Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Klassiker’ Category

Abschied von Roland Baader

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Am 8. Januar ist Roland Baader nach langer schwerer Krankheit verstorben. Wir Freunde der Freiheit verlieren mit ihm den wortgewaltigsten und unerschrockensten Kämpfer für unsere gemeinsame Sache. Roland Baader verdanke ich persönlich sehr, sehr viel.

Ich trauere um den größten und kämpferischsten Freiheitsdenker deutscher Zunge, dem ich am meisten vor allen anderen verdanke, in den Irrungen und Wirrungen meiner Sturm- und Drangzeit letztlich doch den Weg zur Idee der Freiheit gefunden zu haben. Ohne seine mich schon als Schüler seit den frühen 90er Jahren inspirierenden Bücher und Veröffentlichungen (etwa in Criticón, in der Schweizerzeit und der Jungen Freiheit und später dann vor allem in seinem Leib- und Magenblatt eigentümlich frei) wäre meine geistige Entwicklung wohl sehr viel unerfreulicher verlaufen.

Roland Baader war ein Leuchtturm für so viele von uns. Sein Lebenswerk wird weiter ein Leuchtfeuer sein, das uns Orientierung bietet und diesen großartigen Menschen unsterblich macht.

Unvergessen, was er uns ins Stammbuch schrieb: „Gefährlicher für die Bewahrung der Freiheit als die erklärten Freiheitsfeinde sind die Lauen, die Gleichgültigen und die Abwiegler, jene, die verkünden, bei der Zerstörung der Freiheit werde „nichts so heiß gegessen wie gekocht“. Diese nützlichen Idioten auch einem im Topf von Kannibalen befindlichen Menschen erklären, er möge sich beruhigen, weil „nichts so heiß gegessen wie gekocht“ werde.“

„Wir trauern um einen Freund“ , diese Worte von ef-Herausgeber André F. Lichtschlag sprechen sicher jedem von uns aus dem Herzen. Die nächste Ausgabe von „eigentümlich frei“ wird Roland Baader gewidmet sein.

Am Wochenende werde auch ich Roland Baader noch ausführlicher an dieser Stelle würdigen.

Written by dominikhennig

11. Januar 2012 at 00:07

Veröffentlicht in In eigener Sache, Klassiker

Über liberale Staaten, soziale Marktwirtschaften, schwangere Jungfrauen und andere Dinge, die es nicht gibt

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Zwei herausragende Lektüreempfehlungen für die Zeit „zwischen den Tagen“, die wir unseren Lesern allerwärmstens ans Herz legen möchten:

 

1.) „Die soziale Marktwirtschaft: Das gescheiterte neoliberale Projekt“ auf Mises.de

 

2.) „Klassischer Liberalismus versus Anarchokapitalismus“ auf Apriorist.de

 

Viel Freude mit diesen beiden exzellenten Texten und ein besseres neues Jahr 2012 wünscht Euch/Ihnen die Paxx-Redaktion!

 

 

 

 

Ludwig von Mises zum Sezessionsrecht

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“Wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhängenden Landstrichen, durch unbeeinflusst vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, dass sie nicht in dem Verband jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zugehören wollen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Nur dies allein kann Bürgerkriege, Revolutionen und Kriege zwischen den Staaten wirksam verhindern […] Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müßte es geschehen.”

–Ludwig von Mises, Liberalismus, Jena 1927, S. 96

Written by dominikhennig

5. März 2011 at 02:04

Wieso eigentlich Integration?

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von Niklas Fröhlich

Eigentlich wollte ich mich zu der gesamten Sarrazin-Debatte nicht noch einmal äußern, aber da das Thema auf allen Plattformen, in allen Medien und Gesprächen nicht abreißen will, möchte ich mich doch zumindest zu einem einzigen Aspekt noch einmal äußern: Der Kultur, was besonders auch die Sprache mit einbezieht. Vorweg: Wann immer ich das Wort „Gesellschaft“ verwende, spreche ich nicht von jenem sinnentleerten Konstrukt, sondern meine einzig und allein „Das Zusammenleben der Menschen“.

In der ganzen Debatte hört man von Seiten der Einwanderungs- Islamkritiker immer wieder das Argument der grauenhaften Parallelgesellschaften, der zusammenbrechenden kulturellen Einheit in Deutschland, dem Ende der „Leitkultur“. Phrasen wie „Wer in Deutschland lebt, muss auch Deutsch sprechen!“ oder der Ruf nach Verankerung der Deutschen Sprache im Grundgesetz sprechen Bände – Bände unreflektierter Gedankengänge.

Ich provoziere: Warum MUSS Deutsch sprechen, wer in Deutschland lebt? Es ist doch Sache eines jeden Einzelnen, wie er sein Leben verbringt – und wer die deutsche Sprache nicht lernen will, der muss dies nicht. Wenn ich auswandere MUSS ich auch nicht unbedingt die Sprache meines neuen Wohnortes lernen. Von MÜSSEN als imperativ anderer kann überhaupt keine Rede sein. Was geht es mich an, wie andere ihr Leben führen? Gerade diese Toleranz sollte doch der Grundstein unserer sogenannten „modernen“ und „freiheitlichen“ Gesellschaft sein.
Aber, wird so Mancher einrufen, die kulturelle und besonders sprachliche Einheit sei unbedingt notwendig zum Bestehen der „Gesellschaft“. Ich kann ja meinen Nachbarn nicht einmal bitten, leise zu sein, geschweige denn mich ihm vorstellen und wirklich eine Gesell-schaft mit ihm bilden, wenn er meine Sprache nicht spricht. In diesem Sinne, so mag man einwenden, gehe es einen sehr wohl etwas an – denn man möchte ja ein funkionierendes Zusammenleben.
Diese Feststellung ist im Kern tatsächlich richtig, führt in diesem Fall jedoch zur falschen Schlussfolgerung. Natürlich ist es wünschenswert, mit seinen Mitmenschen kommunizieren zu können. Aber wünschenswert ist so vieles. Ich wünsche mir auch noch so einiges anderes etwa einen neuen Rechner – dennoch habe ich keinen Anspruch gegenüber Anderen, dass diese ihn mir schenken, damit ich davon profitiere. Ebensowenig habe ich einen Anspruch darauf, dass andere Menschen für mich eine Sprache lernen, damit ich davon profitiere. So empört der Kulturkonservative bei dieser Aussage auch aufschreien mag: Ich habe ebensowenig einen Anspruch darauf, dass ein eingewanderter Türke deutsch lernt, wie ich Anspruch darauf habe, dass alle Türken Deutsch lernen, sobald ich in die Türkei einwandere. Ich habe überhaupt keinen Anspruch auf die Handlungen anderer.

Aber, wird man wiederholen, was ist mit der Notwendigkeit einer gewissen sprachlichen und kulturellen Homogenität? Ganz einfach: Sie ist wünschenswert und sie ist notwendig und eben daher braucht überhaupt niemand irgendwelche Ansprüche zu erheben. Der Mensch möchte ein gutes und angenehmes Leben führen und gerade dafür braucht er die Gesellschaft und dafür braucht er die Sprache. Sprache und Kultur sind doch nicht Selbstzweck! Sie sind reines Mittel zum Ziel individueller Zielerreichung. Oder in schöneren Worten:

„Der in die Gesellschaft eingegliederte Mensch ist an die Gesellschaft gebunden, weil er ohne die Gesellschaft die Zwecke seines Handelns nicht verwirklichen kann.“
– Ludwig von Mises; Nationalölkonomie; Edition Union Genf; 1940; S.135 *

Ein Einwanderer lernt schon deshalb die Sprache der Einwanderungsgesellschaft, weil er ohne sie in ihr nicht leben kann. Aus eben diesem Grund ist eine weiträumige zumindest annährend homogene Kultur und Sprache ja überhaupt erst entstanden, weil die Menschen Nutzen aus der Zusammenarbeit ziehen. Es ist doch innerhalb Deutschlands nicht anders: Der Urbayer spricht nicht deshalb nebenbei auch mehr oder weniger Hochdeutsch, weil es „sich in Deutschland halt so gehört“, sondern damit er auch mit dem benachbarten Badener oder Franken kommunizieren und Handel treiben kann. Und so werden gewiss, überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gewisse gemeinsame Nenner und eine gemeinsame Sprache entstehen – schon deshalb, weil jeder Einzelne dies als Mittel der Zusammenarbeit braucht.

Um noch einmal auf den Urbayern zurückzukommen: Es mag auch gewiss einige ländliche Dörfer geben, in denen etwa der Westfale kein Wort verstehen wird – und in denen man auch des Hochdeutschen kaum mächtig ist und deren Kultur auch ländlich, altmodisch, streng katholisch ist. Wer beklagt sich eigentlich über diese „Parallelgesellschaften“ und „Integrationsverweigerer“. Niemand. Wieso auch? Diese Dörfer sind eben deshalb nicht an Restdeutschland angepasst, weil sie es scheinbar nicht brauchen, weil keine Notwendigkeit besteht. Und so nimmt auch niemand Anstoß daran: Wen kümmert es, was irgendwo auf dem Land vor sich geht? An dem Punkt aber, wo diese Dörfer mehr zu Städten oder touristischen Gebieten werden, kurzum: In Kontakt mit „Hochdeutschlern“ kommen, werden sie sich nach und nach erst sprachlich und irgendwann auch in gewissen Teilen kulturell anpassen – einfach, weil man mit den anderen zugezogenen Städtern oder den geldgebenden Touristen kommunizieren muss. Andersherum: Wer als einzelner in das Dorf zieht, wird nicht umherkommen bayrischen Dialekt zu lernen.
Von einem Imperativ der „Anpassungspflicht“ kann keine Rede sein. Es geht um reine Notwendigkeit.

Diese geographische Abgeschiedenheit, die kulturelle Anpassung nicht oder nur bedingt nötig macht, ist aber in den beklagten türkisch-arabisch-islamischen Parallelgesellschaften gerade nicht gegeben. Und daher wird sie problematisch: Denn innerhalb direkter Nachbarschaft findet die rein natürlich übliche und auch notwendige kulturelle Angleichung nicht statt – und das belastet natürlich das Zusammenleben.

Und nun sind wir beim Kern des eigentlichen Problems: Wieso funktioniert hier das nicht, das rein natürlich ist: Die Anpassung zum gegenseitigen Nutzen. Wieso bilden sich kulturell abgeschottete Gesellschaften innerhalb der Restgesellschaft, die mit dieser kulturell wie sprachlich nicht kommunizieren können? Dies hat wenn überhaupt zweitrangig irgendetwas mit Nationalität oder Religion (hier: Islam) zu tun. Denn selbst der radikale Religiöse oder der anpassungsunwillige Nationalist muss essen, muss eine Wohnung haben, muss Geld verdienen usw. Und für all das muss er kommunizieren. Selbst der radikalste türk-nationalistische Islamist würde die Deutsche Sprache lernen müssen, um sich eine Wohnung zu suchen, den Mietvertrag zu verstehen, einen Job zu finden, sich beim Einstellungsgespräch vorzustellen, oder einfach nur beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Integration MUSS geschehen, aber nicht als moralischer Fingerzeig, sondern sie wird es einfach aus reiner und natürlicher Notwendigkeit.

Wieso aber funktionieren bzw. funktionierten diese natürlichen Anreize und Entwicklungen nicht? Die Antwort ist denkbar einfach: Der Staat hat natürliche gesellschaftliche Mechanismen manipuliert und/oder zerstört. Es begann alles mit politisch geschlossenen Gastarbeiter-Abkommen. Während einzelne Einwanderer inmitten deutscher Restgesellschaft landen und sich bald anpassen würden, holte man Einwanderer hier gesammelt nach Deutschland und hielt sie auch weiter versammelt, in ihren Wohnblöcken, an ihren Arbeitsplätzen, später in ihren Vierteln. Wohnung und Arbeit wurden (staatlich gestützt) zugeteilt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden oft gemeinsam in den Betrieben eingesetzt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden gemeinsam angesiedelt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig.
Aber dies allein ist nur der erste Teil des Problems. Denn irgendwann liefen die Verträge der Gastarbeiter-regelungen aus und die – von der deutschen Restgesellschaft nahezu gezielt isolierten – Ausländer hätten sich nun definitiv zur Berufsfindung und allgemeinen weiteren Zukunft mehr und mehr an die Restgesellschaft angleichen müssen. Wieso aber taten es sie es nicht? Und wieder liegt die Antwort beim Staat: Ohne das staatliche Dokument der Staatsbürgerschaft ist es schwierig einen Beruf, ganz zu schweigen von längerfristiger Ausbildung, in Deutschland zu finden. Absolut verständlicherweise nimmt kein Lehrmeister einen Gesellen auf, der – egal wie bemüht er ist – schlecht Deutsch spricht und vor allem eventuell bald sogar abgeschoben wird. Wieder blieb man unter sich, die „Parallelgesellschaft“ wurde gefestigt.
Zementiert wurde sie dann letztendlich wieder durch den Staat. Trotz aller staatlicher Hürden hätte die reine Existenznot schließlich doch irgendwie zu – wenn auch schlecht bezahlter, niederer – Arbeit und somit Integration geführt. Doch diese Existenznot als letzter Integrationsfaktor wurde dann durch die staatliche Sozialhilfe beseitigt. Man brauchte sich einmal mit Dolmetscher oder auch gleich mit türkischen Anträgen, ich weiß nicht wie es da steht,  mit der deutschen Bürokratie herumschlagen und konnte dann wieder zurück ins parallelgesellschaftliche Viertel, ohne weiteren Kontakt zur deutschen Kultur.

Wir sehen: Der Staat legte den Grundstein der Parallelgesellschaft, der Staat festigte das Gebilde und zementierte es schließlich. In sofern stimmt es, dass die Politik gescheitert ist – allerdings nicht, weil sie nicht genug tat, sondern eben weil sie etwas tat und die Menschen lange und erfolgreich davon abhielt sich ganz natürlich zu integrieren. Ohne Politik, wäre nichts davon geschehen. Heute nach „besserer Integrationspolitik“ zu rufen ist daher lachhaft, schon deshalb, weil eine gewisse grundlegende gesellschaftliche Homogenität eben nicht erst durch Politik hervorgerufen wird, sondern ganz von selbst entsteht, aus dem tiefen Bedürfnis der Individuen heraus. Politik kann diese Vorgänge nur blockieren und lahmlegen.

