Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Grundlagentexte’ Category

Über liberale Staaten, soziale Marktwirtschaften, schwangere Jungfrauen und andere Dinge, die es nicht gibt

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Zwei herausragende Lektüreempfehlungen für die Zeit „zwischen den Tagen“, die wir unseren Lesern allerwärmstens ans Herz legen möchten:

 

1.) „Die soziale Marktwirtschaft: Das gescheiterte neoliberale Projekt“ auf Mises.de

 

2.) „Klassischer Liberalismus versus Anarchokapitalismus“ auf Apriorist.de

 

Viel Freude mit diesen beiden exzellenten Texten und ein besseres neues Jahr 2012 wünscht Euch/Ihnen die Paxx-Redaktion!

 

 

 

 

Big Business und Big Government gehören zusammen!

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Die Interdependenz  der beiden  antiliberalen Big Player und die Gemeinsamkeiten von WEF-Teilnehmern und -Protestlern sind das Thema eines brillanten Artikels von Christian Hoffmann in der aktuellen Ausgabe der Schweizer Monatshefte.

Die Abolitionisten waren Extremisten

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von Benjamin B.
Da es heutzutage der letzte Schrei ist, Leute, deren Ansichten man nicht teilt, als Extremisten zu bezeichnen und zu glauben, damit sei alles gesagt und der ideologische Gegner diskreditiert, folgende Worte:

Die Gegner der Sklaverei waren (aus Sicht des Mainstreams) ebenfalls Extremisten. Diejenigen Abolitionisten, die für die sofortige Abschaffung der Sklaverei[1] waren, wurden selbst von jenen, die die Sklaverei lieber stufenweise abschaffen[2] oder bloss eine Verbesserung der Lebenszustände der Sklaven bewirken wollten, als unpragmatische Fundamentalisten bezeichnet.

Jemanden einen Extremisten zu nennen, sagt also nichts über die Validität der (politischen / religiösen / philosophischen) Positionen der Person aus, über die man spricht, sondern einzig und allein, dass man selber eine andere Meinung vertritt.

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1.immediatists [↩]
2.gradualists [↩]

cross-post: ars libertatis

Written by dominikhennig

19. Dezember 2010 at 04:12

Veröffentlicht in Geschichte, Grundlagentexte

Wieso eigentlich Integration?

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von Niklas Fröhlich

Eigentlich wollte ich mich zu der gesamten Sarrazin-Debatte nicht noch einmal äußern, aber da das Thema auf allen Plattformen, in allen Medien und Gesprächen nicht abreißen will, möchte ich mich doch zumindest zu einem einzigen Aspekt noch einmal äußern: Der Kultur, was besonders auch die Sprache mit einbezieht. Vorweg: Wann immer ich das Wort „Gesellschaft“ verwende, spreche ich nicht von jenem sinnentleerten Konstrukt, sondern meine einzig und allein „Das Zusammenleben der Menschen“.

In der ganzen Debatte hört man von Seiten der Einwanderungs- Islamkritiker immer wieder das Argument der grauenhaften Parallelgesellschaften, der zusammenbrechenden kulturellen Einheit in Deutschland, dem Ende der „Leitkultur“. Phrasen wie „Wer in Deutschland lebt, muss auch Deutsch sprechen!“ oder der Ruf nach Verankerung der Deutschen Sprache im Grundgesetz sprechen Bände – Bände unreflektierter Gedankengänge.

Ich provoziere: Warum MUSS Deutsch sprechen, wer in Deutschland lebt? Es ist doch Sache eines jeden Einzelnen, wie er sein Leben verbringt – und wer die deutsche Sprache nicht lernen will, der muss dies nicht. Wenn ich auswandere MUSS ich auch nicht unbedingt die Sprache meines neuen Wohnortes lernen. Von MÜSSEN als imperativ anderer kann überhaupt keine Rede sein. Was geht es mich an, wie andere ihr Leben führen? Gerade diese Toleranz sollte doch der Grundstein unserer sogenannten „modernen“ und „freiheitlichen“ Gesellschaft sein.
Aber, wird so Mancher einrufen, die kulturelle und besonders sprachliche Einheit sei unbedingt notwendig zum Bestehen der „Gesellschaft“. Ich kann ja meinen Nachbarn nicht einmal bitten, leise zu sein, geschweige denn mich ihm vorstellen und wirklich eine Gesell-schaft mit ihm bilden, wenn er meine Sprache nicht spricht. In diesem Sinne, so mag man einwenden, gehe es einen sehr wohl etwas an – denn man möchte ja ein funkionierendes Zusammenleben.
Diese Feststellung ist im Kern tatsächlich richtig, führt in diesem Fall jedoch zur falschen Schlussfolgerung. Natürlich ist es wünschenswert, mit seinen Mitmenschen kommunizieren zu können. Aber wünschenswert ist so vieles. Ich wünsche mir auch noch so einiges anderes etwa einen neuen Rechner – dennoch habe ich keinen Anspruch gegenüber Anderen, dass diese ihn mir schenken, damit ich davon profitiere. Ebensowenig habe ich einen Anspruch darauf, dass andere Menschen für mich eine Sprache lernen, damit ich davon profitiere. So empört der Kulturkonservative bei dieser Aussage auch aufschreien mag: Ich habe ebensowenig einen Anspruch darauf, dass ein eingewanderter Türke deutsch lernt, wie ich Anspruch darauf habe, dass alle Türken Deutsch lernen, sobald ich in die Türkei einwandere. Ich habe überhaupt keinen Anspruch auf die Handlungen anderer.

Aber, wird man wiederholen, was ist mit der Notwendigkeit einer gewissen sprachlichen und kulturellen Homogenität? Ganz einfach: Sie ist wünschenswert und sie ist notwendig und eben daher braucht überhaupt niemand irgendwelche Ansprüche zu erheben. Der Mensch möchte ein gutes und angenehmes Leben führen und gerade dafür braucht er die Gesellschaft und dafür braucht er die Sprache. Sprache und Kultur sind doch nicht Selbstzweck! Sie sind reines Mittel zum Ziel individueller Zielerreichung. Oder in schöneren Worten:

„Der in die Gesellschaft eingegliederte Mensch ist an die Gesellschaft gebunden, weil er ohne die Gesellschaft die Zwecke seines Handelns nicht verwirklichen kann.“
– Ludwig von Mises; Nationalölkonomie; Edition Union Genf; 1940; S.135 *

Ein Einwanderer lernt schon deshalb die Sprache der Einwanderungsgesellschaft, weil er ohne sie in ihr nicht leben kann. Aus eben diesem Grund ist eine weiträumige zumindest annährend homogene Kultur und Sprache ja überhaupt erst entstanden, weil die Menschen Nutzen aus der Zusammenarbeit ziehen. Es ist doch innerhalb Deutschlands nicht anders: Der Urbayer spricht nicht deshalb nebenbei auch mehr oder weniger Hochdeutsch, weil es „sich in Deutschland halt so gehört“, sondern damit er auch mit dem benachbarten Badener oder Franken kommunizieren und Handel treiben kann. Und so werden gewiss, überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gewisse gemeinsame Nenner und eine gemeinsame Sprache entstehen – schon deshalb, weil jeder Einzelne dies als Mittel der Zusammenarbeit braucht.

Um noch einmal auf den Urbayern zurückzukommen: Es mag auch gewiss einige ländliche Dörfer geben, in denen etwa der Westfale kein Wort verstehen wird – und in denen man auch des Hochdeutschen kaum mächtig ist und deren Kultur auch ländlich, altmodisch, streng katholisch ist. Wer beklagt sich eigentlich über diese „Parallelgesellschaften“ und „Integrationsverweigerer“. Niemand. Wieso auch? Diese Dörfer sind eben deshalb nicht an Restdeutschland angepasst, weil sie es scheinbar nicht brauchen, weil keine Notwendigkeit besteht. Und so nimmt auch niemand Anstoß daran: Wen kümmert es, was irgendwo auf dem Land vor sich geht? An dem Punkt aber, wo diese Dörfer mehr zu Städten oder touristischen Gebieten werden, kurzum: In Kontakt mit „Hochdeutschlern“ kommen, werden sie sich nach und nach erst sprachlich und irgendwann auch in gewissen Teilen kulturell anpassen – einfach, weil man mit den anderen zugezogenen Städtern oder den geldgebenden Touristen kommunizieren muss. Andersherum: Wer als einzelner in das Dorf zieht, wird nicht umherkommen bayrischen Dialekt zu lernen.
Von einem Imperativ der „Anpassungspflicht“ kann keine Rede sein. Es geht um reine Notwendigkeit.

Diese geographische Abgeschiedenheit, die kulturelle Anpassung nicht oder nur bedingt nötig macht, ist aber in den beklagten türkisch-arabisch-islamischen Parallelgesellschaften gerade nicht gegeben. Und daher wird sie problematisch: Denn innerhalb direkter Nachbarschaft findet die rein natürlich übliche und auch notwendige kulturelle Angleichung nicht statt – und das belastet natürlich das Zusammenleben.

Und nun sind wir beim Kern des eigentlichen Problems: Wieso funktioniert hier das nicht, das rein natürlich ist: Die Anpassung zum gegenseitigen Nutzen. Wieso bilden sich kulturell abgeschottete Gesellschaften innerhalb der Restgesellschaft, die mit dieser kulturell wie sprachlich nicht kommunizieren können? Dies hat wenn überhaupt zweitrangig irgendetwas mit Nationalität oder Religion (hier: Islam) zu tun. Denn selbst der radikale Religiöse oder der anpassungsunwillige Nationalist muss essen, muss eine Wohnung haben, muss Geld verdienen usw. Und für all das muss er kommunizieren. Selbst der radikalste türk-nationalistische Islamist würde die Deutsche Sprache lernen müssen, um sich eine Wohnung zu suchen, den Mietvertrag zu verstehen, einen Job zu finden, sich beim Einstellungsgespräch vorzustellen, oder einfach nur beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Integration MUSS geschehen, aber nicht als moralischer Fingerzeig, sondern sie wird es einfach aus reiner und natürlicher Notwendigkeit.

