe im Kohlebergbau, das ist das Herz der deutschen Schwerindustrie.

Kaum zu glauben, aber wahr: die durch Revolution und Spartakusaufstand verunsicherte Polizei traut sich nicht einzugreifen, die Betriebsleitungen wagen es nicht, den Staat zu Hilfe zu rufen, das Militär ist durch den verlorenen Krieg und die Soldatenräte geschwächt; unschlüssig wartet es ab. Außerdem darf die Reichswehr im Ruhrgebiet ohne Zustimmung der Alliierten sowieso nichts unternehmcn. Unschlüssig ist auch die sozialdemokratische Reichsregierung. Und jene, die bisher immer sehr nützlich bei der Abwiegelung waren, die sozialdemokratischen Gewerkschaften, haben vollends ihr Gesicht verloren. Niemand hört mehr auf ihre verlogenen Parolen2.

Die katholische Dortmunder Zeitung >Tremonia< weiß am 25. März von der Reaktion einer Bergwerksgesellschaft auf die Sozialisierung ihres Betriebes folgendes zu berichten:

»Die Zechenverwaltung, die damit einfach vor die nackte Tatsache gestellt wurde, berief den Ausschuss zu einer Sitzung, in der daraufhingewiesen wurde, dass es wohl angebracht gewesen wäre, wenn der Zechenleitung vorher von dem Beschluss Mitteilung gemacht worden wäre. Sie nehme daher jetzt unter Protest Kenntnis davon. Ein Teil der Ausschußmitglieder musste bekennen, dass er von dem Ereignis selbst überrascht sei. Im übrigen machte die Zechenverwaltung gute Miene zum bösen Spiel und fand sich mit der neuen Sachlage ab.«

Die Bonzen, der Staat, die SPD und ihre Gewerkschaften — einig wie selten zuvor – machten gemeinsame Sache: sie setzten auf Zeitgewinn. Ihre Taktik hieß Zuckerbrot und Peitsche. In den folgenden Wochen schwärmten Funktionäre und Stadtverordnete aus, drohten, das Militär würde eingreifen, wenn die Arbeiter nicht »zur Besinnung kommen« wollten. Gleichzeitig versprachen sie, man könne über eine 7 1/2-Stunden- Schicht verhandeln, und jeder, der mit dem Unsinn aufhöre, bekäme eine Extra-Schmalzration. Das zog aber nicht so, wie man gehofft hatte. Inzwischen war die Sechsstundentag-Bewegung auch auf andere Wirtschaftszweige übergeschwappt: Maurer, Kaminkehrer, Fliesenleger, ja, sogar die Berufsmusiker forderten nun die neue Arbeitszeit, setzten sie einfach durch oder traten dafür in den Streik. In den meisten Berufen wurde noch zehn Stunden täglich gearbeitet der Achtstundentag war die Ausnahme, und manche mussten Zwangsüberstunden leisten und rackerten sich täglich zwölf Stunden ab. Auch bei den Metallern von Hoesch gärte es, aber hier saßen die Sozialdemokraten noch einigermaßen gut im Sattel; so gelang es ihnen, die Beleg- schaft zu spalten und eindeutige Entscheidungen zu verhindern. Die verantwortungslosen Aktionen der Bergleute, so die SPD, mache die Wirtschaft des Landes kaputt, und darunter hätten dann die Proletarier am meisten zu leiden. Wenn bei Hoesch die Kohle ausginge, gäb keine Arbeit mehr…

Unterdessen übten sich die Kumpel in der schwierigen Kunst der Selbstverwaltung. Sie waren in den Besitz der Bergwerke gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Sie betraten Neuland. Zwar gab es auch einige Intellektuelle, Angestellte und Arbeiter mit entsprechender Vorbildung, aber ganz überwiegend mussten sie sich darauf beschränken, die Verwaltung, Wirtschaft und Bürokratie der Zechen zu kontrollieren. Die Selbstverwaltung tatsächlich zu übernehmen, waren sie nicht in der Lage. Darauf waren sie nicht vorbereitet. Wann hätten sie dies, in den langen Kriegsjahren vorher, auch lernen sollen? Aber sie machten Ernst mit ihrer Vision von der Sozialisierung. Sie zwangen die Verwaltung, neue Arbeitskräfte einzustellen, verteilten die Kohle, organisierten die Versorgung der Bevölkerung, schmissen besonders verhasste Steiger3 aus dem Betrieb und machten, wie sie es ihn ihrem Manifest beschlossen hatten, »das Dasein der Arbeiter erträglicher«. Vor allem aber versuchten sie das nachzuholen, was bisher nicht geleistet werden konnte: fehlendes Wissen und fehlendes Bewusstsein zu erlangen.

Die Anarchisten, seit über vierzig Jahren stets im Schatten der Sozialdemokratie, waren im Revier sozusagen über Nacht zur dominierenden Kraft geworden. Die Mitglieder liefen ihnen beinahe unkontrolliert zu, und wer kein Mitgliedsbuch der FAUD in der Tasche trug, war nicht auf der Höhe der Zeit. Auf allen Zechen, in allen Stadtteilen und Betrieben wurden nun Orts- und Betriebsgruppen gegründet, deren Mitgliederzahlen nach Tausenden zählten. In Vierteln wie Mengede oder Lütgendortmund mussten, damit man einen Überblick behalten konnte, 1, 2, 3 Ortsgruppen eingerichtet werden. Verlässliche Zahlen sind selten, aber einige Daten geben einen Eindruck dieses sprunghaften Wachstums wieder: In den Stahlwerken Phönix, Union und bei Hoesch rechnen im Juni 1919 über 2300 Arbeiter ihre Beiträge zur FAUD ab. In allen Bergbaubetrieben stellen Anarchosyndikalisten die absolute Mehrheit. Im Sommer 1919 werden bei einem Genossen Rabe 2500 Zeitungen einer Ausgabe des >Syndikalist< beschlagnahmt, die ausnahmslos für das Werk in Dorstfeld bestimmt sind. Und aus der Delegiertenliste zum 13. Kongress der FAUD im November 1919 geht hervor, dass die Organisation 12000 zahlende Mitglieder für den Raum Groß-Dortmund abgerechnet hat. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung im Jahre 1921 dürften hier 20 000 Arbeiter mit dem Mitgliedsbuch der anarchistischen Gewerkschaft herumgelaufen sein.

Den Anarchisten kam es indes nicht so sehr auf Quantität an als auf Qualität. Darum standen Schulung, Bewusstseinsbildung und Propaganda für sie auch ziemlich obenan. Der >Syndikalist< predigte, es sei dringend notwendig, die Einführung des Sechsstunden-Tages auch dazu zu nutzen, »körperlich und geistig reif für die soziale Revolution« zu werden. Auch musste die übrige Bevölkerung für die neuen Ideen gewonnen werden. Die Dortmunder Syndikalisten suchten das Bündnis und fanden es auch beim Spartakus und der USPD. Gemeinsam organisierte man riesige Demonstrationen durch die Stadt und hielt Massenkundgebungen ab. Auf unzähligen Versammlungen kam rüber, was Sache war: man wollte Taten sehen. Man wollte soziale Verbesserungen. Man wollte die Übernahme der Produktionsmittel durch »die Gesamtheit« – das Wort »Staat« fiel nicht. Verstaatlichung war für die Arbeiter des Jahres 1919 kein Thema. Mit den Bündnissen suchte man nicht nur, die Forderungen populärer zu machen, sondern auch, Druck auf die Reichsregierung auszuüben. Man war sich im Ruhrgebiet durchaus darüber im klaren, dass die Bewegung nur dann erfolgreich sein könnte, wenn sie auf ganz Deutschland übergriff und der öffentliche Druck stark genug wäre, das Eingreifen des Staates zu verhindern, aufzuschieben oder entscheidend zu schwächen.

Die Bergleute wussten: sie waren Vorreiter, und sie durften den Massen nicht davon galoppieren. Die Reichsregierung indes hatte anderes im Sinn. Als sie sich das Treiben ein paar Wochen angesehen hatte und sah, dass ihre Zermürbungstaktik nicht in dem gewünschten Maße fruchtete, ermächtigte sie die Landesregierung am 2. April, den Belagerungszustand zu verhängen. Der Anlaß hierzu war leicht gefunden: Wenige Tage zuvor hatten Angehörige der Freikorps4 in Witten das Feuer gegen eine Demonstration eröffnet und mehrere Arbeiter erschossen. Im ganzen Ruhrgebiet kam es daraufhin zu spontanen Streiks, die sich im Bergbau rasch zu einem Generalstreik ausweiteten. Im Raum Dortmund, Witten und Bochum ruhte die Arbeit in sämtlichen Zechen. Mit dem Belagerungszustand galt automatisch das Kriegsrecht, überall rückte die Reichswehr mit zuverlässigen Einheiten ein. Die vollziehende Gewalt ging an den kommandierenden Generalleutnant des 6. Wehrkreises, Freiherr von Watter, über, der die führenden Agitatoren in Schutzhaft nahm, Sperrstunde ab 21 Uhr verhängte, Zeitungen und Plakate verbot sowie alle Versammlungen der FAUD, der Freien Vereinigung der Bergarbeiter, des Anarchistischen Freibundes, der KPD und der USPD. Ein Freikorps rückte in Dortmund ein. Die SPD durfte sich weiterhin ungestört versammeln, ihre Zeitungen erschienen nach wie vor. Taktisch klug übernahmen nun deren Zentralgewerkschaften die Forderung nach dem Sechsstundentag und nach kurzen Verhandlungen verkündete die SPD stolz den errungenen Sieg: Siebeneinhalb Stunden und Schmalzstullen!

Der erste große Bergarbeiterkampf des Ruhrgebietes stand plötzlich ohne Kopf da. Schon vorher war die Führung schwach genug gewesen, aber nun saßen die wenigen, die durchblickten und die Massen zusammenhielten, im Knast von Münster oder wurden in irgendwelchen Kasernen misshandelt. Dennoch hielt die Streikfront stand, der Generalstreik nahm sogar an Heftigkeit noch zu. In etlichen bestreikten Betrieben verhinderten die Arbeiter nun auch sogenannte >Notschichten<, die die Anlagen vor größeren Schäden bewahren sollten. Bei Hoesch ließ man einen Hochofen in aller Ruhe ausglühen, die Schamotte im Inneren fiel zusammen. Die Anlage würde für mindestens ein Jahr ausfallen. Die Unternehmer waren entsetzt – so was hatten >ihre Arbeiten< noch nie getan. Noch vierzig Tage hielt der Widerstand der Arbeiter gegen das Kriegs-recht, erst dann begann die Streikfront zu bröckeln. Die SPD propagierte Vernunft und stellte die »Behandlung der Sozialisierungsfrage im Reichstag« in Aussicht. Die erste Schlacht war verloren, aber man hatte viel gelernt. Von einigen Zechen ist belegt, dass noch bis März 1920 die Sechsstundenschicht gefahren wurde. Der Moment, aus diesen Lehren Konsequenzen zu ziehen, sollte schon bald kommen: Am 13. März 1920 putscht der rechtsradikale Politiker Wolfgang Kapp gegen die Reichsregierung in Berlin. Unterstützt wird er von dem Reichswehrgeneral von Lüttwitz und der Marinebrigade Ehrhardt. Dieses Freikorps ist das erste, das Hakenkreuze an den Stahlhelmen trägt.

Die Regierung flieht aus Berlin, die Faschisten marschieren auf die Hauptstadt und aufs Ruhrgebiet. Die Reichswehr spaltet sich: ein Teil schließt sich Kapp an, ein Teil zögert und stellt sich später auf die Seite der Regierung. Wer nicht zögert, sind die Proleten, besonders im Ruhrgebiet. Im ganzen Reich wird der Generalstreik ausgerufen und fast vollständig befolgt. Die Kumpels im Pütt aber gehen noch weiter. Sie haben nicht vergessen, was erst ein Jahr vorher geschehen war: sie bewaffnen sich, bilden die >Rote Ruhr Armee< und begegnen dem Putsch auf eigene Faust. Es kommt zu einem regelrechten Kleinkrieg. In allen Orten gibt es Anwerbebüros, Abschnittskommandeure, Kompanien, Meldeeinheiten und Verteidigungsstellungen. Waffen werden beschlagnahmt, gestohlen oder aus ihren Verstecken geholt. Es entsteht eine regelrechte Front quer durchs Ruhrgebiet und ins Münsterland hinein. Der militärische Kampf war kurz. Nach nur fünf Tagen brach der Putsch zusammen. Kapp und seine Drahtzieher flohen. Generalstreik, Reichswehr und Rote Ruhrarmee hatten den faschistischen Spuk verjagt. Nach Meinung der Reichsregierung war nun alles wieder normal. Den Arbeitern wurde artig gedankt, und sie sollten doch, bitte schön, nun die Waffen abliefern und wieder arbeiten gehen. Die Arbeiter dachten aber nicht daran. Nun hielten sie die Macht in Händen. Warum sollten sie diese Errungenschaft wieder aufgeben? Die Lehren vom Frühjahr 1919 waren noch frisch, und die alten Forderungen keineswegs erfüllt. Während der Kämpfe gegen Kapp hatte sich nämlich auch im >Hinterland< einiges getan.

Als erstes hatte man die Gefängnisse gestürmt und die Genossen befreit. In jeder Stadt und Gemeinde bildeten sich sogenannte >Vollzugsausschüsse<, in denen meist Vertreter aller revolutionären Organisationen saßen. Deren Aufgabe bestand nicht in der militärischen Verteidigung, sondern darin, das Leben zu organisieren. Die bisherigen staatlichen Institutionen, die sich als handlungsunfähig erwiesen hatten, wurden einfach ignoriert. Eine neue Struktur ent-stand, die darauf ausgerichtet war, die tausend Fragen des Zusammenlebens und -arbeitens zu regeln. Und zwar auf Dauer.

Was sich in den folgenden Tagen in der Bergbaumetropole abspielt, könnte man ohne Übertreibung >die Commune von Dortmund< nennen. Niemand hat ihr diesen Namen gegeben, aber doch hat sie existiert. Dass es diesen Namen nicht gibt, hat viel mit Geschichtsschreibung und Parteilich keit zu tun. Kommunisten haben natürlich ebenso wenig wie Sozialdemokraten ein Interesse daran, anarchistische Experimente zu würdigen. In der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung ist der Kapp-Putsch ein Aufstand, der von der Regierung und der Reichswehr niedergeschlagen wurde, wobei der Generalstreik eine große Rolle spielte und die Kommunisten die Situation mittels der Roten Ruhr Armee zum bolschewistischen Staatsstreich ausnutzen wollten. Bei den Kommunisten wiederum ist die Rote Ruhr Armee die heldenhafte Front gegen den Faschismus und die verräterischen Sozialdemokraten und ein Fanal der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Wahrheit – sofern es überhaupt geschichtliche Wahrheiten gibt – liegt irgendwo dazwischen. Hinzu kommt etwas, was von allen Teilen peinlichst verschwiegen wird: dass das Gros der Kämpfer und Aktivisten der Roten Ruhr Armee Anarchosyndikalisten waren. Für die >Commune von Dortmunds die kurze 18 Tage existierte, lässt sich das eingehend belegen. Und zwar aus den allgemein zugänglichen Quellen, die auch schon Legionen von Studenten, Historikern und Parteiautoren durchforstetet haben: Polizeiakten, Protokolle, Stadt- und Landesarchive, zeitgenössische Zeitungen. Alle haben dieselben Quellen benutzt. Alle müssen gelesen haben, welchen Organisationen die Aktivisten angehört haben, wer die Betriebsräte stellte, welche Zeitungen die Polizei beschlagnahmte… Immer wieder tauchen die Namen FAUD, der Freien Vereinigung, des Anarchistischen Freibundes, ihrer verschiedenen Blätter und ihrer Aktivisten auf. Auf diesem Auge müssen aber all die früheren Autoren sehr getrübt sein: in vielen Werken über die Ruhrkämpfe tauchen die Anarchosyndikalisten nicht mal als Fußnote auf. Sie hat es einfach nicht gegeben. Diese pflichtgemäße Blindheit ist nicht das Thema dieses Buches, und verwundern sollte sie schon gar nicht – für den Anarchismus ist das der Normalzustand. Es ist auch nicht die Absicht, einer spontanen, widersprüchlichen, ideologisch gemischten Bewegung wie der Roten Ruhr Armee das Etikett >anarchistisch< auf zukleben und es als leuchtendes Beispiel zu feiern. Es geht vielmehr um eine Korrektur des Bildes, und die beginnt zwangsläufig bei der gegenwärtigen Blindheit der Historiker. Nur sie erklärt nämlich die erstaunliche Tatsache, dass selbst unter Anarchisten heute die Commune von Kronstadt, die Commune von Paris, der Aufstand von Barcelona oder die Guerilla in der Ukraine geläufige Größen sind, während man diese historische Situation, in der überwiegend anarchistisch eingestellte Arbeiter für fast drei Wochen ein Machtvakuum ausfüllen und die Geschicke einer großen Stadt, ja, einer ganzen Region, in Händen halten, nicht einmal dem Namen nach kennt. Über die Münchner Räterepublik, bei der die Anarchisten eher eine Nebenrolle spielten, gibt es inzwischen zahlreiche Studien. Über die >Commune von Dortmund< muss man sich die Mosaiksteinchen historischer Daten mühsam unter dem Schutt ideologischer Geschichtsklitterung hervorsuchen.5

Welch ein Glück, dass es damals schon Soziologen gab. Emsige Buchhalter gesellschaftlicher Prozesse. Einer von ihnen ist damals kreuz und quer durch das Aufstandsgebiet gereist und hat Kämpfer, Demonstranten, die Komitees und Vollzugsausschüsse über alles mögliche befragt – natürlich auch über ihre politischen Ansichten und Organisationen. In den Orten rings um Dortmund, den Vorstädten, Dörfern und Siedlungen waren 60 Prozent der Aktiven in der FAUD. Auch die Reihen der Roten Ruhr Armee bestanden nicht überwiegend aus Parteigenossen der KPD, sondern aus Anhängern der FAUD6.

In der sogenannten >Eisernen Kompanie< einer Art Miliz, die die Sicherheit und Ordnung im Hinterland gewährleisten sollte, stellten die Syndikalisten sogar nahezu 100 Prozent – eine etwas erstaunliche Tatsache angesichts der traditionellen Abneigung von Anarchisten gegen Polizei und Bevormundung. Dass besonders der Dortmunder Raum stark von anarchistischen Kräften geprägt war, zeigt sich auch daran, dass noch während der Kämpfe gegen Kapp unverzüglich die Frage der Selbstverwaltung auf den Tisch kam: in den Betrieben hielt man Wahlen ab, und all das, was der Staat seit April 1919 schrittweise abgeschafft hatte, wurde nun wieder eingeführt. Diesmal ging man aber noch weiter. Die gesamte Versorgung der Bevölkerung lag nun in den Händen des Vollzugsausschusses: der Austausch mit den Bauern wurde organisiert, Preise wurden festgesetzt, Transport und Verteilung geregelt. Aus den wenigen Dokumenten, die uns über die konstruktiven Taten während der >Dortmunder Commune< erhalten blieben, geben die Protokolle des Vollzugsrates in Dortmund-Hörde Auskunft darüber, dass man sich auch solchen Fragen widmete wie der Einschränkung des Kuchenbackens, weil dafür zu viel Fett und Zucker verbraucht wurde, der Regelung von Festlichkeiten und des Alkoholkonsums oder der Schlichtung von Streitigkeiten unter Nachbarn, Kollegen oder erbosten Ladenbesitzern, bei denen man Waren für die Armee requiriert hatte. Erste, embryonale Formen einer beginnenden Selbstverwaltung, die durch aus ein Gespür für die Wichtigkeit der Details zeigte.

Wie sehr sich die politischen Kämpfe in jenen 18 Tagen an die Erfahrungen anlehnten, die man im Jahr zuvor gemacht hatte, zeigt die Resolution, die man schon bei der Ausrufung des Generalstreiks vom 1. April 1919 gefasst hatte. In ihr wurde unter anderem gefordert, die Sechsstundenschicht generell einzuführen, den Lohn um 25 Prozent anzuheben, das Rätesystem allgemein anzuerkennen, alle politischen Gefangenen frei zulassen, eine revolutionäre Arbeiterwehr zu bilden, die Freikorps aufzulösen und die Polizei im Industrierevier zu entwaffnen. Alle diese Forderungen, zum Teil 1919 schon experimentiert, wurden nun, ein Jahr später, sofort wieder versucht, in die Tat umzusetzen. Dass die Rote Ruhr Armee nicht siegte, dass die >Commune von Dortmund< nicht triumphierte, ist bekannt – sonst hätten wir vielleicht heute andere Verhältnisse. Der Frontverlauf der Arbeiter gegen Kapp, quer durch’s Ruhrgebiet bis ins Münsterland hinein, wurde nach dessen Niederlage am 17. März automatisch zur Front der Reichswehr gegen die Arbeiter. Der Krieg ging weiter. Die sozialdemokratische Regierung, die alte Arbeiterpartei, ließ ihre Armee gegen die Arbeiter vorrücken. Der revolutionäre Funke war nicht auf andere Gebiete über gesprungen, die Proleten an der Ruhr hatten keine Chance. .

Achtzehn Tage nach Beginn des Aufstandes schließt das Gros der Roten Ruhr Armee mit der Reichswehr einen Friedensvertrag. Das >Bielefelder Abkommen< wird von der Reichswehr jedoch kaum eingehalten. Massenweise sterben die hervorragendsten Kämpfer unter den Kugeln der Truppen. Der Traum von Selbstverwaltung und Rätedemokratie wird zertrampelt; die Generale räumen auf.

Moral

Da haben also die Bergarbeiter unsere Utopien von morgen schon gestern umgesetzt?! Die Bundesrepublik der achtziger Jahre erlebt aufwendig organisierte Kämpfe um die Fünfunddreißig-Stundenwoche. Millionen Arbeiter werden mobilisiert, Millionen Mark verstreikt und heraus kommen 38 1/2 Stunden…

Die Kameraden von Carl Butterweg haben nur sechs Stunden gebraucht und beherztes Auftreten — und in großen Teilen des Ruhrgebietes wurde der Sechsstundentag Realität, mit Nachwehen an manchen Orten bis ins Frühjahr 1920 hinein…

Sechs Stunden Arbeit für den Sechsstundentag. Eine Zauberformel? Wohl eher ein Lehrstück. Revolutionen fallen nicht vom Himmel, Erfolg ist keine Frage von Hokuspokus, und es wäre borniert anzunehmen, Anarchisten wüssten, könnten, machten alles besser. Die Dortmunder Anarchisten 1919/20 hatten, was die äußeren Umstände anging, sicher eine ganze Menge >Glück<. Der Staat in allen seinen tragenden Säulen – Verwaltung, Polizei, Armee, Bürgertum, Staatsidee und Sozialdemokratie – war geschwächt und verunsichert. Es wäre zu schön, zu simpel, wollte man heute fordern: So wie die damals, so müsste man das heute einfach wieder machen…

Eigentlich hatten die Protagonisten7 von damals sogar z u v i e l >Glück<: der Augenblick, an dem die Revolution praktisch auf der Tage Ordnung stand, kam plötzlich, heftig und gründlich. Das war zu viel des Guten, darauf war man gar nicht gefasst. Weder auf die konkreten Aufgaben, noch auf den enormen Zulauf. Besonders aus diesem Grunde kann >Dortmund< ein Lehrstück sein. Vor allem für die Anarchisten selbst, die nur allzu oft und allzu leicht glauben, es gäbe jene goldenen Regeln, die stets zum Erfolg führten, jene Geheimrezepturen, nach denen man Revolutionen >machen< und wiederholen könne.

Diese Lehren, für die Dortmund nur ein Beispiel von ungezählten anderen ist, sind leicht benannt: Situationen, in denen ein Machtvakuum entsteht, können unerwartet eintreten. In diesen Situationen ergibt sich keinesfalls automatisch eine Hinwendung der Menschen zu libertären Modellen; ebenso gut kann das Gegenteil eintreten. In solchen Momenten zählen entschlossenes Handeln und das mitreißende Beispiel oft mehr als Taktieren und langfristige Spekulation.

Menschen werden nur sehr selten aus theoretischer Überzeugung zu Anarchisten.

Vielmehr schließen sie sich anarchistischen Beispielen eher dann an, wenn diese für sie einsehbare, verständliche, gangbare Wege in konkreten Situationen sind. Damit anarchistische Vorschläge auch angenommen werden, müssen die, die diese Vorschläge machen, selbst betroffen sein. Anarchisten müssen zunächst als Menschen, Nachbarn oder Kollegen anerkannt sein, damit ihr Wort überhaupt gehört und ihr Beispiel vielleicht angenommen wird. Dies alles führt aber günstigenfalls zu einem zeitweiligen, großen Zulauf und zu einer vorübergehenden Bewegung. > Action< allein dauert weder ewig, noch schafft sie die neue libertäre Gesellschaft, noch löst sie die Alltagsprobleme. Eine gründliche Vorbereitung auf all das, was auf diejenigen zukommt, die eine libertäre Revolte in Gang setzen und überraschenderweise damit Erfolg haben, ist ebenso wichtig wie der Sieg der Revolte selbst. Und als letzte Lehre: ein Erfolg, der sich nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, muss früher oder später scheitern. Um es kürzer auszudrücken: so richtig es auch ist, die Bedeutung der Aktion – vor allem der direkten Aktion — in den Vordergrund zu stellen, so wenig kommen auch Anarchisten darum herum, sich dem Eiertanz zwischen Aktion und Stabilität, zwischen Revolten und kleinen Schritten zu stellen.

Das sind lediglich Thesen. Einige davon sind in diesem Kapitel schon hinreichend deutlich geworden, andere werden aber erst klarer, wenn wir uns etwas näher anschauen, woher die anarchistische Bewegung in unserem Beispiel Dortmund kam und wohin sie ging. Schon unter Bismarck hat es in Dortmund Anarchisten gegeben, und schon von Anfang an war er eine >Malocherbewegung<. Anarchisten in Dortmund waren also traditionsgemäß Arbeiter – im Gegensatz zu einigen anderen Orten, wo der Anarchismus bisweilen auch bohemehafte Züge trug oder von Intellektuellen geprägt war. Die einzigen schriftlichen Hinweise aus dieser Zeit sind anarchistische Zeitungen, namentlich die >Freiheit<, der >Rebell< und die >Autonomie<, die hier Abnehmer hatten. Während der Sozialistengesetze diente Dortmund für die aus London illegal ein geschmuggelte und auf extra-dünnem Papier gedruckte >Freiheit< sogar als Umschlagplatz: von hier aus wurde sie in mehrere Städte der Umgebung expediert. Die Anarchisten von damals müssen aber ziemlich isoliert gewesen sein; von Gruppen ist nichts bekannt. 1898 gründet sich die >Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften< – eine Abspaltung der aufrechteren und kämpferischen Sozialisten von der SPD-dominierten Zentralgewerkschaft. Sie ist die Vorläuferin der späteren anarchosyndikalistischen Organisationen, und in ihr sammeln sich auch die oppositionellen Kräfte der >Jungen<8. In Dortmund haben sie, wie nicht anders zu erwarten, zwar zahlreiche Anhänger, aber noch verstehen sich die Genossen eher als die >wahren, aufrechten Sozialdemokraten< denn als Anarchisten.

Das änderte sich nur ganz langsam, und zwar durch zwei Entwicklungen: einerseits begannen nach einem langen Prozedie >reinen Anarchisten< sich allmählich ernsthaft für die Gewerkschaftsarbeit zu interessieren und blieben dadurch in den Augen der freien Gewerkschafter nicht länger die >weltfremden Spinner<. Andererseits verloren jene Schritt für Schritt die Illusionen, innerhalb der SPD und ihrer Gewerkschaften wahrhaft sozialistische Positionen vertreten zu können. Im Anarchismus entdecken sie ihre eigenen Vorstellungen plötzlich klar und präzise formuliert. So dauert es sehr lange, bis in Dortmund eine größere, organisierte anarchistische Bewegung entsteht. Ihre Mitglieder kamen zum großen Teil aus der Sozialdemokratie, verstanden sich selber als die ehrlicheren Sozialisten. Anarchie war für sie nur eine bessere Form des Sozialismus.

Die ersten organisierten Anarchisten Dortmunds waren denn auch keine deutschen Genossen, sondern Gastarbeiter. Ab 1907 gab es eine festgefügte Gruppe von italienischen Bergleuten, die ihre Vereinstreffen hatten, eine Bibliothek unterhielten, Artikel in der Zeitung ihrer italienischen Föderation verfassten und an den l.Mai-Demonstrationen teilnahmen. Das war damals das übliche und typisch für die meisten Anarchozirkel. Ist die Ähnlichkeit zu der Art von Praxis, die heute in unseren Anarchogruppen gang und gäbe ist, nicht verblüffend? 1909 wurde die Gruppe von der Polizei hopsgenommen und wegen »Aufreizung zum Klassenhass« abgeschoben.

Etwa um diese Zeit beginnen sich auch die deutschen Anarchisten der Gegend zu organisieren. Damals bestand bereits die >Anarchistische Föderation Deutschlands<, aus der sich bald schon eine eigenständige Anarchistische Föderation Rheinland Westfalens die AFRW konstituierte. Sie hatte in Dortmund mehrere Grüppchen, von etwa einem halben Dutzend bis fünfzehn Mann. Das >Mann< ist übrigens wörtlich zu verstehen, denn Frauen hatten zu diese Zeit bei der >Politik< der Anarchisten offenbar nichts zu suchen – zumindest sind sie nirgends erwähnt. Schon damals waren diese Genossen fast ausnahmslos Bergarbeiter, und die meisten kamen aus der SPD- Opposition. Ihre Hauptbeschäftigung bestand allerdings in Ratlosigkeit. Die Kritik an der SPD war mehr als klar. Klarer wurden mit der Zeit auch die Vorstellungen von der künftigen, angestrebten Gesellschaft, der Anarchie — nur, wie man dahin gelangen sollte, war schleierhaft. Auch hier überrascht wieder die Parallele zum heutigen Zustand der Bewegung. So spielte sich denn die Praxis jener Gruppen ab zwischen Debattierzirkeln, gelegentlichen Regionaltreffen, gemeinsamen Picknicks und dem Verbreiten ihrer Zeitungen, etwa der >Einigkeit< von der FVDG9, des >Freien Arbeiter< oder des >Pionier<, eines Blattes, das anarchistische Positionen mit denen der SPD Opposition verband.

Langsam, ganz langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es notwendig ist, sich am Arbeitsplatz politisch zu engagieren und sich auch den Problemen des täglichen Lebens zu stellen: Freie Vereinigungen der Bauarbeiter und der Bergarbeiter entstehen und beginnen eine eigene, libertäre Gewerkschaftsarbeit. Öffentliche Versammlung, Vorträge, Agitationsreisen werden nun organisiert, man greift in die Debatte um das Wahlgesetz ein und propagiert den Boykott; Gewerkschaftskassen entstehen. Bescheiden hält der Sinn fürs Praktische Einzug in die Welt der Anarchisten und 1910, bei einem örtlichen Bergarbeiterstreik nationaler Bedeutung, sieht sich die Zentralgewerkschaft bereits genötigt, offen mit der Freien Vereinigung der Bergarbeiter zusammenzuarbeiten. Die Anarcho-Gewerkschafter sind zu stark geworden, als dass man sie hätte ignorieren können. Für immer mehr Kumpels sind sie keine Sektierer mehr, sondern Kollegen, deren Wort etwas gilt. Dieses zarte Anarchopflänzlein wird 1914 vom ersten Weltkrieg erbarmungslos heimgesucht. Die SPD war beizeiten umgeschwenkt und zur glühenden Vaterlandsverteidigerin geworden; sie sprühte nur so vor Patriotismus.

Die Anarchisten stimmten in diesen Jubel nicht mit ein. Schon seit jeher Antimilitaristen, versuchten sie es aus dem Stegreif mit Soldatenagitation und riefen auch zur Desertion auf. Das kreidete man ihnen übel an. In den ersten Monaten des Weltkrieges wurden die meisten wehrpflichtigen Anarchisten an die Front geschickt und buchstäblich verheizt. In ihren Personalpapieren gab es einen internen Vermerk; entsprechend setzte man sie ein: in >Himmelfahrtskommandos<. Diejenigen Anarchisten, die nicht zum Militär mussten, unterlagen einer strengen Überwachung. Ihre Zeitungen wurden verboten; bis 1915 durfte ihr Gewerkschaftsverband in Berlin noch ein >Mitteilungsblatt< herausgeben. Seine Seiten waren voll von Todesanzeigen und Nachrufen auf Genossen, die an der Front ihr Leben gelassen hatten. Was konnten die Übrig gebliebenen noch groß tun? Eine offensive Politik stand gar nicht zur Debatte, also richtete man sich in der Defensive ein: die meiste Energie ging dafür drauf, die in Not geratenen Familien der Hinterbliebenen zu versorgen, untereinander Kontakt zu halten und in den Betrieben für eine latente kriegsfeindliche Stimmung zu sorgen. Vereinzelt und individuell wurde vermutlich auch Sabotage geübt, eine Kampfform, die bei Anarchisten traditionsgemäß beliebt ist und in der die Dortmunder Anarchos schon 1911 bei einem Streik auf der Zeche, >Union< Erfahrung gesammelt hatten. Im harten Winter 1917 kam es erstmals wieder zu Streiks, an denen sich die Anarchisten natürlich beteiligten. Etliche Aktive sahen damals eine Chance zur Opposition durch die USPD10 und gehörten in Dortmund zu ihren Mitbegründern. Auch in den Vororten stammten ihre Gründer, Aktivisten und teilweise sogar Funktionäre während des Krieges fast ausnahmslos aus anarchistischen und syndikalistischen Kreisen.

Im November 1918 meutern die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven und läuten damit das Ende des Krieges, den Sturz des Kaisers und den Beginn der Novemberrevolution ein. Die Rätebewegung wird von der Sozialdemokratie zerschlagen – durch geschickte Taktiererei und Verleumdung ebenso wie durch militärische Gewalt.

In Dortmund wurde, man könnte fast sagen, aus der Mode der Zeit heraus, auch ein > Arbeiter- und Soldatenrat< gegründet, aber der war eher eine angepasste Form der SPD, um die Wirren der Zeit politisch zu überleben, und gab sich stockreaktionär. Hin und wieder gaben wirkliche Revolutionäre ihr >Gastspiel< an der Ruhr. Bewaffnete Matrosen mit roten Binden im Knopfloch tauchten auf, entwaffneten hier ein Polizeirevier, beschlagnahmten dort Lebensmittel oder hielten Versammlungen ab. Das alles waren aber eher exotische Episoden und änderten nicht viel. Der Spartakusbund jedenfalls fand keine solide Verankerung im Revier, und die Matrosen blieben fremd im Stadtbild. In den Betrieben ging die Arbeit wie gewohnt weiter, alles blieb verdächtig ruhig.

Bis zu jenen Januartagen des Jahres 1919, wo unsere Story beginnt und die Anarchosyndikalisten es – für sich und ihre politischen Gegner gleichermaßen überraschend – schaffen, die Initiative zu ergreifen und den Lauf der Ereignisse zu bestimmen.

