Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Sezession’ Category

Über liberale Staaten, soziale Marktwirtschaften, schwangere Jungfrauen und andere Dinge, die es nicht gibt

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Zwei herausragende Lektüreempfehlungen für die Zeit „zwischen den Tagen“, die wir unseren Lesern allerwärmstens ans Herz legen möchten:

 

1.) „Die soziale Marktwirtschaft: Das gescheiterte neoliberale Projekt“ auf Mises.de

 

2.) „Klassischer Liberalismus versus Anarchokapitalismus“ auf Apriorist.de

 

Viel Freude mit diesen beiden exzellenten Texten und ein besseres neues Jahr 2012 wünscht Euch/Ihnen die Paxx-Redaktion!

 

 

 

 

Und nachher haben wieder alle nichts gewusst

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Kalle Kappner auf freitum.de über den gegenwärtigen Marsch Europas ins Vierte Reich. Omnipotent Government reloaded. Lesebefehl!

Panarchismus

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Von John Zube

Panarchismus beruht auf der Souveränität des Einzelnen, dem Austrittsrecht und der exterritorialen Autonomie für Rechtsgemeinschaften von Freiwilligen.

Eingeführt als Rechtsphilosophie und als Rahmenwerk zur Harmonisierung zwischen allen Sozialreformern und konservativen Bewegungen, wurde er unter diesem Namen von P. E. de Puyt, einem belgischen Beamten und Botaniker.*

Die Anerkennung des Austrittsrechts und ihre Folge; die vollständige Freiwilligkeit in der politischen, ökonomischen und sozialen Organisation, würde schließlich, vielleicht sogar überraschend bald, wie der Zusammenbruch der Berliner Mauer und der UdSSR, zu einer friedlichen, freien und gerechten Welt führen, mit einem hohen Lebensstandard für alle Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen. Freiwillige Versicherungs-, Kredit- und Karitative Unternehmungen sowie Einrichtungen gegenseitiger Hilfe würden den Wohlfahrtsstaat sehr wohl und viel billiger ersetzen können und weniger Parasiten und Charakterfehler unterstützen. Exterritoriale und autonome Rechtsgemeinschaften aus Freiwilligen bieten friedliche und effektive Lösungsmöglichkeiten für alle verbleibenden politischen, ökonomischen und sozialen Probleme an – durch Experimentierfreiheit für alle solche Ideen, unter denen, die sie teilen. Diese Fortschritte würden den raschen und großen Fortschritten der Naturwissenschaften und Technologie nach der Einführung der Experimentierfreiheit auf diesen Gebieten entsprechen.

Zu gleicher Zeit und in demselben Lande könnten xyz Projekte zur Lösung z.B. der Geldfrage, des Landproblems, des Copyrights- und Patentproblems unter Freiwilligen, einstimmig, enthusiastisch und ohne interne Opposition ausgeführt werden, alle auf eigene Kosten und Risiko, ohne erst die Mehrheit eines Landes oder die Mächtigen von der Qualität der Projekte überzeugen zu müssen. Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit und die Inflation, die Stagflation und Deflation, könnten so – rasch und offensichtlich – gelöst werden, dass die Lösungen sehr bald weitgehende Annahme finden würden. Mit diesen würden z.B. Einwanderungssperren und Wohnungs – und Berufsverbote sowie Deportationen und Konzentrationslager für Illegale enden.

Die durch das Austrittsrecht und die Panarchien eingeführte Freiheit zu schützen, verlangt letztlich (soweit gewaltlose Maßnahmen z.B. gegen Fanatiker unzureichend sind) noch ideale und aufgeklärte Milizen aus Freiwilligen, ebenfalls autonom, lokal organisiert und dann föderativ zusammengeschlossen, die sich selbst mobilisieren würden. Das Thema freiheitlicher Milizen verlangt noch viel Diskussion. Aber einige Ansätze dazu sind schon in den Schriften von Ulrich von Beckerath und meinen eigenen zu finden.

Mein Vater, Kurt Zube, pflegte zu sagen: „Jedem den Staat seiner Träume!“

Ich erweiterte dies durch die obige und folgende Version: „Jedem den Staat oder die freie Gesellschaft seiner Träume.“ Diese Zielsetzung verlangt eine neue Sozialwissenschaft, welche die Möglichkeiten der gegenseitigen Toleranz, der Handlungs – und Experimentierfreiheit, auch der freiwilligen Neutralität, ganz erschöpft und durch neue und vollständigere Rechts – und Freiheitserklärungen definiert. Siehe dazu den Menschenrechtsentwurf in PP 4 und die etwa 100 privaten Menschenrechtserklärungen, die in PP 589 & 590 zusammengestellt sind. Das alles steht noch ganz im Anfangsstadium. Sogar uralte Traditionen dieser Art sind noch weitgehend unbekannt. Daher können viele der Interessenten noch zu neuen Pionieren und Fachleuten auf diesem Gebiet werden. Sehr viel Umdenken, Forschen, Studieren und Diskutieren ist noch erforderlich. Die älteren und neuen alternativen und erschwinglichen Medien liefern dafür genügend und erschwinglichen Raum. Tretet aus den Massenmedien aus und benutzt die alternativen und billigen Medien in ihren ihren Stärken für Eure eigenen Zwecke und Ideale! Reformer werden in Panarchien nicht mehr erst Mehrheiten für sich gewinnen müssen. Ihre unvermeidlichen Enttäuschungen in solchen Versuchen werden sie nicht mehr in vielen Fällen dem Terrorismus zuführen.

Alle Revolutionäre könnten dann ihre eigenen Sachen auf die eigene Art gehörig umkrempeln, so weit sie das nur machen und ertragen können, auf eigenes Risiko und eigene Kosten. An neugierige Beobachter könnten sie vielleicht auch Eintrittskarten verkaufen für ihre “ Zirkusveranstaltungen“ – nach der Meinung von freien Außenstehenden.
Konservative und Reaktionäre hätten dieselbe Freiheit für sich wie alle Arten von Fortschrittlichen und Futuristen.

Keiner könnte sich mehr über andere als sich selbst und seine Anhänger beschweren. Besondere Berater werden sich auch anbieten, die es einigen unbeholfenen Utopisten leichter machen werden, die schlimmsten der eigenen Fehler bei der Verwirklichung ihres Ideals unter sich zu vermeiden.
Und andere Rechtsgemeinschaften werden sich effektiv gegen alle Übergriffe verteidigen und für die Einsetzung von z.B. Schiedsgerichten oder anderen Rechtsverfahren sorgen, für die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Mitgliedern verschiedener Rechtsgemeinschaften. Zum Schutz gegen kleinere Rechtsverletzungen durch Kriminelle aller Art, mit Opfern, werden sich viele im Wettbewerb stehende Polizei- und Schutzorganisationen bilden, verschieden, wie die Gerichtssysteme, innerhalb der Rechtsgemeinschaften.

Solche Unternehmen werden auch außerhalb von Rechtsgemeinschaften geschaffen werden und gleichzeitig mehreren Rechtsgemeinschaften ihre Dienste anbieten. Nicht alles muss auch im Rahmen von Panarchien und ihren „package deals“ geschehen.
Aber die Tendenz wird stark sein, noch für lange Zeit, für die verschiedensten Panarchien, sich selbst alle „öffentlichen Dienste“, die sie für sich wünschen, auf ihre Art zu schaffen und zu finanzieren. Möglicherweise, auf lange Sicht, werden sich die „package deal“-Panarchien auch auflösen und alle werden dann nur noch spezialisierte Unternehmen auf dem freien Markt gebrauchen. Ob sie das aber für die nächsten Jahrhunderte schon tun würden, erscheint mir doch sehr fraglich, wenn ich die Andauer von Religionen, Gebräuchen, Vorurteilen und Gewohnheiten betrachte.

Wie realistisch sind solche Ideen?
Ich verweise zunächst auf alle entsprechenden Traditionen, die von Historikern meistens vernachlässigt und von Rechtskundigen nicht genügend auf unsere Zustände angewandt werden. Es gibt bereits das große und, soweit realisiert, friedensstiftende Beispiel der Religionsfreiheit oder religiösen Toleranz, nun auch weitgehend auf Atheisten, Agnostiker, Deisten, Humanisten und Rationalisten ausgedehnt. Panarchismus würde die Kirchen und Sekten ganz exterritorial autonom machen, aber nur wenn und so weit, wie sie das wollen. Dann gibt es die Experimentierfreiheit schon sehr weitgehend in der Technik und Naturwissenschaft, in der Literatur, der Philosophie und den schönen Künsten. Aber am weitesten verbreitet (und noch ganz unbewusst als panarchistische Praxis) sind die freien individuellen Handlungen im Privatleben, täglich, zahlreich, nach eigenen Regeln, auf eigenes Risiko und eigene Kosten, von der noch zu beschränkten Freiheit der Unternehmer zu der souveränen Konsumentenwahl unter Millionen von Angeboten, bis hin zur Vereinsmeierei und tausenden von verschiedenen Hobbies und Unterhaltungs – und Vergnügungsmoglichkeiten, wenigstens in den etwas entwickelten Ländern.

Diese individuellen Optionen und Handlungen führen nur selten zu Konflikten: Tennisspieler und Fußballer bekämpfen sich nicht, sondern machen nur friedlich ihre eigenen Sachen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Das fällt ihnen überhaupt nicht mehr ein. Solcher Art sind sie schon weitgehend
und gewohnheitsmäßig Panarchisten.

Wie Ulrich von Beckerath zu sagen pflegte: Die Revolution ist schon zu 90% vorbei. Wir müssen nur für die letzten 10% sorgen. Dabei gilt es jedoch, noch viele Denkgewohnheiten und Irrtümer zu überwinden. Die Konsum und Handlungsfreiheit ist noch in den politischen, ökonomischen und sozialen System-Sphären einzuführen, die für die meisten Leute nicht sehr interessant sind. Die Freiheiten, die sie privat wünschen, haben diese Mehrheiten in den besseren Demokratien bereits.

Für den Rest haben sie noch ihre territoriale Staatsreligion. Die muss durch das Austrittsrecht und die exterritorial autonomen Rechtsgemeinschaften reduziert werden: für freiwillige Etatisten.
Vielleicht würden diese die Oppositionellen etc. gern aus ihren eigenen Gemeinschaften ausscheiden lassen oder sie abschieben, wenn sie nur von der Möglichkeit solcher Gemeinschaften und ihrer Gefahrlosigkeit wüssten.

