Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Parteipolitik und andere Formen organisierter Kriminalität’ Category

Rand Paul macht Schluss mit dem ganzen Ron-Paul-Revolutions-Spuk

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Von Karl Kraus stammt die Weisheit, der Begriff „Familienbande“ trüge den „Beigeschmack von Wahrheit“. Mit diesem Ganovenstück ist nun vor allem eines klargestellt: die seit 2008 (vorübergehend sogar erbittert auf Paxx.tv und andernorts) geführte Debatte ad 1) des Für und Wider von Parteipolitik sowie ad 2) des Für und Wider einer Ankoppelung an kulturkonservative (und damit folgerichtigerweise staatstolerante) Strömungen haben die Paxxies gewonnen. Und zwar nicht nach Punkten, sondern durch K.O.!

Alles andere ist letztlich jetzt eine – traurige – Familienangelegenheit.

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Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

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Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

Patriotismus – Eine Bedrohung der Freiheit

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von Emma Goldmann (1911)

 

Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und

Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen? Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher

Naivität den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns

gegeben war, so rasch dahinzuschweben?

 

Ist es der Ort, an dem wir standen und die Milliarden glitzernder Sterne zählten, angstgelähmt

bei dem Gedanken, jeder einzelne „könnte ein Auge sein“, das bis in die tiefsten Tiefen

unserer kleinen Seelen vorzudringen vermöchte?

 

Ist es der Platz, an dem wir der Musik des Vogelsangs lauschten und wünschten, Schwingen

zu haben, um, genau wie sie, in ferne Länder fliegen zu können? Oder ist es der Ort, an dem

wir, auf Mutters Knien sitzend, hingerissen waren von wundervollen Geschichten über große

Taten und Siege? Kurz gesagt, ist es die Liebe zu jenem Fleckchen Erde, das in jedem

Zentimeter Boden uns liebe und teure Erinnerungen an eine glückliche und verspielte

Kindheit birgt?

 

Wenn das Patriotismus wäre, könnten nur wenige Amerikaner heute patriotisch genannt

werden, da ihr Spielplatz in eine Fabrik, eine Spinnerei oder ein Bergwerk verwandelt wurde,

während der betäubende Lärm von Maschinen den Gesang der Vögel ersetzt hat. Auch

können wir nicht länger den Geschichten großer Taten lauschen, da unsere Mütter uns heute

nur Geschichten der Tränen, der Trauer und des Schmerzes zu erzählen wissen. Was ist dann

aber Patriotismus? „Patriotismus, mein Herr, ist die letzte Zuflucht der Schufte“, sagte Dr.

Johnson.

 

Leo Tolstoi, der größte Gegner des Patriotismus unserer Zeit, definiert ihn als das Prinzip, das

die Ausbildung für den Mord auf breiter Basis zu rechtfertigen erlaubt; ein Handwerk, das

bessere Ausrüstung zum Mord erfordert als zur Herstellung der Lebensnotwendigkeiten wie

Schuhe, Bekleidung und Häuser; ein Handwerk, das bessere Entlohnung und größeren Ruhm

garantiert als den, den der gewöhnliche Arbeiter erhält.

 

Gustav Hervé, ein weiterer großer Gegner des Patriotismus, nennt ihn zurecht einen

Aberglauben – einen, der schädlicher, brutaler und inhumaner ist als die Religion. Der

religiöse Aberglaube hatte seinen Ursprung in der Unfähigkeit des Menschen, die Phänomene

der Natur zu erklären. D.h., als der Primitive den Donnerschlag hörte oder den Blitz sah,

konnte er sich weder den einen noch den anderen erklären und schloß daher, daß hinter ihnen

eine Macht stehen müsse, die größer war als er selbst. Ähnlich vermutete er im Regen und in

den anderen Naturvorgängen eine übernatürliche Macht. Patriotismus hingegen ist ein

künstlich geschaffener Aberglaube, der durch ein Netzwerk der Lügen und Falschheiten am

Leben erhalten wird; ein Aberglaube, der den Menschen seiner Selbstachtung und Würde

beraubt und seine Arroganz und Überheblichkeit fördert. In der Tat sind Ubernatürlichkeit,

Arroganz und Egoismus die wesentlichsten Zutaten des Patriotismus. Lassen Sie mich das

illustrieren.

 

Der Patriotismus nimmt an, daß die Erde aufgeteilt ist in lauter kleine Fleckchen, von denen

jedes umgeben ist von einem eisernen Gitter. Jene, die das Glück hatten, auf einem

bestimmten Fleckchen geboren zu werden, erachten sich als besser, edler, großartiger und

intelligenter als all jene Lebewesen, die andere Fleckchen bewohnen. Es ist daher die Pflicht

jedes einzelnen, der ein solch auserwähltes Fleckchen bewohnt, zu kämpfen, zu töten und zu

sterben bei dem Versuch, allen anderen seine Überlegenheit aufzuzwingen.

Die Bewohner der anderen Fleckchen argumentieren natürlich in der gleichen Weise, mit dem

Ergebnis, daß das Bewußtsein der Menschen von frühester Kindheit an durch blutrünstige

Geschichten über die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Russen usw. vergiftet wird.

Wenn das Kind zum Manne herangereift ist, ist er gründlich durchtränkt von dem Glauben,

daß Gott selbst ihn auserwählt habe, sein Vaterland gegen Angriff und Invasion aller daran

interessierten Ausländer zu verteidigen. Nur aus diesem Grunde verlangen wir so stürmisch

nach einer größeren Armee und Marine, nach mehr Kriegsschiffen und Waffen. Nur aus

diesem Grunde hat Amerika innerhalb einer kurzen Zeit 400 Millionen Dollar ausgegeben.

Denken Sie einen Augenblick darüber nach – 400 Millionen Dollar, die dem Besitz des

Volkes genommen wurden. Denn die Reichen leisten sicher keinen Beitrag zum Patriotismus.

Sie sind Kosmopoliten, die sich in jedem Lande zu Hause fühlen. Wir in Amerika kennen

diese Wahrheit nur zu gut. Sind unsere reichen Amerikaner nicht in Frankreich Franzosen, in

Deutschland Deutsche und in England Engländer? Und verschwenden sie nicht mit

kosmopolitischer Grandezza Münzen, die von amerikanischen Kindern der Fabriken und

Sklaven der Baumwollproduktion geprägt wurden? Ja, zu ihnen paßt ein Patriotismus, der

ihnen gestattet, Beileidsschreiben an einen Tyrannen wie den russischen Zaren zu schicken,

sobald ihm irgendein Unglück widerfährt, so wie es Präsident Roosevelt im Namen seines

Volkes zu tun gefiel, als Sergius von den russischen Revolutionären bestraft wurde. Es ist ein

Patriotismus, der dem Prototyp eines Mörders, Diaz, beisteht bei der Vernichtung Tausender

von Leben in Mexiko oder gar hilft, mexikanische Revolutionäre auf amerikanischem Boden

zu verhaften und sie, ohne den geringsten vernünftigen Grund, in amerikanischen

Gefängnissen eingesperrt zu halten.

 

Aber darüber hinaus ist Patriotismus gar nicht gedacht für jene, die Macht und Reichtum

repräsentieren. Er ist gut genug fürs Volk. Er erinnert an die historische Weisheit Friedrichs

des Großen, des Busenfreundes Voltaires, der sagte: „Die Religion ist ein Betrug, der um der

Massen willen aufrechterhalten werden muß.“ Daß der Patriotismus eine ziemlich kostspielige

Institution ist, wird niemand zu bezweifeln wagen nach Einsichtnahme in folgende

Statistiken. Das progressive Wachstum der Ausgaben für die führenden Armeen und Flotten

der Welt während des letzten Vierteljahrhunderts ist ein so gravierendes Faktum, daß es jeden

verantwortungsbewußt ökonomische Probleme Studierenden, erschrecken muß …

 

Die schreckliche Verschwendung, die der Patriotismus notwendig macht, sollte genügen,

selbst einen Mann von durchschnittlicher Intelligenz von dieser Krankheit zu heilen. Das

Volk wird gezwungen, patriotisch zu sein, und für diesen Luxus bezahlt es nicht nur durch

Unterstützung seiner „Verteidiger“, sondern auch noch durch Opferung seiner Kinder.

