Paxx Reloaded

Wieder da: Sex-, Drugs-, Peace- and Rock'n'Roll Libertarians

Archive for the ‘Szene’ Category

Rand Paul macht Schluss mit dem ganzen Ron-Paul-Revolutions-Spuk

with one comment

Von Karl Kraus stammt die Weisheit, der Begriff „Familienbande“ trüge den „Beigeschmack von Wahrheit“. Mit diesem Ganovenstück ist nun vor allem eines klargestellt: die seit 2008 (vorübergehend sogar erbittert auf Paxx.tv und andernorts) geführte Debatte ad 1) des Für und Wider von Parteipolitik sowie ad 2) des Für und Wider einer Ankoppelung an kulturkonservative (und damit folgerichtigerweise staatstolerante) Strömungen haben die Paxxies gewonnen. Und zwar nicht nach Punkten, sondern durch K.O.!

Alles andere ist letztlich jetzt eine – traurige – Familienangelegenheit.

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Tiefgekühlt

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Von Florian Grebner
Hallo sehr geehrte PaxxleserInnen,

ich möchte an dieser Stelle bekannt geben, dass das Projekt Paxx Reloaded vorerst auf Eis gelegt wird.

Gruß

DIeser Beitrag kann auch bei unseren Partnern diskutiert werden AnCaps.de

Written by floriangrebner

18. April 2011 at 19:13

Veröffentlicht in Szene, Zwischenruf

Vögelt uns

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von Florian Grebner

Wie den ein oder anderen schon aufgefallen sein dürfte (bedingt durch die Spalte auf der rechten Seite), hat Paxx nun auch einen twitteracc. Uns folgen kann man @paxxreloaded

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Written by floriangrebner

11. April 2011 at 18:10

Veröffentlicht in Szene

Zuwenig netto, zuviel Schaumschlag

with 7 comments

Die der Paxx-Redaktion vorliegende „eigentümlich freie“ Abo-Kündigung von Prof. Dr. Rolf W. Puster liest sich aus Sicht der neuen rechten Freunde und Lichtgestalten des Herausgebers eher wie ein ausgestellter Persilschein nach dem Motto: „Sehr her, ich habe abgeschworen, akzeptiert mich nun endlich als einen der Euren!“ Er wird sie mit stolzgeschwellter Konvertitenbrust im konservativen juste milieu als Ausweis seiner vom Libertarismus gereinigten und somit geläuterten Gesinnung herumgereicht haben so wie einen Meßweinbecher bei der Heiligen Messe.

Für unsereinen hingegen ist der späte Abschied Prof. Pusters von diesem einstmals hoffnungsvollen Projekt – ich gestatte mir jetzt einfach diese Unbescheidenheit – der Ritterschlag, da man schon 2007 die Entwicklung der Zeitschrift folgerichtig vorhersehen konnte. Der Klärungsprozeß ist damit abgeschlossen, mit Pusters Abschiedsbrief an Lichtschlag gewissermaßen notariell beglaubigt:

Prof. Dr. Rolf W. Puster, Hamburg:

Kündigung meines ef-Abonnements

Sehr geehrter Herr Lichtschlag,

hiermit kündige ich fristgerecht mein (mit dem April-Heft 2011 auslaufendes) Abonnement von eigentümlich frei.

Zur Begründung (welche notgedrungen summarisch ausfallen muss): Der Anteil originär libertärer Beiträge, um deretwillen ich ef einmal abonniert habe, ist seit geraumer Zeit rückläufig.

Leider ist er nicht bloß zugunsten inhaltlich mehr oder minder belangloser Beiträge rückläufig (was zu verschmerzen gewesen wäre), sondern zugunsten von Beiträgen, deren konservativen Grundtenor ich in starker Spannung zu libertären Grundsätzen stehen sehe.