Wieso aber funktionieren bzw. funktionierten diese natürlichen Anreize und Entwicklungen nicht? Die Antwort ist denkbar einfach: Der Staat hat natürliche gesellschaftliche Mechanismen manipuliert und/oder zerstört. Es begann alles mit politisch geschlossenen Gastarbeiter-Abkommen. Während einzelne Einwanderer inmitten deutscher Restgesellschaft landen und sich bald anpassen würden, holte man Einwanderer hier gesammelt nach Deutschland und hielt sie auch weiter versammelt, in ihren Wohnblöcken, an ihren Arbeitsplätzen, später in ihren Vierteln. Wohnung und Arbeit wurden (staatlich gestützt) zugeteilt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden oft gemeinsam in den Betrieben eingesetzt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden gemeinsam angesiedelt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig.
Aber dies allein ist nur der erste Teil des Problems. Denn irgendwann liefen die Verträge der Gastarbeiter-regelungen aus und die – von der deutschen Restgesellschaft nahezu gezielt isolierten – Ausländer hätten sich nun definitiv zur Berufsfindung und allgemeinen weiteren Zukunft mehr und mehr an die Restgesellschaft angleichen müssen. Wieso aber taten es sie es nicht? Und wieder liegt die Antwort beim Staat: Ohne das staatliche Dokument der Staatsbürgerschaft ist es schwierig einen Beruf, ganz zu schweigen von längerfristiger Ausbildung, in Deutschland zu finden. Absolut verständlicherweise nimmt kein Lehrmeister einen Gesellen auf, der – egal wie bemüht er ist – schlecht Deutsch spricht und vor allem eventuell bald sogar abgeschoben wird. Wieder blieb man unter sich, die „Parallelgesellschaft“ wurde gefestigt.
Zementiert wurde sie dann letztendlich wieder durch den Staat. Trotz aller staatlicher Hürden hätte die reine Existenznot schließlich doch irgendwie zu – wenn auch schlecht bezahlter, niederer – Arbeit und somit Integration geführt. Doch diese Existenznot als letzter Integrationsfaktor wurde dann durch die staatliche Sozialhilfe beseitigt. Man brauchte sich einmal mit Dolmetscher oder auch gleich mit türkischen Anträgen, ich weiß nicht wie es da steht,  mit der deutschen Bürokratie herumschlagen und konnte dann wieder zurück ins parallelgesellschaftliche Viertel, ohne weiteren Kontakt zur deutschen Kultur.

Wir sehen: Der Staat legte den Grundstein der Parallelgesellschaft, der Staat festigte das Gebilde und zementierte es schließlich. In sofern stimmt es, dass die Politik gescheitert ist – allerdings nicht, weil sie nicht genug tat, sondern eben weil sie etwas tat und die Menschen lange und erfolgreich davon abhielt sich ganz natürlich zu integrieren. Ohne Politik, wäre nichts davon geschehen. Heute nach „besserer Integrationspolitik“ zu rufen ist daher lachhaft, schon deshalb, weil eine gewisse grundlegende gesellschaftliche Homogenität eben nicht erst durch Politik hervorgerufen wird, sondern ganz von selbst entsteht, aus dem tiefen Bedürfnis der Individuen heraus. Politik kann diese Vorgänge nur blockieren und lahmlegen.

Und nun wenden wir uns den indirekten Folgen dieser politischen Zerstörung des natürlichen Zusammenlebens zu: Die politisch forcierte Sammel-Einwanderung gekoppelt mit gezielter Abschottung führte natürlich auf deutscher Seite zu Vorurteilen gegenüber den Andersartigen und bei den Türken ihrerseits eine stärkere Selbstfindung in der türkischen Kultur und Gemeinschaft – und eben der Religion. Es darf nicht wundern, dass die Abgeschotteten ihrerseits mit Abschottung reagieren. All dies verstärkt die gesellschaftliche Spaltung nur noch mehr. Die Probleme plötzlich auftretenden Nationalismus oder Islamismus oder weniger spezifisch: „Integrationsverweigerung“ sind somit eben nicht Ursachen, sondern Folgen, reine Symptome (!) von Abschottung und verstärkter Bildung von Parallelgesellschaften.
Vermischt wird dies oft auch mit der Problematik der Unterschicht, in welche die Einwanderer von Anfang an (s.o.) gedrängt waren. Pöbelt ein deutscher Prolet einen Deutschen an, nimmt dies kaum jemand wahr, tut dies ein türkischer Prolet wird der Kulturkampf ausgerufen. Das entschuldigt nichts, muss aber berücksichtigt werden. Ebenso muss das Treiben der, auch in der aktuellen Debatte immer wieder kritisierten, Multikulti-Sozialromantiker beachtet werden, welche (oft mit Staatsgeldern) die geschaffenen Konstrukte noch verherrlichten und in ihrer Festigung bestärkten und noch viel anderes verdient hier Beachtung. Darauf möchte ich aber eigentlich gar nicht eingehen. Dieser Beitrag sollte ausschließlich der Betrachtung von Entwicklung und Bedeutung von Kultur und Sprache dienen.

Denn dies geht in der aktuellen Debatte allerdings fast völlig verloren, man beklagt Symptome, spricht von „Bringpflicht der Migranten“, von „Leitkultur“, von „besserer Integrationspolitik“ und verkennt, dass all dies schon allein aus einem einzigen Grund Unsinn ist: Gesellschaft und ihre Normen bzw. eine grundlegende Homogenität sind keine Pflicht, sondern sie entstehen aus gegenseitigem Nutzen, ganz von selbst – wenn man sie nicht behindert. Die heutigen Probleme sind primär Folgen staatlicher Zerstörung des Zusammenlebens und können auch nur auf Basis dieser Erkenntnis kuriert werden. Erst wenn dieses Allgemeine einmal klar ist, kann man versuchen über spezifische Lösungen nachzudenken.

* Das gesamte Kapitel zur Gesellschaft, ihrer Bildung, ihrem Zweck und ihren Ausprägungen ist, nicht nur, aber auch gerade, zu dieser Thematik ungemein lesenswert.

 

Auch dieser Klassiker, aus Sicht der Paxx-Redaktion vermutlich das Beste und Klügste, was seit langem zum Dauerbrenner „Integrationsdebatte“ verfaßt wurde, erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 at 01:22

Religion und Toleranz

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von Stefan Blankertz

Indem wir zweifeln, gelangen wir zur Untersuchung und durch diese erfassen wir die Wahrheit.
Peter Abaelard, »Sic et non« (1123)

stichworte zum gotteswahn

glaubt die peitsche
behütet die mauer
teilt das schwert
verzeiht die faust
hilft die kugel
peitscht der glaube
glaubt die peitsche

I.
Meinem Thema »Religion und Toleranz« vielleicht nicht unangemessen, beginne ich mit drei Bekenntnissen:
1.        Ich bin ein 1956 evangelisch getaufter, 1998 zum Katholizismus konvertierter Christ.
2.        Um das Buch »Der Gotteswahn« des Biologen Richard Dawkins, 2006 erschienen, habe ich lange einen Bogen gemacht. Letztes Jahr lag es, ungelesen, auf dem Schreibtisch eines Freundes, mit dem ich mich verabredet hatte und der noch etwas erledigen musste, bevor er sich mir widmen konnte. Lustlos blätterte ich in Dawkins’ Buch herum, bis es mich packte.
3.        Toleranz bildet für mich den höchsten gesellschaftlichen Wert.

Bevor ich weiter fortfahre, definiere ich drei zentrale Begriffe meines Vortrags: Religion, Philosophie und Toleranz:
Religion bezeichnet ritualisierte spirituelle Erfahrungen, kultische Handlungen, metaphysische Überzeugungen und ethische Regeln, die durch Tradition und Offenbarung verbindlich werden.
Philosophie bezeichnet die diskursive Suche nach Kriterien, welche die Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch allein aus der menschlichen Vernunft heraus leisten.
Toleranz bezeichnet die Bereitschaft, das Denken und Handeln von Menschen zu erdulden, die den eigenen religiösen, politischen und philosophischen Orientierungen widerstreiten.

II.
Im Folgenden werde ich von den drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – ausgehen, weil sie die Bühne der gegenwärtigen weltpolitischen Auseinandersetzung um »Religion und Toleranz« beherrschen (obwohl wir das Problem des Hinduismus für Indien nicht vernachlässigen sollten). Ich beginne mit einer zentralen Erzählung um den Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen. Der Text stammt aus der »Thora«, Buch »Schemot«, zu deutsch
»Exodus«; nach Luther »2. Buch Mose«, Kapitel 32, Verse 15 bis 29:

»Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei
Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. […] Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im
Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken. […] Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN
angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein
jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das
Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde« (Nach der revidierten Luther-Fassung 1984).

Der »Koran« setzt diese Geschichte voraus, besonders in den Suren 2 und 7 finden sich Bezugnahmen. Das Morden wird dort nicht direkt angesprochen, allerdings ist von einem »Donnerschlag« (2, 55) die Rede, vom »Zorn des Herrn« und von »Schmach im Leben« (7, 152), von »Strafgericht« (7, 162) und von »grimmer Pein« (7, 167); die »Frevler« werden aufgefordert, sich selbst zu töten (2, 54).  Die Paraphrase gipfelt in dem Ausruf: »Wahrlich, dein Herr ist schnell in der Bestrafung; wahrlich, Er ist allverzeihend, barmherzig« (7, 167). Diese Wendung ist eine gute Belegstelle für die Dawkins-These von der inneren Widersprüchlichkeit sakraler Texte. – Als ich bei Google
»Islam« und »Intoleranz« eingab, kam unmittelbar die gleichsam politisch korrekt empörte Rückfrage: »Meinten Sie: Islam Toleranz?« Dabei ist die Aufforderung im »Koran« außerhalb jeder Einbettung in eine Erzählung eindeutig:

»Tötet die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie stoßt« (Sure 2, Vers 191). »Bringt gegen Frauen, die eine Hurerei begehen, vier von euch als Zeugen auf; bezeugen sie es, dann schließt sie in die Häuser ein, bis der Tod sie ereilt oder Allah ihnen einen Ausweg gibt« (4, 15). »Wenn die Heuchler sich abkehren, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet« (4, 89). »Tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt« (9, 5).

Bemerkenswert an der Erzählung um das Goldene Kalb sind die beiden Punkte:
1.        Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.
2.        Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.
Ich sage hier ausdrücklich »religiös-politische« Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den sich Religion von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setzte ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam gemacht hat, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben. Ich selbst hatte das verdrängt, obwohl ich mich als kritischen Kopf einschätze. Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb  des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab2 gebildete Meinung untermauern, und blenden Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.

Dawkins: »Der Gott des Alten Testamentes [– wohlgemerkt handelt es sich auch um den Gott des »Korans«  –] ist […] die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf, ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker, ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann« (S. 45).
Übertrieben? Hetzerische Sprache? Angesichts der Erzählung vom Goldenen Kalb muss ich feststellen, dass es Dawkins bei näherem Hinsehen, beim Absetzen der rosaroten Brille genau trifft. Die meisten der Adjektive, die er ausspricht, bewahrheiten sich schon an der Erzählung vom Goldenen Kalb. Und für die anderen gibt es nicht minder widerliche Belegstellen. Ich gebe noch eine Kostprobe aus dem Buch der »Richter« (»Sefer Shoftim«):

»Und Jeftah gelobte dem HERRN ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen. So zog Jeftah auf die Ammoniter los, um gegen sie zu kämpfen. Und der HERR gab sie in seine Hände. […]
Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen; und sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem HERRN und kann’s nicht widerrufen. Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem HERRN, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der HERR dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern.
 Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen. Er sprach: Geh hin!, und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte« (Richter 11, 30-39, Luther-Bibel 1984).