Patriotismus verlangt Treue zur Fahne, und das bedeutet Gehorsam und Bereitschaft zur

Tötung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester …

 

Nehmen wir unseren eigenen spanisch-amerikanischen Krieg, der angeblich ein großes und

patriotisches Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt. Wie brannten

unsere Herzen doch vor Empörung über die grausamen Spanier! Richtig, unsere Empörung

entbrannte nicht spontan. Sie war genährt worden durch monatelange Agitation in den

Zeitungen, lange nachdem Weyler viele edle kubanische Männer hingeschlachtet und viele

kubanische Frauen geschändet hatte. Doch um der amerikanischen Nation Gerechtigkeit

widerfahren zu lassen, muß gesagt werden, daß sie sich empörte und bereit war zu kämpfen,

und daß sie tapfer kämpfte. Aber als sich der Rauch verzog, die Toten begraben waren und

die Kosten des Krieges in Gestalt einer Verteuerung der Lebensmittel und der Mieten auf das

Volk zurückfielen – d. h., als wir ernüchtert aus unserem patriotischen Zechgelage erwachten

– dämmerte uns, daß die Ursache des spanisch-amerikanischen Krieges in einer Betrachtung

über den Zuckerpreis zu suchen war; oder, um es deutlicher zu sagen, daß die Leben, das Blut

und das Geld amerikanischer Menschen benutzt worden waren, die Interessen der amerikanischen Kapitalisten zu schützen, die durch die spanische Regierung bedroht waren. Daß dies keine Übertreibung ist, sondern sich auf absolute Zahlen und Daten gründet, läßt

sich am besten durch die Haltung der amerikanischen Regierung den kubanischen Arbeitern

gegenüber beweisen. Als sich Kuba fest in den Klauen der Vereinigten Staaten befand, wurde

den Soldaten, die man zur Befreiung Kubas schickte, während des großen Tabakarbeiterstreikes, der kurz nach Kriegsende stattfand, befohlen, kubanische Arbeiter zu

erschießen.

 

Auch stehen wir nicht allein da in der Führung von Kriegen um solcher Gründe willen. Der

Vorhang, der über den Motiven des schrecklichen russisch-japanischen Krieges hing, der so

viel Blut und Tränen kostete, beginnt sich allmählich zu lüften. Und wieder erkennen wir, daß

hinter dem fürchterlichen Moloch des Krieges, der noch fürchterlichere Gott des

kapitalistischen Handels steht. Kuropatkin, der russische Kriegsminister zur Zeit der russisch-

japanischen Kämpfe, hat das Geheimnis verraten, das sich hinter ihnen verbarg. Der Zar und

seine Großen hatten in koreanischen Niederlassungen Geld investiert, und der Krieg wurde

vom Zaune gebrochen um des einzigen Grundes der raschen Akkumulation willen.

 

Die Behauptung, daß eine stehende Armee und eine Flotte die beste Garantie für den Frieden

sind, ist ebenso logisch wie die Annahme, der friedfertigste aller Bürger sei jener, der schwer

bewaffnet herumläuft. Die Erfahrung des täglichen Lebens beweist zur Genüge, daß das

bewaffnete Individuum beständig darauf aus ist, seine Stärke zu erproben. Dasselbe gilt

historisch gesprochen für Regierungen. Wirklich friedliche Länder verschwenden nicht Leben

und Energie auf die Vorbereitung von Kriegen und das Ergebnis ist, daß der Friede erhalten

bleibt.

 

Der Ruf nach einer größeren Armee und Flotte resultiert jedoch nicht aus irgendeiner äußeren

Gefahr. Er hat seine Ursache in der wachsenden Unzufriedenheit der Massen und dem Geiste

des Internationalismus unter den Arbeitern. Um dem inneren Feind zu begegnen, rüsten sich

die Mächte verschiedener Länder, einem Feinde, der, wenn er erst einmal zu Bewußtsein

erwacht ist, sich als gefährlicher erweisen wird als jeder fremde Angreifer. Die Mächte, die

jahrhundertelang damit beschäftigt waren, die Massen zu versklaven, haben deren

Psychologie aufs genaueste studiert.

 

Sie wissen, daß die Masse der Menschen wie Kinder ist, deren Verzweiflung, Trauer und

Tränen durch ein kleines Spielzeug in Freude verwandelt werden können. Und je prächtiger

das Spielzeug aussieht, je schreiender die Farben, desto eher wird es dem millionen-köpfigen

Kinde gefallen.

 

Eine Armee und eine Marine stellen das Spielzeug des Volkes dar. Um es anziehender und

akzeptabler zu machen, werden Hunderte und Tausende von Dollars ausgegeben für die

äußere Pracht dieses Spielzeugs. Das war die Absicht, mit der die amerikanische Regierung

eine Flotte ausrüstete und sie die Pazifikküste entlangschickte, so daß jeder amerikanische

Bürger den Stolz und die Glorie der Vereinigten Staaten zu fühlen bekommen sollte. Die

Stadt San Franzisco gab 100.000 Dollar aus für die Unterhaltung der Flotte; Los Angeles

60.000; Seattle und Tacoma etwa 100.000. Sagte ich, die Flotte zu unterhalten? Um einigen

wenigen höheren Offizieren weinreiche Diners zu servieren, während die „braven Jungen“

meutern mußten, um ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Ja, 260.000 Dollar wurden für

Feuerwerke, Theaterparties und Lustbarkeiten ausgegeben zu einer Zeit, da Männer, Frauen

und Kinder weit und breit im ganzen Land Hungers starten; als Tausende von Arbeitslosen

bereit waren, ihre Arbeitskraft zu jedem Preis zu verkaufen.

260.000 Dollar! Was hätte nicht alles mit einer solch ungeheuren Summe erreicht werden

können? Aber anstatt Brot und Wohnung zu erhalten, wurde den Kindern jener Städte die

Flotte vorgeführt, damit sie „eine bleibende Erinnerung für das Kind“ bilde, wie eine der

Zeitungen es ausdrückte. Eine wunderbare Sache für die Erinnerung, nicht wahr? Das

Werkzeug zivilisierter Menschenschlächterei. Wenn das Bewußtsein des Kindes durch solche

Erinnerungen vergiftet wird, welche Hoffnung kann es dann geben für eine wahre

Realisierung menschlicher Brüderlichkeit?

Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Wir hassen Blutvergießen; wir

sind Gegner der Gewalt. Doch wir schäumen über vor Freude über die Möglichkeit, Bomben

aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu können. Wir sind bereit, jeden zu hängen, auf

den elektrischen Stuhl zu schicken oder zu lynchen, der, aus Ökonomischer Notwendigkeit

heraus, sein eigenes Leben wagt bei dem Versuch eines Attentats auf einen Industriekapitän.

Doch unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, daß Amerika sich zur

mächtigsten Nation der Erde auswächst, und daß es im Laufe der Zeit seinen eisernen Fuß auf

den Nacken aller anderen Nationen setzen wird. Das ist die Logik des Patriotismus.

Betrachtet man die üblen Resultate, die der Patriotismus für den Durchschnittsbürger mit sich

bringt, so ist das noch gar nichts im Vergleich mit der Beschimpfung und dem Schaden, die

der Patriotismus dem Soldaten selbst auflädt – jenem armen, verführten Opfer des

Aberglaubens und der Unwissenheit. Für ihn, für den Retter seines Landes, den Beschützer

seiner Nation – was hat denn der Patriotismus für ihn in petto? Ein Leben der sklavischen

Unterwürfigkeit, des Lasters, der Perversion in Friedenszeiten; ein Leben der Gefahr, des

Ausgeliefertseins und des Todes in Kriegszeiten …

 

Denkende Männer und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, daß der

Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres

Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gefühl der

Soldidarität unter den Unterdrückten der Nationen dieser „Welt entstehen lassen; eine

Solidarität, die eine größere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und

seinen Brüdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und

seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarität, die fremde Invasion nicht fürchtet, weil sie

alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: „Geht und vollbringt das Geschäft

des Tötens selbst. Wir haben es lange genug für euch getan.“

Diese Solidarität weckt sogar das Bewußtsein der Soldaten, die auch Fleisch vom Fleische der

großen menschlichen Familie sind. Eine Solidarität, die sich mehr als einmal als

unerschütterlich erwiesen hat in vergangenen Kämpfen, und die während der Kommune von

1871 für die Pariser Soldaten den Anstoß gab, den Gehorsam zu verweigern, als man ihnen

befahl, ihre Brüder zu erschießen. Sie hat den Männern Mut gemacht, die in jüngster

Vergangenheit auf russischen Kriegsschiffen meuterten. Sie wird allmählich den Aufstand

aller Unterdrückten und Getretenen gegen ihre internationalen Ausbeuter auslösen. Das

Proletariat Europas hat die große Kraft der Solidarität realisiert und folglich einen Krieg

gegen den Patriotismus und sein blutiges Gespenst, den Militarismus, begonnen. Tausende

von Männern füllen die Gefängnisse von Frankreich, Deutschland, Rußland und den

skandinavischen Ländern, weil sie es wagten, dem alten Aberglauben zu trotzen. Auch ist die

Bewegung nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt; sie umfaßt Repräsentanten aller

Gesellschaftsschichten und ihre bedeutendsten Vertreter sind Künstler, Wissenschaftler und

Schriftsteller. Amerika wird sich anschließen müssen. Der Geist des Militarismus durchdringt

bereits alle Gebiete des Lebens. Ich bin in der Tat davon überzeugt, daß der Militarismus sich

hier zu einer größeren Gefahr auswächst als irgendwo anders, da der Kapitalismus hier jenen,

die er zu zerstören wünscht, so viele Bestechungsgeschenke anzubieten weiß.