Jeder Führer würde noch für lange Zeit genügend dumme Anhänger finden und bräuchte sich nicht mehr in Wahlkämpfen zu verteidigen. Unwissenheit und Vorurteile würden ihm einen sicheren Platz und hohe Einkünfte sichern, solange er irgendwo noch erfolgreich belügen kann. Natürlich würde er durch die nahestehenden Beispiele anderer Lebensweisen viele Anhänger verlieren. Aber neue potenzielle Anhänger werden stündlich geboren.
Selbst die meisten radikalen Freiheitsfreunde gingen meistens durch eine Entwicklungsstufe, in der sie zunächst Anhänger und Gläubige waren. Astrologen, Gurus und Priester finden immer noch viele Kunden, die sich von ihnen freiwillig schröpfen lassen. Das ist nicht das größte Problem.

Panarchismus macht rechtmäßige Revolutionen, auch für Einzelne und kleine Minderheiten, möglich, ohne die Rechte und Freiheiten anderer zu gefährden.
Er erlaubt allen Fehler zu machen – aber nur auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko. Er realisiert Handlungs- und Experimentierfreiheit auf den verbleibenden Tabu-Gebieten.

Anmerkung

* P. E. de Pydt, Panarchie, REVUE TRIMESTRIELLE, Brussels, Julie 1860, 11 S., in Französisch. In meiner PEACE PLANS-Serie – siehe unten – erchienen mehrere Ausgaben, in Deutsch und Englisch, aber noch keine Französische, da diese mir verloren ging und noch nicht ersetzt wurde. Dieser Namensgebung folgend, gab PEACE PLANS (PP) eine besondere noch unvollständige Serie heraus, ON PANARCHY genannt, von der bisher 19 Bände auf 19 Mikrofiche erschienen sind.

Nachtrag

Wie viele deutsche Schriftsteller haben sich bisher, mehr oder weniger klar und konsequent für den Panarchismus eingesetzt? Wie viele von ihnen haben bisher das Austrittrecht anerkannt? Es folgen einige Beispiele aus meinem Gedächtnis, wobei ich einige Fragen los werden möchte. Allen antwortenden ef-Lesern kann ich versprechen, ihre Antworten in jeder Länge und bald in meiner Serie zu verfilmen.

1. Johann Gottlieb Fichte, 1793, Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution. Leipzig, 1922. Vollständig, 282 S., in PP 416. Auszüge, mit Kommentaren, in PP 12 & 61-63 (in Englisch und in PP 399-401 in Deutsch). Über seinen frühen Anarchismus siehe auch PP 901. In diesem Buch sprach er sich sehr deutlich und überzeugend für das Austrittsrecht aus, das in jeder Revolution mehr oder weniger in Anspruch genommen wird.

2. Karl Christian Friedrich Krause, verstorben 1832. Auch er schrieb über das Austrittsrecht – aber in welchen seiner jetzt sehr selten zu sehenden Werke?

3. Max Nettlau, Panarchie, eine verschollene Idee von 1860, 1909, nachgedruckt, in PP 617, 671, 736, Englisch in PP 843 und anderen PP Ausgaben, auch mit de Puydt’s Artikel, in Englisch, auf meiner Website: http://www.acenet.com.au/~jzube

4. Wilhelm Roscher, irgendwo in seinen voluminösen Werken, das Buch oder die Stelle habe ich bis jetzt noch nicht gefunden, schrieb er über de Puydt’s Panarchie-Artikel. Hilfe! Wo steht’s?

5. J. H. von Kirchmann, Die Grundbegriffe des Rechtes und der Moral, 1869. (Ein Auszug daraus, über autonome Rechtsgemeinschaften, ist in PP 671 zu finden.)

6.Ulrich von Beckerath, 1882-1969, in vielen seiner Schriften und Briefe. Noch sehr unvollständig in meiner PP-Serie veröffentlicht.

7. Werner Ackermann, Cosmopolitische Union, Verfassungsentwurf, 1931, 1 S., z.B. in PP 299-301, im Englischen u.a. in PP 61-63.

8. Kurt H. Zube (K.H.Z. Solneman), insbesondere in seinem Hauptwerk: Das Manifest der Freiheit und des Friedens, Der Gegenpol zum Kommunistischen Manifest, 1977, 355 S., reproduziert in PP 188.

9. John Zube, in 2 Buch-Manuskripten (PP 16-18, bisher nur in Englisch) und PP 399-401 und vielen Aufsätzen und Briefen, hauptsächlich in der ON PANARCHY-Serie, volumes I – XIX.

10. Philipp Zorn, Dr., Die Konsulargesetzgebung des Deutschen Reiches, Berlin 1911, J. Guttenberg, Verlagsbuchhandlung, 3. Ausgabe, neu bearbeitet, indexiert, 594 S. – Über einer staatlich anerkannte Art des Wettbewerbs in der Gerichtsbarkeit, für Ausländer in fremden Ländern.

11. In ef etwa Uwe Timm, z.B. in ef Nr. 1, Stefan Blankertz, z.B. in ef 1, S. 13ff., André F. Lichtschlag, z.B. in ef 1, S. 16ff., Gerard Radetzky, z.B. in ef 3, S. 76, Michael Kastner, z.B. in ef 3. (Vielen Dank für die mir neuen Zitate und Bemerkungen dieser Art durch eigentümlich frei).

Wer kann mir mehr solcher Schriftsteller und Schriften anzeigen? In allen Sprachen! Eine ungewöhnliche und sehr wichtige Schatzsuche liegt hier vor. Volltexte und Auszüge dieser Art, in sehr guten Fotokopien oder Originalausgaben, geschenkt oder geliehen, sind jederzeit für meine PEACE PLANS Ausgaben willkommen, für baldige Verfilmung in der ON PANARCHY-Serie. Belohnung ist mir nur in LMP-microfiche möglich. Meine ON PANARCHY-Serie wird nach einigen zusätzlichen Bänden indexiert werden als ein erstes Handbuch über die Panarchie, ihre künftigen Möglichkeiten, die historische Rolle der Exterritorialität und des Personalrechtes. Nur: Was Millionen Freiheitssucher bisher so sehr vernachlässigt haben, kann leider ein Einzelner nicht vollständig zusammentragen.

Written by floriangrebner

11. April 2011 at 16:32

Veröffentlicht in Freiheit, Recht vs. Staat, Sezession

In Wahlzeiten

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von Errico Malatesta

LUDWIG: Ein guter Tropfen, Freund, was?

KARL: Na, er ist nicht schlecht … aber teuer.

LUDWIG: Teuer? Das läßt sich denken, mit allen Steuern, die der Staat und die Kommunedarauf legen, zahlen wir den doppelten Preis seines Wertes. Und wenn es noch das Bier alleinwäre! Aber das Brot, die Miete und alles andere; wir werden ausgesaugt bis aufs Hemd. Dabeidie Arbeitslosigkeit, und wenn man mal Arbeit kriegt, dann bezahlt man uns Spottlöhne. DasLeben wird immer schwerer, es ist bald nicht mehr zum Aushalten! … Und doch ist es zumgrößten Teil unsere Schuld: alles Übel kommt von uns. Wenn wir nur wollten, dann würde esbald anders werden; und gerade jetzt wäre der geeignete Augenblick da, um alles Schlechte zubeseitigen.

KARL: Wie denn? Zeig mir den Weg.

LUDWIG: Na, das ist doch ganz einfach. Bist du Wähler?

KARL: Aha! Was zum Teufel hat das damit zu zu tun, ob ich Wähler bin oder nicht?

LUDWIG: Was das damit zu tun hat? Bist du’s oder bist du’s nicht?

KARL: Na, wenn es dich interessiert, ich bin Wähler; das ist aber ebenso, als ob ich es nichtwäre, denn ich gehe doch nicht wählen.

LUDWIG: Da sieht man’s … alle sind doch gleich! Und dann beklagt ihr euch! Versteht ihrdenn nicht, daß ihr eure eigenen Mörder und die eurer Familie seid? Ihr seid von einerGleichgültigkeit und Schlappheit, daß ihr das Elend verdient, in welchem ihr lebt, -und sogarnoch Schlimmeres. Ihr …

KARL: Laß nur gut sein! Schwätz nur nicht so. Ich führe ganz gern ein vernünftigesGespräch, und ich wünsche nichts besseres, als. überzeugt zu werden. Was wird alsogeschehen, wenn ich wählen ginge?

LUDWIG: Nanu wird’s helle! Lohnt es sich denn wirklich, darüber so viel zu sprechen? Wermacht die Gesetze? Sind es nicht die Abgeordneten im Reichs- und Landtage? Wenn manalso gute Abgeordnete in den Reichstag und Landtag wählt und gute Stadtverordnete, dannhat man auch gute Gesetze, die Steuern werden weniger drückend, die Arbeit wird geschütztsein, und folglich wird das Elend verkleinert werden.

KARL: Gute Abgeordnete und gute Stadtverordnete? Das erzählt man uns schon seit langenZeiten, man muß wirklich taub und blind sein, wenn man nicht merkt, daß alle die gleichenHampelmänner sind! – Haha! Hört ihnen nur zu, jetzt, wenn sie gewählt zu werdenwünschen! Sie sind alle bewundernswert, alles Volksfreunde! Da klopfen sie euch auf dieSchultern und erkundigen sich nach euren Frauen und Kindern. Sie versprechen euch denAchtstundentag, Erleichterung der Steuerlasten, billiges Brot, Gefrierfleisch, Beseitigung derArbeitslosigkeit, der Teufel weiß, was sonst noch alles! Dann aber, wenn sie erst mal gewähltsind, da sind es alles zusammen Schufte. Dann fahrt wohl ihr Versprechungen! Eure Frauenund Kinder können ihretwegen verhungern, die Arbeitslosigkeit kann überhand nehmen, undder Hunger kann eure Eingeweide zernagen. Pah! Die Abgeordneten habe andere Dinge imKopfe als eure dringendsten Fragen. Um eure Übel abzustellen, gibt es nichts anderes alsPolizei und Reichswehr. Und dann, nach einigen Jahren beginnt man aufs neue mit derAufschneiderei. Wenn das Fest vorbei ist, dann pfeift man auf den Heiligen. Na, weißt du,welche Partei oder politische Richtung es auch ist, das hat nichts zu bedeuten; sie sind alle auseinem Holze geschnitzt. Der einzige Unterschied zwischen ihnen besteht darin: Die einen,wenn sie einmal gewählt sind, drehen euch den Rücken und wollen euch nicht mehr kennen,während die anderen auch noch weiter bewillkommnen, damit sie euch an der Naseherumziehen können durch ihre Schwatzereien. Und mitunter geben sie noch etwas zumbesten.