Selbst Luther hat diese Stelle schon zerknirscht kommentiert: »Man will, er habe sie nicht geopfert, aber der Text steht klar da!«  Im »Talmud« wird gelehrt,  Jeftah habe nur den Erlös an Geld für die Tochter zu zahlen brauchen, allgemein aber ein derartiges gesetzwidriges Gelübde verdammt. Neuere Ausleger interpretieren, das Opfer habe darin bestanden, die Tochter als Tempeldienerin in die »Stiftshütte« zu geben. Wie dem auch sei: Die Erzählung verstört und fordert eine Auslegung heraus, die einen ethischen Maßstab benutzt, der außerhalb des Textes generiert wird.

III.
Jetzt wage ich einen Hechtsprung von runden 2000 Jahren ins 16. und 17. Jahrhundert. Um die gewaltsamen Auseinandersetzungen innerhalb des Christentums nach der Reformation einzudämmen, wurde die Formel »Cuius regio, eius religio« geprägt: wessen Gebiet, dessen Religion. Der Herrscher eines Landes ist berechtigt, die Religion für dessen Bewohner vorzugeben. Zunächst 1555 im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden geprägt, ist es vor allem die Formel, mit der der verheerende 30jährige Krieg 1648 durch den Westfälischen Frieden beendet werden kann. Die Formel, dass der weltliche Herrscher das religiöse Geschehen des Landes bestimmt, beendet das mittelalterliche Oszillieren zwischen kirchlicher und fürstlicher Macht. Nun wird die Religion klar der weltlichen Herrschaft zugeschlagen und in ihren Dienst genommen. Das ist die Geburtsstunde des modernen Zentral- und Territorialstaates mit seinem Anspruch, über die Körper und Seelen aller Landeskinder zu verfügen. Die Formel »Cuius regio, eius religio« hat nichts mit Religionsfreiheit und schon gar nichts mit Toleranz zu tun, außer insoweit dass die Herrschenden übereinkommen, sich nicht wegen untergeordneter Fragen wie der der Religion gegenseitig zu massakrieren oder das jeweils andere Untertanenvolk abzuschlachten. Auch heute noch herrschen in vielen Ländern unduldsame Staatsreligionen. Stellvertretend nenne ich hier mal nicht Iran, sondern Malaysia, wo nach der Verfassung des Landes alle ethnischen Malaien von Geburt automatisch Muslime sind. Sie dürfen z.B. keine Andersgläubigen heiraten.

IV.
Gegen Dawkins möchte ich nun aufzeigen, wie sich in der Religion kontrafaktisch ein Element von Widerstand gegen Staat, Krieg und Terror entwickeln konnte. Der utopische Überschuss der Religion hat allerdings mehr mit der Philosophie als mit der Theologie zu tun. Ein islamischer Theologe ist zuvörderst hervorzuheben, der die Philosophie in die Religion eingeführt hat: Ibn Sina, 980 bis 1037, lateinisiert Avicenna, bis ins 16. Jahrhundert als größter Arzt verehrt, ein lebenslang Verfolgter, dessen Vater vermutlich ein Buddhist war.  Avicenna entwickelt die These, dass die Religion, in seinem Fall der Islam, eine Art volkstümliche Aufbereitung der Philosophie sei; wobei für ihn nur die aristotelische Philosophie in Frage kam. Was zunächst als Stützung der religiösen Aussagen gedacht war, endet notgedrungen mit der Entmachtung Gottes: Eine religiöse Aussage kann gegebenenfalls über das hinausgehen, was menschliche Vernunft zu erfassen vermag, wenn es sich um einen menschlicher Vernunft prinzipiell unzugänglichen Bereich handelt, sie darf der menschlichen Vernunft aber niemals widersprechen. Wir hören hier schon, aufgepasst!, die Vorbereitung der Aufklärung durch Immanuel Kant (1724-1804). Zudem verlangt die diskursive Wahrheitssuche nach dem gleichberechtigten Austausch von Argumenten mit einem Gesprächspartner, der überzeugt werden will und darum nicht durch Gewalt bedroht werden darf. Dass es auch ein Anliegen des Glaubens ist, die Menschen nicht zu Lippenbekenntnissen und der Ausführung inhaltsleerer Rituale zu zwingen, sondern sich freiwillig Gott zuzuwenden, muss zwar jedem sofort einleuchten, der darüber nachdenkt, widerspricht aber der Erzählung vom Goldenen Kalb. In Fjodor Dostojewskis (1881-1881) genialer Erzählung »Der Großinquisitor« (fünftes Buch des Romans »Die Brüder Karamasow« 1881) ist genau dies Thema. Jesus kehrt in das Sevilla des 16. Jahrhunderts zurück, spricht nicht, wird jedoch von den Menschen erkannt und daraufhin durch die Inquisition verhaftet. Der Großinquisitor erklärt Jesus, dass dessen Forderung nach freiwilliger Gefolgschaft und dessen Ablehnung von Gewalt den Grundstein für politische Anarchie und religiösen Atheismus legt und verurteilt ihn, den Begründer der vom Großinquisitor mit Gewalt verteidigten Religion, in Konsequenz zum Tode:

»Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen«, sagt der Großinquisitor, »als man Dir voll Spott und Hohn zurief: ›Steige herab vom Kreuz, und wir werden glauben, dass Du es bist.‹ Du bist deshalb nicht vom Kreuz herabgestiegen, weil Du auch hier wieder den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest und weil Dich nach seinem freien Glauben verlangte, nicht nach einem Wunderglauben. Dich verlangte nach Liebe aus freiem Willen, nicht nach knechtischem Entzücken der Unfreien vor der Macht, die ihnen ein für allemal Schrecken eingeflößt hat. Aber hier hast Du die Menschen zu hoch eingeschätzt, denn sie sind natürlich Sklaven, wenn auch zu Aufrührern geschaffene. […] Morgen wirst Du diese folgsame Herde sehen, die auf meinen Wink hin herbeistürzen wird, um die glühenden Kohlen des Scheiterhaufens zu schüren, auf dem ich Dich verbrennen werde, weil du gekommen bist, um uns zu stören. Denn wenn einer mehr als alle anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, dann bist das Du. Morgen werde ich dich verbrennen. Ich habe gesprochen« (S. 38f/49).

Als zweiten Meilenstein im Kampf des menschlichen Geistes gegen den religiösen Terrorismus möchte ich auf Peter Abaelard (1079-1142) verweisen. Bekannt geworden ist er mit der Verführung und Schwängerung seiner Schülerin Heloise, für die ihn ihr Onkel entmannen ließ. Beide, Heloise und Abaelard, sind daraufhin in ein Kloster eingetreten und haben literaturgeschichtlich bedeutsame Briefe ausgetauscht. Abaelard ist der Begründer der Scholastik und zwar mit dem Werk »Sic et non« (1123). Als eine Art früher Dawkins sammelte Abaelard die widersprüchlichen Aussagen in der heiligen Schrift und in den Texten der Kirchenväter. Damit begründet er, warum es nicht mit Schriftgläubigkeit getan sei: Wir brauchen philosophische Interpretation, anders kommen wir nicht an die offenbarte Wahrheit heran. Aus Abaelards nur fragmentarisch erhaltenem Spätwerk »Ethica seu Scito te ipsum« (Ethik, oder: Erkenne dich selbst), mit dem er die Ethik als eigenständiges philosophisch-theologisches Gebiet wiederentdeckt, zitiere ich einige bahnbrechende Gedanken:

»Jemand fragt vielleicht: Haben die Verfolger der Märtyrer oder Christi überhaupt gesündigt? Denn durch das, was sie getan
haben, glaubten sie, Gott zu gefallen. Von dem, was sie getan
haben, hätten sie umgekehrt gar nicht ohne Sünde ablassen dürfen. […] In der Tat können wir nicht sagen, jene hätten gesündigt. Weder Unwissenheit noch Ungläubigkeit darf ›Sünde‹
genannt werden […]. Jene nämlich, die Christus nicht kennen
oder die den christlichen Glauben deshalb nicht annehmen, weil sie ihn für gotteswidrig halten, begehen mit dem, was sie wegen Gott tun und worin sie meinen, Gutes zu tun, keine Verachtung Gottes. […]Wenn wir uns [also] nichts gegen das Gewissen vornehmen, haben wir keinen Anlass zu befürchten, von Gott wegen einer Schuld unter Anklage gestellt zu werden. Aber […] wieso betet der Herr selber für die ihn Kreuzigenden und sagt: ›Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‹ [Lk 23,34] […]? Es scheint nämlich nicht, dass vergeben werden muss, wo keine Schuld vorangegangen ist. […] Dennoch denken wir, dass ›Sünde‹ im eigentlichen Sinne […] nur jenes genannt werden kann, was die Schuld der Geringschätzung [Gottes] auf sich lädt […]. Unglauben, also den wahrhaften Glauben an Christus zu verweigern […], darf meines Erachtens nicht als Schuld angerechnet werden. […] Wenn wir dennoch etwas ›Sündigen aus Unkenntnis‹ nennen, […] so verwenden wir [den Begriff des ›Sündigens‹] an dieser Stelle nicht eigentlich für die Schuld, sondern nehmen nämlich im weitesten [Sinne] das hinzu, was sich am wenigsten gehört […]. Unschuldig tun, was sich für uns nicht gehört, ist also ›aus Unwissenheit sündigen‹.« (Aus den Abschnitten 13 und 16. Für die Lesbarkeit bearbeitet.)

Nicht nur, dass Abaelard Unglauben ausdrücklich als keine Sünde kennzeichnet, scheint mir bemerkenswert, sondern auch die Art, in der er den Herrn für ein Wort, zumal am Kreuz in höchster Pein ausgerufen, linguistisch maßregelt: Er habe hier offenbar im uneigentlichen Sinne gesprochen. Zwei Mal, nämlich 1121 und 1141, kurz vor seinem Tod, werden Schriften von Abaelard als ketzerisch verbrannt.