Es beginnt schon in den Schulen. Offensichtlich hält es die Regierung mit der jesuitischen

Devise: „Gib mir das Bewußtsein des Kindes und ich werde den Mann formen.“ Kinder

werden in militärischer Taktik geübt, der Ruhm militärischer Siege stundenplanmäßig

besungen und das kindliche Bewußtsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen.

Außerdem wird die Jugend durch leuchtende Plakate verlockt, zur Armee oder zur Marine zu

gehen. „Eine wunderbare Chance, die Welt zu sehen!“ rufen die Marktschreier der Regierung.

So werden unschuldige Knaben moralisch aufgerüstet für den Patriotismus und der

militärische Moloch schreitet erobernd durch die Nation. Der amerikanische Arbeiter hat so

sehr unter dem Soldaten des Staates und des Bundes gelitten, daß er völlig gerechtfertigt ist in

seiner Abscheu vor und seiner Opposition gegen den uniformierten Parasiten. Bloße

Denunziation wird dies große Problem allerdings nicht lösen. Was wir benötigen, ist eine

Erziehungspropaganda für den Soldaten: anti-patriotische Literatur, die ihn über die wahren

Schrecken seines Handwerks aufklärt, und die ein Bewußtsein seiner wahren Beziehung zum

Arbeiter weckt, dessen Arbeit er seine Existenzgrundlage verdankt. Und genau das fürchten

die Autoritäten am meisten. Es ist schon Hochverrat, wenn ein Soldat an einer Versammlung

Radikaler teilnimmt. Zweifelsohne werden sie es auch als Hochverrat abstempeln, wenn ein

Soldat ein radikales Pamphlet liest. Aber hat nicht Autorität von undenklichen Zeiten an jeden

Schritt nach vorn als Verrat gebrandmarkt? Jene jedoch, die ernsthaft nach sozialer

Rekonstruktion trachten, können es sich sehr wohl leisten, all dem entgegenzutreten; denn es

ist wahrscheinlich sogar wichtiger, die Wahrheit zu den Soldaten in die Baracken zu tra gen,

als zu den Arbeitern in die Fabriken. Wenn wir erst einmal die patriotische Lüge untergraben

haben, wird schnell der Weg bereinigt und bereitet sein für die großartige Konstruktion, in der

alle Nationalitäten vereinigt sein werden in einer universalen Brüderschaft – einer wahrhaft

FREIEN GESELLSCHAFT.

 

 

In Wahlzeiten

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von Errico Malatesta

LUDWIG: Ein guter Tropfen, Freund, was?

KARL: Na, er ist nicht schlecht … aber teuer.

LUDWIG: Teuer? Das läßt sich denken, mit allen Steuern, die der Staat und die Kommunedarauf legen, zahlen wir den doppelten Preis seines Wertes. Und wenn es noch das Bier alleinwäre! Aber das Brot, die Miete und alles andere; wir werden ausgesaugt bis aufs Hemd. Dabeidie Arbeitslosigkeit, und wenn man mal Arbeit kriegt, dann bezahlt man uns Spottlöhne. DasLeben wird immer schwerer, es ist bald nicht mehr zum Aushalten! … Und doch ist es zumgrößten Teil unsere Schuld: alles Übel kommt von uns. Wenn wir nur wollten, dann würde esbald anders werden; und gerade jetzt wäre der geeignete Augenblick da, um alles Schlechte zubeseitigen.

KARL: Wie denn? Zeig mir den Weg.

LUDWIG: Na, das ist doch ganz einfach. Bist du Wähler?

KARL: Aha! Was zum Teufel hat das damit zu zu tun, ob ich Wähler bin oder nicht?

LUDWIG: Was das damit zu tun hat? Bist du’s oder bist du’s nicht?

KARL: Na, wenn es dich interessiert, ich bin Wähler; das ist aber ebenso, als ob ich es nichtwäre, denn ich gehe doch nicht wählen.

LUDWIG: Da sieht man’s … alle sind doch gleich! Und dann beklagt ihr euch! Versteht ihrdenn nicht, daß ihr eure eigenen Mörder und die eurer Familie seid? Ihr seid von einerGleichgültigkeit und Schlappheit, daß ihr das Elend verdient, in welchem ihr lebt, -und sogarnoch Schlimmeres. Ihr …

KARL: Laß nur gut sein! Schwätz nur nicht so. Ich führe ganz gern ein vernünftigesGespräch, und ich wünsche nichts besseres, als. überzeugt zu werden. Was wird alsogeschehen, wenn ich wählen ginge?

LUDWIG: Nanu wird’s helle! Lohnt es sich denn wirklich, darüber so viel zu sprechen? Wermacht die Gesetze? Sind es nicht die Abgeordneten im Reichs- und Landtage? Wenn manalso gute Abgeordnete in den Reichstag und Landtag wählt und gute Stadtverordnete, dannhat man auch gute Gesetze, die Steuern werden weniger drückend, die Arbeit wird geschütztsein, und folglich wird das Elend verkleinert werden.

KARL: Gute Abgeordnete und gute Stadtverordnete? Das erzählt man uns schon seit langenZeiten, man muß wirklich taub und blind sein, wenn man nicht merkt, daß alle die gleichenHampelmänner sind! – Haha! Hört ihnen nur zu, jetzt, wenn sie gewählt zu werdenwünschen! Sie sind alle bewundernswert, alles Volksfreunde! Da klopfen sie euch auf dieSchultern und erkundigen sich nach euren Frauen und Kindern. Sie versprechen euch denAchtstundentag, Erleichterung der Steuerlasten, billiges Brot, Gefrierfleisch, Beseitigung derArbeitslosigkeit, der Teufel weiß, was sonst noch alles! Dann aber, wenn sie erst mal gewähltsind, da sind es alles zusammen Schufte. Dann fahrt wohl ihr Versprechungen! Eure Frauenund Kinder können ihretwegen verhungern, die Arbeitslosigkeit kann überhand nehmen, undder Hunger kann eure Eingeweide zernagen. Pah! Die Abgeordneten habe andere Dinge imKopfe als eure dringendsten Fragen. Um eure Übel abzustellen, gibt es nichts anderes alsPolizei und Reichswehr. Und dann, nach einigen Jahren beginnt man aufs neue mit derAufschneiderei. Wenn das Fest vorbei ist, dann pfeift man auf den Heiligen. Na, weißt du,welche Partei oder politische Richtung es auch ist, das hat nichts zu bedeuten; sie sind alle auseinem Holze geschnitzt. Der einzige Unterschied zwischen ihnen besteht darin: Die einen,wenn sie einmal gewählt sind, drehen euch den Rücken und wollen euch nicht mehr kennen,während die anderen auch noch weiter bewillkommnen, damit sie euch an der Naseherumziehen können durch ihre Schwatzereien. Und mitunter geben sie noch etwas zumbesten.

LUDWIG: Allerdings! Warum aber sollen die Reichen gewählt werden? Weißt du nicht, daßdie Reichen von der Arbeit ihres Nächsten leben? Wie willst .du also, daß sie sich mit demWohle des Volkes beschäftigen? Wenn das Volk frei wäre, dann hätte ihr Faulenzerleben undWohlleben ein Ende. Es ist klar, wenn sie arbeiten wollten, dann würde es besser gehen selbstfür sie; sie sind aber hartköpfig und wollen es nicht verstehen, daß ihr ganzes Leben daraufaufgebaut ist, die Armen auszusaugen.

KARL: Das läßt sich hören? Du fängst an, ganz gut zu sprechen. Es muß nur hinzugefügtwerden, daß es nicht nur die Reichen gibt; da müssen auch hinzugezählt werden jene, die dieInteressen der Reichen verteidigen, und dann diejenigen, die zu Abgeordneten gewählt seinwollen, um auch reich zu werden.

