Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Patriotismus und andere niedere Gesinnungen’ Category

Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

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Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

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Patriotismus – Eine Bedrohung der Freiheit

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von Emma Goldmann (1911)

 

Ist es die Liebe zum Ort unserer Geburt, zum Hort von Kindheitserinnerungen und

Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen? Ist es die Stelle, an der wir so oft in kindlicher

Naivität den ziehenden Wolken zusahen und uns wunderten, warum es nicht auch uns

gegeben war, so rasch dahinzuschweben?

 

Ist es der Ort, an dem wir standen und die Milliarden glitzernder Sterne zählten, angstgelähmt

bei dem Gedanken, jeder einzelne „könnte ein Auge sein“, das bis in die tiefsten Tiefen

unserer kleinen Seelen vorzudringen vermöchte?

 

Ist es der Platz, an dem wir der Musik des Vogelsangs lauschten und wünschten, Schwingen

zu haben, um, genau wie sie, in ferne Länder fliegen zu können? Oder ist es der Ort, an dem

wir, auf Mutters Knien sitzend, hingerissen waren von wundervollen Geschichten über große

Taten und Siege? Kurz gesagt, ist es die Liebe zu jenem Fleckchen Erde, das in jedem

Zentimeter Boden uns liebe und teure Erinnerungen an eine glückliche und verspielte

Kindheit birgt?

 

Wenn das Patriotismus wäre, könnten nur wenige Amerikaner heute patriotisch genannt

werden, da ihr Spielplatz in eine Fabrik, eine Spinnerei oder ein Bergwerk verwandelt wurde,

während der betäubende Lärm von Maschinen den Gesang der Vögel ersetzt hat. Auch

können wir nicht länger den Geschichten großer Taten lauschen, da unsere Mütter uns heute

nur Geschichten der Tränen, der Trauer und des Schmerzes zu erzählen wissen. Was ist dann

aber Patriotismus? „Patriotismus, mein Herr, ist die letzte Zuflucht der Schufte“, sagte Dr.

Johnson.

 

Leo Tolstoi, der größte Gegner des Patriotismus unserer Zeit, definiert ihn als das Prinzip, das

die Ausbildung für den Mord auf breiter Basis zu rechtfertigen erlaubt; ein Handwerk, das

bessere Ausrüstung zum Mord erfordert als zur Herstellung der Lebensnotwendigkeiten wie

Schuhe, Bekleidung und Häuser; ein Handwerk, das bessere Entlohnung und größeren Ruhm

garantiert als den, den der gewöhnliche Arbeiter erhält.

 

Gustav Hervé, ein weiterer großer Gegner des Patriotismus, nennt ihn zurecht einen

Aberglauben – einen, der schädlicher, brutaler und inhumaner ist als die Religion. Der

religiöse Aberglaube hatte seinen Ursprung in der Unfähigkeit des Menschen, die Phänomene

der Natur zu erklären. D.h., als der Primitive den Donnerschlag hörte oder den Blitz sah,

konnte er sich weder den einen noch den anderen erklären und schloß daher, daß hinter ihnen

eine Macht stehen müsse, die größer war als er selbst. Ähnlich vermutete er im Regen und in

den anderen Naturvorgängen eine übernatürliche Macht. Patriotismus hingegen ist ein

künstlich geschaffener Aberglaube, der durch ein Netzwerk der Lügen und Falschheiten am

Leben erhalten wird; ein Aberglaube, der den Menschen seiner Selbstachtung und Würde

beraubt und seine Arroganz und Überheblichkeit fördert. In der Tat sind Ubernatürlichkeit,

Arroganz und Egoismus die wesentlichsten Zutaten des Patriotismus. Lassen Sie mich das

illustrieren.

 

Der Patriotismus nimmt an, daß die Erde aufgeteilt ist in lauter kleine Fleckchen, von denen

jedes umgeben ist von einem eisernen Gitter. Jene, die das Glück hatten, auf einem

bestimmten Fleckchen geboren zu werden, erachten sich als besser, edler, großartiger und

intelligenter als all jene Lebewesen, die andere Fleckchen bewohnen. Es ist daher die Pflicht

jedes einzelnen, der ein solch auserwähltes Fleckchen bewohnt, zu kämpfen, zu töten und zu

sterben bei dem Versuch, allen anderen seine Überlegenheit aufzuzwingen.

Die Bewohner der anderen Fleckchen argumentieren natürlich in der gleichen Weise, mit dem

Ergebnis, daß das Bewußtsein der Menschen von frühester Kindheit an durch blutrünstige

Geschichten über die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Russen usw. vergiftet wird.

Wenn das Kind zum Manne herangereift ist, ist er gründlich durchtränkt von dem Glauben,

daß Gott selbst ihn auserwählt habe, sein Vaterland gegen Angriff und Invasion aller daran

interessierten Ausländer zu verteidigen. Nur aus diesem Grunde verlangen wir so stürmisch

nach einer größeren Armee und Marine, nach mehr Kriegsschiffen und Waffen. Nur aus

diesem Grunde hat Amerika innerhalb einer kurzen Zeit 400 Millionen Dollar ausgegeben.

Denken Sie einen Augenblick darüber nach – 400 Millionen Dollar, die dem Besitz des

Volkes genommen wurden. Denn die Reichen leisten sicher keinen Beitrag zum Patriotismus.

Sie sind Kosmopoliten, die sich in jedem Lande zu Hause fühlen. Wir in Amerika kennen

diese Wahrheit nur zu gut. Sind unsere reichen Amerikaner nicht in Frankreich Franzosen, in

Deutschland Deutsche und in England Engländer? Und verschwenden sie nicht mit

kosmopolitischer Grandezza Münzen, die von amerikanischen Kindern der Fabriken und

Sklaven der Baumwollproduktion geprägt wurden? Ja, zu ihnen paßt ein Patriotismus, der

ihnen gestattet, Beileidsschreiben an einen Tyrannen wie den russischen Zaren zu schicken,

sobald ihm irgendein Unglück widerfährt, so wie es Präsident Roosevelt im Namen seines

Volkes zu tun gefiel, als Sergius von den russischen Revolutionären bestraft wurde. Es ist ein

Patriotismus, der dem Prototyp eines Mörders, Diaz, beisteht bei der Vernichtung Tausender

von Leben in Mexiko oder gar hilft, mexikanische Revolutionäre auf amerikanischem Boden

zu verhaften und sie, ohne den geringsten vernünftigen Grund, in amerikanischen

Gefängnissen eingesperrt zu halten.

 

Aber darüber hinaus ist Patriotismus gar nicht gedacht für jene, die Macht und Reichtum

repräsentieren. Er ist gut genug fürs Volk. Er erinnert an die historische Weisheit Friedrichs

des Großen, des Busenfreundes Voltaires, der sagte: „Die Religion ist ein Betrug, der um der

Massen willen aufrechterhalten werden muß.“ Daß der Patriotismus eine ziemlich kostspielige

Institution ist, wird niemand zu bezweifeln wagen nach Einsichtnahme in folgende

Statistiken. Das progressive Wachstum der Ausgaben für die führenden Armeen und Flotten

der Welt während des letzten Vierteljahrhunderts ist ein so gravierendes Faktum, daß es jeden

verantwortungsbewußt ökonomische Probleme Studierenden, erschrecken muß …

 

Die schreckliche Verschwendung, die der Patriotismus notwendig macht, sollte genügen,

selbst einen Mann von durchschnittlicher Intelligenz von dieser Krankheit zu heilen. Das

Volk wird gezwungen, patriotisch zu sein, und für diesen Luxus bezahlt es nicht nur durch

Unterstützung seiner „Verteidiger“, sondern auch noch durch Opferung seiner Kinder.

