Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘In eigener Sache’ Category

Rand Paul macht Schluss mit dem ganzen Ron-Paul-Revolutions-Spuk

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Von Karl Kraus stammt die Weisheit, der Begriff „Familienbande“ trüge den „Beigeschmack von Wahrheit“. Mit diesem Ganovenstück ist nun vor allem eines klargestellt: die seit 2008 (vorübergehend sogar erbittert auf Paxx.tv und andernorts) geführte Debatte ad 1) des Für und Wider von Parteipolitik sowie ad 2) des Für und Wider einer Ankoppelung an kulturkonservative (und damit folgerichtigerweise staatstolerante) Strömungen haben die Paxxies gewonnen. Und zwar nicht nach Punkten, sondern durch K.O.!

Alles andere ist letztlich jetzt eine – traurige – Familienangelegenheit.

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Abschied von Roland Baader

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Am 8. Januar ist Roland Baader nach langer schwerer Krankheit verstorben. Wir Freunde der Freiheit verlieren mit ihm den wortgewaltigsten und unerschrockensten Kämpfer für unsere gemeinsame Sache. Roland Baader verdanke ich persönlich sehr, sehr viel.

Ich trauere um den größten und kämpferischsten Freiheitsdenker deutscher Zunge, dem ich am meisten vor allen anderen verdanke, in den Irrungen und Wirrungen meiner Sturm- und Drangzeit letztlich doch den Weg zur Idee der Freiheit gefunden zu haben. Ohne seine mich schon als Schüler seit den frühen 90er Jahren inspirierenden Bücher und Veröffentlichungen (etwa in Criticón, in der Schweizerzeit und der Jungen Freiheit und später dann vor allem in seinem Leib- und Magenblatt eigentümlich frei) wäre meine geistige Entwicklung wohl sehr viel unerfreulicher verlaufen.

Roland Baader war ein Leuchtturm für so viele von uns. Sein Lebenswerk wird weiter ein Leuchtfeuer sein, das uns Orientierung bietet und diesen großartigen Menschen unsterblich macht.

Unvergessen, was er uns ins Stammbuch schrieb: „Gefährlicher für die Bewahrung der Freiheit als die erklärten Freiheitsfeinde sind die Lauen, die Gleichgültigen und die Abwiegler, jene, die verkünden, bei der Zerstörung der Freiheit werde „nichts so heiß gegessen wie gekocht“. Diese nützlichen Idioten auch einem im Topf von Kannibalen befindlichen Menschen erklären, er möge sich beruhigen, weil „nichts so heiß gegessen wie gekocht“ werde.“

„Wir trauern um einen Freund“ , diese Worte von ef-Herausgeber André F. Lichtschlag sprechen sicher jedem von uns aus dem Herzen. Die nächste Ausgabe von „eigentümlich frei“ wird Roland Baader gewidmet sein.

Am Wochenende werde auch ich Roland Baader noch ausführlicher an dieser Stelle würdigen.

Written by dominikhennig

11. Januar 2012 at 00:07

Veröffentlicht in In eigener Sache, Klassiker

Zuwachs in der Libersphäre

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Offenbar macht die liberal-libertäre Bloggosphäre ähnlich wie unsere Wirtschaft ihre ganz eigenen Boom- und Bust-Phasen durch. Nach Jahren des Dahinsiechens gibt es nun wieder jede Menge virtuelle Zuwanderung nach Libertopia, eine ganze Reihe vielversprechender Blogprojekte, deren wohlgefällige Aufnahme ich meinen Lesern an dieser Stelle sehr gerne ans Herz lege. Da wäre first and foremost das Projekt Freitum, dessen mit Verve vorgetragene Programmatik so schön ist, daß ich nicht umhinkann, sie in voller Länge zu zitieren:

Wir leben in einer Welt, die durch einen omnipräsenten Etatismus verseucht ist.
Wozu ein solcher Etatismus führen kann, hat das 20. Jahrhundert gezeigt – im
faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland und in der kommunistischen Sowjetunion, aber nicht nur dort. Die Folgen waren und sind katastrophal. Von sozialistischen Intellektuellen wurden diese Folgen stets dem liberalen Wirtschaftsprogramm, also dem Kapitalismus, zugeschrieben. Dies ist jedoch weit gefehlt. Die tatsächlichen Aggressoren dieser Katastrophen waren Staaten und ihre exorbitanten Interventionen, die – wie von FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK in seinem Werk ,,Der Weg zur Knechtschaft“ richtig erkannt – immer zu Freiheitsentzug führen. Dennoch ist es denn Staaten dieser Erde durch Manipulation und Propaganda gelungen, die Menschen in ihre Knechtschaft zu führen, ohne dass sie es merken. Den Menschen diese Knechtschaft und die dahinter liegenden perfiden Machenschaften aufzuzeigen ist Aufgabe eines jeden Freiheitsfreunds. Nur so wird es auf lange Sicht für uns möglich sein, sich aus diesen uns angelegten Fesseln zu befreien. Dieses Blog widmet sich der politischen Philosophie des Libertarismus, welche sich als einzige konsequent und dezidiert für die Freiheit des Individuums, des Selbsteigentums und gegen obrigkeitsstaatliche Unterdrückung und Willkür einsetzt. Die Maxime dabei lautet: Maximale Freiheit, ohne die Freiheit anderer einzuschränken. Dieses Blog versucht zur Realisierung dieses oft als utopisch abgestempelten Ziels beizutragen. Vorgestellt werden Beiträge aus den verschiedenen Richtungen des Libertarismus, wie etwa der Austrian School of Economics, aber auch aus Richtungen, die punktuell interessante Wege vorschlagen, in ihrer Gänze jedoch abzulehnen sind, wie etwa der Minarchismus.