LUDWIG: Nun gut, meiden wir all diese wie die Pest. Wählen wir Arbeiter, bewährteKameraden, dann werden wir gewiß nicht betrogen werden.

KARL: Na, na! Wir haben schon genügend Von diesen „bewährten“ Kameraden gehabt …Und außerdem, du bist wirklich drollig: „Wählen wir! … Wählen wir! …“ Als ob du und ich,als ob wir diejenigen ernennen könnten, der uns gefällt!

LUDWIG: Du und ich? … Es handelt sich nicht um uns beide. Freilich, wir allein könnennichts tun. Wenn aber jeder von uns sich bemüht, andere zu überzeugen, und wenn dieseanderen es auch so machen, dann werden wir die Mehrheit haben, und wir können die wählen,die uns passen. Und wenn das, was wir hier tun, von den ändern an anderen Orten getan wird,dann haben wir in kurzer Zeit die Mehrheit im Reichstag, und dann …

KARL: Dann ist das Himmelreich auf Erden da … für diejenigen, die im Parlamente sitzen,nicht wahr?

LUDWIG: Aber …

KARL: Aber was, machst du dich über mich lustig? Du machst deine Sache gut! Du bildestdir schon ein, die Mehrheit zu haben, und alles nach deiner Fasson einzurichten. DieMehrheit, mein Freund, hat gar nichts auf sich. Es sind immer die Reichen, die befehlen. Stelldir mal einen armen Teufel vor, der eine kranke Frau und fünf Kinder zu ernähren hat.Versuch doch, ihn zu überzeugen, daß er sich von seinem Gutsherrn hinauswerfen lassenmüsse wie ein Hund, bloß für das Vergnügen, seine Stimme einem Kandidaten zu geben, derseinem Herrn nicht gefällt. Geh nur und überzeuge all die armen Teufel, die der Unternehmerdem Hunger ausliefern kann, wenn es ihm gefällt. Du kannst sicher sein: der Arme ist niemalsfrei – und wäre er es, dann wüßte ich nicht, für wen er zu stimmen hätte. Und wenn er eswüßte und könnte, dann würde er andere Sorgen haben, als seine Zeit mit Wählengehen zuverlieren: er würde sich das nehmen, was er braucht … und damit basta.

LUDWIG: Ja, ich verstehe schon: die Sache ist nicht so leicht, man muß alles daran setzenund sich ganz der Propaganda hingeben, damit es dem Volke verständlich gemacht wird, wasseine Rechte sind, und damit es sich den reaktionären Junkern entgegenstellt. Man muß sichzusammenschließen und organisieren, um den Ausbeuter zu verhindern, die Freiheit seinerArbeiter mit Füßen zu treten, indem er sie entlassen will, wenn sie nicht nach seiner Pfeifetanzen.

KARL: Und alles das, damit man für Hinz oder Kunz wählen kann? Bist du einfältig!Freilich, alles, was du sagst, sollten wir tun, aber zu einem ändern Zwecke: wir müßten es tun,um das Volk zu überzeugen, daß ihm alle Reichtümer der Erde geraubt worden sind. Daß esdas Recht des Volkes ist, sich dieser Reichtümer zu bemächtigen, und daß es auch die Machtdazu hat, wenn es nur den Willen hat. Und vor allem, daß es dies selbst tun müsse, ohne aufdie Parole von irgend jemand zu warten.

LUDWIG: Na, hör mal, worauf willst du denn schließlich hinaus? Es muß doch immerjemand da sein, der das Volk leitet, der die Dinge ordnet, Gerechtigkeit ausübt, über dieSicherheit des Volkes wacht?

KARL: Durchaus nicht! Gar keine Idee!

LUDWIG: Wie willst du es denn machen? Das Volk ist unwissend.

KARL: Freilich unwissend! Das ist es in der Tat, denn wenn es nicht unwissend wäre, dannhätte es längst all dies übern Haufen geworfen. Ich wette aber, daß es seine eigenen Interessensehr schnell verstünde, wenn man es nicht verdrehen würde; wenn man es nach seinemeigenen Geschmack handeln ließe, dann würde es die Dinge besser ordnen als dieseHanswürste, die unter dem Vorwand, uns zu regieren, uns aushungern und uns wie Tierebehandeln. Du kannst dich sahen lassen mit deinem Geschwätz über die Unwissenheit desVolkes! Wenn es sich darum handelt, dem Volke die Freiheit zu lassen, das zu tun, was ihmgefällt, da sagt ihr, es verstünde nichts; wenn es sich aber darum handelt, Abgeordnete zuwählen, dann will man ihnen alle Fähigkeiten zuerkennen.. Und wenn es einen, der eurigenwählt, dann spricht man ihm eine bewundernswürdige Urteilsfähigkeit und Klugheit zu. Ist esnicht leichter, seine Angelegenheiten selbst zu ordnen, als eine dritte Person zu suchen, diefür euch es tun soll? Und in diesem Falle genügt es auch nicht, bloß zu wissen, wie die Dingegeordnet werden sollen: Um in voller Sachkenntnis wählen zu können, muß man auch dieAufrichtigkeit, die Begabung und die Fähigkeiten dessen kennen, dem man seine Stimmegibt. Wenn die Abgeordneten wahrhaft die Absicht hätten, eure Interessen zu verteidigen,müßten sie auch da nicht fragen, was ihr wünschtet und wie ihr es wünschtet? Da es abernicht so ist, warum also einem einzigen das Recht geben, nach seiner Phantasie zu handelnund euch, zu verraten, wenn es ihm gefällt?

LUDWIG: Na, immerhin, da die Menschen doch nicht alles selbst tun können, muß dochjemand da sein, der sich mit den öffentlichen Dingen beschäftigt und die Politik führt?

KARL: Ich weiß nicht, was du unter Politik verstehst. Wenn du darunter die Kunst verstehst,das Volk zu betrügen und ihm das Fell über die Ohren zu ziehen, damit es so still wie möglichbleibt, dann kannst du beruhigt sein, daß wir ohne diese Sache sehr gut auskommen können.Wenn du unter Politik das allgemeine Interesse und die Art und- Weise verstehst, wie sichalle einig werden über den Wohlstand jedes einzelnen, dann -ist sie eine Sache, die wir allekennen müssen, ebenso wie wir alle zu essen und trinken verstehen und uns amüsieren, ohneden anderen zu stören und ohne uns selbst durch andere stören zu lassen. Das wäre wasSchönes, wenn man, um sich zu schneuzen, zu einem Spezialisten gehen müßte und ihm dasRecht gäbe, uns die Nase zu wischen, wenn wir uns nicht nach seiner Mode richten. Überdies,man versteht es sehr gut, daß die Schuhmacher Schuhe machen und die Maurer Häuser bauen.Es hat doch niemand jemals daran gedacht, den Schuhmachern und Maurern das Privilegiumeinzuräumen, uns zum Aushungern zu verurteilen. Aber sprechen wir von den Tagesfragen.Was haben die Männer gutes für das Volk getan, die in das Parlament und in dieStadtverordnetenversammlung gehen wollen, um dort über das allgemeine Interesse zuwachen? Worin haben die Sozialdemokraten und die Kommunisten sich besser gezeigt als dieändern? Ich habe es dir schon einmal gesagt: sie sind alle von demselben Schrot und Korn!

LUDWIG: Du gehst auch über die Kommunisten her? Was sollen sie denn deiner Meinungnach tun, sie können absolut nichts tun! Sie sind noch zu wenige. Und wenn sie auch mal ander Regierung gewesen sind, wie in Sachsen, da wurden sie von der Reichswehr vertrieben.Und im übrigen werden sie von den bürgerlichen Gesetzen derart eingekreist, daß ihre Händevollständig gebunden sind.

KARL: Wenn die Sache sich so verhält, wozu gehen sie erst hin? Warum bleiben sie imParlament, wenn sie nichts dort tun können? Sie bleiben da aus einem einzigen Grund, umselbst im trocknen zu sitzen!

LUDWIG: Na sag mir mal, du bist also Anarchist?

KARL: Was macht das für dich aus, was ich bin? Hör mir zu, was ich dir sage, und wennmeine Ausführungen dir richtig erscheinen, dann kannst du daraus lernen … Wenn nicht,kannst du sie bekämpfen und mich überzeugen. Ja, ich bin Anarchist … nun, was dann?