Patriotismus verlangt Treue zur Fahne, und das bedeutet Gehorsam und Bereitschaft zur

Tötung von Vater, Mutter, Bruder, Schwester …

 

Nehmen wir unseren eigenen spanisch-amerikanischen Krieg, der angeblich ein großes und

patriotisches Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt. Wie brannten

unsere Herzen doch vor Empörung über die grausamen Spanier! Richtig, unsere Empörung

entbrannte nicht spontan. Sie war genährt worden durch monatelange Agitation in den

Zeitungen, lange nachdem Weyler viele edle kubanische Männer hingeschlachtet und viele

kubanische Frauen geschändet hatte. Doch um der amerikanischen Nation Gerechtigkeit

widerfahren zu lassen, muß gesagt werden, daß sie sich empörte und bereit war zu kämpfen,

und daß sie tapfer kämpfte. Aber als sich der Rauch verzog, die Toten begraben waren und

die Kosten des Krieges in Gestalt einer Verteuerung der Lebensmittel und der Mieten auf das

Volk zurückfielen – d. h., als wir ernüchtert aus unserem patriotischen Zechgelage erwachten

– dämmerte uns, daß die Ursache des spanisch-amerikanischen Krieges in einer Betrachtung

über den Zuckerpreis zu suchen war; oder, um es deutlicher zu sagen, daß die Leben, das Blut

und das Geld amerikanischer Menschen benutzt worden waren, die Interessen der amerikanischen Kapitalisten zu schützen, die durch die spanische Regierung bedroht waren. Daß dies keine Übertreibung ist, sondern sich auf absolute Zahlen und Daten gründet, läßt

sich am besten durch die Haltung der amerikanischen Regierung den kubanischen Arbeitern

gegenüber beweisen. Als sich Kuba fest in den Klauen der Vereinigten Staaten befand, wurde

den Soldaten, die man zur Befreiung Kubas schickte, während des großen Tabakarbeiterstreikes, der kurz nach Kriegsende stattfand, befohlen, kubanische Arbeiter zu

erschießen.

 

Auch stehen wir nicht allein da in der Führung von Kriegen um solcher Gründe willen. Der

Vorhang, der über den Motiven des schrecklichen russisch-japanischen Krieges hing, der so

viel Blut und Tränen kostete, beginnt sich allmählich zu lüften. Und wieder erkennen wir, daß

hinter dem fürchterlichen Moloch des Krieges, der noch fürchterlichere Gott des

kapitalistischen Handels steht. Kuropatkin, der russische Kriegsminister zur Zeit der russisch-

japanischen Kämpfe, hat das Geheimnis verraten, das sich hinter ihnen verbarg. Der Zar und

seine Großen hatten in koreanischen Niederlassungen Geld investiert, und der Krieg wurde

vom Zaune gebrochen um des einzigen Grundes der raschen Akkumulation willen.

 

Die Behauptung, daß eine stehende Armee und eine Flotte die beste Garantie für den Frieden

sind, ist ebenso logisch wie die Annahme, der friedfertigste aller Bürger sei jener, der schwer

bewaffnet herumläuft. Die Erfahrung des täglichen Lebens beweist zur Genüge, daß das

bewaffnete Individuum beständig darauf aus ist, seine Stärke zu erproben. Dasselbe gilt

historisch gesprochen für Regierungen. Wirklich friedliche Länder verschwenden nicht Leben

und Energie auf die Vorbereitung von Kriegen und das Ergebnis ist, daß der Friede erhalten

bleibt.

 

Der Ruf nach einer größeren Armee und Flotte resultiert jedoch nicht aus irgendeiner äußeren

Gefahr. Er hat seine Ursache in der wachsenden Unzufriedenheit der Massen und dem Geiste

des Internationalismus unter den Arbeitern. Um dem inneren Feind zu begegnen, rüsten sich

die Mächte verschiedener Länder, einem Feinde, der, wenn er erst einmal zu Bewußtsein

erwacht ist, sich als gefährlicher erweisen wird als jeder fremde Angreifer. Die Mächte, die

jahrhundertelang damit beschäftigt waren, die Massen zu versklaven, haben deren

Psychologie aufs genaueste studiert.

 

Sie wissen, daß die Masse der Menschen wie Kinder ist, deren Verzweiflung, Trauer und

Tränen durch ein kleines Spielzeug in Freude verwandelt werden können. Und je prächtiger

das Spielzeug aussieht, je schreiender die Farben, desto eher wird es dem millionen-köpfigen

Kinde gefallen.

 

Eine Armee und eine Marine stellen das Spielzeug des Volkes dar. Um es anziehender und

akzeptabler zu machen, werden Hunderte und Tausende von Dollars ausgegeben für die

äußere Pracht dieses Spielzeugs. Das war die Absicht, mit der die amerikanische Regierung

eine Flotte ausrüstete und sie die Pazifikküste entlangschickte, so daß jeder amerikanische

Bürger den Stolz und die Glorie der Vereinigten Staaten zu fühlen bekommen sollte. Die

Stadt San Franzisco gab 100.000 Dollar aus für die Unterhaltung der Flotte; Los Angeles

60.000; Seattle und Tacoma etwa 100.000. Sagte ich, die Flotte zu unterhalten? Um einigen

wenigen höheren Offizieren weinreiche Diners zu servieren, während die „braven Jungen“

meutern mußten, um ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Ja, 260.000 Dollar wurden für

Feuerwerke, Theaterparties und Lustbarkeiten ausgegeben zu einer Zeit, da Männer, Frauen

und Kinder weit und breit im ganzen Land Hungers starten; als Tausende von Arbeitslosen

bereit waren, ihre Arbeitskraft zu jedem Preis zu verkaufen.

260.000 Dollar! Was hätte nicht alles mit einer solch ungeheuren Summe erreicht werden

können? Aber anstatt Brot und Wohnung zu erhalten, wurde den Kindern jener Städte die

Flotte vorgeführt, damit sie „eine bleibende Erinnerung für das Kind“ bilde, wie eine der

Zeitungen es ausdrückte. Eine wunderbare Sache für die Erinnerung, nicht wahr? Das

Werkzeug zivilisierter Menschenschlächterei. Wenn das Bewußtsein des Kindes durch solche

Erinnerungen vergiftet wird, welche Hoffnung kann es dann geben für eine wahre

Realisierung menschlicher Brüderlichkeit?

Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Wir hassen Blutvergießen; wir

sind Gegner der Gewalt. Doch wir schäumen über vor Freude über die Möglichkeit, Bomben

aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu können. Wir sind bereit, jeden zu hängen, auf

den elektrischen Stuhl zu schicken oder zu lynchen, der, aus Ökonomischer Notwendigkeit

heraus, sein eigenes Leben wagt bei dem Versuch eines Attentats auf einen Industriekapitän.

Doch unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, daß Amerika sich zur

mächtigsten Nation der Erde auswächst, und daß es im Laufe der Zeit seinen eisernen Fuß auf

den Nacken aller anderen Nationen setzen wird. Das ist die Logik des Patriotismus.

Betrachtet man die üblen Resultate, die der Patriotismus für den Durchschnittsbürger mit sich

bringt, so ist das noch gar nichts im Vergleich mit der Beschimpfung und dem Schaden, die

der Patriotismus dem Soldaten selbst auflädt – jenem armen, verführten Opfer des

Aberglaubens und der Unwissenheit. Für ihn, für den Retter seines Landes, den Beschützer

seiner Nation – was hat denn der Patriotismus für ihn in petto? Ein Leben der sklavischen

Unterwürfigkeit, des Lasters, der Perversion in Friedenszeiten; ein Leben der Gefahr, des

Ausgeliefertseins und des Todes in Kriegszeiten …

 

Denkende Männer und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, daß der

Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres

Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gefühl der

Soldidarität unter den Unterdrückten der Nationen dieser „Welt entstehen lassen; eine

Solidarität, die eine größere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und

seinen Brüdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und

seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarität, die fremde Invasion nicht fürchtet, weil sie

alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: „Geht und vollbringt das Geschäft

des Tötens selbst. Wir haben es lange genug für euch getan.“

Diese Solidarität weckt sogar das Bewußtsein der Soldaten, die auch Fleisch vom Fleische der

großen menschlichen Familie sind. Eine Solidarität, die sich mehr als einmal als

unerschütterlich erwiesen hat in vergangenen Kämpfen, und die während der Kommune von

1871 für die Pariser Soldaten den Anstoß gab, den Gehorsam zu verweigern, als man ihnen

befahl, ihre Brüder zu erschießen. Sie hat den Männern Mut gemacht, die in jüngster

Vergangenheit auf russischen Kriegsschiffen meuterten. Sie wird allmählich den Aufstand

aller Unterdrückten und Getretenen gegen ihre internationalen Ausbeuter auslösen. Das

Proletariat Europas hat die große Kraft der Solidarität realisiert und folglich einen Krieg

gegen den Patriotismus und sein blutiges Gespenst, den Militarismus, begonnen. Tausende

von Männern füllen die Gefängnisse von Frankreich, Deutschland, Rußland und den

skandinavischen Ländern, weil sie es wagten, dem alten Aberglauben zu trotzen. Auch ist die

Bewegung nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt; sie umfaßt Repräsentanten aller

Gesellschaftsschichten und ihre bedeutendsten Vertreter sind Künstler, Wissenschaftler und

Schriftsteller. Amerika wird sich anschließen müssen. Der Geist des Militarismus durchdringt

bereits alle Gebiete des Lebens. Ich bin in der Tat davon überzeugt, daß der Militarismus sich

hier zu einer größeren Gefahr auswächst als irgendwo anders, da der Kapitalismus hier jenen,

die er zu zerstören wünscht, so viele Bestechungsgeschenke anzubieten weiß.