,,Richtungswechsel! Vom Wege zur Knechtschaft zum Wege zur Freiheit!“

Ebenso von mir zunächst unbemerkt startete vor gut zwei Monaten Freiwillig frei , das durch seine Professionalität und ebenso wie Freitum intellektuelle Kompromißlosigkeit besticht. Zum Selbstverständnis schreiben die Autoren:

Wir sind drei denkende Individuen, die die Meinung teilen, dass es in der Welt
nicht so rund läuft, wie es sollte und könnte. Auf dieser Seite wollen wir uns
untereinander und auch mit anderen austauschen, ob das, was wir als Realität
verkauft bekommen auch wirklich die Realität ist.

Ziel ist es, die wahren Ursachen für Kriege, Hunger und jede Art von Zwang und Gewalt in der Welt zu finden und sie zu benennen. Nur so ist es unserer Meinung möglich, Lösungen zu finden, die auch beständig sein können. Wir stellen unsere Überzeugungen hier zur Diskussion, um so zu sehen, ob sie standhalten. Von allen Teilnehmern an solchen Diskussion erwarten wir ehrliche Neugier und den Willen, die eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen, um letztendlich durch den Austausch von logischen Argumenten bereichert zu werden.

„Free Market Ideas“ auf die Fahnen geschrieben hat sich auch Eva Ziessler, deren aktuelles Statement zu den tragischen Ereignissen in Norwegen mich ganz besonders begeisterte!

Und als wäre das nicht alles schon Grund genug zur Freude ist auch der lange vermißte „Opponent“ wieder da – diesmal unter seinem Klarnamen Marco Kanne, aber wie man ihn kennt kein bißchen leisetreterisch!

Wünsche allen Kollegen, mit denen ich auch freundschaftlich verbunden bin, viel Freude beim Vermehren freiheitsfördernder Erkenntnisse und vor allem Spaß. Denn das ist das Geheimnis des Erfolges, wenn man bei all dem Wahnsinn der uns umtost dennoch nicht verbiestert sondern, um mit Horaz zu sprecheh – ridentem dicere verum – lachend die Wahrheit sagen kann!

Written by dominikhennig

26. Juli 2011 at 23:38

Veröffentlicht in Debatte, In eigener Sache

Ancaps.de

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von Florian Grebner

Seit einer Weile  besitzen wir von Paxx Reloaded eine Partnerschaft mit der Community Ancaps.de. Diese Community möchte ich an dieser Stelle unseren Lesern vorstellen.

Die Staff besteht aus Untertan und seinen Freund Bleicke, wobei erstere die treibende Kraft ist.

Der derzeitige Hauptteil von AnCaps.de ist das Forum. In diesen findet man – neben Niklas Fröhlich und mir, also zwei Paxxen – unter Aktuelle Themen auch immer einen Topic zum aktuellen Paxxblogpost. Desweiteren befindet sich im Forum, neben dem obligatorischen „Vorstellungs“ & „Off Topic“ Bereich,  noch die beiden Interesse weckenden Bereiche „Grundlagen“ & „Projekt“. Im ersteren wird derzeit z.B. Hoppes Letzbegründung diskutiert, ein weiteres aktives Thema wäre „Warum hasst uns jeder?“ in dem diskutiert wird warum Anarchismus von so vielen in der Gesellschaft abgelehnt wird.

Ein besonders Augenmerk – was meiner Meinung nach auch AnCaps.de von vielen anderen Communitys unterscheiden – ist der Projektbereich. Neben den Aufruf und Diskussion über eine Nichtwählerkampagne wird auch auf eine Website hingewiesen, deren User versuchen alle möglichen Technologien auf Open Source Basis zu reproduzieren.

Jedoch findet man das interessanteste Projekt unter „Off Topic“: Das „Wort zum Sonntag“.

Dieses findet jeden Sonntag um 18:00 im Chat von AnCaps.de stat. Um diese Uhrzeit werden im Chat mit anderen Mitgliedern ein vorher ausgewähltes Thema diskutiert. Dies waren bisher unter anderem: „If It’s nature to be free, what is stopping us?“ und „um das Gefühl der Anarcho Kapitalisten. Die Ritter des Lichts die Ausziehen die Schatten auf Erden zu vertreiben.“ Bei dem „Wort Zum Sonntag“ findet man mit Niklas Fröhlich auch i.d.R. mindestens einen Paxx Redakteur vor.

 

Neben dem Forum und Chat gibt es auf Ancaps.de noch ein Wiki, in dem nach und nach jeder Begriff der unter AnCaps geläufig ist aufgeführt werden soll und beschrieben und diskutiert werden soll. Das Wiki soll auch später dazu dienen, in einer Art AnCap Schule, ein Lehrbuch zu sein über alles wissenswerte bzgl Anarchokapitalismus.

 

Hiermit wünschen wir – das gesamte Paxx Team – unseren Partnern und Kollegen viel Erfolg!