LUDWIG: Allerdings! Warum aber sollen die Reichen gewählt werden? Weißt du nicht, daßdie Reichen von der Arbeit ihres Nächsten leben? Wie willst .du also, daß sie sich mit demWohle des Volkes beschäftigen? Wenn das Volk frei wäre, dann hätte ihr Faulenzerleben undWohlleben ein Ende. Es ist klar, wenn sie arbeiten wollten, dann würde es besser gehen selbstfür sie; sie sind aber hartköpfig und wollen es nicht verstehen, daß ihr ganzes Leben daraufaufgebaut ist, die Armen auszusaugen.

KARL: Das läßt sich hören? Du fängst an, ganz gut zu sprechen. Es muß nur hinzugefügtwerden, daß es nicht nur die Reichen gibt; da müssen auch hinzugezählt werden jene, die dieInteressen der Reichen verteidigen, und dann diejenigen, die zu Abgeordneten gewählt seinwollen, um auch reich zu werden.

LUDWIG: Nun gut, meiden wir all diese wie die Pest. Wählen wir Arbeiter, bewährteKameraden, dann werden wir gewiß nicht betrogen werden.

KARL: Na, na! Wir haben schon genügend Von diesen „bewährten“ Kameraden gehabt …Und außerdem, du bist wirklich drollig: „Wählen wir! … Wählen wir! …“ Als ob du und ich,als ob wir diejenigen ernennen könnten, der uns gefällt!

LUDWIG: Du und ich? … Es handelt sich nicht um uns beide. Freilich, wir allein könnennichts tun. Wenn aber jeder von uns sich bemüht, andere zu überzeugen, und wenn dieseanderen es auch so machen, dann werden wir die Mehrheit haben, und wir können die wählen,die uns passen. Und wenn das, was wir hier tun, von den ändern an anderen Orten getan wird,dann haben wir in kurzer Zeit die Mehrheit im Reichstag, und dann …

KARL: Dann ist das Himmelreich auf Erden da … für diejenigen, die im Parlamente sitzen,nicht wahr?

LUDWIG: Aber …

KARL: Aber was, machst du dich über mich lustig? Du machst deine Sache gut! Du bildestdir schon ein, die Mehrheit zu haben, und alles nach deiner Fasson einzurichten. DieMehrheit, mein Freund, hat gar nichts auf sich. Es sind immer die Reichen, die befehlen. Stelldir mal einen armen Teufel vor, der eine kranke Frau und fünf Kinder zu ernähren hat.Versuch doch, ihn zu überzeugen, daß er sich von seinem Gutsherrn hinauswerfen lassenmüsse wie ein Hund, bloß für das Vergnügen, seine Stimme einem Kandidaten zu geben, derseinem Herrn nicht gefällt. Geh nur und überzeuge all die armen Teufel, die der Unternehmerdem Hunger ausliefern kann, wenn es ihm gefällt. Du kannst sicher sein: der Arme ist niemalsfrei – und wäre er es, dann wüßte ich nicht, für wen er zu stimmen hätte. Und wenn er eswüßte und könnte, dann würde er andere Sorgen haben, als seine Zeit mit Wählengehen zuverlieren: er würde sich das nehmen, was er braucht … und damit basta.

LUDWIG: Ja, ich verstehe schon: die Sache ist nicht so leicht, man muß alles daran setzenund sich ganz der Propaganda hingeben, damit es dem Volke verständlich gemacht wird, wasseine Rechte sind, und damit es sich den reaktionären Junkern entgegenstellt. Man muß sichzusammenschließen und organisieren, um den Ausbeuter zu verhindern, die Freiheit seinerArbeiter mit Füßen zu treten, indem er sie entlassen will, wenn sie nicht nach seiner Pfeifetanzen.

KARL: Und alles das, damit man für Hinz oder Kunz wählen kann? Bist du einfältig!Freilich, alles, was du sagst, sollten wir tun, aber zu einem ändern Zwecke: wir müßten es tun,um das Volk zu überzeugen, daß ihm alle Reichtümer der Erde geraubt worden sind. Daß esdas Recht des Volkes ist, sich dieser Reichtümer zu bemächtigen, und daß es auch die Machtdazu hat, wenn es nur den Willen hat. Und vor allem, daß es dies selbst tun müsse, ohne aufdie Parole von irgend jemand zu warten.

LUDWIG: Na, hör mal, worauf willst du denn schließlich hinaus? Es muß doch immerjemand da sein, der das Volk leitet, der die Dinge ordnet, Gerechtigkeit ausübt, über dieSicherheit des Volkes wacht?

KARL: Durchaus nicht! Gar keine Idee!

LUDWIG: Wie willst du es denn machen? Das Volk ist unwissend.

KARL: Freilich unwissend! Das ist es in der Tat, denn wenn es nicht unwissend wäre, dannhätte es längst all dies übern Haufen geworfen. Ich wette aber, daß es seine eigenen Interessensehr schnell verstünde, wenn man es nicht verdrehen würde; wenn man es nach seinemeigenen Geschmack handeln ließe, dann würde es die Dinge besser ordnen als dieseHanswürste, die unter dem Vorwand, uns zu regieren, uns aushungern und uns wie Tierebehandeln. Du kannst dich sahen lassen mit deinem Geschwätz über die Unwissenheit desVolkes! Wenn es sich darum handelt, dem Volke die Freiheit zu lassen, das zu tun, was ihmgefällt, da sagt ihr, es verstünde nichts; wenn es sich aber darum handelt, Abgeordnete zuwählen, dann will man ihnen alle Fähigkeiten zuerkennen.. Und wenn es einen, der eurigenwählt, dann spricht man ihm eine bewundernswürdige Urteilsfähigkeit und Klugheit zu. Ist esnicht leichter, seine Angelegenheiten selbst zu ordnen, als eine dritte Person zu suchen, diefür euch es tun soll? Und in diesem Falle genügt es auch nicht, bloß zu wissen, wie die Dingegeordnet werden sollen: Um in voller Sachkenntnis wählen zu können, muß man auch dieAufrichtigkeit, die Begabung und die Fähigkeiten dessen kennen, dem man seine Stimmegibt. Wenn die Abgeordneten wahrhaft die Absicht hätten, eure Interessen zu verteidigen,müßten sie auch da nicht fragen, was ihr wünschtet und wie ihr es wünschtet? Da es abernicht so ist, warum also einem einzigen das Recht geben, nach seiner Phantasie zu handelnund euch, zu verraten, wenn es ihm gefällt?

LUDWIG: Na, immerhin, da die Menschen doch nicht alles selbst tun können, muß dochjemand da sein, der sich mit den öffentlichen Dingen beschäftigt und die Politik führt?

KARL: Ich weiß nicht, was du unter Politik verstehst. Wenn du darunter die Kunst verstehst,das Volk zu betrügen und ihm das Fell über die Ohren zu ziehen, damit es so still wie möglichbleibt, dann kannst du beruhigt sein, daß wir ohne diese Sache sehr gut auskommen können.Wenn du unter Politik das allgemeine Interesse und die Art und- Weise verstehst, wie sichalle einig werden über den Wohlstand jedes einzelnen, dann -ist sie eine Sache, die wir allekennen müssen, ebenso wie wir alle zu essen und trinken verstehen und uns amüsieren, ohneden anderen zu stören und ohne uns selbst durch andere stören zu lassen. Das wäre wasSchönes, wenn man, um sich zu schneuzen, zu einem Spezialisten gehen müßte und ihm dasRecht gäbe, uns die Nase zu wischen, wenn wir uns nicht nach seiner Mode richten. Überdies,man versteht es sehr gut, daß die Schuhmacher Schuhe machen und die Maurer Häuser bauen.Es hat doch niemand jemals daran gedacht, den Schuhmachern und Maurern das Privilegiumeinzuräumen, uns zum Aushungern zu verurteilen. Aber sprechen wir von den Tagesfragen.Was haben die Männer gutes für das Volk getan, die in das Parlament und in dieStadtverordnetenversammlung gehen wollen, um dort über das allgemeine Interesse zuwachen? Worin haben die Sozialdemokraten und die Kommunisten sich besser gezeigt als dieändern? Ich habe es dir schon einmal gesagt: sie sind alle von demselben Schrot und Korn!

LUDWIG: Du gehst auch über die Kommunisten her? Was sollen sie denn deiner Meinungnach tun, sie können absolut nichts tun! Sie sind noch zu wenige. Und wenn sie auch mal ander Regierung gewesen sind, wie in Sachsen, da wurden sie von der Reichswehr vertrieben.Und im übrigen werden sie von den bürgerlichen Gesetzen derart eingekreist, daß ihre Händevollständig gebunden sind.

KARL: Wenn die Sache sich so verhält, wozu gehen sie erst hin? Warum bleiben sie imParlament, wenn sie nichts dort tun können? Sie bleiben da aus einem einzigen Grund, umselbst im trocknen zu sitzen!

LUDWIG: Na sag mir mal, du bist also Anarchist?

KARL: Was macht das für dich aus, was ich bin? Hör mir zu, was ich dir sage, und wennmeine Ausführungen dir richtig erscheinen, dann kannst du daraus lernen … Wenn nicht,kannst du sie bekämpfen und mich überzeugen. Ja, ich bin Anarchist … nun, was dann?

LUDWIG: Oh, nichts! Es macht mir sogar Spaß, mit dir zu sprechen. Ich bin Kommunist,nicht Anarchist, denn eure Ideen scheinen mir zu ferne zu liegen. Ich gebe aber zu, daß ihr invielen Punkten recht habt. Wenn ich gewußt hätte, daß du Anarchist bin, dann hätte ich dirnicht gesagt, daß man durch die Wahlen und das Parlament Verbesserungen erreichen könne,denn ich weiß selbst, solange es Arme gibt, werden immer die Reichen die Gesetze machen,und zwar immer zu ihren Gunsten.