Es beginnt schon in den Schulen. Offensichtlich hält es die Regierung mit der jesuitischen

Devise: „Gib mir das Bewußtsein des Kindes und ich werde den Mann formen.“ Kinder

werden in militärischer Taktik geübt, der Ruhm militärischer Siege stundenplanmäßig

besungen und das kindliche Bewußtsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen.

Außerdem wird die Jugend durch leuchtende Plakate verlockt, zur Armee oder zur Marine zu

gehen. „Eine wunderbare Chance, die Welt zu sehen!“ rufen die Marktschreier der Regierung.

So werden unschuldige Knaben moralisch aufgerüstet für den Patriotismus und der

militärische Moloch schreitet erobernd durch die Nation. Der amerikanische Arbeiter hat so

sehr unter dem Soldaten des Staates und des Bundes gelitten, daß er völlig gerechtfertigt ist in

seiner Abscheu vor und seiner Opposition gegen den uniformierten Parasiten. Bloße

Denunziation wird dies große Problem allerdings nicht lösen. Was wir benötigen, ist eine

Erziehungspropaganda für den Soldaten: anti-patriotische Literatur, die ihn über die wahren

Schrecken seines Handwerks aufklärt, und die ein Bewußtsein seiner wahren Beziehung zum

Arbeiter weckt, dessen Arbeit er seine Existenzgrundlage verdankt. Und genau das fürchten

die Autoritäten am meisten. Es ist schon Hochverrat, wenn ein Soldat an einer Versammlung

Radikaler teilnimmt. Zweifelsohne werden sie es auch als Hochverrat abstempeln, wenn ein

Soldat ein radikales Pamphlet liest. Aber hat nicht Autorität von undenklichen Zeiten an jeden

Schritt nach vorn als Verrat gebrandmarkt? Jene jedoch, die ernsthaft nach sozialer

Rekonstruktion trachten, können es sich sehr wohl leisten, all dem entgegenzutreten; denn es

ist wahrscheinlich sogar wichtiger, die Wahrheit zu den Soldaten in die Baracken zu tra gen,

als zu den Arbeitern in die Fabriken. Wenn wir erst einmal die patriotische Lüge untergraben

haben, wird schnell der Weg bereinigt und bereitet sein für die großartige Konstruktion, in der

alle Nationalitäten vereinigt sein werden in einer universalen Brüderschaft – einer wahrhaft

FREIEN GESELLSCHAFT.

 

 

Wieso eigentlich Integration?

with one comment

von Niklas Fröhlich

Eigentlich wollte ich mich zu der gesamten Sarrazin-Debatte nicht noch einmal äußern, aber da das Thema auf allen Plattformen, in allen Medien und Gesprächen nicht abreißen will, möchte ich mich doch zumindest zu einem einzigen Aspekt noch einmal äußern: Der Kultur, was besonders auch die Sprache mit einbezieht. Vorweg: Wann immer ich das Wort „Gesellschaft“ verwende, spreche ich nicht von jenem sinnentleerten Konstrukt, sondern meine einzig und allein „Das Zusammenleben der Menschen“.

In der ganzen Debatte hört man von Seiten der Einwanderungs- Islamkritiker immer wieder das Argument der grauenhaften Parallelgesellschaften, der zusammenbrechenden kulturellen Einheit in Deutschland, dem Ende der „Leitkultur“. Phrasen wie „Wer in Deutschland lebt, muss auch Deutsch sprechen!“ oder der Ruf nach Verankerung der Deutschen Sprache im Grundgesetz sprechen Bände – Bände unreflektierter Gedankengänge.

Ich provoziere: Warum MUSS Deutsch sprechen, wer in Deutschland lebt? Es ist doch Sache eines jeden Einzelnen, wie er sein Leben verbringt – und wer die deutsche Sprache nicht lernen will, der muss dies nicht. Wenn ich auswandere MUSS ich auch nicht unbedingt die Sprache meines neuen Wohnortes lernen. Von MÜSSEN als imperativ anderer kann überhaupt keine Rede sein. Was geht es mich an, wie andere ihr Leben führen? Gerade diese Toleranz sollte doch der Grundstein unserer sogenannten „modernen“ und „freiheitlichen“ Gesellschaft sein.
Aber, wird so Mancher einrufen, die kulturelle und besonders sprachliche Einheit sei unbedingt notwendig zum Bestehen der „Gesellschaft“. Ich kann ja meinen Nachbarn nicht einmal bitten, leise zu sein, geschweige denn mich ihm vorstellen und wirklich eine Gesell-schaft mit ihm bilden, wenn er meine Sprache nicht spricht. In diesem Sinne, so mag man einwenden, gehe es einen sehr wohl etwas an – denn man möchte ja ein funkionierendes Zusammenleben.
Diese Feststellung ist im Kern tatsächlich richtig, führt in diesem Fall jedoch zur falschen Schlussfolgerung. Natürlich ist es wünschenswert, mit seinen Mitmenschen kommunizieren zu können. Aber wünschenswert ist so vieles. Ich wünsche mir auch noch so einiges anderes etwa einen neuen Rechner – dennoch habe ich keinen Anspruch gegenüber Anderen, dass diese ihn mir schenken, damit ich davon profitiere. Ebensowenig habe ich einen Anspruch darauf, dass andere Menschen für mich eine Sprache lernen, damit ich davon profitiere. So empört der Kulturkonservative bei dieser Aussage auch aufschreien mag: Ich habe ebensowenig einen Anspruch darauf, dass ein eingewanderter Türke deutsch lernt, wie ich Anspruch darauf habe, dass alle Türken Deutsch lernen, sobald ich in die Türkei einwandere. Ich habe überhaupt keinen Anspruch auf die Handlungen anderer.

Aber, wird man wiederholen, was ist mit der Notwendigkeit einer gewissen sprachlichen und kulturellen Homogenität? Ganz einfach: Sie ist wünschenswert und sie ist notwendig und eben daher braucht überhaupt niemand irgendwelche Ansprüche zu erheben. Der Mensch möchte ein gutes und angenehmes Leben führen und gerade dafür braucht er die Gesellschaft und dafür braucht er die Sprache. Sprache und Kultur sind doch nicht Selbstzweck! Sie sind reines Mittel zum Ziel individueller Zielerreichung. Oder in schöneren Worten:

„Der in die Gesellschaft eingegliederte Mensch ist an die Gesellschaft gebunden, weil er ohne die Gesellschaft die Zwecke seines Handelns nicht verwirklichen kann.“
– Ludwig von Mises; Nationalölkonomie; Edition Union Genf; 1940; S.135 *

Ein Einwanderer lernt schon deshalb die Sprache der Einwanderungsgesellschaft, weil er ohne sie in ihr nicht leben kann. Aus eben diesem Grund ist eine weiträumige zumindest annährend homogene Kultur und Sprache ja überhaupt erst entstanden, weil die Menschen Nutzen aus der Zusammenarbeit ziehen. Es ist doch innerhalb Deutschlands nicht anders: Der Urbayer spricht nicht deshalb nebenbei auch mehr oder weniger Hochdeutsch, weil es „sich in Deutschland halt so gehört“, sondern damit er auch mit dem benachbarten Badener oder Franken kommunizieren und Handel treiben kann. Und so werden gewiss, überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gewisse gemeinsame Nenner und eine gemeinsame Sprache entstehen – schon deshalb, weil jeder Einzelne dies als Mittel der Zusammenarbeit braucht.

Um noch einmal auf den Urbayern zurückzukommen: Es mag auch gewiss einige ländliche Dörfer geben, in denen etwa der Westfale kein Wort verstehen wird – und in denen man auch des Hochdeutschen kaum mächtig ist und deren Kultur auch ländlich, altmodisch, streng katholisch ist. Wer beklagt sich eigentlich über diese „Parallelgesellschaften“ und „Integrationsverweigerer“. Niemand. Wieso auch? Diese Dörfer sind eben deshalb nicht an Restdeutschland angepasst, weil sie es scheinbar nicht brauchen, weil keine Notwendigkeit besteht. Und so nimmt auch niemand Anstoß daran: Wen kümmert es, was irgendwo auf dem Land vor sich geht? An dem Punkt aber, wo diese Dörfer mehr zu Städten oder touristischen Gebieten werden, kurzum: In Kontakt mit „Hochdeutschlern“ kommen, werden sie sich nach und nach erst sprachlich und irgendwann auch in gewissen Teilen kulturell anpassen – einfach, weil man mit den anderen zugezogenen Städtern oder den geldgebenden Touristen kommunizieren muss. Andersherum: Wer als einzelner in das Dorf zieht, wird nicht umherkommen bayrischen Dialekt zu lernen.
Von einem Imperativ der „Anpassungspflicht“ kann keine Rede sein. Es geht um reine Notwendigkeit.