V.
Da ich mich in diesem Vortrag nicht näher mit dem Judentum beschäftige, lasse ich Moses Maimonides (1135-1204) beiseite, sondern gehe gleich zu Thomas von Aquin (1225-1274) über, den Mann, der mich für den christlich-katholischen Glauben missioniert hat. Thomas von Aquin vollendet die Denkbewegung, die mit Avicenna begonnen hat und die über Peter Abaelard und Moses Maimonides führt:
1.         Wäre die Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit überflüssig, weil die Offenbarung ausreicht, hätte Gott uns ein nutzloses Organ mitgegeben. Dies kann der Gläubige nicht annehmen.
2.        Würde die menschliche Vernunft zu anderen Ergebnissen führen als die göttliche Offenbarung, so würde Gott uns anlügen. Auch dies darf der Gläubige nicht annehmen.
Die Position von Thomas ist unzweideutig: Um Gott zu gehorchen, müssen wir unserer Vernunft folgen. Wer seiner Vernunft nicht folgt, ist nach Thomas selbst dann ungehorsam gegen Gott, wenn es sich um eine irrende Vernunft handelt. Gott hat seine Anleitung zum rechten Leben jedem einzelnen Menschen unmittelbar durch den individuellen Verstand gegeben. Je mehr sich der Mensch seiner Vernunft bedient, um so näher ist er Gott.

»Wir wissen, was Gott im Allgemeinen will: nämlich das Gute. Wer demnach mit guten Gründen will, hat seinen Willen in Übereinstimmung mit Gott. Was Gott im Einzelnen will, wissen wir aber nicht. In diesem Bereich brauchen wir auch nicht zu versuchen, unseren Willen dem Willen Gottes konform gehen zu lassen.« »Man muss aus diesem Grunde sagen, dass es immer falsch ist, mit dem Willen von der Vernunft abzuweichen, selbst wenn diese sich irrt. Wenn also die Vernunft etwas irriger Weise als göttliches Gesetz ausgibt, selbst dann bedeutet die Abweichung von diesem [falschen] Vernunfturteil, sich Gott zu verweigern« [Summa theologica, I-II, 19,10 resp. 19,5].

Mit einer solchen Argumentation ist Schriftgläubigkeit, Untertanenmentalität und Autoritätshörigkeit der Garaus gemacht. Allerdings drückt sich selbst in Thomas von Aquin das Tragische der Widersprüchlichkeit von Religion aus. Als Dominikaner war er Angehöriger des Ordens, der zum Zweck der Inquisition gegründet worden ist und dem viele Inquisitoren entstammten. Allerdings ist für Thomas klar, dass es unter keinen Umständen erlaubt sei, Unschuldige zu töten; wie das im Falle der Tochter von Jeftah unzweifelhaft der Fall war. Thomas steht vor einer anderen Geschichte so ratlos wie Luther vor der Jeftah-Erzählung, nämlich dass Gott die Ägypter bei der Verfolgung der Israeliten unterschiedslos im Roten Meer ertränkte. Reichlich schlapp erklärt Thomas, der Mensch vermöge die Gründe für solche Maßnahmen eben nicht zu durchschauen. Darum dürfe »durch menschlichen Urteilsspruch niemals über einen Schuldlosen die Strafe der Tötung, Verstümmelung oder Züchtigung verhängt werden« (Thomas, Summa theologica II-II, 108:4 ad 2).
    Dass ich dem libertären Inhalt der Lehre des Thomas folge, ist auch Ergebnis einer Selektion, die meiner Orientierung an dem Wert der Toleranz folgt und nicht dem Wörtlichnehmen seiner Lehre und des Vorbilds, das er mit seinem Leben gab. Von dem Satz »die Annahme des Glaubens ist freiwillig, den angenommenen Glauben beizubehalten notwendig«, mit welchem Thomas Todesstrafen gegen Ketzer rechtfertigte, akzeptiere ich nur den Teil vor dem Komma als seiner Philosophie würdig. Das ist selektives Lesen im Sinne von Richard Dawkins. Wobei die Behauptung von Thomas, Christen hätten niemals mit Gewalt missioniert, überdies eine freche Lüge darstellt: Sowohl vor Thomas, während seines Lebens und nach seinem Tod gab es Zwangstaufen. Ironie der Geschichte: 1277, also posthum, werden in Paris eine Reihe von aristotelistischen Thesen als ketzerisch verurteilt. Die Verurteilung zielt, ohne Thomas beim Namen zu nennen, auf dessen Philosophie. Dass Thomas zum Kirchenlehrer erhoben und nicht als Ketzer verdammt wurde, hing am seidenen Faden.

VI.
Wenn sich heute militanter Fundamentalismus des Islam auf der einen und Toleranz von Juden und Christen auf der andern Seite gegenüber stehen, so ist dies nicht einer inhärenten Orientierung von jüdischer und christlicher Religion an der Toleranz zu danken. Toleranz muss der Religion abgetrotzt werden. Die bürgerlich-liberalen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts drohten, die Religion in ihrer intoleranten Form abzuschaffen. Die Anpassung der Kirche an die Toleranz entspringt einer Überlebensstrategie in einem politischen Umfeld, in welchem Glaubensterror nicht mehr akzeptiert wird. Dass der jüdische Staat heute keine Scharia hat wie einige islamische Staaten, liegt nicht an seinem heiligen Text, der struktur- und inhaltsgleiche Anweisungen enthält, besonders im »Levitikus« (3. Buch Mose). Sondern? Am Erfolg säkularer Aufklärung! M.a.W. lautet meine These, ausdrücklich als katholischer Christ: Religionen müssen zur Humanität gezwungen werden; sie sind nicht aus eigenem Antrieb human. Juden und Christen sind heute durch die europäische Aufklärung geprägt, obwohl sie die Aufklärung des Hochmittelalters ebenso wie der Islam vergessen haben. Allerdings sind damit weder Christentum noch
Judentum vor dem Rückfall in die Barbarei gefeit. Die Kräfte, die in Analogie zum islamischen Fundamentalismus gleichsam den 30jährigen Krieg im Weltmaßstab erneuern möchten, schlummern nicht mehr unter der Oberfläche. Sie sind erwacht und warten auf ihre Stunde, um den unbequemen Liberalismus abzuschütteln und wieder ungehindert losschlagen zu dürfen. Darum besteht m.E. die erste Bürgerpflicht darin, die Meinungs- und Glaubensfreiheit gegen alle politischen, sozialen und religiösen Angriffe zu verteidigen. Keine Zensur. Niemals. Nirgendwo. Gegen keinen einzigen Inhalt. In Wort, Schrift und Bild muss ohne die geringste Einschränkung alles erlaubt sein.

VII.
Mit drei Bekenntnissen habe ich begonnen, mit meinem Credo will ich schließen. Warum einem Glauben sich anhängen, der erst durch das ihm Widerstrebende widerstrebend zur Menschlichkeit gefunden hat? Für mich ist das Erleben entscheidend, dass in Christus Jesus der, in Richard Dawkins’ Worten, »launisch-boshafte Tyrann« zum Leidensbruder geworden ist, der da sagt »Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein« (Joh 8,7) und »Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!« (Lk 22,42). Der Heiland, an den ich glaube, ist der stumme Jesus, den mit dem Großinquisitor alle Herrschenden dieser Welt stets aufs Neue zum Tode verurteilen. Dass nicht nur im Namen von Gott Vater, der hier verzweifelt angerufen ist, Verbrechen begangen worden sind, sondern auch im Namen des Sohnes, ist das Kreuz, das wir Gläubigen zu tragen haben.
    So sieht es auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (ein Anarchist übrigens):

»[Gott] ist das beladenste aller Menschenworte. […] Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last. Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller Fingerspur und ihrer aller Blut. Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen!«

cross-post: Freiheitsfabrik

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 at 01:10

Sich fügen heisst lügen

with one comment

Von Stefan Blankertz ist ein neues bemerkenswertes Buch erschienen:

„Verteidigung der Aggression: Gestalttherapie als Praxis der Befreiung“ Wuppertal 2010: Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag). Notizen, Skizzen, Geschichten, Zitate gegen die Utopie von Harmonie und Konfliktlosigkeit: Sie verwirklicht sich nirgends als im allGEWALTtigen Staat.

Im Klappentext heisst es:

„Für Glück im Leben und mehr Frieden in der Welt müssen unterdrückte Aggressionen freigesetzt werden. Diese provokante These haben Perls, Hefferline und Goodman 1951 im Gründungsdokument der Gestalttherapie aufgestellt. In der Phase der Anpassung der Gestalttherapie an institutionelle Rahmenbedingungen ist diese These zum Ärgernis geworden. Stefan Blankertz‘ Buch ist ein engagiertes Plädoyer für eine Gestalttherapie, die zu ihren Wurzeln zurückfindet.“

Written by dominikhennig

27. November 2010 at 18:20

Über die Produktion von Sicherheit

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von Gustave de Molinari
Einleitung.
Es gibt zwei Arten, die Gesellschaft zu betrachten. Den einen zufolge hat kein von der Vorsehung bestimmtes, unabänderliches Gesetz bei der Bildung der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften den Ausschlag gegeben; da sie von primitiven Gesetzgebern in rein künstlicher Weise organisiert wurden, können sie folglich, je nach dem Fortschritt der Gesellschaftswissenschaft, auch von anderen Gesetzgebern verändert oder umgestaltet werden. In diesem System spielt die Regierung eine bedeutende Rolle, denn der Regierung obliegt als Treuhänderin des Autoritätsprinzips die Aufgabe, die Gesellschaft täglich zu verändern und neu zu gestalten.
Anderen zufolge ist die Gesellschaft dagegen eine rein natürliche Tatsache; wie die Erde, die sie trägt, bewegt sie sich aufgrund allgemeiner, bereits existierender Gesetze. In diesem System gibt es strenggenommen keine Gesellschaftswissenschaft; es gibt nur eine Wirtschaftswissenschaft, die den natürlichen Organismus der Gesellschaft studiert, und die darlegt, wie dieser Organismus funktioniert.
Worin besteht in diesem letzteren System aber die Funktion der Regierung und ihre natürliche Organisation? Das wollen wir nun untersuchen.
I.
Um die Funktion der Regierung gut definieren und abgrenzen zu können, müssen wir zunächst untersuchen, was die Gesellschaft überhaupt ist und was sie zum Gegenstand hat.
Welchem natürlichen Trieb gehorchen die Menschen, wenn sie sich in der Gesellschaft zusammenfinden? Sie gehorchen dem Trieb bzw. genauer gesagt dem Instinkt der Geselligkeit. Das Menschengeschlecht ist seinem Wesen nach gesellig. Wie die Biber und die höheren Tiergattungen im allgemeinen, werden die Menschen instinktiv zum Leben in Gesellschaft getrieben.
Worin findet dieser Instinkt seine Berechtigung?
Der Mensch spürt eine Vielzahl von Bedürfnissen, deren Befriedigung ihm Freuden und deren Nichtbefriedigung ihm Leiden bereitet. Allein, isoliert kann er nun die ihn unaufhörlich bedrängenden Bedürfnissen nur auf unvollständige, ungenügende Art befriedigen. Der Geselligkeitsinstinkt bringt ihn seinesgleichen näher, treibt ihn, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. So stellt sich aufgrund des Eigeninteresses der so angenäherten Einzelnen eine gewisse Arbeitsteilung ein, welcher notwendigerweise der Tausch folgt; kurz, man kann die