Und nun wenden wir uns den indirekten Folgen dieser politischen Zerstörung des natürlichen Zusammenlebens zu: Die politisch forcierte Sammel-Einwanderung gekoppelt mit gezielter Abschottung führte natürlich auf deutscher Seite zu Vorurteilen gegenüber den Andersartigen und bei den Türken ihrerseits eine stärkere Selbstfindung in der türkischen Kultur und Gemeinschaft – und eben der Religion. Es darf nicht wundern, dass die Abgeschotteten ihrerseits mit Abschottung reagieren. All dies verstärkt die gesellschaftliche Spaltung nur noch mehr. Die Probleme plötzlich auftretenden Nationalismus oder Islamismus oder weniger spezifisch: „Integrationsverweigerung“ sind somit eben nicht Ursachen, sondern Folgen, reine Symptome (!) von Abschottung und verstärkter Bildung von Parallelgesellschaften.
Vermischt wird dies oft auch mit der Problematik der Unterschicht, in welche die Einwanderer von Anfang an (s.o.) gedrängt waren. Pöbelt ein deutscher Prolet einen Deutschen an, nimmt dies kaum jemand wahr, tut dies ein türkischer Prolet wird der Kulturkampf ausgerufen. Das entschuldigt nichts, muss aber berücksichtigt werden. Ebenso muss das Treiben der, auch in der aktuellen Debatte immer wieder kritisierten, Multikulti-Sozialromantiker beachtet werden, welche (oft mit Staatsgeldern) die geschaffenen Konstrukte noch verherrlichten und in ihrer Festigung bestärkten und noch viel anderes verdient hier Beachtung. Darauf möchte ich aber eigentlich gar nicht eingehen. Dieser Beitrag sollte ausschließlich der Betrachtung von Entwicklung und Bedeutung von Kultur und Sprache dienen.

Denn dies geht in der aktuellen Debatte allerdings fast völlig verloren, man beklagt Symptome, spricht von „Bringpflicht der Migranten“, von „Leitkultur“, von „besserer Integrationspolitik“ und verkennt, dass all dies schon allein aus einem einzigen Grund Unsinn ist: Gesellschaft und ihre Normen bzw. eine grundlegende Homogenität sind keine Pflicht, sondern sie entstehen aus gegenseitigem Nutzen, ganz von selbst – wenn man sie nicht behindert. Die heutigen Probleme sind primär Folgen staatlicher Zerstörung des Zusammenlebens und können auch nur auf Basis dieser Erkenntnis kuriert werden. Erst wenn dieses Allgemeine einmal klar ist, kann man versuchen über spezifische Lösungen nachzudenken.

* Das gesamte Kapitel zur Gesellschaft, ihrer Bildung, ihrem Zweck und ihren Ausprägungen ist, nicht nur, aber auch gerade, zu dieser Thematik ungemein lesenswert.

 

Auch dieser Klassiker, aus Sicht der Paxx-Redaktion vermutlich das Beste und Klügste, was seit langem zum Dauerbrenner „Integrationsdebatte“ verfaßt wurde, erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 at 01:22

Sarrazin und der Untergang der Deutschen

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Die Illusion der Gesellschaft II

von Niklas Fröhlich

Manchmal wird einem von unerwarteter Seite in die Hände gespielt. In diesem Fall ist es, nur einige Tage nach meinem Text „Die Illusion des Wortes Gesellschaft“ SPD-Politiker und seit neustem Berufsprovokateur Thilo Sarrazin, der mir den Ball in die Hände legt – wenn es auch sicher kein Pass ist.
Wieso er mir in die Hände spielt? Ganz einfach: Auf die gesamte Sarrazin-Diskussion lässt sich – auf alle Beteiligten Seiten – die Kritik am Wort „Gesellschaft“ herrlich aufzeigen. Wunderbar können wir an ihr alle genannten Blickwinkel auf die Gesellschaft nachvollziehen und können weiterhin daran auch gleich mitverfolgen, wie und warum die Sarrazinschen Thesen und Provokationen ziellos ist und im Sand verläuft, wenn nicht gar ungemein schädlich ist.

Ich beziehe mich hauptsächlich hierauf, auf den ersten Teil der nach und nach in der Bild folgenden Veröffentlichung von Teilen des neuen Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“. Im Kern scheint es dasselbe zu sein, das wir schon gewohnt sind: Polemische Ausführungen zu Fragen von Einwanderung und Gesellschaft, die Sarrazin gleich mit der angrifflustigen Schärfe des Buchtitels beginnt.

Sarrazins Thesen aus diesem Textauszug kurz gefasst: Die Deutschen sind immer dümmer, ärmer, fauler, verantwortungsloser und geplagter von Einwanderungsproblematiken geworden und werden es wenn der Trend nicht abbricht noch weiter. Besonders kritisiert er die Projektion aller Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Alles gipfelt im kulturellen und vor Allem auch demographischem aussterben „der Deutschen“. Es endet mit dem Appell an einen „deutschen Selbsterhaltungswillen“.

Und genau dies passt doch herrlich in das Schema der drei sich widersprechenden Gesellschaftsbilder:
 
1. Die Gesellschaft als Sündenbock
Sarrazin führt einen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche Verkommenheit: Faul, dumm, verantwortungslos. Alle! Natürlich nicht er, sondern alle… also, natürlich auch nicht der geneigte Leser, der ihm zustimmen soll, auch nicht der Redakteur der Bild, sondern alle anderen. An der gewaltigen Anzahl der Zustimmungen (Bild-Umfrage: 89% bei knapp 90.000 Stimmen) sieht man, dass der gemeine Bild-Online-Leser wohl nicht zur verkommenen Gesellschaft zählt.

2. Die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung
Dieses Bild kritisiert Sarrazin. Er verlangt individuelle Verantwortung, statt  immerzu „die Gesellschaft“ bzw. „die Verhältnisse“ verantwortlich zu machen.

3. Die Gesellschaft als göttliche Entität
Wieso aber ist all das kritisierte schlecht? Es schadet der Gesellschaft – er nutzt dafür das Wort „Deutschland“, manchmal auch „die Deutschen“ oder gar „die deutsche Gesellschaft“. Dieser nämlich, soll es gut gehen, ihren Wünschen soll nachgekommen werden, ihre guten Ideale (Tüchtigkeit, Verantwortung, konservativ-Parole-xy) sollen endlich wieder hervorgekehrt werden.

Alle diese drei Gesellschaftsbilder nutzt Sarrazin parrallel. Doch sie alle führen zu nichts:
1. Er spricht alle an, doch aber niemanden. Seine Kritik läuft ins Leere der nicht existierenden „Gesellschaft“.
2. Hier kritisiert er im Kern genau das an, was auch ich kritisiert habe: Die Projektion der Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Dieses Bild vertritt er aber tatsächlich auch selbst: Denn an wen richtet er sich? Wer soll etwas ändern? Gewiss, der Staat, den er wohl als Verkörperung der Gesellschaft  versteht, in diesem Sinne oder zusätzlich findet sich aber auch immer wieder das schöne Wörtchen „wir“. „Wir“ wollen, „wir“ sollen. Er selbst nimmt die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung – wenn auch in (scheinbar) umgekehrter Weise.
3. Wer ist eigentlich dieses „Deutschland“ dem hier andauernd gedient werden müsse? Ich? Herr Sarrazin? Der Leser seines Buches, oder gar: Der Bild-Leser? Es ist ein nationalromantisch-nostalgisches Abbild des Wortes „Gesellschaft“ und zumindest genauso inhaltsleer.

Herr Sarrazin schafft es also, die Gesellschaft gleichzeitig zu Verteufeln, ihr Verteufeln zu Verteufeln und sie als oberstes Ziel des Gemeinwohles zu glorifizieren. Dies ist ein Paradebeispiel des sinnentleerten Gebrauches gesellschaftlicher Phrasen.

Schießen, Laden, Zielen… ähm?
Was soll nun dabei herumkommen? Der gemeine Bild-Leser schimpft einmal auf die verkommene (Rest-)Gesellschaft, dann auf diejenigen, die immer der Gesellschaft den Schuld zu weisen und nickt dann in der Gewissheit, dass endlich der Gesellschaft gedient werden müsse – also, von irgendwem, nicht von entsprechendem Bild-Leser, natürlich. Er fühlt sich in seinem Selbstbewusstsein durch Fremdverteufelung nun gestärkt genug, um die Ziellosigkeit dieser ganzen Kritik zu vergessen. Der etwas intellektuellere, der sich tatsächlich Sarrazins Buch kauft, tut wohl meist exakt dasselbe – nur nippt er dabei gelegentlich am Rotwein.

Auf die inhaltliche Ebene seiner Kritik möchte ich hier gar nicht eingehen, vieles was er sagt stimmt sicher, einiges mehr enthält grundlegende Wahrheiten, ist aber gewaltig überspitzt und unnötig bewusst provokant. Und vor allem: Sarrazin scheint ein Faible dafür zu haben allerlei Symptome von Problematiken aufzuzeigen, nicht aber jemals deren Wurzel zu ergründen. Integrationsprobleme, sinkende Realeinkommen, Bildungsmisere – dies sind Symptome, deren Aussprechen eigentlich keine formelle Kritik ist, aber durch unnötige Provokation scheinbar dazu wird. Aber darum soll es hier nicht gehen, es ging um die Reflexion der begrifflichen Gesellschaftsthematik.

Oft hört man, selbst wenn Sarrazin einige unnötig provokante Phrasen dresche, so spreche er doch zumindest notwendige Themen an und beginne den Diskurs. Nun, wünschenswert wäre es sicher. Allerdings: Nicht nur zeigt er nur Symptome anderer Problemlagen auf, er verschiebt weiterhin die gesamte Thematik in ein Wirr-Warr sich widersprechender Gesellschaftsbegriffe, an der sich jeder nach herzenslust erregt oder befriedigt und von deren Inhalt tatsächlich allerhöchstens genannte Symptome hängen bleiben.
Dass er gerade dies, ohne Frage nicht zu Unrecht, seinen Lieblingsgegner, den „politisch Korrekten“ vorwirft macht dies umso widersprüchlicher. Er beseitigt deren naiv-gesellschaftliches, kollektivistisches Bild nicht, sondern nutzt es für sich.

Und ein ganz anderes Fass, das noch aufgemacht werden muss: Er spricht nicht nur vom Abstraktum der „Gesellschaft“, er grenzt auch noch ganz klar dabei ab, er kennt eine deutsche Realgesellschaft, eine deutsche Wunschgesellschaft und er kennt Gegner der Gesellschaft, Faule, Unterschichtler, Ausländer. Das Wort „Feind“ würde er sicher nie in den Mund nehmen, doch die Assoziationen, die sich auch bei „deutscher Selbstbehauptung“ aufdrängen, sind eindeutig. Dass er so spaltet und Ressentiments schürt, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass er so unschönen einfachen Antworten Unterfutter liefert.

Ob der tatsächlich hier und da erreichte Anstoß des Diskurses diese gesellschaftliche Verwirrung und – gerade aus Gründen der begrifflichen Widersprüchlichkeit schnell gestärkten – Ressentiments wert ist, wage ich zumindest in Frage zu stellen. Ein großer Teil ist leider nostalgische Nörgelei auf höherem Niveau gepaart mit vulgär-konservativer Pöbelei. Und dies ist, trotz aller Empörung tatsächlich überhaupt nicht gegen den Zeitgeist gerichtet – denn was ist heute mehr Zeitgeist als ewiges vulgäres Symptom-Genörgel? Dass die Bild dem ganzen gerne Plattform bietet, ist vielleicht bester Ausdruck dessen.

Dieser Klassiker zur inzwischen merklich abgeflauten Sarrazin-Debatte erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

30. November 2010 at 23:55

Über die Produktion von Sicherheit

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von Gustave de Molinari
Einleitung.
Es gibt zwei Arten, die Gesellschaft zu betrachten. Den einen zufolge hat kein von der Vorsehung bestimmtes, unabänderliches Gesetz bei der Bildung der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften den Ausschlag gegeben; da sie von primitiven Gesetzgebern in rein künstlicher Weise organisiert wurden, können sie folglich, je nach dem Fortschritt der Gesellschaftswissenschaft, auch von anderen Gesetzgebern verändert oder umgestaltet werden. In diesem System spielt die Regierung eine bedeutende Rolle, denn der Regierung obliegt als Treuhänderin des Autoritätsprinzips die Aufgabe, die Gesellschaft täglich zu verändern und neu zu gestalten.
Anderen zufolge ist die Gesellschaft dagegen eine rein natürliche Tatsache; wie die Erde, die sie trägt, bewegt sie sich aufgrund allgemeiner, bereits existierender Gesetze. In diesem System gibt es strenggenommen keine Gesellschaftswissenschaft; es gibt nur eine Wirtschaftswissenschaft, die den natürlichen Organismus der Gesellschaft studiert, und die darlegt, wie dieser Organismus funktioniert.
Worin besteht in diesem letzteren System aber die Funktion der Regierung und ihre natürliche Organisation? Das wollen wir nun untersuchen.
I.
Um die Funktion der Regierung gut definieren und abgrenzen zu können, müssen wir zunächst untersuchen, was die Gesellschaft überhaupt ist und was sie zum Gegenstand hat.
Welchem natürlichen Trieb gehorchen die Menschen, wenn sie sich in der Gesellschaft zusammenfinden? Sie gehorchen dem Trieb bzw. genauer gesagt dem Instinkt der Geselligkeit. Das Menschengeschlecht ist seinem Wesen nach gesellig. Wie die Biber und die höheren Tiergattungen im allgemeinen, werden die Menschen instinktiv zum Leben in Gesellschaft getrieben.
Worin findet dieser Instinkt seine Berechtigung?
Der Mensch spürt eine Vielzahl von Bedürfnissen, deren Befriedigung ihm Freuden und deren Nichtbefriedigung ihm Leiden bereitet. Allein, isoliert kann er nun die ihn unaufhörlich bedrängenden Bedürfnissen nur auf unvollständige, ungenügende Art befriedigen. Der Geselligkeitsinstinkt bringt ihn seinesgleichen näher, treibt ihn, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. So stellt sich aufgrund des Eigeninteresses der so angenäherten Einzelnen eine gewisse Arbeitsteilung ein, welcher notwendigerweise der Tausch folgt; kurz, man kann die

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1.Obgleich es scheinen könnte, als ob dieser Artikel in seinen Schlussfolgerungen von Utopien geprägt ist, glauben wir ihn dennoch publizieren zu müssen, um die Aufmerksamkeit der Ökonomen und Publizisten auf ein Problem zu lenken, das bisher nur in beiläufiger Art behandelt worden ist und das doch in der Epoche, in der wir uns befinden, mit größerer Präzision angegangen werden muss. So viele Leute übertreiben die Natur und die Kompetenzen der Regierung, dass es erforderlich geworden ist, streng die Grenzen zu bezeichnen, außerhalb derer der Eingriff der Autorität aufhört, schützend und gewinnbringend zu sein, und anarchisch und tyrannisch wird. [Anmerkung des Chefredakteurs des Journal des Économistes]