Diese geographische Abgeschiedenheit, die kulturelle Anpassung nicht oder nur bedingt nötig macht, ist aber in den beklagten türkisch-arabisch-islamischen Parallelgesellschaften gerade nicht gegeben. Und daher wird sie problematisch: Denn innerhalb direkter Nachbarschaft findet die rein natürlich übliche und auch notwendige kulturelle Angleichung nicht statt – und das belastet natürlich das Zusammenleben.

Und nun sind wir beim Kern des eigentlichen Problems: Wieso funktioniert hier das nicht, das rein natürlich ist: Die Anpassung zum gegenseitigen Nutzen. Wieso bilden sich kulturell abgeschottete Gesellschaften innerhalb der Restgesellschaft, die mit dieser kulturell wie sprachlich nicht kommunizieren können? Dies hat wenn überhaupt zweitrangig irgendetwas mit Nationalität oder Religion (hier: Islam) zu tun. Denn selbst der radikale Religiöse oder der anpassungsunwillige Nationalist muss essen, muss eine Wohnung haben, muss Geld verdienen usw. Und für all das muss er kommunizieren. Selbst der radikalste türk-nationalistische Islamist würde die Deutsche Sprache lernen müssen, um sich eine Wohnung zu suchen, den Mietvertrag zu verstehen, einen Job zu finden, sich beim Einstellungsgespräch vorzustellen, oder einfach nur beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Integration MUSS geschehen, aber nicht als moralischer Fingerzeig, sondern sie wird es einfach aus reiner und natürlicher Notwendigkeit.

Wieso aber funktionieren bzw. funktionierten diese natürlichen Anreize und Entwicklungen nicht? Die Antwort ist denkbar einfach: Der Staat hat natürliche gesellschaftliche Mechanismen manipuliert und/oder zerstört. Es begann alles mit politisch geschlossenen Gastarbeiter-Abkommen. Während einzelne Einwanderer inmitten deutscher Restgesellschaft landen und sich bald anpassen würden, holte man Einwanderer hier gesammelt nach Deutschland und hielt sie auch weiter versammelt, in ihren Wohnblöcken, an ihren Arbeitsplätzen, später in ihren Vierteln. Wohnung und Arbeit wurden (staatlich gestützt) zugeteilt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden oft gemeinsam in den Betrieben eingesetzt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden gemeinsam angesiedelt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig.
Aber dies allein ist nur der erste Teil des Problems. Denn irgendwann liefen die Verträge der Gastarbeiter-regelungen aus und die – von der deutschen Restgesellschaft nahezu gezielt isolierten – Ausländer hätten sich nun definitiv zur Berufsfindung und allgemeinen weiteren Zukunft mehr und mehr an die Restgesellschaft angleichen müssen. Wieso aber taten es sie es nicht? Und wieder liegt die Antwort beim Staat: Ohne das staatliche Dokument der Staatsbürgerschaft ist es schwierig einen Beruf, ganz zu schweigen von längerfristiger Ausbildung, in Deutschland zu finden. Absolut verständlicherweise nimmt kein Lehrmeister einen Gesellen auf, der – egal wie bemüht er ist – schlecht Deutsch spricht und vor allem eventuell bald sogar abgeschoben wird. Wieder blieb man unter sich, die „Parallelgesellschaft“ wurde gefestigt.
Zementiert wurde sie dann letztendlich wieder durch den Staat. Trotz aller staatlicher Hürden hätte die reine Existenznot schließlich doch irgendwie zu – wenn auch schlecht bezahlter, niederer – Arbeit und somit Integration geführt. Doch diese Existenznot als letzter Integrationsfaktor wurde dann durch die staatliche Sozialhilfe beseitigt. Man brauchte sich einmal mit Dolmetscher oder auch gleich mit türkischen Anträgen, ich weiß nicht wie es da steht,  mit der deutschen Bürokratie herumschlagen und konnte dann wieder zurück ins parallelgesellschaftliche Viertel, ohne weiteren Kontakt zur deutschen Kultur.

Wir sehen: Der Staat legte den Grundstein der Parallelgesellschaft, der Staat festigte das Gebilde und zementierte es schließlich. In sofern stimmt es, dass die Politik gescheitert ist – allerdings nicht, weil sie nicht genug tat, sondern eben weil sie etwas tat und die Menschen lange und erfolgreich davon abhielt sich ganz natürlich zu integrieren. Ohne Politik, wäre nichts davon geschehen. Heute nach „besserer Integrationspolitik“ zu rufen ist daher lachhaft, schon deshalb, weil eine gewisse grundlegende gesellschaftliche Homogenität eben nicht erst durch Politik hervorgerufen wird, sondern ganz von selbst entsteht, aus dem tiefen Bedürfnis der Individuen heraus. Politik kann diese Vorgänge nur blockieren und lahmlegen.

Und nun wenden wir uns den indirekten Folgen dieser politischen Zerstörung des natürlichen Zusammenlebens zu: Die politisch forcierte Sammel-Einwanderung gekoppelt mit gezielter Abschottung führte natürlich auf deutscher Seite zu Vorurteilen gegenüber den Andersartigen und bei den Türken ihrerseits eine stärkere Selbstfindung in der türkischen Kultur und Gemeinschaft – und eben der Religion. Es darf nicht wundern, dass die Abgeschotteten ihrerseits mit Abschottung reagieren. All dies verstärkt die gesellschaftliche Spaltung nur noch mehr. Die Probleme plötzlich auftretenden Nationalismus oder Islamismus oder weniger spezifisch: „Integrationsverweigerung“ sind somit eben nicht Ursachen, sondern Folgen, reine Symptome (!) von Abschottung und verstärkter Bildung von Parallelgesellschaften.
Vermischt wird dies oft auch mit der Problematik der Unterschicht, in welche die Einwanderer von Anfang an (s.o.) gedrängt waren. Pöbelt ein deutscher Prolet einen Deutschen an, nimmt dies kaum jemand wahr, tut dies ein türkischer Prolet wird der Kulturkampf ausgerufen. Das entschuldigt nichts, muss aber berücksichtigt werden. Ebenso muss das Treiben der, auch in der aktuellen Debatte immer wieder kritisierten, Multikulti-Sozialromantiker beachtet werden, welche (oft mit Staatsgeldern) die geschaffenen Konstrukte noch verherrlichten und in ihrer Festigung bestärkten und noch viel anderes verdient hier Beachtung. Darauf möchte ich aber eigentlich gar nicht eingehen. Dieser Beitrag sollte ausschließlich der Betrachtung von Entwicklung und Bedeutung von Kultur und Sprache dienen.

Denn dies geht in der aktuellen Debatte allerdings fast völlig verloren, man beklagt Symptome, spricht von „Bringpflicht der Migranten“, von „Leitkultur“, von „besserer Integrationspolitik“ und verkennt, dass all dies schon allein aus einem einzigen Grund Unsinn ist: Gesellschaft und ihre Normen bzw. eine grundlegende Homogenität sind keine Pflicht, sondern sie entstehen aus gegenseitigem Nutzen, ganz von selbst – wenn man sie nicht behindert. Die heutigen Probleme sind primär Folgen staatlicher Zerstörung des Zusammenlebens und können auch nur auf Basis dieser Erkenntnis kuriert werden. Erst wenn dieses Allgemeine einmal klar ist, kann man versuchen über spezifische Lösungen nachzudenken.

* Das gesamte Kapitel zur Gesellschaft, ihrer Bildung, ihrem Zweck und ihren Ausprägungen ist, nicht nur, aber auch gerade, zu dieser Thematik ungemein lesenswert.