Niemand weiß, ob der Sechsstundentag wirklich in jener Schankwirtschaft des Hermann Vogel in der Münsterstraße 2 geboren wurde, ob Carl Butterweg wirklich der Redner war, der an diesem Abend den Ausschlag gab – ja, es ist nicht einmal sicher, ob es die Zeche >Admiral< war, in der zum ersten mal die Sechsstundenschicht gefahren wurde. Die Forderungen, die die Anarchosyndikalisten praktisch umsetzten, waren auf allen Zechen verbreitet und wurden überall diskutiert. Man musste sie nur aufgreifen, artikulieren und den ersten Schritt tun. Dabei wussten die Anarchisten zwar sehr wohl, was sie wollten, aber nicht so sehr, was sie erwartete. Die Dialoge in der Story sind zwar aus verschiedenen protokollierten Betriebsversammlungen zusammengestellt, ebenso wie die Namen der Bergleute; d i e s e Versammlung hat also s o nicht stattgefunden, aber Personen und Dialoge sind authentisch und spiegeln die Stimmung wohl recht genau wider: bei den Anarchisten Entschlossenheit, eine gewisse Euphorie, aber auch Beklemmung angesichts des Unbekannten und der möglichen Folgen dessen, was man hier in Gang setzte; bei der Masse der Arbeiterschaft eine starke Unzufriedenheit mit der Zentralgewerkschaft, das Gefühl, dass jetzt große Veränderungen kommen müssten, und die Bereitschaft mitzumachen, wenn nur einer klar ausspräche was zu tun sei und den ersten Schritt machte. Die Anarchisten taten diesen ersten Schritt und spielten hier die Rolle eines Katalysators11: sie machten den Menschen Mut, wirklich zu tun, was sie hofften und forderten. Sie taten dies durch ihr Beispiel, und sie konnten dies alles nur erreichen, weil sie als Menschen und Anarchisten allgemein anerkannt waren.

Das scheint nun wirklich so was wie ein > Kochrezept< für erfolgreiche Aktionen zu sein, für Revolten und vielleicht auch für Revolutionen. Besser gesagt: nicht das Rezept, aber zumindest die Zutaten. Anarchisten, die ja nicht als Partei auftreten, um den Menschen ihren Willen aufzuzwingen, sind um so mehr darauf angewiesen, allgemein akzeptiert zu werden. Allgemein akzeptiert werden sie aber nicht etwa dadurch, dass sie Reden schwingen, Broschüren verkaufen, die Menschen bequatschen und missionieren, sich in ihren Zirkeln treffen und ab und zu auf eine Demo gehen, sondern zunächst einmal dadurch, dass sie als Menschen, Nachbarn, Kumpel und Freunde anerkannt werden. Sie dürfen sich nicht von den Menschen aus ihrem sozialen Zusammenhang isolieren und sollten ihnen nicht mit missionarischem Eifer auf die Nerven gehen. Es genügt zunächst, wenn sie das, was sie unter Anarchismus verstehen, so weit wie machbar und so praktisch wie möglich vorleben. Dies ist erst die Voraussetzung dafür, dass all die Dinge, die bei Anarchisten damals wie heute eine so herausragende Rolle spielen, wie Broschüren, Zeitungen, Agitation und Demonstration, überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen, wohlwollende Aufmerksamkeit finden und angenommen werden können. Und diese beiden Schritte bilden die notwendige Voraussetzung für das, was Carl Butterweg und seine Kumpel zustande brachten: revolutionäre Umwälzungen durch simple, direkte Aktionen. Sie verhandelten mit niemandem, sondern schufen Tatsachen. Ganz einfach: sie schrieben sich ihren Schichtplan selbst und hielten ihn ein. Basta.

Es scheint so, dass die Dortmunder Anarchisten dieses Einmaleins innerhalb von einem Dutzend Jahren gelernt haben. Um 1907 waren sie kaum organisiert, 1910 beteiligen sie sich erstmals als Gruppe aktiv am Streik, und 1919 sind sie so populär, dass sie das Heft in die Hand nehmen können.

Wenn wir an die heutigen Anarchisten in Deutschland denken, so stehen sie noch ganz überwiegend auf dem Dortmunder Niveau von etwa 1909. Die meisten Gruppen beschränken sich auf ihre Treffs, auf ihr Eigenleben, ihre Propaganda oder ihre theoretischen Debatten, wissen, wie alles sein müsste und sein könnte. Ab und zu beteiligt man sich dann auch an kämpfen, die da und dort entbrennen, bisweilen setzt man sie sogar erst in Gang. Hier scheint die Devise zu gelten, je weiter, desto toller, je militanter, desto schicker. Die kleinen Konflikte vor der eigenen Haustüre und die möglichen Kämpfe dort sind einstweilen dem Blick entrückt, ganz zu schweigen von den Menschen, mit denen man täglich zu tun hat. Immer mehr Gruppen haben aber in den letzten Jahren damit begonnen, das unendlich große Feld zwischen Propaganda und Aktion zu erkennen und zu beackern: sie machen langfristig angelegte Arbeit und verfolgen Perspektiven, die sich auch um scheinbar unwichtige Bereiche kümmern und dabei die Menschen der nächsten Umgebung nicht vergessen. Auch hierzulande sind Anarchisten in Teilbereichen heute schon durchaus in der Lage, praktikable Wege für konkrete Probleme vorzuschlagen, und hin und wieder hören die Menschen auch auf sie. Das ist eine hoffnungsvolle Entwicklung, die vorerst noch in der Minderheit ist, aber eine Erkenntnis, die sich zunehmend durchzusetzen scheint. Vielleicht sind auch die westdeutschen Anarchisten wieder bald dort, wo die Dortmunder Genossen 1919 standen?

Aber – was dann? Mit der erfolgreichen Durchsetzung des Sechsstundentages in Dortmund und der begonnenen Sozialisierung der Betriebe gingen die Probleme ja erst richtig los. Hier müssen wir erkennen, dass an den Zutaten unseres >Kochrezeptes< noch einiges fehlt: Durchhaltevermögen, Stabilität, klarer Durchblick. Die Frage nach der Q u a l i t ä t der Bewegung ist hier gestellt, und Dortmund ist auch hier ein gutes Beispiel dafür, dass es an dieser Qualität mangelte. Die Quantität kam ganz von alleine: die Syndikalisten wurden von dem Ansturm buchstäblich überrollt — aber, was ist daraus geworden?

1921/22 hatte die FAUD in dieser Region ihren Höhepunkt erreicht und bald darauf sanken ihre Mitgliederzahl und auch ihre Bedeutung zusehends. Zwar gab es noch 1933, beim Machtantritt der Nazis, im Revier FAUD-Betriebsräte und – Vertrauensleute, aber die führende Rolle war längst an die KPD gefallen. Es wäre falsch, die peinliche Frage nach der Qualität der Bewegung unter den Teppich zu kehren und mit den triumphalen Eckdaten der >Dortmunder Commune< hausieren zu gehen:

»Hurra, hurra, die Anarchisten haben zehntausend Mitglieder und führen schwuppdiwupp den Sechsstundentag ein!?!«

Schauen wir uns das lieber mal etwas näher an. Wie gesagt: die relativ kleinen Gruppen anarchistischer Aktivisten und Gewerkschafter genossen bei ihren Kollegen Vertrauen und Anerkennung, und als sie im richtigen Moment das Richtige taten, strömten ihnen >die Massen< zu.

Aber wenn jemand ein Mitgliedsbuch der FAUD besaß, war er noch lange kein Anarchist. Sozialisierung und Sechsstundentag waren zwar Dinge, die in Ordnung waren, aber ebenso in Ordnung war es für viele frischgebackene Mitglieder auch, des Sonntags in die Kirche zu gehen oder reaktionären Traditionsvereinen anzugehören. Dass Anarchosyndikalismus mehr war als weniger zu arbeiten und Anarchismus mehr als das zu tun, was man wollte, war vielen nicht klar. Und die wenigen überzeugten Anarchisten, die wussten, wo’s langgehen sollte – die waren hoffnungslos damit überlastet, in den Kämpfen das Richtige zu tun und die angeschwollene Organisation einigermaßen zu verwalten. Alleine das Abrechnen der Mitgliedsbeiträge, das Verteilen der Zeitungen, die Verbindung zwischen den verschiedenen Ortsgruppen hielt die >anarchistischen Kader< ganz schön in Trab.

Überdies waren sie eifrig damit beschäftigt, die Bewegung aus den Bergwerken hinaus in andere Berufe, in die Stadt zu tragen, was nur in Ansätzen gelang. Es gab zwar einige weitere Berufsverbände mit anarchistischen Gewerkschaften, aber sie waren vergleichsweise unterentwickelt, und außerhalb der Arbeiterschaft hatte man kaum Anhänger. Lediglich einige Lehrer oder solch schillernde Gestalten wie der Bürgersohn Max Schulze-Sölle, ein »Prediger, Maler und Prophet«, der auch schon mal aus Solidarität mit den Kumpels unter Tage arbeitete, gehörten zur intellektuellen Anhängerschaft der Anarchisten in Dortmund.

Die syndikalistischen Zeitungen jener Tage sind voll von Debatten, Briefen und Beschwerden über das Verhalten vieler FAUD-Mitglieder. Manche Anarchisten gingen sogar so weit zu vermuten, viele Kumpels seien nur deshalb in der FAUD, weil deren Mitgliedsbeiträge niedriger waren. Es roch nach Säuberung; Stimmen wurden laut, die eine strengere Auswahl, eine straffere Organisation und bessere Schulung der Mitglieder verlangten. Die Frage nach der Qualität wurde nun deutlich gestellt, und es blieb nicht beim Lamentieren: Einige Ortsgruppen griffen rigoros durch und schrumpften sich gesund: ausgeschlossen wurden alle, die etwa ihre Beiträge nicht bezahlten, die Mitglieder der Kirche blieben oder nichts für den Fonds zur Unterstützung der Gefangenen bezahlten. Das alles ging natürlich nicht reibungslos über die Bühne. Es kam zu Spaltungen, Neugründungen und Durcheinander. Manche argumentierten, es sei besser, anarchistische Gewerkschaften überhaupt abzulehnen, weil diese letztendlich immer reformistisch blieben und die Sache der Revolution verwässern müssten. Sie plädierten für rein anarchistische Gruppen. Andere wollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und bemühten sich um anarchistische Gewerkschaften, die diesen Namen verdienten. Wieder andere orientierten sich völlig um und ließen ihre >anarchistische Phase< gänzlich hinter sich: eine der ersten Ortsgruppen der NSDAP12 außerhalb Bayerns entstand 1922 aus einer Abspaltung der ehemaligen FAUD-Gruppe in Dortmund- Mengede…

Das ist kein beschämender Ausrutscher, den man vertuschen sollte, sondern eine Tatsache, die nur um so deutlicher macht, wie wichtig die Frage nach der Qualität einer Bewegung ist. So kam es also in der Zeit nach dem Kapp-Putsch zu einer Zersplitterung der Bewegung: die FAUD, der anarchistische Freibund, Neu-Syndikalisten und Einheitsorganisationen. Ein Ergebnis dieser Zersplitterung war natürlich die Schwächung der Bewegung, die es auch nie wieder schaffte, zum Motor der Entwicklung zu werden. Andererseits aber wurde jetzt mehr als früher das in Angriff genommen, was vor dem Weltkrieg nicht geleistet worden war und 1919 bitter fehlte: ein anarchistisches Bewusstsein, eine libertäre Kultur. Es bildeten sich Gruppen der >anarchistischen Freien Jugend< an fast allen Orten, wo es auch Anarchogewerkschaften gab, und die Jungen setzten sich viel intensiver als die alten Kollegen auch mit neuen Lebensformen, anarchistischer Ethik und Kultur auseinander. Wanderungen, Siedlungen, Turn-, Radfahr-, Schach- und Theatergruppen entstanden. Am Wochenende zog man in die Natur hinaus, und Freizeit und Bildung wurden mit in die Politik einbezogen. So wuchs langsam ein neuer Lebensstil heran.

Auch die Frauen, die lange genug im Abseits gestanden hatten, machten nun mobil. Als Streikposten, auf Demonstrationen, zum Suppekochen bei Betriebsbesetzungen waren sie allemal gut genug gewesen, aber die Politik, die Gewerkschaft, das war doch überwiegend immer Männersache gewesen. 1921 gründen sich im ganzen Ruhrgebiet anarchistische Frauenbünde, die sich nicht darauf beschränken, bloß Kulturarbeit zu machen. Mit der gleichen Vehemenz wie heute wurde hier die Rolle der Frau analysiert und die des Mannes kritisiert, und so mancher Anarchist mit patriarchalischem Alltag wird sich gewundert haben, dass auf einmal die Frau mit der Anarchie daheim ernst machte. In den Sitzungsberichten der Frauenbünde findet man die Frage, ob man Männer zulassen solle, ebenso heftig diskutiert wie Probleme der Empfängnisverhütung, der freienLiebe, des Arbeitsrechts oder der Wahlbeteiligung.

Auch hier drängt sich ein Vergleich mit der heutigen Bewegung auf: das Entstehen einer libertären Kultur, die sich auch im Alltag verankert, war in der alten Bewegung zunächst zu schwach und dann zu spät. Alles, was in der Weimarer Republik an Kulturarbeit, neuen Lebensformen, Siedlungen oder alternativer Ökonomie durch die Distanz der Jahrzehnte manchmal groß und beeindruckend erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen eher als bescheiden. Verglichen damit nimmt sich unsere heutige Bewegung mit ihren Tausenden Versuchen anders zu leben, viel lebendiger, kreativer und stabiler aus – auch wenn viele heutige Alternativprojekte für sich genommen klein oder mickrig sein mögen. In ihrer Gesamtheit ist unsere bundesrepublikanische Gegenkultur eine durchaus stabile Realität mit einigen Projekten, die sogar so etwas wie Modellcharakter und Popularität besitzen.

Die Tragik der alten anarchistischen Bewegung wird am Beispiel Dortmund besonders klar. Sie machte die Entwicklung vom Debattierclub zur Massenbewegung der Arbeiter mit atemberaubender Schnelligkeit durch. Die mangelnde Qualität machte sich im entscheidenden Augenblick bitter bemerkbar, und der Versuch, sie im Nachhinein zu erreichen, kam zu spät. Der dritte Schritt wurde vor dem zweiten getan. Das ist nicht die Schuld der Anarchisten jener Jahre; sie hatten nicht das Glück einer langen, stetig ansteigenden Entwicklung wie sie etwa in Spanien gegeben war.

Aus all diesen Lehren können wir heute aber eine Hoffnung ziehen: die neue libertäre Bewegung in Deutschland ist jetzt etwa 15 Jahre alt und hat ihre diversen Pubertätsphasen so langsam hinter sich gebracht. Sie hat mittlerweile eine stabile, sich entwickelnde Gegenkultur aufgebaut und schickt sich inzwischen auch zaghaft an, Volkstümlichkeit zu erreichen. In zahlreichen kleinen Aktionen und größeren Kämpfen hat sie Erfahrungen sammeln können. Und auch theoretisch wurde in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten viel an Ideen, Geschichte und Debatten aufgearbeitet. Ihre Voraussetzungen sind also gar nicht so übel. Ob sie in ähnlichen Situationen wie der unserer Story am Ende mehr Erfolg haben wird? Wird es einmal eine >Commune BRD< geben?

 

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1) Das Hilfsdienstgesetz verpflichtete während des 1. Weltkrieges die Arbeiter zu Mehrarbeit, Überstunden und Sonderanstrengungen. Es drohte mit härtesten Strafen für den Fall vonStreiks, Sabotage usw.

2) Zur Jahreswende 1918/19 versuchte der >Spartakusbund<, in dem die kämpferischen, linksradikalen Kräfte einschließlich der rebellierenden Matrosen und der radikalen Arbeiter-

und Soldatenräte größtenteils organisiert waren, das Rätesystem zu retten und die Einfuhrung des Parlamentarismus zu verhindern. Sie besetzten z.T. gewaltsam Industrien, Kasernen und Zeitungsredaktionen. Der >Spartakusaufstand< wurde von Seiten der SPD-Regierung unter Friedrich Ebert mit militärischen Mitteln nieder geworfen. Hierbei setzte die Reichswehr sogar Artillerie, Minenwerfer und Flugzeuge gegen Arbeiterviertel in Berlin ein.

3.)Aufsichtsbeamter im Bergbau

4) Viele kaisertreue, reaktionäre Offiziere und Soldaten organisierten sich nach dem Sturz des Kaiserreiches in Deutschland in sogenannten >Freikorps<, umherziehenden militärischen Banden, die sich verschiedenen politischen Strömungen zur Verfügung stellten. Die Reichsregierung hat sie wiederholt zur Niederschlagung von Arbeiteraufständen eingesetzt. Aus ihnen entstanden einerseits die neue Führungsschicht der späteren Reichswehr und andererseits die Kampfverbände der Nazis (SA, SS).

5) Ein besonderes Verdienst fällt hierbei An dreas Müller von der > Geschichtswerkstatt Dortmund< zu, der sich in hervorragender Weise um die Aufarbeitung dieses Kapitels ver dient gemacht hat. Die Veröffentlichung seiner Arbeit als Buch ist geplant.

6) Der Vorsitzende des Dortmunder Vollzugsausschusses, Adolf Meinberg, gehörte zwar der zahlenmäßig noch sehr kleinen KPD an, hatte aber bereits 1919 einen Aufnahmeantrag in die FAUD gestellt, der aber abgelehnt wurde.

7) Vorkämpfer, Hauptakteure.

8.) Vergleiche Kapitel 3

9) Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften; Gewerkschaftsverband, der aus der SPD- Opposition, der Bewegung der >Jungen< und unabhängigen Gewerkschaftern entstand und später in der anarchosyndikalistischen FAUD aufging.

10) Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Schon während der >Säuberungen< in der SPD um 1890 hatten oppositionelle Parteikräfte eine USPD gegründet; ähnliche Formationen entstanden immer wieder, wenn sich der Unmut der oppositionellen Kräfte regte. Insbesondere an der Frage der Kriegskredite, die die SPD von 1914 bis 1918 bewilligte, entzündete sich eine starke, wachsende Opposition, die zu einer neuen USPD führte, welche während der letzten Kriegsjahre, in der Rätebewegung und den ersten Jahren der Weimarer Republik eine große Rolle spielte. Die USPD war jedoch nur ein Sammelbecken verschiedenster Oppositioneller und hat kein einheitliches politisches Konzept.

11) Ausdruck aus der Chemie: Prozeßbeschleuniger; ein Stoff, der durch seine bloße Anwesenheit chemische Reaktionen hervorruft und ihren Verlauf bestimmt.

12) Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Bewegung des deutschen Nazi- Faschismus

Bücher:

Zu dem speziellen Thema Dortmund gibt es bisher keine Buchveröffentlichungen. Die Arbeiten von Andreas Müller hierzu sollen jedoch als Buch erscheinen, ebenso eine detaillierte Studie über den Anarchosyndikalismus im Raum Wuppertal von Dieter Neues (Trotzdem Verlag, Grafenau).

– Angela Vogel, Der deutsche Anarcbo-Syndikalismus, 311 S., Karin Kramer Verlag, Berlin

-Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918-1923, 480 S.,

Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan – Müller / Däumig / Albers / Laufenberg, Theo

rie und Praxis der Arbeiterräte, 77 S., (Ca ira Presse, Berlin

– Ulrich Linse, Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918-1919, Karin Kramer Verlag, Berlin

– Ulrich Linse, Anarchistische Jugendbewegung 1918-1933, 331 S., dipa-Verlag, Frankfurt

– Erich Mühsam, Von Eisner bis Levine – die Entstehung und Niederlage der Münchner Räterepublik, 90 S., Edition Nautilus, Hamburg

– Horst Stowasser, November 1918, 73 S., An-Archia-Verlag, Wetzlar

– Theissen / Walter/Wilhelms, Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr, 71

S., Ems-Kopp-Verlag, Meppen

Written by floriangrebner

20. März 2011 at 15:55

Leben ohne Chef und Staat VI: Der Bankräuber mit den kaputten Schuhen

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

 

Der Bankräuber mit den kaputten Schuhen

Story

Herr Azcárrate war ein gepflegter, gut gekleideter Mann Mitte Fünfzig. Er trug einen grauen Schnauzbart, dessen Enden nach dem Geschmack der Zeit in die Höhe standen, sowie einen imponierenden Bauch unter der Weste aus englischem Tuch. Er war gerade im Begriff, hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, als er aus dem Schalterraum der Bank Stimmengewirr vernahm.

Was war das? Das war doch nicht möglich… ein Überfall?! Hier?

Um neun Uhr früh in seiner Bank? Ignacio Azcárrate, Direktor der Zweigstelle der Banco de Espana in der asturianischen Stadt Gijón, macht auf dem Absatz kehrt und hastete zur Tür seines Büros. Er war kein Zauderer.

»Los, die Hände hoch und keinen Mucks!« hörte er eine raue Stimme im Befehlston, noch bevor er

die Tür erreichte. Zwei Schüsse fielen. Sie hörten sich merkwürdig matt an, nicht viel lauter als ein

Silvesterknaller. Schrill kreischte ein Mann dazwischen. Ignacio Azcárrate wunderte sich einen kurzen Augenblick darüber, dass offenbar auch Männer solch spitze Schreie ausstoßen können — aber da hatte er auch schon die Tür zum Schalterraum aufgerissen und überschaute mit einem Blick, was los war.

»Aha, Anarchisten!« schoss es ihm durch den Kopf. Vier junge Männer in Arbeiterkleidung und mit Baskenmützen standen in der Bank, jeder mit einer Pistole bewaffnet. Einer an der Tür und zwei mitten im Raum; der vierte sprang gerade mit einem gewandten Satz über den Kassentresen.

»Was geht hier vor?« stieß der Direktor hervor. Das war eine blöde Frage, und der Gangster, der ihm am nächsten stand, fuhr herum und schaute ihn ungläubig an.

»Bleiben Sie wo Sie sind«, rief die raue Stimme von vorhin, »oder Sie sind ein toter Mann.«

»Papperlapapp!« Der Direktor wuchtete seinen massigen Körper mit wenigen Schritten die paar Stufen von der Empore herunter und ging unerschrocken auf den Bankräuber los.

»Her mit dem Ding!« rief er herrisch und langte nach der Pistole.

»Idiot!« rief der andere zurück und stieß mit dem Ellenbogen in den runden Bauch vor ihm. Der Direktor torkelte; im Fallen ergab sich für nicht einmal eine Sekunde ein wild ringendes Knäuel. Der Bankräuber stieß einen Schmerzensschrei aus, sprang auf die Füße und stolperte drei, vier Schritte zurück. Auch der Direktor rappelte sich wieder auf und zog sich am Treppengeländer in die Höhe. Erneut ging er auf den verwirrten Gangster los.

»Hombre, bleib stehen, oder ich schieße!« Wieder war der Dicke bei dem Mann mit der Pistole, streckte beide Hände aus, um dessen Schal zu ergreifen.

»Basta!« schrie dieser und stieß den schweren Mann von sich. Ein Schuss. Direktor Azcárrate fiel wie ein Sack vorn über und blieb liegen. Blut lief ihm aus dem Hals über den tadellosen Kragen und die breite Krawatte mit dem Halbedelstein.

»Los, chico, wir haben die Kohle im Sack. Lass den Verrückten liegen – wir hauen ab!« Ein Komplize hatte sich dem Mann mit der rauen Stimme genähert, der immer noch ungläubig auf den Dicken starrte, in der rechten Hand die Pistole und den kleinen Finger der linken Hand im Mund.

»Los, nichts wie weg hier!« Das Quartett bewegte sich schnell, aber ohne Hast, auf den Ausgang zu,

die Gesichter den schreckensbleichen Angestellten zugewandt, beladen mit drei Brotbeuteln voller Banknoten. Zum Abschied schossen sie ein paar mal in die Decke, und jetzt kreischte auch eine Frau. Vor der Tür sprangen sie in eine schwere Bentley-Limousine, die dort mit laufendem Motor gewartet hatte, aber schon nach wenigen Metern stellte sich ihnen ein Polizist in den Weg und fuchtelte mit einem Revolver vor der Windschutzscheibe herum. Der Chauffeur wich ihm mit einem gekonnten Manöver aus und die Banditen ballerten in die Luft. Das Auto raste nun laut hupend die belebte Einkaufsstraße Begoña hinauf. Der Polizist kniete nieder, riss seinen Revolver hoch und zielte mit ausgestrecktem Arm. Er drückte ab. Nur ein kurzes >klick< war zu hören und dann ein ungehemmter Fluch:

»Laputa que loparió, schon wieder diese gottverdammten Scheißpatronen!!« Das Auto verschwand nun jenseits der Covadonga-Strasse, in Richtung der Provinzhauptstadt Oviedo. Wieder fluchte der Polizist, der mittlerweile von aufgeschreckten Passanten und den Bankangestellten umringt war.

»Aber die haben wir bald. Ich habe das Nummernschild erkannt. Es ist die Nummer 434 aus Oviedo.«

»Sorgen Sie lieber für eine Ambulanz«, rief aufgeregt der Kassierer, »das sind Anarchisten. Sie haben auf unseren Direktor geschossen, er liegt im Sterben!« Der Bentley hatte unterdessen die letzten Häuser von Gijón erreicht: ein ärmlicher Arbeitervorort an der Nationalstraße nach Oviedo. Der Anarchist mit der rauen Stimme wischte sich mit dem Schal den Schweiß vom Gesicht. Seine Mütze hatte er abgenommen, ungläubig starrten seine stechenden Augen unter den buschigen Brauen hervor auf den kleinen Finger seiner linken Hand.

»Der Typ muss wahnsinnig gewesen sein – er hat mich in den Finger gebissen!« Er zeigte seinen Genossen die blutende Bisswunde. »Das muss ja toll ausgesehen haben: ich, der berühmte pistolero, versuche diesen Irren davon abzuhalten, in seiner Bank Selbstmord zu begehen, und er schnappt nach meiner Hand…!«

»Ja, und du hast geschrien wie eine Señorita«

»Im Ernst! Aber mach dir wegen dem keine Vorwürfe, Buenaventura, der hat selber schuld. Hast du ihn denn erwischt?«

»Keine Ahnung. Ich habe ja nicht mal gezielt, ich wollte ja überhaupt nicht auf den Esel schießen!«

»Na, werden wir ja morgen in der Zeitung lesen. Sag mal, Eusebio, wie viel Geld ist es denn? Hat es sich wenigstens gelohnt?«

»Locker über ’ne halbe Million. Aber jetzt müssen wir erst mal sehen, dass die uns nach diesem Theater nicht schnappen. Niemand hinter uns her?«

»Keine Menschenseele«, brummte der Chauffeur, der ruhig und konzentriert hinter dem Steuer saß und den schweren Wagen mit hoher Geschwindigkeit durch die saftigen, grünen Hügel der Küstenregion steuerte.

»So schnell kriegen die uns nicht.« Das Gelände wurde nun zusehends bergiger, ab und zu lagen Gehöfte am Weg. Kuhweiden wechselten sich mit Aprelplantagen ab, hin und wieder fuhren sie durch Pinienwald mit dichtem Unterholz und mannshohem Farn.

»So, hier ist es, Miguel.« Der Chauffeur blickte in den Rückspiegel. Weit hinter ihnen war der blaue

Küstenstreifen des kantabrischen Meeres zu erkennen und der Hafen von Gijón. Niemand schien den Bankräubern zu folgen. Miguel lenkte den Wagen in einen Feldweg und stoppte. Sie befanden sich in einem Wäldchen namens Pintueles. Schattig war es hier und friedlich. Nur die fünf Anarchisten sorgten für Hektik. In aller Eile rafften sie ihre Sachen zusammen, ließen die Limousine stehen und stapften durch Farn und Dickicht einen Abhang hinunter. Sie waren erst wenige hundert Meter gelaufen, da stießen sie auf einen sechsten Komplizen.

»Alles glattgegangen?«

»Im Moment ist alles in Ordnung. Wo ist der Autovermieter?«

»Den hab ich laufen lassen, als ihr vorbeigefahren seid. Der braucht bestimmt ein paar Stunden, bis er in der Stadt ist und der guardia berichten kann.«

»Scheiße!«

»Wieso Scheiße? So hatten wir’s doch abgemacht.«

»Ja, schon richtig, aber es hat Komplikationen gegeben. Wir hatten eine Schießerei, und nun sind die Bullen vielleicht schon hinter uns her. Wenn die ihn aufgabeln, wissen sie sofort wo wir stecken.«

»Au Backe! Und nun?«

»Tja, nach Llanera zum Bahnhof können wir nun nicht mehr gehen! Die überwachen sicher schon bald sämtliche Züge. Also müssen wir jetzt nach dem Notplan vorgehen: Miguel, Aurelio, ihr nehmt das Geld und schlagt euch nach Bilbao durch! Denkt dran, bleibt immer im monte und versteckt euch im Unterholz. Geht nicht zu hoch in die Berge oder auf den Ziegenpfaden. Wer weiß, vielleicht holen sie auch Flugzeuge, um uns zu suchen. Den Bus oder die Bahn dürft ihr erst nehmen, wenn ihr über die Provinzgrenze seid. Manuel, Eusebio, Gregorio und ich verstecken uns dann erst mal in der Hütte von Luisa María und warten ab, bis sich der Aufruhr gelegt hat.«

»Vamos?«

»Vamos! Viel Glück, ihr beiden! Und seht zu, dass ihr rechtzeitig mit dem Geld in Eibar seid und dass die Gewehre was taugen. Ihr wisst, es ist nicht mehr viel Zeit.«

»Ja, es wird schon schief gehen. Viel Glück, Buenaventura.« Die Männer umarmten sich kurz, dann trennten sich ihre Wege. Miguel und Aurelio zogen, bepackt mit dem Geld, nach Osten, in Richtung Baskenland; Eusebio, Gregorio, Buenaventura und Manuel wandten sich nach Süden, in die Sierra. Nach fünf Stunden Fußmarsch durch Schluchten, über Steilhänge und Wildbäche hinauf gelangten sie zur Hütte von Luisa María. Wie erwartet fanden sie sie verlassen vor und richteten sich so gut ein wie es irgend ging. Es gab frisches Wasser und Decken, Proviant und ein paar Bücher. Luisa María hatte gut vorgesorgt. Sie war zuverlässig. Sie und ihr Mann Angel waren seit ewigen Zeiten in der Anarchogewerkschaft CNT.

Vor zwei Jahren, bei einem wilden Streik der Minenarbeiter von La Felguera hatte man ihn abgeholt. Vier Tage und vier Nächte hatte man ihn in der Kaserne der guardia civil >verhört<. Dann wurde seine Leiche nach Hause gebracht mit der höhnischen Erklärung, er habe sein gottloses Leben bereut und sich selbst gerichtet. Sein ganzer Körper war von Blutergüssen bedeckt. Seitdem sie Angel begraben hatten, war Luisa María sehr schweigsam geworden. Und seither war sie nicht mehr nur Gewerkschafterin, sondern unterstützte heimlich, aber entschlossen die anarchistischen Kommandos der PAI, der Federación Anarquista Ibérica. Angel war Sprengmeister im Bergwerk gewesen und hatte nicht schlecht verdient. Seit seinem Tod war sie auf sich allein gestellt und lebte von den kärglichen paar Hektar Land, die sie von ihrer Familie geerbt hatte, und dem, was ihr die Genossen aus der Solidaritätskasse zukommen ließen. Ihre drei Söhne waren in alle Winde verstreut: der eine tat Dienst in der Armee und schlug sich in der glücklosen spanischen Infanterie irgendwo in Marokko mit den Rebellen von Abd El Krim herum; der zweite war in Paris als Gastarbeiter, verdiente aber kaum genug für seine eigene Familie, und der dritte saß in Barcelona im Knast. Er war des illegalen Waffenbesitzes angeklagt, auch er gehörte zu einer Gruppe der FAI. In ihre Hütte kam sie in dieser Jahreszeit kaum. Erst in ein paar Wochen würde sie das Heu mähen kommen, die Äpfel abernten und das bisschen Mais einbringen, das sie dem kargen Boden hier oben abrang.

Ja, Luisa María hatte gut vorgesorgt. Sogar Tabak und Wein hatte sie dagelassen. Die Männer dösten, lasen ein wenig und schlugen sich die Zeit mit politischen Diskussionen und Dominospiel tot. Hier würden sie ein paar Tage bleiben und dann über die Berge ins benachbarte Leon abhauen. Von dort hatten sie eine Chance, ungehindert in die Millionenstadt Barcelona zu reisen, wo sie leicht untertauchen konnten. Dort wollten sie Miguel und Aurelio wiedertreffen, die inzwischen in Eibar unter Vermittlung eines Ingenieurs, der mit den Anarchisten sympathisierte, tausend Karabiner kaufen sollten. Tausend Karabiner! Damit konnte man schon etwas anfangen… und das war auch dringend nötig.

Spanien stand unmittelbar vor einem faschistischen Staatsstreich. Es war ein offenes Geheimnis, dass der senile König Alfons XII. den rechtsradikalen General Primo de Rivera zum Militärdiktator machen wollte. Für den Putsch gab es zwei Vorwände: das Fiasko, das die spanische Armee gerade in Marokko erlitt, und die Anarchisten. Primo de Rivera hatte versprochen, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und das bedeutete nichts anderes, als die Gewerkschaften zu liquidieren. Die CNT war zum Widerstand entschlossen und plante einen revolutionären Generalstreik.

In der Armee hatte sie Sympathisanten, bis hinauf in den Offiziersrang, aber es fehlte an Waffen. Das war der Grund, warum die sechs jungen Männer vom Kommando Los Solidarios der FAI in Gijón die Filiale der Banco de Espana überfallen hatten. Und das war auch der Grund, warum ihnen das untätige Warten in der Hütte so auf die Nerven ging.

»Hör mal zu, Eusebio—– wir vertrödeln hier nur unsere Zeit und in Barcelona tagt das Komitee ohne uns. Wer weiß, Primo kann schon nächste Woche losschlagen, wenn der König aus dem Urlaub kommt.«

»Nun verlier’ mal bloß nicht die Nerven. Es nützt niemandem, wenn wir jetzt durchdrehen und im nächstbesten Dorf erwischt werden. Wir müssen mindestens eine Woche warten, bis sie die Bahnhöfe nicht mehr so scharf kontrollieren.«

»Und was ist, wenn sie hierher kommen?«

»Du weißt ja, wie faul die guardia ist. Jetzt sitzen wir schon drei Tage hier und keine Streife hat sich hier blicken lassen. Was meinst du, Buenaventura?«

»Man kann nie wissen. Möglich ist immer noch, dass sie hier auftauchen! aber die Bahnhöfe kontrollieren sie mindestens eine Woche lang. Wir müssen hier wie dort auf der Hut sein, aber jetzt loszumarschieren, wäre Wahnsinn. Wie ist’s, Gregorio, gibt’s irgendwas Verdächtiges?« Gregorio, der mit zwei Pistolen an den Hang gelehnt in der Sonne saß und Wache schob, murmelte kaum verständlich, denn er kaute gelangweilt an einem Strohhalm:

»Nö, alles ruhig hier draußen…«

»Also, Leute, entspannt euch, ruht euch aus – es hat keinen Sinn, an den Fingernägeln zu knabbern«, wandte sich Buenaventura wieder an seine Genossen.