LUDWIG: Oh, nichts! Es macht mir sogar Spaß, mit dir zu sprechen. Ich bin Kommunist,nicht Anarchist, denn eure Ideen scheinen mir zu ferne zu liegen. Ich gebe aber zu, daß ihr invielen Punkten recht habt. Wenn ich gewußt hätte, daß du Anarchist bin, dann hätte ich dirnicht gesagt, daß man durch die Wahlen und das Parlament Verbesserungen erreichen könne,denn ich weiß selbst, solange es Arme gibt, werden immer die Reichen die Gesetze machen,und zwar immer zu ihren Gunsten.

KARL: Ach, das ist nicht schlecht! Du scheinst von der Aufrichtigkeit nicht viel zu halten?Du kennst die Wahrheit und predigst die Lüge? … Solange du nicht wußtest, daß ichAnarchist bin, wolltest du mir vormachen, durch das Wählen von guten Abgeordneten undguten Stadtverordneten könne man das Paradies auf die Erde verpflanzen; jetzt aber, da duweißt, wer ich bin, und du verstehst, daß ich nicht auf den Leim krieche, gibst du zu, daß mandurch das Parlament nichts erreichen könne. Wozu will man uns dann den Kopf verdrehen mitder Aufforderung zum wählen? Bezahlt man euch etwa dafür, daß ihr die armen Proletenbetrügt? Nun ist es ja nicht das erstemal, daß ich dich sehe, und ich weiß , du bist wirklich einArbeiter, einer von denen, die nur von ihrer Arbeit leben. Warum sollen also die Genossenirregeleitet werden? Das ist ja genauso wie bei den Sozialdemokraten und Strebern, dme unterdem Verwand des Sozialismus Herren spielen und über uns regieren wollen!

LUDWIG: Halt ein, mein Freund! Beurteile mich nicht so schlecht! Wenn ich die Arbeiterauffordere zur Wahl zu gehen, so ist das im Interesse der Propaganda. Siehst du nicht ein, wasfür ein Vorteil das für uns ist, einige der unsrigen im Parlamente zu haben? Sie können diePropaganda weit besser betreiben als die anderen, denn sie haben eine Freifahrtkarte; dazusind sie noch der Polizei gegenüber unantastbar. Und wenn sie vom Reichstag aus über denKommunismus sprechen, dann werden sie von allen gehört, und man diskutiert darüber, istdas keine Propaganda, ist das nicht ein großer Vorteil?

KARL: So, so! Um also Propaganda zu machen, verwandelt ihr euch in Wahlmakler? Eineschöne Propaganda ist mir das! Das Ding ist gut: Ihr wollt dem Volke weis machen, es sollealles vom Parlament erwarten, daß die Arbeiter nichts zu tun hätten, als einen Wahlzettel indie Urne zu werfen und dann mit offenem Munde abzuwarten, bis ihm die gebratenen Taubenin den Mund geflogen kommen. Ist das nicht eher eine Propaganda gegen den Strich?

LUDWIG: Du hast schon recht, aber was ist da zu machen? Wenn man es nicht so macht,dann würde niemand wählen. Wie würde man die, Arbeiter zum wählen bringen können,wenn man ihnen vorher gesagt hat, daß sie vom Parlamente nichts zu erwarten hätten, und dieAbgeordneten nichts ausrichten könnten? Die Arbeiter würden dann sagen, wir wollen siezum Narren halten.

KARL: Ich weiß wohl, daß man auf diese Weise vorgehen muß, um das Volk zum Wählenvon Abgeordneten zu veranlassen. Und das ist noch nicht einmal genug! Es müssen auch nocheine Menge Versprechungen gemacht werden, von denen man, weiß, daß man sie nicht haltenkann. Man muß sich gut stehen mit den Besitzenden, man muß sich mit der Regierung inKuhhandel einlassen, mit einem Worte, man muß mit den Wölfen heulen und mit den Ochsenbrüllen und sich über alles hinwegsetzen. Wenn nicht, dann wird man eben nicht gewählt …Wie kannst du mir da von Propaganda was vormachen, wenn das erste, was getan werdenmuß, und was ihr auch nicht verfehlt zu tun, sich gegen die Propaganda wendet!

LUDWIG: Ganz unrecht hast du ja nicht, du wirst mir doch aber zugeben, daß es ein Vorteilist, wenn einer der unsrigen gewählt wird.

KARL: Ein Vorteil? … Für ihn, das gebe ich zu; für ihn und für einige seiner Freunde, aberfür die große Masse des Volkes nicht. Das kannst du vielleicht den Gänsen und Truthähnenerzählen, aber nicht mir. Wenn wir es, noch nicht versucht hätten, das wäre noch etwasanderes! … Es sind aber schon so manche Jahrzehnte her, seit die naive Arbeiterschaft ihreVertreter ins Parlament sendet, und was hat man erreicht? Wenn die Abgeordneten einmalgewählt sind, dann dauert es nicht lange, bis sie korrumpiert sind. Du brauchst ja nur an denalten Liebknecht zu denken und an Bebel und alle die ändern. Seit sie den Weg desParlamentarismus gegangen sind und die ganze Partei ihren Fußspuren folgte, war es aus mitihrem revolutionären Charakter. Scheidemann ist nicht der einzige Verräter. Sieh sie dir dochnur alle an. Und lange wird’s nicht dauern, dann sind die Kommunisten Thählmann usw.denselben Weg gegangen. Wir haben in der Vergangenheit nicht wenig Sozialdemokratengesehen, die den Weg zur Macht in der bürgerlichen Gesellschaft erklommen haben, und derParlamentarismus ist sicher nicht das Mittel, um neuen Verrat zu verhindern. – Du darfst michaber nicht mißverstehen: Wenn ich von Schuften spreche, dann meine ich nur die Führer. Wasdie Arbeiter betrifft, die noch vom Parlamentarismus etwas erhoffen, so sind das arme Teufel,die sich einbilden, auf dem rechten Wege zu sein, und nicht sehen, daß sie im Dunkelnherumgeführt und betrogen werden, schlimmer als von den Pfaffen! Das einzige Ergebnis desParlamentarismus besteht darin, daß die Abgeordneten vor der Wahl für ihre Reden überRevolution und dergleichen ins Gefängnis wandern mußten, während sie heute von denRegierenden geschätzt sind und mit ihnen unter einem Dache sitzen. Aber selbst wenn siewirklich verurteilt werden, wie das ja mit einigen kommunistischen Abgeordneten vorkommt,dann ist das doch nicht für die Befreiung der Arbeiterschaft, sondern für rein parteipolitischeDinge, die nichts mit der Sache der Arbeiterschaft zu tun haben; aber selbst dann werden siefast mit Glacehandschuhen angefaßt, und man bittet sie fest um Entschuldigung!. Undwarum? Weil die Regierenden wissen, daß sie alle in dieselbe Kerbe hauen, es sind ebengleiche Brüder, gleiche Kappen: heute sind diese an der Herrschaft, und morgen kommt dieReihe an die anderen heran … und schließlich – darüber brauchen wir uns nichts vorzumachen– sind sie doch alle einig, dem Volke das Fell über die Ohren zu ziehen, Sieh sie dir nur einwenig näher an, diese feinen Herren und Damen, ob die noch danach aussehen, sich in dieReihen der kämpfenden Arbeiter für die Revolution zu stellen!

LUDWIG: Du täuscht dich aber gewaltig! Selbstverständlich weiß man, daß sie alle nurMenschen sind, die ihre Schwächen haben. Was hat das übrigens zu sagen, daß diejenigen,die bis heute gewählt worden sind, ihre Pflicht nicht getan haben oder nicht den Mut dazuhatten, sie zu tun? Wer sagt denn, daß wir immer dieselben wählen wollen? Wählen wir dochbessere, wirkliche Kommunisten!