 

Auch dieser Klassiker, aus Sicht der Paxx-Redaktion vermutlich das Beste und Klügste, was seit langem zum Dauerbrenner „Integrationsdebatte“ verfaßt wurde, erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 at 01:22

Sarrazin und der Untergang der Deutschen

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Die Illusion der Gesellschaft II

von Niklas Fröhlich

Manchmal wird einem von unerwarteter Seite in die Hände gespielt. In diesem Fall ist es, nur einige Tage nach meinem Text „Die Illusion des Wortes Gesellschaft“ SPD-Politiker und seit neustem Berufsprovokateur Thilo Sarrazin, der mir den Ball in die Hände legt – wenn es auch sicher kein Pass ist.
Wieso er mir in die Hände spielt? Ganz einfach: Auf die gesamte Sarrazin-Diskussion lässt sich – auf alle Beteiligten Seiten – die Kritik am Wort „Gesellschaft“ herrlich aufzeigen. Wunderbar können wir an ihr alle genannten Blickwinkel auf die Gesellschaft nachvollziehen und können weiterhin daran auch gleich mitverfolgen, wie und warum die Sarrazinschen Thesen und Provokationen ziellos ist und im Sand verläuft, wenn nicht gar ungemein schädlich ist.

Ich beziehe mich hauptsächlich hierauf, auf den ersten Teil der nach und nach in der Bild folgenden Veröffentlichung von Teilen des neuen Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“. Im Kern scheint es dasselbe zu sein, das wir schon gewohnt sind: Polemische Ausführungen zu Fragen von Einwanderung und Gesellschaft, die Sarrazin gleich mit der angrifflustigen Schärfe des Buchtitels beginnt.

Sarrazins Thesen aus diesem Textauszug kurz gefasst: Die Deutschen sind immer dümmer, ärmer, fauler, verantwortungsloser und geplagter von Einwanderungsproblematiken geworden und werden es wenn der Trend nicht abbricht noch weiter. Besonders kritisiert er die Projektion aller Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Alles gipfelt im kulturellen und vor Allem auch demographischem aussterben „der Deutschen“. Es endet mit dem Appell an einen „deutschen Selbsterhaltungswillen“.

Und genau dies passt doch herrlich in das Schema der drei sich widersprechenden Gesellschaftsbilder:
 
1. Die Gesellschaft als Sündenbock
Sarrazin führt einen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche Verkommenheit: Faul, dumm, verantwortungslos. Alle! Natürlich nicht er, sondern alle… also, natürlich auch nicht der geneigte Leser, der ihm zustimmen soll, auch nicht der Redakteur der Bild, sondern alle anderen. An der gewaltigen Anzahl der Zustimmungen (Bild-Umfrage: 89% bei knapp 90.000 Stimmen) sieht man, dass der gemeine Bild-Online-Leser wohl nicht zur verkommenen Gesellschaft zählt.

2. Die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung
Dieses Bild kritisiert Sarrazin. Er verlangt individuelle Verantwortung, statt  immerzu „die Gesellschaft“ bzw. „die Verhältnisse“ verantwortlich zu machen.

3. Die Gesellschaft als göttliche Entität
Wieso aber ist all das kritisierte schlecht? Es schadet der Gesellschaft – er nutzt dafür das Wort „Deutschland“, manchmal auch „die Deutschen“ oder gar „die deutsche Gesellschaft“. Dieser nämlich, soll es gut gehen, ihren Wünschen soll nachgekommen werden, ihre guten Ideale (Tüchtigkeit, Verantwortung, konservativ-Parole-xy) sollen endlich wieder hervorgekehrt werden.

Alle diese drei Gesellschaftsbilder nutzt Sarrazin parrallel. Doch sie alle führen zu nichts:
1. Er spricht alle an, doch aber niemanden. Seine Kritik läuft ins Leere der nicht existierenden „Gesellschaft“.
2. Hier kritisiert er im Kern genau das an, was auch ich kritisiert habe: Die Projektion der Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Dieses Bild vertritt er aber tatsächlich auch selbst: Denn an wen richtet er sich? Wer soll etwas ändern? Gewiss, der Staat, den er wohl als Verkörperung der Gesellschaft  versteht, in diesem Sinne oder zusätzlich findet sich aber auch immer wieder das schöne Wörtchen „wir“. „Wir“ wollen, „wir“ sollen. Er selbst nimmt die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung – wenn auch in (scheinbar) umgekehrter Weise.
3. Wer ist eigentlich dieses „Deutschland“ dem hier andauernd gedient werden müsse? Ich? Herr Sarrazin? Der Leser seines Buches, oder gar: Der Bild-Leser? Es ist ein nationalromantisch-nostalgisches Abbild des Wortes „Gesellschaft“ und zumindest genauso inhaltsleer.

Herr Sarrazin schafft es also, die Gesellschaft gleichzeitig zu Verteufeln, ihr Verteufeln zu Verteufeln und sie als oberstes Ziel des Gemeinwohles zu glorifizieren. Dies ist ein Paradebeispiel des sinnentleerten Gebrauches gesellschaftlicher Phrasen.

Schießen, Laden, Zielen… ähm?
Was soll nun dabei herumkommen? Der gemeine Bild-Leser schimpft einmal auf die verkommene (Rest-)Gesellschaft, dann auf diejenigen, die immer der Gesellschaft den Schuld zu weisen und nickt dann in der Gewissheit, dass endlich der Gesellschaft gedient werden müsse – also, von irgendwem, nicht von entsprechendem Bild-Leser, natürlich. Er fühlt sich in seinem Selbstbewusstsein durch Fremdverteufelung nun gestärkt genug, um die Ziellosigkeit dieser ganzen Kritik zu vergessen. Der etwas intellektuellere, der sich tatsächlich Sarrazins Buch kauft, tut wohl meist exakt dasselbe – nur nippt er dabei gelegentlich am Rotwein.

Auf die inhaltliche Ebene seiner Kritik möchte ich hier gar nicht eingehen, vieles was er sagt stimmt sicher, einiges mehr enthält grundlegende Wahrheiten, ist aber gewaltig überspitzt und unnötig bewusst provokant. Und vor allem: Sarrazin scheint ein Faible dafür zu haben allerlei Symptome von Problematiken aufzuzeigen, nicht aber jemals deren Wurzel zu ergründen. Integrationsprobleme, sinkende Realeinkommen, Bildungsmisere – dies sind Symptome, deren Aussprechen eigentlich keine formelle Kritik ist, aber durch unnötige Provokation scheinbar dazu wird. Aber darum soll es hier nicht gehen, es ging um die Reflexion der begrifflichen Gesellschaftsthematik.

Oft hört man, selbst wenn Sarrazin einige unnötig provokante Phrasen dresche, so spreche er doch zumindest notwendige Themen an und beginne den Diskurs. Nun, wünschenswert wäre es sicher. Allerdings: Nicht nur zeigt er nur Symptome anderer Problemlagen auf, er verschiebt weiterhin die gesamte Thematik in ein Wirr-Warr sich widersprechender Gesellschaftsbegriffe, an der sich jeder nach herzenslust erregt oder befriedigt und von deren Inhalt tatsächlich allerhöchstens genannte Symptome hängen bleiben.
Dass er gerade dies, ohne Frage nicht zu Unrecht, seinen Lieblingsgegner, den „politisch Korrekten“ vorwirft macht dies umso widersprüchlicher. Er beseitigt deren naiv-gesellschaftliches, kollektivistisches Bild nicht, sondern nutzt es für sich.

Und ein ganz anderes Fass, das noch aufgemacht werden muss: Er spricht nicht nur vom Abstraktum der „Gesellschaft“, er grenzt auch noch ganz klar dabei ab, er kennt eine deutsche Realgesellschaft, eine deutsche Wunschgesellschaft und er kennt Gegner der Gesellschaft, Faule, Unterschichtler, Ausländer. Das Wort „Feind“ würde er sicher nie in den Mund nehmen, doch die Assoziationen, die sich auch bei „deutscher Selbstbehauptung“ aufdrängen, sind eindeutig. Dass er so spaltet und Ressentiments schürt, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass er so unschönen einfachen Antworten Unterfutter liefert.

Ob der tatsächlich hier und da erreichte Anstoß des Diskurses diese gesellschaftliche Verwirrung und – gerade aus Gründen der begrifflichen Widersprüchlichkeit schnell gestärkten – Ressentiments wert ist, wage ich zumindest in Frage zu stellen. Ein großer Teil ist leider nostalgische Nörgelei auf höherem Niveau gepaart mit vulgär-konservativer Pöbelei. Und dies ist, trotz aller Empörung tatsächlich überhaupt nicht gegen den Zeitgeist gerichtet – denn was ist heute mehr Zeitgeist als ewiges vulgäres Symptom-Genörgel? Dass die Bild dem ganzen gerne Plattform bietet, ist vielleicht bester Ausdruck dessen.