Viele Punkte, die mich (aber, wie ich weiß, nicht nur mich) stören, verbergen sich meist zwischen den Zeilen, oder sie lassen sich als Kundgabe individueller Präferenzen einzelner Beiträger ‚entschärfen‘ (wobei allerdings leicht vorhersehbar ist, was für ein Zerrbild der libertären Weltsicht in den Köpfen der von ef neu gewonnenen Leser entstehen wird, die dieses Amalgam aus Libertärem und Nicht-Libertärem rezipieren). Die nachstehend aufgeführten Punkte summieren sich zu einem Hintergrund, vor dem ich die — nach wie vor vorhandenen — unverfälscht
libertären Artikel von ef kaum noch goutieren kann:

• Die in der Fortentwicklung efs zum mehrfarbigen Hochglanzprodukt sich ausdrückende Habituswandel vom libertär-revolutionären Organ hin zum gediegenen Hausblatt traditionalistischer Honoratioren;

• das restaurative Frauenbild (Mutter — attraktiv — fromm), das beispielsweise mit der Anpreisung der Damen Stephanie zu Guttenberg und Kristina Schröder lanciert wird;

• die diversen Nickligkeiten gegen ‚unbürgerliche‘ bzw. deviante Lebensformen und Sexualpraktiken sowie die damit einhergehende (und überdies recht ahistorische) Idyllisierung des Familienlebens;

• die für ‚Besserverdienende‘ typische Unterbetonung des Umstandes, dass in erster Linie der Fehlanreize setzende Wohlfahrtsstaat Kritik verdient — und nicht diejenigen, die diese Fehlanreize für sich nutzen;

• die Hervorhebung des zweifellos vorhandenen freiheitlichen Potenzials des christlichen Glaubens zulasten eines realistischen Blicks auf seine gelebte, oft engstirnige und repressive Verwirklichung.

Ganz und gar unerträglich und für Libertäre unannehmbar ist jedoch in meinen Augen der sich neuerdings in ef breitmachende nationale Kollektivismus, von dem Sie selbst im jüngsten Heft eine unverdauliche Kostprobe geliefert haben:

„Deutschland hat sich nicht nur von der religiösen Vergangenheit abgewandt. Unsere zunehmend kinderlose Gesellschaft begeht, was ihre Zukunft betrifft, demographischen Selbstmord auf Raten.“ (S. 36)

(Dazu passen nur zu gut die kleinkarierten Bissigkeiten, die Sie in Ihrem ef-Editorial der Nr. 102 über den Atheismus und die Kinderlosigkeit von Ayn Rand gemacht haben, wobei Sie auf Max Stirner und Friedrich Nietzsche denselben groben Keil zur Anwendung brachten.)

Selbstverständlich hätte ich mich auf den ersten Satz dieses Briefes beschränken und meine Konsumentensouveränität stillschweigend dazu nutzen können, ein nicht mehr zufriedenstellendes Produkt nicht mehr weiter zu kaufen. Aber der Respekt vor den historischen Verdiensten von ef für die Sache der Freiheit und meine weltanschauliche Verbundenheit mit einer Reihe von ef-Autoren bestimmte mich dazu, ein übriges zu tun, und Ihnen zumindest ansatzweise eine kritische Perspektive auf die Entwicklung der von Ihnen maßgeblich geprägten Zeitschrift zu eröffnen.

Auch vom ureigensten libertären Gedankengut lässt sich mit Sinn wünschen: Mehr netto!

Mit besten Grüßen

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Written by dominikhennig

22. März 2011 at 01:44

Selbsterkenntnisse: Wie stark hat DICH der Staat im Griff?

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von Norbert Lennartz

Der Staat hat auf die Menschen sowie auf die Liberalen und
Radikal-Liberalen größere Auswirkung als sie das selbst wahrnehmen oder
sich das selbst eingestehen, denn die Existenz von Staat führt nicht nur
dazu, dass ein öffentlicher Umverteilungskampf über Ressourcen
stattfindet; es gibt auch einen Kampf um herrschende Meinungen, die
diesen Verteilungskampf beeinflussen könnten und auch einen darum, was
nach einem Zusammenbruch des staatlichen Verteilungssystems geschehen
sollte.