 

Bildung einer Organisation beobachten, mittels derer der Mensch seine Bedürfnisse viel umfassender befriedigen kann, als er es könnte, wenn er isoliert bliebe.
Diese natürliche Organisation heißt Gesellschaft.
Die Gesellschaft hat daher die vollständigere Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen zum Gegenstand; das Mittel ist die Arbeitsteilung und der Tausch.
Unter der Zahl der menschlichen Bedürfnisse gibt es ein besonderes, das eine immense Rolle in der Geschichte der Menschheit spielt: Das Bedürfnis nach Sicherheit.
Was ist das für ein Bedürfnis?
Gleich, ob sie isoliert oder in Gesellschaft leben, sind die Menschen vor allem daran interessiert, ihre Existenz und die Früchte ihrer Arbeit zu bewahren. Wäre das Gerechtigkeitsgefühl auf der Erde allgemein verbreitet, beschränkte sich infolgedessen jeder Mensch darauf, zu arbeiten und die Früchte seiner Arbeit auszutauschen, ohne anderen Menschen nach dem Leben zu trachten oder durch Gewalt oder List die Früchte ihrer Arbeit an sich zu reißen – mit einem Wort: Hätte jeder eine instinktive Abneigung gegen jede, anderen schädliche Handlung, so wäre es gewiss, dass natürliche Sicherheit auf der Erde herrschte und dass keine künstliche Einrichtung notwendig wäre, sie zu begründen. Unglücklicherweise verhält es sich nicht so. Das Gerechtigkeitsgefühl scheint nur das Erbteil gewisser höherer, außergewöhnlicher Naturen zu sein. Unter den niederen Völkern existiert es nur in rudimentärem Zustand. Von daher die unzähligen Vergehen, die seit dem Ursprung der Welt, seit Kain und Abel, an Leben und Eigentum von Personen ausgeübt wurden.
Von daher auch die Gründung von Einrichtungen, die dem Zweck dienen, jedermann den friedlichen Besitz seiner Person und seiner Güter zu garantieren.
Diese Einrichtungen haben den Namen Regierungen erhalten.
Überall, selbst unter den unaufgeklärtesten Völkerschaften trifft man auf eine Regierung, so allgemein und dringend ist das Sicherheitsbedürfnis, dem eine Regierung Rechnung trägt.
Überall finden sich die Menschen eher mit den schwersten Opfern ab, als auf eine Regierung – und folglich auf Sicherheit – zu verzichten, und man könnte nicht einmal sagen, dass sie schlecht rechnen, indem sie so handeln.
Angenommen etwa, dass ein Mensch sich unablässig an seiner Person und seinen Existenzmitteln bedroht findet, wäre dann nicht seine erste und beständigste Sorge, sich vor den Gefahren, die ihn umgeben, zu schützen? Diese Sorge, diese Bemühungen, diese Arbeit nähmen notwendigerweise den größten Teil seiner Zeit, ebenso wie die energischsten und aktivsten Fähigkeiten seiner Intelligenz ein. Daher könnte er der Befriedigung seiner übrigen Bedürfnisse nur ungenügende, unstete Arbeit und eine erschöpfte Aufmerksamkeit widmen.
Selbst wenn dieser Mensch gezwungen wäre, einen sehr beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit demjenigen zu opfern, der sich verpflichtete, ihm den friedlichen Besitz seiner Person und seiner Güter zu garantieren, gewönne er nicht immer noch bei diesem Handel?
Wie dem auch sei, jedenfalls bestünde sein offensichtliches Interesse darin, sich die Sicherheit zum niedrigsten Preis zu verschaffen.

 

II.
Wenn es in der politischen Ökonomie eine wohlbegründete Wahrheit gibt, so ist es diese:
Dass der Konsument unter allen Umständen, bei allen Gütern, die zur Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen, daran interessiert ist, dass die Arbeit und der Tausch frei bleiben, da die Freiheit der Arbeit und des Tausches notwendig und dauerhaft zu einer größtmöglichen Preissenkung führen.
Und diese:
Dass das Interesse des Konsumenten eines jedweden Gutes immer Vorrang gegenüber dem Interesse des Produzenten genießen muss.
Folgt man nun diesen Grundsätzen, so gelangt man unausweichlich zu folgendem Schluss:
Dass die Produktion der Sicherheit im Interesse der Konsumenten dieses immateriellen Gutes dem Gesetz des freien Wettbewerbs unterworfen bleiben muss.
Woraus folgt:
Dass keine Regierung das Recht haben darf, eine andere Regierung daran zu hindern, sich in Konkurrenz zu ihr einzurichten oder die Sicherheitskonsumenten zu zwingen, sich für dieses Gut ausschließlich an sie zu wenden.
Ich muss jedoch zugeben, dass man bis jetzt vor dieser unausweichlichen Folgerung, die sich aus dem Grundsatz des freien Wettbewerbs ergibt, zurückgeschreckt ist.
Herr Charles Dunoyer zählt zu den Ökonomen, die die Anwendung des Freiheitsprinzips am weitesten getrieben haben. Er meint, dass die Funktionen der Regierungen nie in den Bereich privater Tätigkeit fallen könnten. 2
Hier wird also eine klare, offensichtliche Ausnahme von dem Grundsatz des freien Wettbewerbs vorgetragen.
Diese Ausnahme ist um so bemerkenswerter, als sie ganz alleine dasteht.
Zweifellos trifft man auf Ökonomen, die noch mehr Ausnahmen von diesem Grundsatz aufstellen; doch wir können unerschrocken versichern, dass dies keine reinen Ökonomen sind. Die wirklichen Ökonomen stimmen im allgemeinen darin überein, dass einerseits die Regierung sich darauf beschränken muss, die Sicherheit der Bürger zu garantieren, und dass andererseits die Freiheit der Arbeit und des Tausches in allen anderen Bereichen vollständig, absolut sein muss.
Doch wodurch rechtfertigt sich die Ausnahme in bezug auf die Sicherheit? Aus welchem besonderen Grund kann die Sicherheitsproduktion nicht dem freien Wettbewerb ausgesetzt

———–

2 In seinem bemerkenswerten Buch De la liberté du travail [Von der Freiheit der Arbeit], Bd. III, S.253, herausgegeben von Guillaumin.

 

werden? Warum muss sie einem anderen Prinzip unterworfen und gemäß einem anderen System organisiert werden?
Über diesen Punkt schweigen sich die Meister der Wissenschaft aus, und Herr Dunoyer, der deutlich auf die Ausnahme hingewiesen hat, untersucht nicht, auf welchen Beweggrund sich diese stützt.
III.
Wir gelangen somit zu der Frage, ob diese Ausnahme begründet ist und ob sie es in den Augen eines Ökonomen sein kann. Es widerstrebt der Vernunft, zu glauben, dass ein wohlerwiesenes Naturgesetz irgendeine Ausnahme enthält. Ein Naturgesetz gilt überall und immer, oder es gilt nicht. Ich glaube etwa nicht, dass das allgemeine Gravitationsgesetz, das die physische Welt regiert, in irgendeinem Fall und an irgendeinem Punkt des Alls aufgehoben ist. Nun halte ich die ökonomischen Gesetze für Naturgesetze, und ich habe genauso viel Vertrauen in das Prinzip der Arbeitsteilung und das der Freiheit der Arbeit und des Tausches wie ich es in das Gesetz allgemeiner Gravitation haben kann. Daher glaube ich, dass, wenn diese Prinzipien auch gestört werden können, sie doch andererseits keine Ausnahme enthalten.
Wenn dem aber so ist, darf die Sicherheitsproduktion dem Gesetz des freien Wettbewerbs nicht entzogen werden; und wird sie es, so erleidet die ganze Gesellschaft davon einen Schaden.
Entweder ist dies logisch und wahr, oder die Grundsätze, auf die sich die Wirtschaftswissenschaft gründet, sind keine Grundsätze.
IV.
So gilt es uns, die wir an die Grundsätze der Wirtschaftswissenschaft glauben, als a priori bewiesen, dass die oben angedeutete Ausnahme nicht zu rechtfertigen ist und dass die Produktion von Sicherheit wie jede andere dem Gesetz des freien Wettbewerbs unterworfen sein muss.
Nachdem diese Überzeugung nun gewonnen ist, was bleibt uns zu tun? Wir müssen noch nachforschen, wie es dazu kommt, dass die Sicherheitsproduktion nicht dem Gesetz des freien Wettbewerbs, sondern anderen Prinzipien unterworfen ist.
Welches sind diese Prinzipien?
Die des Monopols und die des Kommunismus.
Es gibt in der ganzen Welt keine einzige Einrichtung der Sicherheitsindustrie, die nicht auf dem Monopol oder dem Kommunismus beruhte.
Diesbezüglich sollten wir am Rande eine einfache Bemerkung machen.
In den verschiedenen Zweigen menschlicher Tätigkeit, wo die politische Ökonomie das Monopol und den Kommunismus bis jetzt ausgemacht hat, verwirft sie sie gleichermaßen. Wäre es nicht merkwürdig, unerhört, wenn sie sie in der Sicherheitsindustrie akzeptierte?

 

V.
Überprüfen wir nun, wie es kommt, dass alle bekannten Regierungen dem Gesetz des Monopols unterworfen oder gemäß dem kommunistischen Prinzip organisiert sind.
Untersuchen wir zunächst, was man unter Monopol und Kommunismus versteht. Es ist eine beobachtete Wahrheit, dass, je dringender und notwendiger die Bedürfnisse des Menschen, desto beträchtlicher die Opfer sind, die er sich aufzuerlegen bereit ist, um sie zu befriedigen. Nun gibt es Dinge, die es in der Natur im Überfluss gibt und deren Produktion nur sehr wenig Arbeit erfordert; die jedoch, indem sie dazu dienen, dringende und notwendige Bedürfnisse zu stillen, einen Tauschwert erhalten können, der in keinem Verhältnis zu ihrem natürlichen Wert steht. Denken wir etwa an das Salz. Angenommen, es gelänge einem Menschen oder einer Vereinigung, sich exklusiv die Produktion und den Verkauf von Salz zu verschaffen, dann ist offensichtlich, dass dieser Mensch oder diese Vereinigung den Preis dieses Gutes weit über seinen Wert, weit über den Preis hinaus anheben könnte, den es unter der Herrschaft des freien Wettbewerbs gehabt hätte.
Man wird nun sagen, dass dieser Mensch oder diese Vereinigung ein Monopol besitzt und dass der Salzpreis ein Monopolpreis ist.
Doch ist offensichtlich, dass die Konsumenten nicht freiwillig zustimmen werden, den missbräuchlichen Monopolaufschlag zu bezahlen; man wird sie dazu zwingen müssen, und um sie dazu zu zwingen, wird man Gewalt einsetzen müssen.
Jedes Monopol stützt sich notwendigerweise auf Gewalt.
Was geschieht, wenn die Monopolisten aufhören, stärker als die von ihnen ausgebeuteten Konsumenten zu sein?
Stets verschwindet das Monopol schließlich, sei es gewalttätig oder infolge eines gütlichen Vergleichs. Was setzt man an seine Stelle?
Wenn sich die zusammengerotteten, aufständischen Konsumenten des Materials der Salzindustrie bemächtigt haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie diese Industrie zu ihren Gunsten konfiszieren und dass ihr erster Gedanke sein wird, sie nicht etwa der freien Konkurrenz zu überlassen, sondern sie gemeinschaftlich zu ihren eigenen Gunsten auszubeuten. Sie werden daher einen Direktor oder einen Direktionsausschuss zur Salinenausbeutung ernennen, dem sie die nötigen Gelder einräumen werden, um die Kosten der Salzproduktion zu bestreiten; dann – weil die Erfahrung der Vergangenheit sie misstrauisch, vorsichtig gemacht haben wird, weil sie fürchten werden, dass der von ihnen bestellte Direktor sich der Produktion für seine eigene Rechnung bemächtigt und zu seinen Gunsten, auf offene oder verborgene Weise das alte Monopol wiederherstellt – werden sie Abgeordnete wählen, Vertreter, die den für die Produktionskosten notwendigen Geldern zustimmen müssen, die deren Verwendung zu überwachen und die zu kontrollieren haben, ob das produzierte Salz gleichmäßig unter allen Berechtigten verteilt wird. So wird die Salzproduktion organisiert sein. Diese Form der Produktionsorganisation trägt den Namen Kommunismus.
Wenn diese Organisation nur auf ein einziges Gut angewendet wird, nennt man den Kommunismus partiell.