Dieser Klassiker zur inzwischen merklich abgeflauten Sarrazin-Debatte erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

30. November 2010 at 23:55

Demokratie – Die schlechteste aller Regierungsformen

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von Ben, AnCaps.de

Die Demokratie, olympiadlich unsere Stimme fordernd, ist das teuflischste aller politischen Systeme, das Teuflischste, weil es seine Bösartigkeit nicht offen zur Schau stellt, sondern sich, ganz im Gegenteil, als das höchste Ideal präsentiert und Unzählige, ja ganze Völker verführt und verdirbt. Umworben mit strahlendem Lächeln wie einst Circe und süße Versprechungen wie aus den Mündern der Sirenen wollen glauben machen, dass sich die Demokratie auch für uns lohnt, dass wir ihr nachgeben sollten, ihr unsere Stimme unser Ja-Wort geben müssen. Alles andere: Undenkbar und verwerflich! „Demokratiefeindlich“ – das größte Schimpfwort unserer Zeit. Betäubt von Wahlgeschenken, benommen von schöner Rhetorik, überzeugt von noblen Opfern, die wir (oder meistens: andere) für die Gemeinschaft bringen müssten, lassen wir uns blenden, verleugnen wir unsere moralischen Werte. Wie im Rausch offerieren uns die zur Wahl Stehenden gestohlene Gelder anderer, die Gelder zukünftiger Generationen, als ob es kein Morgen gäbe.

Im Privaten glauben wir alle an das Knüpfen freiwilliger Bande, schließen Verträge miteinander aus freien Stücken, regeln unsere Streitigkeiten friedlich und ohne Gewalt – Gewalt ist uns schon lange keine Lösung mehr, Sklaverei haben wir geächtet, organisiertes Verbrechen, Diebstahl und Freiheitsberaubung verdammen wir, Korruption erachten wir als unfaires Mittel. Wir wissen, dass die Gewalt nicht erst mit der physischen Anwendung anfängt, sondern schon die Androhung selbst Gewalt ist.

Wenden wir uns aber dem Staat zu, so ist Unrecht auf einmal Recht, ist Diebstahl und Freiheitsberaubung legitimes Gebot, werden ganze Jahrgänge jeweils für ein Jahr versklavt, plötzlich ist ein wehrhaftes Opfer ein Verbrecher, den es so hart wie möglich zu bestrafen gilt – und alle vier Jahre ist Bestechung das Maß der Stunde. Wie kann es sein, dass zivilisierte Menschen, die Gewalt so wortgewaltig verächten, ein System unterstützen, das allein auf genau dieser verachteten Kraft beruht, dem wir ohne zu Wimpern ein Gewaltmonopol zusprechen, als ob ein Monopol nicht gerade zu Mißbrauch führt? Tag für Tag demonstrieren wir im Privaten, dass freiwillige Beziehungen für ein viel reicheres, effizienteres und angenehmeres Miteinander sorgen. Wir kommen nicht auf die Idee, dass wir mit Waffengewalt Anrecht auf die Güter unseres Nachbarn haben, nur weil er etwas mehr verdient, wir sehen einen Unterschied zwischen Liebesakt und Vergewaltigung, wir unterstützen gute Zwecke und Stiftungen freiwillig. Doch alle vier Jahre sind wir aufgefordert ein auf der Initiierung und Androhung von Gewalt beruhendes System zu legitimieren, einen Leviathan, der uns auf perfide Weise korrumpiert und zu Mittätern macht, zu Menschen, die das Unrecht nicht nur nicht verurteilen, sondern Kraft ihrer Stimme sogar absegnen. Jede Wahl aufs Neue werden wir geködert mit Wahlversprechen, mit Geldern, die uns zukommen sollen, Gelder, die uns und anderen zuvor unter Androhung von Gewalt und Freiheitsentzug abgenommen wurden. Wir sind frei in unserer Meinung und unseren moralischen Urteilen, aber wir dürfen nicht nach ihnen handeln. Wer gegen Krieg und Überwachung ist, dem ist es zwar unbenommen diese Meinung zu äußern, aber danach zu handeln und ein solches moralisches Übel nicht durch Steuerzahlung zu unterstützen und zu ermöglichen, das ist dem freiheitsliebenden Menschen in einer Demokratie nicht gestattet; in einer Demokratie werden wir immer zu Mittätern gemacht. Die Demokratie ist daher tatsächlich die schlechteste aller Regierungsformen: Sie macht uns zu Tätern, sie korrumpiert uns und unsere moralischen Werte systematisch und tritt dabei als unschuldige Lichtgestalt auf, die Gewalt überblendend, auf der sie beruht.

Doch lasse man sich davon nicht täuschen, Gewaltausübung ist das Fundament des Staates und jeder der überzeugt ist, dass die Initiierung von Gewalt keine Lösung ist, der hüte sich davor, den Leviathan mit seiner Stimme gutzuheißen. Wer einen Funken Stolz in sich trägt, der verweigere sich den versprochenen Brotkrumen des Brotes, das ihm zuvor genommen wurde. Man kann die Moral nicht mit zweierlei Maß messen. Demokratie – Die schlechteste aller Regierungsformen.

via  www.AnCaps.de

Das Paxx-Gründungsdokument der next generation

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erschien – und auch das ist eigentlich kaum zu glauben – auf dem SPD-nahen Blog „Rot steht uns gut“. Kalle Kappners fulminanter Wutanfall war für mich die Initialzündung, das Projekt wieder aufleben zu lassen. Auch dieser Klassiker verdient nochmalige Veröffentlichung, gerade auch mit Blick auf Atom-, Hartz IV-, Sarrazin-, und Stuttgart 21-Debatten, wo der liberal-libertäre Mainstream inzwischen zum Wurmfortsatz rechtskonservativer Stammtische und jungbürgerlicher Schnösel-Runden degeneriert ist.

Vulgärliberalismus

von Kalle Kappner

Geht es euch eigentlich auch so auf die Nerven, wenn ein beliebiger FDP-Jünger die Atomlobby und ihre Machenschaften verteidigt und lobt? Wenn die Liberal-Schickeria auf die asozialen Schmarotzer dieses Landes schimpft und dabei Hartz IV-Empfänger meint und nicht etwa Hypo Real Estate, RWE oder den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller?

Nun, das nennt man Vulgärliberalismus. Eine Ideologie, die die Sprache des Liberalismus’ verwendet, aber, entweder aus Beschränkheit oder aber mutwillig, den liberalen Gedanken nur äußerst selektiv und unvollständig anwendet. Kevin Carson, ein Sozialist und Libertärer (Ja, das funktioniert.) formulierte es so:

In every case, the good guys, the sacrificial victims of the Progressive State, are the rich and powerful. The bad guys are the consumer and the worker, acting to enrich themselves from the public treasury. […]

The ideal „free market” society of such people, it seems, is simply actually existing capitalism, minus the regulatory and welfare state: a hyper-thyroidal version of nineteenth century robber baron capitalism […]

 

Dabei müsste eigentlich jedem Liberalen mit einem halbwegs intakten Gedankengebäude klar sein, dass es in einem freien, oder zumindest freieren Markt keine Gazproms, keine WalMarts, keine Pharmakartelle gäbe. Diese multinationalen Unternehmen generieren ihre gigantischen Gewinne häuptsächlich durch die Ausbeutung von Konsumenten und Arbeitnehmern. Mit Hilfe des Staates – nicht durch „unternehmerisches Talent“, Glück oder gar „Bestehen im Wettbewerb“.

Es ist die völlige Unfähigkeit, über den engen Tellerrand der eigenen Gehaltsabrechnung zu schauen. Der größte Feind des Vulgärliberalen ist der arbeitslose Hartzer, den er mit ein paar Brotkrumen durchfüttern muss. Nicht aber der hochsubventionierte Großkonzern. Den füttert man gerne durch. Der schafft ja schließlich Arbeitsplätze!

Du, kleiner Sohn arbeitsloser Eltern, wohlmöglich noch Moslem, schaffst es nicht durch eigene Anstrengung nach oben? Nun, das kann nur an deiner Dummheit (oder gar an deinen Genen) liegen und nicht an den Strukturen! Wir leben hier ja schließlich im Kapitalismus, da ist ja für jeden alles möglich, wenn man nur will und sich anstrengt. Guck doch her, ich, Sohn eines DAX-Vorstands, habe es auch nach oben geschafft. Geht also! Freier Markt ist das hier!