Auch der Gold- und Silberpreis ist meines Erachtens ein starkes
Beispiel für diesen staatlichen Einfluss auf Menschen.

Der Anstieg des Gold- und Silberpreises ist zunächst durch nichts
anderes inspiriert, als durch den Wunsch auf den Zusammenbruch
staatlicher Geldsysteme zu wetten, um sich vorweg Bezugsrechte an Gütern
in einem „System danach“ zu sichern.

Viele haben natürlich diesen Prozess kommen sehen, Wertsteigerungen
des Metalls prophezeien können und inzwischen sind viele auf diesen Zug
aufgesprungen, aber ohne zu wissen wohin diese Reise eigentlich gehen
soll, denn eine neue staatliche Gold- oder Silberwährung wird es
sicherlich nicht geben. Für Staaten wäre sie schlichtweg zu aufwendig
und sie würde ihnen auch politisch nichts einbringen. Das Metall würde
zur Deckung einer Währung eh nur in Tresoren herumliegen und vom Markt
verschwinden. Es wäre kein handelbares Gut mehr und stünde im besten
Fall nur für die künftige Auflösung einer neuen Währung bereit, die man
aber keinesfalls dazu bestimmen würde, sich selbst wieder abzuschaffen.
Der Sinn des Geldes besteht aber gerade in seiner Auflösbarkeit!
Es ist die Sache der Handelnden, wann und wie sie ihre Wechsel
abwickeln. Wer sein Gold in Händen haben will, der braucht keine
Bezugsscheine daran, und wer sich Geld geliehen hat, der muss es später
wieder zurückzahlen und löst mit der Rückzahlung Zweck und Wert der
Scheine wieder auf.

Wer das Geld als eine tauschbare Ware versteht, der kommt
normalerweise nicht auf die Idee seine Tauschware für viele Jahrzehnte
in Tresore zu verstecken, denn eine Ware besitzt ihren wirtschaftlichen
Wert schließlich immer nur dadurch, dass sie im Wirtschaftsprozessen
verbraucht wird und nicht als Lagerstätte für Waren, die einfach ewig
dem Konsum entzogen werden. Der Unternehmer nennt das „totes Kapital“.
Das wäre so absurd, als würde jemand riesige Mengen Pflastersteine im
Garten vergraben, um sich darauf als Sicherheit bei einer Bank einen
Kredit geben zu lassen. Warum verkauft er dann die Pflastersteine nicht
gleich an ein Bau-Unternehmen und kauft dafür vielleicht Aktien aus dem
selben Unternehmen, wenn dieses in der Lage ist, den Wert der Steine zu
erhalten und zu steigern?

Die Idee vom Gold als Geldanlage und Rücklage für schlechte Zeiten
hat offensichtlich ganz andere Ursachen als den des eigentlichen
Tauschzweckes. Gold und Silber besitzen ihren Marktwert nur dadurch,
dass Menschen es wie Antiquitäten sammeln, dem Wirtschaftskreislauf
entziehen und es so künstlich verknappen. Aber sobald sich diese Mode
-denn es ist nur eine Mode- vom monetären Traum auflöst, der das
„Edel“metall umhüllt, und es wieder spekulationsfrei in den
Wirtschaftskreislauf fließen würde, so schnell würde sich auch sein Wert
dem eigentlichen wirtschaftlichen Wert nähern müssen. Die Blase um das
Edelmetall könnte also eines Tages sehr plötzlich platzen, d.h. der
gegenwärtige Goldpreis hat sehr viel mehr mit Panik und Spekulation zu
tun, als mit direktem wirtschaftlichen Interesse an dem Metall an
sich.

Ich will damit keine Geld-Diskussion anfangen. sondern nur darauf
hinaus, dass die Existenz von Staat und sein Einfluss auf das Geld
Menschen in solche Handlungen treibt, auf die sie sonst niemals kommen
würden.

Ähnlich ist es auch mit anderen Handlungen, die sich auf herrschende
Meinungen beziehen, die der Staat verursacht hat und um die sich niemand
scheren würde, wenn es keinen Staat gäbe.