Written by floriangrebner

14. November 2010 at 21:21

Veröffentlicht in In eigener Sache

Das Paxx-Gründungsdokument der next generation

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erschien – und auch das ist eigentlich kaum zu glauben – auf dem SPD-nahen Blog „Rot steht uns gut“. Kalle Kappners fulminanter Wutanfall war für mich die Initialzündung, das Projekt wieder aufleben zu lassen. Auch dieser Klassiker verdient nochmalige Veröffentlichung, gerade auch mit Blick auf Atom-, Hartz IV-, Sarrazin-, und Stuttgart 21-Debatten, wo der liberal-libertäre Mainstream inzwischen zum Wurmfortsatz rechtskonservativer Stammtische und jungbürgerlicher Schnösel-Runden degeneriert ist.

Vulgärliberalismus

von Kalle Kappner

Geht es euch eigentlich auch so auf die Nerven, wenn ein beliebiger FDP-Jünger die Atomlobby und ihre Machenschaften verteidigt und lobt? Wenn die Liberal-Schickeria auf die asozialen Schmarotzer dieses Landes schimpft und dabei Hartz IV-Empfänger meint und nicht etwa Hypo Real Estate, RWE oder den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller?

Nun, das nennt man Vulgärliberalismus. Eine Ideologie, die die Sprache des Liberalismus’ verwendet, aber, entweder aus Beschränkheit oder aber mutwillig, den liberalen Gedanken nur äußerst selektiv und unvollständig anwendet. Kevin Carson, ein Sozialist und Libertärer (Ja, das funktioniert.) formulierte es so:

In every case, the good guys, the sacrificial victims of the Progressive State, are the rich and powerful. The bad guys are the consumer and the worker, acting to enrich themselves from the public treasury. […]

The ideal „free market” society of such people, it seems, is simply actually existing capitalism, minus the regulatory and welfare state: a hyper-thyroidal version of nineteenth century robber baron capitalism […]

 

Dabei müsste eigentlich jedem Liberalen mit einem halbwegs intakten Gedankengebäude klar sein, dass es in einem freien, oder zumindest freieren Markt keine Gazproms, keine WalMarts, keine Pharmakartelle gäbe. Diese multinationalen Unternehmen generieren ihre gigantischen Gewinne häuptsächlich durch die Ausbeutung von Konsumenten und Arbeitnehmern. Mit Hilfe des Staates – nicht durch „unternehmerisches Talent“, Glück oder gar „Bestehen im Wettbewerb“.

Es ist die völlige Unfähigkeit, über den engen Tellerrand der eigenen Gehaltsabrechnung zu schauen. Der größte Feind des Vulgärliberalen ist der arbeitslose Hartzer, den er mit ein paar Brotkrumen durchfüttern muss. Nicht aber der hochsubventionierte Großkonzern. Den füttert man gerne durch. Der schafft ja schließlich Arbeitsplätze!

Du, kleiner Sohn arbeitsloser Eltern, wohlmöglich noch Moslem, schaffst es nicht durch eigene Anstrengung nach oben? Nun, das kann nur an deiner Dummheit (oder gar an deinen Genen) liegen und nicht an den Strukturen! Wir leben hier ja schließlich im Kapitalismus, da ist ja für jeden alles möglich, wenn man nur will und sich anstrengt. Guck doch her, ich, Sohn eines DAX-Vorstands, habe es auch nach oben geschafft. Geht also! Freier Markt ist das hier!

Wie kann ein Liberaler ernsthaft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staatlich gefördert: Über direkte und indirekte Subventionen, über staatlich finanzierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staatlich finanzierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat. Atomenergie ist nicht „billig“. Sie war es nie und sie wird es auch nie sein. Sie ist kein Produkt eines fairen Wettbewerbs um die beste Energieerzeugung. Für den Vulgärliberalen allerdings, für den ist die Atomenergie eine einzige ökonomische Erfolgsgeschichte. Schließlich sprudeln die Gewinne bei Vattenfall & co. ja ergiebig. Scheint ja eine ganz tolle und profitable Angelegenheit zu sein!

Oft, leider viel zu oft, kommt noch ein streng rechtsgerichtetes Gesellschaftsbild hinzu. Auf „liberalen“ Blogs lesen wir, dass Geistes– und Sozialwissenschaften sozialistischer Unfug ohne jeglichen Wert seien, dass Deutschland einen „Schwulenkult“ betreibe und dass Feminismus ein Grundübel unserer Zeit ist.  Clement ist ein ehrbarer Mann, schließlich hat er sich ja stets darum bemüht, Konzerne auf Staatskosten zu bereichern. Moslems sollen keine uneingeschränkte Religionsfreiheit erhalten. Und Sarrazin ist sowieso toll und wird von der „linken Meinungsmafia” bedroht. Ja, das alles musste ich in den letzten Wochen im Internet lesen, von Leuten, die sich liberal schimpfen.

Der tapfere Kampf der Vulgärliberalen beschränkt sich auf den Ruf nach Steuersenkungen, auf den Wunsch nach dem Abbau des Sozialstaates und auf die Diffarmierung der Linkspartei. Aber Einstehen für weltweiten Freihandel, Ende des Meisterzwangs,  Zerschlagung des Energieoligopols? Ach Quatsch! Sowas interessiert den Vulgärliberalen garnicht. Es steht ja nicht auf dem Gehaltszettel, was diese Dinge eigentlich kosten und an Wohlfahrtsverlust bedeuten. Sozialstaat für Unternehmen muss schon sein, schließlich sind das alles ehrbare Kaufleute und hart arbeitende Menschen.