Wie kann ein Liberaler ernsthaft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staatlich gefördert: Über direkte und indirekte Subventionen, über staatlich finanzierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staatlich finanzierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat. Atomenergie ist nicht „billig“. Sie war es nie und sie wird es auch nie sein. Sie ist kein Produkt eines fairen Wettbewerbs um die beste Energieerzeugung. Für den Vulgärliberalen allerdings, für den ist die Atomenergie eine einzige ökonomische Erfolgsgeschichte. Schließlich sprudeln die Gewinne bei Vattenfall & co. ja ergiebig. Scheint ja eine ganz tolle und profitable Angelegenheit zu sein!

Oft, leider viel zu oft, kommt noch ein streng rechtsgerichtetes Gesellschaftsbild hinzu. Auf „liberalen“ Blogs lesen wir, dass Geistes– und Sozialwissenschaften sozialistischer Unfug ohne jeglichen Wert seien, dass Deutschland einen „Schwulenkult“ betreibe und dass Feminismus ein Grundübel unserer Zeit ist.  Clement ist ein ehrbarer Mann, schließlich hat er sich ja stets darum bemüht, Konzerne auf Staatskosten zu bereichern. Moslems sollen keine uneingeschränkte Religionsfreiheit erhalten. Und Sarrazin ist sowieso toll und wird von der „linken Meinungsmafia” bedroht. Ja, das alles musste ich in den letzten Wochen im Internet lesen, von Leuten, die sich liberal schimpfen.

Der tapfere Kampf der Vulgärliberalen beschränkt sich auf den Ruf nach Steuersenkungen, auf den Wunsch nach dem Abbau des Sozialstaates und auf die Diffarmierung der Linkspartei. Aber Einstehen für weltweiten Freihandel, Ende des Meisterzwangs,  Zerschlagung des Energieoligopols? Ach Quatsch! Sowas interessiert den Vulgärliberalen garnicht. Es steht ja nicht auf dem Gehaltszettel, was diese Dinge eigentlich kosten und an Wohlfahrtsverlust bedeuten. Sozialstaat für Unternehmen muss schon sein, schließlich sind das alles ehrbare Kaufleute und hart arbeitende Menschen.

Dazu kommt, steigt man näher in die Diskussion ein, die mangelnde Fähigkeit, zwischen Sozialismus und Korporatismus zu unterscheiden. Für den Vulgärliberalen ist alles, was irgendwie mit Staat und Steuern zutun hat, sozialistisch. Der Staat reguliert die Pharmawirtschaft im Sinne der Großhersteller? Sozialismus! Der Staat rettet Banken und sozialisiert deren Verluste, während die Gewinne privat bleiben und kräftig steigen? Böser Kommunismus! Ölkonzerne verseuchen die Weltmeere und der Steuerzahler kommt für die Säuberung auf? Riecht nach kubanischen Methoden! Aber wenn US-Unternehmen in China Sklaven in ihren Sweatshops unterhalten, dann ist das freie Marktwirtschaft, oder wie? Ist das freie Marktwirtschaft, wenn der chinesische Staat Millionen von Bauern enteignet und in die Fabriken zwingt, wenn er die Gründung von freien Gewerkschaften untersagt und die Arbeiter per Polizeigewalt an die Arbeit treibt?

Und was ist bitteschön daran sozialistisch, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren? Das widerspricht jeglichen Idealen des Sozialismus’.

In ihrem blinden Hass auf alles Linke, Sozialistische oder gar Nicht-Bürgerliche, wird allzu schnell der Pakt besiegelt mit jenen Kräften, die zwar rethorisch gerne die Sprache des freien Marktes bemühen. Aber in ihrem alltäglichen politischen Handeln eine völlig andere Agenda verfolgen. Ja, man ist für freien Wettbewerb, Eigenverantwortung und Belastung. Jedenfalls für Leiharbeiter. Aber bloß nicht für Banken und Großkonzerne! Die brauchen staatlich geförderte Kartellbildung, Haftungsbegrenzung und „Schutzschirme“ und müssen durch protektionistische Handelspolitik gefördert werden. Denn was für „unsere deutschen Unternehmen gut ist“, dass muss ja auch für alle Deutschen gut sein. Der Merkantilismus lässt grüßen.

Die Gefahr für Freiheit und Wohlstand kommt heute nicht mehr aus der staatssozialistischen Ecke – kein Mensch, außer vielleicht ein paar durchgeknallten, pubertären Nord-Korea-Fans, plant eine Neuauflage der gescheiterten Planwirtschaft. Die Gefahr kommt heute aus der bürgerlichen Ecke: Durchgestylte BWL-Yuppies, die uns erzählen wollen, dass RWE ein überaus erfolgreiches Unternehmen wäre, weil es stets gut gewirtschaftet hätte und tolle Innovationen erbracht hätte und dass wird dringend mehr solcher Unternehmen bräuchten. Ökonomie-Professoren, die den Mythos der „Systemrelevanz“ fördern und damit rechtfertigen, dass Steuerzahler Risiken und Verluste für Spekulanten übernehmen, die in Schrottpapiere und griechische Staatsanleihen investieren. Ein Guido Westerwelle, der den Liberalismus zur völligen Farce verkommen lässt, indem er ihn als eine Ideologie der Egoisten darstellt, die einfach nur weniger Steuern zahlen wollen, den Sozialstaat in die Tonne kloppen wollen, sich nicht mehr für den Obdachlosen um die Ecke verantwortlich fühlen wollen.

Keinesfalls will ich alle Liberalen in Sippenhaft nehmen! Allenfalls dafür, dass zuviele Liberale den Liberalismus unwidersprochen verkommen lassen zu einer Ideologie der Korporatisten. Der Liberalismus war einmal etwas revolutionäres, eine Kraft, die die Massen aus der Unterdrückung befreien wollte. Heute dient er als Rechtfertigungsideologie für die herrschenden Zustände in diesem artifiziell kartellisierten Wirtschaftssystem. Diese Zustände sind nicht frei von Unterdrückung und Ausbeutung. Der Liberalismus war einmal eine Bewegung,  die „dem Wohle aller, nicht dem besonderer Schichten dienen wollte” (Ludwig von Mises). Heute soll sie den von Eigenverantwortung befreiten Kapitalgesellschaften und den wettbewerbsbefreiten Kartellen helfen.  Die „Tea Party”-Bewegung in Amerika (die längst durch neokonservative Falken gekapert wurde) macht es vor: Zuhause soll der Staat klein sein, im Ausland dagegen steht man auf die Armeeeinsätze des „big government” in aller Welt. Steuernzahlen für Arme? Nein! Steuernzahlen, damit die Armee Handelswege für US-Multis beschützt? Ja, bitte!

Völlig inkonsistent.

Man möge mir diesen polemischen Ausbruch verzeihen. Aber ich trage diese Gedanken schon länger mit mir rum. Und langsam platzt mir der Kragen bei soviel Verlogenheit, bei soviel Instrumentalisierung und soviel Propaganda. Dieser Liberalismus, erst recht in seiner deutschen parteipolitischen Manifestierung, ist ein Zombie, innerlich tot, äußerlich mörderisch. Mit seinen ursprünglichen Idealen hat er rein garnichts mehr zutun — er ist zu dem geworden, was ihm von linker Seite schon immer vorgeworfen wurde: Die Ideologie der ausbeutenden Klassen, die ihre Position vor den berechtigten Ansprüchen der Ausgebeuteten verteidigen wollen.

Wo sind die anständigen Freisinnigen?

Die Illusion des Wortes „Gesellschaft“

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von Niklas Fröhlich

 

Kaum ein Wort ist im alltäglichen Gebrauch mächtiger als das der „Gesellschaft“. In allgemeinen Phrasen, geisteswissenschaftlichen Diskussionen und vor allem in der Politik ist dieses Wort stets präsent und schwebt, mal wie ein Fluch, mal wie ein Segen, über den Diskutierenden.
Aber es sollten nicht Worte sein, die zählen – auf Inhalte sollte es ankommen. In diesem Sinne muss man fragen: Was sagt dieses mächtige Wort eigentlich aus, was steckt hinter der „Gesellschaft“? Üblicherweise stößt man dabei auf drei völlig verschiedene Bedeutungen, die paradoxerweise teilweise von denselben Leuten und sogar beim selben Thema im Munde geführt werden.