Wir würden uns nicht nur nicht darum scheren müssen, ob Gold
oder etwas anderes als Gelddeckung wichtig wäre; wir würden uns z.B.
nicht darum scheren, was kritische Wirtschaftswissenschaft gegen
die Wirtschaftspolitik zu sagen hat; wir würden uns nicht darum
scheren, wie man den Staat zähmt oder los wird; sprich: es gäbe noch
nicht mal „Libertäre“ oder „Anarchokapitalisten“, die sich über den
Staat aufregten. Alle würden sich nur ihrem Alltag widmen.

Nun ist es aber leider nicht so und es gibt alle diese Dinge,
die ich aufgezählt habe, und es gibt Meinungsführer wie beispielsweise
große Think Tanks, die auf bestimme Themen großen Einfluss haben können.
Dazu zählt historisch z.B. die Mont Pelerin Society, die maßgeblich das
Oxymoron der „Sozialen“ Marktwirtschaft in Deutschland mit hervorgerufen
hat. Zu den „oberschlauen“ Denkfabriken zählt heute aber auch das Mises
Institute als potentieller Meinungsmacher und entsprechende andere
Medien. In diesen Denkfabriken und Medien setzt sich das Gerangel um die
Meinungsführerschaft ebenfalls mehr oder weniger fort. Auch dort gibt es
„Führer“, denen es mehr auf ihre Führerschaft, ihre Anerkennung
und ihre Posten als solche ankommt, als auf die Sachlichkeit und
Unabhängigkeit der Inhalte, die sie vertreten. Aufgrund der Differenzen
untereinander gibt es sogar solche Libertäre, die nur aus egomanischen
Prinzipien heraus agieren, die ohne Staat so niemals bedient würden. So
wie es an jeder Straßenecke einen mit gesundem Halbwissen gibt, der
„genau weiß“, welche radikalen oder weniger radikalen Reformen geeignet
sind oder nicht geeignet sind, so bilden sich auch viele Libertäre ein,
genau zu wissen wie man den Libertarismus verwirklicht oder nicht
verwirklicht.

All das verleitet mich letztendlich zu dem rhetorischen Gedanken, ob
man überhaupt und wie man beabsichtigt, den Staat zu überwinden, oder ob
man sich unter dem Libertarismus soziologisch nichts weiter vorzustellen
hat, als eine beiläufige Mopper-Kultur, die nicht mehr Daseinszwecke
erfüllt wie jede andere Mopper-Gruppe und der Staat selbst.