KARL: Ach, das ist nicht schlecht! Du scheinst von der Aufrichtigkeit nicht viel zu halten?Du kennst die Wahrheit und predigst die Lüge? … Solange du nicht wußtest, daß ichAnarchist bin, wolltest du mir vormachen, durch das Wählen von guten Abgeordneten undguten Stadtverordneten könne man das Paradies auf die Erde verpflanzen; jetzt aber, da duweißt, wer ich bin, und du verstehst, daß ich nicht auf den Leim krieche, gibst du zu, daß mandurch das Parlament nichts erreichen könne. Wozu will man uns dann den Kopf verdrehen mitder Aufforderung zum wählen? Bezahlt man euch etwa dafür, daß ihr die armen Proletenbetrügt? Nun ist es ja nicht das erstemal, daß ich dich sehe, und ich weiß , du bist wirklich einArbeiter, einer von denen, die nur von ihrer Arbeit leben. Warum sollen also die Genossenirregeleitet werden? Das ist ja genauso wie bei den Sozialdemokraten und Strebern, dme unterdem Verwand des Sozialismus Herren spielen und über uns regieren wollen!

LUDWIG: Halt ein, mein Freund! Beurteile mich nicht so schlecht! Wenn ich die Arbeiterauffordere zur Wahl zu gehen, so ist das im Interesse der Propaganda. Siehst du nicht ein, wasfür ein Vorteil das für uns ist, einige der unsrigen im Parlamente zu haben? Sie können diePropaganda weit besser betreiben als die anderen, denn sie haben eine Freifahrtkarte; dazusind sie noch der Polizei gegenüber unantastbar. Und wenn sie vom Reichstag aus über denKommunismus sprechen, dann werden sie von allen gehört, und man diskutiert darüber, istdas keine Propaganda, ist das nicht ein großer Vorteil?

KARL: So, so! Um also Propaganda zu machen, verwandelt ihr euch in Wahlmakler? Eineschöne Propaganda ist mir das! Das Ding ist gut: Ihr wollt dem Volke weis machen, es sollealles vom Parlament erwarten, daß die Arbeiter nichts zu tun hätten, als einen Wahlzettel indie Urne zu werfen und dann mit offenem Munde abzuwarten, bis ihm die gebratenen Taubenin den Mund geflogen kommen. Ist das nicht eher eine Propaganda gegen den Strich?

LUDWIG: Du hast schon recht, aber was ist da zu machen? Wenn man es nicht so macht,dann würde niemand wählen. Wie würde man die, Arbeiter zum wählen bringen können,wenn man ihnen vorher gesagt hat, daß sie vom Parlamente nichts zu erwarten hätten, und dieAbgeordneten nichts ausrichten könnten? Die Arbeiter würden dann sagen, wir wollen siezum Narren halten.

KARL: Ich weiß wohl, daß man auf diese Weise vorgehen muß, um das Volk zum Wählenvon Abgeordneten zu veranlassen. Und das ist noch nicht einmal genug! Es müssen auch nocheine Menge Versprechungen gemacht werden, von denen man, weiß, daß man sie nicht haltenkann. Man muß sich gut stehen mit den Besitzenden, man muß sich mit der Regierung inKuhhandel einlassen, mit einem Worte, man muß mit den Wölfen heulen und mit den Ochsenbrüllen und sich über alles hinwegsetzen. Wenn nicht, dann wird man eben nicht gewählt …Wie kannst du mir da von Propaganda was vormachen, wenn das erste, was getan werdenmuß, und was ihr auch nicht verfehlt zu tun, sich gegen die Propaganda wendet!

LUDWIG: Ganz unrecht hast du ja nicht, du wirst mir doch aber zugeben, daß es ein Vorteilist, wenn einer der unsrigen gewählt wird.

KARL: Ein Vorteil? … Für ihn, das gebe ich zu; für ihn und für einige seiner Freunde, aberfür die große Masse des Volkes nicht. Das kannst du vielleicht den Gänsen und Truthähnenerzählen, aber nicht mir. Wenn wir es, noch nicht versucht hätten, das wäre noch etwasanderes! … Es sind aber schon so manche Jahrzehnte her, seit die naive Arbeiterschaft ihreVertreter ins Parlament sendet, und was hat man erreicht? Wenn die Abgeordneten einmalgewählt sind, dann dauert es nicht lange, bis sie korrumpiert sind. Du brauchst ja nur an denalten Liebknecht zu denken und an Bebel und alle die ändern. Seit sie den Weg desParlamentarismus gegangen sind und die ganze Partei ihren Fußspuren folgte, war es aus mitihrem revolutionären Charakter. Scheidemann ist nicht der einzige Verräter. Sieh sie dir dochnur alle an. Und lange wird’s nicht dauern, dann sind die Kommunisten Thählmann usw.denselben Weg gegangen. Wir haben in der Vergangenheit nicht wenig Sozialdemokratengesehen, die den Weg zur Macht in der bürgerlichen Gesellschaft erklommen haben, und derParlamentarismus ist sicher nicht das Mittel, um neuen Verrat zu verhindern. – Du darfst michaber nicht mißverstehen: Wenn ich von Schuften spreche, dann meine ich nur die Führer. Wasdie Arbeiter betrifft, die noch vom Parlamentarismus etwas erhoffen, so sind das arme Teufel,die sich einbilden, auf dem rechten Wege zu sein, und nicht sehen, daß sie im Dunkelnherumgeführt und betrogen werden, schlimmer als von den Pfaffen! Das einzige Ergebnis desParlamentarismus besteht darin, daß die Abgeordneten vor der Wahl für ihre Reden überRevolution und dergleichen ins Gefängnis wandern mußten, während sie heute von denRegierenden geschätzt sind und mit ihnen unter einem Dache sitzen. Aber selbst wenn siewirklich verurteilt werden, wie das ja mit einigen kommunistischen Abgeordneten vorkommt,dann ist das doch nicht für die Befreiung der Arbeiterschaft, sondern für rein parteipolitischeDinge, die nichts mit der Sache der Arbeiterschaft zu tun haben; aber selbst dann werden siefast mit Glacehandschuhen angefaßt, und man bittet sie fest um Entschuldigung!. Undwarum? Weil die Regierenden wissen, daß sie alle in dieselbe Kerbe hauen, es sind ebengleiche Brüder, gleiche Kappen: heute sind diese an der Herrschaft, und morgen kommt dieReihe an die anderen heran … und schließlich – darüber brauchen wir uns nichts vorzumachen– sind sie doch alle einig, dem Volke das Fell über die Ohren zu ziehen, Sieh sie dir nur einwenig näher an, diese feinen Herren und Damen, ob die noch danach aussehen, sich in dieReihen der kämpfenden Arbeiter für die Revolution zu stellen!

LUDWIG: Du täuscht dich aber gewaltig! Selbstverständlich weiß man, daß sie alle nurMenschen sind, die ihre Schwächen haben. Was hat das übrigens zu sagen, daß diejenigen,die bis heute gewählt worden sind, ihre Pflicht nicht getan haben oder nicht den Mut dazuhatten, sie zu tun? Wer sagt denn, daß wir immer dieselben wählen wollen? Wählen wir dochbessere, wirkliche Kommunisten!

KARL: Ach!. Auf diese Weise kommt ihr am schnellsten dahin, aus der Partei eine Anstaltzur Heranbildung von Schelmen zu machen. Gibt es noch nicht genug Verräter? Ist es dennabsolut notwendig, noch mehr von dieser Brut heranzuzüchten? Willst du denn endlichverstehen, daß man sich weiß macht, wenn man in die Mehlmühle geht? Und ebenso, Daßdiejenigen, die sich in der Gesellschaft der Reichen bewegen, auf den Geschmack kommen,ebenfalls gut zu leben, ohne zu arbeiten. Und bedenke noch das eine: wenn es einen gäbe, derdie Kraft in sich verspürt, der Fäulnis des Parlamentes zu widerstehen, der wird sicher nichtins Parlament gehen wollen, denn da er wirklich seiner Sache ergeben ist, so würde er nichtdamit beginnen wollen, der Propaganda erst entgegenarbeiten zu wollen, in der Hoffnung,sich später nützlich zu machen. Ich will mich noch deutlicher ausdrücken, Wenn ein Mannbehauptet, Sozialist oder Kommunist zu sein, dann wird er seine Zeit und seine Kräfte sowiesein Vermögen, wenn er welches hat, ganz der Sache widmen, er wird Verfolgungen riskierenund sich der Gefahr aussetzen, ins Gefängnis zu gehen oder gar sein Leben zu lassen. Beieinem solchen .Menschen glaube ich. an seine Überzeugung. Diejenigen aber, die aus ihrersozialistischen oder kommunistischen Propaganda einen Beruf machen in der Hoffnung aufeine Staatslaufbahn, diejenigen, die ihr Schiffchen in den Hafen der Volkstümlichkeit steuern,um sich einen Namen zu machen und sich vor den Gefahren schützen, diejenigen, die da dieZiege mitsamt den Kohl essen, diese Elemente flößen mir nicht das geringste Vertrauen ein.Ich stelle sie auf dieselbe Stufe wie die Pfaffen, die im Namen der Heiligkeit ihreGeschäftchen machen.

LUDWIG: Mach doch mal halbwegs, du gehst wirklich zu weit! Du weißt wohl nicht, daßunter denen, die du beleidigst, es Genossen gibt, die für die Sache gelitten und Beweise fürihre Ehrlichkeit geliefert haben …

KARL: Komm mir nur nicht mit ihren „Beweisen“. Du scheinst wohl nicht zu wissen, daßalle Huren einmal Jungfern gewesen sind? Wie viele von den sozialdemokratischen undkommunistischen Ministern in allen Ländern – und nicht zuletzt bei uns – sind nicht frühereinmal revolutionär gewesen und haben sich dabei Gefahren ausgesetzt. Willst du sievielleicht deshalb auch heute noch achten, selbst wenn sie die berüchtigsten Bluthundegeworden sind, wie beispielsweise Noske oder Sinowjew? Diese „Brüder“, von denen du mirsprichst, sind recht bald ihren Ideen untreu geworden und haben ihre Vergangenheit entbehrt.Und ich will es dir noch genauer sagen: gerade auf Grund ihrer Vergangenheit, die sieverneint haben, stoßen wir sie heute von uns ab.