Wenn diese Organisation auf alle Güter angewendet wird, nennt man den Kommunismus vollständig.
Doch ob der Kommunismus partiell oder vollständig ist – die politische Ökonomie erkennt ihn nicht mehr an als das Monopol, von dem er nur eine Erweiterung darstellt.
VI.
Trifft das, was gerade vom Salz gesagt wurde, nicht augenscheinlich auch auf die Sicherheit zu? Ist es nicht die Geschichte aller Monarchien und aller Republiken? Überall wurde die Produktion von Sicherheit zunächst als Monopol organisiert, und überall tendiert sie heute dazu, sich als Kommunismus zu organisieren.
Der Grund ist der folgende.
Unter den dem Menschen notwendigen materiellen oder immateriellen Gütern ist keines, außer vielleicht dem Korn, unabdinglicher und kann daher eine höhere Monopolsteuer vertragen.
Keines kann auch so leicht an ein Monopol fallen.
Was ist denn die Lage der Menschen, die der Sicherheit bedürfen? Sie sind schwach. Was ist die Lage derjenigen, die sich verpflichten, ihnen diese notwendige Sicherheit zu verschaffen? Sie sind stark. Wäre es anders, wären die Konsumenten von Sicherheit stärker als die Produzenten, so nähmen sie offensichtlich nicht deren Beistand in Anspruch.
Wenn nun die Sicherheitsproduzenten ursprünglich stärker als die Konsumenten sind, können sie ihnen nicht leicht die Monopolherrschaft aufzwingen?
Daher sieht man überall am Anfang der Gesellschaften, dass die stärksten, kriegerischsten Geschlechter sich die ausschließliche Regierung der Gesellschaften verschafften; überall sieht man, wie diese Geschlechter sich in einem bestimmten, je nach Anzahl und Stärke mehr oder weniger ausgedehnten Umfang, das Sicherheitsmonopol verschafften.
Und da das Monopol seiner Natur nach äußerst gewinnbringend ist, sieht man auch überall, wie sich die mit dem Sicherheitsmonopol ausgestatteten Gruppen bittere Kämpfe liefern, um die Ausdehnung ihres Marktes, die Zahl ihrer unfreiwilligen Konsumenten und folglich ihren Gewinn zu vergrößern.
Krieg war die notwendige, unausweichliche Folge der Einrichtung des Sicherheitsmonopols.
Als weitere unvermeidliche Folge musste dieses Monopol alle anderen Monopole hervorbringen.
Als die Produzenten der anderen Güter die Lage der Sicherheitsmonopolisten näher betrachteten, konnten sie nicht verkennen, dass nichts in der Welt vorteilhafter als das Monopol ist. Sie mussten daher ihrerseits versucht sein, durch dasselbe Vorgehenden Gewinn ihrer Industrie zu mehren. Doch was brauchten sie, um das Monopol des von ihnen hergestellten Gutes zum Nachteil der Konsumenten an sich zu reißen? Es bedurfte der Gewalt. Nun besaßen sie aber diese Gewalt nicht, die notwendig war, um die Widerstände der

interessierten Konsumenten zu unterdrücken. Was taten sie also? Sie liehen sie gegen Bezahlung bei jenen aus, die sie besaßen. Sie erbaten und erhielten zum Preis bestimmter Gegenleistungen das ausschließliche Privileg, ihre Industrie in einem bestimmten, festgelegten Umfang auszuüben. Da die Verleihung dieser Privilegien den Sicherheitsproduzenten schöne Geldsummen einbrachte, war die Welt bald mit Monopolen bedeckt. Arbeit und Tausch wurden überall behindert, gefesselt, und die Lage der Massen blieb denkbar schlecht.
Doch nach langen Jahrhunderten des Leidens und nachdem sich in der Welt nach und nach die Aufklärung verbreitet hatte, begannen die Massen, die dieses Netz aus Privilegien erstickte, sich gegen die Privilegien zu wenden und die Freiheit, das heißt die Unterdrückung der Monopole einzufordern.
Dieser Prozess spielte sich in vielerlei Variationen ab. Was geschah etwa in England? Das Geschlecht, das das Land regierte und militärisch organisiert war (der Adel), das an seiner Spitze einen erblichen Direktor (den König) hatte und einen ebenfalls erblichen Verwaltungsrat (die Kammer der Lords), setzte am Anfang den Preis der Sicherheit, über die es ein Monopol hatte, in einer ihm genehmen Höhe fest. Zwischen den Sicherheitsproduzenten und den Konsumenten gab es keine Verhandlung. Das war das System des Absolutismus. Doch war den Konsumenten im Laufe der Zeit ihre Anzahl und Stärke bewusst geworden. Sie erhoben sich gegen die Herrschaft reiner Willkür und erwirkten Verhandlungen mit den Produzenten über den Preis des Gutes. Zu diesem Zweck ernannten sie Abgeordnete, die sich im Unterhaus versammelten, um den Steuersatz als Preis der Sicherheit zu diskutieren. So gelang es ihnen, weniger ausgepresst zu werden. Da die Mitglieder des Unterhauses jedoch unter dem direkten Einfluss der Sicherheitsproduzenten nominiert wurden, war die Verhandlung nicht offen, und der Preis des Gutes blieb weiterhin über seinem natürlichen Wert. Eines Tages erhoben sich die derart ausgebeuteten Konsumenten gegen die Produzenten und enteigneten sie ihrer Industrie. Sie unternahmen es dann ihrerseits, diese Industrie zu betreiben, und wählten zu diesem Zweck einen Betriebsdirektor mit einem Rat an seiner Seite. So trat der Kommunismus an die Stelle des Monopols. Doch dieser Kombination war kein Erfolg beschieden, und zwanzig Jahre später wurde das ursprüngliche Monopol wiederhergestellt. Nur waren die Monopolisten weise genug, die Willkürherrschaft nicht wieder zu erneuern; sie akzeptierten die freie Verhandlung der Steuern, doch dabei achteten sie darauf, die Abgeordneten der Gegenseite unablässig zu korrumpieren. Sie stellten diesen Abgeordneten diverse Posten in der Sicherheitsverwaltung zur Verfügung und gingen sogar so weit, die Einflussreichsten in den Kreis ihres obersten Rates aufzunehmen. Sicherlich gibt es nichts gerisseneres als ein solches Verhalten. Die Sicherheitskonsumenten bemerkten jedoch am Ende diesen Missbrauch und verlangten eine Parlamentsreform. Lange verweigert, wurde die Reform schließlich erkämpft, und seit dieser Zeit haben die Konsumenten eine merkliche Verminderung ihrer Lasten errungen.
Nachdem das Sicherheitsmonopol in Frankreich ebenso häufige Umschwünge und verschiedene Änderungen durchgemacht hat, ist es gerade zum zweiten Mal umgestürzt worden. Wie ehedem in England hat man das Monopol, das erst zu Gunsten einer Kaste und dann im Namen einer bestimmten Gesellschaftsklasse ausgeübt wurde, durch gemeinsame Produktion ersetzt. Die Allgemeinheit der Konsumenten, die wie Aktionäre angesehen werden, hat einen Betriebsdirektor auf eine bestimmte Zeit ernannt und eine Versammlung eingesetzt, die die Handlungen des Direktors und seiner Verwaltung kontrollieren soll.
Wir werden es mit einer einfachen Beobachtung zu diesem neuen System bewenden lassen.

 

Genau wie das Sicherheitsmonopol logischerweise alle anderen Monopole erzeugen musste, muss der Sicherheitskommunismus logischerweise alle anderen Kommunismen erzeugen.
Denn nur eines kann richtig sein:
Entweder ist die kommunistische Produktion der freien Produktion überlegen oder sie ist es nicht.
Wenn ja, so ist sie es nicht nur für die Sicherheit, sondern für alle Dinge.
Wenn nein, bestünde der Fortschritt unvermeidlich darin, sie durch die freie Produktion zu ersetzen.
Vollständiger Kommunismus oder vollständige Freiheit, das ist die Alternative!
VII.
Doch ist es vorstellbar, dass die Sicherheitsproduktion anders denn als Monopol oder Kommunismus organisiert ist? Ist vorstellbar, dass sie dem freien Wettbewerb überlassen bleibt?
Auf diese Frage antworten die sogenannten politischen Schriftsteller einmütig: Nein.
Warum? Wir werden euch sagen warum.
Weil diese Autoren, die sich speziell mit den Regierungen befassen, die Gesellschaft nicht kennen; weil sie sie für ein künstliches Werk halten, das zu verändern oder umzugestalten die Regierungen den Auftrag haben.
Um nun die Gesellschaft zu verändern oder umzugestalten, muss man notwendigerweise mit einer Autorität ausgestattet sein, die die der verschiedenen Einzelnen übertrifft, aus denen sie sich zusammensetzt.
Die Monopolregierungen behaupten, diese Autorität, die ihnen das Recht gibt, die Gesellschaft nach ihrem Belieben zu verändern oder umzugestalten und über Personen und Eigentum nach Gutdünken zu verfügen, von Gott selbst erhalten zu haben; die kommunistischen Regierungen berufen sich zu diesem Zweck auf die menschliche Vernunft, die sich in der Mehrheit des souveränen Volks zeige.
Doch besitzen die Monopolregierungen und kommunistischen Regierungen wirklich diese höhere, unwiderstehliche Autorität? Haben sie tatsächlich eine höhere Autorität als freie Regierungen sie haben könnten? Das ist es, was man prüfen muss.
VIII.
Wenn es stimmen würde, dass keine natürliche Organisation der Gesellschaft existiert; wenn es stimmen würde, dass die Gesetze, nach denen sie sich bewegt, beständig verändert oder umgestaltet werden müssten, so bräuchten die Gesetzgeber notwendigerweise eine unwandelbare, heilige Autorität. Als Fortführer der Vorsehung auf Erden müssten sie fast gottgleich respektiert werden. Wäre es ihnen andernfalls nicht unmöglich, ihrem Auftrag gerecht zu werden? Denn man greift nicht in die Geschäfte der Menschen ein, man

 

unternimmt es nicht, sie zu lenken, sie zu ordnen, ohne täglich eine Unzahl von Interessen zu verletzen. Wenn die Treuhänder der Macht nicht angesehen würden, als gehörten sie zu einem höheren Wesen oder als hätten sie einen Auftrag der Vorsehung erhalten, würden die geschädigten Interessen Widerstand leisten.
Daher die Fiktion des Gottesgnadentums.
Diese Fiktion war sicherlich die denkbar beste. Wenn es gelingt, die Menge davon zu überzeugen, dass Gott selbst gewisse Menschen oder Geschlechter auserwählt hat, um der Gesellschaft Gesetze zu geben und sie zu regieren, wird offensichtlich niemand auch nur daran denken, sich gegen die von der Vorsehung Erwählten aufzulehnen, und alles, was die Regierung unternähme, wäre wohlgetan. Eine Regierung göttlichen Rechts ist unvergänglich.
Doch nur unter der einen Bedingung, dass man an das Gottesgnadentum glaubt.
Wenn man jedoch auf den Glauben verfällt, dass die Führer der Völker ihre Eingebung nicht direkt von der Vorsehung selbst erhalten, dass sie rein menschlichen Antrieben gehorchen, wird der sie umgebende Nimbus verschwinden, und man wird ihren souveränen Entscheidungen ganz unehrerbietig Widerstand leisten, sowie man allem Widerstand leistet, was von Menschen kommt, wenn dessen Nutzen nicht klar dargelegt wird.
Es ist auch sonderbar zu sehen, mit welcher Sorgfalt die Theoretiker des Gottesgnadentums sich bemühen, die Übermenschlichkeit jener Geschlechter zu beweisen, die im Besitz der Regierung über die Menschen sind.
Hören wir zum Beispiel Joseph de Maistre:
„Der Mensch kann keine Souveräne machen. Er dient höchstens als Werkzeug, um einen Souverän zu enteignen und dessen Staat einem anderen Souverän, der bereits ein Fürst ist, zu übergeben. Übrigens hat es niemals eine souveräne Familie gegeben, der man einen plebejischen Ursprung nachweisen konnte. Träte dieses Phänomen einmal auf, so wäre dies ein neues Zeitalter.
[…] Es steht geschrieben: Ich bin es, der die Herrscher macht. Das ist keine religiöse Phrase, kein frommes Gleichnis; es ist schlicht und einfach die buchstäbliche Wahrheit. Es ist ein Gesetz der politischen Welt. Gott macht wortwörtlich die Könige. Er bereitet die Königsgeschlechter vor, er lässt sie inmitten einer Wolke, die ihren Ursprung verdeckt, heranreifen. Dann treten sie von Ruhm und Ehre gekrönt auf; sie ergreifen ihr Amt.“ 3
Nach diesem System, das den Willen der Vorsehung in bestimmten Menschen Fleisch werden lässt und diese Erwählten, diese Gesalbten mit quasi göttlicher Autorität umgibt, haben die Untertanen offensichtlich keinerlei Rechte; sie müssen sich den Erlassen der souveränen Autorität ohne Prüfung unterordnen, als handelte es sich um Anordnungen der Vorsehung selbst.
Der Körper ist ein Werkzeug der Seele, sagte Plutarch, und die Seele ist Werkzeug Gottes. Der Denkschule des Gottesgnadentums zufolge erwählt Gott gewisse Seelen und bedient sich ihrer als Werkzeuge, um die Welt zu regieren.
———-

3 Du principe générateur des constitutions politiques [Vom Entstehungsprinzip politischer Verfassungen], Vorwort.

 

Glaubten die Menschen an diese Theorie, könnte gewiss nichts eine Regierung göttlichen Rechts erschüttern.
Unglücklicherweise haben sie vollständig aufgehört, daran zu glauben.
Warum?
Weil ihnen eines schönen Tages eingefallen ist, zu prüfen und nachzudenken, und beim Prüfen und Nachdenken haben sie entdeckt, dass ihre Regierungen sie nicht besser regierten als sie, die sie einfache Sterbliche ohne Verbindung mit der Vorsehung waren, es selber gekonnt hätten.
Die freie Prüfung hat die Fiktion des Gottesgnadentums dermaßen außer Kurs gesetzt, dass die Untertanen der Monarchen bzw. der Aristokratien göttlichen Rechts diesen nur in dem Maße gehorchen, wie sie glauben, ein eigenes Interesse am Gehorsam zu haben.
War der kommunistischen Fiktion mehr Glück beschieden?
Laut kommunistischer Theorie, deren Hohepriester Rousseau ist, steigt die Autorität nicht mehr von oben herab, sie kommt von unten. Die Regierung erbittet sie nicht mehr von der Vorsehung, sondern von den vereinigten Menschen, von der einen, unteilbaren und souveränen Nation.
Die Kommunisten, Anhänger der Volkssouveränität, nehmen folgendes an. Sie nehmen an, dass die menschliche Vernunft die besten Gesetze, die vollendetste Organisation, die der Gesellschaft zuträglich ist, zu entdecken vermag; und dass diese Gesetze in der Praxis infolge einer freien Aussprache zwischen den entgegengesetzten Meinungen entdeckt werden; dass bei mangelnder Einstimmigkeit, wenn es nach der Aussprache noch eine Spaltung gibt, das Recht bei der Mehrheit liegt, da sie die größte Zahl vernünftiger Einzelner einschließt (diese Einzelnen werden wohlgemerkt als gleich angenommen, sonst stürzt das ganze Gerüst zusammen); infolgedessen versichern sie, dass die Entscheidungen der Mehrheit das Gesetz ergeben müssen und dass die Minderheit gehalten ist, sich ihr unterzuordnen, selbst wenn dies ihre am tiefsten verwurzelten Überzeugungen und ihre teuersten Interessen verletzt.
Dies ist die Theorie; doch hat die Autorität der Mehrheitsentscheidungen in der Praxis diesen unwiderstehlichen, absoluten Charakter, den man ihr unterschiebt? Wird sie in jedem Fall von der Minderheit respektiert? Kann es so sein?
Ein Beispiel.
Nehmen wir an, dem Sozialismus gelänge es, sich unter den arbeitenden Klassen auf dem Land zu verbreiten, wie er sich bereits unter den arbeitenden Klassen der Städte verbreitet hat; dass er infolgedessen im ganzen Land die Mehrheit stellen würde und dass er, die Lage nutzend, eine sozialistische Mehrheit in die gesetzgebende Versammlung entsendete und einen sozialistischen Präsidenten ernennen würde; angenommen, dass, wie Herr Proudhon es fordert, diese Mehrheit und dieser Präsident, mit souveräner Autorität ausgestattet, von den Reichen eine Steuer von drei Milliarden erheben, um die Arbeit der Armen zu organisieren. Ist es wahrscheinlich, dass sich die Minderheit friedlich dieser unbilligen und absurden, aber legalen und verfassungskonformen Ausplünderung unterordnete?