Written by dominikhennig

4. März 2011 at 02:15

Fragemente zum Postanarchismus & seiner Kritik

with 2 comments

von MPunkt
I) Allgemeines zum Postanarchismus und dessen Identität mit dem klassischen Anarchismus
Wie Jürgen Mümken erläutert, werden „seit etwa 2001/02 […] [in den internationalen anarchisti-schen Diskussion; M.] die verschiedenen theoretischen Auseinandersetzungen unter dem Begriff ‚Postanarchismus’ zusammengefasst.“ (Mümken, in Mümken [Hg.] 2005: 11) Die Identität mit dem klassischen Anarchismus besteht in der Zielsetzung, nur einige der Begründungen für diese [sic!] sol-len zeitgemäß angepasst werden1: „Das Präfix ‚Post’ steht für eine Infragestellung und Verwer-fung von einigen Grundannahmen des klassischen Anarchismus, nicht für die Aufgabe anarchisti-scher Ziele. Der Postanarchismus hält am Ziel einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft fest, nur so macht der Begriff einen Sinn.“ (Mümken, in Mümken [Hg.] 2005: 20). Damit ist dann aber auch gesagt, dass der Anarchismus seine Ziele als Ideal formuliert und die bestehende Gesellschaft daran bloß blamiert … die Kritik an dieser Gesellschaft ist dem folglich nachgeordnet, wenn einfach nur nach neuen Begründungen für die Abweichung vom Ideal der Anarchisten gesucht wird. Das Ideal, an der sie (die Postanarchisten) die bestehende Gesellschaft (und alles andere blamieren), ist folglich auch immer noch „die Freiheit“: „Die Freiheit des Menschen innerhalb einer freien Ge-sellschaft ist das Ziel aller AnarchistInnen, mögen ihre Vorstellungen davon und ihre Wege dahin auch unterschiedlich sein.“ (Mümken 2003: 7)
II) Differenzen zum klassischen Anarchismus
1) Befreiung des Menschen?
Dass der klassischen Anarchismus ‚den Menschen’ (vom Staat) befreien will, scheint dem Post-anarchismus fragwürdig, angesichts des foucaultschen Diktums [Autoritätsargument!], dass „der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, [..] bereits in sich das Re-sultat einer Unterwerfung [ist], die viel tiefer ist als er“ (zit. nach Mümken, in Mümken [Hg.] 2005: 11). Insofern käme das Menschenbild des klassischen Anarchismus (der Mensch ist von Natur aus gut und wird vom Staat behindert und verdorben) nicht hin, weil der Mensch größtenteils auch ge-sellschaftlich geformt wird (Mümken, in Mümken [Hg.] 2005: 17) [Also wird höchstens ein anderes Menschenbild vertreten …]. Folglich muss laut Foucault, was von den Postanarchisten geteilt wird, das Individuum nicht nur vom Staat befreit werden, sondern „auch vom Typ der Individualisierung, der mit ihm verbunden ist […].“ (zit. nach Mümken 2003: 9). Die Individuen werden also, so die Vorstellung, von der Gesellschaft zu ihr passend gemacht und sie machen sich auch selbst zu ihr passend (Anpassung)2. Darin wird dann auch der Grund gesehen, dass die Individuen trotz [sic!] ihres [ihnen unterstellten] Wunsches nach Freiheit sich freiwillig der Herrschaft unterwerfen. Die Leute geben sich, so der Postanarchismus, „der Illusion der Freiheit“ hin, weil sie sich nicht als (auch von ihnen selbst) herrschaftsförmig gemacht begreifen; ihre dadurch entstehenden herr-schaftsdurchzogenen Wünsche halten sie für ihren freien Willen, weswegen sie nicht die völlige Freiheit des Anarchismus, sondern die „freiwillige Knechtschaft“3 wählen, die ihnen als Möglich-keit der Betätigung ihres freien Willens erscheint. „Die Individuen wollen, was sie sollen und halten dies für Freiheit und ihre unterwerfende Subjektivierung für Individualität.“ (Mümken 2003: 276)