Dazu kommt, steigt man näher in die Diskussion ein, die mangelnde Fähigkeit, zwischen Sozialismus und Korporatismus zu unterscheiden. Für den Vulgärliberalen ist alles, was irgendwie mit Staat und Steuern zutun hat, sozialistisch. Der Staat reguliert die Pharmawirtschaft im Sinne der Großhersteller? Sozialismus! Der Staat rettet Banken und sozialisiert deren Verluste, während die Gewinne privat bleiben und kräftig steigen? Böser Kommunismus! Ölkonzerne verseuchen die Weltmeere und der Steuerzahler kommt für die Säuberung auf? Riecht nach kubanischen Methoden! Aber wenn US-Unternehmen in China Sklaven in ihren Sweatshops unterhalten, dann ist das freie Marktwirtschaft, oder wie? Ist das freie Marktwirtschaft, wenn der chinesische Staat Millionen von Bauern enteignet und in die Fabriken zwingt, wenn er die Gründung von freien Gewerkschaften untersagt und die Arbeiter per Polizeigewalt an die Arbeit treibt?

Und was ist bitteschön daran sozialistisch, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren? Das widerspricht jeglichen Idealen des Sozialismus’.

In ihrem blinden Hass auf alles Linke, Sozialistische oder gar Nicht-Bürgerliche, wird allzu schnell der Pakt besiegelt mit jenen Kräften, die zwar rethorisch gerne die Sprache des freien Marktes bemühen. Aber in ihrem alltäglichen politischen Handeln eine völlig andere Agenda verfolgen. Ja, man ist für freien Wettbewerb, Eigenverantwortung und Belastung. Jedenfalls für Leiharbeiter. Aber bloß nicht für Banken und Großkonzerne! Die brauchen staatlich geförderte Kartellbildung, Haftungsbegrenzung und „Schutzschirme“ und müssen durch protektionistische Handelspolitik gefördert werden. Denn was für „unsere deutschen Unternehmen gut ist“, dass muss ja auch für alle Deutschen gut sein. Der Merkantilismus lässt grüßen.

Die Gefahr für Freiheit und Wohlstand kommt heute nicht mehr aus der staatssozialistischen Ecke – kein Mensch, außer vielleicht ein paar durchgeknallten, pubertären Nord-Korea-Fans, plant eine Neuauflage der gescheiterten Planwirtschaft. Die Gefahr kommt heute aus der bürgerlichen Ecke: Durchgestylte BWL-Yuppies, die uns erzählen wollen, dass RWE ein überaus erfolgreiches Unternehmen wäre, weil es stets gut gewirtschaftet hätte und tolle Innovationen erbracht hätte und dass wird dringend mehr solcher Unternehmen bräuchten. Ökonomie-Professoren, die den Mythos der „Systemrelevanz“ fördern und damit rechtfertigen, dass Steuerzahler Risiken und Verluste für Spekulanten übernehmen, die in Schrottpapiere und griechische Staatsanleihen investieren. Ein Guido Westerwelle, der den Liberalismus zur völligen Farce verkommen lässt, indem er ihn als eine Ideologie der Egoisten darstellt, die einfach nur weniger Steuern zahlen wollen, den Sozialstaat in die Tonne kloppen wollen, sich nicht mehr für den Obdachlosen um die Ecke verantwortlich fühlen wollen.

Keinesfalls will ich alle Liberalen in Sippenhaft nehmen! Allenfalls dafür, dass zuviele Liberale den Liberalismus unwidersprochen verkommen lassen zu einer Ideologie der Korporatisten. Der Liberalismus war einmal etwas revolutionäres, eine Kraft, die die Massen aus der Unterdrückung befreien wollte. Heute dient er als Rechtfertigungsideologie für die herrschenden Zustände in diesem artifiziell kartellisierten Wirtschaftssystem. Diese Zustände sind nicht frei von Unterdrückung und Ausbeutung. Der Liberalismus war einmal eine Bewegung,  die „dem Wohle aller, nicht dem besonderer Schichten dienen wollte” (Ludwig von Mises). Heute soll sie den von Eigenverantwortung befreiten Kapitalgesellschaften und den wettbewerbsbefreiten Kartellen helfen.  Die „Tea Party”-Bewegung in Amerika (die längst durch neokonservative Falken gekapert wurde) macht es vor: Zuhause soll der Staat klein sein, im Ausland dagegen steht man auf die Armeeeinsätze des „big government” in aller Welt. Steuernzahlen für Arme? Nein! Steuernzahlen, damit die Armee Handelswege für US-Multis beschützt? Ja, bitte!

Völlig inkonsistent.

Man möge mir diesen polemischen Ausbruch verzeihen. Aber ich trage diese Gedanken schon länger mit mir rum. Und langsam platzt mir der Kragen bei soviel Verlogenheit, bei soviel Instrumentalisierung und soviel Propaganda. Dieser Liberalismus, erst recht in seiner deutschen parteipolitischen Manifestierung, ist ein Zombie, innerlich tot, äußerlich mörderisch. Mit seinen ursprünglichen Idealen hat er rein garnichts mehr zutun — er ist zu dem geworden, was ihm von linker Seite schon immer vorgeworfen wurde: Die Ideologie der ausbeutenden Klassen, die ihre Position vor den berechtigten Ansprüchen der Ausgebeuteten verteidigen wollen.