»Ich für meinen Teil werde mich mal rasieren. Wenn mich die Journalisten so fotografieren könnten, würden sie sich furchtbar freuen: dann hätten sie den gefürchteten anarchistischen Terroristen, unrasiert und mit finsterem Blick…« Er stand auf, füllte sich die Emailleschüssel mit Wasser, legte das altertümliche Rasiermesser, das einst Angel gehört hatte, auf den Tisch, nahm die Rasierseife zur Hand und begann, mit dem Pinsel den Schaum anzurühren. Luisa María hatte wirklich an alles gedacht! Man sollte sie nicht verärgern – Buenaventura überlegte kurz, stand abermals auf und holte sich ein paar alte Zeitungen, die er sorgfältig auf dem Tisch ausbreitete. Dann stellte er die Schüssel wieder vor sich auf den Tisch und begann, sich einzuseifen. Die Zeitung, die er ausgebreitet hatte, war die Solidaridad Obrera vom März dieses Jahres. Klar! Bei Luisa María kamen keine bürgerlichen Blättchen ins Haus! Sie hatte Klassenbewusstsein, und manchmal schimpfte sie sogar über die >Soli<, dass ihr nämlich die Gewerkschaftszeitung zu zahm, zu wenig kämpferisch war. Buenaventura musste lächeln. Auf dem Titelbild dieser Ausgabe stand in klotzigen Lettern zu lesen, dass der General Primo de Rivera plane, seinem großen Vorbild Mussolini zu folgen und in Spanien eine Diktatur nach faschistischem Muster zu errichten. Die Arbeiterklasse wurde aufgefordert, wachsam zu sein, und die Comites Antimilitaristas in der Armee rief man auf, im entscheidenden Moment die Waffenkammern zu plündern. Buenaventura lächelte erneut, diesmal aber aus Skepsis. Er wusste nur zu gut, dass diese Idee illusorisch war. Es gab zwar eine Menge Anarchisten im Heer, aber die Waffen waren gut gesichert, und die meisten Offiziere sympathisierten mehr oder weniger offen mit den Faschisten. Das hatte ihm erst vor wenigen Wochen in Barcelona der Hauptmann Sancho, ein anarchistischer Gewährsmann in der Armee, nachdrücklich klargemacht. Die verdammten Gewehre mussten her und an ein oder zwei Orten klug eingesetzt werden. Vielleicht konnte man damit wirklich hier oder dort eine Kaserne stürmen, und das könnte Signalwirkung haben. Nur so konnte man verhindern, dass der Generalstreik zu einem Fiasko würde, nur so konnte man die Arbeiter mitreißen, sich gegen Primo de Rivera zu erheben. Ein Anfangserfolg war nötig, eine Bresche…

Buenaventuras Gedanken begannen zu kreisen, ihm kam nun genau wie seinen Kameraden die furchtbare Untätigkeit zum Bewusstsein, zu der sie hier verdammt waren. Ohne es zu merken, begann er, sich schneller zu rasieren. Nun hatte er sich geschnitten.

»Caramba!« Er legte das Messer weg und drehte die Zeitung um. Dieser Artikel hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht! Er fuhr mit der Rasur fort, aber auch mit der Lektüre der Zeitung. Plötzlich stutzte er. Wieder sank das Rasiermesser auf den Tisch. Eilig wischte er sich den Schaum vom Mund und hob erregt seine Stimme:

»Na seht mal, was ich hier gefunden habe«, wandte er sich an die anderen. »In der Soli wird ein Interview mit meiner Mutter zitiert! Ich les‘ euch das mal vor, das ist ja komisch. Passt auf:

»Señora, Ihr Sohn wird in der Presse als der größte anarchistische Bandit aller Zeiten bezeichnet. Es wird behauptet, er habe schon zig Millionen Peseten erbeutet. Können Sie das bestätigen?«

»Wissen Sie, ich weiß nicht, ob mein Sohn mit Millionen hantiert. Das einzige, was ich weiß, ist dass ich ihn jedes mal, wenn er mich hier in Leon heimlich besuchen kam, von Kopf bis Fuß neu einkleiden musste, weil er so abgerissen her umlief. Und die Rückreise habe ich ihm auch jedes mal bezahlen müssen…« Alle mussten lachen.

»Das stimmt«, meinte Buenaventura, während er das schmutzige Wasser zum Fenster hinausgoss, »das letzte Mal habe ich sie im Januar getroffen. Sie hat sich ganz fürchterlich über meine abgelatschten Schuhe aufgeregt und gefragt, was das denn für Genossen wären, für die ich Kopf und Kragen riskiere und die nicht einmal für ordentliches Schuhwerk sorgen könnten!« Wieder lachte alles durcheinander, Eusebio verschluckte sich an einer Olive und musste ganz fürchterlich husten.

»Ruhe!«

»Was ist los? Kannst du keinen Spaß verstehen?«

»Ruhe, verdammt! Ich höre Stimmen. Da kommt jemand den Hang herauf!« Das Lachen er starb auf ihren Lippen, in Sekundenschnelle hatten sie ihre Waffen in der Hand und standen mit entsicherten Pistolen an den Fen stern. Tatsächlich. Man hörte gedämpfte Stimmen. Sie kamen rasch näher. Gregorio kam ins Haus geschlüpft und berichtete, eine Streife der guardia zivil nähere sich dem Haus mit dem Gewehr im Anschlag. Es seien mindestens zehn Soldaten.

»Wir können uns hier nicht verteidigen, wir haben nicht genug Munition. Es gibt nur eine Chance – jeder versucht, in eine andere Richtung auszubrechen und sich durch zuschlagen. Vielleicht schafft es einer von uns.«

Manuel und Eusebio sprangen durch das Fenster der Seitenfront und wurden sofort von einem Geschosshagel empfangen. Unverwundet suchten sie hinter dem niedrigen Mäuerchen Schutz und erwiderten das Feuer. Währenddessen verließen Gregorio und Buenaventura die Hütte durch die Tür und trennten sich unmittelbar darauf. Der Feuerwechsel mit Eusebio und Manuel hatte die Aufmerksamkeit der Soldaten für einen kurzen Moment abgelenkt und ermöglichte ihnen die Flucht. Die beiden anderen krochen auf allen vieren zur Tür wieder in die Hütte zurück und verbarrikadierten sich dort. Zwei guardias versuchten nun, von hinten die Kate zu stürmen, aber ein gezielter Schuss streckte einen von ihnen nieder; der andere verschwand wieder im Unterholz. »Los, Manuel, gib mir Deckung! Ich werd‘ mir den Karabiner von dem Toten holen. Mit den Pistolen können wir nichts ausrichten!« Behende schwang sich Eusebio über das Fenstersims und hechtete in Richtung des toten guardias. Er stand nicht mehr auf. Ein Schuss hatte ihn mitten in die Stirn getroffen, und er blieb, grässlich verrenkt und mit offenen Augen, keine zwei Meter neben dem Soldaten im Staub liegen. Es dauerte noch mehrere Stunden, bis die Soldaten endlich zum Sturm auf das Haus ansetzte. Manuel hatte seine letzte Kugel verschossen, und unter den Kolbenhieben der Mauser-Karabiner sank er bewusstlos zu Boden. Der tote und der verwundete Anarchist wurden in die Kaserne der guardia zivil gebracht, wo man Manuel mehrere Stunden lang derart misshandelte, dass er in kritischem Zustand ins Gefängnis von Oviedo eingeliefert wurde.

»Legt ihn in ein Einzelzimmer«, sagte der dienst tuende Sanitäter im Krankenrevier, »das ist ein gefährlicher Anarchist. Dem ist alles zuzutrauen.«

»Keine Angst«, erwiderte der kleine, stämmige sargento, »der kommt hier nicht lebendig wieder raus. Und vor der Tür bleiben ständig zwei Soldaten zur Bewachung. Verstanden!«

»Natürlich. Mit solchem Pack kann man nicht vorsichtig genug sein«, pflichtete der Sanitäter bei. Dann schloss er die Tür von innen, holte Jod und Verbandszeug und widmete sich dem stöhnenden Manuel.

»Dich haben sie ja übel zugerichtet… Hör zu, und sag jetzt kein Wort«, flüsterte er ihm zu. »Ich bin

hier der Pfleger vom Dienst. Mein Name tut nichts zur Sache, aber ich bin auch in der CNT, im sindicato de salud pública, aber illegal, verstehst du? Ich denke, wir können dich hier herausholen, und zwar, wenn du verlegt wirst. Der Untersuchungsrichter aus Zaragoza hat schon überall herum telefoniert und ganz aufgeregt beantragt, dass du nach dort über stellt wirst. Die hier sind froh, wenn sie dich wieder loswerden. Bis dahin musst du also soweit auf den Beinen sein, dass du die Flucht überstehen kannst, hast du mich verstanden?«

»Ich weiß nicht —– ich weiß nicht, ob ich das hier überlebe…« stöhnte Manuel.

»Du sollst nicht sprechen. Wir werden dich schon wieder hin- kriegen. Du darfst dich jetzt vor allem nicht anstrengen, ist das klar?« Ma- nuel seufzte. Mühsam hob er den Kopf und sah zu dem Sanitäter hinüber, der eine Spritze aufzog.

»Sag’ mal, Genosse«, hauchte er in gequältem, fast geflüstertem Ton, »weißt du, was mit dem Bankdirektor ist? Der von Gijón, du weißt schon.«

»Ach, der dicke Azcárrate? Der läuft schon wieder herum. Vorgestern schrieben die Zeitungen noch, er habe sein Testament gemacht und kämpfe mit dem Tod, aber heute berichten sie, er würde am Montag wieder seinen Dienst antreten. Der hat nur einen Streifschuss am Hals abgekriegt, aber überall ist er jetzt der große Held.«

»Na, wenigstens ist er nicht tot. Das wird Buenaventura freuen. «

 

Geschichte

Der Mann mit der rauen Stimme, dem stechenden Blick und dem blutenden Finger war Buenaventura Durruti. Sein Name ist noch heute in Spanien Legende. Als er am 23. November 1936 in Barcelona zu Grabe getragen wurde, erwies das gesamte diplomatische Korps dem anarchistischen Banditen die letzte Ehre. Der Botschafter der USA stand ebenso mit Trauermine am Sarg wie der der UdSSR, und die Fahnen ihrer Länder wehten auf Halbmast. Ein ironischer und wohl auch einmaliger Vorgang in der Geschichte. Aufrichtiger war da schon die Trauer von über einer halben Million Menschen, die den toten Anarchisten zur letzten Ruhe geleiteten. >Ihr Durruti< war tot, sie konnten es nicht fassen. Auch in Deutschland, wo Buenaventura Durruti 1928 vorübergehend Unterschlupf fand, gelangte er zu einer gewissen Berühmtheit, allerdings erst 50 Jahre später. Hans Magnus Enzensberger nahm sich die Figur Durrutis zum Thema für einen Fernsehfilm und einen Roman, der zu einem Bestseller der Linken wurde. All dies machte Buenaventura Durniti zu einem Mythos. Zu einem Helden, einem Idol, hinter dem der Mensch verschwand. Dabei war Durruti, trotz aller Glorifizierung die man ihm angetan hat, im Grunde eine bescheidene Gestalt. 1896 war er in der verschlafenen spanischen Provinzstadt Leon geboren worden. Zusammen mit sieben Geschwistern wuchs er in einer ärmlichen Arbeiterfamilie auf und absolvierte eine Lehre als Metallarbeiter und Mechaniker. Sein Vater und sein Onkel waren Mitbegründer der ersten Arbeiterassoziation am Ort, und so wurde Buenaventura schon als Junge Mitglied der örtlichen Gewerkschaft. Es sind die ersten kämpferischen Streiks und ihre brutale Unterdrückung, die den jungen Durruti dazu bringen, über andere, militantere Aktionsformen nachzudenken. In der Bergbauregion von Asturien und Leon, wo er als Facharbeiter für den Aufbau von Erzwaschstraßen verantwortlich ist, erlebt er die Wirksamkeit der direkten Aktion: nur durch seine Weigerung, eine wichtige Anlage zu reparieren, erzielt er den entscheidenden Durchbruch bei einem Bergarbeiterstreik. Sein Name ist zum ersten Male in aller Munde, er ist fortan der Held der Provinz.

Der junge Mechaniker erlebt aber auch, wie brutal der Staat zurück schlägt. Nicht nur, dass Durruti und seine anarchistischen Freunde immer wieder ihre Arbeit verlieren – im Generalstreik von 1917 beherrschen die Maschinengewehre das Straßenbild in ganz Asturien. Dem haben die Arbeiter nichts weiter als Steine und ihre Wut entgegenzusetzen. Durruti und seine Gruppe, die sich jetzt Los Justicieros nennen, begeben sich Schritt für Schritt auf den Weg zum direkten Widerstand: Sabotage an Eisenbahnen, auf Förderbändern und in den Büros der Minengesellschaften. Die Gruppe wird verfolgt, illegalisiert, muss sich absetzen. Die Einberufung zum Militär gibt für Durruti den Ausschlag: Er flieht nach Frankreich, wo er sich zum ersten Mal intensiv mit anarchistischen Gedanken auseinandersetzt. Er stellt, wenig überrascht, fest, dass die Anarchisten genau das denken und tun, was auch er schon immer gedacht und getan hat. Buenaventura wird Anarchist. Durch den Wirtschaftsboom, den der Erste Weltkrieg Spanien brachte, war auch das Industrieproletariat zu einer bedeutenden Kraft geworden. Die anarchistischen Gewerkschaften erlebten einen steilen Aufschwung und drängten selbst dort, wo sie nicht ohnehin schon in der Mehrheit waren, die zahmen Reformisten der Gewerkschaft UGT1 in die Defensive.

Die Kehrseite der Medaille war, dass die Bourgeoisie durchdrehte. In Panik und unter dem Schock der russischen Revolution versuchten sie vergeblich, sogenannte >gelbe Gewerkschaften< aufzubauen, die den Arbeitgebern hörig waren. Sie gründeten eine Organisation von bezahlten Killern und pistoleros, die die führenden Anarchosyndikalisten liquidieren und die Arbeiter einschüchtern sollten. Diese Profis schlugen gezielt zu, die Arbeiterschaft war wie gelähmt. Innerhalb kurzer Zeit (Monate) starben Hunderte anarchistischer Wortführer. Sie wurden vor den Werkstoren erschossen, in finsteren Gassen überfallen, man lauerte ihnen nach Versammlungen auf. Selbst ihre Familien wurden bedroht. Die jungen, kämpferischen Anarchisten vom Schlage Durrutis sahen dem nicht lange tatenlos zu. Sie organisierten sich in kleinen Gruppen und schlugen zurück. Aus den Verfolgern wurden Verfolgte. Aber man hielt sich nicht so sehr an die pistoleros selber, sondern machte sich auf, die wahren Schuldigen zu bestrafen. Die Drahtzieher des >Unternehmerterrorismus< saßen in hohen Positionen der Regierung, des Militärs und der Kirche. Gegen einen von ihnen, den erzreaktionären Kardinal Soldevila von Zaragoza, richtete sich das erste Attentat von Durrutis Gruppe. Er wurde am 4. Juni 1923 in seinem Automobil erschossen. Ein ungleicher Kampf hatte begonnen, ein Signal war gesetzt. Die Arbeiter, bisher nur gewohnt, zu streiken, zu demonstrieren und sich zusammenschießen zu lassen, sahen, dass man sich wehren konnte. In ihren Reihen gab es Entschlossene, die mit gleicher Münze heimzahlten. Das Attentat auf den Kardinal Soldevila war zugleich der Anfang vom Ende der pistoleros; der Terrorismus der Unternehmer ebbte in den folgenden Jahren ab. Durruti und seine Freunde aber waren nun vollends in der Illegalität. Es war indes nicht ihre Absicht, zu Berufsrevolutionären zu werden oder zu Leuten, für die die Gewalt Selbstzweck war. Im Gegenteil. Trotz aller Verfolgungen hielten sie engsten Kontakt zu ihren Gewerkschaften, und in den langen, bewegten Jahren, in denen sich Kampf, Gefangenschaft und Exil abwechselten, suchten sie sich immer wieder als einfache Arbeiter einen Job, sooft ihnen dies möglich war.

„Ihnen war die Gefahr durchaus bewusst, sich als >Berufsguerilleros< zu isolieren. Nur zu leicht kann man am Töten, an Überfällen Gefallen finden. Das war nie ihre Absicht gewesen, und sie haben es erfolgreich vermieden. Ihr Ziel war es, neben den Gewerkschaften eine schlagkräftige, ideologisch beispielhafte politische Organisation aufzubauen. Dieses Netz, das Durruti und seine beiden Intimfreunde Ascaso und Jover mit Tausenden gleichgesinnter junger Anarchisten Anfang der zwanziger Jahre knüpften, war die Federación Anarquisto lbérica, die iberische anarchistische Föderation. Das Kürzel »FAI« wurde für die folgenden 15 Jahre ein bestimmendes Symbol in den sozialen kämpfen Spaniens. Die FAI war indes keine Armee, keine Terrorgruppe, kein >bewaffneter Arm< der Gewerkschaften, sondern schlicht eine politische Gruppe, für die Illegalität und gewalttätige Aktionen keinesfalls zur politischen Philosophie gehörten, sondern allenfalls zur sozialen Notwendigkeit. Sie hat sich nur nicht gescheut, beides konsequent anzuwenden, wenn sie dazu gezwungen war. Die FAI verstand sich nicht als eine Avantgarde2 im Sinne einer lenistischen Partei. Die meisten ihrer Mitglieder waren und blieben einfache Arbeiter und gleichzeitig Mitglied der CNT. Attentate waren die seltenen Ausnahmen in ihrer Strategie. Statt dessen versuchten sie überall da, wo durch Streiks, Unterdrückung, Geldmangel und Not die Kollegen in Bedrängnis waren, mit dem Mittel der >direkten Aktion< einzugreifen. Sie ermutigten die Arbeiter, sich für zu erwartende Konflikte zu bewaffnen, sie praktizierten Sabotage bei Streiks, sie überfielen Banken und finanzierten damit Schulen, Bibliotheken und Druckereien, halfen bei Streiks oder unterstützten in Not geratene Proletarierfamilien. Sie befreiten Genossen aus dem Gefängnis, und — was ebenso wichtig war — sie beeinflussten nachhaltig die politische Diskussion und damit den Kurs des anarchistischen Gewerkschaftsverbandes, der mittlerweile weit über eine Million Mitglieder zählte und zur stärksten Kraft der spanischen Arbeiterbewegung geworden war. Die FAI wurde zur Vordenkerin der CNT.

So wurde eine T a k t i k geboren, die später unter dem Namen >Stadtguerilla< bekannt wurde. Die FAI übernahm aber nie die S t r a t e g i e der Stadtguerilla. Sie war und blieb Teil der revolutionären Gewerk schaftsbcwegung, von der allein sie sich den Aufbau einer anarchistischen Gesellschaft in großem Maßstab er hoffte und von der sie auch nicht klar zu trennen war. Der Banküberfall aus unserer >Story< fand am 1. September 1923 statt. Die sechs jungen Leute waren Miguel Garcia Vivancos, der den Wagen steuerte, und zusammen mit Aurelio Fernandez das erbeutete Geld nach Bilbao schaffen sollte, Buenaventura Durruti und Gregorio Suberviela, denen die Flucht aus der belagerten Hütte gelang, Eusebio Brau, der von der guardia civil erschossen wurde und Manuel Torres Escartin, der im Gefängnis von Oviedo landete. Zwei Versuche, ihn zu befreien, scheiterten; er kam erst Jahre später frei. Aurelio und Miguel gelangten tatsächlich nach Bilbao und kauften in Eibar die Gewehre, aber es war zu spät.

Der General Primo de Rivera wurde vom König an die Macht gebracht und verfolgte in einer sieben Jahre dauernden Militärdiktatur die Anarchisten mit allen Mitteln. Den Krieg in Marokko konnte er zwar beenden, an der Arbeiterbewegung biss er sich jedoch die Zähne aus. 1930 musste er unter dem wachsenden öffentlichen Druck aufgeben. Zigtausende Gefangene wurden entlassen, die Gewerkschaften konnten aus der Illegalität wieder an die Öffentlichkeit treten. Durruti war in dieser Zeit bereits zur Legende geworden. Immer wieder wurde er verhaftet, angeklagt, musste ins Ausland fliehen, wurde interniert. Nachzuweisen war ihm nichts. In Kuba, Mexiko, Chile und Argentinien, wohin sich das Trio Durruti/ Ascaso/Jover vorübergehend abgesetzt hatte, hinterließ es eine unverkennbare Spur von geplünderten Kassen und unversehends zu Geld gekommenen anarchistischen Schulen, Gruppen und Gewerkschaften. Zu rück in Paris wurden die drei unter dem Vorwand, ein Attentat auf den spanischen König geplant zu haben, verhaftet. Die argentinische Regierung, die sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte, forderte ihre Auslieferung. Als im Juli 1927 ein argentinisches Kriegsschiff Kurs auf Frankreich nahm, um die drei Anarchisten zur Hinrichtung abzuholen, ging eine derart überwältigende Welle von Solidarität durch die Öffentlichkeit, dass Durruti, Ascaso und Jover nach einer langen politischen Kampagne frei kamen. Zur gleichen Zeit bewegte noch eine andere große Kampagne die Welt: die beiden italo-amerikanischen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti wurden in den USA trotz erwiesener Unschuld auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Unter der zweiten spanischen Republik, die dem Sturz Primo de Riveras folgte, war ein anderes Talent Durrutis mehr gefragt: das des ungemein populären Redners und zielstrebigen politischen Organisators. Er war nämlich mehr als ein Bankräuber Er war ein geradlinig denkender, politisch sensibler Kämpfer, der auch als Theoretiker mehr und mehr an Bedeutung gewann. Aus dem Rebellen wurde der Aktivist. Dabei war er weniger ein Mann von Papier und Bürokratie, und wenn er als >Theoretiker< erwähnt wird, so weniger aufgrund geschriebener Werke als durch das gesprochene Wort und die beispielhafte Tat, die die CNT in Praxis und Theorie nachhaltig prägten.

In Spanien war er durch neue Gesetze amnestiert und konnte wieder öffentlich auftreten. Er und seine Freunde zogen nach Barcelona, wo sie sich umgehend Arbeit suchten. Als Propagandist reiste er durchs ganze Land und sprach auf anarchistischen Massenkundgebungen. Die CNT und die FAI wurden von Grund auf reorganisiert, und die Beschlüsse, die auf den folgenden Kongressen gefasst wurden, trugen deutlich den Stempel der FAI, die Handschrift Durrutis. Für ihn war es klar, dass der socialismo libertario nicht vom Himmel fallen würde und dass er nur zu leicht durch die immer vorhandene Tendenz zum Reformismus verwässert werden könnte. Genaue Programme für eine anarchistische Wirtschaft wurden ausgearbeitet, Pläne dafür, wie die Arbeiter die Industrie und die Bauern die Landwirtschaft übernehmen könnten – nach der Revolution. Die Revolution, so die überwiegende Überzeugung in der CNT, könne aber nicht allein durch Streiks und Agitation erreicht werden. In dem Augenblick, wo sich den Anarchisten in bestimmten politischen Situationen die Machtfrage stellen würde, müssten sie auch in der Lage sein, eine Antwort zu geben. Das Proletariat müsse bewaffnet sein, vor allem, solange die Gefahr des Faschismus nicht gebannt war. Durrutis Position zur Gewaltfrage war knapp und klar: Er war kein Freund von Mord und Totschlag, machte sich aber auch keine Illusionen darüber, dass die herrschenden Klassen ohne Widerstand abtreten würden. »Banditentum nein, kollektive Enteignung ja!« hieß seine Devise. Der Augenblick der Machtfrage sollte bald kommen. Am 19. Juli 1936 putschten die Truppen des faschistischen Generals Franco gegen die junge Republik. Mit der Unterstützung von Hitler und Mussolini brach im ganzen Land eine Militärrevolte los.

Die Regierung, der Staatsapparat, die Parteien und die reformistischen Gewerkschaften waren wie gelähmt. Einzig die Anarchisten waren vorbereitet. Sie schlugen zurück. Auf Anhieb gelang es den schlecht bewaffneten Arbeitern, den Aufstand in den meisten Orten des Landes niederzuschlagen. In Barcelona stürmten sie die Kasernen und griffen Maschinengewehrstellungen und Kanonen mit Steinen und bloßen Händen an. Sie siegten. Wo sie den Kampf verloren, wurden sie von den Militärs in unsäglichen Massakern zu Tausenden erschossen. Das war der Beginn des spanischen Bürgerkrieges, der drei Jahre dauern sollte und das war die große Stunde für Durruti. Für den Rebellen, den Organisator, den Anarchisten Durruti – Durruti, den Revolutionär. Die Lage des republikanischen Spaniens war bedrohlich. Die Militärs hatten zahlreiche Brückenköpfe und wurden massiv von deutschen und ita lienischen Einheiten unterstützt. Die verfügten über modernste Flugzeuge und Panzer; für Hermann Göring war Spanien der Testplatz seiner neuen Luftwaffe für den kommenden Weltkrieg.

Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges brach aber auch eine Revolution aus, eine anarchistische. Man beschränkte sich nicht darauf, die Militärs zu schlagen und die alte Gesellschaft wieder aufzurichten. Jetzt war die Stunde gekommen, einen uralten Traum zu verwirklichen, den Traum von der Anarchie. Frei, gleich, ohne Chefs, Staat und Kirche, brüderlich und gerecht sollte sie sein, die neue Ordnung. Epidemieartig breitete sich der comunismo libertario in fast allen befreiten Gebieten aus. Die Bauern kollektivierten Vieh und Felder, benutzten die Geräte gemeinsam und von der Kneipe bis zum Gesundheitsdienst war alles gratis. In jedem Dorf, in jeder Region wurden unterschiedliche Formen ausprobiert. Manche schafften das Geld ab, andere stellten Arbeitsbons aus. In manchen Dörfern schlossen sich alle den Kollektiven an, anderswo zogen es einige Bauern vor, für sich selbst zu wirtschaften. Diese colectivización war, im Gegensatz zu der Kollektivierung in Russland, von den Menschen gewünscht und freiwillig. In den Städten übernahmen die Arbeiter innerhalb weniger Tage fast alle Industrien und Dienstleistungsunternehmen. Krankenhäuser U-Bahnen, Textilfabriken, Werften, Gießereien und Schulen waren ebenso kollektiviert wie Kinos, Cafés und die Museen. Aus dem feinsten Hotel Barcelonas wurde eine Volksküche und das >Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen< zog in ein Bankgebäude ein. Selbst in der Miliz ging es anarchistisch zu: es gab keinen Kadavergehorsam, keine Offiziere, keine Rangabzeichen. Vor dem Kampf wählte man zwar Führer, aber die Einsätze wurden ebenso von allen diskutiert und beschlossen wie die politischen Entscheidungen. Verbindendes und ordnendes Element in dieser neuen Gesellschaft waren die Strukturen der CNT – eine Gewerkschaft, die sich seit Jahrzehnten konsequent auf diese Aufgabe vorbereitet hatte. Der Miliz kam nun eine immer wichtigere Aufgabe zu. Es galt nicht nur, die befreiten Gebiete zu halten, sondern auch die von den Putschgeneralen besetzten Gebiete zu befreien. Dort konnten sich sonst die Faschisten in aller Ruhe für ihren Feldzug rüsten, dort verblutete unterdessen das Proletariat.

Durruti war einer der ersten, der dies erkannte, und der FAI fiel die Schlüsselrolle in der Aufstellung und Ausbildung der milicias zu. Ebenso schnell und reibungslos, wie die Industrie >anarchisiert< wurde, wurden die Truppen aufgestellt. Schon nach wenigen Tagen zogen die ersten >Kolonnen<, schlecht ausgerüstet, doch mit grenzenloser Begeisterung, an die Front. Durruti ging nach Norden. In Zaragoza, der Hauptstadt von Aragón, hatten sich die Militärs halten können und Tausende von Arbeitern erschossen. Der Vormarsch geht zunächst rasch vonstatten. Die bunt zusammengewürfelten Haufen haben zwar wenig Disziplin und nur alte Knarren, dafür aber um so mehr Mut und Begeisterung. Immer weiter drängen sie die Faschisten zurück, bis sie die Türme von Zaragoza sehen.

Dann kommt der Vormarsch ins Stocken, ein Stellungskrieg beginnt. Dies sind die letzten Monate im Leben von Buenaventura Durruti. Sie sind gekennzeichnet von fieberhafter Aktivität. Anarchisten, die in Straßenschlachten und illegaler Gewerkschaftsarbeit erprobt sind, sind keine guten Soldaten: Taktik und Disziplin müssen ebenso gelernt werden wie Nachrichtentechnik und Waffenkunde. An vielen Stellen kommt es zu spontanen Ausschreitungen der Dorfbewohner gegen Geistliche und Unternehmer. Das ist zwar durchaus verständlich, aber nicht anarchistisch. Durruti wirkt an allen Ecken und Enden zugleich als Truppenausbilder, Militärstratege, anarchistischer Agitator, als Organisator und Lehrer in Sachen Anarchismus und Disziplin. Es gelingt den >alten Kämpfern< der FAI tatsächlich, innerhalb weniger Wochen, die Milizen zu ordnen und die Übergriffe zu beenden. Die anarchistischen Einheiten genossen bald den Ruf einer schlagkräftigen, disziplinierten und von hohen Idealen geleiteten Truppe. Eine der wohlwollendsten Beurteilungen Durrutis aus jenen Tagen stammt übrigens aus der Feder des Dorfpfarrers Moisen Arnalden Durruti davor rettete, von den aufgebrachten Bauern gelyncht zu werden.

Die meisten Geistlichen sympathisierten nicht nur offen mit Franco – in zahlreichen Kirchen entdeckte man wahre Waffenarsenale der Faschisten. Jener Pfarrer wurde eine Art Sekretär in Durrutis Stab und bescheinigte den Anarchisten Jahre später, dass sie alles andere waren als blutrünstige Rächer. Als Madrid bedroht wird, eilt die >Kolonne Durruti< der Hauptstadt zu Hilfe. Die Regierung hatte das sinkende Schiff schon verlassen und war nach Valencia geflüchtet, während die Stadt noch von Republikanern und Internationalen Brigaden verteidigt wird. Die Ankunft der legendären Durruti-Miliz erfüllt die madrilenos mit neuer Hoffnung, gibt ihnen neuen Kampfgeist. Tatsächlich wird der Angriff der Faschisten abgeschlagen, Madrid gerettet. Aber der Preis dafür ist hoch, besonders bei den Anarchisten: 4/5 der Kämpfer der Kolonne Durruti finden den Tod, unter ihnen ihr legendäres Vorbild.

Durruti fällt am 20. November 1936 in der vordersten Linie der Front, im Universitätsviertel Madrids. Die Umstände seines Todes sind nie geklärt worden. War es die verirrte Kugel eines faschistischen Heckenschützen?

Wurde er aus politischen Gründen ermordet?

Die schlimmsten Gerüchte ranken sich um den tödlichen Schuss. Die wahrscheinlichste Theorie indes ist banal und tragisch: vermutlich hat er sich selbst getötet, als sich versehentlich ein Schuss aus seinem mangelhaften Gewehr löste…

Durrutis Tod war wie ein Symbol: für viele war er gleichbedeutend mit dem Ende der spanischen Revolution. Zwar dauerte es noch zwei Jahre, bis Francos, Hitlers und Mussolinis Truppen triumphierend durch die Straßen Barcelonas zogen, aber die Anarchisten standen mehr und mehr auf verlorenem Posten. Die europäischen Demokratien spielten das verlogene Spiel der >Nichteinmischung<, lieferten also der bedrohten Republik keine Waffen. Waffen kamen nur aus Mexiko, das aus verständlichen Gründen nicht viel helfen konnte, sowie aus der UdSSR. Stalin aber hatte keinerlei Interesse an einer libertären Revolution. Er ließ einen Zweifrontenkrieg führen. Während kommunistische Internationale Brigaden und anarchistische Milizen an der Front gemeinsam gegen Franco kämpften, begannen Stalins Agenten im Hinterland bereits mit ihren >Säuberungen<. Zunächst gegen Trotzkisten und in den Gegenden, in denen die CNT schwach war, mehr und mehr aber auch in solch anarchistischen Hochburgen wie Katalonien, Aragón, Levante, Valencia und Andalusien. Der Anarchismus sollte ausgerottet werden. Die bis dahin völlig unbedeutende Kommunistische Partei erlangte aufgrund ihrer Verfügungsgewalt über die russischen Waffen eine ungeheure Macht. Revolution stand nicht auf ihrem Programm, sondern >Sieg im Bürgerkrieg< und >demokratische Reformen<. Stück für Stück versuchte man, die libertären Errungenschaften rückgängig zu machen. Die Milizen wurden der regulären Armee — und damit überwiegend kommunistischer Führung — unterstellt, die Kollektive per Gesetz reglementiert oder abgeschafft.

Natürlich nahmen die Menschen das nicht widerspruchslos hin: es kam zu Auseinandersetzungen, zu regelrechten Kämpfen. Im Mai 1937 tobte in Barcelona innerhalb des republikanischen Lagers ein Bruderkampf zwischen Kommunisten und Anarchisten. Auch nach dem anschließenden Waffenstillstand war die Lage keineswegs geklärt, die Gegensätze nur notdürftig gekittet. Die reguläre Armee verlor gegen Franco Schlacht um Schlacht und auch der von den Milizen erkämpfte Boden ging wieder verloren. Schließlich ging es nur noch ums nackte Überleben. Die Moral der Republikaner war gebrochen, von ihrer militärischen Kraft ganz zu schweigen.

Im Februar 1939 endet der spanische Bürgerkrieg und mit ihm die spanische Revolution, das bisher größte und erfolgreichste anarchistische Experiment in der Geschichte. Ein Experiment, in dem einfache Menschen der staunenden Welt bewiesen haben, dass Anarchismus keine Utopie ist, sondern eine Art zu leben und sich selbst zu organisieren – und das hervorragend funktionieren kann, selbst unter derart ungünstigen Umständen. Buenaventura Durruti war Symbolfigur dieser Revolution.

 

Moral

Das Schisma3, das der Bürgerkrieg in die spanische Gesellschaft riss, konnte nicht tiefer sein. Der Riss ging quer durch Städte und Dörfer, durch Klassen und sogar durch Familien. Es kam vor, dass sich in den Schützengräben Brüder oder Vettern gegenüberlagen und aufeinander schossen. Was den einen heilig war, war den anderen verhasst. Jemand hat den spanischen Bürgerkrieg den Friedhof der Ideale genannt. Dieses Schisma lässt sich am >Helden Durruti< genauestens nachvollziehen. Während der langen Jahrzehnte der Franco-Diktatur legten unbekannte Hände regelmäßig Blumen auf sein Grab. Noch heute findet man sein Bild auf Feuerzeugen, Schlüsselanhängern und anderen anarchistischen Devotionalien, die die CNT vertreibt, und in vielen Debatten wiegt sein Name mehr als so manches Argument. Anderen Spaniern ist der Name Durruti der Inbegriff alles Bösen. Während des spanischen Bürgerkrieges kursierten über den Milizenfuhrer die haarsträubendsten Geschichten, in denen besonders seine Grausamkeit herausgestellt wurde Die berüchtigten moros,

marokkanische Söldnertruppen im Dienste Francos, die sich durch besonderen Sadismus auszeichneten, hatten nur vor einem Angst — vor dem bloßen Namen jenes Durruti. Faschisten machten Schießübungen auf sein Bild. Durruti war zweifellos ein Mann aus dem Stoff, aus dem man Mythen webt.