Auch wenn es nicht ausgesprochen wird, liegt dem in letzter Instanz ein „Das-Sein-bestimmt-das-Bewusstsein“-Determinismus zu Grunde, nachdem jede Gesellschaft die zu ihr passenden Mitglieder hervorbringt. Dementsprechend muss theorieimmanent, um das Ziel der Freiheit zu erreichen, auch ein anderes „Sein“ geschaffen werden – sowohl von der gesellschaftlichen Voraussetzung her, als auch vom gesellschaftlichen Umgang miteinander. Weil der Mensch nach wie vor herrschaftsför-mig konstituiert wäre, garantiert eine Befreiung von Herrschaftsformen noch nicht die Verwirklichung [des Ideal der] Freiheit; für diese sind vielmehr „freiheitliche Praxen“ [was hier genauso inhaltsleer ist, wie „die Freiheit“, welche sie schaffen sollen4, s.u.] in den von Herrschaft befreiten Räumen nötig, um die herrschaftsförmig geprägte Individualität und Subjektivität zu überwinden (Mümken 2003: 9) Fragt sich nur, wer überhaupt Herrschaft abschaffen soll, wenn doch alle Gesell-schaftsmitglieder haargenau zu dieser passend (gemacht worden) sind … und wieso dann über-haupt irgendwer alternative „Praxen der Freiheit“ einüben soll, wenn doch alle ihren angeblichen Wunsch nach Freiheit hier perfekt verwirklicht sehen … oder wieso ausgerechnet herrschaftsförmige Subjekte ihre herrschaftsförmige Subjektkonstitution überwinden wollen sollten. Anders herum: Wenn man entgegen der gesellschaftlichen Prägung doch zu einer Kritik an ihr und folglich auch zum Wunsch nach einer anderen kommen kann – mindestens Mümken scheint dies ja zu können -, wie-so soll man diese erst groß einüben müssen? Die behauptete große Differenz zum traditionellen A-narchismus stellt das stellt das übrigens auch nicht dar, wenn jetzt nur das ‚eigentliche’, ‚unverdor-bene’ Individuum, statt ‚der Mensch’, wie er jetzt ist, befreit werden soll (von einem letztlich positi-ven Menschenbild kommt nämlich auch der Postanarchismus, anders als von Mümken suggiert, nicht los!) – den Gedanken, dass der ‚an sich gute Mensch’ von der Herrschaft ‚verdorben’ ist und diese ‚Verderbnis’ seiner erst wieder loswerden muss, kennt nämlich auch der traditionelle Anarchismus (vgl. z.B. FAU-IAA: A 4.5, A 5.1, B, C 2.2, C 2.4)
2.) Befreiung der Gesellschaft?
Auch die die andere vom traditionellen Anarchismus vorgenommene Trennung in Gesellschaft = gut und Staat = böse („Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ – Erich Mühsam) macht der Postanarchismus nicht mehr mit. Während jedoch bei der Frage nach der Befreiung „des Men-schen“ immerhin noch versucht wird, aus den zur Begründung herangezogenen Autoritäten ein paar Argumentansätze zu ziehen, landen Mümken & Co. hier beim puren Aufmotzen der anarchis-tischen Theorie mit Jargon aus der Regulationstheorie, ohne auch nur den Hauch einer Begründung für Aussagen, wie etwa, dass der Staat (immerhin das Gewaltmonopol) keine „autonome Organisa-tion“ mit eigener Autorität sei, sondern „[…] die materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses, und dieses wird durch die Gesamtheit seiner Apparate verkörpert, dabei handelt es sich sowohl um repressive, als auch um ideologische Staatsapparate. […] Die jeweiligen historischen Formationen der kapitalistischen Staaten sind das Ergebnis von sozialen Kämpfen und den ihnen innewohnenden Kräfteverhältnissen und Widersprüchen.“ (Mümken, in Mümken 2005: 49), zu bringen. Wenn der-art die linke Konkurrenz um die angesagteste Phraseologie mitgemacht wird, ist es auch nicht wei-ter verwunderlich, dass letztendlich nur leere Theorieblasen, statt Erkenntnisse herauskommen, wie etwa die folgende: „Der Staat ist in der staatlichen Gesellschaft nicht als äußere, auf diese einwir-kende Institution zu verstehen, sondern als Teil der inneren Strukturierung der Gesellschaft.“ (Mümken 2003: 172) Nicht nur, dass auch hier wieder kein einziges Argument für die Behauptung gebracht wird, es wird auch schlicht und einfach erst der Staat in die Gesellschaft hineinverdoppelt („staatliche Gesellschaft“), um ihn dann als aus ihr entspringend zu bezeichnen. Man könnte sich ja auch mal fragen, wie die Gesellschaft ohne Staat überhaupt eine „staatliche“ sein könnte und was man überhaupt über eine Gesellschaft weiß, wenn man gesagt bekommt, dass sie eine staatliche ist. Warum der Staat für sie notwendig ist, erklärt das jedenfalls nicht. Auch die letzte Aussage von Mümken zu diesem Thema ist ob der vorangegangen wenig sinnvoll. Wenn er behauptet, dass die „Gesellschaft erst durch Individuen und ihre soziale Beziehungen und Praxen konstituiert [wird]; dieser Prozess muss nicht freiwillig sein.