 

Nein, ohne jeden Zweifel zögerte sie nicht, die Autorität der Mehrheit zu leugnen und ihr Eigentum zu verteidigen.
Also gehorcht man in diesem wie im zuvor besprochenen System den Treuhändern der Autorität nur, soweit man ein Interesse zu haben glaubt, ihnen zu gehorchen.
Was uns zu der Behauptung führt, dass die moralische Grundlage des Autoritätsprinzips in einem monopolistischen oder kommunistischen System weder so solide noch so breit ist als in einem System der Freiheit.
IX.
Angenommen, dass die Anhänger einer künstlichen Organisation, Monopolisten oder Kommunisten, dennoch recht hätten; dass die Gesellschaft nicht natürlich organisiert ist und dass den Menschen unaufhörlich die Aufgabe obliegt, die Gesetze, die sie regieren, zu machen und aufzuheben, so befände sich die Welt in einer bedauernswerten Lage. Da die moralische Autorität der Herrschenden in Wirklichkeit nur auf dem Interesse der Beherrschten beruht und da diese eine natürliche Neigung haben, allem, was ihre Interessen verletzt, zu widerstehen, muss physische Gewalt der verkannten Autorität unaufhörlich Beistand leisten.
Monopolisten und Kommunisten haben im übrigen diese Notwendigkeit vollkommen erkannt.
Wenn jemand versucht, sagt Herr de Maistre, sich der Autorität der von Gott Erwählten zu entziehen, so soll er dem weltlichen Arm überliefert werden und der Henker seines Amtes walten.
Wenn jemand die Autorität der vom Volk Erwählten verkennt, sagen die Theoretiker der Schule Rousseaus, wenn er einer beliebigen Entscheidung der Mehrheit widersteht, soll er als Verbrecher gegen das souveräne Volk bestraft werden, soll das Schafott darüber richten.
Beide Schulen, die die künstliche Organisation als Ausgangspunkt wählen, landen daher notwendigerweise beim gleichen Ende, beim TERROR.

X.
Man erlaube uns nun, eine einfache Hypothese aufzustellen.
Nehmen wir eine junge Gesellschaft an: Die Menschen, aus denen sie besteht, beginnen zu arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit auszutauschen. Ein natürlicher Instinkt sagt diesen Menschen, dass ihre Person, die Erde, die sie einnehmen und bearbeiten, sowie die Früchte ihrer Arbeit ihr Eigentum sind und dass niemand außer ihnen selbst das Recht hat, darüber zu verfügen oder es anzurühren. Dieser Instinkt ist nicht hypothetisch, er ist wirklich. Doch weil der Mensch ein unvollkommenes Geschöpf ist, kommt es vor, dass dieses Gespür für das Recht eines jedes einzelnen auf seine Person oder seine Güter sich nicht in allen Seelen im selben Maße findet und dass einzelne sich mit Gewalt oder List an der Person oder am Eigentum anderer vergreifen.
Daher die Notwendigkeit einer Industrie, die gewalttätige oder betrügerische Aggression verhütet oder bekämpft.
Angenommen, es käme ein Mensch oder ein Zusammenschluss von Menschen und sagte:

 

Ich verpflichte mich, gegen Entlohnung Angriffe auf Leib und Gut zu verhüten oder zu bekämpfen.
Alle, die ihre Person oder ihr Eigentum vor jeder Aggression schützen wollen, mögen sich an mich wenden.
Was werden die Konsumenten machen, bevor sie mit diesem Produzenten von Sicherheit ein Geschäft abschließen?
Erstens werden sie erkunden, ob er stark genug ist, sie zu beschützen.
Zweitens, ob er moralische Garantien bietet, so dass man von seiner Seite keine der Aggressionen fürchten muss, die zu bekämpfen seine Aufgabe wäre.
Drittens, ob kein anderer Sicherheitsproduzent, der gleiche Garantien vorweist, in der Lage ist, ihnen dieses Gut zu besseren Konditionen zu verschaffen.
Diese Konditionen können vielgestaltig sein.
Um imstande zu sein, den Konsumenten volle Sicherheit ihrer Person und ihres Eigentums zu garantieren und ihnen im Schadensfall einen dem erlittenen Verlust entsprechenden Ausgleich verschaffen zu können, wäre es in der Tat erforderlich:
1. dass der Produzent gewisse Strafen gegen Körperverletzung und den Raub von Eigentum einführt, und dass die Konsumenten es akzeptieren, sich diesen Strafen zu unterwerfen, falls sie sich selbst an Personen oder Eigentum vergehen;
2. dass er den Konsumenten bestimmte Unbequemlichkeiten zumutet, deren Zweck es ist, ihm das Aufspüren von Straftätern zu erleichtern;
3. dass er regelmäßig eine bestimmte Gebühr einzieht, um seine Produktionskosten wie auch den natürlichen Lohn für seinen Fleiß zu decken. Diese Gebühr wird je nach den Verhältnissen der Konsumenten, den besonderen Berufen, denen sie nachgehen, nach Umfang, Wert und der Art ihres Eigentums variabel sein.
Wenn diese für die Ausübung dieser Tätigkeit notwendigen Bedingungen den Konsumenten genehm sind, kommt das Geschäft zustande; wenn nicht, werden die Konsumenten entweder auf Sicherheit verzichten oder an einen anderen Produzenten herantreten.
Wenn man nun die besondere Natur der Sicherheitsindustrie betrachtet, wird man bemerken, dass die Produzenten gezwungen sein werden, ihr Geschäft auf bestimmte Gebiete zu beschränken. Sie kämen offensichtlich nicht auf ihre Kosten, wenn sie es sich einfallen ließen, eine Polizei in Orten zu unterhalten, wo sie nur einige Kunden haben. Ihre Kundschaft würde sich natürlicherweise um ihren Geschäftssitz scharen. Dennoch könnten sie die Lage nicht missbrauchen, um den Konsumenten Gesetze vorzuschreiben. Denn im Falle einer missbräuchlichen Erhöhung des Sicherheitspreises hätten diese immer noch die Möglichkeit, ihre Kundschaft einem neuen oder dem benachbarten Unternehmer zu gewähren.
Aus dieser dem Konsumenten überlassene Möglichkeit, die Sicherheit dort zu kaufen, wo es ihm beliebt, erwächst ein dauernder Wettstreit unter allen Produzenten, von denen sich jeder

 

bemühen würde, seine Kundschaft durch günstige Preise oder eine raschere, umfassendere, bessere Justiz zu vergrößern oder zu erhalten. 4
Sobald der Konsument dagegen nicht frei ist, die Sicherheit dort zu kaufen, wo es ihm beliebt, sieht man sogleich, wie sich der Willkür und der schlechten Geschäftsführung Tür und Tor öffnen. Die Justiz wird teuer und langsam, die Polizei schikanös, die Freiheit des Einzelnen wird nicht mehr respektiert, der Preis der Sicherheit ist missbräuchlich überhöht, er wird ungleich erhoben, je nach der Gewalt, dem Einfluss, über den diese oder jene Klasse von Konsumenten verfügt, die Versicherer liefern sich heftige Kämpfe, um sich gegenseitig die Konsumenten zu entreißen; in einem Wort: man sieht alle dem Monopol oder Kommunismus innewohnenden Missbrauch massenhaft heraufziehen.
Unter der Herrschaft des freien Wettbewerbs verliert der Krieg unter den Sicherheitsproduzenten vollkommen seine Berechtigung. Warum sollten sie Krieg führen? Um Konsumenten zu erobern? Doch die Konsumenten würden sich nicht erobern lassen. Sie hüteten sich sicherlich davor, ihre Personen und ihr Eigentum von Männern sichern zu lassen, die ohne Skrupel die Person und das Eigentum ihrer Wettbewerber angetastet hätten. Wollte ein verwegener Sieger ihnen ein Gesetz aufzwingen, so riefen sie sofort alle freien Konsumenten zu Hilfe, die dieser Angriff bedrohte wie sie auch, und sie würden für Recht sorgen. Ebenso wie der Krieg die natürliche Folge des Monopols ist, ist der Friede die natürliche Folge der Freiheit.
In einem Regierungssystem der Freiheit unterschiede sich die natürliche Organisation der Sicherheitsindustrie nicht von der anderer Industrien. In kleinen Bezirken könnte ein einfacher Unternehmer ausreichen. Dieser Unternehmer vermachte sein Unternehmen seinem Sohn oder überließe es einem anderen Unternehmer. In ausgedehnten Bezirken vereinigte eine einzige Firma genügend Einnahmen auf sich, um bequem diese wichtige und schwierige Tätigkeit auszuüben. Gut geführt, könnte diese Gesellschaft leicht fortbestehen, und die Sicherheit bestünde mit ihr fort. Wie auch in den meisten anderen Produktionszweigen würde in der Sicherheitsindustrie diese letztere Organisationsform die erstere wahrscheinlich irgendwann ersetzen.
Einerseits wäre das die Monarchie, andererseits die Republik; doch die Monarchie ohne das Monopol und die Republik ohne den Kommunismus.
4 Adam Smith, dessen bewundernswerte Beobachtungsgabe sich auf alle Dinge erstreckte, bemerkt, dass die Justiz in England durch den Wettbewerb, den sich die verschiedenen Gerichtshöfe lieferten, viel gewonnen hat. Er sagt: „Die Gerichtshonorare scheinen ursprünglich auch in England die hauptsächliche Einnahmequelle der Gerichtshöfe gewesen zu sein. Jeder Gerichtshof suchte so viele Geschäfte an sich zu ziehen, wie er konnte, und zog deshalb gern Rechtssachen in seine Gerichtsbarkeit, die eigentlich nicht dahin gehört hätten. Der Gerichtshof der königlichen Bank (Kingsbench), der nur für Kriminalsachen bestimmt war, erkannte auch in Zivilprozessen, indem der Kläger vorgab, dass der Beklagte, indem er ihm Gerechtigkeit verweigerte, sich eines Rechtseingriffes oder strafbaren Vergehens schuldig gemacht habe. Das Schatzkammergericht (Court of Exchequer), das zur Erhebung der königlichen Einkünfte und zur Beitreibung ausschließlich solcher Schuldzahlungen, welche Privatleute an den König abzutragen hatten, eingeführt worden war, erkannte auch über alle anderen Schuldsachen, indem der Kläger vorgab, dass er den König nicht bezahlen könne, weil der Beklagte ihn nicht bezahle. Durch solche Fiktionen kam es dahin, dass es in vielen Fällen ganz von den Parteien abhing, vor welchem Gerichtshofe sie ihre Sache verhandelt wissen wollten, und jeder Gerichtshof suchte durch größere Schnelligkeit und Unparteilichkeit so viel Prozesse als möglich in seinen Bereich zu ziehen. Vielleicht rührt die gegenwärtige bewundernswürdige Verfassung der englischen Gerichtshöfe großenteils von dem Wetteifer her, der früher zwischen ihren verschiedenen Richtern herrschte: Denn jeder Richter beeiferte sich, in seinem Gerichtshofe den Parteien die schnellste und wirksamste Rechtshilfe, welche das Gesetz für jede Art erlittenen Unrechts darbietet, angedeihen zu lassen.“ (Ursachen des Volkswohlstands, 5. Buch, Kap.1)

 

Auf beiden Seiten gälte die im Namen des Nutzens akzeptierte und geachtete und nicht die durch Terror aufgezwungene Autorität.
Daß sich eine solche hypothetische Situation verwirklichen könnte, das wird zweifellos bestritten werden. Doch auf die Gefahr hin, als Utopisten abqualifiziert zu werden, behaupten wir, dass dies unbestreitbar ist und dass eine aufmerksame Untersuchung der Tatsachen das Problem der Regierung, wie auch alle anderen ökonomischen Probleme, mehr und mehr zugunsten der Freiheit lösen wird. Was uns anbelangt, so sind wir davon überzeugt, dass sich eines Tages Vereinigungen bilden werden, um die Freiheit der Regierung einzufordern, so wie sie sich gebildet haben, um die Freiheit des Handels verlangen.
Und wir zögern nicht, hinzuzufügen, dass, nachdem dieser letzte Fortschritt gemacht und damit jedes künstliche Hindernis gegen die freie Wirkung der Naturgesetze, die die wirtschaftliche Welt regieren, beseitigt sein wird, die Lage der verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft die bestmögliche geworden sein wird.
[Quelle: „De la production de la sécurité,“ in: Journal des Économistes, 8. Jg., Bd. 22 (Dez. 1848 – März 1849), Guillaumin et Cie., Paris 1849, S. 277-90. Übersetzt von J. G. Hülsmann und R. Stiebler. für http://www.mises.de]

Written by floriangrebner

27. Oktober 2010 at 18:45

Veröffentlicht in Grundlagentexte, Klassiker

Grundlagen: Staatssozialismus und Anarchismus – Inwieweit sie übereinstimmen und worin sie sich unterscheiden

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von Benjamin R. Tucker

„Freiheit, nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung.“ Proudhon

Es gibt wohl keine Agitation, welche sowohl hinsichtlich der Zahl ihrer Anhänger wie des Bereichs ihres Einflusses je den Umfang erreichte wie der moderne Sozialismus, und welche zur selben Zeit so wenig verstanden und mißverstanden wurde, nicht allein seitens der Feinde und der Gleichgültigen, sondern auch seitens der Freunde und selbst der großen Masse ihrer Bekenner. Dieser bedauerliche und höchst gefährliche Stand der Dinge ist teilweise der Tatsache zuzuschreiben, daß die menschlichen Verhältnisse, die diese Bewegung – wenn irgend etwas so Chaotisches eine Bewegung genannt werden kann – umzugestalten strebt, nicht eine bestimmte Klasse oder Klassen, sondern buchstäblich die ganze Menschheit berühren; teilweise der Tatsache, daß diese Verhältnisse ihrer Natur nach unendlich mannigfaltiger und komplizierter sind als diejenigen, mit denen es je zuvor eine bestimmte Reformbestrebung zu tun hatte; und teilweise der Tatsache, daß die großen, gestaltenden Mächte der Gesellschaft, die Vermittler der Bildung und der Aufklärung, beinahe ausschließlich unter der Kontrolle derjenigen stehen, deren nächstliegende pekuniäre Interessen der Grundforderung des Sozialismus, daß die Arbeit in den Besitz ihres Ertrages gestellt werde, feindlich gegenüberstehen.