LUDWIG: Jetzt weiß ich überhaupt nicht, wie ich dich nehmen soll. Ich gebe zu, daß durecht hast in dem, was du über den Reichstag und Landtag sagst. Du wirst mir aber rechtgeben, daß es eine andere Sache ist mit den Stadtverordnetenwahlen. In derStadtverordnetenversammlung können die Arbeiter leichter die Mehrheit erlangen, und dakann man auch leichter für das Wohl des Volkes wirken.

KARL: Du hast doch aber selber zugegeben, daß den Stadtverordneten die Hände ebensogebunden sind, wie den Abgeordneten; es sind doch immer wieder die Besitzenden, die dasHeft in den Händen haben. Man hat doch wahrlich genug Beispiele dafür gehabt. Du kennstdoch die Geschichte von dem Leutnant und den 10 Mann, die das Parlament nach demAusspruch eines bekannten Krautjunkers auseinanderjagen können. Und du hast doch so vieleFälle erlebt, wo bei den Wahlen nach dem Zusammenbruch die Sozialdemokraten undKommunisten die Mehrheit gehabt haben. Wo die Sozialdemokraten allein die Mehrheithatten, da schrieben sie in ihren Blättern gegen die unzufriedenen Kommunisten undSyndikalisten, die kein Einsehen mit den realen Verhältnissen haben. Und wo dieKommunisten mit an der Macht waren, da waren die Massen auch nicht besser daran. DenArbeitern aber sagten sie, es könne erst dann anders werden, wenn sie die ganze Macht habenwürden. Wie es aber dann aussieht, das sieht man am besten in Rußland. Du brauchst ja nurdie Streikstatistiken durchzulesen, die von der Sowjetregierung, die ja nur aus Kommunistenbesteht, herausgegeben werden, und du wirst sofort sehen, daß dort die Arbeiter genau wie inandern kapitalistischen Staaten für ihr Brot und ihren Hering kämpfen müssen, während dieHerren Räte und Volkskommissare in den Sowjets ihr sicheres Auskommen haben und dieKapitalisten weiter ihr Wohlleben führen. Ja, ja diese Herren, die vor der Besitzergreifung derMacht durch ihre Partei den Hintern in die Hölle streckten, sitzen jetzt im trocknen; sie sind inguten Stellungen und haben auch ihre Verwandten untergebracht, so daß sie ohne vielAnstrengungen eines gutes Leben führen können … das nennen sie dann des „Volkes Glück“.

LUDWIG: Das sind nur Verleumdungen!

KARL: Selbst wenn meine Behauptungen ein wenig verleumderisch wären, so habe ich dochvieles mit meinen eigenen Augen gesehen. Durch den Parlamentarismus wird der Sozialismusnur mißkreditiert. Der Sozialismus, der die Hoffnung und der Trost der werktätigen Massensein sollte, wird zum Gegenstand der Verwünschungen, sobald seine Vertreter zur Machtgelangen. Willst du immer noch behaupten, daß dies der Propaganda dient?

LUDWIG: Immerhin, wenn ihr nicht zufrieden seid mit jenen, die an der Macht sitzen, sosetzet doch andere an ihre Stelle; das ist immer die Schuld der Wähler sie sind ihre eigenenHerren und können diejenigen wählen, die ihnen passen.

KARL: Du wiederholst dasselbe! Das ist ja genau so, als ob ich zur Mauer sprechen würde!Freilich ist es die Schuld der Wähler und jener, die nicht wählen – denn sie müßten dieStadtparlamente, den Landtag und den Reichstag überflüssig machen mit allen Auserwählten,die sich darin befinden. Anstatt dies zu tun, setzen die Wähler immer noch ihr Vertrauen indie Gewählten. Du aber, der du nun weißt, daß diese Abgeordneten (selbst angenommen, essind keine Schufte oder werden auch keine) nichts fürs Volk tun können – außer ihm Sand indie Augen zu streuen zur Beruhigung der Besitzenden. Du solltest alle deine Kräftedaransetzen, um dieses einfältige Vertrauen in die Wahlen zu zerstören. Die Hauptursachendes Elends und aller sozialen Übel sind: erstens das Privateigentum (welches es demMenschen unmöglich macht, zu arbeiten, wenn er sich nicht den Bedingungen unterwirft, dieihm vom Besitzer des Bodens und der Produktionsmittel aufgezwungen werden); zweitens dieRegierungen, welche die Ausbeuter beschützen und für ihren eigenen Nutzen selbst auchausbeuten. Die Reichen werden an diesen beiden Grundfesten nicht rütteln lassen, ohne sieaufs erbitterste zu verteidigen. Das Volk zu betrügen und irrezuführen, das haben sie nochimmer verstanden, und wenn das noch nicht ausreichte, dann nahmen sie ihre Zuflucht zu denGefängnissen, zur bewaffneten Macht, zu Maschinengewehren. Der Nutzen des Volkes wirddurch ganz andere Kittel als die Wahlen erreicht! Die soziale Revolution ist notwendig, einetiefgehende wirtschaftliche Revolution, welche die heutigen Schändlichkeiten mit der Wurzelausrottet. Alles muss der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden. Damit jedem Brot,Wohnung und Kleidung sichergestellt werden. Die Landarbeiter müssen die Gutsherrenenteignen und den Boden für ihren eigenen und aller Nutzen bebauen; ebenso müssen dieArbeiter das Unternehmertum ausschalten und die Produktion für den Bedarf der Gesamtheitweiterführen. Dann aber darf man sich keine Regierung aufhalsen, niemandem die Obrigkeitanvertrauen. Wir müssen unsere Angelegenheiten selbst erledigen! In erster Linie werden sichin jeder Gemeinde oder in jedem Orte die Arbeitsgenossen derselben Industrie verständigen,und eine Verständigung wird auch herbeigeführt werden zwischen allen, die gemeinsameInteressen haben, die zu einer sofortigen Lösung drängen. Eine Gemeinde wird sich mit deranderen verständigen, ein Bezirk mit dem anderen, ein Landesteil mit dem anderen und so allemiteinander. Die Arbeiter einer Industrie treten aus den verschiedenen Orten miteinander inVerbindung und werden zu einem guten allgemeinen Einverständnis kommen, da dasInteresse aller davon abhängt. Dann wird man sich nicht wie Hund und Katze gegenseitigbetrachten, die Kriege und die Konkurrenz werden ein Ende nehmen; die Maschinen werdennicht mehr zum Profit des Unternehmers laufen, zahlreiche der unsrigen arbeitslos und brotlosmachen, sondern die Arbeit erleichtern, die angenehmer und produktiver gestalten, und dasim Interesse der Gemeinschaft. Man wird den Boden nicht brachliegen lassen, und derbebaute Boden wird zehnmal besser ausgenutzt werden, als es heute der Fall ist. Allebekannten Mittel werden angewendet werden, um die Produkte des Bodens und der Industriezu verbessern, damit die Menschen alle ihre Bedürfnisse in größtem Maße befriedigenkönnen.

LUDWIG: All das ist ja sehr schön, aber schwer zu verwirklichen. Auch ich halte euer Idealfür unübertrefflich, wie aber soll es in die Praxis umgesetzt werden? Ich weiß, daß in derRevolution allein das Heil liegt; man kann die Sache wenden wie man will, man kommt nichtdarum herum. Und da wir eben jetzt die Revolution nicht vollführen können, müssen wir unsan das Mögliche halten, und in Ermangelung eines besseren benutzen wir die Wahlagitation.In den Wahlzeiten kommt immer Bewegung in die Masse, und das ist immer für diePropaganda von Nutzen.

KARL: Du wagst es also noch, das als Propaganda zu betrachten! Hast du denn nichtgesehen, welch eigenartige Propaganda durch eure Wahlen hervorgerufen wird? Ihr habt dassozialistische Programm in die Ecke gestellt und euch den demokratischen Hanswurstenbeigesellt, die einen so großen Lärm nur deshalb machen, um zur Macht zu kommen. Ihr habtZwietracht gesät und innere Streitigkeiten im Lager der Sozialisten hervorgerufen. Ihr habtdie Propaganda für die Prinzipien eingetauscht mit der Propaganda zugunsten des Kuller oderdes Kunze. Ihr sprecht nicht mehr von der Revolution, oder wenn ihr davon noch sprecht,dann denkt ihr nicht mehr daran, sie zu machen; und das ist natürlich, denn der Weg, der zuden Ministersesseln führt, ist nicht jener der sozialen Erneuerung. Ihr habt eine große Anzahlvon Genossen verdorben, die ohne die Versuchung, 20 oder 30 Mark pro Tag zu verdienen,vielleicht ehrlich geblieben wären. Ihr habt Illusionen erzeugt, die, solange sie andauern, dieRevolution außer Sichtweite bringen und die Arbeiterschaft ohnmächtig machen, sieentmutigen und ihr den Glauben und das Vertrauen auf die Zukunft rauben. Ihr habt denSozialismus den Massen gegenüber diskreditiert, und die Massen betrachten euch als eineRegierungspartei, man verdächtigt und verachtet euch! Das ist das Schicksal, welches dasVolk allen bereitet, die im Besitz der Macht sind oder sie zu erlangen versuchen.

LUDWIG: Nun aber sage mir doch endlich, was sollen wir tun? Was tut ihr denn? Warummacht ihr es nicht besser als wir, anstatt uns zu bekämpfen?

KARL: Ich habe dir ja gar nicht gesagt, daß wir alles getan haben und alles tun, was man tunsollte. Ihr aber tragt einen großen Teil der Verantwortlichkeit durch euren Marsch auf demPlatze, denn eure Tatenlosigkeit und eure Irreführung haben seit einer Reihe von Jahrenunsere Aktion paralysiert, Ihr seid es gewesen, die uns gezwungen haben, unsere kostbarenKräfte anzuwenden, um eure Bestrebungen zu bekämpfen. Wenn man euch freies Feldgelassen hätte, dann hättet ihr vom Sozialismus nur noch das Schild übrig gelassen. Nun aberhoffen wir, daß endlich Schluß damit gemacht wird. Einerseits haben wir nicht wenig gelerntund aus den gemachten Erfahrungen unsere Lehre gezogen, so daß wir nicht mehr in dieFehler der Vergangenheit fallen. Andernteils haben auch schon unter euch dieklassenbewußten Genossen die Nase voll bekommen von euren Wahlen. Der ganzeWahlschwindel hat nun so lange Jahre gedauert, und eure Gewählten haben sich so unfähiggezeigt, um nicht stärker auszudrücken, daß jetzt alle, die der Sache wahrhaft ergeben undrevolutionären Willens sind, die Augen öffnen.