“ (Mümken 2003: 172), weshalb Gesellschaft nicht immer gut/ anarchistisch sein muss, macht er im Resultat zwar einen richtigen Punkt gegen den klassischen Anarchismus, jedoch ist seine Herleitung dafür in sich widersprüchlich. Denn wenn die Gesellschaft nur eine von den Individuen gemachte ist, wer sorgt denn dann überhaupt dafür, dass sie das un-freiwillig machen5? Der Staat ja wohl nicht, wenn er angeblich nur das Resultat dieser von den Indi-viduen geschaffenen Gesellschaft ist …
Für die Praxis zieht Mümken daraus zunächst einmal den Schluss, dass es nicht um „die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ (Mühsam) gehen könne, sondern die „staatliche Gesellschaft“, und mit ihr dann auch der Staat abgeschafft werden müssen (Mümken 2003: 172). Da es kein Außerhalb des 3
Staates gäbe, müsse man als Teil der ihn formenden „Kräfteverhältnisse“ auf sein Absterben hin-wirken (Mümken, in Mümken 2005: 16). Hierin unterscheidet sich der Postanarchismus also tat-sächlich vom klassischen. Während letzterer den Staat abschaffen wollte, weil die an sich guten Menschen ohne die Einschränkung ihrer Freiheit durch den Staat (Riddick: V) auch eine gute, herr-schaftsfreie Gesellschaft aufbauen würden6, will der Postanarchismus umgekehrt die „staatliche Gesellschaft“ beseitigen, um den Staat loszuwerden. Weil er die Gesellschaft als von den Individu-en konstituierte annimmt, muss das durch die Änderung der Individuen erreicht werden (s. II.1). Des Weiteren wird vom Postanarchismus betont, dass – weil der Staat als „Kräfteverhältnis“ ja nur als Ausdruck von Herrschaft zu verstehen sei -, dass, anders als dies im traditionellen Anarchismus anklingt, sein Ende nicht automatisch das Ende von Herrschaft und Ausbeutung bedeute, sondern z.B. auch ein Bandenwesen hervorbringen könne. (Post-)Anarchisten müssten daher jede Form von Herrschaft bekämpfen, sowie die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft haben7 und diese durchsetzen (Mümken, in Mümken 2005: 50 f.). Freilich haben auch traditionelle Anarchisten längst die Fahndung nach „jeglicher Herrschaft“ aufgenommen, unter die für sie begriffslos alles Mögliche fällt (vgl. z.B. FAU-IAA: A 1-3, A 4.5, C1).
3. Steigerung des Freiheitsidealismus’
Wie aus den bisher Ausgeführten ersichtlich, teilen die Postanarchisten nicht einfach nur den Höchstwert Freiheit und idealisieren ihn – auf Kosten jeglichen Inhalts (Riddick: VI – IX)- soweit, dass sie ihn gegen die kapitalistische Gesellschaft und gegen den bürgerlichen Staat, welcher die reale Freiheit aufherrscht, wenden, wie dies die klassischen Anarchisten machen, sondern sie gehen mit der Idealisierung der Freiheit noch einen Schritt weiter als diese. Wie schon unter II.1 ausgeführt, ist für sie Freiheit das (uns) schlechthin unvorstellbare, was erst noch zu schaffen ist. Das zeigt sich auch darin, dass Mümken, anders als die traditionellen Anarchisten, keine Utopie entwirft (was an sich auch durchaus vernünftig ist), weil die freie Gesellschaft den der Herrschaft angepassten Subjekten ohnehin unvorstellbar sein muss: „Wie solche, wirklich freie Individuen dann mit ihrer vollständigen Freiheit ihre freiheitliche Gesellschaft gestalten, das alleine ist ihre Freiheit.“ (Degen, zit. nach Mümken 2003: 11). Egal also, wie diese Gesellschaft aussieht … Hauptsache, sie ist frei (wobei man „Freiheit“ noch nicht einmal definieren kann und/oder will). Umgekehrt ist es auch deren ganze Kritik an dem Laden hier – und hier schließt sich der Kreis zu I. -, dass er mangels nicht einmal defi-nierter „Freiheit“ nicht dieser unvorstellbaren freien Gesellschaft entspricht … noch beliebiger geht es ja wohl nicht.
MPunkt, 18.08.06