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1.Obgleich es scheinen könnte, als ob dieser Artikel in seinen Schlussfolgerungen von Utopien geprägt ist, glauben wir ihn dennoch publizieren zu müssen, um die Aufmerksamkeit der Ökonomen und Publizisten auf ein Problem zu lenken, das bisher nur in beiläufiger Art behandelt worden ist und das doch in der Epoche, in der wir uns befinden, mit größerer Präzision angegangen werden muss. So viele Leute übertreiben die Natur und die Kompetenzen der Regierung, dass es erforderlich geworden ist, streng die Grenzen zu bezeichnen, außerhalb derer der Eingriff der Autorität aufhört, schützend und gewinnbringend zu sein, und anarchisch und tyrannisch wird. [Anmerkung des Chefredakteurs des Journal des Économistes]

 

Bildung einer Organisation beobachten, mittels derer der Mensch seine Bedürfnisse viel umfassender befriedigen kann, als er es könnte, wenn er isoliert bliebe.
Diese natürliche Organisation heißt Gesellschaft.
Die Gesellschaft hat daher die vollständigere Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen zum Gegenstand; das Mittel ist die Arbeitsteilung und der Tausch.
Unter der Zahl der menschlichen Bedürfnisse gibt es ein besonderes, das eine immense Rolle in der Geschichte der Menschheit spielt: Das Bedürfnis nach Sicherheit.
Was ist das für ein Bedürfnis?
Gleich, ob sie isoliert oder in Gesellschaft leben, sind die Menschen vor allem daran interessiert, ihre Existenz und die Früchte ihrer Arbeit zu bewahren. Wäre das Gerechtigkeitsgefühl auf der Erde allgemein verbreitet, beschränkte sich infolgedessen jeder Mensch darauf, zu arbeiten und die Früchte seiner Arbeit auszutauschen, ohne anderen Menschen nach dem Leben zu trachten oder durch Gewalt oder List die Früchte ihrer Arbeit an sich zu reißen – mit einem Wort: Hätte jeder eine instinktive Abneigung gegen jede, anderen schädliche Handlung, so wäre es gewiss, dass natürliche Sicherheit auf der Erde herrschte und dass keine künstliche Einrichtung notwendig wäre, sie zu begründen. Unglücklicherweise verhält es sich nicht so. Das Gerechtigkeitsgefühl scheint nur das Erbteil gewisser höherer, außergewöhnlicher Naturen zu sein. Unter den niederen Völkern existiert es nur in rudimentärem Zustand. Von daher die unzähligen Vergehen, die seit dem Ursprung der Welt, seit Kain und Abel, an Leben und Eigentum von Personen ausgeübt wurden.
Von daher auch die Gründung von Einrichtungen, die dem Zweck dienen, jedermann den friedlichen Besitz seiner Person und seiner Güter zu garantieren.
Diese Einrichtungen haben den Namen Regierungen erhalten.
Überall, selbst unter den unaufgeklärtesten Völkerschaften trifft man auf eine Regierung, so allgemein und dringend ist das Sicherheitsbedürfnis, dem eine Regierung Rechnung trägt.
Überall finden sich die Menschen eher mit den schwersten Opfern ab, als auf eine Regierung – und folglich auf Sicherheit – zu verzichten, und man könnte nicht einmal sagen, dass sie schlecht rechnen, indem sie so handeln.
Angenommen etwa, dass ein Mensch sich unablässig an seiner Person und seinen Existenzmitteln bedroht findet, wäre dann nicht seine erste und beständigste Sorge, sich vor den Gefahren, die ihn umgeben, zu schützen? Diese Sorge, diese Bemühungen, diese Arbeit nähmen notwendigerweise den größten Teil seiner Zeit, ebenso wie die energischsten und aktivsten Fähigkeiten seiner Intelligenz ein. Daher könnte er der Befriedigung seiner übrigen Bedürfnisse nur ungenügende, unstete Arbeit und eine erschöpfte Aufmerksamkeit widmen.
Selbst wenn dieser Mensch gezwungen wäre, einen sehr beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit demjenigen zu opfern, der sich verpflichtete, ihm den friedlichen Besitz seiner Person und seiner Güter zu garantieren, gewönne er nicht immer noch bei diesem Handel?
Wie dem auch sei, jedenfalls bestünde sein offensichtliches Interesse darin, sich die Sicherheit zum niedrigsten Preis zu verschaffen.

 

II.
Wenn es in der politischen Ökonomie eine wohlbegründete Wahrheit gibt, so ist es diese:
Dass der Konsument unter allen Umständen, bei allen Gütern, die zur Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen, daran interessiert ist, dass die Arbeit und der Tausch frei bleiben, da die Freiheit der Arbeit und des Tausches notwendig und dauerhaft zu einer größtmöglichen Preissenkung führen.
Und diese:
Dass das Interesse des Konsumenten eines jedweden Gutes immer Vorrang gegenüber dem Interesse des Produzenten genießen muss.
Folgt man nun diesen Grundsätzen, so gelangt man unausweichlich zu folgendem Schluss:
Dass die Produktion der Sicherheit im Interesse der Konsumenten dieses immateriellen Gutes dem Gesetz des freien Wettbewerbs unterworfen bleiben muss.
Woraus folgt:
Dass keine Regierung das Recht haben darf, eine andere Regierung daran zu hindern, sich in Konkurrenz zu ihr einzurichten oder die Sicherheitskonsumenten zu zwingen, sich für dieses Gut ausschließlich an sie zu wenden.
Ich muss jedoch zugeben, dass man bis jetzt vor dieser unausweichlichen Folgerung, die sich aus dem Grundsatz des freien Wettbewerbs ergibt, zurückgeschreckt ist.
Herr Charles Dunoyer zählt zu den Ökonomen, die die Anwendung des Freiheitsprinzips am weitesten getrieben haben. Er meint, dass die Funktionen der Regierungen nie in den Bereich privater Tätigkeit fallen könnten. 2
Hier wird also eine klare, offensichtliche Ausnahme von dem Grundsatz des freien Wettbewerbs vorgetragen.
Diese Ausnahme ist um so bemerkenswerter, als sie ganz alleine dasteht.
Zweifellos trifft man auf Ökonomen, die noch mehr Ausnahmen von diesem Grundsatz aufstellen; doch wir können unerschrocken versichern, dass dies keine reinen Ökonomen sind. Die wirklichen Ökonomen stimmen im allgemeinen darin überein, dass einerseits die Regierung sich darauf beschränken muss, die Sicherheit der Bürger zu garantieren, und dass andererseits die Freiheit der Arbeit und des Tausches in allen anderen Bereichen vollständig, absolut sein muss.
Doch wodurch rechtfertigt sich die Ausnahme in bezug auf die Sicherheit? Aus welchem besonderen Grund kann die Sicherheitsproduktion nicht dem freien Wettbewerb ausgesetzt

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2 In seinem bemerkenswerten Buch De la liberté du travail [Von der Freiheit der Arbeit], Bd. III, S.253, herausgegeben von Guillaumin.

 

werden? Warum muss sie einem anderen Prinzip unterworfen und gemäß einem anderen System organisiert werden?
Über diesen Punkt schweigen sich die Meister der Wissenschaft aus, und Herr Dunoyer, der deutlich auf die Ausnahme hingewiesen hat, untersucht nicht, auf welchen Beweggrund sich diese stützt.
III.
Wir gelangen somit zu der Frage, ob diese Ausnahme begründet ist und ob sie es in den Augen eines Ökonomen sein kann. Es widerstrebt der Vernunft, zu glauben, dass ein wohlerwiesenes Naturgesetz irgendeine Ausnahme enthält. Ein Naturgesetz gilt überall und immer, oder es gilt nicht. Ich glaube etwa nicht, dass das allgemeine Gravitationsgesetz, das die physische Welt regiert, in irgendeinem Fall und an irgendeinem Punkt des Alls aufgehoben ist. Nun halte ich die ökonomischen Gesetze für Naturgesetze, und ich habe genauso viel Vertrauen in das Prinzip der Arbeitsteilung und das der Freiheit der Arbeit und des Tausches wie ich es in das Gesetz allgemeiner Gravitation haben kann. Daher glaube ich, dass, wenn diese Prinzipien auch gestört werden können, sie doch andererseits keine Ausnahme enthalten.
Wenn dem aber so ist, darf die Sicherheitsproduktion dem Gesetz des freien Wettbewerbs nicht entzogen werden; und wird sie es, so erleidet die ganze Gesellschaft davon einen Schaden.
Entweder ist dies logisch und wahr, oder die Grundsätze, auf die sich die Wirtschaftswissenschaft gründet, sind keine Grundsätze.
IV.
So gilt es uns, die wir an die Grundsätze der Wirtschaftswissenschaft glauben, als a priori bewiesen, dass die oben angedeutete Ausnahme nicht zu rechtfertigen ist und dass die Produktion von Sicherheit wie jede andere dem Gesetz des freien Wettbewerbs unterworfen sein muss.
Nachdem diese Überzeugung nun gewonnen ist, was bleibt uns zu tun? Wir müssen noch nachforschen, wie es dazu kommt, dass die Sicherheitsproduktion nicht dem Gesetz des freien Wettbewerbs, sondern anderen Prinzipien unterworfen ist.
Welches sind diese Prinzipien?
Die des Monopols und die des Kommunismus.
Es gibt in der ganzen Welt keine einzige Einrichtung der Sicherheitsindustrie, die nicht auf dem Monopol oder dem Kommunismus beruhte.
Diesbezüglich sollten wir am Rande eine einfache Bemerkung machen.
In den verschiedenen Zweigen menschlicher Tätigkeit, wo die politische Ökonomie das Monopol und den Kommunismus bis jetzt ausgemacht hat, verwirft sie sie gleichermaßen. Wäre es nicht merkwürdig, unerhört, wenn sie sie in der Sicherheitsindustrie akzeptierte?