 

Beinahe die einzigen Personen, von denen man sagen kann, daß sie auch nur annähernd die Bedeutung, die Prinzipien und die Ziele des Sozialismus verstehen, sind die leitenden Köpfe der äußersten Flügel der sozialistischen Gruppen, und vielleicht einige Geldfürsten selber. Es ist neuerdings ordentlich Mode geworden für Prediger, Professor und Lohnschreiber, diesen Gegenstand zu behandeln, und traurige Arbeit haben sie zum größten Teil daraus gemacht, den Spott und das Mitleid der Urteilsfähigen herauszufordern. Daß diejenigen, die in den sozialistischen Zwischenabteilungen hervorragen, sich nicht vollkommen bewußt sind, um was es sich handelt, geht aus den Stellungen, die sie einnehmen, klar hervor. Wäre dies der Fall, wären sie strenge, logische Denker, wären sie konsequent, ihre Vernunft würde sie längst in das eine oder das andere Extrem getrieben haben.

 

Denn es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die beiden Extreme der ungeheuren Armee, die uns hier beschäftigt, obgleich, wie angedeutet, vereinigt durch die gemeinschaftliche Forderung, daß die Arbeit in den Besitz ihres Ertrages gestellt werde, dennoch in ihren Grundprinzipien hinsichtlich des sozialen Lebens wie der zur Erreichung des gesteckten Zieles zu befolgenden Methoden sich schroffer gegenüberstehen, als ein jedes dem gemeinsamen Feinde, der herrschenden Gesellschaft, gegenübersteht. Sie gründen sich auf zwei Prinzipien. Die Geschichte des Widerstreits dieser beiden Prinzipien ist fast gleichbedeutend mit der Geschichte der Welt, seit der Mensch darin erschienen ist, und alle Zwischenparteien, einschließlich der Stützen der herrschenden Gesellschaft, beruhen auf einem Kompromiß zwischen ihnen. Es liegt deshalb auf der Hand, daß eine intelligente, tiefgreifende Opposition gegen die herrschende Ordnung der Dinge von dem einen oder dem anderen dieser Extreme kommen muß: denn irgendeine Opposition aus einer anderen Quelle müßte sich, weit entfernt, einen revolutionären Charakter zu tragen, in Änderungen von solch oberflächlicher Natur erschöpfen, daß sie gänzlich unfähig wäre, einen solchen Grad der Aufmerksamkeit und des Interesses auf sich zu lenken, wie er jetzt dem modernen Sozialismus zugewandt wird.

 

Die beiden angedeuteten Prinzipien sind die Autorität und die Freiheit, und die Namen der beiden Richtungen der sozialistischen Bewegung, die voll und rückhaltslos das eine oder das andere vertreten, sind der Staatssozialismus und der Anarchismus. Wer weiß, was diese Richtungen wollen und wie sie ihr Ziel zu erreichen gedenken, versteht die sozialistische Bewegung. Es ist behauptet worden, daß es zwischen Rom und der Vernunft keine Zwischenstation gebe. Mit demselben Rechte kann man sagen, daß es zwischen Staatssozialismus und Anarchismus keine Zwischenstation gibt. Es fließen in der Tat beständig zwei Ströme von dem Mittelpunkt des sozialistischen Heeres, die dasselbe zur Rechten und zur Linken sammeln; und, sollte der Sozialismus die Oberhand gewinnen, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß, nachdem dieser Scheidungsprozeß sich vollzogen hat und die bestehende Ordnung zwischen den beiden Lagern zermalmt worden ist, der endgültige und bittere Kampf noch bevorsteht. In diesem Falle werden alle die Achtstundenleute, alle die Gewerkschaftler, alle die Ritter der Arbeit, alle die Grund- und Bodenverstaatlicher, alle die Papiergeldleute, kurz, alle die Mitglieder der tausend und ein verschiedenen Bataillone der großen Arbeiterarmee ihre alten Posten verlassen haben, sie werden auf der einen oder der anderen Seite Stellung genommen haben und die große Schlacht wird beginnen. Was ein schließlicher Sieg der Anarchisten bedeuten wird – dies kurz darzulegen ist der Zweck dieser Abhandlung.

 

Um dies jedoch mit Verständnis zu tun, muß ich zuerst das beiden gemeinsame Feld beschreiben, die Merkmale, die den einen wie den anderen zum Sozialisten machen. Die ökonomischen Prinzipien des modernen Sozialismus sind eine logische Deduktion des von Adam Smith in den ersten Kapiteln seines „Wealth of Nations“ niedergelegten Prinzips, nämlich, daß die Arbeit das wahre Maß des Preises bildet. Aber nachdem Smith dieses Prinzip in der klarsten und präzisesten Weise formuliert hatte, unterließ er plötzlich jede weitere Erörterung desselben, um sich der Beschreibung dessen zu widmen, was in Wirklichkeit den Preis bestimmt, sowie der Darlegung der herrschenden, daraus sich ergebenden Güterverteilung. Seit seiner Zeit sind fast alle Nationalökonomen seinem Beispiel gefolgt, indem sie ihre Aufgabe auf die Beschreibung der Gesellschaft, wie sie sein sollte, sowie die Auffindung der Mittel, die geeignet sind, sie zu dem zu machen, was sie sein sollten. Ein halbes Jahrhundert, nachdem Smith das oben angeführte Prinzip niedergelegt, nahm der Sozialismus es wieder auf, wo jener es hatte liegen lassen, und, indem er die logischen Konsequenzen daraus zog, machte er es zum Eckstein einer neuen ökonomischen Philosophie.

 

Diese Arbeit scheint unabhängig voneinander von drei verschiedenen Männern, drei verschiedenen Völkern angehörend, in drei verschiedenen Sprachen verrichtet worden zu sein: von Josiah Warren, einem Amerikaner; Pierre J. Proudhon, einem Franzosen; Karl Marx, einem deutschen Juden. Daß Warren und Proudhon selbständig und ohne fremde Hilfe zu ihren Schlüssen gelangten, ist gewiß; aber ob Marx nicht großenteils Proudhon für seine ökonomischen Ideen verpflichtet ist, ist fraglich. Wie dem aber auch sei, Marx‘ Fassung dieser Ideen war in so vieler Hinsicht eine ihm eigentümliche, daß er billigerweise zu dem Anspruch auf Originalität berechtigt ist. Daß die Arbeit dieses interessanten Trio so nahezu gleichzeitig verrichtet wurde, scheint anzuzeigen, daß der Sozialismus in der Luft lag, und daß die Zeit reif und die Bedingungen der Entwicklung dieser neuen Gedankenrichtung günstig waren. Was Priorität in der Zeit betrifft, gebührt das Verdienst Warren, dem Amerikaner – eine Tatsache, welche den Stumpfrednern, die so gern gegen den Sozialismus als einen importierten Artikel losziehen, zur Notiznahme empfohlen werden kann. Vom reinsten revolutionären Blut sogar, dieser Warren, denn er stammt von dem Warren, der bei Bunker Hill fiel.

 

Von Smiths Lehre, daß die Arbeit das wahre Maß des Preises ist – oder, wie Warren sagte, daß die Kosten die richtige Grenze des Preises bilden – machte diese drei Männer folgende Deduktionen: daß der natürliche Lohn der Arbeit in dem Ertrag derselben bestehe; daß dieser Lohn oder Ertrag die einzige gerechte Einkommensquelle sei (Schenkung, Erbschaft usw. natürlich außer Betracht gelassen); daß alle diejenigen, die ein Einkommen aus irgendeiner anderen Quelle beziehen, es direkt oder indirekt von dem natürlichen und gerechten Lohn der Arbeit abzögen; daß dieser Abzugsprozeß gewöhnlich eine von drei Formen annehme: – Zins, Rente und Profit; daß diese drei Formen die Dreieinigkeit des Wuchers bilden und einfach verschiedene Methoden seien; um Tribut für den Nießbrauch des Kapitals zu erheben; daß, da Kapital einfach aufgespeicherte Arbeit sei, die bereits ihre völlige Vergütung erhalten habe, der Nießbrauch desselben frei sein sollte kraft des Grundsatzes, daß die Arbeit die einzige Basis des Preises sei; daß der Kapitalausleiher dessen völlige Zurückerstattung, aber nichts weiter beanspruchen dürfe; daß der einzige Grund, weshalb der Bankier, der Aktienbesitzer, der Großgrundbesitzer, der Fabrikant und der Kaufmann imstande seien, der Arbeit Wucher zu erpressen, in der Tatsache liege, daß sie im Schütze gesetzlicher Privilegien oder des Monopols ständen; und daß der einzige Weg, auf dem der Arbeit der Genuß ihres vollen Ertrags oder natürlichen Lohnes gesichert werden könne, in der Niederwerfung des Monopols zu suchen sei.

 

Es muß nicht gefolgert werden, daß Warren oder Proudhon oder Marx sich genau dieser Ausdrucksweise bedient oder genau diesen Gedankengang verfolgt haben, aber sie deuten bestimmt genug den eigentlichen Standpunkt an, den alle drei eingenommen haben, wie auch ihren wesentlichen Gedankenkern bis zu der Grenze ihrer Übereinstimmung. Und, damit ich nicht beschuldigt werde, die Stellung und Argumente dieser Männer unrichtig dargestellt zu haben, mag es geraten sein, im voraus zu betonen, daß ich dieselben mit umfassendem Blicke betrachtet und zwecks scharfen, lebendigen und bestimmten Vergleichs und Kontrastes mir beträchtliche Freiheiten mit ihren Gedanken erlaubt habe, indem ich sie nach meinem eigenen Dafürhalten neu ordnete und mich oftmals einer anderen Ausdrucksweise bediente, ohne sie indessen, nach meiner Überzeugung, in irgendwelcher wesentlichen Einzelheit falsch dargestellt zu haben.

 

Es war an diesem Punkte – der Notwendigkeit der Niederwerfung des Monopols -, daß sich ihre Wege trennten. Hier teilten sich die Straßen. Sie sahen sich genötigt, entweder rechts oder links zu gehen, den Pfad der Autorität oder den Pfad der Freiheit zu verfolgen. Marx schlug die eine Richtung ein; Warren und Proudhon die andere. So entstanden Staatssozialismus und Anarchismus.

 

Betrachten wir zuerst also den Staatssozialismus, welcher als die Doktrin bezeichnet werden kann, daß alle menschlichen Angelegenheiten unter der Leitung des Staates stehen sollen, unbekümmert um individuelle Wahl. Marx, sein Begründer, kam zu dem Schluß, daß die Abschaffung der Klassenmonopole einzig auf dem Wege der Zentralisation und Konsolidation aller industriellen und kommerziellen Interessen, aller produktiven und distributiven Tätigkeiten in ein ungeheures Monopol, den Staat, erreicht werden könne. Die Regierung muß Bankier, Fabrikant, Farmer, Spediteur und Händler werden und in diesen Beziehungen keine Konkurrenz dulden. Grund und Boden, Werkzeuge und alle Produktionsmittel müssen den Händen einzelner entrissen und zum Eigentum der Allgemeinheit gemacht werden. Dem Individuum können nur die zu konsumierenden Produkte, nicht aber die Produktionsmittel gehören. Ein Mensch kann seine Nahrung und seine Kleider eignen, nicht aber auch die Nähmaschine, die seine Hemden näht, oder den Spaten, der seine Kartoffeln gräbt. Produkt und Kapital sind wesentlich verschiedene Dinge(1); erstes gehört dem Individuum, letzteres der Gesellschaft. Die Gesellschaft muß das Kapital, das ihr gehört, an sich reißen, – auf dem Wege der Abstimmung, wenn sie kann; auf dem Wege der Revolution, wenn sie muß. Einmal im Besitze desselben, muß sie es nach dem Majoritätsprinzip durch ihr Organ, den Staat, verwalten, es zu Produktion und Distribution verwenden, alle Preise nach der dabei in Betracht kommenden Arbeitsmenge bestimmen und die ganze Bevölkerung in ihren Werkstätten, auf ihren Ländereien, in ihren Kaufläden usw. beschäftigen. Die Nation muß in eine ungeheure Bürokratie und jedes Individuum in einen Staatsbeamten umgewandelt werden. Alles wird notwendigerweise auf Grund des Kostenprinzips getan werden, da den Leuten das Motiv fehlen wird, aus einander einen Profit herauszuschlagen. Da den Individuen nicht erlaubt sein wird, Kapital zu besitzen, kann keines das andere beschäftigen, nicht einmal sich selbst. Jedermann wird ein Lohnarbeiter und der Staat der einzige Lohngeber sein. Wer nicht für den Staat arbeiten will, muß verhungern oder, was wahrscheinlicher ist, ins Gefängnis wandern. Die Handelsfreiheit muß vollständig aufhören. Die Konkurrenz muß ausgerottet werden. Jode industrielle und kommerzielle Tätigkeit muß sich in ein unabsehbares, ungeheures, allumfassendes Monopol auflösen. Das Heilmittel gegen Monopole ist das Monopol.