Wo sind die anständigen Freisinnigen?

Das Paxx.tv-Gründungsdokument

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aus der Feder von unserem spiritus rector Matt Jenny erschien ursprünglich – man möchte es kaum glauben – in der „eigentümlich frei“. Für die später Zugereisten sei es hier noch einmal in voller Länge veröffentlicht:

Richtungsdebatte: Für einen linken Libertarismus

von Matt Jenny

Plädoyer für eine Rückbesinnung auf historische Wurzeln

Es ist nur natürlich, dass Begriffe in und von der Zeit verwässert werden, dass einige von ihnen ihre Bedeutung komplett verlieren und mit anderen plötzlich das Gegenteil gemeint ist. Manchmal wird ein solcher Wandel bewusst gefördert und manchmal geschieht er scheinbar automatisch. Freiheitlich orientierte Leute sind sich dieses Neusprech-Phänomens besonders bewusst. Fühlen sich doch zum Beispiel viele gezwungen, den Begriff „liberal“ endgültig etatistischen Opportunisten zur überlassen, um sich fortan als „libertär“ zu bezeichnen.

Neben „liberal“ und „libertär“ machte in den letzten hundertfünfzig Jahren auch die Bedeutung von „links“ einen Wandel durch. Galten im 19. Jahrhundert noch viele unterschiedliche Ideen als links, so wurde die Bezeichnung zunehmend von jenen Kollektivisten monopolisiert, die bereit waren, blind jedes Häppchen Freiheit gegen jegliches wirre Versprechen von sozialer Gleichheit einzutauschen. Unter anderem – aber nicht ausschließlich – wegen dieser Zweideutigkeit des Begriffs „links“ war und ist es sehr schwierig, den Libertarismus mit seiner kompromisslosen Forderung nach Freiheit in das bekannte eindimensionale Politikschema einzuordnen.

Von links…

Alle politischen Philosophien des 19. Jahrhunderts, die heute als libertär bezeichnet werden, waren damals klar links. Da waren zum Beispiel die Philosophen und Ökonomen des klassischen Liberalismus, die dem damaligen Konservatismus diagonal gegenübergestellt waren. Dieser Sachverhalt schlug sich auch in den Sitzverteilungen in den Parlamenten nieder, wo die Liberalen links und die Konservativen rechts saßen. So saß zum Beispiel auch der liberale Ökonom Frédéric Bastian in der Französischen Nationalversammlung direkt neben dem Anarchosozialisten Pierre Joseph Proudhon.

Das berühmteste Zitat des Letzteren ist wohl „Eigentum ist Diebstahl!“ Obwohl – oder vielleicht gerade weil – Proudhon sehr wohl als einer der genialsten Sozialisten bezeichnet werden kann, schrieb dieser damals im selben Buch auch, dass Eigentum Freiheit sei. Und der Freiheit gegenüber war Proudhon keineswegs abgeneigt, ermahnte er uns doch, dass „Freiheit nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung“ ist.

Dieses Zitat schmückte dann auch die Titelseiten von „Liberty“, der Zeitschrift des amerikanischen Individualanarchisten Benjamin Tucker, die zwischen 1881 und 1908 erschien. Der individualistische Anarchismus, als dessen Urväter Proudhon sowie der Engländer William Godwin und der Deutsche Max Stirner gelten, stellte neben dem mit ihm eng verwandten klassischen Liberalismus die zweite großartige libertäre Philosophie des 19. Jahrhunderts dar.

Im Gegensatz zum klassischen Liberalismus ist der individualistische Anarchismus, zumindest so wie er von den Autoren im Umfeld von „Liberty“ vertreten wurde, eine explizit sozialistische Philosophie. So bildete zum Beispiel die Arbeitswerttheorie eines seiner Elemente, allerdings in der Ausführung vom Britischen Vordenker der klassischen Nationalökonomie David Ricardo – und nicht von Karl Marx. Auch im Gegensatz zu Marx galt für Tucker folgendes Credo: „Gleichheit, wenn wir sie kriegen können, aber Freiheit um jeden Preis!“

Tucker argumentierte aber, wenn durch die Abschaffung des Staats das Geldmonopol, das Landmonopol, Zolltarife und Patente wegfallen würde, dann wären die größten Hindernisse für das wirtschaftliche Wachstum der ärmeren Bevölkerung aus dem Weg geschafft, und die Arbeiter würden dann tendenziell das volle Produkt ihrer Arbeit erhalten. Ferner sah Tuckers Mentor Lysander Spooner in der Abschaffung der Lohnarbeit eine der Möglichkeiten und eine Hauptaufgabe des individualistischen Anarchismus. So führte Tucker zum Beispiel auch Allianzen mit Gewerkschaften – dies freilich vor dem „National Labor Relations Act“ von 1935.