 

V.
Überprüfen wir nun, wie es kommt, dass alle bekannten Regierungen dem Gesetz des Monopols unterworfen oder gemäß dem kommunistischen Prinzip organisiert sind.
Untersuchen wir zunächst, was man unter Monopol und Kommunismus versteht. Es ist eine beobachtete Wahrheit, dass, je dringender und notwendiger die Bedürfnisse des Menschen, desto beträchtlicher die Opfer sind, die er sich aufzuerlegen bereit ist, um sie zu befriedigen. Nun gibt es Dinge, die es in der Natur im Überfluss gibt und deren Produktion nur sehr wenig Arbeit erfordert; die jedoch, indem sie dazu dienen, dringende und notwendige Bedürfnisse zu stillen, einen Tauschwert erhalten können, der in keinem Verhältnis zu ihrem natürlichen Wert steht. Denken wir etwa an das Salz. Angenommen, es gelänge einem Menschen oder einer Vereinigung, sich exklusiv die Produktion und den Verkauf von Salz zu verschaffen, dann ist offensichtlich, dass dieser Mensch oder diese Vereinigung den Preis dieses Gutes weit über seinen Wert, weit über den Preis hinaus anheben könnte, den es unter der Herrschaft des freien Wettbewerbs gehabt hätte.
Man wird nun sagen, dass dieser Mensch oder diese Vereinigung ein Monopol besitzt und dass der Salzpreis ein Monopolpreis ist.
Doch ist offensichtlich, dass die Konsumenten nicht freiwillig zustimmen werden, den missbräuchlichen Monopolaufschlag zu bezahlen; man wird sie dazu zwingen müssen, und um sie dazu zu zwingen, wird man Gewalt einsetzen müssen.
Jedes Monopol stützt sich notwendigerweise auf Gewalt.
Was geschieht, wenn die Monopolisten aufhören, stärker als die von ihnen ausgebeuteten Konsumenten zu sein?
Stets verschwindet das Monopol schließlich, sei es gewalttätig oder infolge eines gütlichen Vergleichs. Was setzt man an seine Stelle?
Wenn sich die zusammengerotteten, aufständischen Konsumenten des Materials der Salzindustrie bemächtigt haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie diese Industrie zu ihren Gunsten konfiszieren und dass ihr erster Gedanke sein wird, sie nicht etwa der freien Konkurrenz zu überlassen, sondern sie gemeinschaftlich zu ihren eigenen Gunsten auszubeuten. Sie werden daher einen Direktor oder einen Direktionsausschuss zur Salinenausbeutung ernennen, dem sie die nötigen Gelder einräumen werden, um die Kosten der Salzproduktion zu bestreiten; dann – weil die Erfahrung der Vergangenheit sie misstrauisch, vorsichtig gemacht haben wird, weil sie fürchten werden, dass der von ihnen bestellte Direktor sich der Produktion für seine eigene Rechnung bemächtigt und zu seinen Gunsten, auf offene oder verborgene Weise das alte Monopol wiederherstellt – werden sie Abgeordnete wählen, Vertreter, die den für die Produktionskosten notwendigen Geldern zustimmen müssen, die deren Verwendung zu überwachen und die zu kontrollieren haben, ob das produzierte Salz gleichmäßig unter allen Berechtigten verteilt wird. So wird die Salzproduktion organisiert sein. Diese Form der Produktionsorganisation trägt den Namen Kommunismus.
Wenn diese Organisation nur auf ein einziges Gut angewendet wird, nennt man den Kommunismus partiell.

Wenn diese Organisation auf alle Güter angewendet wird, nennt man den Kommunismus vollständig.
Doch ob der Kommunismus partiell oder vollständig ist – die politische Ökonomie erkennt ihn nicht mehr an als das Monopol, von dem er nur eine Erweiterung darstellt.
VI.
Trifft das, was gerade vom Salz gesagt wurde, nicht augenscheinlich auch auf die Sicherheit zu? Ist es nicht die Geschichte aller Monarchien und aller Republiken? Überall wurde die Produktion von Sicherheit zunächst als Monopol organisiert, und überall tendiert sie heute dazu, sich als Kommunismus zu organisieren.
Der Grund ist der folgende.
Unter den dem Menschen notwendigen materiellen oder immateriellen Gütern ist keines, außer vielleicht dem Korn, unabdinglicher und kann daher eine höhere Monopolsteuer vertragen.
Keines kann auch so leicht an ein Monopol fallen.
Was ist denn die Lage der Menschen, die der Sicherheit bedürfen? Sie sind schwach. Was ist die Lage derjenigen, die sich verpflichten, ihnen diese notwendige Sicherheit zu verschaffen? Sie sind stark. Wäre es anders, wären die Konsumenten von Sicherheit stärker als die Produzenten, so nähmen sie offensichtlich nicht deren Beistand in Anspruch.
Wenn nun die Sicherheitsproduzenten ursprünglich stärker als die Konsumenten sind, können sie ihnen nicht leicht die Monopolherrschaft aufzwingen?
Daher sieht man überall am Anfang der Gesellschaften, dass die stärksten, kriegerischsten Geschlechter sich die ausschließliche Regierung der Gesellschaften verschafften; überall sieht man, wie diese Geschlechter sich in einem bestimmten, je nach Anzahl und Stärke mehr oder weniger ausgedehnten Umfang, das Sicherheitsmonopol verschafften.
Und da das Monopol seiner Natur nach äußerst gewinnbringend ist, sieht man auch überall, wie sich die mit dem Sicherheitsmonopol ausgestatteten Gruppen bittere Kämpfe liefern, um die Ausdehnung ihres Marktes, die Zahl ihrer unfreiwilligen Konsumenten und folglich ihren Gewinn zu vergrößern.
Krieg war die notwendige, unausweichliche Folge der Einrichtung des Sicherheitsmonopols.
Als weitere unvermeidliche Folge musste dieses Monopol alle anderen Monopole hervorbringen.
Als die Produzenten der anderen Güter die Lage der Sicherheitsmonopolisten näher betrachteten, konnten sie nicht verkennen, dass nichts in der Welt vorteilhafter als das Monopol ist. Sie mussten daher ihrerseits versucht sein, durch dasselbe Vorgehenden Gewinn ihrer Industrie zu mehren. Doch was brauchten sie, um das Monopol des von ihnen hergestellten Gutes zum Nachteil der Konsumenten an sich zu reißen? Es bedurfte der Gewalt. Nun besaßen sie aber diese Gewalt nicht, die notwendig war, um die Widerstände der

interessierten Konsumenten zu unterdrücken. Was taten sie also? Sie liehen sie gegen Bezahlung bei jenen aus, die sie besaßen. Sie erbaten und erhielten zum Preis bestimmter Gegenleistungen das ausschließliche Privileg, ihre Industrie in einem bestimmten, festgelegten Umfang auszuüben. Da die Verleihung dieser Privilegien den Sicherheitsproduzenten schöne Geldsummen einbrachte, war die Welt bald mit Monopolen bedeckt. Arbeit und Tausch wurden überall behindert, gefesselt, und die Lage der Massen blieb denkbar schlecht.
Doch nach langen Jahrhunderten des Leidens und nachdem sich in der Welt nach und nach die Aufklärung verbreitet hatte, begannen die Massen, die dieses Netz aus Privilegien erstickte, sich gegen die Privilegien zu wenden und die Freiheit, das heißt die Unterdrückung der Monopole einzufordern.
Dieser Prozess spielte sich in vielerlei Variationen ab. Was geschah etwa in England? Das Geschlecht, das das Land regierte und militärisch organisiert war (der Adel), das an seiner Spitze einen erblichen Direktor (den König) hatte und einen ebenfalls erblichen Verwaltungsrat (die Kammer der Lords), setzte am Anfang den Preis der Sicherheit, über die es ein Monopol hatte, in einer ihm genehmen Höhe fest. Zwischen den Sicherheitsproduzenten und den Konsumenten gab es keine Verhandlung. Das war das System des Absolutismus. Doch war den Konsumenten im Laufe der Zeit ihre Anzahl und Stärke bewusst geworden. Sie erhoben sich gegen die Herrschaft reiner Willkür und erwirkten Verhandlungen mit den Produzenten über den Preis des Gutes. Zu diesem Zweck ernannten sie Abgeordnete, die sich im Unterhaus versammelten, um den Steuersatz als Preis der Sicherheit zu diskutieren. So gelang es ihnen, weniger ausgepresst zu werden. Da die Mitglieder des Unterhauses jedoch unter dem direkten Einfluss der Sicherheitsproduzenten nominiert wurden, war die Verhandlung nicht offen, und der Preis des Gutes blieb weiterhin über seinem natürlichen Wert. Eines Tages erhoben sich die derart ausgebeuteten Konsumenten gegen die Produzenten und enteigneten sie ihrer Industrie. Sie unternahmen es dann ihrerseits, diese Industrie zu betreiben, und wählten zu diesem Zweck einen Betriebsdirektor mit einem Rat an seiner Seite. So trat der Kommunismus an die Stelle des Monopols. Doch dieser Kombination war kein Erfolg beschieden, und zwanzig Jahre später wurde das ursprüngliche Monopol wiederhergestellt. Nur waren die Monopolisten weise genug, die Willkürherrschaft nicht wieder zu erneuern; sie akzeptierten die freie Verhandlung der Steuern, doch dabei achteten sie darauf, die Abgeordneten der Gegenseite unablässig zu korrumpieren. Sie stellten diesen Abgeordneten diverse Posten in der Sicherheitsverwaltung zur Verfügung und gingen sogar so weit, die Einflussreichsten in den Kreis ihres obersten Rates aufzunehmen. Sicherlich gibt es nichts gerisseneres als ein solches Verhalten. Die Sicherheitskonsumenten bemerkten jedoch am Ende diesen Missbrauch und verlangten eine Parlamentsreform. Lange verweigert, wurde die Reform schließlich erkämpft, und seit dieser Zeit haben die Konsumenten eine merkliche Verminderung ihrer Lasten errungen.
Nachdem das Sicherheitsmonopol in Frankreich ebenso häufige Umschwünge und verschiedene Änderungen durchgemacht hat, ist es gerade zum zweiten Mal umgestürzt worden. Wie ehedem in England hat man das Monopol, das erst zu Gunsten einer Kaste und dann im Namen einer bestimmten Gesellschaftsklasse ausgeübt wurde, durch gemeinsame Produktion ersetzt. Die Allgemeinheit der Konsumenten, die wie Aktionäre angesehen werden, hat einen Betriebsdirektor auf eine bestimmte Zeit ernannt und eine Versammlung eingesetzt, die die Handlungen des Direktors und seiner Verwaltung kontrollieren soll.
Wir werden es mit einer einfachen Beobachtung zu diesem neuen System bewenden lassen.