 

Solcher Art ist das wirtschaftliche Programm des Staatssozialismus, wie es Karl Marx entnommen ist. Auf die Geschichte seines Wachstums und Fortschritts kann hier nicht eingegangen werden. Hierzulande heißt die dasselbe befürwortende Partei die Sozialistische Arbeiterpartei und sie hat Gruppen und Sektionen in allen größeren Städten. Welch andere Anwendungen sich aus diesem Autoritätsprinzip ergeben werden, wenn es einmal in der wirtschaftlichen Sphäre angenommen ist, liegt auf der Hand. Es bedeutet die absolute Kontrolle alles individuellen Handelns seitens der Majorität. Das Recht solcher Kontrolle ist von den Staatssozialisten schon jetzt zugestanden, obgleich sie behaupten, daß in Wirklichkeit dem Individuum größere Freiheiten erlaubt sein werden, als es sich deren heute erfreut. Doch sie würden ihm nur erlaubt sein, es könnte sie nicht als sein Recht beanspruchen. Es gäbe keine Rechte mehr, nur noch Privilegien. Soviel Freiheit, wie allenfalls bestände, würde nur auf Duldung beruhen und könnte jeden Augenblick entzogen werden. Konstitutionelle Garantien würden nichts nützen. Es gäbe nur einen Artikel in der Konstitution eines staatssozialistischen Landes: „Das Recht der Majorität ist absolut.“

 

Die Behauptung der Staatssozialisten jedoch, daß dieses Recht keine Anwendung finden würde in Dingen, die das Individuum in den engen, privaten Verhältnissen des Lebens angehen, wird durch die Geschichte der Regierungen nicht bestätigt. Es lag von jeher im Wesen der Gewalt, sich zu vermehren, ihre Sphäre zu erweitern, die ihr gesetzten Grenzen zu überschreiten; und wo das Streben, solchen Übergriffen zu opponieren, nicht gepflegt wird, wo das Individuum nicht dazu angehalten wird, seine Rechte argwöhnisch zu bewachen, verschwindet die Individualität nach und nach, und die Regierung oder der Staat wird alles in allem. Kontrolle ist die natürliche Folge der Verantwortlichkeit. Unter dem System des Staatssozialismus, der die Gewalt verantwortlich hält für die Gesundheit, den Wohlstand und die Bildung des Individuums, ist es deshalb selbstverständlich, daß die Gesellschaft auf Grund ihrer Majorität mehr und mehr darauf bestehen wird, die Bedingungen für Gesundheit, Wohlstand und Bildung vorzuschreiben, in solcher Weise die individuelle Unabhängigkeit und mit ihr das Gefühl der individuellen Verantwortlichkeit beeinträchtigend und schließlich gänzlich zerstörend.

 

Was immer auch nun die Staatssozialisten behaupten oder ableugnen, ihr System ist, wenn angenommen, dazu verurteilt, zu einer Staatsreligion zu führen, zu deren Kosten alle beitragen und vor deren Altar alle knieen müssen; zu einer Staatsschule für Medizin, von deren Praktikern die Kranken ausnahmslos müssen behandelt werden; zu einem Staatssystem der Hygiene, das vorschreibt, was alle essen, trinken, womit sie sich bekleiden und was sie tun und lassen müssen; zu einem Staatskodex der Moral, der sich nicht mit der Bestrafung des Verbrechens zufrieden geben, sondern auch was die Majorität als Laster bezeichnen mag, unterdrücken wird; zu einem Staatssystem des Unterrichts, das alle Privatschulen, Akademien und Universitäten verbieten wird; zu einer Staats-Kleinkinderstube, wo alle Kinder gemeinschaftlich auf öffentliche Kosten erzogen werden müssen; und schließlich zu einer Staatsfamilie, mit dem Versuch, Stirpikultur oder wissenschaftliche Züchtung einzuführen, wonach es keinem Mann oder keiner Frau erlaubt sein wird, Kinder zu haben, wenn der Staat es verbietet, und kein Mann und keine Frau sich weigern können, Kinder zu haben, wenn der Staat es gebietet. So wird die Autorität ihren Gipfel und das Monopol seine höchste Machtentfaltung erreichen.

 

Solche Art ist das Ideal des logisch denkenden Staatssozialisten, solches das Ziel am Ende der Bahn, die Karl Marx eingeschlagen hat.

 

Verfolgen wir jetzt die Geschicke Warrens und Proudhons, welche die andere Bahn gingen -die Bahn der Freiheit. Dies führt uns zum Anarchismus, der als die Doktrin bezeichnet werden kann, daß alle menschlichen Angelegenheiten unter der Leitung von Individuen oder freiwilligen Assoziationen stehen sollen, und daß der Staat abgeschafft werden sollte.

 

Als Warren und Proudhon in ihren Forschungen nach Gerechtigkeit für die Arbeit auf das Hindernis der Klassenmonopole stießen, sahen sie, daß diese Monopole auf dem Prinzip der Autorität beruhten, und sie gelangten zu dem Schluß, daß das, was nottue, nicht die Verstärkung der Autorität und die daraus sich ergebende Verallgemeinerung des Monopols, sondern die gänzliche Entwurzelung der Autorität und die unverkürzte Anerkennung des entgegengesetzten Prinzips, der Freiheit, durch die sich daraus ergebende Verallgemeinerung der Konkurrenz, des Gegensatzes des Monopols, sei. Sie erblickten in der Konkurrenz die ausgleichende Macht zwischen den Preisen und den Arbeitskosten der Produktion. Darin stimmten sie mit sämtlichen Nationalökonomen überein. Die Frage präsentierte sich alsdann natürlicherweise, warum die Preise nicht zu den Arbeitskosten herabsinken; wie es noch Einkünfte geben könne, die anders als durch Arbeit erlangt werden; mit einem Wort, warum der Wucherer, der Zins-, Rente- und Provitbezieher existiert. Die Antwort fand sich in der heutigen Einseitigkeit der Konkurrenz. Man ward gewahr, daß das Kapital die Gesetzgebung so gemodelt hatte, daß die unumschränkteste Konkurrenz in der Lieferung produktiver Arbeit erlaubt wird, infolgedessen die Löhne an der Hungergrenze oder so nahe daran wie tunlich erhalten werden; daß sehr starke Konkurrenz gestattet ist im Angebot distributiver Arbeit, oder der Arbeit der handelstreibenden Klasse, infolgedessen nicht die Preise der Waren, wohl aber des Kaufmanns wirkliche Profite auf einem Punkte erhalten bleiben, der einem gerechten Lohne für seine Arbeit einigermaßen nahekommt; daß aber fast durchaus keine Konkurrenz gestattet ist im Angebot des Kapitals, auf dessen Mitwirkung produktive wie distributive Arbeit, um sich nutzbringend betätigen zu können, angewiesen sind, infolge dessen der Zinsfluß, die Haus- und Bodenrente und der Profit des Fabrikanten an patent- und tarifgeschützten Waren auf einem so hohen Punkte erhalten bleiben, wie die Notdurft des Volkes es verträgt.

 

Nach dieser Entdeckung beschuldigten Warren und Proudhon die Nationalökonomen der Furcht vor ihrer eigenen Lehre. Sie ziehen die Manchesterleute der Inkonsequenz. Sie warfen ihnen vor, die freie Konkurrenz der Arbeiter unter sich zu begünstigen, um deren Löhne herunterzudrücken; nicht aber auch die freie Konkurrenz der Kapitalisten unter sich, um deren Wucher zu reduzieren. Laissez faire war eine vortreffliche Sauce zu der Gans Arbeit, aber eine höchst magere Sauce zum Gänserich Kapital. Aber wie diese Inkonsequenz lösen, wie diesen Gänserich mit derselben Sauce bedienen, wie das Kapital zum Kostenpreis oder es wucherfrei in den Dienst des Handels und der Arbeit stellen? – das war das Problem.

 

Marx, wie wir gesehen haben, löste es durch die Erklärung, daß das Kapital eine von dem Produkt wesentlich verschiedene Sache sei, daß es der Gesellschaft gehöre, und folglich von ihr mit Beschlag belegt und im Interesse der Gesamtheit verwaltet werden sollte. Proudhon verspottete diese Unterscheidung zwischen Kapital und Produkt. Er behauptete, Kapital und Produkt seien nicht verschiedene Arten des Reichtums, sondern miteinander abwechselnde Zustände der Funktion desselben; daß aller Reichtum einer fortwährenden Umwandlung von Kapital in Produkt und von Produkt wieder in Kapital unterworfen sei, ein sich unendlich wiederholender Prozeß; daß Kapital und Arbeit einfach soziale Bezeichnungen seien; daß, was in den Händen eines Menschen Produkt sei, in den Händen eines anderen sich unverzüglich in Kapital verwandle, und umgekehrt; daß, gäbe es nur einen Menschen in der Welt, aller Reichtum Kapital und Produkt zugleich wäre; daß der Ertrag von A’s Arbeit dessen Produkt sei, das an B verkauft, B’s Kapital werde (ausgenommen B ist ein unproduktiver Konsument, in welchem Falle es einfach vergeudeter Reichtum sei und außerhalb wirtschaftlicher Berücksichtigung liege); daß eine Dampfmaschine ebensogut Produkt sei wie ein Rock, und daß ein Rock ebensogut Kapital sei wie eine Dampfmaschine; und daß dieselben Billigkeitsgesetze den Besitz des einen wie des anderen beherrschen.

 

Aus diesen und anderen Gründen verweigerten Proudhon und Warren allen Plänen, wie dem der Beschlagnahme des Kapitals seitens der Gesellschaft, ihre Zustimmung. Aber, obschon sie die Vergesellschaftlichung des Kapitalbesitzes verwarfen, zielten sie doch auf die Vergesellschaftlichung seiner Wirkungen ab, indem sie die Nutznießung desselben allen zugute kommen lassen wollten, anstatt, wie heutzutage, fast ausschließlich den Wenigen auf Unkosten der Vielen. Und als das Licht auf sie hereinbrach, sahen sie, daß dies erzielt werden könne durch Unterordnung des Kapitals unter das natürliche Gesetz der Konkurrenz, wodurch der Preis seines Nießbrauchs auf die Kosten reduziert würde, d.h. auf die mit der Handhabung und Übertragung desselben verbundenen Auslagen^ Sie entfalteten die Fahne absoluten Freihandels; Freihandel im eigenen Lande wie mit fremden Ländern; die logische Durchführung der Manchesterlehre, laissez – faire die allgemeine Regel. Unter dieser Fahne begannen sie ihren Kampf gegen die Monopole, sei es das allumfassende Monopol der Staatssozialisten, seien es die verschiedenen Klassenmonopole von heute.

 

Der Bedeutung nach als zweites erscheint das Grund- und Bodenmonopol, dessen üble Wirkung sich hauptsächlich in ausschließlich ackerbautreibenden Ländern, wie Irland, fühlbar machen. Dieses Monopol besteht in der durch Zwangsmittel bewirkten Aufrechterhaltung von Besitztiteln auf Grund und Boden seitens der Regierung, die nicht auf persönlicher Okkupation und Benutzung beruhen. Es war Warren und Proudhon klar, daß, sobald die Menschen keinen Schutz mehr finden außer in der persönlichen Okkupation und Bebauung des Grund und Bodens, die Bodenrente wegfallen und der Wucher eine weitere Stütze verlieren wird. Ihre Anhänger von heute sind bereit, diese Forderung bis zu dem Maße einzuschränken, daß sie zugeben, der sehr kleine, nicht auf Monopol, sondern auf der Überlegenheit des Landes und der Lage beruhende Rest der Grundrente werde eine Zeitlang, vielleicht für immer, fortbestehen, obwohl er unter den Bedingungen der Freiheit ständig nach dem Minimum hin neigen würde. Aber die Ungleichheit der Ländereien, die der Ursprung der ökonomischen Bodenrente ist, wie die Ungleichheit der menschlichen Fähigkeiten, die der Ursprung der ökonomischen Fähigkeitsrente ist, sind kein Grund zu ernstlicher Beunruhigung, selbst für den entschiedensten Gegner des Wuchers nicht, da seine Natur nicht die eines Keimes ist, aus dem andere und schwerwiegendere Ungleichheiten entspringen können, sondern eher die eines absterbenden Zweiges, der letzten Endes einschrumpfen und abfallen wird.

 

Drittens das Zollmonopol, welches in der Förderung der zu hohen Preisen und unter ungünstigen Verhältnissen betriebenen Produktion besteht, indem es diejenigen mit der Strafe einer Steuer belegt, welche die zu billigen Preise und unter günstigen Verhältnissen betriebene Produktion unterstützen. Dieses Monopol macht die Arbeit nicht so sehr dem Nießbrauch des Kapitals tributpflichtig als vielmehr dem Mißbrauch desselben, und das aus demselben stammende Übel unterscheidet sich demgemäß von dem gewöhnlichen Wucher. Die Abschaffung dieses Monopols würde eine große Reduktion der Preise aller bis dahin mit Zoll belegten Waren zur folge haben und die sich daraus ergebende Ersparnis zugunsten der jene Waren konsumierenden Arbeiter wäre ein weiterer Schritt in der Richtung, dem Arbeiter seinen natürlichen Lohn, seinen vollen Arbeitsertrag zu sicher. Proudhon gab jedoch zu, daß die Abschaffung dieses Monopols, solange das Geldmonopol noch besteht, eine grausame und folgenschwere Maßregel wäre, erstens, weil das aus dem Geldmonopol entspringende Übel des Geldmangels sich verschlimmern würde infolge des durch den Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr bedingten Abflusses des Geldes aus dem Lande, und zweitens, weil diejenigen Arbeiter eines Landes, die jetzt in den geschützten Industrien ein Unterkommen finden, entlassen und dem Elend preisgegeben würden, ohne den Vorteil der unstillbaren Nachfrage nach Arbeit, welche ein die freie Konkurrenz zulassendes Geldsystem schaffen würde. Freiheit in der Beschaffung des Zirkulationsmittels im eigenen Lande, Geld wie Arbeit in reichlichem Maß schaffend, – darauf bestand Proudhon als einer dem Freihandel mit fremden Ländern vorauszugehende Bedingung.

 

Viertens das Patentmonopol, das darin besteht, Erfinder und Autoren auf einen hinlänglichen Zeitraum gegen alle Konkurrenz zu schützen, um sie in den Stand zu setzen, vom Volke eine weit über das Arbeitsmaß ihrer Dienste hinausgehende Abgabe zu erheben, – in anderen Worten darin, gewissen Leuten auf eine bestimmte Zeitdauer ein Eigentumsrecht an gewissen Naturgesetzen und -Tatsachen und folglich auch die Macht zu verleihen, andere den Nießbrauch dieses natürlichen Reichtums, der allen gleich zugänglich sein sollte, tributpflichtig zu machen. Die Abschaffung dieses Monopols würde dessen Nutznießer mit einer heilsamen Furcht vor der Konkurrenz erfüllen, infolgedessen sie sich mit einer Vergütung ihrer Dienste zufrieden geben würden, die derjenigen anderer Arbeiter gleichkäme, und die sie sich durchaus sichern könnten, daß sie ihre Produkte und Werke von vornherein zu mäßigen Preisen auf den Markt brächten, die die Konkurrenz in keinem höheren Grade herausfordern würden als andere Unternehmungen auch.