KARL: Ach!. Auf diese Weise kommt ihr am schnellsten dahin, aus der Partei eine Anstaltzur Heranbildung von Schelmen zu machen. Gibt es noch nicht genug Verräter? Ist es dennabsolut notwendig, noch mehr von dieser Brut heranzuzüchten? Willst du denn endlichverstehen, daß man sich weiß macht, wenn man in die Mehlmühle geht? Und ebenso, Daßdiejenigen, die sich in der Gesellschaft der Reichen bewegen, auf den Geschmack kommen,ebenfalls gut zu leben, ohne zu arbeiten. Und bedenke noch das eine: wenn es einen gäbe, derdie Kraft in sich verspürt, der Fäulnis des Parlamentes zu widerstehen, der wird sicher nichtins Parlament gehen wollen, denn da er wirklich seiner Sache ergeben ist, so würde er nichtdamit beginnen wollen, der Propaganda erst entgegenarbeiten zu wollen, in der Hoffnung,sich später nützlich zu machen. Ich will mich noch deutlicher ausdrücken, Wenn ein Mannbehauptet, Sozialist oder Kommunist zu sein, dann wird er seine Zeit und seine Kräfte sowiesein Vermögen, wenn er welches hat, ganz der Sache widmen, er wird Verfolgungen riskierenund sich der Gefahr aussetzen, ins Gefängnis zu gehen oder gar sein Leben zu lassen. Beieinem solchen .Menschen glaube ich. an seine Überzeugung. Diejenigen aber, die aus ihrersozialistischen oder kommunistischen Propaganda einen Beruf machen in der Hoffnung aufeine Staatslaufbahn, diejenigen, die ihr Schiffchen in den Hafen der Volkstümlichkeit steuern,um sich einen Namen zu machen und sich vor den Gefahren schützen, diejenigen, die da dieZiege mitsamt den Kohl essen, diese Elemente flößen mir nicht das geringste Vertrauen ein.Ich stelle sie auf dieselbe Stufe wie die Pfaffen, die im Namen der Heiligkeit ihreGeschäftchen machen.

LUDWIG: Mach doch mal halbwegs, du gehst wirklich zu weit! Du weißt wohl nicht, daßunter denen, die du beleidigst, es Genossen gibt, die für die Sache gelitten und Beweise fürihre Ehrlichkeit geliefert haben …

KARL: Komm mir nur nicht mit ihren „Beweisen“. Du scheinst wohl nicht zu wissen, daßalle Huren einmal Jungfern gewesen sind? Wie viele von den sozialdemokratischen undkommunistischen Ministern in allen Ländern – und nicht zuletzt bei uns – sind nicht frühereinmal revolutionär gewesen und haben sich dabei Gefahren ausgesetzt. Willst du sievielleicht deshalb auch heute noch achten, selbst wenn sie die berüchtigsten Bluthundegeworden sind, wie beispielsweise Noske oder Sinowjew? Diese „Brüder“, von denen du mirsprichst, sind recht bald ihren Ideen untreu geworden und haben ihre Vergangenheit entbehrt.Und ich will es dir noch genauer sagen: gerade auf Grund ihrer Vergangenheit, die sieverneint haben, stoßen wir sie heute von uns ab.

LUDWIG: Jetzt weiß ich überhaupt nicht, wie ich dich nehmen soll. Ich gebe zu, daß durecht hast in dem, was du über den Reichstag und Landtag sagst. Du wirst mir aber rechtgeben, daß es eine andere Sache ist mit den Stadtverordnetenwahlen. In derStadtverordnetenversammlung können die Arbeiter leichter die Mehrheit erlangen, und dakann man auch leichter für das Wohl des Volkes wirken.

KARL: Du hast doch aber selber zugegeben, daß den Stadtverordneten die Hände ebensogebunden sind, wie den Abgeordneten; es sind doch immer wieder die Besitzenden, die dasHeft in den Händen haben. Man hat doch wahrlich genug Beispiele dafür gehabt. Du kennstdoch die Geschichte von dem Leutnant und den 10 Mann, die das Parlament nach demAusspruch eines bekannten Krautjunkers auseinanderjagen können. Und du hast doch so vieleFälle erlebt, wo bei den Wahlen nach dem Zusammenbruch die Sozialdemokraten undKommunisten die Mehrheit gehabt haben. Wo die Sozialdemokraten allein die Mehrheithatten, da schrieben sie in ihren Blättern gegen die unzufriedenen Kommunisten undSyndikalisten, die kein Einsehen mit den realen Verhältnissen haben. Und wo dieKommunisten mit an der Macht waren, da waren die Massen auch nicht besser daran. DenArbeitern aber sagten sie, es könne erst dann anders werden, wenn sie die ganze Macht habenwürden. Wie es aber dann aussieht, das sieht man am besten in Rußland. Du brauchst ja nurdie Streikstatistiken durchzulesen, die von der Sowjetregierung, die ja nur aus Kommunistenbesteht, herausgegeben werden, und du wirst sofort sehen, daß dort die Arbeiter genau wie inandern kapitalistischen Staaten für ihr Brot und ihren Hering kämpfen müssen, während dieHerren Räte und Volkskommissare in den Sowjets ihr sicheres Auskommen haben und dieKapitalisten weiter ihr Wohlleben führen. Ja, ja diese Herren, die vor der Besitzergreifung derMacht durch ihre Partei den Hintern in die Hölle streckten, sitzen jetzt im trocknen; sie sind inguten Stellungen und haben auch ihre Verwandten untergebracht, so daß sie ohne vielAnstrengungen eines gutes Leben führen können … das nennen sie dann des „Volkes Glück“.

LUDWIG: Das sind nur Verleumdungen!

KARL: Selbst wenn meine Behauptungen ein wenig verleumderisch wären, so habe ich dochvieles mit meinen eigenen Augen gesehen. Durch den Parlamentarismus wird der Sozialismusnur mißkreditiert. Der Sozialismus, der die Hoffnung und der Trost der werktätigen Massensein sollte, wird zum Gegenstand der Verwünschungen, sobald seine Vertreter zur Machtgelangen. Willst du immer noch behaupten, daß dies der Propaganda dient?

LUDWIG: Immerhin, wenn ihr nicht zufrieden seid mit jenen, die an der Macht sitzen, sosetzet doch andere an ihre Stelle; das ist immer die Schuld der Wähler sie sind ihre eigenenHerren und können diejenigen wählen, die ihnen passen.

KARL: Du wiederholst dasselbe! Das ist ja genau so, als ob ich zur Mauer sprechen würde!Freilich ist es die Schuld der Wähler und jener, die nicht wählen – denn sie müßten dieStadtparlamente, den Landtag und den Reichstag überflüssig machen mit allen Auserwählten,die sich darin befinden. Anstatt dies zu tun, setzen die Wähler immer noch ihr Vertrauen indie Gewählten. Du aber, der du nun weißt, daß diese Abgeordneten (selbst angenommen, essind keine Schufte oder werden auch keine) nichts fürs Volk tun können – außer ihm Sand indie Augen zu streuen zur Beruhigung der Besitzenden. Du solltest alle deine Kräftedaransetzen, um dieses einfältige Vertrauen in die Wahlen zu zerstören. Die Hauptursachendes Elends und aller sozialen Übel sind: erstens das Privateigentum (welches es demMenschen unmöglich macht, zu arbeiten, wenn er sich nicht den Bedingungen unterwirft, dieihm vom Besitzer des Bodens und der Produktionsmittel aufgezwungen werden); zweitens dieRegierungen, welche die Ausbeuter beschützen und für ihren eigenen Nutzen selbst auchausbeuten. Die Reichen werden an diesen beiden Grundfesten nicht rütteln lassen, ohne sieaufs erbitterste zu verteidigen. Das Volk zu betrügen und irrezuführen, das haben sie nochimmer verstanden, und wenn das noch nicht ausreichte, dann nahmen sie ihre Zuflucht zu denGefängnissen, zur bewaffneten Macht, zu Maschinengewehren. Der Nutzen des Volkes wirddurch ganz andere Kittel als die Wahlen erreicht! Die soziale Revolution ist notwendig, einetiefgehende wirtschaftliche Revolution, welche die heutigen Schändlichkeiten mit der Wurzelausrottet. Alles muss der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden. Damit jedem Brot,Wohnung und Kleidung sichergestellt werden. Die Landarbeiter müssen die Gutsherrenenteignen und den Boden für ihren eigenen und aller Nutzen bebauen; ebenso müssen dieArbeiter das Unternehmertum ausschalten und die Produktion für den Bedarf der Gesamtheitweiterführen. Dann aber darf man sich keine Regierung aufhalsen, niemandem die Obrigkeitanvertrauen. Wir müssen unsere Angelegenheiten selbst erledigen! In erster Linie werden sichin jeder Gemeinde oder in jedem Orte die Arbeitsgenossen derselben Industrie verständigen,und eine Verständigung wird auch herbeigeführt werden zwischen allen, die gemeinsameInteressen haben, die zu einer sofortigen Lösung drängen. Eine Gemeinde wird sich mit deranderen verständigen, ein Bezirk mit dem anderen, ein Landesteil mit dem anderen und so allemiteinander. Die Arbeiter einer Industrie treten aus den verschiedenen Orten miteinander inVerbindung und werden zu einem guten allgemeinen Einverständnis kommen, da dasInteresse aller davon abhängt. Dann wird man sich nicht wie Hund und Katze gegenseitigbetrachten, die Kriege und die Konkurrenz werden ein Ende nehmen; die Maschinen werdennicht mehr zum Profit des Unternehmers laufen, zahlreiche der unsrigen arbeitslos und brotlosmachen, sondern die Arbeit erleichtern, die angenehmer und produktiver gestalten, und dasim Interesse der Gemeinschaft. Man wird den Boden nicht brachliegen lassen, und derbebaute Boden wird zehnmal besser ausgenutzt werden, als es heute der Fall ist. Allebekannten Mittel werden angewendet werden, um die Produkte des Bodens und der Industriezu verbessern, damit die Menschen alle ihre Bedürfnisse in größtem Maße befriedigenkönnen.