Nichtsdestotrotz war und ist dieser linke, sozialistische Anarchismus eine Variante des Marktanarchismus. In seinem Buch mit dem Titel „Voluntary Socialism“ schlägt zum Beispiel Francis D. Tandy, ein Schüler Tuckers, einen „freiwilligen Sozialismus“ vor, der in seiner Ausführung nur schwer von dem unterscheidbar ist, was der Belgier und klassisch-liberale Ökonom Gustave de Molinari 1849 in „De la production de la sécurité“ forderte, als er sagte, dass „die Produktion der Sicherheit im Interesse der Konsumenten dieses immateriellen Gutes dem Gesetz des freien Wettbewerbs unterworfen bleiben muss.“

Ein Punkt, in dem sich die amerikanischen Individualanarchisten von den europäischen Liberalen ihrer Zeit unterschieden, war ihre progressive Einstellung bei sozialen Themen. Viele von ihnen sahen den Staat als einen Teil eines ganzen Systems von unerwünschten politischen und vermeintlich unpolitischen Unterdrückungsmechanismen. Antirassismus war so auch ein Aspekt des individualistischen Anarchismus des vorletzten Jahrhunderts und so spielten auch einige der älteren Individualanarchisten eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Anti-Sklaverei-Bewegung.

Daneben war auch der Feminismus oft eine Grundlage für Debatten in der Zeitschrift „Liberty“. Als Fazit eines Essay aus den frühen 1980ern mit dem Titel „Feminism in Liberty“ schrieb Sharon Presley, die Mitgründerin des libertären Buchvertriebs „Laissez Faire Books“: „Die Erkenntnis, dass der Staat der Feind der Frauen ist, ist das politische Vermächtnis der anarchistischen Feministen des 19. Jahrhunderts. Und die Hinterfragung der Autoritätsbeziehung in traditionellen Ehen ist ihr psychologisches Vermächtnis. ‚Liberty’ spielte eine bedeutsame Rolle in der Förderung dieses intellektuellen Erbes.“

…nach rechts…

Von den Individualanarchisten des vorletzten Jahrhunderts machen wir einen Sprung ins 20. Jahrhundert, in eine Zeit, in der die Arbeitswerttheorie als eigenständige deskriptive und normative Theorie längst vom österreichischen Ökonomen Eugen von Böhm-Bawerk widerlegt worden war. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der individualistische Anarchismus auch in den USA gegenüber den kollektivistischen Varianten des Anarchismus und dem Staatssozialismus stark an Bedeutung verloren und wir sehen uns bald mit einem neuen Begriff konfrontiert: dem Anarchokapitalismus. Seine wichtigste Figur ist ohne Zweifel der amerikanische Ökonom Murray Rothbard. Quasi aus Rothbards Wohnzimmer heraus erwuchs ab 1969 eine Libertäre Bewegung, die in den USA schon bald unzählige Anhänger fand – auch wenn bei ihrer Rekrutierung der Einfluss der Bücher von Ayn Rand und Robert Heinlein nicht unterschätzt werden darf.

Obwohl Rothbard vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs zuweilen eng mit der zumeist marxistischen bis maoistischen Organisation „Students for a Democratic Society“ und der linken „Peace and Freedom Party“ zusammenarbeitete, und obwohl er sich oft und gerne auf seine sozialistischen Vorgänger Tucker und Spooner berief – letzterer stimmte mit Rothbard mit großer Wahrscheinlichkeit sogar in der libertären Gretchenfrage, der des Eigentums an Grund und Boden, überein –, sah er sich doch klar in der Tradition der isolationistischen „Old Right“. Anhänger der Libertarian Party werden so auch bis heute von der amerikanischen Öffentlichkeit lediglich als „pot-smoking Republicans“, als Hasch rauchende Republikaner belächelt.

Aus dem genuin linken Libertarismus des 19. Jahrhunderts scheint eine rechte Bewegung geworden zu sein. Dies hat stark mit dem Wandel der etablierten Linken hin zu einem immer offeneren Autoritarismus zu tun, der in seiner politischen Gefahr bald sogar den alten Konservatismus übertraf. Diese Entwicklung ist bedauernswert, gleichzeitig liegt sie jedoch auch außerhalb des Einflussbereichs des Libertarismus. Die Libertären haben es sich aber gleichzeitig teilweise selbst zuzuschreiben, dass die Konnotation des Libertarismus mit der Linken mit der Zeit immer schwächer wurde und ihre Philosophie, so wie sie heute präsentiert wird, für Linke auf den ersten Blick kaum attraktiv erscheint.

Als ein Resultat eines unausgewachsenen Anti-Etatismus jubeln heute zu viele Libertäre fast jeder „neoliberalen Privatisierung“ zu, bei der es oftmals um nichts anderes geht, als ein Staatsmonopol in ein schein-privates Monopol umzuwandeln. Viele Libertäre scheinen mit den staatssozialistischen Elementen das Hauptübel des westlichen Etatismus gefunden zu haben, während die destruktive Macht der staatskapitalistischen Elemente oftmals verschwiegen wird. Aber schon Rothbard konnte Rands verwirrter Charakterisierung des Big Business als „Amerikas verfolgte Minderheit“ nichts Positives abgewinnen.
Andere, die so genannten „Neolibertären“, die sich selbst stolz als pragmatisch bezeichnen, feuern jeden Welteroberer an, der unterdrückte Menschen anderer Länder auf einem blutroten und mit Tausenden von zivilen Opfern gepflasterten Weg „befreien“ will. Dies fast neunzig Jahre nachdem Randolph Bourne im Licht des Ersten Weltkriegs mahnte, dass der „Krieg die Gesundheit des Staates“ sei.