In seltsamem Kontrast dazu stehen die Schilderungen, die seine Zeitgenossen von ihm gaben — Menschen, die ihn von nah kannten und erlebt hatten. Da bleibt von den meisten angeblich unglaublichen Eigenschaften nicht viel übrig – außer einem Mann, der besonders tatkräftig, vielleicht auch besonders mutig war und der eine klare Auffassungsgabe besaß. Nur – das hatten und haben sicher viele Tausende anderer Anarchisten mit ihm gemeinsam. Warum wurde gerade er zum Idol? Man kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Es gibt keine Eigenschaft Durrutis, die andere nicht auch gehabt hätten. Vergessen wir nicht, dass auch damals schon die Medien die Helden machten. Durruti wurde, lange bevor sein Name in der CNT allgemein anerkannt war, von den reaktionären Zeitungen als anarchistischer Bösewicht aufgebaut. Kaum eine Gewalttat, die ihm nicht zugeschrieben wurde! Der Schuss ging allerdings nach hinten los, denn je öfter der Name des »schrecklichen anarchistischen Terroristen« erwähnt wurde, desto populärer wurde er. Schließlich war er zu einer Art anarchistischen >Zorro< geworden, und dieses Image war die beste Propaganda, die sich die Anarchisten nur wünschen konnten. Dass es zu diesem Ruf kommen konnte, lag aber mit Sicherheit daran, dass Buenaventura Durruti in der Tat Tugenden hatte:

Dass er sich nie an der Beute seiner Überfälle bereicherte, legte sicher das Fundament zu seinem Ruf. Im April 1925 war der Kindernarr Durruti in Mexiko zu Gast bei einer >Freien Schule<, die die Genossen der Ölarbeiter-Gewerkschaft unter großen persönlichen Entbehrungen aufgebaut hatten. Durruti war begeistert.

»Was haltet ihr davon, wenn ihr in Mexiko ein paar Hundert solcher Schulen einrichten könntet?«

»Das ist ein schöner Traum«, antwortete ihm sein Gegenüber, »dafür brauchten wir aber Zigtausende von Pesos.«

»Nun, das muss ja kein Traum bleiben. Vielleicht kann ich eurer Föderation schon bald hunderttausend Pesos übergeben.« Zwei Tage später brachte Durruti den Genossen eine Tasche voll Geld mit den Worten:

»Diese Pesos habe ich von der Bourgeoisie genommen… Ihr könnt euch ja denken, dass sie sie mir nicht freiwillig überlassen haben.« Am folgenden Tag berichteten die Tageszeitungen in großen Schlagzeilen vom Überfall auf die Kasse einer Textilfabrik. Die in den Artikeln erwähnte Beute stimmte auf den centavo genau mit der Summe überein, die Durruti der Schule gestiftet hatte. So was sprach sich natürlich herum und brachte Sympathie auch bei Leuten, denen der Anarchismus sonst eher gleichgültig war. Die Anarchisten taten ein übriges, und gelegentlich kursierten sogar regelrechte Abrechnungen aus den Beutezügen der anarchistischen >Expropriateure<. Nach allem was man weiß, war Durruti nicht von Skrupeln geplagt, was die E n t e i g n u n g e n anging. Er war ein einfacher Mann, seine moralischen Maßstäbe waren gerade und schlicht. Er fühlte sich im Recht und handelte danach:

»Es ist kein Verbrechen, wenn man denen etwas stiehlt, die davon leben, uns zu bestehlen.« Das war ebenso simpel wie richtig und konnte von jedermann verstanden werden. Meist wurden Überfälle für ein bestimmtes Ziel durchgeführt. So verdankt die berühmte >Anarchistische Enzyklopädie<, ein von Sebastien Faure herausgegebenes klassisches Werk, ihr Entstehen ebenso den Geldern aus Durruti-Coups wie der gesamte Verlag, in dem sie erschien. Noch heute drucken in einem kleinen Vorort von Paris alte CNT-Veteranen eine Wochenzeitung auf Druckmaschinen, die einst Durruti finanzierte. Problematischer war für ihn schon die Frage nach der Gewalt gegen Menschen. Wie alle, die sich in ihrem Leben je entschlossen haben, andere Menschen zu töten oder ihren Tod in Kauf zu nehmen, fand auch Durruti hierauf keine moralisch einwandfreie Antwort. Er mag sich damit getröstet haben, dass er sich gezwungen sah, in einer moralisch nicht einwandfreien Gesellschaft einen moralisch nicht einwandfreien Kampf gegen einen moralisch nicht einwandfreien Gegner zu fuhren.

Sicher ist, dass er den Tod von Menschen nie auf die leichte Schulter genommen hat. Weder als er Banken überfiel, noch als er an der Spitze einer Armee stand. Sein Mitgefühl gegenüber dem durchgedrehten Bankdirektor war ebenso wenig gespielt wie das gegenüber dem vom Tode bedrohten Priester, den er rettete. Ein alter spanischer Genosse sagte mir einmal:

»Durruti hätte ein guter Pazifist werden können. Leider hatte er dazu keine Chance mehr. Aber dafür hat er gekämpft: dass die Gewalt in einer freien Gesellschaft einmal ein Ende haben könnte.«

Dieser Standpunkt wird Leuten nicht gefallen, die Wert auf saubere, widerspruchsfreie Lösungen legen. Aber solche Leute wären für Durruti wohl weltfremde Spinner gewesen. Spinner, die er vielleicht bewundert, die er aber nicht ernst genommen hätte. Denn Durruti war Realist. So etwas wie ein >Handwerker der Revolution<. Während seine Genossen noch darüber stritten, ob sie Gewehre einsetzen sollten, könnten und dürften, kümmerte er sich darum, wo er welche her bekommen könnte und wie man sie handhabte. Sein Leben war in einem streng moralischen Sinne nicht sauber und widerspruchsfrei, aber das bewahrte ihn vielleicht davor, ein weltfremder Spinner zu werden. Davon gibt es in der anarchistischen Bewegung nämlich relativ viele; an soliden >Handwerkern< vom Schlage Durrutis hat es indes stets gemangelt. Statt dessen wurde er ein praktischer Realist, der nie seine Phantasie vergaß und seine Skrupel nicht über Bord warf. Zwei berühmt gewordene Zitate von ihm machen das klar:

»Anarchisten bekämpfen keine Menschen, sondern Institutionen«, wurde er nicht müde, den aufgebrachten Massen zu predigen, die ihren seit Jahrhunderten angestauten Hass an Priestern, Beamten und Unternehmern auslassen wollten. Und als ihm, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges und seines persönlichen Ruhms ein amerikanischer Korrespondent sagte:

»Wenn ihr den Krieg gewonnen habt, werdet ihr auf einem Haufen Ruinen sitzen«, antwortete Durruti, ohne zu zögern: »Wir sind es, die diese Städte und Paläste – hier in Spanien und Amerika und überall – gebaut haben. Wir Arbeiter können andere Städte und Paläste an ihre Stelle bauen und sogar bessere. Wir haben keine Angst vor den Ruinen, denn wir werden die Erben dieser Erde sein… Hier, in unseren Herzen, tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, reift diese Welt heran.«

Es wäre verlockend, den Abschnitt »Moral« mit diesen Worten zu beenden, aber sie würden das Idol Durruti nur zurück auf seinen Sockel stellen. Zur Beantwortung der Frage, wie dieser Mann überhaupt auf den Sockel kam, sind noch zwei, drei Eigenschaften zu erwähnen. Zunächst seine Bescheidenheit, die alle, die ihn kannten – Freunde wie Gegner – einmündig hervorheben. Durruti hätte es sicher leicht gehabt, sich auch politisch zu einem >Führer< emporzuschwingen. Unter dem politischen Druck der Kommunisten und um die real schon gar nicht mehr existierende Einheitsfront gegen Franco nicht zu gefährden, traten am 4. November 1936 Anarchisten in die Regierung ein. Dies war die Bedingung dafür, dass Anarchisten überhaupt russische Waffen erhalten konnten. Garcia Oliver, enger Kampfgefährte Durrutis, wurde beispielsweise Justizminister von Katalonien… Diese Beteiligung führte zu heftigen Spannungen in der CNT, zu Kritik und Spaltung. Viele sahen hierin den ersten Schritt zur Aufgabe des Anarchismus, zur Preisgabe der Revolution. Durruti, zu diesem Zeitpunkt schon ein toter Mann, wurde in der Polemik kräftig strapaziert. Eine Gruppierung mit dem viel sagenden Namen Los Amigos de Durruti4 machte gegen die Regierungsbeteiligung Front und argumentierte, Durruti hätte so etwas nie gutgeheißen. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob die spanischen Anarchisten damals eine andere Wahl hatten und ob dieser Schritt richtig war. Federica Montseny, damals Gesundheitsministerin, übte Jahre später bittere Selbstkritik.

Eines aber gilt als sicher: Durruti hätte sich selbst an der Regierung nicht beteiligt. Dies nicht so sehr, weil man mit Bestimmtheit sagen könnte, er hätte diesen Schritt grundsätzlich abgelehnt, als vielmehr darum, weil man mit Gewissheit sagen kann, dass er nie einen politischen Posten angenommen hätte. Dazu hätten sich ihm in den Jahren zuvor viele Gelegenheiten geboten, aber er bestand stets darauf, ein >einfacher Genosse< zu bleiben. Auch das machte ihn zweifellos zu einer sehr populären Figur. Diese Bescheidenheit zeigte sich auch sehr angenehm in seinem Verhalten bei politischen Debatten. Er war kein Vielredner, hielt sich lieber im Hintergrund und hörte zu. Nicht, weil er etwa ein gewiefter Taktiker gewesen wäre, nur, er habe eine Frau und eine Tochter, und Anarchie begänne für ihn in den eigenen vier Wänden Buenaventura Durruti – also doch rundherum ein Ideal? Vielleicht. Die Faszination, die diese Gestalt ausübt, ist zugegebenermaßen überwältigend. Die Frage aber, die sich stellt, ist nicht so sehr: war Durruti eine Idealfigur, sondern: braucht die Anarchie Idole?

Im Idealfall sicher nicht. Aber wenn wir aus dem Leben Durrutis etwas mit Sicherheit lernen können, dann dies: das wirkliche Leben richtet sich nicht nach Idealen, auch nicht nach anarchistischen. Wir dürfen ihm sicher glauben, dass es nicht sein Ideal war, Banken zu überfallen, Menschen zu töten, Krieg zu fuhren. Durruti war ein pragmatischer Anarchist mit Blick für das Machbare. Dass aber der pragmatische Anarchist Durruti sich vom Pragmatismus nicht überrollen ließ, dass sein Ideal nicht auf der Strecke blieb und dass er seine Träume bei allem Realismus nie verlor – dass also zwischen Ideal und Wirklichkeit Brücken bestehen, Räume, in denen vieles und Erfolgreiches erreicht werden kann—das ist das eigentlich Hoffnungsvolle an dem anarchistischen Idol Buenaventura Durruti.

 

1) UGT = Union General de Trabajadores [Allgemeine Arbeiter-Vereinigung]; ursprünglich sozialistische, heute sozialdemokratisch! Gewerkschaftt CNT = Confederacin Nacional del

Trabajo [Nationale Konföderation der Arbeit]; anarchistische Gewerkschaft. Das Wort >national< bedeutet lediglich, dass es sich um den landesweiten Zusammenschluss der ansonsten föderalistisch

organisierten, freien Verbände handelt.

 

2) Avantgarde = Vorhut, Vorreiter. Im politischen Sinne: Menschen, die der Entwicklung

vorauseilen, die neue Entwicklungen in Gang setzen. Lenin hat in seiner Theorie der Partei die Rolle der Avantgarde zugeschrieben und daraus deren Herrschaftsanspruch abgeleitet.

 

3) Schisma = Spaltung (früher: innerhalb der Kirche), tiefer Riss.

 

4

) Los Amigos de Durruti = >Die Freunde Durrutis<.

 

5) Als macho [männlich] bezeichnet man in Spanien einen Männertyp, der frauenverachtend auftritt und maskuline Posen, Sprüche und Taten liebt. Früher wurde der Ausdruck durchaus positiv verwendet, heute wird er zunehmend lächerlich bis negativ verstanden.

 

 

 

Bücher:

Über die Spanische Revolution gibt es mittlerweile

auch in deutscher Sprache umfangreiche Literatur;

in Fremdsprachen eine wahre Flut von

Veröffentlichungen. Das hervorragende Buch

Durruti, el pueblo armado [Durruti, das Volk in

Waffen] von Abel Paz (bisher in span., engl. u.

frz.) ist im Commune-Verlag, Stuttgart, in

deutscher Übersetzung angekündigt. I Ansonsten

sehr empfehlenswert:

– Augustin Souchy, Nacht über Spanien, 270 S.,

Trotzdem-Verlag, Grafenau

– Augustin Souchy, Vorsicht Anarchist!, 286 S.,

Trotzdem-Verlag, Grafenau

– Pierre Broué/ Emile Témime, Revolution und

Krieg in Spanien, 2 Bde., 721 S., Suhrkamp Ver-

lag, Frankfurt

– Clara und Paul Thalmann, Revolution für die

Freiheit, 398 S., Verlag Assoziation, Hamburg

(Neuauflage bei Trotzdem-Vlg. geplant).

– Erich Gerlach/Augustin Souchy, Die soziale

Revolution in Spanien, 236 S., Karin-Kramer

Verlag, Berlin

– George Orwell, Mein Katalonien, 287 S.,

Diogenes Verlag, Zürich

– Gaston Leval, Das libertäre Spanien, 352 S.,

Verlag Assoziation, Hamburg

– Diego Abad de Santillán/Juan Peiró, Ökono-

mie und Revolution, 221 S., Verlag Monte Veri-

tà, Wien

– Hans Magnus Enzensberger, Der Kurze Som-

mer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben

und Tod, 231 S., Surkamp-Verlag, Frankfurt

 

 

 

Written by floriangrebner

15. März 2011 at 16:01

Leben ohne Chef und Staat V: Kinderkram

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Kinderkram

Story

Unglaublich langsam setzte sich die Wagenkolonne in Bewegung. Wie von schlechtem Gewissen geplagt schlich sie durch das abendliche Hafenviertel von Montevideo. Es waren 16 Fahrzeuge, und ihre Insassen gehörten verschiedenen Einheiten an: Geheimpolizei, Sicherheitsabteilung des Innenmin isteriums sowie Soldaten und Offiziere der Schule für Marineinfanterie. Letztere in voller Uniform, mit Helm und Schnellfeuergewehr. Sie fuhren in Mercedes Benz Unimogs, in der Mitte des Konvois.

Die Lastwagen kamen aus der Bundesrepublik Deutschland, die Soldaten aus der berüchtigsten Kaserne Uruguays. Die Fusileros Navales waren allgemein für ihre Brutalität bekannt. Voran zwei Jeeps mit Offizieren und Zivilisten, dann eine Ambulanz. Die restlichen Wagen waren Limousinen vom Typ Ford Maverick mit Privatkennzeichen. In ihnen saßen ausschließlich Männer in Zivil. Die meisten von ihnen trugen Sonnenbrillen, obwohl die Sonne längst untergegangen war. Südamerikanische Geheimpolizisten tragen mit Vorliebe schwarze Sonnenbrillen. Zu jeder Tageszeit. Kein Mensch weiß, warum. Zur gleichen Zeit löschte Rubén das Holzkohlefeuer unter der parrilla. Man hatte viel Spaß an diesem Abend gehabt und große Mengen Fleisch gebraten. Der Anlass zu diesem asado war der Besuch von vier argentinischen Genossen, die den ganzen Tag über in der Kommune gewesen waren. Man hatte über Probleme der Zusammenarbeit gesprochen und über ein Druckereiprojekt. Auch über Kindererziehung und die politische Lage. Im Nachbarland Argentinien war im Jahr zuvor der greise Volkstribun Perón wieder an die Macht gekommen, kurz darauf gestorben und nun war seine hysterische Frau Isabel Präsidentin.

Der neofaschistische Flügel der Peronisten bekämpfte sich mit dem linken Flügel bis aufs Messer. Die Militärs warteten ab. Noch. Hier in Uruguay hatten die >milicos< bereits die Macht übernommen und hielten sich nur der Form nach noch einen zivilen Präsidenten. In einem Feldzug gegen das eigene Volk hatten sie den Widerstand der Tupamaros1 erstickt. Das politische Klima wurde immer unerträglicher. All das ging Rubén jetzt durch den Kopf, und ihm fiel auch ein, dass es höchste Zeit war, die Weinstöcke zu beschneiden. Morgen früh wollte er sich sofort daranmachen. Es war Winter und vom Rio de la Plata wehte eine angenehm milde Brise. Mittlerweile war der Konvoi vom Boulevard Artigas in die Avenida Roosevelt eingebogen und fuhr nun in östliche Richtung. Er kam durch das Hauptgeschäftsviertel, aber es lag wie ausgestorben. Präsident Bordaberry hatte ein Ausgehverbot verhängt, und nur, wer eine Ausnahmegenehmigung hatte, durfte sich noch auf der Straße blicken lassen. An jeder wichtigen Kreuzung stand ein Doppelposten Soldaten. Streifenwagen amerikanischer Bauart fuhren langsam, mit Abblendlicht, durch die sonst so lebendigen Straßen der uruguayischen Metropole. Uruguay, einst die Musterdemokratie, die >Schweiz Lateinamerikas<, war zu einem großen Zuchthaus geworden;

es hielt den Weltrekord an politischen Gefangenen im Verhältnis zur Einwohnerzahl, und das größte Gefängnis trug den Namen Libertad. Ein Fünftel der Bevölkerung hatte das Land verlassen. Unter diesen Verhältnissen kam der Konvoi gut voran. An keiner Ampel musste er halten. In weniger als einer Stunde würde das Kommando seine Positionen eingenommen haben. Zur gleichen Zeit wurde in der Druckerei der Kommune fleißig gearbeitet.

Elena und Sergio saßen über Korrekturfahnen gebeugt und plagten sich mit Kommasetzung. Unter einer spärlichen Glühbirne standen Marianela und Susana und steckten Korrekturzeilen ins Blei. Paco gähnte an der Setzmaschine: »Ich glaub’, ich werd‘ uns mal ’nen Kaffee kochen « Es war schon halb zwölf, aber die Arbeit würde sicher noch die ganze Nacht hindurch dauern. Die Bücher, eine neue Ausgabe der Sozialgeschichte der Republik Uruguay, sollten schon nächste Woche im Buchhandel sein. Sie wurden ungeduldig erwartet – nicht nur von den Anarchisten, auch von der Öffentlichkeit. Einige große Zeitungen hatten im Vorabdruck gute Kritiken veröffentlicht, und die ganze Comunidad setzte große Hoffnungen auf das Buch. Eine völlig neue Perspektive der nationalen Geschichte, aber eben auch viel Arbeit für die Druckerei…

Sergio begann wieder mit seinem Lieblingsthema: »Ehrlich, wir sollten uns eine moderne Offsetmaschine anschaffen. Das müssen wir unbedingt auf der nächsten Versammlung noch mal besprechen.« »Aber nicht jetzt!« unterbrach ihn Elena gereizt. »Lies lieber weiter, Mann, es ist schon spät!« Es war nun 11 Uhr 48, und der Konvoi teilte sich. Der größere Teil fuhr weiter in Richtung Osten, in den Vorort Malvín, wo die Comunidad del Sur im Jahre 1955 begonnen hatte zu siedeln; die kleinere Gruppe drehte ab und fuhr in das Arbeiterviertel Palermo am Rande des Stadtzentrums, wo sich die Druckerei befand. An der Gabelung gab es ein kleines Durcheinander, als zwei Unimogs sich dem falschen Zug anschlossen. Ein Offizier sprang aus dem Jeep und schnauzte den Fahrer an. »Estúpidos, könnt ihr nicht denken?! Ihr gehört zur Gruppe >Aurora<, also müsst ihr hier abbiegen, idiotas! Und hört mit dem Rauchen auf, gleich wird’s ernst.«

Rubén hatte inzwischen die Stühle weggeräumt und das schmutzige Geschirr in die Gemeinschaftsküche getragen. Er hatte diese Woche Spüldienst, aber der gute Mendozawein, den die Argentinier mitgebracht hatten, tat nun seine Wirkung.

Rubén war müde, und er war auch nicht mehr der Jüngste. Spülen würde er morgen. Er goss sich einen Mate auf. Der grüne Tee war schon recht ausgelaugt, aber das heiße Getränk tat ihm gut. Mit der kleinen Kalebasse in der Rechten ging er noch einmal zum Kinderhaus hinüber. Das tat er fast jeden Abend, seit sie beschlossen hatten, diese Einrichtung zu wagen. Die Kinder im Schulalter hatten ihr eigenes Haus, in dem die Erwachsenen nichts zu sagen hatten. Sie standen zwar zur Verfügung, wenn Rat und Hilfe gebraucht wurden, aber nur dann. Sonst regelten die Kinder zwischen 6 und 16 Jahren ihr Leben selbst: vom Einkaufen übers Spielen, Sauber machen, Schularbeiten, Freizeit bis hin zur Lösung ihrer Konflikte. Das Kinderhaus war ihr Reich. Rubén spähte durch einen Fensterspalt, alles war ruhig. Er hörte den gleichmäßigen Atem der Kleinsten, die direkt unter dem Fenster schliefen. Silvia wälzte sich im Schlaf auf die andere Seite und schmatzte ein wenig dabei. Sie war gerade 14 geworden. Am Abend war sie mit zwei Gleichaltrigen und Rubens Tochter Laura aus dem Kinderhaus auch zu den Erwachsenen aufs asado gekommen, aber nach einer Weile fanden sie’s >blöd< und >langweilig<. Immer nur über Politik zu reden…

»Qué horror!«

Rubén saugte den Mate durch das silberne Röhrchen und musste schmunzeln. Eigentlich hatten die Kinder ja recht. Über >Politik< sollte man nicht reden. Man sollte sie machen. Leben. Die Kinder lebten den Erwachsenen in dieser Hinsicht schon viel vor. Ob ihnen klar war, dass auch das >Politik< war? Darauf kam es nicht an – wichtig war, wie sie fühlten und was sie taten. Er klopfte das Mategefäss sorgfältig aus und ging ins Haupthaus zurück. Als er den Lichtschalter umdrehte und zu Bett gehen wollte, protestierte eine leise Stimme: »Dejá la luz, ich bin noch am lesen!« Es war Antonio, der in der Ecke am Kamintisch saß und las. Er war mit 85 Jahren der älteste Kommunarde, und sein voller Familienname lautete Lopez-Lombardero. In der Comunidad nannten ihn alle >Lomba<. Lomba war von Anfang an dabei gewesen, und er hatte viel miterlebt. Sein Leben lang hatte er gekämpft, und das Leben in der Comunidad war für ihn die logische Fortsetzung dieses Kampfes, den er und seine Genossen in den unterschiedlichsten Formen betrieben hatten: mit Propaganda und Gewerkschaften, mit Kultur und Sabotage. Manchmal auch mit Gewalt, aber das war lange her, und Lomba sprach nicht gerne darüber. Nun las er Kropotkins Ética. Er wollte darüber einen Artikel schreiben.

»Perdonáme, querido«, entschuldigte sich Rubén und drehte das Licht wieder an. »Buenas nocbes.« »Hasta mañana.« Die Reifen der Unimogs knirschten jetzt über Kies und losen Schotter. Die Asphaltstraße hatten sie vor zehn Minuten verlassen, das Barrio Malvín war ein armes Stadtviertel. Elektrizität war erst vor wenigen Jahren gelegt worden. Die Wagen fuhren nun noch langsamer, niemand rauchte, niemand sprach ein Wort. Keiner bemerkte sie, nur ein paar Hunde kläfften. Es war ja Ausgangsverbot, und im Fernsehen wurde ein Länderspiel übertragen. Eine uruguayische Auswahlmannschaft spielte gegen River Plate, Buenos Aires. In der Passion für Fußball und asado gleichen sich Uruguayer und Argentinier aufs Haar. In den wenigen Häusern, wo novh Licht brannte, flimmerte es bläulich durch die Scheiben.

Als die Einsatzgruppen Aurora und Kolibrí gegen 1 Uhr früh ihre Positionen bezogen hatten, war es in der Kommune schon dunkel. Einzig Lomba las noch in der Ethik von Kropotkin, aber er war schwerhörig und bemerkte nicht, wie die Soldaten von ihren Bänken sprangen und mit der Waffe im Anschlag das Haus umstellten. Die Comunidad hielt sich auch keinen Wachhund, und so hörte niemand, wie die Kieselsteine unter den Stiefeln knirschten, wie eine Abteilung Soldaten hastig durch Rubéns Weingarten trampelte und wie der Einsatzleiter sich hinter einem starken Scheinwerfer postierte und nervös an seinem Sprechfunkgerät hantierte: »Atención, Atención, hier Aurora«, sprach er mit gedämpfter Stimme,

»Kolibrí, bitte kommen«.

»Hier Kolibrí, hier Kolibrí, befinden uns am Einsatzort, cambio.«

»Hier Aurora, wie ist die Situation am Objekt, Cambio?«

»Hier Kolibrí, die Hurensöhne sitzen in der Werkstatt und trinken Kaffee!«

»Na denn mal los!«

Jetzt lief alles in Minutenschnelle und unglaublicher Hektik ab. »Atención! Atención!« quäkte es durch das Megaphon, und der Scheinwerfer strahlte auf, »hier spricht die Polizei. Die Ordnungskräfte haben das Gelände umstellt. Widerstand wird mit Waffengewalt beantwortet. Kommen Sie einzeln, mit erhobenen Händen und ohne Waffen aus dem Haus!« Fahlgelb stand das Haupthaus der Kommune im Flutlicht. Ein unbeschreibliches Hundegebell erhob sich in der Nachbarschaft, selbst ein Hahn wurde rebellisch und krähte. Sonst geschah nichts. Noch einmal wiederholte der Einsatzleiter seine Aufforderung. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ließ er einen Soldaten eine Salve in die Luft feuern. Einen Moment herrschte Totenstille, dann setzte das Gebell wieder ein. Im Haus bewegte sich nach wie vor nichts. Endlich erschien, verängstigt und geblendet, die erste Gestalt im Eingang. Es war Rubén, der noch nicht geschlafen hatte, dicht gefolgt von Lomba, der Kropotkins Ethik noch in der Hand hielt. Ungläubig sah er sich um, ein Gewehrkolben wurde ihm in die Seite gestoßen, und ein vielleicht siebzehnjähriger Soldat brüllte ihn an: »Manos arriba! Los, los, die Hände hoch!« Sie wurden gestoßen und mussten sich auf den Bauch in den Dreck legen. Kropotkins Ethik flog zwischen die zertretenen Weinstöcke. Nun ging im Haupthaus endlich das Licht an, während das Kinderhaus dunkel blieb. Dort lugten die älteren vorsichtig durchs Fenster und begriffen sofort, was los war.

Rascher vielleicht als die Erwachsenen, die zum Teil protestierend, zum Teil einfach sprachlos aus der Tür traten. Sie wurden gezerrt und gestoßen, zu Boden geworfen, getreten; besonders die Frauen. Die Kinder schauten dem aus der Entfernung mit großen Augen zu – gefasst und fassungslos zugleich. Nur die kleinsten weinten leise, vor allem wohl deshalb, weil sie so brutal aus dem Schlaf gerissen wurden. Die Blicke der Kinder verfolgten mit Angst und Hass, was da draußen vor sich ging. Wie ihre Eltern, Freunde, die Erwachsenen der Comunidad nach Waffen durchsucht, beschimpft, geschlagen, auf die Unimogs gestoßen wurden. Die, die als besonders >verdächtig< eingestuft wurden, isolierte man im Ambulanzwagen. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten, dann fuhren die Soldaten mit ihnen davon. Zurück blieben nur die Kinder: große Augen, angehaltener Atem. Augenblicke, die sie nie wieder vergessen würden. Zurück blieben aber auch die Ford-Mavericks mit den Zivilisten, die die Arbeit des Kommandos >Aurora< zu Ende bringen sollten.

Das Kommando >Kolibri< war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon fertig mit seiner Arbeit. Man hatte ohne viel Federlesens die Druckerei gestürmt, Setzkästen und Papierstapel umgetreten, mit den Bajonetten Manuskripte und Druckfahnen zerfetzt, Panik verbreitet. Sergio, den sie zuerst erwischten, hatten sie die Kaffeetasse aus der Hand geschlagen, der heiße Inhalt war Elena über die Beine gelaufen. Sie schrie auf, ein Soldat riss sie vom Stuhl und griff ihr beherzt von hinten zwischen die Beine. »Bastardo!« schrie sie und wand sich aus dem Griff, aber der Soldat war nicht so plump wie jene Nazi-Landser in den miesen Kriegsfilmen; er schnellte ihr nach und warf sie mit einer gewaltigen Ohrfeige zu Boden: »Calláte, puta!« Paco war von der Setzmaschine aufgesprungen und wollte ihr zu Hilfe eilen, aber er bekam einen Kolbenschlag in den Rükken und fiel der Länge nach hin, keine zwei Meter neben Elena. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke unter dem Tisch. Schon war der Soldat wieder über Elena, packte sie am Gürtel ihres Kleides und begann, sie unter dem Tisch hervorzutreten. Sie trat nach hinten aus und klammerte sich an Paco. Aber der Soldat war stärker und zerrte sie hervor. Ein Offizier ging endlich dazwischen und fuhr den Soldaten an: »Lass das, du Sau — so was kannst du später machen.«. Eile war angesagt, die Aktion sollte ohne viel Aufsehen über die Bühne gehen. Schließlich hatte die Comunidad viele Freunde in der Nachbarschaft. Und so dauerte auch die Verwüstung der Druckerei und die Verhaftung der dort arbeitenden Kommunarden kaum länger als eine Viertelstunde. Dann war alles wieder ruhig. Zurück blieben auch hier nur die Zivilen mit den Ford Mavericks…

Alles war nach Plan verlaufen. Aurora und Kolibrí fuhren wieder in ihre Kasernen zurück. Die Gefangenen wurden auf verschiedene Orte verteilt. Einige kamen in reguläre Gefängnisse, andere in Polizeigewahrsam, wieder andere in Militärkasernen und geheime Verliese der Sicherheitspolizei. Das waren irgendwelche unscheinbare Villen mit Garten, an Ausfallstraßen oder auch mitten im Zentrum. Es waren die schlimmsten Orte, an die man gebracht werden konnte, hier waren die Folterzentren. >Büros für außerordentliche Verhöre<, wie es im offiziell-internen Sprachgebrauch hieß. Die dorthin kamen, ahnten, was sie erwartete. Mittlerweile war es neun Uhr geworden, die Wintersonne schien fahl und friedlich vom wolkenlosen Himmel auf Malvin hernieder. Die Zivilpolizisten mit ihren Sonnenbrillen und den Revolvern unterm Jackett hatten die Nachbarn zurück in ihre Häuser gejagt. Die Ausgangssperre sei heute bis Mittag verlängert, hatten sie erklärt, niemand dürfe in dieser Straße das Haus verlassen. Die Leute murrten, zogen sich aber zurück. Die Schulkinder freuten sich und schauten hinter den Fensterläden und Jalousien neugierig zur Comunidad hinüber.

Der alte Dodge vom Bäcker fuhr langsam die Straße hinauf, aber niemand kam an diesem Morgen, um Brot einzukaufen. Auch der Siphonverkäufer und die Gemüsehändlerin mit ihren zweirädrigen Karren machten an diesem Morgen keine Geschäfte. Sie wurden von den Polizisten unwirsch verjagt. Um 9 Uhr 12 entdeckten die Polizisten das Kinderhaus. Das hatten sie bisher einfach übersehen. Es lag im hinteren Teil des Grundstückes, von den Hühnerställen weitgehend verdeckt. »He, Alejandro, komm doch mal hier rüber! Hier ist noch’n Haus. Aber vorsichtig!« Mit gezückter Waffe näherten sich zwei Zivile dem Kinderhaus. Die Fensterläden aus Blech waren verschlossen, man konnte nichts erkennen. Alejandro, ein junger Polizist in tadellosem Anzug, trat die Türe ein. Die beiden Beamten stürmten in den Raum. Es war dämmrig, und obwohl sie vorher ihre Sonnenbrillen abgenommen hatten, konnten sie kaum etwas erkennen. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sie wahrnahmen, wo sie sich befanden: in einem Halbkreis von Kindern und Jugendlichen, die sie entschlossen und trotzig musterten. In der ersten Reihe standen die Alteren, einige hatten die Fäuste energisch in die Hüften gestemmt, andere schauten ängstlich auf die Pistolen.

»Ach du Scheiße, hier ist ja ein ganzer Kindergarten. Was sollen wir denn mit denen machen?«

»Keine Ahnung«. Alejandro steckte die Waffe wieder ein, seine Finger fuhren nervös durchs Haar

und ruinierten die kunstvoll gestriegelte Brillantinefrisur.

»Frag mal den sargento.« Der Kollege verschwand, Alejandro blieb im Kinderhaus.

»Was machen Sie hier? Wo sind die Erwachsenen? Was ist hier eigentlich los?« Carlos, 13 Jahre jung, hatte sich vor dem Polizisten aufgebaut.

»Halt den Mund, und setz dich. Es ist alles in Ordnung.« Eine solche Situation war Alejandro nicht gewöhnt, seine Nervosität stieg. Die Kinder waren von den beiden Polizisten keineswegs überrascht worden. Seit der Verhaftung hatten sie die Fenster verdunkelt, sich angezogen, gewaschen und die Kleinsten versorgt. An eine Flucht war wegen der Kleinkinder nicht zu denken – daher waren drei der älteren Jugendlichen, unter ihnen Rubens Tochter Laura, über den Zaun nach hinten abgehauen, um Freunde zu warnen und Rechtsanwälte zu benachrichtigen. Die restlichen hatten eine Versammlung begonnen und sich im Kreis auf den Fußboden gesetzt. Zwei standen an den Fenstern Wache und hatten die beiden Zivilen herankommen sehen. Sie waren mitten in die Debatte der Kinder geplatzt, wo in einer Mischung aus Angst und Heldenmut gerade diskutiert wurde, was das Ganze wohl zu bedeuten habe und was sie unternehmen könnten. Nun nahmen die Kinder die Debatte einfach wieder auf. Sie zogen sich in den hinteren Teil des Raumes zurück und tuschelten miteinander. Alejandro setzte die Sonnenbrille wieder auf, nahm sie wieder ab, fuhr sich abermals durchs Haar. Er war es gewohnt, dass die Menschen vor der Polizei Angst hatten und zitterten. Diese Kinder brachten ihn völlig aus der Verfassung. Außerdem hatte er noch nicht gefrühstückt, und ihm fehlte eine Tasse Kaffee.