 

Genau wie das Sicherheitsmonopol logischerweise alle anderen Monopole erzeugen musste, muss der Sicherheitskommunismus logischerweise alle anderen Kommunismen erzeugen.
Denn nur eines kann richtig sein:
Entweder ist die kommunistische Produktion der freien Produktion überlegen oder sie ist es nicht.
Wenn ja, so ist sie es nicht nur für die Sicherheit, sondern für alle Dinge.
Wenn nein, bestünde der Fortschritt unvermeidlich darin, sie durch die freie Produktion zu ersetzen.
Vollständiger Kommunismus oder vollständige Freiheit, das ist die Alternative!
VII.
Doch ist es vorstellbar, dass die Sicherheitsproduktion anders denn als Monopol oder Kommunismus organisiert ist? Ist vorstellbar, dass sie dem freien Wettbewerb überlassen bleibt?
Auf diese Frage antworten die sogenannten politischen Schriftsteller einmütig: Nein.
Warum? Wir werden euch sagen warum.
Weil diese Autoren, die sich speziell mit den Regierungen befassen, die Gesellschaft nicht kennen; weil sie sie für ein künstliches Werk halten, das zu verändern oder umzugestalten die Regierungen den Auftrag haben.
Um nun die Gesellschaft zu verändern oder umzugestalten, muss man notwendigerweise mit einer Autorität ausgestattet sein, die die der verschiedenen Einzelnen übertrifft, aus denen sie sich zusammensetzt.
Die Monopolregierungen behaupten, diese Autorität, die ihnen das Recht gibt, die Gesellschaft nach ihrem Belieben zu verändern oder umzugestalten und über Personen und Eigentum nach Gutdünken zu verfügen, von Gott selbst erhalten zu haben; die kommunistischen Regierungen berufen sich zu diesem Zweck auf die menschliche Vernunft, die sich in der Mehrheit des souveränen Volks zeige.
Doch besitzen die Monopolregierungen und kommunistischen Regierungen wirklich diese höhere, unwiderstehliche Autorität? Haben sie tatsächlich eine höhere Autorität als freie Regierungen sie haben könnten? Das ist es, was man prüfen muss.
VIII.
Wenn es stimmen würde, dass keine natürliche Organisation der Gesellschaft existiert; wenn es stimmen würde, dass die Gesetze, nach denen sie sich bewegt, beständig verändert oder umgestaltet werden müssten, so bräuchten die Gesetzgeber notwendigerweise eine unwandelbare, heilige Autorität. Als Fortführer der Vorsehung auf Erden müssten sie fast gottgleich respektiert werden. Wäre es ihnen andernfalls nicht unmöglich, ihrem Auftrag gerecht zu werden? Denn man greift nicht in die Geschäfte der Menschen ein, man

 

unternimmt es nicht, sie zu lenken, sie zu ordnen, ohne täglich eine Unzahl von Interessen zu verletzen. Wenn die Treuhänder der Macht nicht angesehen würden, als gehörten sie zu einem höheren Wesen oder als hätten sie einen Auftrag der Vorsehung erhalten, würden die geschädigten Interessen Widerstand leisten.
Daher die Fiktion des Gottesgnadentums.
Diese Fiktion war sicherlich die denkbar beste. Wenn es gelingt, die Menge davon zu überzeugen, dass Gott selbst gewisse Menschen oder Geschlechter auserwählt hat, um der Gesellschaft Gesetze zu geben und sie zu regieren, wird offensichtlich niemand auch nur daran denken, sich gegen die von der Vorsehung Erwählten aufzulehnen, und alles, was die Regierung unternähme, wäre wohlgetan. Eine Regierung göttlichen Rechts ist unvergänglich.
Doch nur unter der einen Bedingung, dass man an das Gottesgnadentum glaubt.
Wenn man jedoch auf den Glauben verfällt, dass die Führer der Völker ihre Eingebung nicht direkt von der Vorsehung selbst erhalten, dass sie rein menschlichen Antrieben gehorchen, wird der sie umgebende Nimbus verschwinden, und man wird ihren souveränen Entscheidungen ganz unehrerbietig Widerstand leisten, sowie man allem Widerstand leistet, was von Menschen kommt, wenn dessen Nutzen nicht klar dargelegt wird.
Es ist auch sonderbar zu sehen, mit welcher Sorgfalt die Theoretiker des Gottesgnadentums sich bemühen, die Übermenschlichkeit jener Geschlechter zu beweisen, die im Besitz der Regierung über die Menschen sind.
Hören wir zum Beispiel Joseph de Maistre:
„Der Mensch kann keine Souveräne machen. Er dient höchstens als Werkzeug, um einen Souverän zu enteignen und dessen Staat einem anderen Souverän, der bereits ein Fürst ist, zu übergeben. Übrigens hat es niemals eine souveräne Familie gegeben, der man einen plebejischen Ursprung nachweisen konnte. Träte dieses Phänomen einmal auf, so wäre dies ein neues Zeitalter.
[…] Es steht geschrieben: Ich bin es, der die Herrscher macht. Das ist keine religiöse Phrase, kein frommes Gleichnis; es ist schlicht und einfach die buchstäbliche Wahrheit. Es ist ein Gesetz der politischen Welt. Gott macht wortwörtlich die Könige. Er bereitet die Königsgeschlechter vor, er lässt sie inmitten einer Wolke, die ihren Ursprung verdeckt, heranreifen. Dann treten sie von Ruhm und Ehre gekrönt auf; sie ergreifen ihr Amt.“ 3
Nach diesem System, das den Willen der Vorsehung in bestimmten Menschen Fleisch werden lässt und diese Erwählten, diese Gesalbten mit quasi göttlicher Autorität umgibt, haben die Untertanen offensichtlich keinerlei Rechte; sie müssen sich den Erlassen der souveränen Autorität ohne Prüfung unterordnen, als handelte es sich um Anordnungen der Vorsehung selbst.
Der Körper ist ein Werkzeug der Seele, sagte Plutarch, und die Seele ist Werkzeug Gottes. Der Denkschule des Gottesgnadentums zufolge erwählt Gott gewisse Seelen und bedient sich ihrer als Werkzeuge, um die Welt zu regieren.
———-

3 Du principe générateur des constitutions politiques [Vom Entstehungsprinzip politischer Verfassungen], Vorwort.

 

Glaubten die Menschen an diese Theorie, könnte gewiss nichts eine Regierung göttlichen Rechts erschüttern.
Unglücklicherweise haben sie vollständig aufgehört, daran zu glauben.
Warum?
Weil ihnen eines schönen Tages eingefallen ist, zu prüfen und nachzudenken, und beim Prüfen und Nachdenken haben sie entdeckt, dass ihre Regierungen sie nicht besser regierten als sie, die sie einfache Sterbliche ohne Verbindung mit der Vorsehung waren, es selber gekonnt hätten.
Die freie Prüfung hat die Fiktion des Gottesgnadentums dermaßen außer Kurs gesetzt, dass die Untertanen der Monarchen bzw. der Aristokratien göttlichen Rechts diesen nur in dem Maße gehorchen, wie sie glauben, ein eigenes Interesse am Gehorsam zu haben.
War der kommunistischen Fiktion mehr Glück beschieden?
Laut kommunistischer Theorie, deren Hohepriester Rousseau ist, steigt die Autorität nicht mehr von oben herab, sie kommt von unten. Die Regierung erbittet sie nicht mehr von der Vorsehung, sondern von den vereinigten Menschen, von der einen, unteilbaren und souveränen Nation.
Die Kommunisten, Anhänger der Volkssouveränität, nehmen folgendes an. Sie nehmen an, dass die menschliche Vernunft die besten Gesetze, die vollendetste Organisation, die der Gesellschaft zuträglich ist, zu entdecken vermag; und dass diese Gesetze in der Praxis infolge einer freien Aussprache zwischen den entgegengesetzten Meinungen entdeckt werden; dass bei mangelnder Einstimmigkeit, wenn es nach der Aussprache noch eine Spaltung gibt, das Recht bei der Mehrheit liegt, da sie die größte Zahl vernünftiger Einzelner einschließt (diese Einzelnen werden wohlgemerkt als gleich angenommen, sonst stürzt das ganze Gerüst zusammen); infolgedessen versichern sie, dass die Entscheidungen der Mehrheit das Gesetz ergeben müssen und dass die Minderheit gehalten ist, sich ihr unterzuordnen, selbst wenn dies ihre am tiefsten verwurzelten Überzeugungen und ihre teuersten Interessen verletzt.
Dies ist die Theorie; doch hat die Autorität der Mehrheitsentscheidungen in der Praxis diesen unwiderstehlichen, absoluten Charakter, den man ihr unterschiebt? Wird sie in jedem Fall von der Minderheit respektiert? Kann es so sein?
Ein Beispiel.
Nehmen wir an, dem Sozialismus gelänge es, sich unter den arbeitenden Klassen auf dem Land zu verbreiten, wie er sich bereits unter den arbeitenden Klassen der Städte verbreitet hat; dass er infolgedessen im ganzen Land die Mehrheit stellen würde und dass er, die Lage nutzend, eine sozialistische Mehrheit in die gesetzgebende Versammlung entsendete und einen sozialistischen Präsidenten ernennen würde; angenommen, dass, wie Herr Proudhon es fordert, diese Mehrheit und dieser Präsident, mit souveräner Autorität ausgestattet, von den Reichen eine Steuer von drei Milliarden erheben, um die Arbeit der Armen zu organisieren. Ist es wahrscheinlich, dass sich die Minderheit friedlich dieser unbilligen und absurden, aber legalen und verfassungskonformen Ausplünderung unterordnete?

 

Nein, ohne jeden Zweifel zögerte sie nicht, die Autorität der Mehrheit zu leugnen und ihr Eigentum zu verteidigen.
Also gehorcht man in diesem wie im zuvor besprochenen System den Treuhändern der Autorität nur, soweit man ein Interesse zu haben glaubt, ihnen zu gehorchen.
Was uns zu der Behauptung führt, dass die moralische Grundlage des Autoritätsprinzips in einem monopolistischen oder kommunistischen System weder so solide noch so breit ist als in einem System der Freiheit.
IX.
Angenommen, dass die Anhänger einer künstlichen Organisation, Monopolisten oder Kommunisten, dennoch recht hätten; dass die Gesellschaft nicht natürlich organisiert ist und dass den Menschen unaufhörlich die Aufgabe obliegt, die Gesetze, die sie regieren, zu machen und aufzuheben, so befände sich die Welt in einer bedauernswerten Lage. Da die moralische Autorität der Herrschenden in Wirklichkeit nur auf dem Interesse der Beherrschten beruht und da diese eine natürliche Neigung haben, allem, was ihre Interessen verletzt, zu widerstehen, muss physische Gewalt der verkannten Autorität unaufhörlich Beistand leisten.
Monopolisten und Kommunisten haben im übrigen diese Notwendigkeit vollkommen erkannt.
Wenn jemand versucht, sagt Herr de Maistre, sich der Autorität der von Gott Erwählten zu entziehen, so soll er dem weltlichen Arm überliefert werden und der Henker seines Amtes walten.
Wenn jemand die Autorität der vom Volk Erwählten verkennt, sagen die Theoretiker der Schule Rousseaus, wenn er einer beliebigen Entscheidung der Mehrheit widersteht, soll er als Verbrecher gegen das souveräne Volk bestraft werden, soll das Schafott darüber richten.
Beide Schulen, die die künstliche Organisation als Ausgangspunkt wählen, landen daher notwendigerweise beim gleichen Ende, beim TERROR.