1 Die Textteile in dieser Schriftart stellen nicht die Inhaltswiedergabe der Bücher, sondern meine Kommentierung ihrer dar.
2 Zu Grunde liegt dem die Vorstellung, dass das Subjekt nichts Festes ist, sondern es permanent gemacht wird und sich selbst macht (Mümken, in Mümken [Hg.] 2005: 15).
3 Dies gewinnt v.a. im Kapitalismus an Relevanz. Dies insofern, weil er laut Mümken eine abstrakte und unpersönliche Herrschaft des Kapitals sei, und Freiheit daher nicht mehr gegen Herrschende, sondern gegen herrschaftsförmige gesell-schaftliche Verhältnisse erkämpft werden muss – und damit auch gegen die Subjekte, welche als eben solche diese tragen [Nur von wem dann?, s.u.]; also gegen ihre Subjektkonstitution (Mümken 2003: 275).

4 Zumal – und da wird es vollends zirkulär – zur Verwirklichung der Freiheit erst „Praxiken der Freiheit erfunden und gefun-den werden müssen, damit die Freiheit auch praktiziert werden kann“. Nur wenn man (s.u.) gar nicht sagen kann, was Freiheit überhaupt sein soll, wie soll man dann wissen, was eine „Praxis der Freiheit“ ist?
5 Hinzu kommt, dass „freiwillig“ ja auch noch kein Argument für die inhaltliche Tauglichkeit einer Sache ist. Man kann auch den größten Blödsinn freiwillig machen, z.B. sich im Kriegsfall zur Armee zu melden und begeistert für sein Vaterland sterben.

6 Einfach eine kapitalistische Gesellschaft ohne Staat wollten die meistens nämlich auch nicht, was man zwar oft nur sehr bedingt ihrer Kritik, dafür aber umso mehr ihrer Utopie entnehmen kann (vgl. z.B. FAU-IAA: B). Insofern ist es auch nicht deren Inhalt, dass jede Gesellschaft per se eine gute (= ihnen genehme) ist. So groß ist der Unterschied, den die Postanarchisten da aufmachen, dann also auch wieder nicht, was ihn freilich nicht durchstreichen soll.
7 Wobei damit über diese Gesellschaft auch eben nicht mehr ausgesagt sein soll, als dass sie gefälligst herrschaftsfrei zu sein hat (s.u.).

 

Literatur:
FAU-IAA: Prinzipienerklärung, online unter: http://www.fau.org/artikel/pdf/prinzipienerklaerung_2003.pdf/
Mümken, Jürgen: Freiheit, Individualität und Subjektivität; Frankfurt a.M., 2003
Mümken, Jürgen (Hg.): Anarchismus in der Postmoderne
Riddick, Richard B.: Fragmente zur Anarchismuskritik, online unter:
http://kf.x-berg.de/forum/thread.php?threadid=371&hilight=fragmente+anarchismuskritik

Written by floriangrebner

24. November 2010 at 16:12

Veröffentlicht in Ethik, Szene

The Philosophy of Liberty – deutsche Version

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von Florian Grebner.

Die Tage wurde von EuropeLiberty eine deutsche Version des bekannten Videos „The Philosophy Of Liberty“ auf YouTube hochgeladen. Das Video kann über folgenden Link erericht werden: http://www.youtube.com/watch?v=fQObD6_mY5M

Wichtig: Die Datei wird bei manchen nicht direkt mit Untertiteln angezeigt, wenn dies so ist, muss man auf „Interaktives Transkript“ gehen um die Untertitel zu sehen. Der Button für „Interaktives Transkript“ befindet sich zwischen der Videobeschreibung und den Counter der Aufrufe.

Written by floriangrebner

16. Oktober 2010 at 16:18

Veröffentlicht in Aktionen, Szene