»Ruhe dahinten, ich will kein Wort hören!«

»Beantworten Sie unsere Fragen!« Alejandro konnte nicht sehen, wer das gesagt hatte.

»Ruhe, hab‘ ich gesagt!!«

Schweigen ——-

Alejandro spürte trotz des Dämmerlichtes, wie zwei Dutzend Augenpaare voller Verachtung auf ihm ruhten. Er fand das unerträglich. Die Tür flog auf, herein traten sieben Zivilpolizisten. Einer drehte das Licht an; darauf war Alejandro noch gar nicht gekommen. Zwei andere öffneten die Fensterläden.

»Mein Gott, was für eine Sauerei!« Der sargento war sichtlich getroffen. »Was für degenerierte Schweine! Machen Kinder wie die Kaninchen und sperren sie alle in einen Stall. Mädchen und Jungen zusammen. Das ist ja ein richtiger Sauhaufen!« Und zu seinen Männern gewandt fuhr er fort: »Da seht ihr, Männer, wie weit die Subversion schon geht. Das ist Sodom und Gomorrha, mitten in unserem Vaterland! Es wird Zeit, dass hier aufgeräumt wird. Wetten, die haben noch nie eine Kirche von innen gesehen?!«

»Sicher nicht, mi Sargento« warf ein dicker Kollege ein, der gerade seine Pistole wieder ins Halfter zu schieben versuchte, was ihm nicht gelang,

»aber was machen wir bloß mit denen?«

»Weiß ich auch nicht. Vielleicht bringen wir die in ein Heim oder so was. Aber daran will ich mir nicht die Finger verbrennen. Das soll der Polizeipräsident entscheiden oder meinetwegen der Innenminister. Mir ist das zu heiß. Wir werden ihm gleich Meldung erstatten. Das ist nicht unser Bier – so ein Kinderkram!«

»Davon steht auch nichts im Operationsplan«, warf der Dicke wieder ein.

»Kinder, ihr bleibt hier und rührt euch nicht von der Stelle. Ihr braucht keine Angst zu haben.«

»Wir haben keine Angst. Sagen Sie uns, wo die Erwachsenen sind und was hier überhaupt los ist!«

Nun war es am sargento, die Fassung zu verlieren.

»Papperlapapp! Ihr habt gar nichts zu melden. Hier passiert, was wir sagen.«

»Dann sagen Sie uns, was hier passiert.«

» —– «

»Wo sind unsere Eltern?«

»Ruhe, ihr sollt nicht so vorlaut sein! Es ist alles in Ordnung.«

Die Polizisten verließen das Haus wie eine Höhle, in der es spukt. Der sargento begab sich auf die Toilette. All das war ihm auf die Blase geschlagen. Als er die Tür aufriss, rempelte er gegen den Polizisten Alejandro, der sich gerade seine Frisur mit einem chromglänzenden Metallkamm wieder in Ordnung brachte und so seine innere Fassung wiederfand.

»Na, alles in Ordnung, Alejandro?«

»Sí, mi sargento«

»Woll’n mal sehen, dass wir hier so schnell wie möglich wieder wegkommen. Das ist ja das reinste Irrenhaus. Keine Waffen, kein Sprengstoff, keine subversive Literatur, nur ’n Haufen Humbug in der Bibliothek, den keiner versteht, aber ein Stall voller respektloser Kinder – die reinste Satansbrut. Das ist doch keine seriöse Arbeit für einen Polizisten!«

» Sí, mi sargento«

Am Mittag war der Spuk vorbei, kein Ford Maverick stand mehr in der Straße, die Nachbarn trauten sich wieder aus ihren Häusern und kamen zur Comunidad herüber. Dort trafen sie die Kinder bei der Arbeit. Die Soldaten hatten vieles zerschlagen, zertrampelt und zerstört. Die Polizisten hatten das Chaos vollendet: Auf dem Boden lagen Bücher in Tomatensoße, an der frisch gewaschenen Wäsche klebte Karamellsirup, Mülleimer und Papierkörbe waren auf dem Teppich entleert worden. Die Kinder räumten still und deprimiert auf. Es dauerte über drei Wochen, bis die ersten Erwachsenen der Comunidad wieder frei kamen. So zynisch es klingt, sie hatten bei allem noch Glück. Trotz des herrschenden Militärterrors, trotz des Ausnahmezustands und trotz der allgemeinen Brutalität gab es noch eine halblegale Opposition, eine zensierte, aber wache und listige Presse, eine öffentliche Meinung und eine gewisse humanistische Tradition, auf die selbst der Präsident Rücksicht nehmen musste. Noch. Nur ein Jahr später wäre das Leben der Kommunarden in Uruguay, aber auch in Argentinien, keinen Peso mehr wert gewesen. Nur ein Jahr später herrschte auch in diesen so europäisch geprägten Republiken am Rio de la Plata mit ihrer starken Arbeiterbewegung und ihrem stolzen demokratischen Bewusstsein der nackte Vandalismus. Staatsterror wie in Chile, Paraguay, Guatemala…, Staatsterror made in USA.

So verliefen die Operationen >Aurora< und >Kolibrí< letztendlich im Sande. Es gab keinen Prozess, nicht einmal eine Anklage. Die Verhafteten wurden gedemütigt und geschlagen, viele gefoltert. Manche führte man zu Scheinhinrichtungen und alle wurden streng isoliert. Aber sie überlebten und kamen einer nach dem anderen wieder frei.

Bei aller Angst um das eigene Leben war für Rubén, Lomba, Elena, Sergio, Paco und all die anderen eine Angst quälender als alles andere: Was war mit ihren Kindern? Sie waren völlig auf sich allein gestellt, hatten kein Geld und keine Hilfe. Niemand wusste von ihrem Schicksal. Hatte man sie ihnen weggenommen und in ein Heim gesteckt, oder waren sie am verhungern? Hatte man sie ihrem Schicksal überlassen oder sie am Ende auch gequält? Diese Gedanken waren schrecklicher als die Folter. Elena gehörte zu der ersten Gruppe von Frauen der Comunidad, die wieder freigelassen wurden. Sie liehen sich bei Freunden in der Innenstadt Geld für ein Taxi, denn im Gefängnis hatte man ihnen alles genommen. Voller Angst fuhren sie nach Malvín, auf das Schlimmste gefasst. Im Haus sollten sie eine Überraschung erleben, die sie nie mehr vergessen würden. Man erwartete sie bereits. Eine regelrechte Delegation von Nachbarn empfing sie mit Blumen und hieß sie mit Wein willkommen. Das Essen stand fertig auf dem Tisch. Der Gemeinschaftsraum war zu klein, um alle zu fassen. Die Kinder führten das Regiment und hatten offenbar alles fest im Griff. Die freigelassenen Frauen weinten vor Freude, und jetzt endlich weinten auch die Kinder. Zum ersten Mal, und nicht vor Angst, sondern vor Freude. Fragen, Antworten, wieder Fragen…

Das Problem, was die Behörden mit den Kindern anfangen sollten, war in der Bürokratie und dem Kompetenzwirrwarr einfach untergegangen. Man hatte sie vergessen. Sie waren tatsächlich >ihrem Schicksal über- lassen< worden, und das war was Beste, was ihnen passieren konnte. Beim Essen berichteten Silvia, Laura und die anderen Jugendlichen, was in den drei Wochen passiert war:

»Als die Polizisten weg waren, haben wir erst mal Ordnung gemacht und mit den Nachbarn gesprochen. Die konnten uns aber auch nicht helfen. Am Nachmittag kamen Laura und Alfredo aus der Stadt zurück. Sie haben einigen Genossen Bescheid gegeben und es bei zwei Anwälten versucht, die wollten aber nichts von der Sache wissen. Dann haben wir jeden Tag eine Vollversammlung gemacht und überlegt, was wir tun konnten. Wir mussten ja alles selber organisieren. Wir haben den Garten weiter bestellt und auch die Hühner versorgt. Das Gemüse und die Eier haben wir einfach verkauft. Das ging prima. Davon und von dem, was uns die Nachbarn gegeben haben, haben wir gelebt. Jede Woche haben einige von uns sich für die Versorgung der Kleinen, fürs Kochen, Einkaufen, Sauber machen, Garten, Hühner und Verkauf gemeldet. Die anderen haben sich inzwischen überlegt, was wir sonst noch tun konnten. Wir haben an die Genossen Briefe geschrieben, auch nach Argentinien und Europa, auch nach Nordamerika, damit die erfahren, was hier los ist. Hoffentlich können die auch Spanisch lesen! Na, und dann haben wir auch die Zeitungen angerufen, aber ich glaube, die hatten ganz schön Schiss. Jedenfalls haben sie hier in Montevideo nicht viel darüber geschrieben. Aber Anwälte, die haben wir schließlich doch gefunden. Das habt ihr ja wohl im Gefängnis auch gemerkt? Von denen wussten wir ja auch, dass ihr heute entlassen werdet. Guckt mal, hier haben wir schon die Solidaritätsschreiben gesammelt, die wir bekommen haben, und die Zeitungsausschnitte. Aus Uruguay sind nur zwei ganz kleine Berichte dabei, aber im Ausland, hier seht mal, ist viel drüber geschrieben worden. Amnesty International hat auch gleich was unternommen, und ich glaube, der Präsident hat ’ne Menge Post bekommen.

In Amerika hat’s auch bei drei oder vier uruguayischen Konsulaten Demonstrationen gegeben und auch in Brasilien. So, und dann haben wir viel Besuch gehabt. Genossen aus Argentinien von der Kommune Tierra waren hier und haben uns geholfen. Wenn es nötig wird, haben sie gesagt, können wir erst mal zu denen rüber und verschwinden. Ach ja, und hier ist die Liste der Spenden, die wir in der Nachbarschaft bekommen haben. Aber nicht nur aus Malvín aus der ganzen Hauptstadt kam Hilfe und sogar aus dem Norden, aus Mercedes, Fray Bentos, aus Tacuarembó, Salto und Artigas…« Elena hörte gebannt zu. Sie und die anderen schwiegen. Sie waren zu bewegt, um Silvias Bericht auch nur durch eine Frage zu unterbrechen. Schließlich platzte es aus ihr heraus:

»Wie habt ihr das nur alles geschafft? Wer hat euch denn gesagt, was ihr tun solltet? Das war ja die perfekte Selbstverwaltung…« Silvia sah sie verwundert, fast ein wenig verärgert an:

»Wieso? Glaubst du, wir wären doof, bloß weil wir nicht erwachsen sind? Ihr habt doch immer von eurer Anarchie geredet und geredet… Das war doch logisch, dass wir uns selber helfen mussten. Ihr habt uns doch das Kinderhaus gebaut, damit wir selbst klarkommen – und nun wunderst du dich, das wir das auch tatsächlich tun?«

»Ja, aber…«

»Nichts ja aber«, fuhr Laura dazwischen. »Du meinst wohl, man müsste erst Kropotkins Ethik lesen, bevor man was von Anarchie versteht?«

»Übrigens, die >Ethik< von Lomba haben wir ganz zertreten beim Wein gefunden. Wir haben sie wieder geflickt und in die Bibliothek gestellt«, sagte Alberto. Alle lachten.

»Und der Wein ist in diesem Jahr gut gekommen. Wir haben die Stöcke schon geschnitten…«

 

Geschichte

Venedig, im Herbst 1984. Anarchisten aus aller Welt haben sich in der Stadt versammelt. Es wird zwar nicht das größte, aber wahrscheinlich das wichtigste Anarchistentreffen seit dem Ende des spanischen Bürgerkrieges. Fast 50 Jahre hatte es keine solche Zusammenkunft mehr gegeben: eine offene Versammlung, ohne das Korsett bestimmter Organisationen, ohne Leistungszwang, ohne die Trennung von Politik, Kultur und Spaß. Aus allen Erdteilen reisten sie an; auch Rubén, Silvia und Laura waren dabei. Wie viele es waren, vermochte niemand zu sagen, denn in der Chaosstadt der Kanallabyrinthe waren sie nie alle zusammen an einem Platz. Das Convegno anarchico fand gleichzeitig an drei verschiedenen Orten statt. Zwei Plätze hatte die Stadtverwaltung den Anarchisten überlassen. Einer von ihnen diente als Treffpunkt, für Essen und Trinken, Literatur und Kommunikation, Musik und Schwof; der andere war Kunst und Kultur gewidmet: in einem enormen Zirkuszelt fanden Ausstellungen und Veranstaltungen, Theater und Filmvorführungen, Debatten und Feten statt.

In der Universität schließlich wurde das begonnen, was seit Jahrzehnten überfällig war: der Versuch einer theoretischen, historischen und praktischen Standortbestimmung des modernen Anarchismus. Eine Aufgabe, die derart vernachlässigt war, dass das beklemmende Gefühl, in strategischen Sackgassen zu stecken, bei den Anarchisten fast schon zu einer weltweiten Krankheit geworden war. Die bürgerliche Presse schätzte, dass zwischen 3000 und 5000 Anarchisten dem Ruf der italienischen Genossen gefolgt waren. Venedig erlebte einen anarchistischen Karneval, in dem zwischen ernster Politik und freier Lebensfreude keine Grenze mehr zu ziehen war. Sogar viele Touristen änderten ihre Pläne und erschienen täglich, statt in Museen und Kirchen, auf den Plätzen, die die Anarchisten bevölkerten. Und das nicht nur, weil der Wein – eine Spezialabfüllung! – so gut und so preiswert war…

Im überfüllten Saal der Fakultät für Architektur von Venedig saßen Rubén, Silvia und Laura auf dem Podium. Obwohl die kühle Jahreszeit schon angebrochen war, war es im Raum heiß und schwül. Über tausend Menschen, dicht gedrängt, die Luft zum Schneiden dick. Das Thema: >gelebte Anarchie<. Eines von mehreren Dutzend Themen, die auf dem Treffen beackert wurden. Von den Problemen der neuen Medien bis zur Ökonomie, von Revolutionsmodellen zur Erziehung, von Gewerkschaftsfragen zur Elektronik, von Orwell zur Kunst, vom Feminismus bis zur Strategie im Ostblock versuchte die Bewegung hier Fragen aufzuwerfen, Diskussionen zu fuhren, Positionen zu finden. Das Ganze stand unter dem Motto > 1984<, jenem unheilschwangeren Orwellschen Datum2, zu dem Anarchisten sozusagen von Hause aus einiges zu sagen haben. Das Thema >gelebte Anarchie< hatte großes Interesse gefunden, aber viele Zuhörer und Diskutanten im Saal waren enttäuscht: auch hier hatten zu oft die reinen Theoretiker das Sagen. Gelehrte Professoren und fleißige Bücherwürmer, die sich gerne reden hörten, ließen die Mikrophone nicht mehr los und versuchten in der begrenzten Redezeit möglichst viele ihre Thesen und Erkenntnisse loszuwerden. Das brachte nicht nur die armen Simultandolmetscher in ihren Glaskästen zum Schwitzen, sondern auch viele im Publikum zum Kochen. Bei den anderen Veranstaltungen war es schon schlimm genug gewesen mit den Intellektuellen, die man immer wieder auf den Teppich holen musste – aber hier, bei d i e s e m Thema?! Man hatte sich eigentlich mehr Handfestes, Konkretes versprochen: Wie lebten denn zum Beispiel die Herren Professoren, die hier redeten und redeten, i h r e Art von Anarchie in i h r e m Leben? Und warum saßen da auf dem Podium so viele Männer und so wenig Frauen? Bescheiden und fast banal klang dann, was Silvia, Laura und Rubén berichteten. In einfachen Sätzen erzählten sie die Geschichte i h r e r gelebten Anarchie, nämlich die der Comunidad del Sur. Nur gelegentlich stellten sie Thesen auf oder zogen verallgemeinernde Schlüsse. Nach einer ermüdenden Debatte über das Privateigentum bemerkte Rubén einmal lakonisch: »Ich weiß in diesem Moment nicht, ob der Pullover, den ich trage, meiner ist oder nicht. Wir praktizieren seit 30 Jahren Kollektiveigentum, und wir tun dies freiwillig. Ich besitze eigentlich nichts und bin trotzdem unermesslich reich. Ich habe nie das Gefühl gehabt, das mir irgend etwas fehlte.« – Schweigen. Rubén beendete seinen Beitrag über >gelebte Anarchie< mit der Geschichte von der Verhaftung und den Kindern der Comunidad, die ich in der Story erzählt habe. Er brauchte dazu kaum mehr als zehn Sätze und schloss mit den Worten: »Ich denke, das, was diese Kinder damals gemacht haben, war mehr gelebte Anarchie als alles, was wir heute hier zu hören bekommen.« Der Applaus wollte nicht enden. Die Geschichte der Comunidad del Sur ist alles andere als typisch für den Anarchismus in Uruguay. In dem kleinen Land am Rio de la Plata hatte sich die Bewegung in ähnlichen Bahnen entwickelt wie im riesigen Argentinien, am anderen Ufer des Flusses. Natürlich weniger stürmisch, weniger spektakulär, auch weniger tragisch. Viele argentinische Anarchisten fanden in dem liberalen Land Zuflucht vor ihrer Verbannung, und nach 1939 kamen zahlreiche geschlagene Spanienkämpfer3 ins Land. Dennoch verlor der Anarchismus auch hier während der Nachkriegszeit seine einstige Bedeutung und fristete schließlich eher das Dasein eines Traditionsvereins als das einer kämpferischen Bewegung.

Die Comunidad kann durchaus als eine Antwort auf diesen >Marsch in die Sackgasse< verstanden werden. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum die >Geschichte der Comunidad< auch nicht nur Geschichte ist, sondern ebenso auch Gegenwart. Sie hat alle Verfolgungen überstanden, lange Jahre des Exils, Entwurzelung und Zerstörung. Sie existiert heute, über dreißig Jahre nach ihrer Gründung so lebendig wie eh und je. Wenn jemand nach einer Personifizierung der >lachenden Verlierer< aus der Einleitung zu diesem Buch sucht, so ist es das Lächeln von Silvia, Laura und Rubén. Seit ihrer Gründung im Jahre 1955 war die Kommune ständigen Verfolgungen ausgesetzt – mal sanft, mal brutal, mal subtil, je nach der politischen Wetterlage in Uruguay. Ihre Gründer waren auf der Suche nach neuen Auswegen aus den traditionellen Formen anarchistischer Organisation und Praxis. Ihr Ziel definierten sie kurz und bündig: »Das Experiment eines allumfassenden kooperativen Lebens.« Die >Kommune des Südens< sollte alle Bedürfnisse ihrer Mitglieder abdecken: Arbeit, Konsum, Erziehung, Freizeit, das Bedürfnis nach menschlicher Wärme, politische Wirkung nach außen, Muße, Bildung, Spaß… Dies alles nicht in Form einer ab gekapselten Fabrik, in der der einzelne Mensch von der Gemeinschaft quasi zwangsweise beglückt und erdrückt wird, sondern in angenehmen, menschlichen Formen, die jedem Individuum neben seiner kollektiven Geborgenheit auch seinen notwendigen persönlichen Freiraum belässt.

Diese Ideen waren und sind im Anarchismus nicht neu. Kommunen solcher Art – von kleinen Gruppen bis hin zu großen Siedlungsgemeinschaften und Vernetzungen — haben Anarchisten seit dem vorigen Jahrhundert immer wieder versucht und versuchen dies auch heute wieder. Keine dieser Kommunen war wie die andere. Einige waren erfolgreich, andere gingen wieder zugrunde – an inneren Widersprüchen oder durch den Druck des Staates. Die meisten dieser Kooperativgemeinschaften existierten in Nordamerika und Europa, und auch heute ist das bunte Feld solcher Experimente dort am weitesten fortgeschritten. Selbstverständlich sehen heutige Anarchokommunen anders aus als die vor hundert Jahren. Die Kommuneidee ist nie stehen geblieben, sie hat es mit erstaunlicher Phantasie immer wieder geschafft, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, neue Erkenntnisse umzusetzen und neue Formen zu entwickeln: ein kleines Stück künftiger Anarchie hier schon heute zu leben. Der Hintergedanke dabei ist denkbar einfach; man fängt praktisch zwei Flügel mit einer Klappe: einerseits macht es das eigene Leben angenehmer, und die Kommunarden fuhren – soweit dies unsere Gesellschaften zulassen – ein glücklicheres Leben. Andererseits dürfte eine solche vorgelebte, praktizierte Anarchie — und sei es auch nur in Teilbereichen der Gesellschaft und scheinbar unwichtigen Alltagsdingen – wohl das überzeugendste Argument sein, um seinen Mitmenschen den Anarchismus verständlich zu machen und nahezubringen.

Der beste Prediger ist immer noch der, der mit dem Beispiel predigt. Nur die allerwenigsten Leute können etwas mit gedruckter Propaganda oder mit Agitationsreden anfangen. Die Handvoll Anarchisten, die in den fünfziger Jahren in Montevideo die Comunidad gründeten, hatten ähnliches im Sinn. Ihnen waren die Erfahrungen aus Europa und Nordamerika bekannt, und sie suchten eine spezifische Form für ihre südamerikanischen Gegebenheiten. Etliche von ihnen kamen aus der traditionellen anarchistischen Bewegung und hatten deren Niedergang bewusst miterlebt; sie suchten nach neuen Formen und dachten dabei nicht etwa an einen Bruch. Eine gegenseitige Belebung, der Versuch einer Verbindung zwischen den neuartigen Kommuneexperimenten und der traditionellen Bewegung, vornehmlich der Gewerkschaften, war eines ihrer Anliegen. Schon nach wenigen Jahren war die Kommune auf über sechzig Menschen angewachsen. Etwa ein Drittel davon waren Kinder, ein Drittel Frauen, ein Drittel Männer; zwei alte Veteranen gehörten auch dazu. Es gab auch etliche Kooperativisten, die zwar in den Werkstätten oder in der Landwirtschaft einen Arbeitsplatz gefunden hatten und auch die gemeinsamen Mahlzeiten mit einnahmen, aber nicht in der Kommune wohnten. Der Hauptsitz der Comunidad am Stadtrand von Montevideo lag auf einem Grundstück von zwei Hektar. In den Häusern gab es neben den Wohnräumen einen Speisesaal, eine Gemeinschaftsküche, eine Wäscherei, eine Bibliothek, Freizeit- und Sporträume und ein Kinderhaus sowie Hobbywerkstätten, ein Theater- und Kunstatelier und Räume zum Spielen. Auf dem Grundstück betrieben die Kommunarden Gemüseanbau und einen Geflügelhof. Die Haupteinnahmequelle aber war die Druckerei, eine der leistungsfähigsten des Landes, die ihre Werkstätten im Zentrum Montevideos betrieb. Die Drucker der Comunidad waren nicht nur als gute Handwerker, sondern auch als hervorragende Designer und Grafiker bekannt.

Alle ein bis zwei Wochen tagte die Vollversammlung, auf der die allgemeinen Fragen für die Wirtschaft, die Erziehung, neue Planungen, aber auch die Beziehungen zur näheren oder weiteren Nachbarschaft debattiert und gelöst wurden. Zwei größere Versammlungen im Jahr waren weitergehenden Perspektiven und Planungen gewidmet; hier wurden neue Investitionen beschlossen, Prioritäten festgelegt, Arbeitszeiten und Einsätze besprochen, Bildungs- und Freizeitvor- haben geplant, Richtlinien erarbeitet.

Darüber hinaus hatte jede Kooperative gleichzeitig seine eigene, autonome Versammlung, die die Arbeit und das Zusammenleben in jedem Produktionszweig regelten. Die Hühnerzüchter und die Handwerker, die Drucker und die Gemüseanbauer, die Hausarbeiter und die, die sich um Erziehung und Kulturarbeit kümmerten, beschlossen also jeweils für sich, wie sie ihre Arbeit und ihr Leben im Detail gestalteten. So praktizierten die Kommunarden in Uruguay für jedermann verständlich, für Nachbarn, Kunden, Anarchisten und Kinder einsehbar, das, was sie unter Selbstverwaltung verstanden. Und es funktionierte. Kein Mensch hat natürlich Lust, jeden Tag auf irgendwelche Vollversammlungen zu rennen und sich in seiner Freizeit mit allen möglichen Problemen herumzuschlagen oder endlose Diskussionen zu führen. Auch hieran hatten die cooperativistas gedacht: damit die Selbstverwaltung nicht zu einer nervigen Plackerei wurde, gab es bestimmte delegierte oder auch kleinere Kommissionen, die vor allem den alltäglichen Kleinkram und die mehr technischen Probleme erledigten. Diese Funktion waren vorübergehend oder auch für längere Dauer eingerichtet, und die Grundlage der Arbeit dort war Vertrauen. Eine Entscheidungsbefugnis hatten sie nicht und konnten jederzeit von der Vollversammlung abberufen werden. Dadurch vermied man die Entstehung neuer Herrschaft und zu große Autorität einzelner Leute. Auch eine Bürokratie konnte sich unter solchen Bedingungen nicht entwickeln. So praktizierten die Frauen, Männer und Kinder der Comunidad das, was sie unter libertärem Kommunismus verstanden, und es funktionierte.

Auch sozial schwierige Situationen, die in der Gesellschaft als Probleme oder Makel angesehen werden, wie Alter, Krankheit, Invalidität, Kindheit, Mittellosigkeit, wurden innerhalb der Kommune angepackt und bewältigt. Hier wurde vor aller Augen täglich bewiesen, dass Solidarität statt Bürokratie, freie Erziehung statt Staatsschulen, Kommunedasein statt Altersheimen das Leben lebenswerter und den Staat auch in seinen angeblich positiven Aufgaben überflüssig machen können. All das war ein kleines, bescheidenes Stück gelebter Anarchie. Es war gelebte Anarchie, die jeder sehen und begreifen konnte. Es war Anarchie, in der niemand über den anderen herrschte und in der es trotzdem kein Chaos gab, Anarchie, in der man keine Chefs, Meister und Lehrlinge kannte, und in der trotzdem ernsthafte und gute Arbeit verrichtet wurde, Anarchie, in der man keine sozialen Segnungen des Staates fand und den Menschen trotzdem nichts fehlte. Funktionierende Anarchie zum Anfassen. Sicherlich gab es größere, vielleicht auch interessantere anarchistische Kommuneprojekte in anderen Teilen der Welt, aber für Uruguay – ja, für ganz Südamerika – wurde die Comunidad zwischen 1965 und 1975 zu einem Mekka für Menschen, die auf der Suche nach neuen Lebensformen waren. Nicht nur Anarchisten waren es, die nach Montevideo reisten, um die Kommune zu sehen und ihre Menschen kennenzulernen. Ihre Attraktivität war in der engen Nachbarschaft, unter den Frauen am Markt oder den Kunden in den Werkstätten ebenso groß wie bei Universitätsprofessoren von Santiago bis Bogota. Erziehungstheoretiker studierten sie ebenso begeistert wie Künstler, Gewerkschafter ebenso wie die junge Generation der rebellischen Schüler und Studenten. Der Einfluss der Comunidad del Sur ging dabei weit über den Umkreis ihrer konkreten Arbeitsbereiche hinaus. Sie züchteten nicht nur Hühner oder Gemüse, druckten nicht nur Broschüren und Visitenkarten — sie arbeiteten und lebten nicht nur anders als alle anderen, sie kapselten sich bei alledem auch nicht ab. Sie beeinflussten, inspirierten, wirkten auf eine ganze Generation von Menschen, und das war kein Zufall. Es war gewollt, organisiert, geplant und gehörte zum Konzept. Sie druckten nicht nur Bücher für irgendwelche Kunden, sie schrieben auch selber Bestseller über brennende Themen. Sie erzogen nicht nur ihre Kinder anders, sie nahmen auch aktiv Teil an der Debatte über Erziehung und Unterricht. Sie kritisierten nicht einfach die Lehrmittel, sie schrieben, druckten und verkauften bessere Schulbücher. Sie nörgelten nicht an der Verdummung durch Konsum, Staat und Kirche herum, sie taten etwas dagegen. Kunstausstellungen und Sportveranstaltungen, Lesungen und Wettbewerbe, Vortragsreisen und Kulturveranstaltungen, öffentliche Feste und Seminare gehörten für die Kommunarden ebenso zu ihrem Alltag wie die aktive Teilnahme an Bewegungen, Demonstrationen, Streiks und sozialen Kämpfen ihres Heimatlandes. Die Comunidad war kein Fremdkörper in der uruguayischen Gesellschaft, sie war ein Teil von ihr. Ein virulenter4 Teil, der munter wuchs und auf Dauer dem Staat gefährlich werden konnte.

Dies unterscheidet die Comunidad angenehm von recht vielen deutschen Alternativprojekten unserer Tage, die nur allzu oft die selbstquälerische Tendenz haben, sich vor der bösen Gesellschaft mit ihren schlimmen Schrecklichkeiten und dummen Menschen in eine selbstgestrickte Idylle zu flüchten und das eigene Heil bei biodynamischem Gemüse und selbst gesponnener Wolle zu suchen. Das kann der Staat prima verkraften, das schließt die Menschen aus der Nachbarschaft fast automatisch aus und lässt im Zweifelsfall die Argumente einer Bild-Zeitung immer noch schwerer wiegen als jedes gelebte Beispiel. Anarchie ist machbar, Frau Nachbar – aber nicht im stillen Kämmerlein Zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Story spielt, war die Comunidad auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Entwicklung. Sie, die aufflammende Studentenbewegung und die mit ihr entstandenen neuen anarchistischen Gruppen, die alte anarchistische Bewegung und die Gewerkschaften waren aber nicht die einzigen Faktoren, die bestimmten, was in Uruguays linker Landschaft außerhalb der Parteien vorging. Eine neue Kraft war ins Spiel gekommen, die >Tupamaros<.

Tupamaros — das klingt exotisch und nach Abenteuer. In der Tat war es wohl die phantasievollste, humanste und witzigste Stadtguerillaorganisation, die die Welt je gesehen hatte. Auch hierzulande war dieser Name Anfang der 70er Jahre in linken Kreisen ein Zauberwort, und in Uruguay konnten sie bis zu ihrer militärischen Zerschlagung 1972/73 auf unverhohlener Sympathie in der Bevölkerung, aber auch in den liberalen Medien zählen. Es gab eine Zeit, wo die Kinder in Montevideos Straßen nicht Räuber und Gendarm spielten, sondern Tupamaros und Polizei. Und niemand wollte gern den Polizisten machen. Dass sie so populär waren, hatte seine guten Gründe. Die Organisation war aus einer völlig legalen Zuckerrohrarbeiter-Gewerkschaft im Norden des Landes entstanden. Eine ihrer ersten Aktionen war ein spektakulärer Hungermarsch der Tagelöhner auf die Hauptstadt. Diese Bewegung war praktisch durch Verfolgung, durch Verelendung der Arbeiter und die Aussichtslosigkeit legaler Gewerkschaftskämpfe zur Stadtguerillataktik hin geprügelt worden. Diese Entwicklung wurde von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Als das Movimiento de Liberación Nacional (MLN – Bewegung zur Nationalen Befreiung) schließlich die ersten Aufsehen erregenden Guerillaaktionen startete, wussten die Menschen, dass es sich hier nicht um irgendwelche wild gewordenen linken Intellektuellen handelte, die sich als Avantgarde des Proletariats aufspielten, sondern um Leute wie sie selber, die versuchten, sich ihrer Haut zu wehren und den Staat mitsamt seiner Korruption, seiner Hungerpolitik und seiner Unterdrückung auf andere Weise zu bekämpfen. Diesen Sympathiebonus nutzte die MLN geschickt aus. Sie gab sich den klangvollen Namen >Tupamaros< und knüpfte damit an alte Traditionen des Widerstandes an.