LUDWIG: Nun gut, macht also die Revolution! Und dessen kannst du sicher sein, wenn ihrden revolutionären Kampf führt, dann werden wir auf eurer Seite der Barrikaden sein; Glaubstdu denn, wir sind Feiglinge?

KARL: Ja, das ist eine bequeme Theorie, nicht wahr? „Macht die Revolution, und wenn ihrerst dabei seid, dann werden wir auch kommen“. Wenn ihr aber Revolutionäre seid, warumarbeitet ihr nicht mit uns an der Vorbereitung der neuen wirtschaftlichen Verhältnisse?

LUDWIG: Hör mal zu: Ich für mein Teil versichere dir, wenn ich ein praktisches Mittel sähe,der Revolution dienstbar zu sein, dann würde ich unverzüglich die Wahlen und dieKandidaten zum Teufel jagen. Um frei von der Leber wegzusprechen, muß ich dir sagen, daßauch ich schon die Hucke voll habe, und ich muß dir gestehen, was du mir da heute gesagthast, hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Wahrhaftiger Gott, ich könnte nicht sagen,daß du unrecht hast.

KARL: Du weißt nicht, was man machen soll? Sieh zu, habe ich unrecht gehabt, als ich dirsagte, daß durch die Gewohnheit des Wahlkampfes selbst das Gefühl für die revolutionärePropaganda verlorengegangen ist? Es genügt aber, zu wissen, was man will, und einenenergischen Willen zu haben, und dann hat man schon tausenderlei Dinge zu tun. Vor allenDingen muß man die sozialistischen Ideen verbreiten und anstatt Dummheiten zu erzählenund aufzuschneiden, anstatt falsche Hoffnungen bei den Wählern und Nichtwählern zuerwecken, entzünden wir in ihnen den Geist der Rebellion und die Verachtung desParlamentarismus. Widmen wir uns nur eifrig der Tätigkeit, die Arbeiterschaft von denWahlurnen wegzubringen, so daß die Reichen und die Regierenden die Wahlen unter sichallein machen, mitten in der allgemeinen Gleichgültigkeit und der öffentlichen Verachtungdes werktätigen Volkes, und wenn wir erst da angelangt sind, wenn der Glaube an demWahlzettel verschwunden ist, dann wird die Notwendigkeit direkter Aktionen von alleneingesehen werden, und der Wille zu ihrem Durchbruch wird überall erwachen. Gehen wirhinein in die Wahlversammlungen der Parteien, aber um die Lügen der Kandidaten zuentlarven und um schonungslos und ohne Umschweife die sozialistischen Prinzipiendarzulegen, d.h. die Notwendigkeit, an Stelle der Politik die Verbindung der Interessen derArbeiter zusetzen, und die Kapitalisten zu enteignen. Gehen wir hinein in alleArbeiterorganisationen, bilden wir unsere eigenen Ortsgruppen, die wir in unserem Geisteaufbauen, und erklären wir allen, was getan werden muß, um zur Befreiung zu gelangen.Dabei ist von großer Wichtigkeit, daß man niemals als Ziel aus dem Auge verliert , fürwelches man propagiert. Nehmen wir aktiven Anteil an Streiks, rufen wir selbst allgemeineStreiks hervor und ringen wir vor allen Dingen im Wirtschaftskampf die famoseSchlichtungsordnung der Demokratie nieder, die uns das Streikrecht geraubt hat. Das hat mitPolitik nichts zu tun! Unser Ziel muß stets darauf gerichtet sein, den Abgrund zwischen denLohnsklaven und den Unternehmern immer tiefer und weiter zu graben und die Dinge soenergisch wie nur möglich nach vorwärts zu treiben. Machen wir es den Hungernden undFrierenden verständlich, daß ihre Leiden unbegründet sind angesichts der vollgepfropftenLager an Waren aller Art, die ihnen gehören … Wenn plötzliche Unruhen ausbrechen, wie dasoft geschieht, dann müssen wir uns die Aufgabe stellen, der Bewegung einen bewussten Inhaltzu geben, wir müssen dem Volke helfen und bei ihm bleiben. Wenn wir uns erst auf dempraktischen Wege befinden, dann werden auch die Ideen zur rechten Zeit einstellen und dieGelegenheiten, zu zeigen, was Sozialismus ist, werden immer häufiger auftreten. Da ist z.B.die Mieterbewegung: Machen wir unseren Einfluß darin geltend, damit die Mietenherabgesetzt und die Häuser von der Mietsbevölkerung schließlich übernommen werden;machen wir den Landarbeitern klar, daß sie die Ernte in die Scheunen der Allgemeinheiteinbringen müssen, und helfen wir ihnen dabei, soweit wir es können; und wenn dieherrschenden Mächte es verhindern durch ihre bewaffnete Macht, dann stellen wir uns auf dieSeite der armen Landbevölkerung. Zeigen wir den Soldaten und der Polizei, was für einBluthandwerk sie ausüben, erklären wir ihnen, daß sie die Verteidiger der Kapitalisten sind.Und wenn die Bevölkerung von den Gemeinden und Behörden etwas fordert, dannorganisieren wir die wirtschaftliche Kampfbewegung der Werktätigen, so daß dieHerrschenden gezwungen sind, nachzugeben. Bei Arbeitslosigkeit und Streiks müssen Gelderund Lebensmittel gesammelt und verteilt werden. Dann wird es sich zeigen, daß auch dieStadtverordneten ebenso unnütz sind wie die Reichstagsabgeordneten, und daß jederAugenblick verloren ist, der zur Wahl dieser Abgeordneten verwendet wurde, sobald dasVolk zum Eigenhandeln herangezogen wird … Bleiben wir immer bei den Massen, suchen wirihnen verständlich zu machen, was ihr Interesse ist, und gewöhnen wir sie daran, denHerrschenden die Freiheit zu entreißen, die sie ihnen niemals aus freien Stücken zugestehen.Damit jeder sein Möglichstes tut müssen wir immer als Ausgangspunkt die augenblicklicheNot des Volkes nehmen und seinen Wünschen neue Zielrichtungen setzen. Durch dieseTätigkeit werden wir unsere Reihen immer stärker füllen können und diejenigen zu unsheranziehen, die unsere Ideen nach und nach verstehen lernen und sich schließlich mit Eiferfür dieselben einsetzen. All diesen müssen wir die Hände reichen, und uns mit ihnen zu einerentscheidenden allgemeinen Aktion vorbereiten. Zu einer Aktion, deren Ziel die Beseitigungder kapitalistischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung ist.

LUDWIG: Das ist eher was, so gefällst du mir. Zum Teufel mit den Wahlen, gehen wir ansWerk. Reich mir die Hand, es lebe die Herrschaftslosigkeit und die soziale Revolution!

KARL: Für dieses Ziel marschieren wir gemeinsam vorwärts!

Ludwig von Mises zum Sezessionsrecht

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“Wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhängenden Landstrichen, durch unbeeinflusst vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, dass sie nicht in dem Verband jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zugehören wollen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Nur dies allein kann Bürgerkriege, Revolutionen und Kriege zwischen den Staaten wirksam verhindern […] Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müßte es geschehen.”

–Ludwig von Mises, Liberalismus, Jena 1927, S. 96

Written by dominikhennig

5. März 2011 at 02:04

Wieso eigentlich Integration?

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von Niklas Fröhlich

Eigentlich wollte ich mich zu der gesamten Sarrazin-Debatte nicht noch einmal äußern, aber da das Thema auf allen Plattformen, in allen Medien und Gesprächen nicht abreißen will, möchte ich mich doch zumindest zu einem einzigen Aspekt noch einmal äußern: Der Kultur, was besonders auch die Sprache mit einbezieht. Vorweg: Wann immer ich das Wort „Gesellschaft“ verwende, spreche ich nicht von jenem sinnentleerten Konstrukt, sondern meine einzig und allein „Das Zusammenleben der Menschen“.

In der ganzen Debatte hört man von Seiten der Einwanderungs- Islamkritiker immer wieder das Argument der grauenhaften Parallelgesellschaften, der zusammenbrechenden kulturellen Einheit in Deutschland, dem Ende der „Leitkultur“. Phrasen wie „Wer in Deutschland lebt, muss auch Deutsch sprechen!“ oder der Ruf nach Verankerung der Deutschen Sprache im Grundgesetz sprechen Bände – Bände unreflektierter Gedankengänge.

Ich provoziere: Warum MUSS Deutsch sprechen, wer in Deutschland lebt? Es ist doch Sache eines jeden Einzelnen, wie er sein Leben verbringt – und wer die deutsche Sprache nicht lernen will, der muss dies nicht. Wenn ich auswandere MUSS ich auch nicht unbedingt die Sprache meines neuen Wohnortes lernen. Von MÜSSEN als imperativ anderer kann überhaupt keine Rede sein. Was geht es mich an, wie andere ihr Leben führen? Gerade diese Toleranz sollte doch der Grundstein unserer sogenannten „modernen“ und „freiheitlichen“ Gesellschaft sein.
Aber, wird so Mancher einrufen, die kulturelle und besonders sprachliche Einheit sei unbedingt notwendig zum Bestehen der „Gesellschaft“. Ich kann ja meinen Nachbarn nicht einmal bitten, leise zu sein, geschweige denn mich ihm vorstellen und wirklich eine Gesell-schaft mit ihm bilden, wenn er meine Sprache nicht spricht. In diesem Sinne, so mag man einwenden, gehe es einen sehr wohl etwas an – denn man möchte ja ein funkionierendes Zusammenleben.
Diese Feststellung ist im Kern tatsächlich richtig, führt in diesem Fall jedoch zur falschen Schlussfolgerung. Natürlich ist es wünschenswert, mit seinen Mitmenschen kommunizieren zu können. Aber wünschenswert ist so vieles. Ich wünsche mir auch noch so einiges anderes etwa einen neuen Rechner – dennoch habe ich keinen Anspruch gegenüber Anderen, dass diese ihn mir schenken, damit ich davon profitiere. Ebensowenig habe ich einen Anspruch darauf, dass andere Menschen für mich eine Sprache lernen, damit ich davon profitiere. So empört der Kulturkonservative bei dieser Aussage auch aufschreien mag: Ich habe ebensowenig einen Anspruch darauf, dass ein eingewanderter Türke deutsch lernt, wie ich Anspruch darauf habe, dass alle Türken Deutsch lernen, sobald ich in die Türkei einwandere. Ich habe überhaupt keinen Anspruch auf die Handlungen anderer.