Zuerst müssen wir kurz klären, wer überhaupt ganz allgemein – ohne spezielle Konnotation – hinter „der Gesellschaft“ steckt. Unter dem Wort „Gesellschaft“ sollen alle Leute eines gegebenen Systems, etwa einer „Nation“ zusammengefasst werden. Während es dabei aber auf der einen Seite jeden Menschen dieses gedanklichen Systems mit in die „Gesellschaft“ einbezieht, entspricht das Ergebnis keinem tatsächlich existierenden Menschen. Die Gesellschaft, das sind also Alle und doch Niemand. Alle folgenden Punkte basieren mehr oder weniger auf diesem Grundproblem.

1) Das Üble
Die Gesellschaft – das sind die Anderen. Und die Anderen, das sind stets Teufel. Es ist jene Bedeutung von Gesellschaft die hinter Worten wie „Sozialkritik“ steckt. Die Gesellschaft ist in jeder Hinsicht verdorben, hinterhältig und schlecht. Wer sich „konservativ“ nennt klagt dann gerne über die allgemeine gesellschaftliche Dekadenz und Wertelosigkeit, wer sich „links“ oder „alternativ“ nennt beklagt eine grausame Ellenbogengesellschaft und Egoismus.
Es ist – je nach Menschenverachtung und Selbstbild – eine Mischung aus dem Rousseauschen Bild, dass der Mensch durch die Gesellschaft verdorben werde und dem Hobbesschen Bild, dass der Mensch schon von Natur aus eine Bestie sei.
Das wichtige dabei ist: Die „Gesellschaft“ sind stets die Anderen. Niemand, der auf die „Gesellschaft“ schimpft, meint damit auch sich selbst.  Eigentlich meint er sogar überhaupt niemanden spezielles (außer vllt. einige wenige große Feindbilder). Nicht der Nachbar oder Freund, nicht der Mann im Gemüseladen ist übel, sondern die anonyme „Gesellschaft“, die jeden aber dann wieder niemanden repräsentiert.
Der „Sozialkritiker“ fühlt sich daher bei jeder Kritik an „der Gesellschaft“ kurzzeitig ungemein überlegen: Alle anderen (nur ich bzw. wir, nicht) sind böse und verkommen.  Langfristig aber kommt er um die Tatsache nicht herum, dass auch er selbst Teil dieser Gesellschaft ist. Der Hass auf „die Gesellschaft“ offenbart sich so als nichts anderes als kultivierter Selbsthass.
Und zuletzt der vielleicht gefährlichste Teil dieses Wortgebrauchs: Wenn für alles Schlechte die ominöse und unpersönliche „Gesellschaft“ verantwortlich ist, braucht man nicht nach den wahren Gründen eines Problems zu suchen.

2) Die verpflichtete Institution
Seht euch all die Armut und Ausgrenzung an! Das muss doch die Gesellschaft etwas tun! Dieser Gebrauch der „Gesellschaft“ schließt inhaltlich in gewisser Weise an den ersten an: Bei allem Übel der Welt macht man die „Gesellschaft“ verantwortlich und nimmt sie rhetorisch in die Pflicht – womit jedes nicht behobene Übel widerum den bösen Charakter der Gesellschaft stärkt.
In seinem Gebrauch rührt dieses Wort aber noch tiefer: Es ist ein Wegschieben der Verantwortung. Wenn „die Gesellschaft“ etwas tun muss, dann muss Ich nichts tun. Gegen Armut muss etwas getan werden? Ja, Gerne! Dann tu etwas dagegen, Möglichkeiten gibt es genug. Aber diejenigen, die immer nach der „Gesellschaft“ rufen, wollen gar nichts tun. Sie sehen ein Problem, wollen sich selbst jedoch nicht die Finger schmutzig machen und brauchen daher eine Lösung – und diese gibt ihnen „die Gesellschaft“, also wieder „alle anderen“. Da aber niemand spezielles diese „Anderen“ repräsentiert, verschiebt man die Verantwortung ins Nichts.
„Da muss doch die Gesellschaft etwas tun!“ ist nichts anderes als ein verkappter Ausruf: „Da müssen doch alle anderen etwas tun, nur ich nicht!“ Es ist ein viel zu sehr akzeptiertes Alibi, mehr noch: Eigentlich sagt es aus, niemand solle etwas tun.

3) Die göttliche Entität
Zum Wohle der Gesellschaft, Gemeinwohl vor Eigennutz!  In dieser Bedeutung wird die „Gesellschaft“ plötzlich ganz anders belegt. Sie ist heilig, göttlich, sie ist unanrührbar und unanzweifelbar. Das Wohl der Gesellschaft steht über allem, auch über dem Einzelnen. In der Politik, die sich dem Dienst an „der Gesellschaft“ verschrieben hat, ist derartiges Allgemeinsatz.
Wo wir aber doch schon gesehen haben, dass die Gesellschaft keinem einzelnen Menschen entspricht, wie kann dann Politik „der Gesellschaft“, also Allen dienen? Es steht schließlich völlig außer Frage, dass die Politik es nicht jedem einzelnen Recht machen kann. Und doch baut jedes politische Versprechen an die „Gesellschaft“ auf diesem gedanklichen Fehler auf: Alle Menschen glauben, sie als Teil der „Gesellschaft“ würden von dieser Politik profitieren. Aber die Politik dient eben jenem fernen und unpersönlichen Konstrukt namens „Gesellschaft“ und nicht jedem Einzelnen. „Gesellschaft“ ist ein politisches Machtwort, dass es möglich macht zu versprechen: „Ich mache es jedem einzelnen von euch recht!“ ohne sich dabei lächerlich zu machen.
Abseits von dieser aktiv-politischen Methode steht die Gesellschaft auch in der Politiktheorie an oberster Stelle. Politik müsse immer der Gesellschaft dienen. Mehr noch: Der Staat sei sogar die Verkörperung der Gesellschaft. Gleiches gilt für die Ethik: Man soll an „die Gesellschaft“ denken und ihr dienlich sein.
Und wieder: Wenn doch die Gesellschaft keine Person ist, wie kann sie dann Wünsche und Bedürfnisse haben und diese ausdrücken? Jedes Teil der Gesellschaft, jeder Mensch, hat ohne Frage solche Wünsche und Bedürfnisse. Aber jeder Mensch hat zumindest graduell andere. Alle Bedürfnisse und Wünsche aller Menschen zusammenzufassen und nach ihnen zu handeln, wird dabei keinem einzigen Menschen wirklich gerecht.
Und noch viel schlimmer: Selbst die ungünstige Mittelung aller Bedürfnisse und Menschen ist rein technisch unmöglich. Woher nimmt also der Politiker oder der Privatmann, der ethisch der Gesellschaft dienen möchte, seine Gewissheit, was Allen dient? Aus sich selbst. Er nimmt seine persönlichen Interessen, Wertvorstellungen und Präferenzen und will sie, als ethisches Gebot oder sogar durch politische Gewalt, für alle verbindlich machen. All dies tut er im Glauben und unter der Behauptung, der Gesellschaft zu dienen. Freilich dient er damit nur sich selbst und einem Bild der Gesellschaft, das so nicht existiert.

Abschluss:
Wir sehen also drei völlig verschiedene Ansätze, wenn von „der Gesellschaft“ gesprochen wird. Dabei sehen wir einen Ansatz des Bösen, einen des Sollenden und einen des absoluten Guten, bei allen aber sehen wir ihre Widersinnigkeit. Wenn man den Gebrauch des Wortes „Gesellschaft“ näher betrachtet, dann sieht man, dass es immer als eine unpersönliche, übermenschliche Entität betrachtet wird. Und in diesem Sinne hat der moderne Gebrauch dieses Wortes absolut religiösen Charakter: Die „Gesellschaft“ ist der Teufel, der ewige Sündenbock, auf den sich alles schieben lässt, sie ist der Gott, der helfen soll und der ewig dafür verantwortlich gemacht wird, dass sich nichts ändert und zuletzt ist sie der göttliche Wille, das absolut Gute, dem man dienen soll.
All diese Vorstellungen werden gemeinsam genutzt und im Munde geführt, so widersprüchlich das auch sein mag und wie es gerade eben passt, während sie in ihrem Gebrauch zum Göttlichen erhoben werden, das fern und unwidersprochen ist. Und ebenso wie das religiöse Dogma den Geist lähmt, blockiert auch das pseudoreligiöse Dogma „der Gesellschaft“ als göttliche/teuflische Entität den Weg zu tatsächlichen Problemlösungen, mehr noch: Es führt zu falschen Ansätzen.
Es gilt also zumindest sehr misstrauisch zu werden, wenn wieder von „der Gesellschaft“ gesprochen wird.

Ursprünglich erschienen auf Mea Sponte

Written by dominikhennig

29. September 2010 at 02:08