Der legendäre Inkaführer Tupac Amaru führte 1780 einen erfolgreichen Indianeraufstand gegen die spanischen Besatzer, wurde geschlagen und in Cuzco öffentlich gevierteilt. Sein Name ist Mythos. Das intelligenteste aber war die Art, w i e die Tupamaros Guerilla machten. Sie legten keine Bomben, trafen keine Unschuldigen, spielten nicht offene Feldschlacht mit dem Staat und benutzten auch keine abgehobene Phraseologie. Sie machten >Guerilla des kleinen Mannes<: Aktionen, die man verstehen konnte, die politisch sinnvoll waren und über die das halbe Land lachte. Und: sie töteten keine Menschen. Erst in den letzten Monaten ihrer Existenz, nach der Eskalation der militärischen Verfolgung, gab es auf beiden Seiten Tote bei Feuergefechten mit der Polizei. Die Taktik der Tupamaros war eine Tugend, die sie aus der Not gemacht hatten. Uruguay ist ein kleines Land ohne Berge und Urwald – für die klassische Guerilla wie beispielsweise in Kuba also ungeeignet. So machte die MLN Guerilla im modernen Urwald der Großstadt. Auch hier konnte man angreifen und untertauchen. Der Bewegung kam hierbei zugute, dass sie große Sympathien und aktive Unterstützung in breiten Teilen der Bevölkerung aller Schichten fand. Ihre aktiven Kämpfer waren auch keineswegs Berufsguerillas, sondern in aller Regel normale Menschen, die tagsüber ihren seriösen Berufen nachgingen und auf die kaum ein Verdacht fiel, Tupamaro zu sein. Anfänglich mussten nur wenige Guerilleros für ganz in den Untergrund gehen, die meisten führten ein Doppelleben. Politisch entsprachen die Tupamaros einem breiten linken Spektrum aus Gewerkschaftern, Mitgliedern der Sozialistischen Partei, Anarchisten, linken Christen, Castro- und Guevara-Anhängern5, aber auch Dissidenten der Kommunistischen Partei, die ansonsten heftig gegen die MLN zu Felde zog. Vor allem aber waren die Tupamaros keine Guerilla, die ein ab gekapseltes, militärisch-mönchisches Eigenleben führte. Selbst zu Zeiten als der militärische Kampf hart tobte, hatte die Guerilla eine legale Organisation, die >Gruppe 26. März<, die die Bewegung in der Öffentlichkeit und im Volk zu vermitteln versuchte. Die einzelnen Guerillakommandos operierten nicht auf eigene Faust oder unter einem starren Oberbefehl, sondern waren in Lokalkomitees verankert. In dem zum Klassiker gewordenen Film >Der lautlose Aufstand< hat Regisseur Costa Gavras den Tupamaros ein Denkmal gesetzt. In ihm wird der einzige politische Mord geschildert, den die Tupamaros jemals gezielt begangen haben: Bei einer Entführung war ihnen der US-Geheimdienstagent Dan Mitrione in die Hände gefallen. Er war dafür zuständig, die uruguayische Polizei in >moderner Folter< wie Elektroschocks und in Morden an politischen Gegnern auszubilden. Nachdem man ihn verhört und die Protokolle veröffentlicht hatte, wurde er der Regierung zum Tausch gegen gefangene Tupamaros angeboten. Als die Regierung ablehnte, tötete man Dan Mitrione. Diese >Hinrichtung< war das Ergebnis einer landesweiten Abstimmung aller lokaler Gruppen – legaler wie illegaler – die die Tupamaros trugen. Ansonsten war Uruguays Stadtguerilla eher eine Spaßguerilla, allerdings eine ernste. Kein Vernichtungskrieg gegen Menschen, sondern ein phantasievoller Kampf gegen Institutionen, der neben politischer Wirkung durchaus auch Unterhaltungswert hatte. Das politische Ziel war ohne Dogma und einfach definiert: >Sozialismus<, Punktum; Das war bei einer solch bunten Front auch kaum anders denkbar, und das machte die Tupamaros auch so sympathisch. Ebenso einfach war ihre Taktik: Verunsicherung und Entlarvung des Systems und seiner Institutionen und die Beschaffung von Geldern zur Finanzierung der Opposition – nicht nur der eigenen Bewegung. Der Spruch >legal – illegal – scheißegal< hätte von den Tupamaros stammen können. Die Taktik war fast immer intelligent ausgedacht und perfekt ausgeführt:

Eine der ersten Aktionen der Tupamaros war der Überfall auf eine Bank mitten in der Hauptstadt. Den mächtigen Tresor sprengte man kurzerhand in die Luft. Niemand merkte es, denn zu dem Piratenstück hatte man sich die Silvesternacht ausgesucht. Der Diebstahl wurde erst zwei Tage später bemerkt. Die Besetzung von Rundfunksendern gehörte ebenso zu ihrem Repertoire wie ein Überfall auf das Spielcasino des mondänen Badeortes Punta del Este, beidem nicht nur das Bargeld, sondern auch die Klunker der Damen und die Rolex-Uhren der Herren nach Spielfilmmanier ein- gesackt wurden. Als Freunde des kleinen Mannes vergaßen die Tupamaros bei dieser Aktion indes nicht, den Croupiers und Angestellten am folgenden Tage die entgangenen Trinkgelder zu überweisen. Die Sympathie des ganzen Landes war auf ihrer Seite. Kaum ein reicher Geschäftsmann war noch vor ihnen sicher, ihr Begründer Raul Sendic galt als moderner Robin Hood. Kurz vor dem Weihnachtsfest 1971 fingen los Tupas, wie sie fast liebevoll genannt wurden, mehrere Last wagen mit Weihnachtsgänsen und Luxusgütern ab und verteilten diese in den Elendsvierteln. Entführte Reiche wurden nach Zahlung der Lösegelder vornehmlich in den ärmsten Slums oder auf den Müllkippen freigelassen, wo die Kinder der Armen nach Nahrung suchen müssen. Man sieht, die >Tupas< bewiesen durchaus Sinn für Symbolik. Ihre Überfälle hatten aber nicht nur die Geldbeschaffung zum Ziel. Beim Einbruch in die Finanzierungsgesellschaft Monty fielen ihnen Beweismittel über korrupte Geschäfte, Kapitalflucht und illegale Schmiergeldzahlungen höchster Militärs und Politiker in die Hände. Wenige Tage später fanden etliche Ermittlungsrichter die gebündelten Kopien der Akten vor ihren Haustüren — die Tupamaros lösten den größten Regierungsskandal in der Geschichte des Landes aus. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung trugen sie die Kämpfe mehr und mehr aufs Land und besetzten vorübergehend sogar ganze Dörfer und kleinere Städte. Der Staat reagierte weniger lustig, von Phantasie ganz zu schweigen. Für ihn waren die Tupamaros innerhalb weniger Jahre zu einer ernsten Bedrohung geworden. Er kämpfte mit riesigem Aufwand: Polizei, Militär, amerikanische Berater und CIA Strategie. Erst in dieser Phase wurden die Tupamaros für kurze Zeit zu einer isolierten Organisation. Die dogmatischen Maoisten nutzten diese Isolation und setzten mehr und mehr ihre fanatische Vorstellung vom > Revolutionären Volkskrieg< durch, der mehr und mehr zu einer reinen Schlacht auf militärischer Ebene verkam. Aus dem politischen Kampf wurde mehr und mehr ein Wettrüsten, und diesen ungleichen Schlagabtausch entschieden die Militärs im Sommer 1972 letztlich für sich. Die libertären und undogmatischen Kräfte versuchten erfolglos, diese Entwicklung zu stoppen und neue Strategien zu entwickeln. Eine anarchistisch inspirierte Gruppe, der >Arbeiter- und Studenten-Widerstand< (ROE), führte noch bis in die 80er Jahre hinein Widerstandsaktionen durch, aber die große Welle der Sympathie war vorüber und die Volkstümlichkeit konnte nicht wieder erlangt werden. Die überlebenden Tupamaros landeten im Knast bei Folter und Isolationshaft, die glücklicheren konnten ins Ausland fliehen. Da die USA keine halben Sachen zu machen pflegen, waren die bereits geschlagenen Tupamaros ein willkommener Vorwand, in Uruguay auf lauwarmem Wege eine Militärdiktatur zu errichten. Das ganze Land wurde militarisiert. So gründlich, dass eine ganze Generation junger Menschen ins Ausland floh.

»Der letzte macht das Licht aus«, spöttelte man damals.

Hand in Hand mit dem Terror wurde ein ultraliberales Wirtschaftssystem nach dem Strickmuster des amerikanischen Ökonomen Milton Friedman und seiner Chicago-Boys eingeführt – eine Ausplünderungswirtschaft, wie sie später auch in Chile und Argentinien mit den gleichen verheerenden Folgen angewandt wurde: die Wirtschaft trieb nach kurzer Blüte an den Rand des Ruins, die Menschen hungerten und der einzige Berufszweig, der florierte, waren die >Sicherheitskräfte<. Dieser Alptraum dauerte zwölf Jahre – bis 1985. Die bankrotten Militärs dankten ab und übergaben das marode, hoch verschuldete Land wieder der Demokratie. Vermutlich wollten sie dem Schicksal ihrer argentinischen Kollegen entgehen, die sich nach dem Falklandkrieg und der Demokratisierung plötzlich auf den Anklagebänken der Gerichte wiederfanden. Während sich die Tupamaros anschicken, sich als eine legale Partei zu konstituieren, versuchen die Anarchisten heute, dort anzuknüpfen, wo sie in den 70er Jahren standen. Sie haben regen Zulauf, stehen der Frage, wie’s weitergehen soll, bisweilen noch ratlos gegenüber. Jedenfalls stehen sie mehr im Lager der sich neu entwickelnden Gewerkschaftsbewegung und der wieder geplanten Kommuneprojekte als dem der Parlamente. Ohne diesen Exkurs über die Tupamaros ist das politische Klima, in das die Zerschlagung der Comunidad del Sur fiel, nur schwer zu verstehen. Die Comunidad und andere libertäre Gruppen waren ein Bindeglied zwischen traditionellem Anarchismus, neuen Formen libertärer Aktion und den zahlreichen Anarchisten, die bei den Tupamaros oder in anderen bewaffneten Widerstandsgruppen kämpften. Viele Mitglieder und Freunde der Comunidad haben ihren Kampf mit dem Leben bezahlt. Etliche gingen nach den Verhaftungen ins benachbarte Argentinien und kamen so vom Regen in die Traufe. Ihre Namen finden sich in den Listen der zehntausenden >Verschwundenen< des dortigen Staatsmassakers.

Andere gingen nach Peru, wo sie vergeblich hofften, unter den >fortschrittlichen Militärs< jener Jahre ihre Kommuneidee fortführen zu können. Das Gros der Comunidad landete schließlich verstreut in Europa, und in Stockholm bauten sie ein neues Zentrum auf. Kein provisorisches Exil – sie fassten wieder Fuß, brachten sich aktiv in die schwedische Gesellschaft ein, führten ihre Kommune fort. In kürzester Zeit hatten sie wieder eine moderne Druckerei aufgebaut, nahmen Anteil an der Kooperativen- und Gewerkschaftsbewegung, engagierten sich in Menschenrechtsfragen und gründeten eine Zeitschrift, die rasch zu einer der besten spanischsprachigen Organe der Anarchisten unserer Jahre wurde: >Comunidad<. Die Uruguayer blieben nicht unter sich; viele Schweden gehören heute ebenso zur Kommune wie Anarchisten anderer lateinamerikanischer und europäischer Länder. Es spricht für den aktiven Geist der Comunidad, dass ihre Zeitung heute in zwei Ausgaben erscheint: eine in Stockholm, eine andere wieder in Mondevideo. Die Comunidad del Sur schickt sich an, in ihre Heimat zurückzukehren. In Europa haben sie einen hoffnungsvollen Ableger zurückgelassen.

 

Moral

Politik ist kein Kinderspiel – oder doch? Es kommt darauf an, was man unter Politik verstehen will. Die Anarchisten haben das immer eher locker gesehen; das mit der Politik und das mit den Kindern. Man hat sich nach gerade daran ge wöhnt, Politik das zu verstehen, was die Regierung tut. Wahlen, Gesetze, Parlament und Tagesschau. Ist d a s wirklich Politik? Spiegelt Herr Novotny oder Panorama u n s e r Leben wider? Wohl kaum. Je weiter Politik von unserem Leben weg angesiedelt und hingestellt wird, desto weniger haben wir damit zu tun. Und dass wir wenig damit zu tun haben sollen, hat Methode. Gerade auch in unseren Modernen Demokratien. Das Zauberwort heißt >delegieren<: das Abtreten von Macht. Das Überlassen von Entscheidungen. Das Überlassen von Entscheidungen. Fachleuten legen, die’s eh‘ besser können. Das ist ein Trick. Er belässt den Menschen die Illusion, selbst der Schmied ihres Glückes zu sein und zementiert zugleich die Form von Herrschaft, die von allen die hinterlistigste ist: die parlamentarische Demokratie, in der die Macht vom Volke a u s g e h t , aber nicht bei ihm bleibt.

Der Anarchismus ist eine einfache Idee. Ein jeder kann sie verstehen, ohne studiert zu sein. Diese Idee leuchtet sogar Kindern ein: das Beispiel der Comunidad del Sur zeigt dies. Für Anarchisten ist Politik nicht die Kunst des Regierens, die nur Berufspolitiker (angeblich) beherrschen, sondern die Kunst des Zusammenlebens in der Gesellschaft. Die Kunst, miteinander umzugehen und die Verschiedenheiten von Menschen und sozialen Gruppen dabei zu respektieren — solange keine auf Kosten der anderen lebt, keine andere beherrscht. Das und nichts anderes wäre Anarchie, und ein solcher Politikbegriff beginnt nicht im Plenarsaal, sondern vor der eigenen Haustür. Besser gesagt: zunächst einmal dahinter…

Die Vorzüge einer solchen Gesellschaftsform, eines solchen Politikbegriffs liegen auf der Hand. Man muss sich nur einmal vorstellen, welche unglaubliche Aneinanderkettung von Ungerechtigkeiten, Kriegen, Massakern, Ausbeutung, Hunger und Elend die staatliche Politik uns seit Jahrhunderten zumutet. Angenommen, die Anarchisten würden in einer imaginären Diskussion ein s o 1 c h e s Gesellschaftssystem vorschlagen, wie es staatlicherseits heute all überall besteht, sie würden mit Recht ausgepfiffen werden. Der Chor ihrer Gegner würde sich überschlagen und ihnen vorhalten, ein System, in dem täglich zigtausende Menschen Hungers sterben, könne doch nicht menschlich sein und ein solcher Vorschlag sei unseriös. Recht hätten sie! Ein solches System i s t eine einzige Katastrophe und wir leben mittendrin. Ich sagte vorhin, Anarchismus sei einfach. Ich gehe noch weiter und sage, Anarchismus sei geradezu naiv. Ein schlimmes Wort, ich weiß. In diesem Zusammenhang wäre eine Rehabilitierung6 des Begriffes >naiv< dringend überfällig. Ich will das Wort so verstehen: naiv ist eine geradlinige, unvoreingenommene Herangehensweise an Probleme, wie sie Kindern oft noch eigen ist. Noch. Es ist ja bekannt, dass uns diese Naivität später in der Schule systematisch ausgetrieben wird. Diese Art positiver Naivität ist dem Anarchismus eigen, ich würde sogar sagen, sie ist eine seiner größten Tugenden.

Dass viele Menschen mit einfachen Lösungen für schwierige Sachverhalte ihre Probleme haben, liegt ja nicht unbedingt so sehr an diesen Lösungen als vielmehr an den Menschen: Man macht sich ja sofort lächerlich, wenn man für komplizierte soziale Fragen und Probleme Lösungen vorschlägt, die nicht ebenfalls kompliziert sind. Wir sind es gewohnt, es ist uns anerzogen, in möglichst komplizierten Wegen zu denken. Je komplizierter, desto absurder je absurder, desto undurchführbarer je undurchführbarer, desto wirkungsloser sind diese Wege im allgemeinen. Wir kennen das alle aus komplizierten Eingriffen, beispielsweise in dem, was man schamlos >Abrüstungspolitik< nennt. Oder >Kampf dem Welthunger<. Oder >Abbau der Arbeitslosigkeit<. Je komplizierter uns die Zusammenhänge solcher Probleme dargestellt werden, desto weniger funktionieren die komplexen Mechanismen, die Fachleute sich zu ihrer angeblichen Bewältigung ausdenken. Sind wir nicht alle schon des öfteren fast wahnsinnig geworden, wenn wir in der Presse den Hickhack der undurchschaubaren Abrüstungsvorschläge verfolgten? Haben wir nicht alle insgeheim schon mal gesagt, da müsste man doch mit dem Hammer dreinschlagen, das wäre doch so einfach, man brauchte doch bloß…?! Nur – wir trauen uns kaum, so was vor unseren Mitmenschen auszusprechen, geschweige denn, zu praktizieren. Wir könnten uns ja blamieren…! Jeder Mensch, der simple Lösungen vorschlägt, gibt sich tendenziell der Lächerlichkeit preis. Und wenn es dann ganz kompliziert wird, sind wir es als aufgeklärte Menschen gewohnt zu passen und den Fachleuten das Feld zu überlassen. Wir verstehen die Materie ja sowieso nicht. Hier liegt eine der wichtigsten Wurzeln von Herrschaft verborgen: die bewusste Isolierung von Fachleuten in ordensähnlich organisierten Berufsgruppen, in Führungs- und Entscheidungseliten, die ständig s e l b s t die immer komplizierter werdende gesellschaftliche Wirklichkeit produzieren, für die sie dann—natürlich als einzige — über den nötigen Sachverstand und Realismus verfügen, um Lösungen anzubieten.

Schlau ausgedacht! Das geht durch alle gesellschaftlichen Bereiche bis hin zu berufsspezifischen Ritualen und Sprachen. Das beginnt nicht erst bei so großen Dingen wie Abrüstung oder der Welternährung; man braucht nur vor die Haustüre zu schauen: die Rechtspflege, die Verwaltung, die Finanzpolitik – Dutzende solcher Bereiche, mit denen wir täglich in Berührung kommen, produzieren die Kompliziertheit, für deren Lösung sie sich selber anbieten und – nebenbei bemerkt – bestens bezahlen lassen. Ist es nicht eine intelligent ausgedachtes Gaunerstück, dass wir zum Beispiel nach Gesetzen leben müssen, denen wir seit unserer Geburt ungefragt unterworfen sind, die wir nicht gemacht haben, die wir weder kennen noch verstehen und zu deren Bewältigung wir eine eigentlich völlig überflüssige Kaste wie die Rechtsanwälte bezahlen müssen? Ich würde mir das wirklich einmal wünschen: wenn man Probleme wie Hunger und Überproduktion, Abrüstung oder Arbeitszeit – aber bitte mit Entscheidungsbefugnis! — in die Hände von 13-, 14jährigen Jugendlichen legen würde. Ich bin überzeugt, das wäre ausgesprochen lustig (sofern diesen Jugendlichen nicht schon von irgendwelchen Erwachsenen-Ideologien das Hirn verkleistert und ihre >Naivität< genommen wurde), und in kürzester Zeit würden für brennende Probleme, mit denen die Fachleute seit Jahrzehnten angeblich nicht zu Rande kommen, ganz einfache Lösungen gefunden. Eben naive, aber durchaus funktionierende Lösungen. Statt dessen wissen wir alle, was die Elite der Herrschenden in Politik, Wissenschaft, Militär und Verwaltung uns zumutet. Nämlich > Anarchie und Chaos< im absolut landläufigen, negativen Sinne. Da soll der Friede erreicht werden, indem man immer mehr Waffen produziert. Das sagen die Realisten. Wer zaghaft behauptet, ohne Waffen könne es per Definition gar keinen Krieg mehr geben, der ist ein Spinner. Da werden Waffensysteme hergestellt, deren ökologische Folgen katastrophal sind, deren Kosten unsere Volkswirtschaften ruinieren – und das alles mit der Versicherung, man wolle sie ja sowieso nie einsetzen. Da diese Waffen aber gefährlich sind und uns alle jederzeit auslöschen können, würde ich die naive Frage stellen: Wieso produzieren die Staaten nicht lieber Nachttöpfe aus Draht oder Fußbälle aus Edelstahl? Das wäre zwar auch sinnlos, aber man könnte sich damit genauso >kaputt rüsten< und sich seine gegenseitige Überlegenheit demonstrieren, es wäre aber nicht so gefährlich…

Da müssen milliardenteure Weltraumrüstungsprojekte gestartet werden, um die technologische Entwicklung voranzutreiben und Arbeitsplätze zu schaffen. Sicher ist es naiv zu fragen, warum dann solche Forschungen nicht auch ohne Rüstung und Weltraum, hier auf der Erde und zivil, direkt zu leisten sind? Und ob den Verantwortlichen nichts Besseres zur Schaffung von Arbeitsplätzen eingefallen ist, als gerade die Vorbereitung eines neuen Krieges? War der (angebliche) Segen Teflon es wert, ein Raumfahrtprogramm anzuleiern, das teurer ist als das Bruttosozialprodukt ganz Afrikas, nur, damit unsere Spiegeleier nicht an backen? Da vernichtet die indische Regierung in einem Landesteil den Überschuss einer Rekord- Reisernte mit dem Argument, den Reis an die Hungernden zu verschenken würde das Vertrauen in die Währung untergraben. Da werden Millionen Menschen gezwungen, nach wie vor acht Stunden täglich in ständig wachsender Hetze zu arbeiten, immer mehr in immer weniger Zeit zu produzieren, während gleichzeitig Millionen anderer Menschen überhaupt keine Arbeit haben und somit auch keine Existenzberechtigung und vom Staat nur notdürftig und künstlich versorgt werden. Dabei ist es mittlerweile eine längst bewiesene Binsenweisheit, dass beim heutigen Stand der Technik jeder Mensch nur 3-5 Stunden täglich arbeiten müsste, um bei einer konsequenten Bedürfnisproduktion7 – einschließlich Luxus! – die ganze Welt versorgen zu können…

Die Universitäten, die diese Zahlen errechnet haben, müssen von Naiven bevölkert sein. Trotz alledem: der Nonsens, den wir tagtäglich erleben müssen, geschieht im Namen von Vernunft, Rationalität, Sachzwängen, Realismus und Machbarkeit. Ich muss kein Teenager sein, muss mich gar nicht anstrengen, besonders naiv zu denken, um bei einem solchen Horrorpanorama nicht aus der Haut zu fahren. Oder zu resignieren. Je nachdem. Anarchisten neigen eher dazu, angesichts solcher Zustände aus der Haut zu fahren. Oder besser: sich zu empören. Sie haben sich seit jeher für einfache Lösungen stark gemacht, für eine Entflechtung der Strukturen, für die Durchsichtigkeit von Entscheidungen, für eine Entkomplizierung der Gesellschaft. Für Lösungen also, die in jenem positiven Sinne >naiv< sind. Das bedeutet keineswegs, dass sie dabei weltfremde Spinner seien, die Angst vor komplexen Dingen hätten. Anarchisten sind keine Besserwisser, die nur irgendwelche Stammtischrezepte vorzuschlagen hätten. Und natürlich bedeuten die provozierend naiven Fragen der Anarchisten nicht, dass sie etwa nicht wüssten, wie verlogen und kompliziert die wirklichen Zusammenhänge hier und heute sind. Kein Anarchist wird wirklich glauben, Raumfahrt habe etwas mit Teflon und Rüstung etwas mit der Bedrohung durch böse Feinde zu tun. Nur – d a s s Anarchisten die Probleme naiv angehen, sie wieder auf den Punkt bringen, bewahrt sie davor, selber Opfer der Denkweisen zu werden, die sich nur in den engen Grenzen der heute bestehenden Realitäten und Denkmodelle bewegen. Naive Fragen legen die grundlegenden Zusammenhänge wieder frei. Einfache Antworten geben uns Mut und Phantasie, Losungen nicht aus dieser, sondern einer besseren Gesellschaft zu suchen. In der konkreten Anwendung haben die Anarchisten sehr wohl detailliert ausgearbeitete Pläne und Erfahrungen vorzuweisen. Wenn man sich beispielsweise das in Spanien erprobte System von Produktion, Verteilung und Konsum auf der Basis der Syndikate und ihrer Föderationen ansieht, so ist das durchaus ein ausgeklügelter, ja, ein komplizierter Plan. Aber die ihm zugrunde liegenden I d e e n sind einfach. Die Zielvorstellungen und Strategien der Anarchisten waren und sind stets für jeden Menschen nachvollziehbar und verständlich. Sie beinhalten genau das, was wir uns alle insgeheim wohl schon tausendmal gefragt haben, wenn wir die Zeitung lasen:

»Verdammt, warum machen die Esel das denn nicht einfach so…?!«

»Seid realistisch, fordert das Unmögliche!« lautet ein alter Slogan der Anarchisten. Er lässt sich mit einem zweiten Anarchospruch kombinieren:

»Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts; diejenigen, die das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.«

Hier liegt der Schlüssel zu einer grundlegenden anarchistischen Kritik: Das, was uns die Kaste der

> Fachleute < als > realistisch < und >machbar< nahe legen, ist eben völlig unrealistisch, illusorisch, denn es funktioniert nicht, löst keine Probleme. Um Probleme wirklich zu lösen, muss man genau das fordern, was jene Fachleute als >naiv<, >unmöglich< und >unrealistisch< hinstellen. Und wenn es nicht beim bloßen Herumdoktern an irgendwelchen Symptomen bleiben soll, dann müssen die Forderungen bewusst hoch angesetzt werden. Eben das, was die angeblichen Realisten als >utopisch< bezeichnen.

Utopie ist nicht ein schöner Traum, dessen Verwirklichung leider nicht möglich ist. Utopie ist ein Traum, der n o c h n i c h t existiert. Anarchien haben es sich zur Aufgabe gemacht, aus der Utopie eine Topie zu machen — die Träume vom Himmel auf den Teppich zu holen. Die Kinder der Comunidad waren naiv. Sie sind geradlinig und einfach an eine schwierige Situation herangegangen, wie man sie sich wohl bedrückender kaum vorstellen kann. Diese Kinder waren kein Produkt einer besonderen anarchistischen Erziehung<, sie hatten keine Gehirnwäsche durchgemacht, waren nicht auf Selbstverwaltung gedrillt worden. Sie waren ganz einfach das Produkt einer Lebensform, die ebenso im positiven Sinne >naiv< an ihre Umwelt heranging. Die Situation dieser Kinder hätte unter normalen Umständen einen ganzen Apparat von Polizisten, Juristen, Erziehern und Beamten in Bewegung gesetzt, und niemand hätte ihnen zugetraut, eine solch schwierige Situation so simpel zu meistern. Die Comunidad del Sur, in der diese Kinder aufwuchsen und selbstbewusst wurden, war ein wohl durchdachtes, im Detail kompliziertes, in der Struktur aber sehr einfaches Gebilde. Ein Experiment, wie man in einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft einfach, frei, unkompliziert leben kann. Wie die Kinder, völlig auf sich

gestellt, auch dramatische Momente ganz ungezwungen lösen konnten, das ist der schönste Beweis dafür, dass eine anarchistische Lebensweise nicht etwas ist, in das der Mensch wie in ein unnatürliches Korsett gezwängt werden müsste. Genau das Gegenteil ist der Fall. Auf dieser Erkenntnis beruht auch das, was man etwas unpassend als anarchistische Erziehung bezeichnet. Anarchisten haben sich, wie nicht anders zu erwarten, schon seit jeher mit Pädagogik, Schule, dem Bewusstsein der neuen Generationen beschäftigt. Zum einen stellten sie dabei wahre Rekorde an Fleiß, Elan und Konstruktivität auf. In manchen Gegenden Spaniens gab es zu Beginn dieses Jahrhunderts mehr anarchistische Schulen als staatliche. Auf der anderen Seite aber machten sich Anarchisten schon früh Gedanken darüber, ob und wie man Kinder erziehen könnte. Denn in der Erziehung, im Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern, liegen verborgene Wurzeln von Autorität, Herrschaft, Hass und Aggression. Dass anarchistische Pädagogik nicht so aussehen konnte wie staatliche, war von vornherein klar. Nicht auf das Drillen der Kinder, ihr Ausrichten auf eine Ideologie oder das Vermitteln von möglichst viel Fachwissen kam es dabei an — auch nicht darauf, aus den Kindern der Anarchos von heute die Anarchos von morgen zu züchten. Und natürlich sollte der Unterricht rationalistisch sein und frei von Religion, Rassismus und Nationalismus. Anarchisten wünschten sich vielmehr Kinder, die selbständig denken könnten, zur Freiheit fähig wären, tolerant, aber auch selbstbewusst und konsequent sein würden. Solch grundlegende Prinzipien anarchistischer Pädagogik gehörten schon zur Jahrhundertwende zum libertären Gemeingut. Einer ihrer bedeutendsten Vorkämpfer war der spanische Lehrer Francisco Ferrer, der die Grundlagen der nationalistischen >Erziehung< und der >Modernen Schule< legte. Seine sogenannten >Freien Schulen< entstanden nicht nur in Spanien, sondern auch in zahlreichen europäischen und überseeischen Ländern. Noch heute existieren >Ferrer-Schulen<, und ihre Tradition hat rund um den Globus ganze Generationen freier Schulen beeinflusst und geprägt. Ferrers libertäres Schulwerk

muss der spanische Staat als ernste Bedrohung aufgefasst haben, denn 1909 wurde der Pädagoge nach einem haar sträubenden Prozess aufgrund konstruierter Anschuldigungen zum Tode verurteilt und erschossen. Man warf ihm vor, der geistige Urheber eines wilden Streiks in Barcelona gewesen zu sein…

Zu den Pionieren anarchistischer Erziehung gehörte auch der >religiöse Anarchist< Leo Tolstoi, der bereits 1859 die Schule von Jasnaja Poljana gründete. Die libertäre Pädagogik ist nicht bei Tolstoi und Ferrer stehen geblieben. Nicht nur die Zahl ihrer praktischen Experimente und Schulversuche wuchs, denn überall, wo Anarchisten in der Gesellschaft Fuß fassen konnten, versuchten sie, für ihre Kinder freie Schulen zu gründen: in den USA ebenso wie in Brasilien, in der Ukraine wie in Deutschland, Frankreich oder Italien. Auch die Inhalte und erzieherischen Konzepte wandelten sich. Das, was Ferrer – für seine Zeit umwälzend – forderte, existiert heute schon, zumindest theoretisch,

in vielen Schulen staatlicher Erziehungssysteme. Vorbei sind die Zeiten, wo Kinder hierzulande zu glühenden Patrioten abgerichtet, zu gläubigen Katholiken geprügelt und zu Aufsagen von nicht verstandenem Wissen gedrillt wurden. Nachdem libertäre Erziehungsideen Schulen wie Summerhill, Tvind oder die Pädagogik von Alice und Otto Rühle8 geprägt hatten und hierbei wichtige Erfahrungen gesammelt wurden, steht die Diskussion heute bei der Frage, ob Erziehung überhaupt das richtige Wort, der richtige Ansatz ist. Unabhängig vom Etikett >anarchistisch< dreht sich die Debatte um Thesen wie die von Ivan Illi , Jo o Freire oder Joel Spring, die mehr und mehr bezweifeln, ob man – auch als Anarchist und mit den besten Vorsätzen – überhaupt Menschen formen kann, darf und soll. Sind Schulen, als eigenständige Institutionen, als vom übrigen Leben getrennte Inseln, überhaupt wünschenswert?

Welche Funktion hat das staatliche Schulwesen, vor allem in der Dritten Welt?

In welcher Beziehung stehen Begriffe wie Bildung, Leistung, Erziehung zu Dingen wie Hierarchie, Herrschaft und Ausbeutung?

Die libertäre Pädagogik ist im Umbruch, wird eher zu einer Anti-Pädagogik. >Laisser-faire<9 oder auch die falsch verstandene, manchmal fast krampfhaft betriebene >antiautoritäre Kindererziehung< in so manchen Kinderläden der Apo-Zeit hat mit anarchistischer Pädagogik recht wenig gemein. Denk- und Zielrichtung ist heute eher die Verflechtung der Bereiche Freizeit, Arbeit, Lernen, Spielen ohne künstliche Trennungen. Wäre es nicht schön, wenn ein Mensch — Erwachsener oder Kind – sich irgendwann einmal dabei ertappt, wie er irgend etwas tut, was ihm Spaß macht und er nicht mehr in der Lage wäre zu sagen: das, was ich jetzt tue, ist Arbeit oder Vergnügen oder Lernen? Wenn es diese Trennung nicht mehr gibt, sind wir der Anarchie ein Stück näher gekommen. Die Greise, Kinder und Erwachsenen der Comunidad sind Menschen, die sich dorthin auf den Weg gemacht haben, und sie sind nicht die einzigen.

 

Bücher:

Zur Comunidad del Sur und zum Anarchismus in Uruguay sind mir keine deutschen Veröffenlichungen bekannt. Meine Quellen sind fremsprachige Veröffentlichungen, Briefwechsel und Gespräche mit den Betroffenen und mehrmalige Besuche in Uruguay in den 60er und 70er Jahren. Zum Thema Tupamaros informiert

– Alain Labrousse, Die Tupamaros. Stadtgue

rilla in Uruguay, 197 S., Carl Hanser Verlag,

München

Zum Thema kubanische Revolution:

– Sam Dolgoff, Leuchtfeuer in der Karibik. Eine

libertäre Betrachtung der kubanischen Revolution,

316 S., Libertad Verlag, Berlin

Über Literatur zur libertären Erziehung infor-

miert das >Forum Anarchismus und Bildung<

(c/o Thomas Rosenthal, Bundesstr. 60, 2000

Hamburg 13). Lesenswert sind zum Beispiel:

– Francisco Ferrer, Revolutionäre Schule, 115 S.,

Karin Kramer Verlag, Berlin

– Ulrich Klemm, Anarchistische Pädagogik, 111

S., Winddruck Verlag, Siegen

– Joel Spring, Erziehung als Befreiung, 148 S., dto.

– John Holt, Zum Teufel mit der Kindheit, 225

S., Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar

1.)Tupamaros = Stadtguerillaorganisation, siehe weiter hinten in diesem Kapitel!

2.)Der britische Autor George Orwell schildert in seinem Roman >1984< die Vision einer (künftigen?) Gesellschaft, in der die staatliche Kontrolle den Menschen vollständig über- wacht, manipuliert und steuert.

3.)1936 begannen anarchistische Milizen den Kampf gegen den Faschistengeneral Franco, der gegen die spanische Republik geputscht hatte; sie wurden 1939 geschlagen; vergleiche das folgende Kapitel!

4.)virulent = ansteckend, sich rasch ausbreitend

5.)Fidel Castro und Ernesto >Che< Guevara, Führer der kubanischen Revolution (1959). Besonders Guevara wurde zu einem Idol der Linken. Die kubanische Revolution galt in den 60er Jahren als das hoffnungsvolle Modell für die Befreiung in Lateinamerika. Die Revolution verkam jedoch rasch zu einer neuen, staatskommunistischen Diktatur.

6.)Rehabilitieren = die Ehre, den Ruf, die ursprüngliche Bedeutung wiederherstellen.

7.)In einer Bedürfnisproduktion bestimmen die Menschen selber, was sie herstellen und konsumieren wollen. Sie richten sich also frei nach ihren wirklichen Bedürfnissen. Im Kapitalismus hingegen schafft der angeblich freie Markt diese Bedürfnisse (meist künstlich); im Kommunismus werden die Bedürfnisse zentral von Partei und Staat festgelegt. Die meiste Kraft wird aber in Dinge gesteckt, für die kein Mensch ein Bedürfnis hat. In einer Bedürfnisproduktion würden Dinge wie Rüstung, Bürokratie, Werbung, Mode, künstlicher Verschleiß usw. wegfallen.

8.)Summerhill hieß eine freie Schule, die der Pädagoge Neill in England betrieb; Tvind ist ein aus Dänemark stammender Typ einer freien Schule, die viel Wert auf Bildung durch Reisen legt; Alice und Otto Rühle praktizierten während der Weimarer Republik in Deutschland >Proletarische Kindererziehung<

9.)laisser-faire (frz.) ist eine ultraliberale Philosophie, die davon ausgeht, man solle den Dingen, den Kindern, der Wirtschaft usw. ihren Lauf lassen, alles regele sich von selber.

Written by floriangrebner

14. März 2011 at 16:01

Leben ohne Chef und Staat IV: Der Plüschsessel

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von Horst Stowasser, neu formatiert von Florian Grebner

Der Plüschsessel

Story

»Bernhard, schau doch mal herüber…«

»Was denn?«

»Wer hat denn diesen Bockmist verzapft? So kann man das doch nicht durchgehen lassen.«

Bernhard Becker kam müden Schrittes an die Arbeitsbank, wo der Redakteur Most über die Korrekturfahnen gebeugt stand. Neben ihm lag das Blei der frisch umbrochenen1 Titelseite der >Chemnitzer Freien Presse<, und vor ihm stand ein halb leergetrunkener Krug Bier.