LUDWIG: All das ist ja sehr schön, aber schwer zu verwirklichen. Auch ich halte euer Idealfür unübertrefflich, wie aber soll es in die Praxis umgesetzt werden? Ich weiß, daß in derRevolution allein das Heil liegt; man kann die Sache wenden wie man will, man kommt nichtdarum herum. Und da wir eben jetzt die Revolution nicht vollführen können, müssen wir unsan das Mögliche halten, und in Ermangelung eines besseren benutzen wir die Wahlagitation.In den Wahlzeiten kommt immer Bewegung in die Masse, und das ist immer für diePropaganda von Nutzen.

KARL: Du wagst es also noch, das als Propaganda zu betrachten! Hast du denn nichtgesehen, welch eigenartige Propaganda durch eure Wahlen hervorgerufen wird? Ihr habt dassozialistische Programm in die Ecke gestellt und euch den demokratischen Hanswurstenbeigesellt, die einen so großen Lärm nur deshalb machen, um zur Macht zu kommen. Ihr habtZwietracht gesät und innere Streitigkeiten im Lager der Sozialisten hervorgerufen. Ihr habtdie Propaganda für die Prinzipien eingetauscht mit der Propaganda zugunsten des Kuller oderdes Kunze. Ihr sprecht nicht mehr von der Revolution, oder wenn ihr davon noch sprecht,dann denkt ihr nicht mehr daran, sie zu machen; und das ist natürlich, denn der Weg, der zuden Ministersesseln führt, ist nicht jener der sozialen Erneuerung. Ihr habt eine große Anzahlvon Genossen verdorben, die ohne die Versuchung, 20 oder 30 Mark pro Tag zu verdienen,vielleicht ehrlich geblieben wären. Ihr habt Illusionen erzeugt, die, solange sie andauern, dieRevolution außer Sichtweite bringen und die Arbeiterschaft ohnmächtig machen, sieentmutigen und ihr den Glauben und das Vertrauen auf die Zukunft rauben. Ihr habt denSozialismus den Massen gegenüber diskreditiert, und die Massen betrachten euch als eineRegierungspartei, man verdächtigt und verachtet euch! Das ist das Schicksal, welches dasVolk allen bereitet, die im Besitz der Macht sind oder sie zu erlangen versuchen.

LUDWIG: Nun aber sage mir doch endlich, was sollen wir tun? Was tut ihr denn? Warummacht ihr es nicht besser als wir, anstatt uns zu bekämpfen?

KARL: Ich habe dir ja gar nicht gesagt, daß wir alles getan haben und alles tun, was man tunsollte. Ihr aber tragt einen großen Teil der Verantwortlichkeit durch euren Marsch auf demPlatze, denn eure Tatenlosigkeit und eure Irreführung haben seit einer Reihe von Jahrenunsere Aktion paralysiert, Ihr seid es gewesen, die uns gezwungen haben, unsere kostbarenKräfte anzuwenden, um eure Bestrebungen zu bekämpfen. Wenn man euch freies Feldgelassen hätte, dann hättet ihr vom Sozialismus nur noch das Schild übrig gelassen. Nun aberhoffen wir, daß endlich Schluß damit gemacht wird. Einerseits haben wir nicht wenig gelerntund aus den gemachten Erfahrungen unsere Lehre gezogen, so daß wir nicht mehr in dieFehler der Vergangenheit fallen. Andernteils haben auch schon unter euch dieklassenbewußten Genossen die Nase voll bekommen von euren Wahlen. Der ganzeWahlschwindel hat nun so lange Jahre gedauert, und eure Gewählten haben sich so unfähiggezeigt, um nicht stärker auszudrücken, daß jetzt alle, die der Sache wahrhaft ergeben undrevolutionären Willens sind, die Augen öffnen.

LUDWIG: Nun gut, macht also die Revolution! Und dessen kannst du sicher sein, wenn ihrden revolutionären Kampf führt, dann werden wir auf eurer Seite der Barrikaden sein; Glaubstdu denn, wir sind Feiglinge?

KARL: Ja, das ist eine bequeme Theorie, nicht wahr? „Macht die Revolution, und wenn ihrerst dabei seid, dann werden wir auch kommen“. Wenn ihr aber Revolutionäre seid, warumarbeitet ihr nicht mit uns an der Vorbereitung der neuen wirtschaftlichen Verhältnisse?

LUDWIG: Hör mal zu: Ich für mein Teil versichere dir, wenn ich ein praktisches Mittel sähe,der Revolution dienstbar zu sein, dann würde ich unverzüglich die Wahlen und dieKandidaten zum Teufel jagen. Um frei von der Leber wegzusprechen, muß ich dir sagen, daßauch ich schon die Hucke voll habe, und ich muß dir gestehen, was du mir da heute gesagthast, hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Wahrhaftiger Gott, ich könnte nicht sagen,daß du unrecht hast.

KARL: Du weißt nicht, was man machen soll? Sieh zu, habe ich unrecht gehabt, als ich dirsagte, daß durch die Gewohnheit des Wahlkampfes selbst das Gefühl für die revolutionärePropaganda verlorengegangen ist? Es genügt aber, zu wissen, was man will, und einenenergischen Willen zu haben, und dann hat man schon tausenderlei Dinge zu tun. Vor allenDingen muß man die sozialistischen Ideen verbreiten und anstatt Dummheiten zu erzählenund aufzuschneiden, anstatt falsche Hoffnungen bei den Wählern und Nichtwählern zuerwecken, entzünden wir in ihnen den Geist der Rebellion und die Verachtung desParlamentarismus. Widmen wir uns nur eifrig der Tätigkeit, die Arbeiterschaft von denWahlurnen wegzubringen, so daß die Reichen und die Regierenden die Wahlen unter sichallein machen, mitten in der allgemeinen Gleichgültigkeit und der öffentlichen Verachtungdes werktätigen Volkes, und wenn wir erst da angelangt sind, wenn der Glaube an demWahlzettel verschwunden ist, dann wird die Notwendigkeit direkter Aktionen von alleneingesehen werden, und der Wille zu ihrem Durchbruch wird überall erwachen. Gehen wirhinein in die Wahlversammlungen der Parteien, aber um die Lügen der Kandidaten zuentlarven und um schonungslos und ohne Umschweife die sozialistischen Prinzipiendarzulegen, d.h. die Notwendigkeit, an Stelle der Politik die Verbindung der Interessen derArbeiter zusetzen, und die Kapitalisten zu enteignen. Gehen wir hinein in alleArbeiterorganisationen, bilden wir unsere eigenen Ortsgruppen, die wir in unserem Geisteaufbauen, und erklären wir allen, was getan werden muß, um zur Befreiung zu gelangen.Dabei ist von großer Wichtigkeit, daß man niemals als Ziel aus dem Auge verliert , fürwelches man propagiert. Nehmen wir aktiven Anteil an Streiks, rufen wir selbst allgemeineStreiks hervor und ringen wir vor allen Dingen im Wirtschaftskampf die famoseSchlichtungsordnung der Demokratie nieder, die uns das Streikrecht geraubt hat. Das hat mitPolitik nichts zu tun! Unser Ziel muß stets darauf gerichtet sein, den Abgrund zwischen denLohnsklaven und den Unternehmern immer tiefer und weiter zu graben und die Dinge soenergisch wie nur möglich nach vorwärts zu treiben. Machen wir es den Hungernden undFrierenden verständlich, daß ihre Leiden unbegründet sind angesichts der vollgepfropftenLager an Waren aller Art, die ihnen gehören … Wenn plötzliche Unruhen ausbrechen, wie dasoft geschieht, dann müssen wir uns die Aufgabe stellen, der Bewegung einen bewussten Inhaltzu geben, wir müssen dem Volke helfen und bei ihm bleiben. Wenn wir uns erst auf dempraktischen Wege befinden, dann werden auch die Ideen zur rechten Zeit einstellen und dieGelegenheiten, zu zeigen, was Sozialismus ist, werden immer häufiger auftreten. Da ist z.B.die Mieterbewegung: Machen wir unseren Einfluß darin geltend, damit die Mietenherabgesetzt und die Häuser von der Mietsbevölkerung schließlich übernommen werden;machen wir den Landarbeitern klar, daß sie die Ernte in die Scheunen der Allgemeinheiteinbringen müssen, und helfen wir ihnen dabei, soweit wir es können; und wenn dieherrschenden Mächte es verhindern durch ihre bewaffnete Macht, dann stellen wir uns auf dieSeite der armen Landbevölkerung. Zeigen wir den Soldaten und der Polizei, was für einBluthandwerk sie ausüben, erklären wir ihnen, daß sie die Verteidiger der Kapitalisten sind.Und wenn die Bevölkerung von den Gemeinden und Behörden etwas fordert, dannorganisieren wir die wirtschaftliche Kampfbewegung der Werktätigen, so daß dieHerrschenden gezwungen sind, nachzugeben. Bei Arbeitslosigkeit und Streiks müssen Gelderund Lebensmittel gesammelt und verteilt werden. Dann wird es sich zeigen, daß auch dieStadtverordneten ebenso unnütz sind wie die Reichstagsabgeordneten, und daß jederAugenblick verloren ist, der zur Wahl dieser Abgeordneten verwendet wurde, sobald dasVolk zum Eigenhandeln herangezogen wird … Bleiben wir immer bei den Massen, suchen wirihnen verständlich zu machen, was ihr Interesse ist, und gewöhnen wir sie daran, denHerrschenden die Freiheit zu entreißen, die sie ihnen niemals aus freien Stücken zugestehen.Damit jeder sein Möglichstes tut müssen wir immer als Ausgangspunkt die augenblicklicheNot des Volkes nehmen und seinen Wünschen neue Zielrichtungen setzen. Durch dieseTätigkeit werden wir unsere Reihen immer stärker füllen können und diejenigen zu unsheranziehen, die unsere Ideen nach und nach verstehen lernen und sich schließlich mit Eiferfür dieselben einsetzen. All diesen müssen wir die Hände reichen, und uns mit ihnen zu einerentscheidenden allgemeinen Aktion vorbereiten. Zu einer Aktion, deren Ziel die Beseitigungder kapitalistischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung ist.