 

Die Ausführung des ökonomischen Programms, das in der Zerstörung dieser Monopole und der Einsetzung der freiesten Konkurrenz an deren Stelle gipfelte, führte seine Vertreter zur Wahrnehmung der Tatsache, daß ihre ganze Betrachtung auf einem sehr fundamentalen Prinzip beruhe, nämlich auf dem Prinzip der Freiheit des Individuums, auf dem Rechte der Selbstherrlichkeit über seine Person, seine Produkte und seine Angelegenheiten, und dem Recht der Auflehnung gegen die Diktatur fremder Autorität. Gerade wie die Idee der Expropriation der Individuen und der Aneignung des Kapitals seitens der Regierung Marx auf die Bahn führte, die in der Apotheose der Regierung und der Verneinung des Individuums endet, so führte die Idee der Expropriation der unter Regierungsschutz stehenden Monopole und der Verallgemeinerung des Kapitalnießbrauchs Warren und Proudhon auf die Bahn, die in der Apotheose des Individuums und der Verneinung der Regierung endet. Hat das Individuum das Recht zur Selbstbestimmung, dann ist alle fremde Regierung Tyrannei. Daraus folgt die Notwendigkeit der Abschaffung des Staates. Das war der Schluß, auf den sich Warren und Proudhon verpflichtet sahen und den sie zum Grundstein ihrer politischen Philosophie machten. Es ist die Lehre, welche Proudhon mit dem Namen Anarchismus belegte, einem dem Griechischen entnommenen Wort, das nicht notwendigerweise, wie allgemein angenommen wird, Ordnungslosigkeit bedeutet, sondern Herrschaftslosigkeit. Die Anarchisten sind einfach unerschrockene Jeffersonsche Demokraten. Sie glauben, daß „diejenige Regierung die beste ist, die am wenigsten regiert,“ und daß diejenige, die am wenigsten regiert, gar keine Regierung ist. Sie sprechen allen durch Zwangssteuern aufrechterhaltenen Regierungen die Berechtigung sogar des einfachen polizeilichen Schutzes von persönlichem Eigentum ab. Den Schutz, solange er notwendig sein mag, betrachten sie als eine Sache, die durch freiwillige Assoziation und Kooperation zwecks Selbstverteidigung zu beschaffen ist, oder als eine Ware, die wie jede andere Ware von denjenigen zu beziehen ist, die den besten Artikel zum billigsten Preise liefern. Nach ihrer Auffassung ist es schon ein Angriff auf das Individuum, dasselbe zwecks Schutzes gegen den Angriff zu besteuern, wenn es diesen Schutz nicht verlangt. Und sie behaupten ferner, daß aller Schutz überflüssig sein werde, wenn einst infolge der Verwirklichung ihres ökonomischen Programms die Armut, und mit ihr das Verbrechen, aus der Welt geschafft sein wird. Die Zwangssteuer ist in ihren Augen das Lebensprinzip aller Monopole, und sie tragen sich mit dem Gedanken des passiven Widerstands gegen den Steuereinnehmer, wenn die rechte Zeit dazu gekommen sein wird, als eines der wirksamsten Mittel zur Erreichung ihrer Ziele.

 

Ihre Stellung zu dieser Frage ist der Schlüssel zu ihrer Stellung zu allen ändern Fragen politischer und sozialer Natur. Soweit es sich in Religionssachen um ihre eigenen Ansichten handelt, sind sie atheistisch, denn sie betrachten die Autorität Gottes und die religiöse Weihe der Moral als den Hauptvorwand der privilegierten Klasse für die Ausübung menschlicher Autorität. „Wenn Gott existiert,“ sagt Proudhon, „so ist er des Menschen Feind.“ Und im Gegensatz zu Voltaires berühmten Epigramm: „Gäbe es keinen Gott, so müßte man einen erfinden“; stellte der große russische Nihilist Michael Bakunin die antitheistische Behauptung auf: „Existierte ein Gott, so müßte man ihn abschaffen.“ Aber obgleich die Anarchisten die theologische Hierarchie verwerfen, indem sie in derselben einen Widerspruch zum Anarchismus erblicken, so bestehen sie doch auf der Freiheit, an dieselbe zu glauben. Sie verwerfen konsequent jede Verkürzung der religiösen Freiheit. Das Recht des Individuums, sein eigener Priester zu sein, oder seinen eigenen Priester zu wählen, proklamierend, bestehen sie gleichfalls auf dem Recht desselben, sein eigener Arzt zu sein, oder seinen eigenen Arzt zu wählen. Kein Monopol in der Theologie, keins in der Medizin. Allgemeine Konkurrenz: geistlicher Rat wie medizinischer Rat muß stehen oder fallen nach eigenem Wert oder Unwert. Und nicht nur in der Medizin, auch auf dem Gebiet der Hygiene muß dieses Prinzip der Freiheit zur Anwendung gelangen. Das Individuum mag für sich entscheiden, nicht allein, was es tun muß, um gesund zu werden, sondern auch, was es tun muß, um gesund zu bleiben. Keine fremde Macht darf ihm vorschreiben, was es essen, trinken, womit es sich bekleiden und was es tun und lassen soll.

 

Auch liegt es nicht im anarchistischen Plan, einen Moralkodex zu schaffen, den sich das Individuum zur Richtschnur nehmen muß. „Bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten“ ist sein einziges Moralgesetz. Einmischungen in die Angelegenheiten anderer ist ein Verbrechen, und das einzige Verbrechen, und mag als solches in gehöriger Weise zurückgewiesen werden. In Übereinstimmung mit dieser Anschauung betrachten die Anarchisten alle Versuche, das Laster zu unterdrücken, als an und für sich verbrecherisch. Sie sehen in der Freiheit, wie in dem aus der-. selben resultierenden allgemeinen Wohl das sichere Heilmittel gegen alle Laster. Aber sie anerkennen das Recht des Trunkenbolds, des Spielers, des Würstlings, der Dirne, ihren eigenen Lebenswandel zu befolgen, bis diese aus freier Wahl demselben zu entsagen sich entschließen.

 

In bezug auf die Versorgung und Erziehung der Kinder würden die Anarchisten weder die kommunistische Kleinkinderstube einsetzen, welche die Staatssozialisten begünstigen, noch das heutige kommunistische öffentliche Schulsystem aufrecht erhalten. Die Amme und der Lehrer, wie der Arzt und der Priester, müssen freiwillig gewählt werden, und ihre Dienste müssen von denjenigen belohnt werden, die sie benötigen. Elterliche Rechte dürfen nicht angetastet und elterliche Verantwortlichkeit darf nicht ändern aufgebürdet werden.

 

Selbst in einer so zarten Angelegenheit, wie dem Verhältnis der Geschlechter schrecken die Anarchisten nicht vor der Anwendung ihres Prinzips zurück. Sie anerkennen und verteidigen das Recht irgendeines Mannes und irgendeiner Frau, oder irgendeiner Anzahl von Männern und Frauen, sich auf so lange oder so kurze Zeitdauer zu lieben, wie sie können, wollen oder mögen. Gesetzliche Ehe wie Ehescheidung sind ihnen beides Abgeschmacktheiten. Sie erschauen eine Zeit, in der jedes Individuum ob Mann, ob Weib, sich selbst versorgen wird, und in der jedes ein eigenes unabhängiges Heim besitzen wird, sei es nun ein eigenes Haus oder Räumlichkeiten in einem Hause mit ändern; in der die Liebesverhältnisse zwischen diesen selbständigen Individuen so verschiedenartig sein werden, wie ihre Neigungen und Wahlverwandschaften; und in der die in diesen Verhältnissen geborenen Kinder ausschließlich den Müttern angehören werden, bis sie alt genug sind, sich selbst anzugehören.

 

Solcher Art sind die Hauptzüge des anarchistischen sozialen Ideals. Es herrscht eine große Meinungsverschiedenheit unter seinen Bekennern bezüglich der besten Mittel, es zu verwirklichen. Mangel an Raum verbietet die Behandlung dieses Teils des Gegenstandes hier. Ich wünsche nur die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß es ein Ideal ist gänzlich unvereinbar mit demjenigen jener Kommunisten, die sich fälschlich Anarchisten nennen, während sie zur selben Zeit ein Regime des Anarchismus befürworten, so despotisch wie dasjenige der Staatssozialisten selber. Und es ist ein Ideal, das so wenig gefördert werden kann durch die von John Most und Fürst Krapotkin empfohlene Expropriation, wie es gehemmt werden kann von den Besen jener Mrs. Partingtons des Richterstuhls, welche sie zum Gefängnis verurteilen; ein Ideal, das die Chicagoer Märtyrer durch ihren glorreichen Tod auf dem Galgen für die gemeinsame Sache des Sozialismus weit mehr förderten, als während ihres Lebens durch ihre bedauerliche, im Namen des Anarchismus ausgesprochene Befürwortung der Gewalt als revolutionär wirksamen Mittels und der Autorität als einer Schutzwehr der neuen sozialen Ordnung. Die Freiheit ist den Anarchisten zugleich Ziel und Mittel und sie sind allem abhold, was ihr entgegensteht.

 

Seit diese Abhandlung verfaßt wurde, ist mir in einer Pariser Zeitung ein Artikel von Ernest Lesigne zu Gesicht gekommen, welcher das, was ich auseinanderzusetzen versuchte, in einer Reihe solch treffender und glänzender Gegensätze zusammengefaßt, daß ich nicht umhin kann, ihn hier zum Schluß zum Abdruck zu bringen:

 

Es gibt zwei Sozialismen.

Der eine ist kommunistisch, der andere solidarisch.

Der eine ist diktatorisch, der andere freiheitlich.

Der eine ist metaphysisch, der andere positiv.

Der eine ist dogmatisch, der andere wissenschaftlich.

Der eine ist gefühlsmäßig, der andere nachdenkend.

Der eine ist niederreißend, der andere aufbauend.

Beide erstreben die größtmögliche Wohlfahrt aller.

Der eine trachtet das Glück aller zu gründen, der andere, jeden in den Stand zu setzen, auf seine eigene Weise glücklich zu sein.

Der erste betrachtet den Staat als eine Gesellschaft sui generis, von einer besonderen Wesenheit, die Schöpfung eines sozusagen göttlichen Rechtes außerhalb und über aller Gesellschaft stehend, mit besonderen Rechten und der Befugnis ausgestattet, unbedingten Gehorsam zu erzwingen; der zweite betrachtet den Staat als eine Assoziation wie jene andere, gewöhnlich schlechter verwaltet als andere.Der erste proklamiert die Oberherrschaft des Staates, der zweite verwirft alle Herrschaft.

Der eine will alle Monopole in den Händen des Staates wissen, der andere wünscht die Abschaffung aller Monopole.

Der eine will die regierte Klasse zu regierenden machen; der andere wünscht die Beseitigung aller Klassen.

Beide erklären, daß die herrschende Ordnung der Dinge nicht dauern könne.

Der erste betrachtet die Revolution als unentbehrliches wirksames Mittel der Evolution; der zweite lehrt, daß Unterdrückung allein die Evolution in Revolution verwandelt.

Der erste glaubt an die Umwälzung.

Der zweite weiß, daß sozialer Fortschritt aus der freien Betätigung der Individuen erfolgen wird.

Beide erkennen, daß wir am Eingang einer neuen Geschichtsperiode stehen.

Der eine wünscht, daß es nur noch Proletarier gebe.

Der andere wünscht, daß es keine Proletarier mehr gebe.

Der erste will jedem alles nehmen.

Der zweite will jeden im Besitz des Seinigen lassen.

Der erste will jeden expropriieren.

Der zweite will jeden zum Eigentümer machen

Der erste sagt: „Tue wie die Regierung will“

Der zweite sagt: „Handle nach eigenem Ermessen.“

Der erste droht mit Despotismus.

Der letztere verheißt die Freiheit.

Der erste macht den Bürger zum Untertanen des Staates.

Der letztere macht den Staat zum Angestellten des Bürgers.

Der eine erklärt die Notwendigkeit der die Geburt der neuen Welt begleitenden Wehen.

Der andere erklärt die Schmerzlosigkeit alles wahren Fortschritts.

Der erste setzt sein Vertrauen in soziale Kriege.

Der andere vertraut nur auf die Werke des Friedens. Der eine trachtet zu befehlen, anzuordnen, Gesetze zu geben. Der andere will das

Minimum von Befehl, Verordnung und Gesetzgebung erreichen. Der eine würde die gräßlichste Reaktion zur Folge haben. Der andere eröffnet dem Fortschritt einen unbegrenzten Horizont. Der erste wird fehlschlagen; der andere wird durchdringen. Beide erstreben Gleichheit.

Der eine, indem er zu hoch Stehende herunterzieht. Der andere, indem er zu niedrig Stehende emporrichtet. Der eine erblickt die Gleichheit im gemeinsamen Joch. Der andere will die Gleichheit der vollkommenen Freiheit. Der eine ist intolerant, der andere ist tolerant. Der eine schüchtert ein, der andere ermutigt. Der erste will jeden unterrichten.

Der zweite will jeden in den Stand setzen, sich selber zu unterrichten. Der erste will jeden erhalten.

Der zweite will jeden in den Stand setzen, sich selber zu erhalten.

Der eine sagt: Der Grund und Boden dem Staat. Das Bergwerk dem Staat. Das Werkzeug dem Staat. Das Produkt dem Staat.

Der andere sagt: Der Grund und Boden dem Bebauer. Das Bergwerk dem Bergmann. Das Werkzeug dem Arbeiter. Das Produkt dem Produzenten. Es gibt nur diese zwei Sozialismen.

Der eine ist die Kindheit des Sozialismus; der andere ist sein Mannesalter. Der eine ist bereits die Vergangenheit; der andere ist die Zukunft. Der eine wird dem anderen Platz machen.

 

Heutzutage muß sich ein jeder für den einen oder den ändern dieser beiden Sozialismen entscheiden, oder aber bekennen, daß er kein Sozialist ist.

 

 

(1) Ein Freund, dem ich dieses Manuskript zur Einsicht unterbreitete und der sich in allgemeiner Übereinstimmung mit dessen Hauptpunkten findet, erhebt den Einwand, daß die hier Marx zugeschriebene Unterscheidung zwischen Kapital und Produkt nicht von ihm selber gemacht wurde, obwohl sie von seinen Anhängern hervorgehoben wird. Meiner Meinung nach ist sie billigerweise Marx selber zuzuschreiben. Sie ist in der eigentlichen Grundarbeit seines ökonomischen Systems enthalten, in seiner Erklärung der beiden Formen der Warenzirkulation, zwischen denen er unterscheidet – Ware-Geld-Ware und Geld-Ware-Geld. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sollte bemerkt werden, daß nicht behauptet wird, Marx habe diese Unterscheidung auf moralische Erwägungen gegründet, sondern daß er sie einfach als eine Sache ökonomischer Notwendigkeit betrachtete.

 

Written by floriangrebner

19. Oktober 2010 at 22:09

Veröffentlicht in Grundlagentexte, Klassiker