Aber, wird man wiederholen, was ist mit der Notwendigkeit einer gewissen sprachlichen und kulturellen Homogenität? Ganz einfach: Sie ist wünschenswert und sie ist notwendig und eben daher braucht überhaupt niemand irgendwelche Ansprüche zu erheben. Der Mensch möchte ein gutes und angenehmes Leben führen und gerade dafür braucht er die Gesellschaft und dafür braucht er die Sprache. Sprache und Kultur sind doch nicht Selbstzweck! Sie sind reines Mittel zum Ziel individueller Zielerreichung. Oder in schöneren Worten:

„Der in die Gesellschaft eingegliederte Mensch ist an die Gesellschaft gebunden, weil er ohne die Gesellschaft die Zwecke seines Handelns nicht verwirklichen kann.“
– Ludwig von Mises; Nationalölkonomie; Edition Union Genf; 1940; S.135 *

Ein Einwanderer lernt schon deshalb die Sprache der Einwanderungsgesellschaft, weil er ohne sie in ihr nicht leben kann. Aus eben diesem Grund ist eine weiträumige zumindest annährend homogene Kultur und Sprache ja überhaupt erst entstanden, weil die Menschen Nutzen aus der Zusammenarbeit ziehen. Es ist doch innerhalb Deutschlands nicht anders: Der Urbayer spricht nicht deshalb nebenbei auch mehr oder weniger Hochdeutsch, weil es „sich in Deutschland halt so gehört“, sondern damit er auch mit dem benachbarten Badener oder Franken kommunizieren und Handel treiben kann. Und so werden gewiss, überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gewisse gemeinsame Nenner und eine gemeinsame Sprache entstehen – schon deshalb, weil jeder Einzelne dies als Mittel der Zusammenarbeit braucht.

Um noch einmal auf den Urbayern zurückzukommen: Es mag auch gewiss einige ländliche Dörfer geben, in denen etwa der Westfale kein Wort verstehen wird – und in denen man auch des Hochdeutschen kaum mächtig ist und deren Kultur auch ländlich, altmodisch, streng katholisch ist. Wer beklagt sich eigentlich über diese „Parallelgesellschaften“ und „Integrationsverweigerer“. Niemand. Wieso auch? Diese Dörfer sind eben deshalb nicht an Restdeutschland angepasst, weil sie es scheinbar nicht brauchen, weil keine Notwendigkeit besteht. Und so nimmt auch niemand Anstoß daran: Wen kümmert es, was irgendwo auf dem Land vor sich geht? An dem Punkt aber, wo diese Dörfer mehr zu Städten oder touristischen Gebieten werden, kurzum: In Kontakt mit „Hochdeutschlern“ kommen, werden sie sich nach und nach erst sprachlich und irgendwann auch in gewissen Teilen kulturell anpassen – einfach, weil man mit den anderen zugezogenen Städtern oder den geldgebenden Touristen kommunizieren muss. Andersherum: Wer als einzelner in das Dorf zieht, wird nicht umherkommen bayrischen Dialekt zu lernen.
Von einem Imperativ der „Anpassungspflicht“ kann keine Rede sein. Es geht um reine Notwendigkeit.

Diese geographische Abgeschiedenheit, die kulturelle Anpassung nicht oder nur bedingt nötig macht, ist aber in den beklagten türkisch-arabisch-islamischen Parallelgesellschaften gerade nicht gegeben. Und daher wird sie problematisch: Denn innerhalb direkter Nachbarschaft findet die rein natürlich übliche und auch notwendige kulturelle Angleichung nicht statt – und das belastet natürlich das Zusammenleben.

Und nun sind wir beim Kern des eigentlichen Problems: Wieso funktioniert hier das nicht, das rein natürlich ist: Die Anpassung zum gegenseitigen Nutzen. Wieso bilden sich kulturell abgeschottete Gesellschaften innerhalb der Restgesellschaft, die mit dieser kulturell wie sprachlich nicht kommunizieren können? Dies hat wenn überhaupt zweitrangig irgendetwas mit Nationalität oder Religion (hier: Islam) zu tun. Denn selbst der radikale Religiöse oder der anpassungsunwillige Nationalist muss essen, muss eine Wohnung haben, muss Geld verdienen usw. Und für all das muss er kommunizieren. Selbst der radikalste türk-nationalistische Islamist würde die Deutsche Sprache lernen müssen, um sich eine Wohnung zu suchen, den Mietvertrag zu verstehen, einen Job zu finden, sich beim Einstellungsgespräch vorzustellen, oder einfach nur beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Integration MUSS geschehen, aber nicht als moralischer Fingerzeig, sondern sie wird es einfach aus reiner und natürlicher Notwendigkeit.

Wieso aber funktionieren bzw. funktionierten diese natürlichen Anreize und Entwicklungen nicht? Die Antwort ist denkbar einfach: Der Staat hat natürliche gesellschaftliche Mechanismen manipuliert und/oder zerstört. Es begann alles mit politisch geschlossenen Gastarbeiter-Abkommen. Während einzelne Einwanderer inmitten deutscher Restgesellschaft landen und sich bald anpassen würden, holte man Einwanderer hier gesammelt nach Deutschland und hielt sie auch weiter versammelt, in ihren Wohnblöcken, an ihren Arbeitsplätzen, später in ihren Vierteln. Wohnung und Arbeit wurden (staatlich gestützt) zugeteilt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden oft gemeinsam in den Betrieben eingesetzt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig. Arbeiter wurden gemeinsam angesiedelt. Kein Lernen der deutschen Sprache nötig.
Aber dies allein ist nur der erste Teil des Problems. Denn irgendwann liefen die Verträge der Gastarbeiter-regelungen aus und die – von der deutschen Restgesellschaft nahezu gezielt isolierten – Ausländer hätten sich nun definitiv zur Berufsfindung und allgemeinen weiteren Zukunft mehr und mehr an die Restgesellschaft angleichen müssen. Wieso aber taten es sie es nicht? Und wieder liegt die Antwort beim Staat: Ohne das staatliche Dokument der Staatsbürgerschaft ist es schwierig einen Beruf, ganz zu schweigen von längerfristiger Ausbildung, in Deutschland zu finden. Absolut verständlicherweise nimmt kein Lehrmeister einen Gesellen auf, der – egal wie bemüht er ist – schlecht Deutsch spricht und vor allem eventuell bald sogar abgeschoben wird. Wieder blieb man unter sich, die „Parallelgesellschaft“ wurde gefestigt.
Zementiert wurde sie dann letztendlich wieder durch den Staat. Trotz aller staatlicher Hürden hätte die reine Existenznot schließlich doch irgendwie zu – wenn auch schlecht bezahlter, niederer – Arbeit und somit Integration geführt. Doch diese Existenznot als letzter Integrationsfaktor wurde dann durch die staatliche Sozialhilfe beseitigt. Man brauchte sich einmal mit Dolmetscher oder auch gleich mit türkischen Anträgen, ich weiß nicht wie es da steht,  mit der deutschen Bürokratie herumschlagen und konnte dann wieder zurück ins parallelgesellschaftliche Viertel, ohne weiteren Kontakt zur deutschen Kultur.

Wir sehen: Der Staat legte den Grundstein der Parallelgesellschaft, der Staat festigte das Gebilde und zementierte es schließlich. In sofern stimmt es, dass die Politik gescheitert ist – allerdings nicht, weil sie nicht genug tat, sondern eben weil sie etwas tat und die Menschen lange und erfolgreich davon abhielt sich ganz natürlich zu integrieren. Ohne Politik, wäre nichts davon geschehen. Heute nach „besserer Integrationspolitik“ zu rufen ist daher lachhaft, schon deshalb, weil eine gewisse grundlegende gesellschaftliche Homogenität eben nicht erst durch Politik hervorgerufen wird, sondern ganz von selbst entsteht, aus dem tiefen Bedürfnis der Individuen heraus. Politik kann diese Vorgänge nur blockieren und lahmlegen.

Und nun wenden wir uns den indirekten Folgen dieser politischen Zerstörung des natürlichen Zusammenlebens zu: Die politisch forcierte Sammel-Einwanderung gekoppelt mit gezielter Abschottung führte natürlich auf deutscher Seite zu Vorurteilen gegenüber den Andersartigen und bei den Türken ihrerseits eine stärkere Selbstfindung in der türkischen Kultur und Gemeinschaft – und eben der Religion. Es darf nicht wundern, dass die Abgeschotteten ihrerseits mit Abschottung reagieren. All dies verstärkt die gesellschaftliche Spaltung nur noch mehr. Die Probleme plötzlich auftretenden Nationalismus oder Islamismus oder weniger spezifisch: „Integrationsverweigerung“ sind somit eben nicht Ursachen, sondern Folgen, reine Symptome (!) von Abschottung und verstärkter Bildung von Parallelgesellschaften.
Vermischt wird dies oft auch mit der Problematik der Unterschicht, in welche die Einwanderer von Anfang an (s.o.) gedrängt waren. Pöbelt ein deutscher Prolet einen Deutschen an, nimmt dies kaum jemand wahr, tut dies ein türkischer Prolet wird der Kulturkampf ausgerufen. Das entschuldigt nichts, muss aber berücksichtigt werden. Ebenso muss das Treiben der, auch in der aktuellen Debatte immer wieder kritisierten, Multikulti-Sozialromantiker beachtet werden, welche (oft mit Staatsgeldern) die geschaffenen Konstrukte noch verherrlichten und in ihrer Festigung bestärkten und noch viel anderes verdient hier Beachtung. Darauf möchte ich aber eigentlich gar nicht eingehen. Dieser Beitrag sollte ausschließlich der Betrachtung von Entwicklung und Bedeutung von Kultur und Sprache dienen.