Schlussendlich zeichnen sich auch zu viele Libertäre durch einen expliziten sozialen Konservatismus aus. Von einigen wird behauptet, dass das Patriarchat, Immigrationsfeindlichkeit und Homophobie von einer libertären Gesellschaft als stabilisierende Stützen benötigt würden. Dass diese drei Elemente aber überhaupt nicht inhärent libertär sind, sondern dass sie oftmals als Stütze für den Etatismus dienen und dienten, wird dabei nicht beachtet.

Alle diese Eigenschaften sind in unterschiedlicher Ausprägung auch im deutschsprachigen Raum anzutreffen, wo momentan passend dazu die „libertär-konservative Debatte“ stattfindet.

…und wieder zurück?

Heute, fast vierzig Jahre nach der Geburt des modernen Libertarismus, finden wir eine neue Generation von Libertären, deren (fast ausschließlich amerikanische) Mitglieder sich fest in der Tradition von Tucker, Rothbard oder beiden sehen, und gleichzeitig als „left-libertarians“ bezeichnet werden wollen. Dazu gehören Roderick Long, Chris Sciabarra und Arthur Silber, die zusätzlich stark von Ayn Rand beeinflusst sind, sowie Charles Johnson, Sheldon Richman und Kevin Carson.

Carson, der wie Johnson Mitglied bei der anarchosyndikalistischen Organisation „Industrial Workers of the World“ ist, lieferte 2004 mit seinem Buch „Studies in Mutualist Political Economy“ einen wichtigen Beitrag zum Libertarismus aus linker Perspektive ab. In diesem Buch sagt er unter anderem, eine „Regierung ist in ihrer Essenz ein Mechanismus zu Externalisierung von Kosten. Durch die Externalisierung von Kosten erlaubt eine Regierung den Privilegierten auf Kosten der Nichtprivilegierten zu leben.“

Damit und mit seiner historischen Untersuchung, bei der er zum Ergebnis kommt, dass die moderne angelsächsische Welt noch nie etwas erlebt hat, was annähernd als „laissez faire“ bezeichnet werden könnte, liefert Carson die Grundlage für den wichtigsten Anknüpfungspunkt mit der Linken. Richman formulierte diesen Anknüpfungspunkt aus, als er in seinem Internet-Blog schrieb: „Linkslibertäre teilen die Besorgnis um die verwundbarsten Elemente der Gesellschaft mit der Linken und möchten nicht mit Rechten verwechselt werden. Aber sie sind der Linken einen Schritt voraus, indem sie die Ursache der Verwundbarkeit – Korporatismus – identifizieren und die Lösung anbieten: ein ungefesselter wettbewerbsfähiger Markt, frei von jeglicher Art von Privilegien.“ Auch Long schrieb 1996 in einem Essay mit dem Titel „Beyond the Boss“, dass der freie Markt die Lösung, nicht die Ursache, für die heutigen unfairen Beziehungen zwischen Konsumenten und Produzenten, Angestellten und Arbeitgebern, Schuldnern und Gläubigern sowie Mietern und Hauseigentümern ist. Er geht sogar noch weiter und sagt: „Machtstrukturen werden in der freien Gesellschaft horizontal anstatt vertikal sein; Kommunikation und Einfluss wird wechselseitig und nicht einseitig sein. Das Konzept vom Boss wird veraltet sein.“Zusätzlich zu dieser explizit antikorporatistischen Einstellung – Linke würden sie antikapitalistisch nennen – kommt bei vielen Linkslibertären noch die Forderung nach einer sozial progressiven Einstellung hinzu. Entgegen den Rechtslibertären wird gesagt, dass das Patriarchat, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und weitere traditionell konservative Ansichten einerseits zu großen Teilen Artefakte des Etatismus sind und andererseits bis heute eine Legitimierungsgrundlage für den Etatismus sind und als Stütze des Staates dienen. Zusätzlich scheint es nicht vorstellbar zu sein, wie aus einer intoleranten und patriarchalischen Gesellschaft einst eine libertäre werden könnte, die das Nichtaggressionsprinzip zur Grundlage haben sollte. Dieses beruht auf keiner geringeren Einsicht als jener Kants, dass der Mensch Sinn und Zweck seiner selbst ist und von Natur niemandem untergeordnet ist und für keinen anderen Menschen lebt. Das setzt voraus, dass man sein Gegenüber als einem ebenbürtig sieht. Genau diese Einsicht muss die Grundlage und das stabilisierende Element einer libertären Gesellschaft sein. Wenn zum Beispiel der Chauvinist aber meint, dass „seine“ Frau für ihn existiert, so wird es für diesen schwierig, ihr Recht auf Körper und Eigentum zu respektieren.

Auch in ihrem Kampf gegen den sozialen Konservatismus haben Linkslibertäre somit sehr viel mit der Linken gemeinsam. Und auch hier sind sie der Linken insofern einen Schritt voraus, weil sie nicht verlangen, dass solche gesellschaftlichen Probleme mit Antidiskriminierungsgesetzen und „positiver“ Diskriminierung „gelöst“ werden – unter anderem weil sie einsehen, dass solche Maßnahmen im besten Fall wenig wirksam und im schlimmsten Fall widersprüchlich und kontraproduktiv sind. Gleichzeitig heißt dies aber nicht, dass man als Libertärer nicht auch zum Beispiel eine konkrete feministische Agenda jenseits eines eher schwachen individualistischen Feminismus einer Wendy McElroy verfolgen kann. Dieser Sachverhalt wurde 2005 von Long und Johnson im Essay „Libertarian Feminism: Can This Marriage Be Saved?“ zusammengefasst, in dem sie zum Schluss kommen, dass der Libertarismus und der Feminismus zwei Traditionen seien, die „viel gemeinsam haben und einander viel anbieten können.“ Dasselbe gilt für viele ähnliche (ursprünglich) emanzipatorische Traditionen, die heute oftmals mit der Linken assoziiert werden.