»Hier schreibt mal wieder wer so lahm wie ein Zechengaul:

>…daher hat der Reichstag dem Proletarier gegenüber die Pflicht, unsere Petition positiv zu bescheiden. Zehn Stunden Tagesarbeit sind wahrlich genug! Der Proletarier ist Teil, ist Glied der Nation, und wenn der Reichstag die Vertretung der Nation ist, kann er diese unsere Petition nicht zurückweisen…<

Wer soll ihm das wohl glauben? Vielleicht die Chemnitzer Maschinenbauer? Das ist doch reinstes Opportunitätsgeschwafel!«

Most langte nach seinem Bierkrug und tat einen Zug. Das Gebräu war schal, aber er merkte es nicht. Als er den Krug wieder absetzte, platzte er heraus:

»Ich werde das umschreiben! Man muss den Arbeitern sagen, was wirklich ist. Vom Reichstag irgendwelche Reformen zu erwarten, ist einfach lächerlich. Ebenso gut könnte man von einem Dornbusch Trauben ernten. Der Reichstag ist doch zu ganz anderen Zwecken da; er hat nur die nötigen Mittel für den Militarismus zu beschaffen und der kapitalistischen Gründlerei unter die Arme zu greifen, nach Bismarcks Pfeife zu tanzen und im übrigen das Maul zu halten…«

Most hielt inne und schaute Becker erwartungsvoll an. Der lächelte nur matt und entgegnete:

»Der Artikel ist von Hasenclever, das wird Ärger geben.«

»Um so schlimmer«, ereiferte sich der Redakteur erneut, »gerade die Parteileitung darf keine falsche Hoffnung nähren. Was meinst du wohl, wo die Petition landen wird? Ich will es dir sagen – im Papierkorb!«

Becker zuckte resigniert die Schultern:

»Und was würdest du den Arbeitern erzählen? Sollen sie sich aufhängen?«

»Unsinn! Wir dürfen ihnen nur eine Hoffnung weisen, die einzig wahre, die ihr Los ändern wird. Die soziale Revolution, Bernhard! Die soziale Revolution!! In meiner ersten Rede in Chemnitz hier, du weißt es doch, habe ich genau dasselbe gesagt, und die Massen haben gejubelt…«

»Und du hast Redeverbot in Leipzig, Dresden, Glauchau, Meerane, Reichenberg und überall sonst erhalten…«

»…ja, mein Lieber, und bin sofort Herausgeber der Chemnitzer Freien Presse geworden und Euer Reichstagskandidat…«

Becker gab auf. Diese Diskussion hatten die beiden schon zu oft geführt, und im Grunde hatte Most ja recht. Die Petition würde sehr wahrscheinlich abgelehnt, und den meisten Parteigenossen ging die Art, wie der Vorstand abwiegelte und die sozialistische Revolution auf den Sanktnimmerleinstag verschob, schon lange gegen den Strich. Trotzdem – dieser Most wollte immer mit dem Kopf durch die Wand. Besser gesagt, mit dem Maul, denn eines musste man ihm lassen: war er auch der radikalste Kopf der Sozialdemokratie weit und breit, reden konnte der Johann, dass die Fetzen flogen und ihm die Herzen zu Füßen lagen. Und schreiben. Binnen weniger Wochen hatte er das sieche Blättchen wieder in Schwung gebracht, und die Chemnitzer Freie Presse verkaufte nun jeden Tag 1200 Exemplare. Als Most kam, waren es gerade noch 200 gewesen. Vor wenigen Wochen erst waren sie aus dem alten Pferdestall in eine richtige Werkstatt umgezogen und hatten eine Schnellpresse gekauft…

»Na, was meinst du, Bernhard, soll ich einen neuen Leitartikel schreiben?«

»Johann, es ist dreiviertel zwölf! In zwei Stunden muss das Blatt in Druck und heute noch musst du auf der Versammlung sprechen. Für den Parteikongress in Dresden liegt auch noch eine Menge Arbeit auf deinem Schreibtisch. Ich würd’s lassen…«

»Ach, hols der Teufel, du hast ja recht. Aber eins will ich dir sagen: die Hasencleverei werden sich die Arbeiter nicht mehr lange gefallen lassen. Dieser weltfremde Kathederoberlehrer auf seinem Thron hat doch keine Ahnung, wie’s hier unten in der Arbeitswelt wirklich aussieht. Auf dem Kongress werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen.«

»Aber ja doch, Johann… und nichts für ungut, doch hier ist die Lithographie für die Titelseite. Wir müssen noch zwei Zoll unten wegnehmen oder auf die Vignetten verzichten…«

»In Dreiteufelsnamen die Vignetten raus! Der Stich von der Pariser Commune wird mir nicht verhunzt!«

Die beiden Männer gingen wieder an die Arbeit. Die Zeit drängte, das sozialistische Tageblatt musste heute früher erscheinen, und es wurden zweitausend zusätzliche Exemplare gebraucht. Denn heute sprach Johann Most auf einer öffentlichen Veranstaltung, da gab es immer regen Zulauf

und großen Absatz. Eine Stunde verging, bis alles für den Druck fertig war. Die Pariser Barrikade prangte unbeschnitten auf der ersten Seite, umrahmt von dem lahmen Artikel Hasenclevers, der Johann Most soviel Verdruss machte.

»Komm, fass mal mit an. Wir bringen den Umbruch schon rüber zur Presse. – Ja, so,… hier, gib acht, dass du nicht stolperst und die Lettern wieder durch die Werkstatt purzeln wie neulich…«

»Schon gut, ich schaffs schon – so. Wie ist’s, kommst du mit zur >Stadt Köln<? Es ist schon Mittagszeit, und die Wirtin wartet nicht gerne. Heute gibt’s Leberfleck mit Wirsing.«

»Ach, Bernhard, geh‘ du nur allein. Ich hab‘ noch zu tun… du weißt ja, die Rede für heute Abend und da ist auch noch ein Brief von den Wiener Kameraden, der dringend auf Antwort wartet. Ich mach‘ mir einfach die Graupen von gestern warm. Ein frisches Bier kannst du mir aber mitbringen, dieses hier schmeckt schon so fad wie das Gerede der Pfaffen.«

Bernhard Becker schlüpfte in sein Cape und setzte seinen Hut auf, denn es regnete. Beim Hinausgehen schüttelte er kaum wahrnehmbar den Kopf. Dieser Hansdampf! Wo der nur die Energie hernahm? Vergangene Nacht war er erst um ein Uhr früh von einer Versammlung heimgekehrt und hatte sich dann daran gemacht, die Abonnentenlisten zu revidieren. Kaum vier Stunden hatte er auf dem schäbigen Sofa im Redaktionszimmer geschlafen, und schon in der Früh stand er wieder am Setzkasten. »Dem fehlen Frau und Kinder«, dachte der verheiratete Becker, »dann vergehn ihm auch die Flausen.«

Most hatte sich unterdessen heißen Tee aus der Kanne nachgegossen, die auf dem Kanonenofen stand, und es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Die Füße hatte er hochgelegt und unter die Schuhe eine Ausgabe der Vossischen Zeitung geschoben. Auf seinen Knien lag ein Stoß Papier; ein wüstes Durcheinander von Notizen, Druckfahnen, Ausschnitten aus Zeitungen und Briefen. Auf dem Stuhl neben ihm stand eine Zigarrenkiste. Mit einem Seufzer fingerte der Redakteur, dankbar über die endlich eingekehrte Ruhe, in dem Kästchen herum und fand noch zwei Zigarren darin. Schmunzelnd nahm er eine heraus, biss das Ende ab und spuckte es auf den Boden. Die Dinger waren von der billigen Sorte und trugen den Namen >Vaterland<. Das machte nichts; der >vaterlandslose Geselle< war nicht kleinlich in kleinen Dingen.

Es klopfte. Most kümmerte sich nicht darum. Das Klopfen wurde heftiger. ».. .Verdammt…« Ächzend kam der Redakteur vom Sofa hoch.

»Ich komme ja schon!« Er schaute auf seine Taschenuhr. »Nicht mal die Mittagsruhe respektieren die Leute«, murmelte er, als er den Riegel zurück schob. Vor ihm stand der Amtsdiener Ratznick, in voller Uniform und mit dem kurzen Säbel. Most kannte ihn gut.

»Na, Ratznick, was führt denn die Obrigkeit zu mir? Etwa wieder eine neue Anklage? Das wäre die vierundvierzigste in diesem Jahr – hab‘ ich wieder mal Hochverrat begangen?«

»Nein, mein lieber Most, diesmal ist’s schlimmer. Ich habe strikten Befehl, Sie zu sistieren und stante pede zur Polizeidirektion zu eskortieren!«

»Und wenn Sie mich nun nicht an getroffen haben?«

»Nein, nein, mein Lieber, diesmal geht’s nicht so glimpflich ab.« Ratznick beugte sich vertrauensvoll vor, und fast flüsternd fuhr er fort:

»Es ist der Polizeidirektor höchst selbst, der nach Ihnen schickt. Er hat sich eigens aus Leipzig her bemüht. Mir scheint, er will ein Exempel statuieren.«

»Na, aber meinen Tee werd’ ich doch wohl noch trinken dürfen? So kommen Sie doch herein!«

Der Amtsdiener trat über die Schwelle, nahm seine Pickelhaube ab und setzte sich auf den Stuhl, den ihm der Redakteur hinstellte. Er strich sich übers schüttere Haar und seufzte vernehmlich. Überhaupt schien er nicht sehr glücklich zu sein.

»Sie wissen, Herr Most, ich mach‘ das nicht gerne…«

»Ja, ja, ich weiß, Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.« Jovial bot Most dem Beamten seine letzte >Va terland< an. Dieser akzeptierte dankend, und nachdem Most seinen Tee getrunken hatte, zogen beide durch die regennasse Gasse zum Polizeigebäude. Die Unterredung dort war kurz,

aber heftig. Der Polizeidirektor Rüder war, in Begleitung eines jungen Staatsanwaltes, eigens aus Leipzig angereist, und Rüder war ein Mann, der Achtung gewohnt war und keinen Widerspruch duldete. Mit knappen Worten eröffnete er Most, dass er binnen zwölf Stunden die nun fälligen Geldstrafen für die achtzehn Delikte zu zahlen habe, was nach Abzug der Kostenerstattung für die 25 Freisprüche noch immer einen Betrag von 120 Talern ausmachte. Most konterte frisch drauflos, wie es so seine Art war: dass er sechs Taler Wochenlohn erhielte und damit besseres zu tun hätte, als die sächsische Justizkasse zu mästen. Alsdann wandte er sich dem jungen Staatsanwalt zu und begann auf diesen einzureden, als ob er auf der Tribüne stünde. Von >Gesetzesplänkeleien< war da die Rede und von >dummen Papierchen<, und als der Sozi schließlich begann, auf die Advokaten zu schimpfen, schnitt ihm der Polizeipräsident das Wort ab. Er sei nicht hier, um Agitationsreden zu halten, sondern um als Verurteilter entweder die Buße zu zahlen oder aber zwei Monate abzusitzen. Und er, der Polizeipräsident, sei nicht eigens nach Chemnitz gereist, um ihm dies zu eröffnen, sondern um ihm anzudeuten, dass er all diese Unannehmlichkeiten auch umgehen könnte, wenn er Sachsen verließe, und zwar für immer. Die Obrigkeit würde ihn wegen dieser Delikte nicht weiter verfolgen, sofern er sich außerhalb des Königreiches aufhielte. Darum auch die zwölf Stunden Bedenkzeit. Und er könne sicher sein, saß, so er nicht auf dieses großzügige Angebot einginge, man ihm sein Leben in Chemnitz schon zu versauern wüsste. Stocksteif machte Rüder dem überraschten Redakteur dieses illegale Angebot, und auch der Staatsanwalt verzog keine Miene. Als Most endlich den Raum verlassen durfte, wandte sich der Polizeipräsident mit gedämpfter Stimme an den Staatsanwalt, der die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt hatte:

»Dem werden wir das schiefe Maul auch noch zu stopfen wissen!«

Spät in der Nacht saßen Most, Becker und ein gutes Dutzend der aktivsten Parteigenossen wieder in dem engen Redaktions- und Druckraum der >Chemnitzer Freien Presse< und debattierten erregt. Er hatte sie kurz ins Bild gesetzt und nur von den Möglichkeiten Geldstrafe oder Gefängnis berichtet. Das unseriöse Tauschgeschäft, das Land gegen Straffreiheit zu verlassen, kam für ihn selber nicht in

Frage, und darum hatte er es unerwähnt gelassen.

»Wir können dich auf keinen Fall missen, Johann! Jetzt, wo Bebel und Liebknecht im Gefängnis sind und die ganze agitatorische Last in Sachsen auf deinen Schultern ruht!«

»Sehr richtig! Vor dem Kongress haben wir noch viele Massenversammlungen. Gerade jetzt nach dem verlorenen Metallerstreik hören die Arbeiter nur noch auf dich.«

»Ja, und wer soll die Zeitung redigieren, wenn du im Roten Turm sitzt?«

»Ihr denkt doch nicht im Ernst, dass ich den Justizkanaillen hundertzwanzig Taler in den Rachen schmeiße?« empörte sich Most. »Mit dem Geld können wir Besseres anstellen! Ihr wisst doch, in welcher Finanzklemme wir mit dem Blatt gerade mal wieder stecken.«

»Du willst doch nicht freiwillig ins Verlies einrücken?!«

»Von Freiwilligkeit kann gar keine Rede sein. Aber wenn der Staat meine Haut haben will, dann verkaufe ich sie ihm so teuer wie möglich. Ihr könnt mir glauben: wenn ich wegen hanebüchener Anklagen, wegen Pressedelikten und Beleidigungen ins Gefängnis gehe, dann wird den Fatzkes diese Anklage moralisch auf die eigenen Füße fallen! Das macht auch propagandistisch mehr Wirbel als ein Dutzend Reden. Ich habe schon oft gebrummt, Freunde, und im Gefängnis ist’s so übel nicht. Meine Redaktionsarbeit kann ich auch von dort verrichten, und ein bisschen Ruhe kann mir nicht schaden.« Most schmunzelte und nahm wieder einen Schluck vom Punsch, der heute Abend hier die Runde machte. »Ich kenne die Juristerei nun in- und auswendig. Mit ein paar Winkelzügen, Appellationen und Instanzen können wir den Strafantritt auch ohne Advokaten noch ein paar Wochen hinauszögern, und bis dahin ist der Kongress vorbei, und die Reden sind gehalten.«

»Aber das Geld ist doch heute bei der Kollekte zusammengekommen. Du könntest es morgen auf der Justizkasse einbezahlen.«

»Auf das sich mir dabei der Magen umdrehen würde? Diese Taler, werter Genosse, stammen vom Schweiße unserer Klassenbrüder, und die haben’s nicht so dick. Wo wäre es besser aufgehoben als im Klassenkampfe? Damit können wir das Blatt retten. Was wollt ihr eigentlich? Einen freien Redakteur ohne Zeitung oder eine Zeitung mit einem Redakteur, der vorübergehend aus der Zelle schreibt?«

Das war ein gewichtiges Argument, und die Stimmung schlug langsam um. Vermutlich hätte sich Johann Most auch nicht viel um die Stimmung der Genossen gekümmert und seinen Kopf auch ohne ihren Segen durchgesetzt, aber mit ihrem Segen war’s doch besser. Er konnte sie verstehen, die Chemnitzer Sozis. Sie wollten >ihren Most<, den ihnen eine glückliche Fügung vor nicht einmal einem Jahr beschert hatte, nicht so schnell wieder missen. Der gerade nach einer langen Haftstrafe aus Österreich abgeschobene Buchbindergeselle war mehr zufällig für den verhinderten August Bebel als Redner auf einer Versammlung eingesprungen. Das hatte ihn mit einem Schlag berühmt gemacht, und nun rissen sich alle Ortsvereine um den begabten Agitator, der wie kein anderer die Gefühle der Arbeiter verstand und sie zu begeistern vermochte. Wenn er sprach, dann zog er vom Leder und traf ins Schwarze. Es war noch kein halbes Jahr her, als er, von den Behörden bedrängt, wieder in seine bayrische Heimat zurückreiste und ein Telegramm der Chemnitzer Genossen ihn inständig bat, umzukehren, um die sozialistische Zeitung vor dem Ruin zu retten. Nun hatte er das marode Tagblatt von einem Mauerblümchen zu einem viel beachteten und gefürchteten Organ gemacht, das Abonnenten im ganzen Reich hatte. Ihr Ortsverein und viele andere aus der Umgebung waren seit dem Auftauchen des bärtigen Poltergeistes sichtlich aufgeblüht. Und nun sollten sie diese Dampfmaschine der Revolution wieder verlieren? Gewiss, die Parteiführung war nicht gerade glücklich über diesen radikalen Freigeist, aber die Arbeiter im sächsischen Revier liebten ihren Johann. Und der Ortsverein wusste, was er an ihm hatte. Die Genossen fürchteten nun, plötzlich ohne ihn dazustehen. Auch waren sie verstört von der Leichtfertigkeit, mit der Most mit der Obrigkeit, dem Kerker und seiner Freiheit umging.

»Kommt, Freunde, lasst die Köpfe nicht hängen! Ihr seht ja aus wie sieben Tage Regenwetter! Wenn die Arbeiter euch so sähen, euch, die Führer des Proletariats, würde sie der große Katzenjammer überkommen, und sie würden sich bei den Bismarckisten ausweinen… Nehmt euch einen Punsch, und lasst uns anstoßen – die Zukunft ist unser!«

So endete dieser schicksalsträchtige Abend feucht und fröhlich, und wenige Wochen später, im Juli 1872, stand Johann Most mit geschnürtem Bündel vor dem Tor des Chemnitzer Stadtgefängnisses. Wieder begleiteten ihn die Genossen, die auch beim Punsch dabei waren. Der Abschied geriet kurz, aber herzlich. Er wurde in den >Roten Turm< gebracht, einen enormen Klotz aus rotem Sandstein, Überrest einer mittelalterlichen Festung und vormals Schuldturm. Der Direktor des Gefängnisses wollte den >roten Most< lieber nicht zu den gemeinen Gefangenen stecken, dafür aber hatte er ihm das Gemach direkt unterm Dach, das lange Jahre leer gestanden hatte, säubern und reichlich mit Möbeln einrichten lassen – ganz nach dem Geschmack des bekannten Häftlings, ja, sogar nach dessen Anweisungen. Most sah sich um.

Das Zimmer gefiel ihm. Es hatte nach drei Richtungen Fenster, und der Blick über die Stadt war grandios. Fast genoss er es, einmal unbegrenzte Ruhe zu haben. Er setzte sich auf den Schemel und begann, seine Habe zu ordnen. Vor ihm lagen etliche Entwürfe zu Artikeln und Reden aus den letzten Monaten, die alle unvollendet geblieben waren. Nun würde er sie endlich fertig schreiben. Aber die Arbeit wollte ihm nicht recht von der Hand gehen; außerdem war der Schemel hart und unbequem. Most legte sich aufs Bett. Ein preußisches Feldbett. Wie das wohl nach Sachsen gekommen sein mochte? Wohlig streckte er sich aus und freute sich bei dem Gedanken, dass er nun überhaupt keine Hast haben würde, diese Arbeit zu beenden. Er lag jedoch nicht lange auf dem Bett, denn schon wieder kroch die alte Unruhe in ihm hoch. Da fiel ihm ein, dass er noch einige poetische Arbeiten machen wollte. Hierzu hatte er nun endlich die nötige Muße, es fehlte nur noch die Muse, die ihn küssen sollte. Wieder nahm er auf dem unbequemen Hocker Platz und holte mehrere kleine Bändchen hervor, die er schon in Österreich veröffentlicht hatte. Sie enthielten samt und sonders Spottgedichte und verballhornte Texte patriotischer Lieder mit revolutionärem Inhalt. In Schüttelreim und bissigem Witz war er ebenso firm wie in Agitationsreden. Das Wort >Proletenpoet< fiel ihm ein, und er notierte es sich auf einem Zettel. Vielleicht könnte er es später noch einmal verwenden.

Nun machte er sich über eine Spottversion des Patriotenliedes >Die Wacht am Rhein< her und begann zu werkeln. Nach einer halben Stunde stand der Text auf dem Papier und der Proletenpoet legte sich die Decke auf den Schemel, bevor er wieder Platz nahm und befriedigt zu lesen begann:

»Ihr dauert mich, Ihr armen Toren;

Euch macht die Knechtschaft wenig Fein;

Zu Sklaven seid Ihr auserkoren Und meint dabei noch frei zu sein:

Ihr könnet nichts, als Hässlich schrein,

das alte Lied, >Die Wacht am Rhein<;

Die Wi-Wa-Wacht am Rhein, Die Wacht am Rhein.«

Most stand auf, überlegte kurz, setzte sich wieder und strich das Wort >alte< aus und ersetzte es durch >blöde<. Nun grinste er. Das saß! Und dazu die >Crambambuli<-Melodie, da würden die kleinbürgerlichen Patriotenspießer, die er aufs Korn nehmen wollte, schäumen! Es klopfte. Hatte, er sich verhört? Nein, es klopfte tatsächlich. Das war nun wirklich neu! Anklopfen im Gefängnis? Die Schließer kamen sonst immer unangemeldet, wann immer ihnen der Sinn danach stand. Most stand auf und ging zur Tür. Sie war nicht verriegelt gewesen. Er war ja auch der einzige Gefangene im Turm, und unten vor der Tür stand ein Doppelposten. Es war ein Schließer, der nicht gerade freundlich, aber höflich eintrat:

»Der Herr Direktor bittet, Sie möchten ins Verwaltungsgebäude kommen. Vor dem Tor steht eine Rotte von Arbeitern und macht Rabatz. Sie möchten sie doch bitte beruhigen.«

»Und warum sollte ich das Ihrer Meinung nach tun? Was wollen sie denn?«

»Das weiß ich auch nicht, aber der Herr Direktor möchte eine bedrohliche Situation vermeiden. Sie möchten nur mit Ihnen sprechen.«

»Alsdann, ein bisschen Bewegung wird mir gut tun.« Gemeinsam gingen sie die enge Wendeltreppe hinab. Im Büro des Direktors stand eine Delegation von fünf Arbeitern; durch das Fenster konnte der Gefangene an die Hundert weitere erkennen, die sich vor dem Tor drängten. Die fünf waren jedenfalls keine Genossen aus der Parteiorganisation, Most kannte nur zwei oder drei Gesichter flüchtig.

»Nun sprechen Sie und bringen Sie Ihr Anliegen vor«, sagte der Direktor gespreizt.

»Genosse Most, schön, dich gesund zusehen!«

»Mir fehlt es an nichts, außer meiner Freiheit, und das ist nicht bitterer als das Geld, das euch für eure Familien fehlt.«

»Ja, ja. Trotzdem, wir haben uns gedacht, es könnte dir doch etwas fehlen. Wir haben ja in der Zeitung gelesen, dass du zwei Monate im Roten Turm sitzen sollst. Das können wir nicht verhindern. Noch nicht.« Der Arbeiter, ein junger Bursche in blauem Hemd mit rotem Halstuch,

warf einen raschen Blick auf den Direktor, der aber keine Miene verzog.

»Also, um es kurz zu machen: wenn wir es schon nicht verhindern können, so wollen wir dir das Sitzen mögest leicht machen. Wir sind Möbeltischler, und der Frieder hier, hat erst Kürzlich sein Gesellenstück gemacht. Es steht draußen vor der Tür. Ein Lehnsessel, bestens gepolstert und lide verarbeitet! Heute früh haben wir ihn zum Polsterer gebracht, du weißt, zum Genossen Gebauer in der Breslauer Straße, und der hat ihn mit rotem Samt bezogen. Wir dachten, das passt besser zu dir.«

»Und zum Turm«, ergänzte Most lachend.

»Und deshalb macht ihr einen Radau, als wolltet ihr’s Gefängnis stürmen?« Nun hatte auch der Direktor seine Haltung verloren, und er verlor sie noch mehr, als der junge Arbeiter leise, aber gut hörbar entgegnete:

»Alles zu seiner Zeit…« Der Direktor überging diese Äußerung und wurde geschäftig:

»Also herein mit dem Ding, und ab mit dem Most in den Turm!«

»Zu Befehl!« schnarrte der Gendarm und nahm den Arrestanten mit kräftigem Griff bei der Schulter. Nur widerwillig löste sich Most aus der Umarmung mit dem jungen Schreinergesellen. Sein Blick war verschwommen, rasch wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Dank euch, Genossen. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ich das Möbel gebrauchen kann!«

»Leb wohl!«

»Nun aber raus hier und nur keine Sentimentalitäten – und ihr, ihr schert euch an eure Arbeit! So ein Kokolores!« Wütend warf der Direktor die schwere Bürotür hinter Most, dem Gendarmen und den Arbeitern ins Schloss. Dann schloss er seinen Schreibtisch auf und nahm die Akte Most hervor. Er begann aufmerksam zu lesen. Die Akte war prall gefüllt, und das meiste waren inkriminierte Artikel, die die Staatsanwaltschaft fein säuberlich aus diversen Zeitungen herausgeschnitten hatte. Es war eine gute Stunde nach Dienstschluss, als der Direktor die Akte beiseite legte. Er hatte ohne Unterbrechung viereinhalb Stunden gelesen. Sein Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen.

Geschichte

Der rote Plüschsessel musste Most im Kerker gute Dienste geleistet haben, denn sein Schaffen dort war ganz enorm. Als er sich nach acht Wochen aus seinem Turmzimmer verabschiedete, war er sichtlich erholt. Das mag ketzerisch klingen angesichts von Folter, Isolationshaft und Unmenschlichkeit, wie sie heute weltweit, in verschiedenen Formen und auch in Deutschland im Knast zum System gehören.

Es handelt sich indes nicht um meine Interpretation, sondern um Mosts eigene Worte. Der unermüdliche Rebell hat viele Jahre seines Lebens in Kerkern zugebracht – in Österreich, in Sachsen, Preußen, England und den USA. Was Most schmerzlich erlebt und überliefert hat, muss diejenigen verwundern, die glauben, bei allen Schönheitsfehlern gehe der Weg vom Absolutismus über Monarchie, Republik hin zur Demokratie zwangsläufig einen Weg kleiner Fortschritte.

Langsam und graduell werde alles besser, meinen die Menschen, auch und besonders in Dingen der persönlichen Freiheit und der Menschlichkeit. Most jedenfalls berichtet, dass er nie so gut behandelt wurde wie in den Knästen des deutschen Kaiserreiches oder der österreichischen Doppelmonarchie. In England, dem Hort demokratischer Liberalität und Traditionen, war die Behandlung bedeutend härter und schikanöser, aber den Gipfel von Unmenschlichkeit und Niedertracht erlebte der gealterte Revoluzzer 1886 in den Gefängnissen des ach so freiheitlichen Amerika! Wenn man diesen Faden bis Stammheim weiter spinnt, so scheint Most so etwas wie ein Prinzip aufgedeckt zu haben. Nicht etwa, dass die Entwicklung zwangsläufig immer schlechter würde, sondern vielmehr, dass einerseits keine Verbesserung zwangsläufig und von alleine kommt: man muss schon dafür kämpfen. Und andererseits, dass wohlklingende Etiketten wie Demokratie, Bürgerrechte, Menschenwürde in der Wirklichkeit oft nur hohle Phrasen bleiben. Auch in einer Demokratie kann der Mensch geschunden, erniedrigt, gequält werden — und dies oft mit viel subtileren Mitteln.

Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar?

Seit ich denken kann, sehe ich sie täglich verletzt. Auch in diesem, unserem Lande…

Im Roten Turm von Chemnitz jedenfalls hielt es Johann Most gut aus. Kleidung, Mahlzeiten, Lektüre, Korrespondenz und Beschäftigung, all das bestimmte der Gefangene selbst. Ja, sogar das Ausgehen wurde nicht gänzlich eingestellt: Der Gerichtsarzt verordnete ihm Bewegung, und so konnte er zweimal wöchentlich einen dreistündigen Spaziergang in die Stadt unternehmen. Ein Amtsdiener in Zivil begleitete ihn dabei. Der muss sich sehr rücksichtsvoll benommen haben, denn Most traf sich mit seinen Genossen im Biergarten und konnte so sein Versprechen erfüllen, der Zeitung und der Partei auch als Gefangener zu dienen. Man sollte aber nicht glauben, Knast sei im Kaiserreich ein Zuckerschlecken gewesen. Most gehörte zweifellos, wie die meisten politischen Gefangenen, zu den Privilegierten. Das Los der >gemeinen Halunken< war unvergleichlich härter. Die Frage, ob eine hygienische Justizvollzugsanstalt, in der man gesiezt und isoliert wird, besser sei als ein schmutziger Kerker, in dem man geduzt wurde, aber mit den anderen Kumpanen zusammen hocken konnte, hätte Johann Most sicher eindeutig beantwortet: gar kein Knast!

Im Fall der Chemnitzer Haft kam für Most noch ein besonders glücklicher Umstand hinzu: zwischen der sächsischen Bourgeoisie, die durchaus deutschnational gesinnt und Bismarck zugetan war, und dem Beamtentum, das partikularistische2 Ziele verfolgte und entsprechend bismarckfeindlich eingestellt war, gab es offene Rivalitäten. Die gute Behandlung Mosts war teilweise eine Folge dieser Reibereien, und der Gefängnisdirektor genoss den Unmut des Chemnitzer Staatsanwaltes, der empört darüber war, dass man die preußische Sozi-Verfolgung in Sachsen so lasch nahm.

Most sollte es ihnen schlecht danken. Kaum war er aus dem Gefängnis entlassen, widmete er sich sogleich wieder seinen Schandtaten. Diesmal war es eine vaterländische Feier, die in Spott und Chaos unterging, und das Liedchen, das im Roten Turm entstanden war, leistete hierbei gute Dienste. Im neuen deutschen Kaiserreich war der 2. September >der Sedantag<; die patriotischen Bürger feierten die Schlacht, in der über 80000 Menschen niedergemetzelt wurden und Preußen den Sieg über Frankreich davontrug. Die Chemnitzer Nationalisten wollten ihre Stadt im schönsten Patriotismus erstrahlen lassen und hatten um massenweise Beflaggung der Häuser ersucht. Dort, wo die Bürger wohnten, hingen auch die dreifarbigen Lappens wie Most sie spöttisch nannte, zum Fenster hinaus: Schwarzweißrot. Die Proletarierfamilien waren jedoch seiner Empfehlung gefolgt und hatten statt dessen ihre Steuerbescheide zu langen Fahnen zusammengeklebt und damit >geflaggt<. Am Giebel des Redaktionshauses der >Chemnitzer Freien Presse< wehten zwei schwarze und eine rote Fahne, und im Wirtshaus >Zur Stadt Köln< versammelten sich die Arbeiter, die an diesem Tage frei hatten.

Am Nachmittag gab die Stadtverwaltung ein >Freikonzert<, und fein herausgeputzte Familien spazierten in Kirmesstimmung zu den Bierzelten und auf die öffentlichen Plätze. Eine >Festzeitung< wurde überall verteilt, und man schwelgte in vaterländischem Hochgefühl. Um so herber war die Enttäuschung, als die feinen Leute im Gehrock entdecken mussten, dass die Festzeitung eine Mostsche Fälschung war und von A bis Z ein Hohn auf die > Sedanerei<…

Das war aber erst der Anfang. Für den Abend war ein deutschnationaler Fackelzug angesagt, und auf den Balkonen, an Erkern und Fenstern warteten die besseren Bürger mit Bowle, schwarzweißroten Fähnchen und Feuerwerk auf das Defilee von Feuerwehr, Militärkapelle und Honoratioren. Die Sozis aber waren fixer. Sie hatten selbst mehrere Züge gebildet, die nun, von verschiedenen Seiten her, auf den Marktplatz marschierten. Es war schon dämmrig, und so kam es, dass die nicht mehr ganz nüchternen Bourgeois glaubten, der Fackelzug rücke an. Sektkorken knallten, Hüte wurden geschwenkt, bengalische Feuer abgebrannt und den demonstrierenden Sozialisten scholl ein vielstimmiges »Hurra!« entgegen. An der Spitze eines jeden Zuges stand auf einem Spruchband:

»40 000 Tote auf deutscher Seite, mehr noch erschlagene Franzosen; die Verwundeten sind zahllos; und solche Schmach bejubelt die Bourgeoisie. Nieder mit den Mordspatrioten!«

»Bravo!« brüllten die Mordspatrioten zurück.

»Hoch die Soziale Revolution!« skandierten die Demonstranten – »Hoch! Hoch! Dreimal Hoch!« kam es von den Balkonen retour. Erst das schallende Hohngelächter klärte die Reichsschwärmer über ihren peinlichen Irrtum auf. Als dann etwas später der richtige Fackelzug folgte, ein mickriger Haufen im Vergleich zur Sozialistendemo, war die Hochstimmung schon verflogen. Die Arbeiter hatten den Marktplatz mittlerweile regelrecht besetzt und ließen dem Fackelzug gerade noch eine Gasse, durch die er auf die Mitte des Platzes gelangte. Dann wurde die »Nachtwächter-Prozessionvom Volke umzingelt«, wie Most angeregt  berichtet, und es dauerte auch nicht lange, da wurde die unvermeidliche >Wacht am Rhein< intoniert. Tausende Proletarierkehlen brüllten mit:

»Heran, heran,

Du kühne Schar!

Es bläst der Sturm,

es fliegt das Haar.

Ein Ruf aus tausend

Kehlen braust,

Zum Himmel hoch

ballt sich die Faust.

Es wirbelt dumpf

das Aufgebot;

Es flattert hoch

die Fahne roth; –

Arbeitend leben

oder kämpfend den Tod!«

Die Stadtväter leerten auch diesen Leidenskelch mit bitterer Miene, und alsbald erklomm ein Realschulmeister die Tribüne und langweilte die Zuhörer mit vaterländischen Bandwurmsätzen. »Auf, nach dem Schützenplatz!« hieß nun die Parole, »Most wird sprechen!«

Zurück blieb das Häuflein Patrioten, während Johann Most vor den Toren der Stadt die internationale Verbrüderung aller Völker gegen Tyrannen und Ausbeuter predigte. Schon am darauf folgenden Tag befand sich der Bürgerschreck auf der Reise zum Sozialistenkongress nach Mainz, wo er einer der Hauptredner in Sachen Programm, Organisation und Agitation war. Man behielt ihn gleich dort, und er ließ sein loses Mundwerk in Frankfurt, Köln, Solingen, Darmstadt, Coburg und andernorts hören, was jedes mal für entsprechenden Wirbel sorgte. Auf der Rückreise durch Thüringen packte ihn wieder der lange Arm der Justiz, und er wurde erneut eingelocht. Wieder saß er im Roten Turm zu Chemnitz, wo er seinen roten Plüschsessel abermals in Dienst stellte.

Er wurde wegen seiner Anti- Sedan-Rede und verschiedener Artikel unter Anklage gestellt, und die lautete auf >Majestätsbeleidigung<. Der bismarcktreue Staatsanwalt musste schwer konstruieren:

»Der Angeklagte hat in seiner Rede vom Massenmord gesprochen und damit die glorreichen Schlachten, welche unsere Truppen geschlagen haben, gemeint. So bezeichnet er also Mitglieder der Armee als Massenmörder. An der Spitze der Armee aber steht der Kaiser, ergo wer auch dieser beschimpft worden; und darin liegt Majestätsbeleidigung.«

Das Urteil lautete auf acht Monate Gefängnis, die Most in Zwickau ab brummte. Dort trat er am 26. Februar seine Strafe an, nachdem er zuvor in Chemnitz einige kleinere Delikte abgesessen hatte. Diese Zeit hat Most gut genutzt. In der Zwickauer Zelle schrieb er ein Büchlein, das ihm bis heute in der Arbeiterbewegung der ganzen Welt einen Namen gemacht hat. Es heißt »Kapital und Arbeit« und ist nichts weiter als eine volkstümliche Zusammenfassung von Karl Marx’ »Das Kapital« in typisch Mostscher Sprache. Marx und Engels haben es höchst persönlich revidiert, und es ist sicher keine Übertreibung zu sagen, dass durch diese Version Marx‘ Kapital erst in der deutschen Arbeiterschaft verbreitet und verstanden wurde. Nicht nur nach Mosts Urteil ist »das große Marx’sche Werk in einem so grundgelehrten Tone gehalten, dass Leute ohne speziellere Vorstudien es absolut nicht verstehen können.«

Wer war dieser Johann Most, dessen Leben aus lauter Anekdoten zu bestehen scheint, in denen sich, die wichtigen politischen Entwicklungen seiner Zeit wiederspiegeln und die ihn deshalb zu einer solch interessanten Figur machen?