LUDWIG: Das ist eher was, so gefällst du mir. Zum Teufel mit den Wahlen, gehen wir ansWerk. Reich mir die Hand, es lebe die Herrschaftslosigkeit und die soziale Revolution!

KARL: Für dieses Ziel marschieren wir gemeinsam vorwärts!

Ruhe in Frieden FDP – nur möglichst bald.

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von Marco Kanne

Die FDP hat sich von so ziemlich allen vernünftigen Positionen verabschiedet, die sie vor der Wahl auf’s beste Ergebnis ihrer Geschichte gepumpt haben — Reduzierung der steuerlichen Ausbeutung der Menschen durch den „Staat“, insbesondere bei kleinen und mittleren Einkommen, endlich wieder Chancen für jene, die sich in staatlich verordneter Arbeitslosigkeit und Armut befinden, radikaler Bürokratieabbau (war da nicht was mit der Abschaffung des Entwicklungshilfeministeriums?), Stärkung der kommunikativen Freiheitsrechte insb. Verteidigung der Freiheit des Internets etc. Spätestens während der Koalitionsverhandlungen wurde jedoch klar, dass dies alles nur vertreten wurde, um sich vom Rest des autoritären, faschistischen und sozialistischen Einheitsparteienbrei deutlich abzusetzen und die letzten halbwegs liberalen, profreiheitlichen Leute an die Wahlurne zu treiben.Und so wandten sich die Menschen wieder ab. Ihre ca 4% starke antiliberale Klientel der Profiteure staatlicher Mono- und Oligopole (Ärzte, Anwälte, Steuerberater, Apotheker, diverse staatsnahe Konzerne) wählt sie ja ohnehin immer – so auch jetzt noch.

Nun ist aber das Allergeilste, dass die Parteioligarchie ganz offensichtlich so abgeschnitten von der Realität der Welt ist, dass sie das faschistische und sozialistische Geblubber der Berliner Medien- und Lobbyblase für die Materialisierung der „Stimmung im Lande“ hält – uns sich dementsprechende weiter in die antiliberale Richtung treiben lässt – seien es nun staatlich verordnete Minimallöhne, die Fortsetzung einer imperialistischen Außenpolitik oder die Stärkung der totalitären EU-Bürokratie, die europaweit die Freiheit und Menschenwürde des Einzelnen mit Stiefeln tritt.

Lasst uns wahre Liberale, die wir uns wohl vorerst aber nicht mehr so nennen können, hingegen die Idee der Freiheit konsequent im Geiste Mises, Rothbards, Tuckers, Spooners, Gandhis, Kings etc erneuern. Dazu könnte sogar die FDP noch einen Beitrag leisten – durch ihre Selbstauflösung. Ruhe in Frieden FDP – nur möglichst bald.

Written by dominikhennig

5. Februar 2011 at 07:28

Marx‘ und Engels Empfehlungen für den Weg zum Kommunismus

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  von Kalle Kappner

                                             

                                                                                                                                                                          
1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben

2. Starke Progressivsteuer.

3. Abschaffung des Erbrechts.

4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.

5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschliesslichem Monopol.

6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.

7. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.

8. Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.

9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land.

10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw.

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Punkte 2, 5, 6 und 10 sind längst verwirklicht und werden von der FDP nicht angezweifelt sondern akzeptiert. Besonders Punkt 5 – ein gigantisches ausbeuterisches Machtpotential in der Hand des Staates – seit Jahrhunderten von wirklichen Liberalen und ihren Vorgängern bekämpft – wird nur von äußert wenigern FDPlern abgelehnt.

Punkt 1 findet von Zeit zu Zeit vedeckt, von Zeit zu Zeit auch sehr offen statt. Bei der Übernahme der ehemaligen DDR war die FDP in der Regierung und hat die schändliche Umverteilungsorgie sowie den anschließenden „Aufbau Ost“ mitgemacht.

Punkt 3 scheint heute noch recht radikal, ist aber sicherlich nicht undenkbar. Gegen Besteuerung von Erbschaften wendet sich die FDP jedenfalls nicht grundsätzlich.

Punkt 4 ist noch Zukunftsmusik. Negative Äußerungen gegen sogenannte Steuersünder, die Gesetze ausnutzen um in anderen Ländern zu zahlen, hat man aber auch von der FDP gehört.

Punkt 7 geht im Konzept der heutigen „sozialen Marktwirtschaft“ auf. Gegen S21-Sozialismus hat auch die FDP nichts einzuwenden.

Punkt 8 ist pikant. Arbeitszwang als Gegenleistung für Sozialleistungen scheint in einigen Zirkeln der FDP durchaus als akzeptabel zu gelten. „Sanfter Zwang“ im aktuellen Sozialsystem ist jedenfalls von der FDP gewollt. Offiziell wird Arbeitszwang aber noch von keiner Partei gefordert.

Punkt 9 ist sehr wage formuliert und scheint mir eher eine Konsequenz anderer Maßnahmen zu sein.

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Gemessen an diesen Punkten – und erst Recht beim direkten Vergleich Linkspartei – FDP – wird klar, dass die FDP mindestens den halben Weg zum Kommunismus mitgestaltet und gefördert hat. Und dass der Unterschied zur Linkspartei eher gering ist. Nur die Folklore ist natürlich anders.

Ludwig von Mises über die FDP (in Deutschland und der Schweiz)

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„Jene, die sich heute „Liberale“ nennen, vertreten politische Ziele, die genau das Gegenteil dessen sind, was die Liberalen des 19. Jahrhunderts in ihren Programmen befürwortet haben. Sie vertreten die sehr weit verbreitete Meinung, dass Redefreiheit, Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Willkür, dass alle diese Freiheiten auch ohne wirtschaftliche Freiheit bewahrt werden können. Sie erkennen nicht, dass alle diese Freiheiten in einem System ohne Markt, in dem die Regierung alles bestimmt, nur Illusionen sind, auch wenn sie im Gesetz verankert und in die Verfassung aufgenommen werden.“

— Ludwig von Mises