Eine weitere Bewegung, die heute stark von der Linken dominiert wird, ist die Friedensbewegung. In konsequenter Anwendung ihrer Prinzipien lehnen aber auch viele Libertäre jede Form von Angriffskriegen grundsätzlich ab. Die Linkslibertären bilden hier keine Ausnahme. Genauso wie zum Beispiel die Paläolibertären Lew Rockwell und Justin Raimondo sucht deshalb auch Long die Kommunikation mit der Linken. In einem offenen Brief an die Friedensbewegung machte er 2003 deren Mitglieder darauf aufmerksam, dass eine konsequente Anwendung ihres internationalen Prinzips der Bevorzugung von friedlichem Diskurs statt Gewalt auf die nationale Politik im Libertarismus mündet. „Wenn ihr den Frieden liebt, dann arbeitet für die Anarchie“, lautete Longs abschließende Forderung. Im Diskurs mit interventionistischen Neolibertären kann das Argument natürlich genausogut umgekehrt werden: Wer Staatszwang im Innern ablehnt, kann mit diesem Prinzip nicht ohne schlechtes Gewissen an der eigenen Landesgrenze Halt machen.

Zusätzlich zum Historischen und Theoretischen kommt beim Linkslibertarismus noch ein strategisches Element mit möglichen Anknüpfungspunkten zur Linken hinzu. Als Alternative zum langweiligen und mühseligen Weg über die Politik schlug Samuel Edward Konkin III im Jahr 1980 mit seinem „New Libertarian Manifesto“ den Agorismus vor. Damit ist ein friedlicher, aber zugleich revolutionärer Libertarismus gemeint, der versucht, wirtschaftliche Aktivitäten in den für den Staat nahezu unsichtbaren schwarzen beziehungsweise grauen Markt zu verlegen, um dort eine Untergrundgesellschaft aufzubauen, die einst alle Marktaktivitäten übernehmen würde und dadurch den Staat mit einem freien Markt ersetzen würde. Wenn man von den Unterschieden in der Rhetorik absieht, dann klingt das doch ganz ähnlich wie die Vorschläge der revolutionären Linken, dass für den gesellschaftlichen Umschwung neue Strukturen innerhalb der Hülle des alten etatistischen Systems aufgebaut werden sollen, um diese Hülle dann schlussendlich zu sprengen.

Zurück in die Zukunft!

Trotz all dieser historischen, theoretischen und strategischen Gemeinsamkeiten des Libertarismus mit der Linken bleibt trotzdem noch die Frage, weshalb sich der Libertarismus überhaupt im Links-Rechts-Schema positionieren sollte.

Zur Beantwortung dieser Frage muss sich der Libertäre die Realität vor Augen führen. Dabei erkennt er, dass die Libertären auf der ganzen Welt, vor allem aber auch im deutschsprachigen Raum, nur in einer scheinbar hoffnungslosen Minderheit anzutreffen sind. Um irgendeine Anerkennung zu finden und Erfolge zu erzielen, müssen deshalb Allianzen gebildet werden.

Da sich die gefestigte Linke und Rechte in ihrer Liebe zum Staat gegenseitig stets aufs Neue übertreffen, steht den Libertären die Wahl grundsätzlich offen, für welche Seite sie sich entscheiden. Wir haben aber gesehen, dass viele Gründe darauf hinweisen, dass eine Allianz mit der Linken fruchtbarer wäre als eine mit der Rechten.

Wichtig ist jedoch, dass die Libertären nicht zum Juniorpartner der Linken verkommen. Jedes etatistische Vorhaben der Linken muss kritisiert und bekämpft werden – aus libertärer und damit linker Perspektive. Nur so kann erreicht werden, dass das Präfix „links“ im Linkslibertarismus einst überflüssig wird und die Leute, wie im Science-Fiction-Roman über die agoristische Revolution, „Alongside Night“ von J. Neil Schulman, mit „Mises statt Marx!“-Schildern auf die Straße gehen. Nur so kann der Libertarismus zu seinen Wurzeln zurückkehren, sich zu einem anerkannten intellektuellen Vorhaben entwickeln und wieder eine emanzipatorische und revolutionäre Bewegung werden.

Written by dominikhennig

6. Oktober 2010 at 02:06

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Wer kann helfen? Gesucht werden alte Artikel, Postings, Magazinbeiträge, die einst auf Paxx.tv erschienen sind. Wer hat sich welche abgespeichert, evtl. ausgedruckt, wer kennt diverse Webarchive, wo man noch etwas finden könnte? Ehemalige Autoren und Gast-Kommentatoren werden um Mithilfe gebeten!

Besten Dank an alle!

Written by dominikhennig

19. September 2010 at 17:26

Veröffentlicht in In eigener Sache