Als Sohn armer Eltern kommt Johann im Februar 1846 in Augsburg »polizeiwidrigerweise«, nämlich unehelich, zur Welt. Sein Vater schon war ein bekannter atheistischer Redner,der sein Talent auf katholischen Friedhöfen übte. Unter der Fuchtel seiner erzreligiösen Stiefmutter lernt er früh die »Prügel-Pädagogie« kennen. Als Dreizehnjähriger zieht er sich ein Kieferleiden zu, das sein Gesicht auf Dauer entstellt. Der Junge, der sich eigentlich zum Schauspieler berufen fühlt, wird in eine Buchbinderlehre gesteckt. Am 21. April 1863 kann er als freier Wandergeselle endlich seine beengende Heimat verlassen: die weite Welt liegt nun vor ihm und der erste Bartflaum beginnt zu sprießen; er verdeckt notdürftig die durch Knochenfraß verunstaltete Mundpartie. Ungemein humorvolle Kritiker haben Most Jahre später den »schiefmäuligen Propheten« genannt, dessen Jünger »schief gewickelt« seien. Wie unzählige anderer Wandergesellen durchlebt und durch leidet er die entbehrungsreiche Zeit auf der Walz, die ihn in den folgenden Jahren durch ganz Mitteleuropa fuhrt: Hessen, Süddeutschland, Frankreich, Schweiz, Tirol, Italien, Slowenien, Österreich, Bayern, Slowakei, Böhmen, Schlesien, Sachsen, Rheinland, Westfalen, Hannover, die norddeutschen Hansestädte, Mecklenburg, Preußen und Berlin waren Stationen auf dieser fünfjährigen Vagabondage. In Frankfurt-Bornheim hörte der Wandergeselle ohne großes Interesse zum ersten mal etwas von >Socialismus<, und sein erster >Streik< den er dort miterlebt, drehte sich vor allem um Apfelwein. Auch sein erster Gefängnisaufenthalt, 1864 in Gießen, war unpolitischer Natur: er war beim >Fechten< erwischt worden, das heißt, er hatte geschnorrt.

1867 ließ er sich, vom Wandern ermüdet, für längere Zeit im Schweizer Jura als Etuimacher nieder. Hier stieß er auf eine schon stabile Arbeiterbewegung, die aber sehr deutschtümelnd war und den romantischen Vorstellungen von Schultze-Delitzsch anhing – für Most die reine »Quatschologie«. Im Nachbarstädtchen La Chaux de Fonds lernt er aber bald französischsprachige Mitglieder der internationalen Arbeiter-Assoziation kennen, hauptsächlich Uhrmacher, aus deren Reihen später die anarchistische Jura-Föderation entstehen sollte. Hier weht ein anderer Wind, und die Agitation jener Gruppe bringt den jungen Most, wie er sich ausdrückt, »zur Selbsterkenntnis«. Fortan fühlt er sich als Sozialist. Die Ideale des Anarchismus waren ihm damals weder dem Namen noch dem Inhalt nach geläufig. In Locle, wo er arbeitet, wird er rasch zum Sekretär des Ortsvereins, und die Mitgliederzahl steigt binnen sechs Monaten von 17 auf 72. Im November 1867 fliegt er aus der Firma und tippelt via Zürich nach Wien, wo seine eigentliche Agitatorenkarriere beginnt. Hier durchlebt er einen munteren Wechsel von Reden, Demonstrationen, Haft, Artikelschreiben und Polemisieren; nebenher werden wieder Etuis geklebt. Bald war Most der populärste Redner in der Wiener Arbeiterschaft, lehnte es jedoch immer wieder ab, Parteibeamter zu werden oder in irgendein Komitee einzutreten. In der immer rascheren Folge von Arrestaufenthalten bekommt der >Jungsozialist< nun Gelegenheit, sein Wissen zu vertiefen: er studiert wie besessen die sozialistischen Klassiker. Johann Most schult aber nicht nur seinen Kopf, sondern auch seine Stimme. Für uns ist es heute kaum vorstellbar, ohne Mikrophon unter freiem Himmel zu mehr als zehntausend Menschen zu sprechen. Atemtechnik und Stimmübungen gehörten damals zum Handwerkszeug jedes zünftigen Agitators.

Am 13. Dezember 1869 organisiert die Wiener Arbeiterschaft eine großartige Demonstration zur Eröffnung des österreichischen Reichsrates. Über 50000 Menschen sind auf der Straße, und eine Delegation überreicht eine >Sturmpetition< mit sozialen Forderungen. Die Volksvertreter bekommen’s mit der Angst und tagen lieber anderswo. Natürlich gehört Most mit zu den Organisatoren dieser Massendemo und war überdies einer der schärfsten Kritiker der >Parlamentiererei<.

So wird er am 2. März 1870 zusammen mit vier anderen Genossen unter der Anklage des Hochverrats in Haft genommen. Darauf stand ungünstigenfalls die Todesstrafe. Es bleibt aber bei fünf Jahren schweren Kerkers, was genau fünf Jahre zu viel sind. Die Verhandlung war ein reiner Tendenzprozeß und es gab keinerlei Beweise für einen tatsächlichen Umsturzplan. Dazu wäre die Wiener Parteileitung wohl auch nicht willens und in der Lage gewesen. Der Kernsatz der Urteilsbegründung spricht Bände:

»Der Charakter der gefährlichen Drohung liegt in der Massenansammlung selbst.«

Auch der >schwere Kerker< war nach Mosts Schilderung recht gemütlich; er schloss weitere Bildungslücken. Am 9. Februar 1871 kam er aufgrund einer Amnestie frei. Am Bahnhof empfingen ihn Tausende von Menschen unter unbeschreiblichem Jubel. Auch Most jubelte innerlich:

»Ich wurde auf den Schultern getragen und konnte mich so augenblicklich davon überzeugen, dass die statt gehabten Verfolgungen herrliche Früchte gezeigt hatten; denn ein wahres Meer von Köpfen wogte vor meinen Blicken. Es waren lauter Rebellen, die sich da eingefunden.«

Kein Wunder, dass die Wiener Genossen ihren Johann gleich wieder auf Agitationstournee schicken. Er bereist die Provinz zwischen Wien und Triest und wird prompt aus Österreich ausgewiesen, weil er »auf solche Weise der Amnestie schweren Undank gezollt« hatte.

Der Zufall verschlägt ihn nach Chemnitz, wo uns sein weiterer Werdegang bereits geläufig ist. Nach Rotem Turm und Zwickauer Gefängnis übernimmt Most in Mainz die >Süddeutsche Volksstimme<, wie gewohnt mit großem Erfolg. Wenig später wird er jedoch im Chemnitzer Wahlkreis zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Mit 25 Jahren ist er einer der jüngsten Parlamentarier Deutschlands und gleichzeitig einer der merkwürdigsten: denn obwohl er vom »Reichskasperletheater« nicht das mindeste hält, obwohl er aus seinem Antiparlamentarismus keinen Hehl macht und keinen Zweifel daran lässt, dass die Befreiung der Menschheit nur in der sozialen Revolution liegen kann, wird er dreimal wieder gewählt, und zwar jedes mal mit einem derart hohen Stimmenanteil, dass er zu den erfolgreichsten Sozialdemokraten überhaupt gezählt werden muss. Im Reichstag selber tritt er eher als Clown auf und nutzt das Parlament – sehr zum Leidwesen der ernsthafteren Sozialdemokraten in der Fraktion – als Plattform für seine ätzende Kritik und seine entlarvenden Späße. Das alles aber nur nebenbei. Hauptamtlich ist er nun Redakteur der > Berliner Freien Presse<, die zusammen mit ihren Lesern mehr und mehr auf mostsche Positionen einschwenkt. Natürlich mahlt auch die Gesetzesmühle in der Reichshauptstadt fleißig weiter, und Most kommt immer wieder vor die Schranken der Gerichte und ins Gefängnis.

Diese Aufenthalte werden dann auch zunehmend unangenehmer. Mal ist es ein Attentat, bei dem der Kaiser leicht verletzt wurde und für das man Most die geistige Urheberschaft an lasten will, mal eine Rede, in der er die Pariser Commune verherrlicht. Seinen letzten Wahlkampf bestreitet er von einer Gefängniszelle in Plötzensee aus: trotz massiver Bemühungen der Chemnitzer Bürger – sie versprachen jedem Arbeiter, der ihn nicht wählte, Dünnbier, saure Gurken und Speck und verbreiteten sogar die Nachricht, Most habe sich erhängt – schlägt er seinen bürgerlichen Gegenkandidaten haushoch. Als er nach dem Ende dieser Haft wieder auf freien Fuß kommt, hat er vom Parlamentarismus endgültig die Nase voll. Bismarck drückt am 21. Oktober 1878 das >Sozialistengesetz< durch, einen faktischen Belagerungszustand, durch den die gesamte Sozialdemokratie illegal wird. Für Leute wie Johann Most wird der Boden zu heiß. Er glaubt, vom Ausland aus nun mehr für die soziale Revolution in Deutschland tun zu können und will einer Einladung deutscher Emigranten in New York folgen, bleibt aber in London hängen. Auch hier wird ihm wieder sein Talent zum Verhängnis, denn die Genossen dort planen die Herausgabe einer Zeitung und finden in Most den richtigen Redakteur. So entsteht 1878 die >Freiheit<, ein Blatt, das zu den klassischen Zeitungen des Anarchismus wird und 31 Jahre lang erscheint; über 26 Jahre unter der Leitung von Most.

Die >Freiheit< war zunächst ein »Socialdemokratisches Organ«, aber von typisch Mostscher Prägung: deftig in der Sprache, radikal in den Gedanken, präzise in ihrer Kritik und revolutionär in ihren Zielen. Bei der Parteileitung, die als Antwort in Zürich den >Sozialdemokrat< herausgab, war das Blatt nicht gut angesehen: nicht seriös und erschreckend populär! In der Tat wurde die >Freiheit< bald zum Renner, und immer mehr Ortsgruppen abonnierten um. Der >Sozialdemokrat< wurde zum Organ des Parteivorstandes, der auf Reformen setzte und Disziplin predigte, um Bismarck nicht zu sehr zu verärgern und vor allem den Parteiapparat über den Ausnahmezustand zu retten.

Ansonsten übte er sich in professorenhafter Gelehrsamkeit und wissenschaftlichem Sozialismus. Die >Freiheit< wurde das Sprachrohr des kämpferischen Teils der Sozialdemokraten, die von jeher nicht viel von Parlament und Reformismus gehalten hatten; der Liebling der Basis. Im Laufe der Zeit entbrannte eine echte Rivalität, und die Schmuggler, die die Blätter über die Grenze brachten, überboten sich gegenseitig an Originalität. Most wurde jedoch durch allerlei Machenschaften der Parteiführung mehr und mehr in die Enge getrieben.

In dieser Enge standen die Anarchisten, und die nahmen ihn mit offenen Armen auf: Most wurde nun das, was er gefühlsmäßig im Grunde schon immer gewesen war — ein Anarchist.

Auch seine Zeitung führte bald diesen Untertitel. Mosts Aufenthalt in London blieb jedoch, wie gewohnt, vorübergehend. Er konnte mal wieder seinen Mund nicht halten und bejubelte am 19. März 1881 das geglückte Attentat auf einen der bestgehaßten Tyrannen Europas, den Zaren von Russland. Den Leitartikel in der >Freiheit< überschrieb er »Endlich!«. Das brachte ihm sechzehn Monate Zwangsarbeit ein, die ihn körperlich fast zugrunde richteten. 1883 schifft er sich nach New York ein, wo er von den deutschen Einwanderern mit offenen Armen empfangen wird. Die >Freiheit< erscheint nun in den USA und wird nach wie vor auch ins Reich geschmuggelt, aber über die riesige Entfernung ist das Blatt nicht mehr >konkurrenzfähig<. In einem schmutzigen Kleinkrieg gewinnt die gemäßigte Parteiführung in Deutschland wieder die Oberhand über die Basis. 1890 fällt das Sozialistengesetz, und die Partei darf sich wieder wählen lassen. Insgeheim ist sie froh darüber, dass sie sich durch diese Rosskur die lästigen Radikalen vom Halse schaffen konnte. Der Weg zu jener SPD wie sie Ebert, Noske, Wehner, Brandt und Schmidt repräsentieren, ist nun frei, auch wenn es noch einige Hindernisse gibt, denn die Opposition wird sich in der SPD noch jahrelang regen. Es gibt sozusagen Mostsche Nachwehen – 1890 kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Parteileitung und der >Opposition<: Tausende von Sozialdemokraten, die sogenannte »Bewegung der Jungen«, verlassen die SPD und schließen sich in der einen oder anderen Form der anarchistischen Bewegung an. Der ungebrochene Most engagiert sich unterdessen mit Volldampf in Amerika. Auch dort gibt es eine Arbeiterbewegung mit Kämpfen und Problemen. In New York und Chicago sind es überwiegend deutschstämmige Anarchisten, die die Arbeiterbewegung führen und für den Achtstundentag kämpfen.

Am 1. Mai 1886 kommt es auf dem Haymarket in Chicago zu einem Blutbad. Auf einer Massenversammlung explodiert eine Bombe. Nie wurde geklärt wurde, ob sie ein Provokateur der Polizei oder ein verzweifelter Arbeiter warf. Die Gendarmen eröffnen daraufhin das Feuer, es gibt viele Tote. Sofort werden die führenden Anarchisten verhaftet und in einem Himmel schreienden Prozess der >geistigen Urheberschaft< für schuldig befunden.

Fünf werden zum Tode verurteilt. Auch Most hätte man in diesem Zusammenhang gerne ans Leder gewollt, aber zu seinem >Glück< saß er gerade mal wieder im Gefängnis. Noch viele Jahre blieb Most mit seiner >Freiheit< ein treibender Bestandteil der anarchistischen Bewegung in den USA. Wie nicht anders zu erwarten, zog er unermüdlich durch die Lande und agitierte. Endlich konnte er sich auch seinen Jugendwunsch erfüllen: das Theater. Die von ihm gegründete Schauspieltruppe brachte zeitgenössisches Volkstheater auf hohem Niveau unter die Arbeiter. Sein Einfluss blieb aber nicht auf die Kreise deutscher Emigranten beschränkt. John Most lernte rasch amerikanisch, und sein Einfluss auf die radikale Gewerkschaftsbewegung der Wobblies ist unverkennbar. Most war zwar Anarchist, aber in erster Linie auch immer Arbeiter und Gewerkschafter. Sein Anarchismus, so wortradikal er war und so begeistert er zeitweise auch die revolutionäre Gewalt unterstützte, war doch immer an der Arbeiterbewegung orientiert und blieb stets dort verwurzelt. 1906 starb Johann Most, 62jährig in Cincinatti. Mitten auf einer Agitationsreise. Wo auch sonst?

Moral

Johann Most war der bestgehaßte und der verleumdetste Mann zweier Generationen« schrieb sein Freund Thaumazo 1907 in einem Nachruf. Das stimmt ebenso wie die Tatsache, dass er der populärste Mann war, den die Sozialdemokratie je in der Basis der Arbeiterschaft hatte. Das lässt sich an seinen unglaublichen Wahlerfolgen ebenso festmachen wie an seiner Kraft zur Mobilisierung der Menschen oder an der Art, wie die einfachen Arbeiter ihn verehrten. Als ihm in Chemnitz die Tischler den Plüschsessel ins Gefängnis brachten, war er gerade 24 Jahre alt. Dass dieser populäre Agitator Anarchist war, gibt viel zu denken. Gewiss war August Bebel populär, gewiss hat Willy Brandt es mit vielen Wählerstimmen zum Bundeskanzler gebracht, und auch Helmut Schmidt oder Friedrich Ebert hatten ihren Anhang. Aber zu Brandts Zeiten hatte die Sozialdemokratie schon längst nichts mehr mit Arbeiterschaft und Revolution im Sinn, und Bebel war in erster Linie die Vaterfigur der Partei. Von Schmidt und Ebert sollte man sowieso lieber schweigen…

Gewiss – Most bezeichnete sich bis zu seiner Londoner Zeit auch nicht als Anarchist, aber tatsächlich war er es schon seit seiner Gesellenzeit gewesen. Er wusste es nur noch nicht. Als es ihm – während seiner Zeit in Chemnitz und Berlin – langsam zum Bewusstsein kam, vertraute er immer noch darauf, dass die sozialistische Bewegung auch für anarchistische Ideen Platz haben müsste.

Für ihn waren Revolution, Sozialismus und Anarchismus keine unvereinbaren Positionen. Er hatte jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und dieser Wirt hieß Parteiapparat. Wenn es aber wahr ist, dass der populärste Sozi ein Anarcho war, dass er als Antiparlamentarist Triumphe im Parlamentarismus erzielte, dass er mit Aktionen, die so gar nicht ins Konzept der seriösen Arbeiterpartei passten, die Arbeiter begeisterte – wenn das alles stimmt, dann kann einiges von dem, was zu offiziellen Wahrheiten der deutschen Arbeiterbewegung geworden ist, einfach nicht stimmen.

Offizielle Wahrheit ist zum Beispiel, der deutsche Arbeiter sei im Grunde ein biederer Mensch, der Ruhe und Ordnung liebe und für Revolutionen nicht zu haben sei. Offizielle Wahrheit ist auch, saß das Sozialistengesetz ein teuflisches Spiel Bismarcks war, in dem die Partei ihren Kampf auf Leben und Tod ausgefochten habe und sich unter großen Opfern behaupten konnte. Offizielle Wahrheit ist schließlich, dass der Anarchismus in Deutschland stets eine Randerscheinung von wenigen fanatischen Kleinbürgern und intellektuellen Bohemiens war.

Pustekuchen! Von all dem ist nicht mal die Hälfte halb wahr, und für die schamhaft verschwiegene Kehrseite dieser Medaille sind Most und viele andere die Kronzeugen. Es stimmt, dass die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung unterm Strich eine angepasste, reformistische und biedere ist, aber für diesen Saldo trägt die Sozialdemokratie selbst die Verantwortung. Sie hat sich genau die Arbeiterschaft heran gezüchtet, die sie wollte, und dass die deutschen Proletarier 1914 lammfromm in den Krieg marschierten oder 1933 nicht gegen Hitler aufstanden, hat die klassische >Führerin der Arbeiterklasse< – so hart das klingen mag – nicht besser verdient.

Die Sozialdemokratie war von ihren Anfängen an kein homogenes3 Gebilde. Reformer wie Revolutionäre, Deutschtümler wie Internationalisten, Professoren wie Proleten hatten hier gleichermaßen ihre Heimat. Johann Most war in dieser Bewegung kein Fremdkörper und keine Ausnahme. Er war nur besonders begabt und wurde dadurch besonders bekannt. Darum dient er in diesem Buch auch als lebendiges Beispiel für jene Tendenz, die er verkörperte, und wenn bei der Erzählung seines Werdegangs der Eindruck entstanden sein mag, alles Revolutionäre in der SPD habe an ihm oder seiner Zeitung gehangen, so ist dieser Eindruck ebenso falsch, wie etwa zu glauben, Philipp Scheidemann4 sei der einzige Arbeiterverräter in der SPD gewesen.

Der lange Marsch zum Patriotismus, von dort über den Nationalismus und die staatstragende Kraft der Weimarer Republik bis hin zur Volkspartei der Bürger, die heute den Kapitalismus vor dem Absturz bewahrt, dieser lange Marsch begann schon lange bevor Bismarck die SPD für acht Jahre kriminalisierte.

Johann Most und die radikalen Sozialisten spielen in dieser Auseinandersetzung nicht etwa nur die Rolle des kleinen, linken Flügels. Wenn man sich so überlegt, was der Most da getrieben hat, so erinnern seine Aktionen stark an das, was heute in anarchophilen Kreisen als Spaßguerilla geübt wird. Fritz Teufel könnte ein Schüler des Johann Most gewesen sein. Der Unterschied der Mostschen Spaßguerilla zu dem, was Teufel in der APO oder die Hausbesetzer in Berlin trieben, war aber, dass die Spaßguerilla anno 1870 alles andere als eine Gaudi von Randgruppen war. Es war nicht eine Minderheit, die sich daran beteiligte und lachend applaudierte, wenn die Sozis den Bourgeois eine Falle stellten, sondern die Mehrheit. In Chemnitz vereinigte Most, selbst vom Knast aus, 14000 Wähler- stimmen auf sich, während es die Opposition nur auf 10000 brachte. Das hätte selbst Fritz Teufel in seiner besten Zeit nicht geschafft.

Entscheidend aber ist, dass es auf die Wählerstimmen gar nicht ankam; sie sind nur ein Indiz. Most ließ keinen Zweifel daran, dass er nur ins Parlament ging, um den ganzen Zauber zu entlarven. Im Plenarsaal war er dann wieder ganz wie Fritz Teufel…

Nein, die Spaßguerilla war bei Most und Konsorten nur das vitale Beiwerk zu einer sehr ernsthaften, drängenden Aufgabe: die Befreiung der Arbeiter, die soziale Revolution. Damals glaubten die meisten der verarmten, rechtlosen, ausgebeuteten Proleten mit glühender Begeisterung an den kommenden Sozialismus. Das war die Hoffnung, die sie davor bewahrte, auch noch hoffnungslos zu werden. Und für die meisten war klar, dass dieser Sozialismus nur über eine Revolution und nicht durch die Parlamente zu erreichen war. Was später allgemein gültiger Inhalt der Partei wurde, war am Anfang nur die Illusion von wenigen, nämlich, man könne den Sozialismus erreichen, indem man in den Parlamenten die Mehrheit und von der Obrigkeit hierzu die Erlaubnis erhielte. Und diese wenigen in der Partei waren die Professoren, Funktionäre, Parteitheoretiker. Gutsituierte Leute, die in der Partei groß geworden und in ihr gut versorgt waren. Jedenfalls nicht die Malocher. Aber: sie saßen am langen Hebel, sie kontrollierten den Apparat und mit ihm die Meinung und die Zukunft der Partei.

Man kann sich gar nicht dagegen wehren, aber hier laufen einem die Parallelen zu den >Grünen< bei Schritt und Tritt über den Weg. Auch sie waren eine breite Bewegung, deren Prinzi pien auf Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Dezentralismus und Autonomie aufgebaut waren – also durchaus auf libertären Tugenden. Davon ist, seit diese Bewegung zur Partei wurde, nicht mehr viel übrig geblieben, und der Prozess der >Verstaatlichung< bei den Grünen beginnt zu galoppieren: Das Prinzip der Basisdemokratie verkümmerte zum absterbenden Ritual des Rotationsprinzips im Parlament, an das sich kaum noch jemand halten will. Aus der radikalen Kritik am System wurde die lauwarme Opposition als Fraktion oder gar als Koalitionspartner. Von der Vision einer neuen, ökologischen und freien Gesellschaft blieb nicht viel mehr übrig als der Blick für das >politisch Machbare< aus der Perspektive grüner Minister und Staatssekretäre…

Gerade so wie die Sozialdemokraten in Bonn Dinge tun, die Christdemokraten ebenso gut hätten tun können, so machen heute Grüne eine Politik, wie sie auch Sozialdemokraten machen würden. Auch die Grünen, die im Grunde ihres Herzens antiparlamentarisch fühlen und das Parlament nur als Plattform für ihre Anklagen benutzen wollten, müssen jetzt lernen, dass man nicht >zum Spaß< in den Bundestag gehen kann. Es ist erst wenige Jahre her, als sich die Partei der >Grünen< konstituierte, und sie tat das als parlamentarischer Arm der Ökobewegung. Heute fuhrt dieser Arm ein munteres Eigenleben, die Basis wird mehr und mehr zum Erfüllungsgehilfen der Partei. Parlamentsarbeit hat eben ihre eigene Dynamik und die verändert die Menschen. Besonders dann, wenn viele sich wünschen, in diesem Sinne verändert zu werden. Macht schmeckt nach mehr…

Ebenso klar, wie es für die sozialistische Bewegung anfänglich war, dass die Schrecken des Kapitalismus nur durch seine Abschaffung zu überwinden seien und, dass es hierzu höchste Zeit sei, war es auch für die grüne Bewegung keine Frage, dass man die drohenden ökologischen Katastrophen nur durch radikale Veränderungen abwenden könne. In beiden Fällen wurde die – systemüberwindende Kraft in dem Augenblick schrittweise zu einer systemerhaltende Kosmetik, als aus der Bewegung eine Partei wurde, die sich wählen ließ, die auf Reformen setzte und sich zu arrangieren trachtete. Auch bei den Grünen gibt und gab es eine Opposition, auch bei den Grünen wird sie mit mehr oder weniger sauberen Mitteln kaltgestellt, ausgebootet, an den Rand gedrängt. Dieser Vergleich aus einer Bewegung, die wir alle hier und heute miterleben, gibt uns vielleicht den Schlüssel zum Verständnis der Rolle, die die aufrechten Sozialisten in der SPD und mit ihnen Johann Most spielten. Nur eines ist erschreckend anders: das, wozu die Sozialdemokraten vierzig Jahre und einen Belagerungszustand brauchten, schafften die Grünen ohne Druck von außen locker in fünf Jahren…

Der Ausnahmezustand gehört zu den besonders verlogenen Mythen der Sozialdemokratie. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass das Sozialistengesetz Bismarcks für die Parteileitung im nach hinein betrachtet überaus günstig kam. Es ersparte der Partei nämlich jene Art von >Säuberungen <, wie wir sie von den kommunistischen Parteien des Ostblocks kennen. Zwischen 1882 und 1890 entledigte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands auf überaus elegante Weise ihres radikalen, linken Flügels. Vor dem Sozialistengesetz hielten sich die reformistische und die revolutionäre Tendenz ungefähr die Waage, obwohl von der Partei offiziell nur die erstere gefördert wurde. Grob gesagt saßen die Parlamentsanbeter im Parteiapparat, die Verfechter der Revolution fand man an der Basis der Arbeiterschaft. Zwar gingen auch die fleißig wählen, aber für die Arbeiterschaft war das mehr eine Machtdemonstration. Für die Abgeordneten hingegen war es ihr Lebensinhalt. Früher oder später hätte es zu einer Entscheidung für eine der Richtungen kommen müssen oder aber zur Spaltung. Nach 1890 war es dann nur noch eine Frage von revolutionären Nachwehen, und die Partei konnte ohne viel Widerstand auf den reformistischen, parlamentarischen Kurs eingeschworen werden.

Die SPD war reif, den Kapitalismus zu verwalten, statt ihn zu überwinden.

Wo war der radikale Flügel geblieben?

In der Antwort auf diese Frage liegt die >Eleganz<, mit der die Parteiführung dieses Problem löste: Man ließ den preußischen Staat die Drecksarbeit machen, und die Partei wehrte sich nicht, wenn die radikalen Parteigenossen über die Klinge sprangen. Es war ebenso im Sinne Bismarcks wie im Sinne der Parteiführung. Als der Spuk vorüber war, hatte Preußen eine SPD, mit der es leben konnte, und die SPD eine Basis, mit der sie in Preußen Staat machen konnte. Das alles ist keineswegs die überspannte Geschichtsinterpretation von bornierten Anarchisten, das war traurige Alltagsrealität.

Die Taktiererei der Partei gegen die eigenen radikalen Genossen erschöpft sich schon bald nicht mehr im Stillhalten. Krampfhaft versucht der Vorstand in Zürich den Einfluss der Linken zurück zu drängen. Einerseits, indem der als Gegengift zur >Freiheit< gegründete Sozialdemokrat die populäre Sprache und die Schmuggelmethoden Mosts kopiert, andererseits dadurch, dass man mit allen möglichen administrativen Winkelzügen versucht, Resolutionen, Delegationen und Anträge auszumanövrieren. Abstimmungen werden manipuliert, Mandate verfälscht, Resolutionen unter den Tisch gekehrt, Beschlüsse verschwinden.

Die preußische Polizei macht sich diesen Zwist rasch zunutze und unterwandert die gesamte Bewegung mit Spitzeln und Provokateuren. Es dauert nicht lange, da denunzieren sich Anhänger beider Fraktionen gegenseitig. Sozialisten liefern Sozialisten ans Messer. Beim Studium der Zeitungen, Akten, Protokolle und Spitzelberichte meint man, in einen miesen Krimi geraten zu sein.

Wer bei dieser Auseinandersetzung den kürzeren zog, kann man sich leicht denken. Die Radikalen landeten im Knast, im Exil oder in der Resignation. Der Staat und die Sozialdemokratie hatten triumphiert; es dauerte nur noch 28 Jahre, bis beide dasselbe waren. Bei dieser Auseinandersetzung, hinter der in der Tat die entscheidende Weichenstellung für die deutsche Arbeiterbewegung steckt, kann den Anarchisten ein bitterer Vorwurf nicht erspart bleiben.

Most war, wie gesagt, damals kein Anarchist, ebenso wenig fühlten sich die Arbeiter, die Mosts Richtung anhingen, als Anarchisten. Das lag aber nicht so sehr daran, dass sie die Ideen des Anarchismus ablehnten als vielmehr daran, dass die Ideen des Anarchismus in der Arbeiterbewegung nicht zur Debatte standen. Die wenigen, kaum organisierten Anarchos in Deutschland jener Jahre waren überwiegend mit sich selbst beschäftigt oder träumten vom Tyrannenmord.

Die Bewegung war nicht nur schwach, sondern überwiegend unreif. Sie war einfach nicht da, um diesem enormen Potential von durch und durch libertären Arbeitern eine Einheit zu geben. Die Illusion, innerhalb der SPD jemals zur sozialen Umwälzung zu kommen, wurde auf diese Weise lange am Leben erhalten; so lange, bis es zu spät war. Most war in den langen Jahren, die er brauchte, um sich zum überzeugten Anarchisten zu entwickeln, mit abnehmender Tendenz selber noch in dieser Illusion gefangen. In dem Maße, wie er sich der noch schwachen anarchistischen Bewegung näherte, schwand sein Einfluss auf die Arbeiterbewegung. Es gab eine lange, zu lange Zeit des politischen Vakuums zwischen dem Niedergang des radikalen Flügels der Sozialdemokratie und der Erkenntnis bei den Anarchisten, dass man mit Attentaten die Welt nicht verändern kann und sich statt dessen auf die Arbeiterbewegung zurück besinnen sollte. Als vor dem 1. Weltkrieg der Anarchosyndikalismus für die Anarchisten weltweit ein Thema wurde, war Most schon ein alter Mann, und das, was 1918 in Deutschland aus der Opposition der >Jungen< von 1890 übrig geblieben war, langte gerade noch für eine Mitgift zur Gründung der FAUD5.

In diesem Sumpf ging die Chance unter, die deutschen Arbeiter weg vom Parlamentarismus dahin zu bringen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Most hat selber mit deftigen Worten das Dynamit gepriesen; seine Bombenbastel-Broschüre »Revolutionäre Kriegswissenschaft« ist ein Bestseller geworden, ebenso wie seine lästerliche Polemik »Die Gottespest«. Wenn man Most aber kritisch liest, so muss man feststellen, dass er zwar immer wortradikal daher redete und schrieb, in seinen praktischen Schritten aber stets Realist blieb.

Er konnte aus dem Häuschen geraten und laut applaudieren, als die russischen Anarchisten den Zaren töteten, aber ebenso heftig das Attentat verurteilen, das der amerikanische Anarchist Alexander Berkman gegen den Industriellen Frick verübte, der auf streikende Arbeiter hatte schießen lassen. Most glaubte nicht daran, die Anarchie herbeibomben zu können und unterschied genau zwischen Gewalttaten, die ein verhasstes System zu Fall bringen und so der Revolution eine Chance geben könnten, und individuellen Kraftakten, die nichts brachten als persönliche Befriedigung und erneute Repression.

Er hat für diesen Realismus übrigens auch seinen Preis bezahlt, denn viele Anarchisten warfen ihm damals noch schlicht Feigheit vor. Als er beispielsweise das Berkman-Attentat in der >Freiheit< einen »Streich Unbesonnener« nannte, der »schädlich und dumm« sei, ohrfeigte ihn die amerikanische Anarchistin Emma Goldman auf einem Vortrag und nannte ihn vor versammelter Zuhörerschaft einen Feigling. Johann Most war als Sozialist zu spät und als Anarchist zu früh geboren worden. Seine Ideen, die auf Volkstümlichkeit, Gewerkschaften, Militanz und Sinn für Realismus aufbauten, setzten sich bei den Anarchisten erst durch, als er schon tot war. Die Sozialdemokraten hingegen hatten schon die künftigen Ministersessel im Kopf, als Johann Most sich auf dem Plüschsessel im Roten Turm niederließ, um an Knittelversen für die soziale Revolution zu schreiben, die seine Partei schon längst verraten hatte.

1) Früher wurde die Schrift von Büchern und Zeitungen in Bleilettern >gesetzt<. Die einzel-

nen Schriftspalten wurden aufgeteilt und zu Seiten angeordnet: der Umbruch. Zuvor nahm

man von den Spalten einen Abdruck, die Korrekturfahne, um nach Fehlern zu suchen.

2) Partikularismus = Bestrebung, innerhalb des Staates eine besondere Stellung einzunehmen, besondere Rechte oder einen besonderen Status zu erhalten; im Extremfall, sich als eigenständiger Staat zu behaupten oder abzuspalten.

3) homogen = gleichförmig; wenn eine Substanz oder eine Bewegung auch in ihrem Inneren überall aus gleichen Teilen, Substanzen, Gruppen besteht.

4) Philipp Scheidemann, Sozialdemokrat. Politiker, der 1918/1919 für die gewaltsame Abschaffung des Ratesystems und die Niederwerfung der Spartakusaufstände verantwortlich war, bei der die SPD Kriegswaffen und Militär gegen die Arbeiter einsetzte

5) FAUD = Freie Arbeiter Union Deutsch-

lands, Anarchosyndikalistische Gewerkschaft,

vergleiche Kapitel 6!

Büchen:

-Johann Most, Ein Sozialist in Deutschland,

180 S., Hanser Verlag, München

– Johann Most, Memoiren, ca. 300 S., (Dieses

Reprint der Originalausgaben von 1903—1907

kursieren in vielen Editionen; z.T. identisch mit

dem obrigen Buch)

– John Most, Marxereien, Eseleien und dersanfie

Heinrich, Aufsätze. 192 S., Verlag Büchse der

Pandora, Wetzlar

– Rudolf Rocker, Johann Most. Das Leben eines

Rebellen, 435 S., Verlag der Syndikalist, Berlin

(div. Nachdrucke im Handel)

– Horst Karasek, Belagerungszustand! Reformi

sten und Radikale unter dem Sozialistengesetz

1878-1890,158 S., Wagenbach-Verlag, Berlin

– Horst Karasek, Haymarket! 1886: Die deut

schen Anarchisten von Chicago, 190 S., Verlag

Wagenbach, Berlin

– Horst Karasek, Propaganda und Tat. Drei Ab

handlungen über dem militanten Anarchist

unter dem Sozialistengesetz, 54 S., Verlag Freie

Gesellschaft, Frankfurt

– Ulrich Linse, Organisierter Anarchismusim

Deutschen Kaiserreich, 410 S., Verlag Duncker

& Humboldt, Berlin

Written by floriangrebner

13. März 2011 at 14:17