Denn dies geht in der aktuellen Debatte allerdings fast völlig verloren, man beklagt Symptome, spricht von „Bringpflicht der Migranten“, von „Leitkultur“, von „besserer Integrationspolitik“ und verkennt, dass all dies schon allein aus einem einzigen Grund Unsinn ist: Gesellschaft und ihre Normen bzw. eine grundlegende Homogenität sind keine Pflicht, sondern sie entstehen aus gegenseitigem Nutzen, ganz von selbst – wenn man sie nicht behindert. Die heutigen Probleme sind primär Folgen staatlicher Zerstörung des Zusammenlebens und können auch nur auf Basis dieser Erkenntnis kuriert werden. Erst wenn dieses Allgemeine einmal klar ist, kann man versuchen über spezifische Lösungen nachzudenken.

* Das gesamte Kapitel zur Gesellschaft, ihrer Bildung, ihrem Zweck und ihren Ausprägungen ist, nicht nur, aber auch gerade, zu dieser Thematik ungemein lesenswert.

 

Auch dieser Klassiker, aus Sicht der Paxx-Redaktion vermutlich das Beste und Klügste, was seit langem zum Dauerbrenner „Integrationsdebatte“ verfaßt wurde, erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

1. Dezember 2010 at 01:22

Sarrazin und der Untergang der Deutschen

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Die Illusion der Gesellschaft II

von Niklas Fröhlich

Manchmal wird einem von unerwarteter Seite in die Hände gespielt. In diesem Fall ist es, nur einige Tage nach meinem Text „Die Illusion des Wortes Gesellschaft“ SPD-Politiker und seit neustem Berufsprovokateur Thilo Sarrazin, der mir den Ball in die Hände legt – wenn es auch sicher kein Pass ist.
Wieso er mir in die Hände spielt? Ganz einfach: Auf die gesamte Sarrazin-Diskussion lässt sich – auf alle Beteiligten Seiten – die Kritik am Wort „Gesellschaft“ herrlich aufzeigen. Wunderbar können wir an ihr alle genannten Blickwinkel auf die Gesellschaft nachvollziehen und können weiterhin daran auch gleich mitverfolgen, wie und warum die Sarrazinschen Thesen und Provokationen ziellos ist und im Sand verläuft, wenn nicht gar ungemein schädlich ist.

Ich beziehe mich hauptsächlich hierauf, auf den ersten Teil der nach und nach in der Bild folgenden Veröffentlichung von Teilen des neuen Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“. Im Kern scheint es dasselbe zu sein, das wir schon gewohnt sind: Polemische Ausführungen zu Fragen von Einwanderung und Gesellschaft, die Sarrazin gleich mit der angrifflustigen Schärfe des Buchtitels beginnt.

Sarrazins Thesen aus diesem Textauszug kurz gefasst: Die Deutschen sind immer dümmer, ärmer, fauler, verantwortungsloser und geplagter von Einwanderungsproblematiken geworden und werden es wenn der Trend nicht abbricht noch weiter. Besonders kritisiert er die Projektion aller Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Alles gipfelt im kulturellen und vor Allem auch demographischem aussterben „der Deutschen“. Es endet mit dem Appell an einen „deutschen Selbsterhaltungswillen“.

Und genau dies passt doch herrlich in das Schema der drei sich widersprechenden Gesellschaftsbilder:
 
1. Die Gesellschaft als Sündenbock
Sarrazin führt einen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche Verkommenheit: Faul, dumm, verantwortungslos. Alle! Natürlich nicht er, sondern alle… also, natürlich auch nicht der geneigte Leser, der ihm zustimmen soll, auch nicht der Redakteur der Bild, sondern alle anderen. An der gewaltigen Anzahl der Zustimmungen (Bild-Umfrage: 89% bei knapp 90.000 Stimmen) sieht man, dass der gemeine Bild-Online-Leser wohl nicht zur verkommenen Gesellschaft zählt.

2. Die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung
Dieses Bild kritisiert Sarrazin. Er verlangt individuelle Verantwortung, statt  immerzu „die Gesellschaft“ bzw. „die Verhältnisse“ verantwortlich zu machen.

3. Die Gesellschaft als göttliche Entität
Wieso aber ist all das kritisierte schlecht? Es schadet der Gesellschaft – er nutzt dafür das Wort „Deutschland“, manchmal auch „die Deutschen“ oder gar „die deutsche Gesellschaft“. Dieser nämlich, soll es gut gehen, ihren Wünschen soll nachgekommen werden, ihre guten Ideale (Tüchtigkeit, Verantwortung, konservativ-Parole-xy) sollen endlich wieder hervorgekehrt werden.

Alle diese drei Gesellschaftsbilder nutzt Sarrazin parrallel. Doch sie alle führen zu nichts:
1. Er spricht alle an, doch aber niemanden. Seine Kritik läuft ins Leere der nicht existierenden „Gesellschaft“.
2. Hier kritisiert er im Kern genau das an, was auch ich kritisiert habe: Die Projektion der Verantwortung auf „die Gesellschaft“. Dieses Bild vertritt er aber tatsächlich auch selbst: Denn an wen richtet er sich? Wer soll etwas ändern? Gewiss, der Staat, den er wohl als Verkörperung der Gesellschaft  versteht, in diesem Sinne oder zusätzlich findet sich aber auch immer wieder das schöne Wörtchen „wir“. „Wir“ wollen, „wir“ sollen. Er selbst nimmt die Gesellschaft in Pflicht und Verantwortung – wenn auch in (scheinbar) umgekehrter Weise.
3. Wer ist eigentlich dieses „Deutschland“ dem hier andauernd gedient werden müsse? Ich? Herr Sarrazin? Der Leser seines Buches, oder gar: Der Bild-Leser? Es ist ein nationalromantisch-nostalgisches Abbild des Wortes „Gesellschaft“ und zumindest genauso inhaltsleer.

Herr Sarrazin schafft es also, die Gesellschaft gleichzeitig zu Verteufeln, ihr Verteufeln zu Verteufeln und sie als oberstes Ziel des Gemeinwohles zu glorifizieren. Dies ist ein Paradebeispiel des sinnentleerten Gebrauches gesellschaftlicher Phrasen.

Schießen, Laden, Zielen… ähm?
Was soll nun dabei herumkommen? Der gemeine Bild-Leser schimpft einmal auf die verkommene (Rest-)Gesellschaft, dann auf diejenigen, die immer der Gesellschaft den Schuld zu weisen und nickt dann in der Gewissheit, dass endlich der Gesellschaft gedient werden müsse – also, von irgendwem, nicht von entsprechendem Bild-Leser, natürlich. Er fühlt sich in seinem Selbstbewusstsein durch Fremdverteufelung nun gestärkt genug, um die Ziellosigkeit dieser ganzen Kritik zu vergessen. Der etwas intellektuellere, der sich tatsächlich Sarrazins Buch kauft, tut wohl meist exakt dasselbe – nur nippt er dabei gelegentlich am Rotwein.

Auf die inhaltliche Ebene seiner Kritik möchte ich hier gar nicht eingehen, vieles was er sagt stimmt sicher, einiges mehr enthält grundlegende Wahrheiten, ist aber gewaltig überspitzt und unnötig bewusst provokant. Und vor allem: Sarrazin scheint ein Faible dafür zu haben allerlei Symptome von Problematiken aufzuzeigen, nicht aber jemals deren Wurzel zu ergründen. Integrationsprobleme, sinkende Realeinkommen, Bildungsmisere – dies sind Symptome, deren Aussprechen eigentlich keine formelle Kritik ist, aber durch unnötige Provokation scheinbar dazu wird. Aber darum soll es hier nicht gehen, es ging um die Reflexion der begrifflichen Gesellschaftsthematik.

Oft hört man, selbst wenn Sarrazin einige unnötig provokante Phrasen dresche, so spreche er doch zumindest notwendige Themen an und beginne den Diskurs. Nun, wünschenswert wäre es sicher. Allerdings: Nicht nur zeigt er nur Symptome anderer Problemlagen auf, er verschiebt weiterhin die gesamte Thematik in ein Wirr-Warr sich widersprechender Gesellschaftsbegriffe, an der sich jeder nach herzenslust erregt oder befriedigt und von deren Inhalt tatsächlich allerhöchstens genannte Symptome hängen bleiben.
Dass er gerade dies, ohne Frage nicht zu Unrecht, seinen Lieblingsgegner, den „politisch Korrekten“ vorwirft macht dies umso widersprüchlicher. Er beseitigt deren naiv-gesellschaftliches, kollektivistisches Bild nicht, sondern nutzt es für sich.

Und ein ganz anderes Fass, das noch aufgemacht werden muss: Er spricht nicht nur vom Abstraktum der „Gesellschaft“, er grenzt auch noch ganz klar dabei ab, er kennt eine deutsche Realgesellschaft, eine deutsche Wunschgesellschaft und er kennt Gegner der Gesellschaft, Faule, Unterschichtler, Ausländer. Das Wort „Feind“ würde er sicher nie in den Mund nehmen, doch die Assoziationen, die sich auch bei „deutscher Selbstbehauptung“ aufdrängen, sind eindeutig. Dass er so spaltet und Ressentiments schürt, steht außer Frage, ebenso wie die Tatsache, dass er so unschönen einfachen Antworten Unterfutter liefert.

Ob der tatsächlich hier und da erreichte Anstoß des Diskurses diese gesellschaftliche Verwirrung und – gerade aus Gründen der begrifflichen Widersprüchlichkeit schnell gestärkten – Ressentiments wert ist, wage ich zumindest in Frage zu stellen. Ein großer Teil ist leider nostalgische Nörgelei auf höherem Niveau gepaart mit vulgär-konservativer Pöbelei. Und dies ist, trotz aller Empörung tatsächlich überhaupt nicht gegen den Zeitgeist gerichtet – denn was ist heute mehr Zeitgeist als ewiges vulgäres Symptom-Genörgel? Dass die Bild dem ganzen gerne Plattform bietet, ist vielleicht bester Ausdruck dessen.

Dieser Klassiker zur inzwischen merklich abgeflauten Sarrazin-Debatte erschien ursprünglich auf mea sponte.

Written by dominikhennig

30. November 2010 at 23:55