X.
Man erlaube uns nun, eine einfache Hypothese aufzustellen.
Nehmen wir eine junge Gesellschaft an: Die Menschen, aus denen sie besteht, beginnen zu arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit auszutauschen. Ein natürlicher Instinkt sagt diesen Menschen, dass ihre Person, die Erde, die sie einnehmen und bearbeiten, sowie die Früchte ihrer Arbeit ihr Eigentum sind und dass niemand außer ihnen selbst das Recht hat, darüber zu verfügen oder es anzurühren. Dieser Instinkt ist nicht hypothetisch, er ist wirklich. Doch weil der Mensch ein unvollkommenes Geschöpf ist, kommt es vor, dass dieses Gespür für das Recht eines jedes einzelnen auf seine Person oder seine Güter sich nicht in allen Seelen im selben Maße findet und dass einzelne sich mit Gewalt oder List an der Person oder am Eigentum anderer vergreifen.
Daher die Notwendigkeit einer Industrie, die gewalttätige oder betrügerische Aggression verhütet oder bekämpft.
Angenommen, es käme ein Mensch oder ein Zusammenschluss von Menschen und sagte:

 

Ich verpflichte mich, gegen Entlohnung Angriffe auf Leib und Gut zu verhüten oder zu bekämpfen.
Alle, die ihre Person oder ihr Eigentum vor jeder Aggression schützen wollen, mögen sich an mich wenden.
Was werden die Konsumenten machen, bevor sie mit diesem Produzenten von Sicherheit ein Geschäft abschließen?
Erstens werden sie erkunden, ob er stark genug ist, sie zu beschützen.
Zweitens, ob er moralische Garantien bietet, so dass man von seiner Seite keine der Aggressionen fürchten muss, die zu bekämpfen seine Aufgabe wäre.
Drittens, ob kein anderer Sicherheitsproduzent, der gleiche Garantien vorweist, in der Lage ist, ihnen dieses Gut zu besseren Konditionen zu verschaffen.
Diese Konditionen können vielgestaltig sein.
Um imstande zu sein, den Konsumenten volle Sicherheit ihrer Person und ihres Eigentums zu garantieren und ihnen im Schadensfall einen dem erlittenen Verlust entsprechenden Ausgleich verschaffen zu können, wäre es in der Tat erforderlich:
1. dass der Produzent gewisse Strafen gegen Körperverletzung und den Raub von Eigentum einführt, und dass die Konsumenten es akzeptieren, sich diesen Strafen zu unterwerfen, falls sie sich selbst an Personen oder Eigentum vergehen;
2. dass er den Konsumenten bestimmte Unbequemlichkeiten zumutet, deren Zweck es ist, ihm das Aufspüren von Straftätern zu erleichtern;
3. dass er regelmäßig eine bestimmte Gebühr einzieht, um seine Produktionskosten wie auch den natürlichen Lohn für seinen Fleiß zu decken. Diese Gebühr wird je nach den Verhältnissen der Konsumenten, den besonderen Berufen, denen sie nachgehen, nach Umfang, Wert und der Art ihres Eigentums variabel sein.
Wenn diese für die Ausübung dieser Tätigkeit notwendigen Bedingungen den Konsumenten genehm sind, kommt das Geschäft zustande; wenn nicht, werden die Konsumenten entweder auf Sicherheit verzichten oder an einen anderen Produzenten herantreten.
Wenn man nun die besondere Natur der Sicherheitsindustrie betrachtet, wird man bemerken, dass die Produzenten gezwungen sein werden, ihr Geschäft auf bestimmte Gebiete zu beschränken. Sie kämen offensichtlich nicht auf ihre Kosten, wenn sie es sich einfallen ließen, eine Polizei in Orten zu unterhalten, wo sie nur einige Kunden haben. Ihre Kundschaft würde sich natürlicherweise um ihren Geschäftssitz scharen. Dennoch könnten sie die Lage nicht missbrauchen, um den Konsumenten Gesetze vorzuschreiben. Denn im Falle einer missbräuchlichen Erhöhung des Sicherheitspreises hätten diese immer noch die Möglichkeit, ihre Kundschaft einem neuen oder dem benachbarten Unternehmer zu gewähren.
Aus dieser dem Konsumenten überlassene Möglichkeit, die Sicherheit dort zu kaufen, wo es ihm beliebt, erwächst ein dauernder Wettstreit unter allen Produzenten, von denen sich jeder

 

bemühen würde, seine Kundschaft durch günstige Preise oder eine raschere, umfassendere, bessere Justiz zu vergrößern oder zu erhalten. 4
Sobald der Konsument dagegen nicht frei ist, die Sicherheit dort zu kaufen, wo es ihm beliebt, sieht man sogleich, wie sich der Willkür und der schlechten Geschäftsführung Tür und Tor öffnen. Die Justiz wird teuer und langsam, die Polizei schikanös, die Freiheit des Einzelnen wird nicht mehr respektiert, der Preis der Sicherheit ist missbräuchlich überhöht, er wird ungleich erhoben, je nach der Gewalt, dem Einfluss, über den diese oder jene Klasse von Konsumenten verfügt, die Versicherer liefern sich heftige Kämpfe, um sich gegenseitig die Konsumenten zu entreißen; in einem Wort: man sieht alle dem Monopol oder Kommunismus innewohnenden Missbrauch massenhaft heraufziehen.
Unter der Herrschaft des freien Wettbewerbs verliert der Krieg unter den Sicherheitsproduzenten vollkommen seine Berechtigung. Warum sollten sie Krieg führen? Um Konsumenten zu erobern? Doch die Konsumenten würden sich nicht erobern lassen. Sie hüteten sich sicherlich davor, ihre Personen und ihr Eigentum von Männern sichern zu lassen, die ohne Skrupel die Person und das Eigentum ihrer Wettbewerber angetastet hätten. Wollte ein verwegener Sieger ihnen ein Gesetz aufzwingen, so riefen sie sofort alle freien Konsumenten zu Hilfe, die dieser Angriff bedrohte wie sie auch, und sie würden für Recht sorgen. Ebenso wie der Krieg die natürliche Folge des Monopols ist, ist der Friede die natürliche Folge der Freiheit.
In einem Regierungssystem der Freiheit unterschiede sich die natürliche Organisation der Sicherheitsindustrie nicht von der anderer Industrien. In kleinen Bezirken könnte ein einfacher Unternehmer ausreichen. Dieser Unternehmer vermachte sein Unternehmen seinem Sohn oder überließe es einem anderen Unternehmer. In ausgedehnten Bezirken vereinigte eine einzige Firma genügend Einnahmen auf sich, um bequem diese wichtige und schwierige Tätigkeit auszuüben. Gut geführt, könnte diese Gesellschaft leicht fortbestehen, und die Sicherheit bestünde mit ihr fort. Wie auch in den meisten anderen Produktionszweigen würde in der Sicherheitsindustrie diese letztere Organisationsform die erstere wahrscheinlich irgendwann ersetzen.
Einerseits wäre das die Monarchie, andererseits die Republik; doch die Monarchie ohne das Monopol und die Republik ohne den Kommunismus.
4 Adam Smith, dessen bewundernswerte Beobachtungsgabe sich auf alle Dinge erstreckte, bemerkt, dass die Justiz in England durch den Wettbewerb, den sich die verschiedenen Gerichtshöfe lieferten, viel gewonnen hat. Er sagt: „Die Gerichtshonorare scheinen ursprünglich auch in England die hauptsächliche Einnahmequelle der Gerichtshöfe gewesen zu sein. Jeder Gerichtshof suchte so viele Geschäfte an sich zu ziehen, wie er konnte, und zog deshalb gern Rechtssachen in seine Gerichtsbarkeit, die eigentlich nicht dahin gehört hätten. Der Gerichtshof der königlichen Bank (Kingsbench), der nur für Kriminalsachen bestimmt war, erkannte auch in Zivilprozessen, indem der Kläger vorgab, dass der Beklagte, indem er ihm Gerechtigkeit verweigerte, sich eines Rechtseingriffes oder strafbaren Vergehens schuldig gemacht habe. Das Schatzkammergericht (Court of Exchequer), das zur Erhebung der königlichen Einkünfte und zur Beitreibung ausschließlich solcher Schuldzahlungen, welche Privatleute an den König abzutragen hatten, eingeführt worden war, erkannte auch über alle anderen Schuldsachen, indem der Kläger vorgab, dass er den König nicht bezahlen könne, weil der Beklagte ihn nicht bezahle. Durch solche Fiktionen kam es dahin, dass es in vielen Fällen ganz von den Parteien abhing, vor welchem Gerichtshofe sie ihre Sache verhandelt wissen wollten, und jeder Gerichtshof suchte durch größere Schnelligkeit und Unparteilichkeit so viel Prozesse als möglich in seinen Bereich zu ziehen. Vielleicht rührt die gegenwärtige bewundernswürdige Verfassung der englischen Gerichtshöfe großenteils von dem Wetteifer her, der früher zwischen ihren verschiedenen Richtern herrschte: Denn jeder Richter beeiferte sich, in seinem Gerichtshofe den Parteien die schnellste und wirksamste Rechtshilfe, welche das Gesetz für jede Art erlittenen Unrechts darbietet, angedeihen zu lassen.“ (Ursachen des Volkswohlstands, 5. Buch, Kap.1)

 

Auf beiden Seiten gälte die im Namen des Nutzens akzeptierte und geachtete und nicht die durch Terror aufgezwungene Autorität.
Daß sich eine solche hypothetische Situation verwirklichen könnte, das wird zweifellos bestritten werden. Doch auf die Gefahr hin, als Utopisten abqualifiziert zu werden, behaupten wir, dass dies unbestreitbar ist und dass eine aufmerksame Untersuchung der Tatsachen das Problem der Regierung, wie auch alle anderen ökonomischen Probleme, mehr und mehr zugunsten der Freiheit lösen wird. Was uns anbelangt, so sind wir davon überzeugt, dass sich eines Tages Vereinigungen bilden werden, um die Freiheit der Regierung einzufordern, so wie sie sich gebildet haben, um die Freiheit des Handels verlangen.
Und wir zögern nicht, hinzuzufügen, dass, nachdem dieser letzte Fortschritt gemacht und damit jedes künstliche Hindernis gegen die freie Wirkung der Naturgesetze, die die wirtschaftliche Welt regieren, beseitigt sein wird, die Lage der verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft die bestmögliche geworden sein wird.
[Quelle: „De la production de la sécurité,“ in: Journal des Économistes, 8. Jg., Bd. 22 (Dez. 1848 – März 1849), Guillaumin et Cie., Paris 1849, S. 277-90. Übersetzt von J. G. Hülsmann und R. Stiebler. für http://www.mises.de]

Written by floriangrebner

27. Oktober 2010 at 18:45

Veröffentlicht in Grundlagentexte, Klassiker